Von Wetzlar nach Poggibonsi

Im Val d`Elsa hoch über Poggibonsi, an der Straße nach Castelina in Chianti, Inmitten eines Waldes, umgeben von Weinreben und Olivenbäumen liegt die kleine Siedlung il Granaio. Mehrere alte Bruchsteinhäuser, die man zu kleinen Appartments und Ferienwohnungen mit einem Pool und einem Tennisplatz umgebaut hat. Ein schmaler Waldweg uneben, übersät mit unzähligen Schlaglöchern führt ca. anderthalb Kilometer von der Landstraße hinauf zu unserem Sehnsuchtsort, den wir im August zum dritten Mal besucht haben. Wenn wir dort auf unserer Terasse sitzen, haben wir eine perfekte Aussicht auf das Weingut Melini, die Landstraße, das alte Kloster San Agnese und auf die Türme der mittelalterlichen Stadt San Gimignano. Alleine schon der Anblick der Landschaft ist es wert, dorthin zu fahren.  

Die letzten beiden Male haben wir die Strapazen einer Autofahrt auf uns genommen, um die Strecke von ca. 1100 Kilometern von Wetzlar nach Poggibonsi zu überwinden. Unsere Reise begann dann tief in der Nacht und führte uns über die Autobahn an die Grenze. Wir überquerten die Alpen, um uns am nächsten Morgen in die Blechlawine einzuordnen, die sich im Schritttempo durch Südtirol, am Gardasee vorbei, über Milano und Bologna bis nach Florenz quälte, um dann völlig übermüdet am Nachmittag des nächsten Tages oben in unserem Dorf anzukommen.

 Diesmal wollten wir uns die Tortur ersparen und die Strecke mit dem Zug zurücklegen. Wir wollten uns den Stress nicht mehr zumuten. Wer mal am Morgen an einem Rastplatz inmitten des Nirgendwo angehalten hat und die ganzen todmüden Zombies beobachten konnte, wie sie ihren übermotorisierten Blechsärgen entsteigen, weiß wie gefährlich diese Art zu reisen ist

Weil wir uns vor längerer Zeit entschlossen haben, unsere persönliche Verkehrswende weg vom fossilen Verbrenner hin zu gar keinem Automobil durchzuführen, nutzen wir im Alltag die Bahn recht häufig. Wir haben uns angewöhnt bei Ausflügen mit unseren Kindern immer nach geeigneten Zugstrecken Ausschau zu halten und wenn die Nutzung von Bus und Bahnen nicht möglich ist, suchen wir uns andere Ausflugsziele.

 Meine Frau hat sich im Laufe der Jahre zu einer Expertin bei der Nutzung der Bahnapp entwickelt. Auch diesmal hat sie für uns die Zugverbindungen herausgesucht. Im Laufe ihrer Reiserecherchen entstand die Idee, mit dem Nachtzug zu fahren. Die deutsche Bundesbahn hat vor längerer Zeit ihre eigenen Nachtzüge von den Gleisen genommen. Es gibt allerdings ein Angebot der ÖBB (Österreichische Bundesbahn) in der Nacht von München nach Rom zu fahren. Anfang des Jahres stand die Nummer. Meine Frau hatte alle Tickets gebucht. Einen Wermutstropfen gab es: ab Florenz und für Ausflugsfahrten in der Toskana brauchten wir unbedingt ein Auto. Ein richtiges E-Auto im Ausland mieten? Fehlanzeige! Es gibt einfach kein Angebot. Mal abgesehen von der unbekannten Ladeinfrastruktur. Ein Renault Clio hat für fünf Personen und unser Gepäck ausgereicht. Das Gepäck musste in drei Wanderrücksäcke reinpassen. Mit einem zehn Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken kann man einen fulminanten Hundermeterlauf hinlegen, um den Zug noch zu erreichen. Mit Koffern ist man beim Rennen klar im Nachtteil. Sommerklamotten, Zahnbürste und Bücher, mehr brauchen wir nicht. Da es im August in Mittelitalien immer heiß ist, braucht man keine Regenjacken oder Pullis mitzunehmen.

 Im Laufe des Frühlings wuchs die Vorfreude. Nach fünf Jahren (davon zwei Coronajahren) wieder nach Italien. Juchuuuuu!!!! Sie sehen gerade das letzte U, begleitet von einem archaischen Echo, in der tiefen Schlucht meiner Urängste verschwinden. Ein paar Tage vor meinem Urlaub habe ich natürlich stolz jedem erzählt, der mich nicht danach gefragt hat, dass wir mit dem Zug nach Italien fahren. Zwei Kolleginnen haben mich regelrecht ausgelacht…„Das wird doch nie was….mit der Bahn nach Italien…“ Der alte Affe Angst kroch mir auf die Schultern. Was wenn die Kollegen recht haben und wir uns zu viel zumuten.. Zwei Erwachsene, drei Kinder, drei Rücksäcke, das klappt niemals!

 Meine Frau konnte ich mit meinen Bedenken nicht infizieren. Sie blieb stoisch bei ihrer Einschätzung, dass dies eine wunderbare Reise wird und so sind wir dann an einem Samstagmorgen in Wetzlar in den Zug gestiegen.

 Der Zug in Wetzlar fuhr pünktlich um halb zehn los. In Giessen ging es weiter mit dem RE 30. Leider steht auf allen Anzeigetafeln, dass der Zug in Frankfurt Hauptbahnhof endet. Die Züge aus Mittelhessen halten baustellenbedingt nicht mehr am Frankfurter Hauptbahnhof, sondern an Bahnhof Süd in Frankfurt. Wer in Süd aussteigt, kann mit der Straßenbahn ohne Probleme an den Hauptbahnhof kommen. Wer allerdings glaubt, er erreicht direkt den Frankfurter Bahnhof und hat die Umsteigezeit in einen anderen Zug zu knapp bemessen, wird wohl seinen Anschlusszug verpassen. Gerade Fahrgäste, die von außerhalb kommen, werden hier unter Umständen ein Reisefiasko erleben. Zum Teil verlängert sich die Fahrzeit um eine Stunde.

 Panisch hatte ich meine Frau schon vor Wochen bekniet, in Wetzlar einen Zug früher zu nehmen. Das war die richtige Entscheidung. Zu der verlängerten Fahrzeit gesellte sich noch das Chaos auf dem viel zu engen Bahnsteig in Frankfurt Süd. Der Bahnsteig und die Abgänge vom Bahnsteig sind natürlich nicht für die Fahrgastmassen gut gefüllter Regionalexpresszüge gedacht. An den Abgängen leitete Sicherheitspersonal die Ströme der Fahrgäste und trotzdem dauerte es eine halbe Stunde bis wir an der Straßenbahnhaltestelle standen.

