Dialog mit Johanna Sommer – Leben in der Zukunft

Nowak: „Lassen sie uns über Johanna von Orleans sprechen!“

Johanna: „Ich weiß nicht, worauf sie hinaus wollen?“
Nowak: „Stimmt es nicht, dass Johanna von Orleans Ihnen erschienen ist.“

Johanna: „Quatsch! Wie kommen Sie denn auf so eine alberne Geschichte.“
Nowak: „Und sie hat Ihnen prophezeit, dass sie einen Krieg gewinnen werden.“

Johanna: „Warum bringen Sie solche Lügen über mich in Umlauf?“

Nowak: „Das sind keine Lügen. Ich habe diese Szene geschrieben. Nach einer Party an der Oberstufe sind sie Johanna von Orleans begegnet und diese unheimliche Begegnung hat sie immer wieder beschäftigt und sie ist der Grund, warum sie einen Roman über Robert Falcon Scott schreiben wollen.“

Johanna: “Schwachsinn! Das ist doch keine gute Story. Ein Versager, der nur zweiter wurde und zudem Ausländer war.“

Nowak: “Am Anfang meines Buches haben sie etwas über ihren Scott-Roman erzählt.“

Johanna: “Sie haben sich das alles ausgedacht. Das entspricht doch nicht der Wirklichkeit. Die Leute wollen doch etwas über mich erfahren und nicht mit irgendwelchen Fantastereien konfrontiert werden. Sie wollen wissen, wer Johanna Sommer wirklich ist. Wie tickt sie? Was bewegt sie? Ist sie verheiratet? Hat sie Kinder? Wo wohnt sie? Ist sie reich? Fährt sie eine dicke Karre? Welche Klamotten trägt sie? Hat sie einen Handtaschen oder einen Schuhe-Fetisch? Ist sie magersüchtig oder hat sie Adipositas? Hat sie ein Drogenproblem? Ist sie Medikamentenabhängig? Schreibt sie mit Füller, einer Schreibmaschine oder am PC? Aber alles mit Angabe der Marke. Das interessiert ihre Leser!“

Nowak: “Also wer ist diese Johanna Sommer in der Zukunft? Was macht sie so erfolgreich.“

Johanna: “Das ich auf mich alleine gestellt bin und mein Leben in vollen Zügen genieße. Ich brauche keinen Partner. Ich will keine Kinder oder so ein Quatsch. Ich will keine Verpflichtungen haben und keine Verantwortung tragen.“

Nowak: “Schreiben sie mit Füller?“

Johanna: “Nein. Ich schreibe natürlich auf dem besten Personalrechner, den deutsche Ingenieure jemals hervorgebracht haben: den Nixdorf Apfel. Ich habe natürlich die Platinversion.“

Nowak: “So etwas gibt es?“

Johanna: “In der Zukunft schon. Meine Romane sind übrigens die meist verkauften in Deutschland. Leider dürfen sie nicht unter meinem Namen erscheinen.“

Nowak: “Sie sind Ghostwriterin?“

Johanna: “Anglizismen sind verboten. Das heißt Autorin zweiter Güte. Für die Nutzung dieses englischen Wortes können Sie übrigens im Gefängnis landen. Das kann sogar als Volksverrat oder Defätismus ausgelegt werden. Je nach ihrer Vorgeschichte und ihrer Zugehörigkeit.“

Nowak: “Dann arbeite ich mal Ihren Fragenkatalog ab. Haben sie ein Drogenproblem? Sind sie reich? Welche Klamotten tragen sie? Welches Auto fahren Sie?“

Johanna: “Um Gottes Willen, Drogen sind was für Maden und Ausgestoßene. Ich bin natürlich wohlhabend. Nachdem ich mein erstes Buch geschrieben hatte, konnte ich mein Sozialdarlehen auf einen Schlag abzahlen. Seither trage ich die teuersten Klamotten, die man in den Geschäften finden kann. Ich fahre den teuersten Volkswagen, den es gibt. An mir ist alles Luxus. Alle sollen sehen, dass ich es geschafft habe und zur Elite unseres Vaterlandes gehöre. Ich bin sehr stolz darauf.“

Nowak: “Sie sagten, sie leben vollkommen auf sich alleine gestellt. Was ist eigentlich aus ihrer besten Freundin Sofia geworden?“

Johanna: “Über die dürfen wir nicht reden. Da machen wir uns auch strafbar.“

Nowak: “Warum?“

Johanna: “Weil sie ein staatsfeindliches Subjekt ist, dass sich jeder Anpassung an Regeln entzogen hat. Wir wollen mit dem Gerede über solche Staatsfeinde keine Unruhe schüren. Alleine, dass ich sie schon aus meiner Kindheit kenne und wir beste Freundinnen waren, könnte zum Problem werden.“

Nowak: “Vermissen Sie sie?“

Johanna: “Ich darf sie nicht vermissen. Das schadet meinem Ansehen.“

Nowak: “Entschuldigen Sie, wenn ich es Ihnen so unvermittelt sage, aber sie wirken sehr kalt auf mich. Brauchen sie keine menschliche Nähe und Zuneigung.“

Johanna: “Wozu? Ich werde doch nur enttäuscht von Menschen, den ich meine Zuneigung schenke. Ich brauche nur mich.“

Nowak: “Das ist doch traurig.“

Johanna: “Nein, so funktioniert unsere Welt. Verstehen Sie, es gibt nur zwei Zustände auf der Welt, null und eins, schwarz und weiß, Gut und Böse. Das ist vollkommen ausreichend, um die Welt zu begreifen.“

Nowak: “Widerspricht das nicht ihren Denken? Sie haben eben in einer anderen Weise über Erkenntnis gesprochen. Kann es sein, dass sie im Moment nur die Fassade aufrechterhalten?“

Johanna: “Der digitale Dualismus ist Staatsräson. Ich bin so, weil alle Bürger unseres Landes so sind. Seitdem jeder nur nach sich schaut, geht es uns allen besser.“

Nowak: “Ist das nicht das Ende des Menschen an sich?“

Johanna: “Sagen sie bloß, daher kommt der schwachsinnige Titel ihres Buches. Sie glauben also wirklich, ich sei der letzte Mensch. Sie wissen schon, dass Humanist heutzutage das schlimmste Schimpfwort ist, dass man verwenden kann.“

Nowak: “Seien sie doch ehrlich! Unter ihrer harten Schale, drängt das Wissen um die Menschlichkeit nach außen und bringt sie in  kaum zu ertragende Gewissensnöte.“

Johanna: “Nein, da täuschen sie sich. Ich ruhe vollkommen in mir selbst.“

Nowak: “Okay, da ich sie erfunden habe, weiß ich, wie es in ihnen aussieht.“

Johanna: “Schmarrn. Sie wissen nichts über mich.“

Nowak: “Ich gebe auf.“

Johanna: “Am Schluss waren sie jetzt richtig gut. In einer anderen Welt würde ich Ihnen jetzt erlauben, mich zu duzen.“

Nowak: “Vielleicht treffen wir uns wieder…in einer anderen, besseren Welt.“

Johanna: “Das glaube ich nicht.“

Nowak: “Danke Frau Sommer für das Gespräch.“

Werbeanzeigen

Dialog mit Johanna Sommer – Therapiestunde

Nowak: „Frau Sommer, darf ich Sie duzen?“

Johanna: „Nein.“

Nowak: “Das ist schade!“

Johanna: “Warum ist ihnen das wichtig?“

Nowak: “Ich stelle die Fragen!“

Johanna: “Das stand nicht in unserem Vertrag!“

Nowak: “Warum ist Ihnen das so wichtig?“

Johanna: “Was vertraglich vereinbart war?“

Nowak: “Das Siezen.“

Johanna: “Weil es die typische Taktik von Männern ist,  um sich einen Vorteil zu verschaffen.“

