Mir ist kalt

Vor zwei oder drei Jahren habe ich mich aus reinem privatem Interesse mit der Südpolexpedition von Scott auseinander gesetzt. Ich hatte keine Lust mehr Romane zu lesen und nach der Lektüre mehrere recht schwieriger Philosophiebücher (Adorno, Heidegger) hatte ich auch daran kein Interesse mehr. Ich weiß nicht genau, was der Auslöser war. Auf jeden Fall habe ich mir ein Buch über Scotts letzte Expedition besorgt. Als Kind habe ich einen Spielfilm über diese Expedition gesehen und irgendwie hat sich diese tragische Geschichte, an dessen Ende der Held stirbt, in mein Gehirn gebrannt. Das Buch hieß „Scott“ von Ranulph Fiennes und ich habe es verschlungen. Mr. Fiennes war selbst mehrfach am Südpol unterwegs und kennt die Schwierigkeiten, die eine Reise an den Südpol mit sich bringt. In 1910 hatte man wenig Ausrüstung, die auf solche Reisen zugeschnitten war. Man hatte schwere Schlitten, wenig Technik, die die Kälte überstand, Kleidung und Zelte waren aus fast primitiven Stoffen hergestellt, die Kälte und Sturm kaum abhielten. Also nichts gegen unsere heutige Outdoorkultur, wo jeder Schüler schon eine Winterjacke trägt, mit der er mal einen kurzen Ausflug in die Arktis wagen könnte. Es gab keine Kommunikationsmittel, um sich mit der Außenwelt adäquat zu unterhalten. Wer unterwegs war, konnte im Notfall nicht auf Hilfe hoffen. Es gab keine Funkgeräte und auch keine Satellitenhandys. Sobald das Forschungsschiff den letzten Hafen verließ, war man auf sich alleine gestellt. Eine Situation, in der es immer um die Unversehrtheit des eigenen Lebens ging.

 Genau diese Ungewissheit, sich für Jahre an einem unwirtlichen Ort zu befinden, völlig abgeschnitten von der Außenwelt, hat mich fasziniert. Dazu kam natürlich die Tragik der Geschichte. Scott war Offizier der englischen Marine und hat einerseits durch die Teilnahme an solchen Expeditionen seinen Status und sein Einkommen verbessern wollen. Aber er war kein Abenteurer und Hasardeur. Es ging ihm nicht alleine darum, der Erste zu sein, sondern eine wissenschaftliche Expedition durchzuführen, die der Menschheit Erkenntnisse über die damals wenig erforschte Antarktis bringen sollte. Amundsen war der Erste am Südpol und Scott erreichte den Südpol ein paar Tage später, um auf dem Rückweg mit vier seiner Gefährten den Tod zu finden. In der Nachbetrachtung durch seine Zeitgenossen kam Scott schlecht weg. Man warf ihm Fehlverhalten und Führungsschwäche vor, während Amundsen schlechthin der Sieger war, der alles richtig gemacht hat. Erst später erkannte man, welche Leistung Scott auch in wissenschaftlicher Hinsicht vollbracht hat. Herr Fiennes berichtet viel über die Kontroverse, die unter den Zeitgenossen Scotts entstanden war. Dabei sticht ein Buch über die Expedition heraus, das ca. dreizehn Jahre nach Ende der Expedition veröffentlicht wurde. Der Autor des Buches, Aspley Cherry-Gerard, war selbst Teilnehmer der Expedition. Er hatte die unglückliche Aufgabe übernommen, auf die fünf Expeditionsteilnehmer, die auf dem letzten Wegabschnitt zum Südpol alleine unterwegs waren, an einem vereinbarten Punkt zu warten. Allerdings kamen sie nie dort an. Das Warten hatte kostbare Zeit gekostet und eine Rettung der Südpolmannschaft war nicht mehr möglich. Cherry-Gerard wurde depressiv und hat nie mehr wirklich ins Leben zurückgefunden. Er verzweifelte über diese Expedition und um sich selbst zu therapieren hat er das Buch „Die schlimmste Reise der Welt“ geschrieben. Auch dieses Buch habe ich gelesen. Das Buch ist einerseits ein Tatsachenbericht. Auf der anderen Seite wurde deutlich, wie ein jahrelanger Aufenthalt in der Kälte Menschen verändern kann. Man hört die Melancholie, das Leiden unter den schwierigen Witterungsbedingungen, das Dasein zwischen Leben und Tod, die körperlichen Strapazen, die aus dem jungen abenteuerlustigen Mann Cherry-Garrard einen lebensuntüchtigen kranken Mann gemacht haben. Während der Entstehung des Buches hat Cherry-Garrard sich bei einem berühmten Nachbarn, nämlich George Bernhard Shaw, der große engliche Dramatiker des zwanzigsten Jahrhunderts, Rat geholt. Wir wissen nicht, wie groß der Einfluss von George Bernhard Shaw war. Man weiß nur, dass er Scott nicht leiden konnte. Die Tatsache, dass dieser Zyniker Shaw seine Finger im Spiel hatte, fand ich inspirierend. Ich witterte eine Geschichte, merkte aber schnell, dass sie eine Nummer zu groß für mich war. George Bernhard Shaw ist keiner der Autoren, mit denen ich mich bisher beschäftigt habe. Auch das Leben am Anfang des zwanzigsten Jahrhundert in Großbritannien gehört nicht gerade zu meinen historischen Interessen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich daraus eine Geschichte formen soll. Ich hatte Angst davor, es  nicht zu schaffen, weil ich beim Stochern in historischen Stoffen auf viele Minen treffen konnte, die mich und mein literarisches Schaffen auf einen Schlag in die Luft sprengen konnte. Ich habe genug Bücher gelesen, in denen die Autoren sich wunderbar in der Vergangenheit bewegt haben, aber mir traute ich das nicht zu. Also legte ich den Stoff zur Seite und hoffte, dass ich mir irgendwann das Rüstzeug erarbeiten konnte, um einen solchen Stoff adäquat umzusetzen.

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