 Durch unsere verfrühte Abreise erreichten wir den ICE nach München ohne Verzögerung. Im ICE begann der Urlaub, denn wir hatten Sitzplätze reserviert und konnten die nächsten vier Stunden entspannt aus dem Fenster schauen und die Landschaft an uns vorbei ziehen lassen.

In München kamen wir auf die Minute pünktlich an und hatten ca. 3 Stunden Aufenthalt. Für schmale 6 EUR haben wir unsere 3 Rücksäcke in ein Schließfach am Bahnhof bugsiert, sind gemächlich  mit dem Bus in den Englischen Garten gefahren, um im Biergarten ein Schlummerbier zu trinken und etwas zu essen. Ich spürte den Alkohol in meinen Adern, verfiel in eine bierselige Euphorie (das ist meines Erachtens der einzige Grund, warum Menschen in München einen Biergarten besuchen) und schrieb hämische und triumphierende Nachrichten an die Pessimistinnen in der Heimat. Meine Frau checkte derweilen ihre Mails am Handy und erstarrte. Die ÖBB schrieb, ein Wagen könne aus technischen Gründen nicht mitfahren. Meine Frau kramte in ihrer Handtasche, zog die Fahrkarte heraus und war erleichtert. Es betraf zum Glück nicht unseren Wagen.

 Rechtzeitig zur Abfahrt unseres Nachtzuges waren wir wieder am Hauptbahnhof. Unser Zug stand schon am Gleis. Es gibt in den Nachtzügen drei Kategorien. Sitzplätze, Liegewagen (sechs einfache Pritschen in einem normalen Abteil und Schlafwagen (drei oder weniger Schlafplätze, in der Luxusausführung sogar mit eigenem Badezimmer). Wir hatten einen Liegewagen gebucht

 Als wir ankamen, gab es schon die ersten dramatischen Szenen am Zug. Familien mit kleinen Kindern, die am Zug erfuhren, dass ihre gebuchten Plätze sich in dem Wagen befanden, der aus technischen Gründen nicht mitfahren konnte. Wir schlichen uns mit einem schlechten Gewissen in unseren Liegewagen, der zu einer älteren Wagongeneration gehörte. Alles in dem Abteil war sehr einfach gehalten und leicht angeranzt. Die Sitzplätze kann man innerhalb einer Minute in Schlafplätze umwandeln. Dazu gab es schmale und dünne Kopfkissen, Matratzenbezüge und Wolldecken. Wir mussten uns in der Enge erst einmal orientieren und Platz schaffen, in dem wir das Gepäck in das große Ablagefach über der Abteiltür verstauten.  Es war im Abteil sehr warm und als der Zug mit einer halben Stunde Verspätung losfuhr, war wir erst Mal froh, dass die Klimananlage sofort kalte Luft in den Raum blies. Es gibt für jeden Wagen Servicepersonal, freundliche Personen in Uniform, die nicht bei der ÖBB arbeiten, sondern von einem Dienstleister zur Verfügung gestellt werden. Die Dame, die uns betreute, war sehr freundlich, hatte aber wenig Zeit und erklärte wenig.

 So langsam ging es an die Bettruhe. Wir waren gegen halb neun losgefahren. Gegen zehn Uhr hatten wir uns eingerichtet. In jedem Wagen gibt es unbequeme Waschräume. Wie immer bei der Bahn hat das alles den Charme einer Absteige. Wir waren den ganzen Tag in der Hitze unterwegs und wollten uns wenigstens etwas abwaschen, Zähne putzen und uns umziehen. Schmallippig, mit Luft anhalten und spitzen Fingern in einer engen Schmuddelkammer braucht man dafür natürlich Ewigkeiten und irgendwann gegen halb elf hatten wir es geschafft und lagen alle auf unseren Pritschen.

 Nur gleichmütige Gemüter können in einem Zug tief und fest schlafen. Man hört und spürt alles. Der Zug rattert über die Gleise. Wenn der Zug beschleunigt, beschleunigt der eigene Körper mit und wird an den Rand der Pritsche gezogen. Wenn der Zug bremst, rollt der Körper zur Wand. Vor den Abteilen im Gang ist immer etwas los. Auf dem Gang vor unserem Abteil hatten sich zwei jungen Frauen eingerichtet. Jedes Mal, wenn jemand von uns raus musste, mussten wir über sie steigen. Zu guter Letzt stellte sich heraus, dass die Klimaanlage sich nicht regeln ließ. Sie blies die ganze Nacht in der Lautstärke eines Staubsaugers kalte Luft in den Raum.

 Ich war höllisch müde und hatte es wirklich geschafft, einzuschlafen. Gegen halb eins in der Nacht klopfte jemand an unsere Abteiltür. Bis ich reagieren konnte, hatte derjenige die Tür, die nur mit einer einfachen Kette abgeschlossen werden konnte, aufgerissen und uns auf Englisch aufgefordert, sein Abteil zu verlassen. Wir hatten irgendwo in Österreich gehalten und es waren neue Fahrgäste zugestiegen. Ohne die Augen richtig zu öffnen, brüllte ich den Eindringling an, dass er sich im Wagen geirrt habe und verschwinden solle. Ich hatte zwar erreicht, dass der Eindringling uns sofort in Ruhe ließ, aber ich selbst konnte nicht mehr einschlafen. So schunkelte ich die halbe Nacht auf meiner Pritsche hin- und her, lauschte dem Staubsauger und wartete auf das Ende der Nacht.

 Außer meinem siebenjährigen Sohn, der in der oberste Pritsche tief und fest schlummern konnte, hatte niemand von uns richtig geschlafen. Um halb sieben brachte die nette Frau, die für unseren Wagen zuständig war uns unser Frühstück. Wir sortierten uns neu, zogen den Verdunklungsrollo hoch, klappten die Pritschen hoch und betrachteten die italienische Landschaft, die an uns vorbeizog. Es gab heißen Kaffee, zwei Brötchen, Butter und Marmelade. Vollkommen ausreichend, um den ersten Tag in Italien zu beginnen. Mit zwanzig Minuten Verspätung kamen wir gegen halb acht in Florenz an.