Nowak: “Wie soll der aussehen?“
Johanna: “Wenn Sie mich duzen, werden sie irgendwann versuchen, zutraulich zu werden und wenn ich nicht aufpasse, habe ich ihre Hand auf meinem Knie.“

Nowak: “Aber die Me-Too-Debatte ist doch in ihrer Gegenwart schon mehr als zehn Jahre her? Die Welt sollte doch weiter sein und solche Missverständnisse zwischen den Geschlechtern gar nicht mehr möglich sein?“

Johanna: “Sie haben echt geglaubt, die Welt wendet sich zum Besseren? Sie haben nicht viel Ahnung von meiner Gegenwart.“

Nowak: “Naja, ich habe sie und ihre Zukunft entworfen.“

Johanna: “Ein Grund mehr sie nicht duzen zu wollen.“
Nowak: “Das müssen sie mir erklären?“
Johanna: “Aus vielerlei Gründen ist es gut, auf Distanz zu seinem Schöpfer zu bleiben.“

 Nowak: “Meinen sie das in religiöser Hinsicht oder spielen sie auf das unterkühlte Verhältnis zu ihrem Vater an?“

Johanna: “Sie sind doch mein Schöpfer, erklären Sie es mir?““

Nowak: “Witzig?!“
Johanna: “Mit Religion hatte ich noch nie etwas am Hut. Es missfällt mir etwas zu glauben. Ich will die Gewissheit der Erkenntnis haben.“

Nowak: “Ist es ihnen in ihrem Leben gelungen, Gewissheit zu erlangen.“

Johanna: “Natürlich nicht. Die Unsicherheit, das Abwägen vermeintlicher Argumente, ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Daraus resultiert mein Streben nach Gewissheit. Wenn ich nicht versucht hätte, Erkenntnisse aus meiner Erfahrung zu schürfen, wäre ich in die Falle der allgemein herrschenden Beliebigkeit getappt.“

Nowak: “Wie ihr Vater?“

Johanna: “Wie die meisten Menschen in meinem näheren Umfeld. Mein Vater war ein besonderes Exemplar Mensch.“

Nowak: “Im negativen Sinne?“
Johanna. “So habe ich das mein Leben lang geglaubt.“

Nowak: “Jetzt nicht mehr?“

Johanna: “Ich war sehr wütend auf meine Eltern und auch auf meine Schwester. Meine Mutter hat uns früh verlassen, mein Vater war immer mit sich selbst beschäftigt und meine Schwester hat mich gehasst. Ich habe lange geglaubt, dass sie gegen mich waren. Deswegen habe ich mich früh entschieden, ein auf mich bezogenes Leben zu führen. Ich habe mich nur um mich gekümmert.“

Nowak: “Das war aber nicht immer so?“

Johanna: “Sie haben Recht. Nach dem Verlust meiner Mutter hatte ich Angst, den Rest meiner Familie auch zu verlieren. Also habe ich alles unternommen, um diese Familie zusammen zu halten.“

Nowak: “Sie waren damals noch ein Kind. Konnten Sie überhaupt etwas dazu beitragen?“

Johanna: “Natürlich nicht. Aber ich habe alles gegeben. Es hat mein ganzes Leben geprägt. Ich hatte die fixe Idee durch Leistung und Anpassung aus meinem Milieu entkommen zu können und dadurch meine Familie beschützen zu können.“

Nowak: “Können Sie das genauer ausführen.“

Johanna: “Wenn Sie unbedingt darauf bestehen?“

Nowak: “Bitte.“

Johanna: “Wenn ich in der Schule die Klassenbeste war,  verschaffte es mir die nötige Reputation, um das Nachbohren von Lehrern und anderen staatlichen Autoritätspersonen zu vermeiden. Alle sagten: Gutes Mädchen, da ist zu Haus alles in Ordnung.“

Nowak: “Wann kam es zum Bruch?“

Johanna: “Als eine Frau vom Jugendamt zu Besuch kam. Meine Schwester hatte so eine Macke, die sich nicht verbergen ließ. Das plötzliche Abhandenkommen unserer Mutter hat sie traumatisiert. Heute kann ich es benennen. Sie hatte einen selektiven Mutualismus. Sie konnte nur unter gewissen Umständen sprechen. Das fiel natürlich in der Schule auf. Die Lehrer meiner Schwester hatten versucht, meinen Vater zu kontaktieren. Er hat alle Briefe und Anrufe ignoriert und so hat man uns das Jugendamt auf den Hals gehetzt. Ich habe das als Sabotage und Verrat empfunden. Den chaotischen Zustand der Familie vor dem Jugendamt zu verbergen, war mein Dienst an dieser Familie. Danach veränderte sich einiges im Verhältnis zu meiner Schwester. Sie zeigte mir gegenüber offen ihren Abneigung und mein Vater ignorierte mich.“

 Nowak: “Ihr Blick in Bezug auf das Verhalten ihres Vaters und ihrer Schwester hat sich aber mittlerweile geändert?“

Johanna: “Ich glaubte, meine Schwester die Mutter ersetzen zu können. Ich habe ihre Sehnsucht nach ihrer Mutter unterschätzt und sie bevormundet. Mein Vater fehlte die Fähigkeit sich anzupassen. Die verwaltete Welt, die Ordnung einer materialistischen und ökonomisch organisierten Gesellschaft, überforderte ihn. Er war abgestumpft und im Laufe der Jahre wurde er depressiv. Er konnte mir gar nicht helfen, weil er selbst Hilfe brauchte. Aber in dieser Welt gab es keine Hilfe für ihn. Ich wurde der Feind meiner eigenen Sippe, weil ich alles meinem Drang nach Anpassung untergeordnet habe.“

Nowak: “Diese Form der bedingungslosen Anpassung an gesellschaftliche Vorgaben hat ihr weiteres Leben stark beeinflusst?“

Johanna: “Auf jeden Fall. Ich konnte dadurch Erfolg haben.“

Nowak: “Wie schafften Sie das?“

Johanna: “Nach meinem Abitur begann ich zu studieren. Ich zog zu Hause aus. Mein Vater starb kurze Zeit später und meine Schwester war auf eine ähnliche Weise wie meine Mutter plötzlich verschwunden. Es gab also keine Verbindung mehr zu meiner Herkunft.“

Nowak: “Haben Sie nie nach ihrer Schwester gesucht?“

Johanna: “Warum sollte ich nach ihr suchen? Sie verabscheute mich und ich verabscheute sie. Die Auflösung der Verbindung zu meiner Herkunft empfand ich als Erlösung.“

Nowak: “Okay, wie ging es weiter?“

Johanna: “Ich hoffte mir durch das Studium eine akademische Grundlage zu schaffen und die nötigen Kontakte zu knüpfen, um als Schriftstellerin arbeiten zu können. Ich war auf einen guten Weg, veröffentlichte erste Texte, hielt Lesungen, gewann unbedeutende Autorenpreise und arbeitete erstmals an längeren Texten. Ich war eine mustergültige Studentin, absolvierte Prüfungen mit Bestnoten und war der Liebling meiner Professoren. Es sah gut aus. Ich hatte mich auf eine Karriere im Literaturbetrieb eingestellt. Ich war bereit, ein Teil der Kulturindustrie zu werden. Mein größter Traum, der mich seit meiner Kindheit begleitete, wurde Wirklichkeit. Dann kam für mich völlig unvorhergesehen ein gesellschaftlicher Umbruch, der meine Pläne zunichtemachte. Die politischen Veränderungen in unserem Land nahmen mir alle Chancen auf einen Aufstieg. Die politische Klasse war nach jahrelangen Kampf bereit, die Demokratie aufzugeben. Man war müde geworden und angeekelt von dem ganzen Schmutz der die letzten Jahre hochgespült wurde. Man gab der individuellen Freiheit die Schuld und viele Menschen waren bereit, sie aufzugeben. Sie versprachen sich davon Ruhe und Frieden. Wie so oft in totalitären Systemen waren die Intellektuellen und Akademiker die ersten Opfer. Von einem auf den anderen Tag musste ich das Studium aufgeben.“

Nowak: “Wer hat sich den so etwas ausgedacht?“

Johanna: “Sie haben doch den Roman geschrieben. Sie waren das.“

Nowak: “Klingt jetzt nach Vorwurf.“

Johanna: “Klar hätten sie auch einen schönen Roman über Freundschaft, Zuneigung und Liebe schreiben können. Dann ginge es mir jetzt besser.“

Nowak: “Puh. Das tut mir leid.“

Johanna: “Sie hatten ganz bestimmt ihre Gründe.“

Nowak: “Soll ich mich jetzt erklären?“

Johanna: “Da wir sozusagen Kollegen sind, empfehle ich ihnen, es zu lassen. Autoren, die erklären, warum sie etwas geschrieben haben, sind meistens keine guten Schriftsteller.“

Nowak: “Können Sie es erklären?“

Johanna: “Ich vermute mal, sie sind ein kleiner Pessimist und erwarten immer die schlimmste Wendung.“

Nowak: “Manchmal ja. Allerdings glaube ich auch daran, dass der Mensch an sich alles zu einem guten Ende bringen kann. Sonst wäre jede Form des künstlerischen Ausdrucks sinnlos.“

Johanna: “Machen sie mir keine falschen Hoffnungen. Ich erwarte kein gutes Ende für mich.“

Nowak: “Jetzt sind sie der Pessimist.“

Johanna: “Das haben sie mir zugeschrieben.“

Nowak: “Genauso wie ich, können sie einer solchen Welt, in der der einzelne entmündigt wird, nichts abgewinnen.“

Johanna: “Es hat lange gebraucht, bis ich verstanden habe, was eigentlich passiert war. Schließlich musste ich für mir mein Leben nochmals erkämpfen.“

Nowak: “Sie waren es immerhin gewohnt. War ihre Kindheit und Jugend doch schon ein Kampf.“
Johanna: “Das hat mich aber nicht zu einem besseren Menschen gemacht. Im Gegenteil: ich wurde ein wichtiges Teil dieser erbärmlichen Idee vom entmündigten Menschen, der freiwillig alle Möglichkeiten zur Entfaltung aufgegeben hatte.  

Nowak: “Erzählen Sie weiter. Was kam nach dem abrupten Ende ihrer akademischen Bemühungen?“

Johanna: “Wollen Sie dem Leser wirklich alles verraten?“

Nowak: “Warum nicht?“

Johanna: “Weil dann keiner mehr das Buch liest.“

Nowak: “Wer liest schon meine Bücher?“

Johanna: “Sie sind scheußlich!! Da unterscheiden wir uns.“

Nowak: “Na wenn sie über die Handlung nicht sprechen wollen, dann lassen sie uns doch etwas über den Hintergründe zu ihrem Aufenthalt am McMurdo-Sund kommen.

Johanna: “Sie nehmen doch schon wieder einen Teil der Handlung vorweg!“

Johanna S. – ein Mensch wie du und ich –

Für mich gibt es ein Mysterium rund um die Entwicklung von Figuren. Eine gute Geschichte lebt von Charakteren, mit denen man sich als Leser identifizieren kann, die glaubwürdig sind und nachvollziehbar handeln. Sie sind Fantasieprodukte und sollen trotzdem wie real existierende Personen agieren und wirken. Menschen sind komplexe Wesen, die man nicht abbilden kann. Aber wie nehmen wir real existierende Personen wahr? Nehmen wir diese Komplexität wahr? Im Alltag nehmen wir nur Fragmente einer Persönlichkeit wahr. Meistens sehen wir nur einige prägnante Merkmale und Verhaltensweisen. Was macht also einen Menschen in der Außenwahrnehmung aus und wie forme ich daraus eine Romanfigur.  Falls man als Nowak nur auf bestimmte Erscheinungsmerkmale herumreitet wird die Figur flach wirken. Zerlegt der Nowak eine Figur in alle Bestandteile seines Wesens, wird er handlungsarme und psychologisierende Texte produzieren.

 Ich habe mir für mein aktuelles Romanprojekt eine für mich neue Methode überlegt: Der Dialog mit Romanfiguren.  Der erste Teil des Romans beschreibt die Kindheit und Jugend von Johanna Sommer Ende des letzten Jahrhunderts und in den ersten Jahren des aktuellen Jahrhunderts. Der zweite Teil spielt in der Zukunft. Johanna ist um die vierzig Jahre alt und hat eine schwerwiegende Entscheidung getroffen, die ihr Leben ändern wird. Für mich dient die Methode dazu, sich mit der Hauptperson vertraut zu machen und wegzukommen von einer oberflächlichen Betrachtungsweise, die meine Figuren oft sehr leblos und eindimensional erscheinen lassen hat. Sie waren zu sehr in meiner eigenen Vorstellung von Kausalität gefangen. Im ersten Teil des Dialogs redet Johanna sehr offen mit mir. Ich nehme die Rolle des Therapeuten ein und sie reflektiert selbst ihre Kindheit und Jugend. Im zweiten Teil ist sie wesentlich verschlossener. Sie redet als offizielle Person ihrer Zeit, die einem Mann aus der Vergangenheit ihre Lebenswirklichkeit vermitteln möchte und dabei sehr darauf achtet, sich an die Regeln ihres Umfeldes zu halten. Das Gespräch hat mir geholfen, Johanna zu einer selbstständigen Person zu entwickeln, die für mich eine neue Tiefe und Klarheit bekommt. Ich habe nicht mehr die Perspektive des Autors, der ständig an der Person herumschnitzt. Johanna ist eine eigene Persönlichkeit, die ihre eigene Gegenwart und Vergangenheit durchlebt und die nicht mehr von meinem Empfinden abhängig ist. Sie steht nun neben mir wie jede andere fremde Frau und scheint für mich nicht mehr nur ein Teil meiner eigenen Person zu sein.

Headroom

Wenn Musiker ihre Stücke aufnehmen und danach mischen, reden sie gerne davon, dass die Aufnahme Headroom braucht. Eine einzelnes Instrument mit hohem Pegel kann sich sehr gut anhören, kommen aber noch viele andere Instrumente hinzu, wird die Aufnahme schnell matschig klingen oder sogar verzerren. Man sollte genügend Luft bis zur Raumdecke lassen und den Pegel einzelner Instrumente eher nach unten ziehen, auch wenn sie einzeln dann nicht sonderlich spektakulär klingen. Letztendlich bleibt aber im Gesamtbild genügend Raum, um die Aufnahme gestalten zu können.

Bei einem Roman läuft es ähnlich. Ich kann mir unzählige Figuren und Handlungsstränge ausdenken, die alle einzeln betrachtet eine tolle Wirkung auf den Leser haben. Habe ich zu viele Elemente kreiert und möchte daraus einen Text formen, wird der Text beliebig und zu überladen. Wenn ich ihn lese, schmerzen mir meine Ohren, weil er zu grell und zu laut ist.