 Unsere Autovermietung machte erst um neun Uhr auf. Es war Sonntag und wir waren froh, dass die Autovermietung in der Innenstadt überhaupt geöffnet hatte. Ansonsten hätten wir in Florenz an den Flughafen fahren müssen. Wir nutzten die Zeit und schlenderten zum Dom und der Ponte Vecchio. Was für ein schöner Urlaubsbeginn: Im Morgenlicht auf der menschenleeren Ponte Vecchio stehen und den Arno hinaufschauen.  Um halb neun schlugen wir unser Lager vor der Autovermietung auf. Wir wollten die ersten sein. Um neun machte die Autovermietung auf und hinter uns hatte sich eine Schlange von Touristen gebildet, die sich alle ein Auto mieten wollten. Eine halbe Stunde später saßen wir im Auto auf dem Weg nach Poggibonsi. In Poggibonsi haben wir erst einmal im Coop eingekauft und sind dann zu unserer Wohnung gefahren. Mittags saßen wir zum ersten Mal auf unserer schattigen Terrasse und haben den Ausblick auf die einmalige Landschaft genossen. Wir waren an unserem Sehnsuchtsort angekommen.

Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59: Monty Python`s SPAMALOT

Ich hasse Musicals und ich liebe Monty Pythons. Meine Sympathie für die englische Komikertruppe und ihren tiefgründigen, bitterbösen Humor und meine Antipathie für den Vortrag perfekten und formelhaften Liedgutes im Rahmen irgendwelcher inhaltsleeren Handlungen sind Teil meiner Sozialisation.

 Ich gebe es zu: Musical als Kunstform hat schon immer mehr zu bieten, als Andrew Lloyd Webber und seine verquasten Operetten für Uschi und Bernd, die auch mal ins Theater gehen wollten und dafür extra ein langes Wochenende in Hamburg verbracht haben, um Katzen beim kunstfertigen Jaulen zuzuhören. Und mir ist auch bewusst, dass die Pythons in den letzten fünfunddreißig Jahren nichts anderes gemacht haben, als ihr Oeuvre gewinnbringend auszuschlachten.

 Aber in den Achtzigern standen sich beide diametral gegenüber. Die Musicals von Andrew Lloyd Webber gewannen in Deutschland an Popularität und wurden Teil des schmalen Kulturkanons des kleinbürgerlichen Milieus, der aus einer Mitgliedschaft im Bertelsmann Buch Club, Sissi- und Winnetou- Filmen und dem Blauen Bock bestand. Kulturelle Angebote sollten niederschwellig, harmlos und eskapistisch sein. Viele Menschen hielten verkrampft an der Vorstellung fest, dass die Aufgabe der Kultur in der Reproduktion einer heilen Welt bestehen sollte. Das Leben meiner Eltern und ihrer Zeitgenossen schien die meiste Zeit von einer unheilvollen Sehnsucht nach einem gesellschaftslosen Paradies geprägt zu sein, in dem sie unberührt von den Problemen der Welt glücklich sein durften.

 Heute weiß ich, dass meine Eltern und viele ihre Altersgenossen diese Haltung von ihren Eltern geerbt haben. Ihre Eltern hatten ihnen die Last der Vergangenheit übertragen, die schwer auf ihren Schultern lastete. Und weil unsere Eltern deswegen ständig Kopfschmerzen hatten, vermieden sie jegliche Aufregung, die durch eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart hätte entstehen können.

 Aber ich wollte nicht wie meine Eltern sein und ihre Last weiter schleppen. Wie schon in anderen Beiträge beschrieben, hatte ich mir meine eigenen Wege gesucht. Sich einen zynischen Humor anzueignen, den ich wahlweise nutzte, um ihn wie ein Schild zu meinem Schutz vor mir her zu tragen oder ihn wie einen Speer in die Seite der Alten zu piksen, gehört zu meiner Abgrenzungsstrategie.

 Den Humor als Waffe einzusetzen, das hatten die Pythons in einem frühen Sketch schon ausgeschlachtet: Der tödlichste Witz, jeder der ihn hört, lacht sich tot. Der Sketch endete mit dem Einsatz des Witzes im zweiten Weltkrieg. Die Nazis wurden besiegt, weil sie Reihenweise vor Lachen tot umfielen. Das passte perfekt zu meiner Situation…

 In den Pythons fand ich die Großmeister, die mich lehrten, dass jeder Witz, der sich aufdrängte, wie ein Elfmeter war, ein Geschenk, das man einfach nur annehmen musste, in dem man den Ball vom Elfmeterpunkt in das Tor transportierte.

 Und nun sitze ich nach über dreißig Jahren, als ich das erste Mal im Fernsehen zu später Stunde (ich glaube, es war eine langatmige Silvesternacht) die wunderbare Welt der Schwerkraft gesehen habe, im Gießener Stadttheater neben meiner Frau, die ich unter anderem auch für ihren Humor liebe, der meinem nicht unähnlich ist und muss mir anschauen, wie „Ritter der Kokosnuss“ von den Pythons als Musical auf die Bühne gebracht wird. Ein seltsames Gefühl, eine Mischung aus Wehmut und leichte Panik, dass sich nicht nur die Pythons untreu geworden sind.

 Die Handlung beruht auf der Artussage. König Artus zieht durch sein Königreich, auf der Suche nach tapferen Männern, die mit ihm gemeinsam den heiligen Gral ausfindig machen sollen. Mehr muss man dazu nicht erzählen, denn so gut wie jeder kennt den Film und wer ihn nicht gesehen hat, hat zumindest vernommen, dass Ritter ohne Pferd so tun, als säßen sie auf einem Pferd, während ihre Knappen hinter ihnen herlaufen und zwei Kokosnusshälften aufeinanderschlagen, um das Galoppieren der Pferde zu imitieren. Wahrscheinlich kennt jeder auch die ziemlich grausame Szene in der Artus gegen den schwarzen Ritter kämpft, der vollkommen siegesgewiss den Kampf mit Artus aufnimmt und nach und nach seine Gliedmaßen verliert und zum Schluss ohne Arme und Beine sich mit König Artus auf ein Unentschieden einigen will.

 All das bringt man in Gießen auf die Bühne und verknüpft es mit heiterem Singsang, im üblichen Eric-Idle-Style, der Python, der wohl die Hits der Truppe zu verantworten hatte. Launige britische Musik, swingend und nicht unkompliziert, bitterböser Humor in gefälligen Melodien verpackt. Ab und zu schmettert eine attraktive Musicaldiva einen richtigen Musicalbrocken hinaus in die Welt und schon ist meine Panik verschwunden. Die Pythons sind sich treu geblieben und haben das Genre Musical geschickt durch den Kakao gezogen.

 Es fühlt sich fast wie eine Versöhnung mit meiner Vergangenheit an. Dazu noch das sympathische Bühnenpersonal, das selbst einen Riesenspaß bei der Erfüllung seiner Aufgabe hat. Als das Publikum am Ende frenetisch klatscht, grinse ich breit und denke mir, dass es ein guter Theaterabend war.