Meine ersten Romanprojekte litten unter ein Zuviel an allem. Zu viele Personen, zu viele Handlungsstränge, zu viel Text. Erst beim zweiten Roman habe ich verstanden, dass ich mich auf das Wesentliche konzentrieren muss. Am Anfang standen die zwei Hauptfiguren. Zuerst wollte ich sie verstehen. Wie sollen sie ticken? Welches Leben haben sie hinter sich? Was ist ihre Motivation? Wie passt das alles zu meinem Anliegen? Erst als ich die beiden Hauptfiguren und ihr Denken und Fühlen durchdrungen hatte, konnte ich die Handlung ausarbeiten. Es war so eine Art „On-the-Road“-Roman. Die beiden Hauptpersonen gehen auf eine Reise, um etwas zu finden. Das Gesuchte finden sie zwar nicht, aber sie finden sich selbst. Hierbei ging es um ein verdrängtes Erlebnis, dass durch diese Reise für einen der Hauptpersonen wieder sichtbar wurde. Somit hatte ich ein Handlungsmotiv, das für Spannung sorgen sollte. Die Hauptperson macht immer wieder Andeutung und gibt Hinweise auf das traumatische Ereignis und meine Hoffnung war es, den Leser dadurch an den Text zu fesseln, weil er wissen will, was nun eigentlich damals passiert war. Das sollte alles reichen und hätte es auch, wenn ich nicht wieder zwischendurch meine üppige Fantasie hätte walten lassen. Am Ende gab es leider wieder viel zu viel Text, Handlung und Personen.  

 Deswegen mein Appell an alle Autoren, die sich mit ihrem Text herumschlagen, weil sie den Faden verloren haben: Macht Euch mit euren wichtigsten Figuren erst einmal vertraut, entwerft einen Handlungsstrang. Seid diszipliniert und lasst euch Raum. Das Grobgerüst muss stehen. Das Fleisch kommt beim Schreiben an den Knochen.

  

Die alte Heimat

IMG_3957

St. Urban in Fischern

IMG_3942

Der alte Ortskern von Fischern

Mein Vater hat seine ersten Lebensjahre in Fischern, dem heutigen Rybáře, verbracht. Dort steht die Kapelle St. Urban.  Als im Jahre 1820 ein Sturm das Dach der Kapelle wegriss, hat man das Dach nicht repariert. Die Kapelle war zu klein, um dort Gottesdienste abhalten zu können. Die Kapelle wurde der Stadt übereignet und sich selbst überlassen. Nach dem ersten Weltkrieg hat man unterhalb der Kapelle ein Gefallenendenkmal für die Opfer des 1. Weltkrieges errichtet. Als 1939 die sudetendeutschen Gebiete und damit auch Fischern heim ins Reich geholt wurde, hat man das Gefallenendenkmal gegen eine Gedenkstätte für die nationale Befreiung ausgetauscht. Als der zweite Weltkrieg vorbei war, die Gedenkstätte der Nazis  nicht mehr erwünscht war, hat man die Kapelle der roten Armee geweiht. Das Kreuz auf dem kleinen gedrungenen Turm hat man durch einen fünfzackigen roten Stern ersetzt. In den sechziger Jahren sollte die Kapelle abgerissen werden. Obwohl das Gebäude schon lange nicht mehr als Gotteshaus genutzt wurde, war es den Sozialisten als Ort der Religion ein Dorn im Auge. Kluge Menschen hatten herausgefunden, dass die Kapelle nicht erst im sechzehnten Jahrhundert gebaut worden war, sondern schon einige Jahrhunderte älter war. Somit wurde es zum Kulturdenkmal und man durfte das Gebäude nicht einfach abreißen. Man hat St. Urban wieder sich selbst überlassen. Die Kapelle verfiel. Nach dem Ende des kalten Krieges hat ein Unternehmer die Kirche gekauft und als Sicherheit an eine Bank übereignet. Alle Bestrebungen die Kirche zu restaurieren wurden jahrelang durch Rechtsstreitigkeiten verhindert, bis es der Stadt gelang, das Gelände wieder zu übernehmen. Aktuell wird die Kapelle rekonstruiert.

Die Kapelle hat die Jahrhunderte überdauert, obwohl sie in regelmäßigen Abständen als ideologische Projektionsfläche missbraucht wurde. Genauso wie die Kapelle haben Rybare, Tschechien und Europa die letzten zwei Jahrhunderte überdauert. Kriege, Revolutionen, Katastrophen, Demagogen und Fanatiker haben an diesem Kontinent gezerrt. Sie haben alles gegeben, um ihn in seinen Grundfesten zu zerstören.

Ich rede seit ca. 12 Jahren nicht mehr mit meinem Vater. Trotzdem fühle ich mich ihm verbunden. Warum ich mit meinen Vater nicht mehr spreche, hat keine Bedeutung. Das ich nicht mehr mit ihm spreche, hat durchaus mit den Ereignissen rund um seiner „alten“ Heimat zu tun. Mein Vater war wahrscheinlich drei oder vier Jahre alt, als er mit seiner Mutter und seinen drei Brüdern aus Fischern vertrieben wurde. Die Ideologen hatten damals die Oberhand und viele Menschen zu Opfern oder Tätern werden lassen. Wichtig ist, dass wir heute alle in einem geeinten und friedlichen Europa leben und uns mit unserer gemeinsamen Geschichte auseinander setzen. Dazu gehört, dass ich mir die Frage stelle, was Flucht und Vertreibung, Hass und Ausgrenzung mit Menschen macht. Früher hat mein Vater mir hin und wieder von seiner „alten“ Heimat berichtet. Kleine Splitter einer unfassbaren Wirklichkeit, deren psychische Wirkung auf sich selbst er nie hätte beschreiben können. In ihrer neuen Heimat waren mein Vater und seine Familie nicht willkommen. Er wuchs ohne Vater auf, dessen Tod etwas Geheimnisvolles an sich hatte und musste früh für sich selbst sorgen, da seine Mutter selbst lange um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfen musste. Mit  vierzehn verließ er die neue Heimat, um bei seinem Onkel in die Lehre zu gehen. Er musste während seiner Kindheit und Jugend zweimal um die Zugehörigkeit zu einem Ort und einer Familie bangen. Mein Vater hat viel geredet und in seinem Redefluss blitzte immer wieder der Wunsch durch, zu Verstehen und verstanden zu werden.  Ihm fehlten die Mittel zur Reflektion. Der Verlauf seiner Jugend war zu wechselvoll und belastend, um sich selbst seiner Identität gewiss zu sein. Als Vater habe ich ihn oft ungehalten und als ungerecht erlebt und trotzdem hat er versucht, liebevoll zu mir zu sein. Er hat sich als Erwachsener etwas aufbauen können: Er hatte einen Beruf, eine Familie, ein Haus, ein Auto, Beständigkeit. Veränderungen, die von außen an ihn heran getragen wurden, sah er als Gefahr. Er war ein Pessimist, der immer glaubte, man könne ihm das Erreichte einfach wegnehmen. So wie er es in jungen Jahren erlebt hatte, dass das Leben etwas mit ihm macht und er sein Leben nicht gestalten kann. In absoluter Hoffnungslosigkeit hat er die Katastrophe erwartet, die niemals über ihn hereingebrochen ist. Als Rentner wurde er depressiv und lethargisch. Man hatte ihm die Arbeit, das einzige Mittel zu Selbstbestätigung, weggenommen. Später wurde erkrankte er ernsthaft. Damals kam der Bruch zwischen uns und heute wüsste ich gerne, wie er es geschafft hat, den Kampf um sein Leben zu gewinnen. Ich glaube nicht, dass er Frieden mit seinem Leben und seiner Geschichte geschlossen hat. Er wird viel darüber nachdenken. Aber seine Gedanken werden sich im Kreise drehen.

Ich habe das Glück, in Wohlstand und Frieden aufgewachsen zu sein. Ich bin es meinem Vater schuldig, mich von seinem Trauma zu lösen und ein anderes Leben zu führen. Nach meinem Verständnis gehört es auch dazu, mich mit seiner Vergangenheit und Herkunft auseinander zu setzen. Er selbst hat den Ort seiner frühesten Kindheit nicht besucht. Wenn ich mit ihm darüber redete, wich er aus. Wahrscheinlich hatte er sich selbst lang genug eingeredet, dass es dort für ihn nichts zu finden gab.