Mein Alter Ego – Matt Kavon

Oh, my Gosh…it´s out now…

Völlig unerwartet habe ich zum ersten Mal meine eigene Musik veröffentlicht. Und dafür habe ich mir sogar einen Künstlernamen zugelegt. Bitte französisch aussprechen! Das hört sich viel gehaltvoller an.

Eigene Musik zu veröffentlichen, ist heute verdammt einfach. Man braucht keine Plattenfirma mehr, um zig Millionen Hörer zu erreichen. Allerdings heißt das noch lange nicht, dass die Musik auch von zig Millionen gehört wird.

Aber das ist nur das Ende eines langen Prozesses. Insgesamt habe ich dafür ca. fünf Jahre gebraucht. Darüber berichte ich gerne das nächste Mal.

Jetzt lassen wir erst mal die Musik sprechen? erklingen? Ach egal! Klickt auf den Link und hört es Euch an! Freue mich über Feedback!

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Mein Ortheil oder wie ich Klavierspielen lernte

Wenn mich ein Buch in sein Bann zieht, dauert es nicht lange und ich interessiere mich für die Person des Autors. Ich setze mich mit ihm intensiv auseinander, indem ich recherchiere und in den unterschiedlichsten Wissensquellen herumwühle. Werde ich fündig,  entzündet sich in mir ein Feuer der einseitigen Leidenschaft. Am Ende habe ich das gesamte Werk des von mir verehrten Schriftstellers auf Lunge inhaliert, kann über seinen gesamten Lebenslauf, seine Eigenheiten und Marotten, seine Gewohnheiten und sein Umfeld referieren. Spätestens an diesem Punkt gerät mein Nerdtum außer Kontrolle, verwandelt sich meine Neugier in bedingungslose Zuneigung, die wahnhafte Züge trägt. Wenn ich diesen Gipfel erreicht habe und wirklich alles in mich aufgesaugt habe, kommt bald der Punkt, an dem das schnulzige und kitschige Gebilde meiner Liebe in sich zusammenfällt, wie der rosarote Schaum auf einer Schaumparty nachts um halb drei. Und dann ziehe ich als Experte weiter zum Nächsten.

 Ich weiß noch nicht, an welchem Punkt ich in meiner Beziehung zu Hanns-Josef Ortheil angelangt bin.  Der Name war mir bekannt, er huschte immer mal wieder durch die einschlägigen Publikationen. Meine Aufmerksamkeit hat die Tatsache erregt, dass seine Familie aus dem Westerwald kommt. Ich habe ja einen Faible für Autoren, die einen Bezug zu meiner Heimat haben und darüber schreiben. Das war nun schon der erste Bezugspunkt. Und als ich einen Hinweis auf einen Fernsehbeitrag zu seinem siebzigsten Geburtstag erhalten habe, war es an der Zeit, sich an den Autor und sein Werk heran zu schleichen.

 Herr Ortheil ist ein anscheinend kleiner gedrungener Mann, mit einer Dreiecksnase und hellen, freundlichen Gesichtszügen, der mit einer klaren Stimme und einer klaren Sprache Auskunft über sich gibt. Ihm zuzuhören war in etwas so wie in einen dieser schicken Großstadtläden herum zu laufen, in denen shabby-chic Möbeln ausgestellt werden. Retro hat Charme, Vintage ist voll angesagt. 

  Wenn man die Geschichte seiner Eltern hört, ist es vorbei mit dem Wohlgefühl. Seine Eltern haben mehrere Kinder verloren. Meist kurz nach der Geburt oder in Kleinkinderjahren. Einer seiner Brüder wurde in Gegenwart seiner Mutter durch einen Granatsplitter getötet.

 Dieses Drama hat die Mutter zum Schweigen gebracht und auch Ortheil selbst war in ersten Lebensjahren stumm geblieben. Ich war irritiert, denn die dramatische Familiengeschichte passte nicht zum der ruhigen, fast kontemplativen Erzählweise des Mannes, der einst stumm war. Die Lebensgeschichte von Ortheil entpuppt sich als die seltene Geschichte der Überwindung eines familiären Traumas.  Alleine schon das erregt meine Bewunderung. Ich selbst stamme aus einer Familie, die im zweiten Weltkrieg durch Verlust und Vertreibung einen erheblichen Schaden davontrug, dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart zu spüren sind. Seit Jahren versuche ich die einzelnen Puzzleteile meiner Familiengeschichte zusammen zu tragen, um zu verstehen, warum meine Familie ihre Traumata nie hinter sich lassen konnte.

Herr Ortheil führt seit Jahrzehnten aufwändige Tagebücher. Sein Vater hat ihm früh die Aufzeichnung alltäglicher Beobachtungen nahe gebracht. Seine Tagebücher sind weniger Bestandsaufnahmen seines seelischen Zustandes, sondern eher Chroniken der Gegenwart, Kommentare und Beschreibungen alltäglicher Beobachtungen. Mit diesen Aufzeichnungen hat er die Grundlage für seine schriftstellerische Tätigkeit gelegt und so fängt das Buch „Wie ich Klavierspielen lernte“ mit der alltäglichen Beschreibung eines Pianos auf, das eines Tages von Möbelpackern in der elterlichen Wohnung abgestellt wurde.

Aber dann beginnt die Magie. Der junge Ortheil, noch stumm und kein Schulkind, entdeckt den Klang des Klaviers. Seine leichtfüßige Bildersprache lädt sich auf mit dem Zauber der ersten Töne, die der Junge keinem Musikinstrument zuordnen kann. Erst als er sieht, dass seine Mutter die Töne am Piano erzeugt, beginnt ihn das Instrument zu interessieren. Seine Mutter und er finden am Piano zueinander und mit den ersten Unterricht, den die Mutter, die selbst auf eine Karriere als Konzertpianistin verzichtet hat, weil sie nur Liszt und Schumann spielen wollte, ihrem Sohn erteilt, kehrt das Sprechen wieder zu ihnen zurück.