Also habe ich mich auf Spurensuche begeben und bin mit meiner Familie vor Ostern nach Karlory Vary, früher Karlsbad, dem Geburtsort meines Vaters gefahren. Wir haben uns für zwei Tage eine Ferienwohnung gemietet und haben uns die meiste Zeit wie Touristen verhalten. Der alte Wohnort meines Vaters ist heute ein Vorort von Karlsbad. Mit dem Stadtbus braucht man zehn Minuten nach Fischern. Ich habe dort erwartet, Spuren meiner Herkunft zu finden. Ein Name, ein Hinweis, ein Gebäude, ein Grab, irgendetwas was man mit meiner Vater in Verbindung bringen konnte. Es gab dort nichts zu finden. Das Rad der Geschichte hat sich weiter gedreht. In Fischern gibt es zwar Gebäude aus der Vorkriegszeit, allerdings hat sich der Ort in den letzten siebzig Jahren stark verändert. Zum Kriegsbeginn lebten dort ca. 3000 Menschen, heute sind es ca. 10.000. Man hat rund um den alten Ortskern neue Wohnburgen gebaut. Wohnriegel, wie ich sie aus meiner Heimatstadt auch kenne.

Einen Moment lange habe ich befürchtet, dass die Herkunft meines Vaters auch für mich zum Trauma wird. Eine Konfrontation mit den Fragen, vor denen mein Vater Angst gehabt hätte. Ich habe dagegen in Rybáře ein Ort gefunden, mit einer Geschichte, die sich um Kriege, Revolutionen, Ideologien und Fanatiker dreht. Ein Ort, an dem ich gerne zurückkehren werde, weil er in meiner Heimat Europa liegt. Ein Ort, der mich in meiner Ansicht bestätigt hat, das es ist gut ist, in Europa zu leben, weil wir uns frei bewegen können und dass es sich lohnt um die Freiheit, um Europa zu kämpfen und nicht zu warten, bis Fanatiker und Ideologen Europa wieder einmal zerstören wollen und Menschen mutwillig dem Trauma aussetzt, das der Verlust von Zugehörigkeit und Herkunft in ihnen zwangsweigerlich auslöst.

 

  

 

 

In die Tonne kloppen….

Lange habe ich in meinem Blog nicht mehr über mein Romanprojekt geschrieben. Am Anfang handelte mein Blog nur von diesem Projekt. Im Laufe der Zeit ist er Roman als Blogthema vollkommen in den Hintergrund getreten. Das heißt allerdings nicht, dass ich an dem Roman nicht mehr weiter gearbeitet habe. Im Gegenteil: die ersten ca. 155 Normseiten liegen mittlerweile als Rohfassung vor.

Zum letzten Mal habe ich über meinen Roman an dieser Stelle berichtet, als ich verzweifelt versucht habe, mir mit einem Exposee über den Inhalt des Romans einen Überblick zu verschaffen. Ich wollte das Exposee meiner Frau zum Lesen geben. Henni hat es monatelang vor sich her geschoben und es einfach nicht gelesen. Ich war ziemlich sauer und habe dann nach Monaten das Exposee noch einmal in die Hand genommen. Hätte ich daraus einen Romantext entwickelt, wäre mein Projekt sehr schnell gescheitert. Ich hatte mir eine Räuberpistole mit einer Handlung zum Fortlaufen ausgedacht. Viel zu platt, viel zu unausgegoren.  Ich hatte einen sehr starken Schwerpunkt auf die Dystopie gelegt. Das Leben im Jahre 2029, in einer autoritären Weltgesellschaft, die von einer gierigen Elite geführt wird, sollte als Hintergrund für meine Geschichte dienen. Ich hatte meine Hauptperson zu einer bekannten Autorin ernannt, die im staatlichen Auftrag ein Buch über Scott und die Südpolexpedition schreiben soll. Warum sollte ein Staat einen Autor beauftragen, gerade darüber ein Buch zu schreiben? Erste unüberwindbare Hürde. Ich konstruierte einen weit hergeholten Grund, der schon den Anfang der Geschichte vollkommen unglaubwürdig werden ließ. Die Hauptperson, Alethea Cumberland, wird in die Antarktis in die Einsamkeit geschickt und soll dort ihr Buch schreiben. Ihr missfällt der Auftrag. Sie gerät dort zwischen die Fronten des autoritären Staates und des Widerstandes und am Ende stirbt sie nach einer Verfolgungsjagd im ewigen Eis. Würden sie so etwas lesen? Ich auf keinen Fall. Bücher, die man nicht selbst liest, sollte man nicht schreiben.

Monatelang habe ich mir den Kopf zerbrochen. Ein Grundübel lag für mich im Setting. Die politische Situation in der Zukunft sollte weiterhin den Hintergrund für die Geschichte bilden. Aber warum eine Weltgesellschaft? Ich muss davon ausgehen, dass in der Zukunft es wieder vermehrt um Abgrenzung durch vermeintlich starke Nationalstaaten kommt.

Das andere Grundübel war die Motivation der Hauptfigur, einen Roman über Scott und seine Südpolexpedition zu schreiben. Ich habe die Geschichte einfach umgedreht. Die Figur Alethea Cumberland habe ich ganz schnell sterben lassen. Die Hauptfigur ist die ganze Zeit über Johanna Sommer, die sich im Sturm der Zeiten versucht über Wasser zu halten.  Deswegen ist Johanna auch keine bekannte Schriftstellerin, sondern eine Ghostwriterin, die für eine große deutsche Autorin Fantasy-Geschichten schreiben muss. Es ist ihr Job und ihren Job mag sie nicht. Sie träumt seit ihrer Kindheit davon, eine Schriftstellerin zu werden und ein Buch über Robert Falcon Scott zu schreiben. Sie entschließt sich, ihre Kindheitsträume zu verwirklichen und nimmt sich dafür drei Wochen Urlaub, den sie im einzigen Luxushotel in Antarktis verbringen möchte, um in der Abgeschiedenheit, der eisigen Einöde, sich inspirieren zu lassen.

Mit dieser Veränderung hat sich alles plötzlich besser angefühlt. Mein Widerwillen beim Schreiben und Lesen meiner ersten Entwürfe und der Exposees waren auf einmal verschwunden. Es ergaben sich nun ganz andere Konstellationen, die den Plot weniger konstruiert haben wirken lassen und mir mehr Freiraum gaben, um an den Figuren und Handlungen detaillierter zu arbeiten.

Natürlich hatte es zur Folge, alles noch einmal neu zu denken. Davor sollte man als Autor niemals zurückschrecken. Lieber noch einmal von vorne beginnen, anstatt sich mit einem verkorksten Text, der nicht mehr zu retten, seine kostbare Zeit zu verplempern. Der Knoten war geplatzt und es hat riesen Spaß gemacht, den ursprünglichen Text in die Tonne zu kloppen. Ich konnte befreit von vorne anfangen.

 

 

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Capitalista, Baby!

IMG_2150

Schon wieder ins Theater!!!  Und dann noch geschlagene zweieinhalb Stunden am Samstagabend konzentriert dem Geschehen auf der Bühne folgen. Und alles nur für eine Adaption des Romanes „The Fountainhead“ von Ayn Rand. Was tut man sich nicht alles an, wenn man ein Amateur-Theaterkritiker sein will!

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Howard Roark, der sich als genialer Architekt gegen den Mainstream, die Presse und gegen das Mittelmaß durchsetzen will. Er will bei seiner Arbeit keine Kompromisse eingehen und eckt mit seiner kühl und unnahbaren, teilweisen schroffen Verhalten überall an. Es dauert lange bis er seine Genialität anerkannt wird. Als ein Entwurf für eine Sozialsiedlung nicht nach seinen Vorstellungen gebaut wird, zündet er die Siedlung an und kommt vor Gericht. Er hält ein Plädoyer für den uneingeschränkten Individualismus, der die Schöpfungskraft der Menschen voll zur Geltung bringt und verteufelt den Kollektivismus, der nur Schmarotzer bevorzugt.

Was soll das? Ayn Rand ist eine amerikanische Autorin, die als Kind die russische Revolution hautnah erlebte und mit ihrer Familie in die USA auswanderte. Sie war als Drehbuchautorin in Hollywood erfolgreich und schrieb zwei Romane, die zu den meistgelesenen Werken in den USA gehören. Einer dieser Romane ist „The Fountainhead“. Haben sie schon einmal davon gehört? Hier kennt sie niemand. Ayn Rand hat den Dualismus von Individualismus und Kollektivismus bis zum Erbrechen gepredigt und gelebt. Nur der Egoist kann frei von den Zwängen der Gesellschaft mittels der Vernunft große Dinge hervorbringen. Der Kollektivismus bringt Menschen hervor, die ein Leben aus zweiter Hand führen, weil sie von den Errungenschaften des Kollektivs profitieren, ohne eine Leistung dafür zu erbringen. Der Staat muss sich aus allem heraus halten. Sie verpönte staatliche Wohlfahrt und den Altruismus. Frau Rand hatte einen wirklich unheimlich zu nennenden Einfluss auf große Teile der amerikanischen Gesellschaft. Wer Obamacare für eine Ausgeburt des Sozialismus hält, steht in einer Linie mit Frau Rand. Sie ist von den ultrakonservativen Strömungen in den USA vereinnahmt worden und hat viele Schablonen für deren menschenverachtendes Denken geliefert.

Muss man solchen ideologischen Schund auf die Bühne bringen? Ja, muss man. Anfangs kann man den pervertierten Individualismus durchaus gut finden. Roark (Lukas Goldbach) ist als Querdenker erst mal nicht unsympathisch. Sein Gegenstück Peter Keating (dargestellt von Pascal Thomas), ein unfähiger Karrierist, hüpft wie ein kleiner Vollidiot über die Bühne und unternimmt alles, um vom Zuschauer als lächerliche Karikatur wahrgenommen zu werden. Also fühlt man sich erst einmal bestätigt. Möchte man nicht auch ein Teufelskerl wie Roark sein? Ein von Vernunft geprägter schöpferischer Geist? Man kennt so viele Erfinder und Denker, die doch wegen ihrer Kompromisslos- und Rücksichtslosigkeit großartige Dinge erdacht und erschaffen haben.

Zu der Konstellation Roark und Keating gesellt sich die intellektuelle Schönheit Dominique Francon (Anne-Elise Minetti),  die Keating heiratet und Roark verfällt. Zwischen ihr und Roark entspinnt sich ein Kampf um Anziehung und Macht. Zum Panoptikum gesellt sich noch ein Zeitungstycoon, der in Roark einen Wiedergänger sieht, der genauso wie er ruchlos und ohne Kompromisse sich an die Spitze geboxt hat und ein weiterer Zeitungskritiker, der die öffentliche Meinung nutzt, um selbst Macht ausüben zu können.  

Man beobachtet New Yorker Upper-Class-Hühner,  wie sie auf den Rampen des Modells eines Wolkenkratzers ihr Ränkespiel aufführen und findet sie irgendwann lächerlich. Roark ist mit seiner Genialität auch nur Teil eines Systems aus Individualisten, die nichts anderes im Kopf haben als Macht und Befriedigung des eigenen Egos. Als Roark am Ende sein Monolog über die Schöpfer und die Schmarotzer hält, hat er seine eigene Ideologie schon lange verraten. Es mag einen Widerstreit zwischen Individuum und Gesellschaft geben und beides zusammen zu bringen ist die Aufgabe einer demokratisch organisierten Gemeinschaft, deren Anliegen es ist, allen Menschen im Rahmen einer gemeinsamen Übereinkunft Raum zur Entfaltung zu geben. Das Ego gegen die Masse auszuspielen dient als Mittel der Unterdrückung. Die Unterprivilegierten werden zu Schmarotzern degradiert. Ihnen wird jede Entwicklung versagt. Sie dienen den angeblich so genialen Machtmenschen als Rechtfertigung für ihren Machtanspruch. Jeder ideologisch verbrämte Dualismus, der Menschen in Schwarz oder Weiß, Individualisten und Schmarotzer einteilt trägt den Faschismus in seinem Herzen.

Der Architekt Roark bringt am Ende nur technokratischen Unsinn vor. Er redet darüber, dass derjenige, der das Feuer bringt, anschließend auf dem Scheiterhaufen endete, weil er von seinen Mitmenschen nicht geachtet wurde und diese seinen Erfindungsgeist nicht zu schätzen wusste. Das beleidigte Genie beleidigt alle anderen, weil er sich nicht gewürdigt fühlt.  Hier offenbart sich der ideologisierte Narzissmus der Autorin, die anscheinend eine persönliche Rechnung mit dem Kollektiv offen hatte. Wie traurig und doch allgegenwärtig. Scheinen nicht viele dieser großen Individualisten, die unsere Zeit prägen, die von uns für Ihre Leistungen bewundert werden, menschliche Defizite aufzuweisen. Erinnern wir uns doch zum Beispiel an die peinlichen Auftritte von Mark Zuckerberg, der bei einer Senatsanhörung,  sich eher wie ein trainierter Affe verhielt und damit zur Karikatur der Karikatur wurde?

Für uns war es ein langer kurzweiliger Abend mit der tiefen Erkenntnis,  dass es sich lohnt an das Verbindende zwischen Menschen zu glauben, weil damit erst die Wirkkraft des Einzelnen positiv zur Geltung kommen kann.

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Orlando

IMG_2150

 

Nach unseren Ausflug in die hinteren Ränge, durften wir endlich an unseren Stammplatz zurückkehren. Wir rutschen an den Menschen vorbei, die mit uns in einer Reihe sitzen. Zuletzt begrüße ich den netten Mann, der jedes Mal direkt neben mir sitzt und immer ein nettes Lächeln für uns übrig hat, während meine Frau ihn konsequent ignoriert. Ich weiß diesmal überhaupt nicht, was mich erwartet. Ich habe in unserer Lokalzeitung eine Rezension gelesen, die eher zurückhaltend war. Der Tenor: Viel Firlefanz, Getue und Geheimniskrämerei auf der Bühne, ohne Sinn und Form. Mit Bedeutung aufgeladene Leerverkäufe von Literatur.

Virginia Woolf, wortgewaltige Ulknudel mit Trauerkloßambitionen, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wichtige und stilprägende Werke moderner Literatur erschaffen hat, war die Autorin des Romans „Orlando“.  Die Hauptfigur liefert mit seinem Namen den Titel für den Roman. Kurz beschrieben geht es auch um das Leben dieser Figur, dessen Geschichte im siebzehnten Jahrhundert als Adliger in Großbritannien beginnt und im zwanzigsten Jahrhundert zur Zeit der Entstehung des Romans endet. Jemand überlebt mehrere Jahrhunderte und bleibt dabei immer ein Schönling Mitte dreißig? Zwischendrin wechselt dasjenige auch noch das Geschlecht? Wie kann so etwas sein? Das ist doch unmöglich? Und wie will man eine solch versponnene und phantastische Geschichte auf die Bühne bringen?  Insbesondere wenn der wortgewaltige Text voller Beschreibungen und Bilder schon den gewöhnlichen Leser überfordert?

Ganz einfach: man reduziert die Geschichte auf ihre Kernelemente und bringt sie in einen anderen Zusammenhang. Es liegt nahe autobiographische Elemente zu integrieren. Schließlich hat Frau Woolf ihren Roman selbst im Untertitel als autobiographisch beschrieben. Fertig ist ein Stück epischen Theaters, das den Roman mehrere zusätzliche Ebenen gibt und ihn in einen aktuellen Kontext bringt.