Die Poesie der klaren Worte ist die literarische Begleitmusik auf seinen Weg zum Konzertpianisten. Die Rolle seiner Eltern wird in diesem feinsinnigem Stück Literatur sehr schnell deutlich. Sie vermitteln ihrem Kind die Lust am Entdecken und Erforschen, sind selbst bereit, sich von seiner Wissbegier und Begeisterung mitreißen zu lassen. Der Zusammenhalt der Familie lebt von der intellektuellen Auseinandersetzung und der gegenseitigen Inspiration. Kind und Eltern begegnen sich auf Augenhöhe. Es gibt kein, dafür bist du noch zu jung, um zu wollen und um zu verstehen. Der Sohn äußert seinen Wunsch, Pianist zu werden und der Vater stellt sich darauf ein. Er setzt sich selbst mit klassischer Musik auseinander, forscht nach, unterstützt seinen Sohn, wo es nur geht, nimmt ihn mit auf Konzerte, begleitet das Kind zu seinen Lehrern und animiert das Kind zum Ausprobieren. Bei der Mutter führt der Wunsch des Kindes dazu, dass sie neben ihren Lebensmut auch wieder das Klavierspielen wieder für sich entdeckt und sich auf ihr altes Talent besinnt.

Obwohl die Familie schreckliches erlebt hat, steht am Schluss die Überwindung des Schreckens aus der Vergangenheit durch Zusammenhalt und geistige sowie emotionale Bildung. An der Erzählung von H.O. Ortheil begeistert mich das Gegennarrativ zur zeitgenössischen Literatur. Es ist seit langem Mode, als Autor aus dysfunktionalen Familienkonstellationen Kapital zu schlagen und das Unglück bis zum Äußersten auszuschlachten. Protagonisten heutiger Geschichten leiden alle unter ihren Eltern und Großeltern. Dabei muss als dramatische Konsequenz mindestens eine Depression, Bindungsunfähigkeit, Drogensucht und Suizidversuche abfallen. Die Triebfeder der modernen Literatur ist das Leiden an der eigenen Herkunft. Als Leser darf man sich in Sicherheit wiegen. Wenn alle so kaputt sind, ist es in Ordnung, wenn man selbst kaputt ist.

Ortheil bietet einen anderen Weg an. Heilung bringt nicht das passive Jammern, sondern der aktive Umgang mit dem eigenen Nachwuchs. Die Begeisterungsfähigkeit und kindliche Neugier wird zum Maß aller Dinge wird und bringt die Heilung.

Ich selbst neige bei meiner eigenen Literatur, das gestörte Kind-Eltern-Verhältnis in den Mittelpunkt zu stellen. Die Bewunderung für Ortheil und seinem Buch über seinen eigenen Weg zum Konzertpianisten hat etwas mit meinem eigenen Trauma zu tun, das ich leider auch weiterhin in meinen Texten verarbeiten werde, indem ich kaputte HeldInnen zeige, die sich aus dem Sumpf ihrer Verstrickungen lösen wollen, aber scheitern, weil sie in ihren erlernten Denkschleifen hängen bleiben.

Es wird auch immer meine eigene Geschichte bleiben, mein eigener Kampf mit meiner Herkunft. Und Klavierspielen gehört dazu. Als Kind wollte ich Klavierspielen lernen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, woher dieser Wunsch kam. Meine Eltern haben ihn mir nicht erfüllt. Mit dem Hinweis, dass für Instrument und Unterricht kein Geld da sei. Heute denke ich, dass meinen Eltern andere Beweggründe hatten.

Kreativität war in den Augen meiner Eltern etwas abgehobenes mit dem man sich nur Schaden zufügen konnte. Der vorgegebene Dreiklang aus Geburt, Arbeit, Tod könnte sich durch künstlerische und damit unproduktive (im kapitalistischen Sinne) Tätigkeit in eine Dissonanz verwandeln. Der Beruf des Künstlers wurde negiert und ähnlich wie der Beruf des Lehrers als Zumutung empfunden. Genauso gut hätte ich Zuhälter oder Kleinkrimineller werden können.

Ich opponierte zahm, erlernte auf Wunsch meiner Eltern das burschikose Instrument Akkordeon und reproduzierte brav Schlager und Volksmusik. Erst als ich mit vierzehn mir eine Gitarre kaufte, gelang es mir, meine eigene musikalische Kreativität auszuleben. Ich übte wie ein Wahnsinniger Gitarre, lernte stundenlang Solis auswendig und konnte bald in Bands als Lead-Gitarrist reüssieren, da ich mir das improvisieren selbst beigebracht hatte.

Trotzdem blieb eine Lücke, die ich mit neundreißig Jahren endlich füllen konnte. Ich nahm Klavierunterricht. Seit nun mehr zwölf Jahren tobe ich mich auf dem Instrument aus. Ich bin kein Virtuose und werde es nie werden. Allerdings spüre ich mich selbst, wenn ich spiele. Ich kann meinen Emotionen den Ausdruck verleihen, den sie brauchen, um mich am Leben zu erhalten. Genau vor den Ausdruck der Emotionen schienen meine Eltern Angst zu haben.

Am Dienstag trete ich mit meiner Tochter auf einem Konzert auf. Sie ist vierzehn und spielt Bachs Präludium in C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier und ich begleite sie mit dem Ave Maria von Gounod. Das Trauma muss sich nicht wiederholen und lebt nur in meiner Literatur weiter.

Wie es mit mir und Ortheil weiter geht, weiß ich noch nicht. Ich habe mich noch nicht mit ihm zur Schaumparty verabredet.

https://www.ortheil-blog.de/

Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 –  Das hündische Herz von Michail Bulgakow

Der Begriff des Fortschritts ist einer der Schlagworte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Vorstellung, mittels des Fortschritts könne man aus dem fehlerhaften Naturprodukt Mensch ein perfektes Wesen formen, dessen Makellosigkeit die Zukunft grell überstrahlen wird, sind gerade in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts viele Ideologen, Politiker und Wissenschaftler erlegen. Die russische Revolution sollte die Versprechungen des Fortschritts einlösen, in dem der edle Proletarier eine Welt ohne Elend und Armut erschafft. Scheinbar hatte der Mensch sich als moralisches und politisches Wesen perfektioniert, indem er alle sozialen Ungleichheiten ausmerzte. Alle Bürger Russlands wurden zu linientreuen Kommunisten erklärt, die den Segen des Fortschrittes im Rahmen der Weltrevolution allen Menschen dieser Erde zu Gute kommen lassen sollten. Der politische Fortschritt blieb aber nur eine armselige Verheißung. Keines der Versprechen konnte erfüllt werden. Schon schnell ging man dazu über, einzelnen Menschen politische Macht zu übertragen, die mit ihren von Angst und Narzissmus getriebenen Egos den Totalitarismus und Faschismus formten. Plötzlich verstand man unter Gleichheit und Gerechtigkeit, dass den politischen Führern alles gehörte und dem Volk nichts. Ähnliches passierte mit der Wissenschaft. Eine Zeitlang hatte der technische Fortschritt Möglichkeiten aufgezeigt, Elend, Krankheit, Hunger und Armut unter den Menschen auszumerzen. Man arbeitete an der Weltformel und schuf nur die Atombombe.  

 Als Michail Bulgakow in den zwanziger Jahren seine Texte schrieb, hatte er schon das Versagen des Fortschritts zu spüren bekommen und mit dem hündischen Herzen schien er eine Satire auf das Versagen der Menschlichkeit geschrieben zu haben, die noch heute ihre Gültigkeit hat. Im Prinzip hat er ein einfaches dramatisches Mittel genutzt, um den Leser neugierig zu machen. Uns Menschen faszinieren Geschichten von Wissenschaftlers, die alle Grenzen überschreiten und keine Rücksicht auf Moral oder gesellschaftliche Konventionen nehmen, die nur zur Befriedigung ihres eigenen Egos, künstliche Kreaturen erschaffen.  Den meisten Menschen läuft es kalt dem Rücken runter, wenn sie Frankensteins Monster sehen. Zum Horror der Gegenwart gehören menschliche Ohren, die auf Mäuserücken gezüchtet werden, chinesische Wissenschaftler, die Designerbabys erschaffen, Schweineherzen, die Todgeweihten eingepflanzt werden. Wir gruseln uns und wenn der Grusel ins Groteske umkippt, hat es eine kartesianische Wirkung und wir lachen. Wenn alles gut wird, lachen wir über uns selbst.

 Sein literarischer Kniff bestand wahrscheinlich darin, der Groteske über Wissenschaftler, die aus einem Hund durch einen Eingriff einen Menschen machen wollen, Kritik an den Zuständen der sowjetischen Gesellschaft in den zwanziger Jahren hinzuzufügen. Es blieb für ihn nicht ohne Folgen: Das hündische Herz wurde verboten und der Originaltext galt sehr lange als verschollen.

Der Stoff, den Bulgakow in eine Novelle packte, eignet sich ideal als Theaterstück, so überzogen und slapstickartig erscheint die Geschichte, voller Aktion und grotesken Winkelzügen, dass ein Theaterensemble genügend Spielraum hat, um den Text in szenisch aufzuarbeiten.  

Der treuherzige und anhängliche Streunerhund Lumpi gerät an den Prof. Preobraschenski, der sein Geld mit schönheitschirurgischen Eingriffen verdient. Die Leute stehen bei ihm Schlange, um sich gegen Barzahlung ihre körperlichen Makel wegoperieren zu lassen. Sein Einfluss und Wohlstand erwirbt er sich durch die Behandlung von Parteikadern und Funktionsträger. Sein größtes Problem ist es, das anständiges Essen auf den Tisch stehen muss und er die größte Wohnung von allen haben muss, während draußen der einfach Sowjetbürger hungert und sich mit ein paar Quadratmetern in Gemeinschaftsunterkünften zufrieden geben muss. Sein Ego ist mindestens genauso pflegebedürftig wie das seiner Patienten und daraus erwächst groteske Eitelkeit und Korruption. All das, was man mit der kommunistischen Revolution aus der Welt schaffen wollte.

Als Lumpi auftaucht, wittert der Professor seine Chance, ein Experiment zu vollenden, dass seiner Eitelkeit maximale Befriedigung verschafft. Er lässt den alkoholabhängigen Obdachlosen, der vor seinem Haus herumlungert und Passanten beschimpft, vom Hausmeister um die Ecke bringen, um mittels Transplantation der Hyphopyse und der Hoden des Obdachlosen den Hund in einen Menschen zu verwandeln.

Das Experiment glückt und misslingt gleichermaßen. Lumpi verwandelt sich in Lumpikow und erwirbt die unangenehmen Eigenschaften des Obdachlosen. Er verbreitet Chaos, benimmt sich daneben und wird zu guter Letzt noch ein Beamter, der für die Vernichtung streunender Katzen zuständig ist.  Der Professor ist genervt von seiner Kreatur, die letztendlich auch seinen Wohlstand und seinen Ruf gefährdet. Also wird Lumpikow per Eingriff wieder in den friedlichen Köter verwandelt.

Wieder einmal saßen wir unter Pandemiebedingungen in unserem geliebten Stadttheater und ließen uns von einem engagiert spielenden Darstellern und dem einmaligen Bühnenbild mitreißen. Man hatte die Wohnung des Professors auf einer Drehbühne aufgebaut und so geschickt mit entgegen gesetzten Drehbewegung der Bühne gearbeitet, um die Arbeit des Professors am OP-Tisch selbst wie ein Groteske wirken zu lassen. Das Stück wechselt von temporeichen Szenen zu gemächlichen Einstellungen. Die Übertreibungen des Autors dienen der Satire und der Groteske und dem wurde die Inszenierung gerecht. Gerade bei solchen Stücken besteht die Gefahr, dass sie in die seichten Gefilde eine Komödie abrutschen. Diesen Fehler vermied man und so blieb die Aussage, dass der Mensch trotz Fortschritt und Streben nach Perfektion ein fehlerhaftes Wesen bleibt, erhalten. Gerade in Zeiten, in denen jeder hart an seiner Instagramibility arbeitet und Politiker unter Politik die Inszenierung von Politik verstehen, bleibt das Stück hochaktuell.  

Sollte man seine schärfste Kritikerin heiraten?

Die Frage stellt sich mir gar nicht mehr. Ich habe Sie schon vor neun Jahren geheiratet. In vielen Lebensbereichen betrachtet mich meine Ehefrau durch eine rosarote Brille und lässt nichts auf mich kommen. Ich sehe dann, wie sie mich verliebt anstarrt und mich mit den schönsten Umschreibungen auf einen Sockel hebt von dem ich niemals herunter fallen werde. Sie beginnt dann ihre Sätze mit „Mein Mann“. Wenn sie mir die Ehre erweist und mich als ihr Eigentum bezeichnet, impliziert das auch meine Einzigartigkeit, denn die Stelle als ihren Mann hat sie nur einmal vergeben und die habe ich hoffentlich lebenslang inne.

Und trotzdem bin ich nicht der Traummann für alle Fälle. Manchmal legt sie es darauf an, meine Unzulänglichkeiten bloßzustellen und mich in die Schranken zu weisen. Oftmals denke ich, ihre Attacken werden mit der Dauer unserer Beziehung heftiger und sie lässt sich häufiger dazu hinreißen. Bei genauerer Betrachtung stelle ich fest, dass sie schon immer zwischen Jubel und Tadel in schöner Sinusregelmäßigkeit hin- und her oszillierte.