Das Stück spielt in einem Tonstudio. Die wuchtigen Holzwände begrenzen den Raum und in den Raum sperrt man die Protagonisten ein. Von Zeit zu Zeit senkt sich eine durchsichtige Plastikwand nieder, die wie die Glasscheibe zwischen Regie und Aufnahmeraum ein Gegenüber von Toningenieur und Musikern schafft, die sich zwar sehen, aber nur durch Mikrofone und Verstärkung miteinander reden können. Der Aufnahmeleiter (Tom Wild) spricht Anfangs nur aus dem Off und gibt Anweisungen. Später wird klar, dass der Aufnahmeleiter Leonard Woolf, der Ehemann von Virginia, darstellen soll. Virginia Woolf, dargestellt von Carolin Weber, die für mich einer der stärksten Schauspielerinnen des Ensembles ist, liest ihren eigenen Text ein. Man springt von Textstelle zu Textstelle. Leonard gibt Anweisungen und Virginia gibt alles, um ihren Text durch das Lesen mit Leben zu füllen. Drumherum gibt es einen Musiker, der auf einem Cembalo herumhaut, drei Schauspieler, die anscheinend auch dazu da sind, um Teile des Textes zu rezitieren und eine Tänzerin, die das Gelesene tänzerisch begleitet.

Diese Exposition am Anfang des Stückes irritiert und man fragt sich sehr lange, was das alles soll. Ganz klar: der ungeübte Zuschauer, der kausale Handlungsstränge gewöhnt ist, wird schnell müde und gibt auf. Der Zuschauer, der eine Antwort auf seine Fragen will, bleibt dran und wir am Schluss für seine Beharrlichkeit belohnt.

 

Irgendwann springt der Funke über. Carolin Weber trägt mit viel Leidenschaft Orlandos Geschichte vor. Zwischen den überbordenden Beschreibungen eines seltsamen Lebens spielt sie gemeinsam mit ihrer  Freundin Vita (Paula Schrötter) Ausschnitte aus ihrem intensiven Briefverkehr. Dazu gesellen sich die Tanzeinlagen der Balletttänzerin, die Bewegung in die starre bewegungsfreie Studiokonstellation bringt und die Virginias Innenleben repräsentiert und Harriet, die Erzherzogin, gespielt von Pascal Thomas, der sich immer mehr in die Rolle als Frau begibt. Alles wird garniert mit anderen absonderlichen Ausflügen und findet eine Ende als der Aufnahmeleiter sich immer mehr ins Studiogeschehen einmischt und Virginia, aus Angst, dass ihre geistige Krankheit hervorbrechen könnte, sie bevormundet und ihr die eigene Urteilfähigkeit abspricht. Der Roman tritt in den Hintergrund und das Leben von Virginia Woolf in den Vordergrund. Virginia tauscht die prallen Farben des Lebens gegen die Schattierungen der Dunkelheit. Am Ende des Stückes begeht sie Suizid. Sie tritt auf ein kleines Podest und fährt langsam in den Bühnenboden hinab, aus dem gleichzeitig Luftballons in Form von Fischen hinaufsteigen.

Für ein Stadttheater, das mich in letzter Zeit mit viel zu beliebigen Inszenierungen enttäuscht hat, mag diese Inszenierung eine Herausforderung darstellen. Aber hier hat sich die wirkliche Qualität dieses Ensembles offenbart, dass in seinen guten Momenten sich nicht nur für Experimente öffnet, sondern sie auch angemessen und erfolgreich umsetzt. Im Nachhinein ein kurzweiliger Abend. Zum Glück glaube ich nur mir und nicht den anderen Rezensenten.

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Johnny Breitwieser

IMG_2150

 

 Den eigentlichen Termin, der in unserem Theaterabo für das Stück vorgesehen war, konnten wir nicht wahrnehmen. Wir hatten keinen Babysitter. Wir buchten um und erhielten einen anderen Platz in Reihe sechs. Mit dem Platz am linken Rand des Geschehens änderte sich meine Perspektive als Zuschauer. Vorher saßen wir privilegiert in der Mitte unter gleichgesinnten Theaterabonnementen. Wir gehörten zu der Elite, einer kleine Menschenmenge in den ersten drei Reihen, die mit ihrem delikaten Blick, ihrem milden Lächeln, ihrer Kenntnis und Wissens um die Eigenheiten des Theaters und ihrer Nähe zur Bühne den Zuschauerraum im Griff hatten. Die anderen Zuschauer sind nur Zaungäste, die verunsichert in den schmalen Gängen hocken und die Rituale des Theaterbesuches nicht befolgen.

Nun waren wir in der Gosse gelandet. Vor uns saß eine sichtlich ungepflegte Frau, die mehr als einen Sitzplatz ausfüllte. Ich weiß nicht, ob es an ihrer Körperfülle lag oder an den Anorak, die sie im gut geheizten Theaterraum nicht ablegen wollte. Wir saßen sehr früh auf unseren Plätzen und müssen unweigerlich der Frau mit unseren aristokratischen Blicken folgen.  Wenn andere Zuschauer sich an ihr vorbeidrängelten, um an ihre Plätze zu gelangen, erhob sie sich mühevoll, von ihrer Begleiterin gestützt, und streckt uns ihren nackten Hintern entgegen. Ihr wurde sofort bewusst, dass die rutschende Jogginghose ihren Allerwertesten freilegte und sie zog vorsichtig den Stoff wieder über das Hinterteil. Aber vergessen wir für ein paar Sekunden die Gosse in der Reihe sechs.

Wenn ich in ein Musical gehen will, gehe ich nicht ins Stadttheater Giessen. Denn das hat man versucht, uns an diesem Abend zu bieten: Ein grauenvolles Musical. In meiner elitären Wahrnehmung sind Musicals nichts anderes als Unterhaltungsspiele für Menschen, die keine Ahnung von Kultur haben und immer nur nach dem vermeintlichen Wohlklang streben.

Worum geht es in dem Stück:  Die wahre Geschichte eines Kleinkriminellen aus Wien, der in der Zeit des ersten Weltkrieges für Aufsehen gesorgt hat, weil er ein Großmaul und Dandy war, der die Reichen beklaut hat und die Armen beschenkt hat. Der junge österreichische Theaterautor Thomas Arzt hat sich dem Stoff angenommen. Das Stück wurde 2014 in Österreich uraufgeführt und bei der Inszenierung in Gießen handelte es sich um die deutsche Uraufführung.

Hier zeigte man auf der Bühne eine kaputte Welt, die von kaputten Menschen bevölkert wird. In den Gesichtern und an ihren Extremitäten klebt der Dreck. Wenn ihnen nicht irgendwelche Gliedmaßen fehlen oder sie in irgendeiner Weise körperlich oder geistig beeinträchtigt sind, sprechen sie eine erbarmungslose verknappte Sprache, die kein Mitgefühl, kein Ich und du kennt. Die Menschen hungern, sind verzweifelt, haben keine Arbeit, keine Perspektive. Sie leben in einer Trümmerlandschaft und haben nichts zu beißen und nichts zu melden. Johnny ist der Gegenpol. Mit seiner großen Klappe trotzt er dem Elend. Er will nicht wie sein Vater, dessen namenloses Grab immer wieder im Stück vorkommt, nur ausgebeutet werden. Johnny hält nichts von Revolution. Eigentlich sehnt er sich nur nach einem Leben mit einer Familie als Bauer auf dem Land. Am Ende kommt er dort an. Aber es wird ihm zum Verhängnis, weil die Staatsgewalt ihn aufspürt und ihn meuchelt.