 Es könnte aber auch am oszillieren meiner Selbstwahrnehmung liegen, die einer phasengleichen Schwingung unterliegt wie das Verhalten meiner Frau. Manchmal fühle ich mich wertlos, nicht wertgeschätzt, unsichtbar, glaube nicht an meine Fähigkeiten oder gehe fest davon aus, dass sie niemand außer mir wahrnimmt. Zwei Minuten später spucke ich selbstverliebte Lobeshymnen auf mein Intelligenz, meine Fähigkeiten und meine überragende Persönlichkeit aus. Ich hinterlasse dann den Eindruck, vollkommener Entrücktheit und einer damit verbundenen Arroganz, die alle Anwesenden kalte Luft durch die Zahnreihen ansaugen lässt.

 Ich kenne ja die Ursache meiner Unausgeglichenheit. Ich weiß, wie ich groß geworden bin und in welch merkwürdiger Versuchsanordnung ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe. Äußerlich betrachtet bin ich ein typisches westdeutsches Kind, aufgewachsen in den Siebziger- und Achtziger Jahren, wohlbehütet und gut versorgt. Viele aus meiner Generation wissen, was sich hinter der Fassade aus Neubaugebieten, Pauschalreisen in den Süden, Sportschau, bunten Plastikpullis, Farbfernsehgeräten, Videorecordern, C64 Home-Computern und Tiefkühltruhen verborgen hat: Lieblosigkeit, Zukunftsängste, soziale Kontrolle und die Ablehnung bestimmter Denkweisen.

 Ich habe mich in der Welt meiner Kindheit fehl am Platz gefühlt. Meine ganze Kindheit war bestimmt durch die unbestimmte Ahnung, dass irgendetwas nicht mit mir stimmt. Heute weiß ich: Mit mir war mehr in Ordnung als ich damals wissen konnte. Das ist die Kurzversion der Geschichte meiner psychischen Defizite. Wer sich aber fehl am Platze fühlt, wird entweder ausbrechen oder verhaltensauffällig werden. Ausbrechen versuche ich immer wieder (und scheitere) und verhaltensauffällig werden kann ich auch.

 Meine kindliche Erfahrung hatte auch positive Auswirkungen auf mich. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund bin ich relativ bodenständig und verantwortungsbewusst geworden. Meine Macken sind nicht sofort sichtbar und ich bin kein Typ mit irren Blick, der den ganzen Tag damit verbringt, seine Umgebung zu terrorisieren. Irgendwie hat mich meine gefühlte Andersartigkeit dazu bewegt, über meinen Horizont hinauszuschauen und neue Welten für mich zu entdecken.

 Und weil mir immer alle meinen Entdeckerreisen ausreden wollten, habe ich mir eine Hartnäckigkeit und Ausdauer anerzogen, die glücklicherweise auf alle Lebensbereich ausstrahlt. Wenn ich mir etwas vorgenommen habe, gebe ich nicht auf, bis ich mein Ziel erreicht habe. Ich habe keine Angst vor unbekannten Terrain und ich brauche immer wieder neue intellektuelle Impulse, um meine Zufriedenheit zu spüren.

 Meine Frau ist in einem ähnlichen Milieu groß geworden und doch hat sie eine ganz andere Persönlichkeitsstruktur. Sie denkt geradeaus und hat die seltene Fähigkeit, sachlich und pointiert ihre Standpunkte darzulegen. Sie ist eine kleine und starke Frau, die beim Gehen ihren Kopf immer leicht anhebt und die absolut mit sich im Reinen zu sein scheint. Allerdings schlummern in ihr auch die kleinen Monster der Unzulänglichkeiten. Sie hat sie nur besser unter Kontrolle und ist immer wieder darauf bedacht, ihre inneren Kämpfe still mit sich selbst auszutragen.

Wenn man sie fragt, ob irgendetwas was nicht in Ordnung sei und als Antwort ein Nix bekommt, sollte man in Deckung gehen. Die Bombe in ihr könnte jederzeit platzen. Oft schafft sie es, sie zu entschärfen, aber manchmal fliegt die Bombe allen um die Ohren.

 Zudem sind wir beide Menschen, die sich mit vielen Themen intellektuell auseinandersetzen, oft gemeinsam in intensiven Gesprächen, aber bei manchen Themen denken wir für uns alleine.

 Gerade in Bezug auf Musik und Literatur sind wir höchst unterschiedlich gepolt. Ich mache mich immer lustig über ihre Ahnungslosigkeit in Sachen Musik. Am liebsten dudelt sie die alten Techno- und Grungehits aus den Neunzigern vor sich her (was an sich schon eine krasse Mischung ist). Ich habe alle möglichen Stilrichtungen und Epochen, Pop, Rock, Heavy, ProgRock, Elektro, Minimal, Klassik von frühester Kindheit erforscht und durchdrungen. Die Musik war für mich neben der Literatur die Möglichkeit mich selbst zu bestimmen und die Lieblosigkeit meiner Umgebung zu überwinden. Meine Frau und ich haben beide einen emotionalen Zugang zu Musik. Bei mir ist es nur so, dass ich ständig heulen muss, weil ich ergriffen bin und sie sucht das heillose Vergnügen in schönen Melodien.

 Noch schlimmer ist es bei der Literatur. Natürlich haben wir einen gemeinsamen Kanon, der aber irgendwie immer kleiner wird. Ich lese typische „Männerliteratur“ (ja auch Hannah Ahrendt hat Männerphilosophie betrieben, ihr blieb nichts anderes übrig), große kluge Männerköpfe, die entweder mit großen Wortkaskaden die Welt durchdringen und beschreiben oder mit ihren komplexen und natürlich politisch gefärbten Texten alles nur noch komplizierter machen wollen. Sie liest „Frauenliteratur“, Bücher (manchmal auch von Männern geschrieben), emotionale Schlachtschiffe, Familienepen, immer leicht esoterisch angehaucht.

 Ich glaube der letzten kleine gemeinsame Nenner war dieser Franzose, Edouard Louis, mit seinen ersten zwei Büchern, die ja irgendwie neben viel Sozialkritik auch eine Familiengeschichte erzählen und in seiner gesamten Tragik sehr emotional rüberkommen, die perfekte Mischung zwischen unserem Verständnis von Männer- und Frauenliteratur.

 Meine Frau könnte niemals Gefallen an Thomas Pynchon finden und ich könnte niemals diese Ferrante-Trümmer lesen.

 Als sie meinen Roman zum ersten Mal in die Finger bekam, hat sie die Struktur zu Recht kritisiert und ich habe ihn noch einmal komplett überarbeitet. Und weil ich von ihrem klaren Urteil begeistert war, habe ich ihr die zweite Version wieder zum Lesen gegeben.