 Man kann den Johnny in einem Theaterstück zum Leben erwecken und ihm  gar ein Denkmal setzen. Man kann es auch sein lassen. Es wird niemals klar, was nun die Botschaft dieser Geschichte ist. Bis auf die verstümmelten Charaktere und Sprache bleibt alles viel zu gefällig. Es fehlen dem Autor weitergehende stilistische Mittel, um durch Stringenz Glaubwürdigkeit zu schaffen. Es ist doch nur ein wohlgefälliges Musical. Der Held bleibt immer nur ein großmäuliger Kleinkrimineller, der zwar eine Motivation aber keine Vision hat und der so endet, wie man als Kleinkrimineller nun einmal endet: Tod oder im Gefängnis.

Mir sind zwei Stücke eingefallen, die ein ähnliches Thema behandeln: Glaube, Liebe Hoffnung von Ödon von Horvarth und natürlich die Dreigroschenoper.  Ödon von Horvarth hatte in seinem Stück eine sprachliche Stringenz erschaffen, die die Entfremdung der Menschen untereinander und die Kälte des Elends wirklich greifbar gemacht haben. Die Dreigroschenoper lebte von der Frechheit und Ruchlosigkeit ihrer Helden, die aus dem Elend eine Tugend gemacht haben. Armut und Kriminalität als Geschäftsmodell. Brecht hat dabei die großmäuligen Kleinkriminellen solange durch den Wolf der Verfremdung gedreht bis sie wirklich zu Sympathieträger wurden.

Zu der mangelnden Aussage kommt noch dieses Gesinge, dass die Handlung vollständig perforiert. Die Musik von Jherek Bischoff ist viel zu schön, um das Elend einer apokalyptischen Weltkriegswelt zu orchestrieren. Das Streichquartett und der Schlagzeuger spielen fehlerfrei schöne Klänge, die mich an die aktuellen Moden in der Filmmusik erinnern: Minimalistische Begleitpattern gepaart mit akkuraten Melodiebögen.

Leider muss man sagen, dass es die schauspielerische Leistung des Ensembles nicht  besser macht. Ein Großteil der Schauspieler kann nicht wirklich singen. Die üblichen Verdächtigen wirken hölzern und eintönig. Das macht es dann nicht besser, dass alle Schauspieler nach zwei Sätzen seltsam zucken müssen. Gerade Lukas Goldbach kann mich wieder einmal nicht in einer Hauptrolle überzeugen. Paula Schrötter als Luise und Stephan Hirschpoitner als Wenzl finde ich bemerkenswert in ihrer Darstellung, wobei Stephan Hirschpoitner der einzige Schauspieler ist, der auf der Bühne wirklich den Ton trifft.

 Ich hatte in der Pause meinen Rotwein getrunken und mich gemeinsam mit meiner Frau über das Stück aufgeregt und wie wieder einmal der Goldbach die Hauptrolle vergeigt und der Wild immer nur den gleichen Typus spielt und das auch noch schlecht. Und dann saß ich leicht angeheitert im Saal und diese unmögliche Frau, die hier eigentlich nichts zu suchen hat, bekommt auch noch einen aufdringlichen Hustenanfall. War ich doch froh mit meinem elitären Abonnementen-Bewusstsein das Elend wieder ausgeblendet zu haben.

Dann war mir wieder eingefallen, dass ich doch so ein elitärer Vollidiot bin, der das nächste Mal ins Musicaltheater gehen sollte, wegen dem kulturellen Schön- und Gleichklang oder so…..

 

Schamwand 2 -der stille Ort

kloBerlin

 

Geschäftig irrt der Mensch auf den Pfaden des Geldes, des Wachstums und der Macht.  Im Zweireiher wandelnd auf diskreten, desinfizierten Fluren, vorbeihastend an verschlossenen Türen, sucht er Ruhe, einen Raum, indem er den einzigen klaren Gedanken des Tages fassen kann. Im seinen Kopf toben die Meinungen, Zahlen, Empfehlungen, Befehle, Werbebotschaften, fallen übereinander her, verheddern sich im Sturm der Synapsen und lassen ihn zum gefühlstauben, tumben Idioten werden, der voller Verzweiflung einen Rückzugsort sucht, ein Instantkloster, eine Schweigezelle.

In der hintersten Ecke eines jeden Kongress- oder Seminarortes gibt es stille durch stilisierte Männchen an der Tür gekennzeichnete Orte. Abgeschiedene und abgestandene Räume, die nur wenige kennen. Der Zweireiher braucht die fünf Minuten Ausgrenzung, die Flucht von der Flut an Informationen, die schon den ganzen Vormittag auf ihn einprasseln. Die Powerpointfolien huschen an seinem geistigen Augen vorbei und er will diese wahnsinnige Masse an unsinnigen Daten loswerden. Er will sie nicht zur Kenntnis nehmen. Auch wenn jeder Referent ihn ermahnt hat, die Bedeutung der Daten ernst zu nehmen. Sind sie doch wichtig für das eigene Fortkommen, den Erfolg des Unternehmens, ja sogar für die Entwicklung der Menschheit. Wer die Folien nicht verinnerlicht, ist quasi schon aus dem Rennen.

Der Zweireiher rutscht müde im hellen Seminarraum auf dem feinen Zwirn seines Hosenbodens hin und her, drückt  auf seinem Handy herum und sieht sich verstohlen um. Niemand bemerkt seine geistige Abwesenheit, sind sie doch alle nicht mehr anwesend. Leere Hüllen mit trüben Augen, eingefallenen Wangen und speichelarmen Mündern.

Er steht auf, schleicht sich hinweg. Die einzige Chance dem Wahnsinn zu entkommen, sich eine Pause zu gönnen, ist der allgemein durch gesellschaftlichen Konsens anerkannte Gang zum Entleeren von im Körper angesammelten Flüssigkeiten und Feststoffen, die auf Ausscheidung drängen. Ist die Konzernleitung ansonsten unerbittlich mit den Anforderungen an die Angestellten, kann man diesen sogenannten menschlichen Regungen ihr Anrecht auf Erscheinung nicht absprechen.

In jedem totalitären System gibt es Lücken. Das gilt auch für Seminartage.

Der Zweireiher drückt die Klostertür auf. Sie gleitet sanft über den Fliesenboden. Er lässt sie hinter sich und der Selbstschließer lässt die fast geräuschlos ins Schloss gleiten. Wie von Geisterhand, hätte man früher geflüstert. Bei den Waschgelegenheiten im Vorraum ist er fast am Ziel. Hier beginnt der mythische Dienst an der Stille, an der Untätigkeit.

Außerhalb ist verlorene Zeit nicht gestattet. Nichtstun ist ineffizient. Es gibt so viel zu tun, daher ist kein Stillstand erlaubt. Mit dem Durchschreiten der zweiten Tür stellt sich beim Zweireiher ein schlechtes Gewissen ein. Darf er sich den einzigen Moment der Kontemplation gönnen? Er rettet sich in eine Toilettenzelle. Am Ziel. Er atmet tief durch und in seine Nase erhascht einen penetranten Fäkalgeruch. Angeekelt wechselt er die Zelle. Vorsichtig erobert er den kleinen Raum, hängt seine Riechzellen in das Klima über der Kloschüssel. Sein Gehirn kann keine unangenehmen Duftnoten entschlüsseln. Er klappt den Klodeckel herunter und nimmt Platz. Fast geschafft. Er zupft noch an dem Futter seiner Anzugsinnentasche, um sich zu versichern, dass er mit der Welt da draußen noch verbunden ist. Das Handy ist nicht weg. Es ist mitgekommen. Aber es verliert plötzlich an Bedeutung.

Ruhe hinter den Schamwänden.

Vielen Dank an Jens Müller für das Foto und damit für die Inspiration für diesen Text. Das Foto zeigt einen stillen Ort in einem Berliner Hotel. Wir fragten uns gemeinsam, warum man transparente Scheiben zwischen den Pissoirs angebracht hat. Welche Nutzen soll sie haben? Falls jemand Auskunft geben kann, soll  er mir bitte schreiben. Unser Leben hängt von dieser Information ab!!!