 Monatelang habe ich sie angebettelt, sie möge doch die dreihundert Seiten über sich ergehen lassen, sie müsse mir doch nur mitteilen, ob der Text ihre formalen Kriterien eines guten Romans erfülle (Ihre Vorgabe war: schreib deinen Roman wie deine Kurzgeschichten).

 Sie hat sich gewunden, Ausreden gesucht, naja der Sommer war stressig, die Pandemie, wir haben unser Haus modernisiert, habe ich ja gerne Verständnis für aufgebracht. Jetzt nach einem knappen dreiviertel Jahr hat sie mir ihr Urteil über das erste und zweite Kapitel überbracht. Das wäre ja alles total unglaubwürdig. Sie käme ganz schwer in die Geschichte rein. Die zwei Hauptfiguren seien so arrogant und unsympathisch. Warum sie mit dieser Amerikanerin durch Florenz laufen, dass macht ja überhaupt keinen Sinn! Ich habe sie dann darüber aufgeklärt, dass das ganze Buch schon einen gewissen Spannungsbogen habe und die Entwicklung der Figuren das ganze Buch in Anspruch nähme, man am Ende erst die Zusammenhänge verstehe und man ja auch deshalb das Buch lese, weil man die Auflösung am Ende erwarte. Dann habe ich noch irgendetwas von Suspense a la Hitchcock erzählt, ist ja auch so ein Männerding, nackte blonde Frauen, die in Duschen gemeuchelt werden. Sie ist während meiner Ausführungen vor mir weggelaufen und als ich sie im Wohnzimmer in die Enge getrieben hatte, hatte ich noch ein Beispiel parat: Der talentierte Mr. Ripley! Der arrogante Narzisst, die die ganze Zeit damit verbringt seine Verbrechen und seine Identität zu verbergen. „Von einer Frau geschrieben“, rufe ich aus. Meine Gattin starrte mich ungläubig an. Was denn das für ein Beispiel sei? Nachdem sich die Gemüter beruhigt hatten, versprach sie mir, meinen Roman zu Ende zu lesen. Sie könne allerdings immer nur vier oder fünf Seiten lesen und dann müsse sie aufhören, weil sie der ganz abgehobene Sprachduktus nerve. Sie hat mir dann noch meine Flüchtigkeitsfehler vorgeworfen.

„Du hast außerdem geschrieben: Er ist zur Tür hinausgeschlürft!“

Während sie das Wohnzimmer verließ, um sich wieder ihren Arbeiten zu widmen, amüsierte sie sich über meinen Fauxpas. Zu meiner Verteidigung rief ich ihr noch hinter her, dass das jedem Autoren passiere und dass es deswegen nun einmal Testleser und ein Lektorat gäbe. Sie hat es absichtlich überhört.

So haben sich also Autoren gefühlt, die mit ansehen mussten, wenn Marcel Reich-Raniciki ihre Bücher im literarischen Quartett verbal vernichtet hat. Mittlerweile bin ich alt genug, um auch daran nur das Positive zu erkennen.  Wenn ich die Kritik meiner Ehefrau überlebe, muss ich mich vor keinem anderen Kritiker mehr ängstigen. Vielleicht ist das der ganze Clou an der Sache. Ich habe vielleicht in dem Bewusstsein, dass mir nichts mehr geschehen könne, wenn meine schärfste Kritikerin meine Ehefrau wird, diese Frau geheiratet. Wer weiß das schon?

Der Winter drückt aufs Gemüt

Die winterliche Tristesse, die Melange aus Dunkelheit, Nässe und Kälte, erzeugt in mir keine romantischen Empfindungen. Ich kann mich nicht für schwülstige Abende am Kaminfeuer erwärmen und auch kuschelige Sofaepisoden, Schafsfellschuhe, Wärmflaschen, Dinkelkernkissenorgien und heißer Tee führen bei mir nicht zu bewusstseinserweiternde Wintererfahrungen. Winterspaziergänge und die klare kalte Luft pusten mein Hirn auch nicht durch und erwecken meine müden Glieder…egal was mir der Winter verspricht, ich stehe immer kurz vor einer Melancholie, fühle mich abgeschlagen, leer und friere mich zitternd durch den Tag.

 Das hat auch leider eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf mein schriftstellerisches Schaffen. Ich habe das Gefühl im Sommerhalbjahr das aufholen zu können, was ich im Winter versäumt habe. Über die Jahre habe ich mir meine Schreibroutine angewöhnt, die ich im Winter auch nicht unterbreche. Am Wochenende schreibe ich jeden Tag mindestens zwei bis drei Seiten Romantext. Im Sommer fällt mir das leicht. Bei Sonnenschein, mit meinem Autorenbesteck an meinem Lieblingsplatz, sehe ich den Weintrauben beim Wachsen zu und schreibe fröhlich vor mich her. Ich bin in der Lage das Geschriebene zu reflektieren und habe das Gefühl, die richtigen Worte zu finden. Im Winter sitze ich vor meinem Bildschirm und presse jedes Wort aus meinen verdorrten Hirnwindungen. Es fällt mir so schwer an meiner Routine festzuhalten. Oft lege ich schon meine Schreibpausen, die ich immer nach einem abgeschlossenen Abschnitt einlege, in den Winter. Ich muss mich dann wieder zum Weitermachen zwingen, spätestens zum Jahresbeginn, wenn ich Urlaub habe, muss es weitergehen. Bloß den Schaffensprozess nicht abreißen lassen. Es ist schon schlimm genug, dass ich so viele Jahre für ein Romanprojekt brauche (ich mag jetzt gar nicht darüber nachdenken wieviel Jahre ich für Roman zwei und Roman drei schon aufgewendet habe, sonst verstecke ich mich unter dem Wohnzimmertisch und komme im Frühling erst wieder raus)

 Spätestens Ende Januar ergießt sich pechschwarzer Teer zäh und langsam über mein Leben. Es wird kaum spürbar morgens früher hell und abends später dunkel. Das Wetter ist trübe und die Kälte saugt mir allen Willen und Lust am Denken aus dem Schädel. Ich lasse alle Hoffnung auf den Frühling fahren. Seltsamerweise habe ich in diesem Winter ca. 89 Seiten geschrieben. Ich hatte in einem früheren Beitrag über den geplanten Inhalt des aktuellen Teils berichtet. Später werde ich noch einmal darauf zurückkommen und vergleichen, ob ich bei meinem Plan geblieben bin und auch den Empfehlungen meiner Abonnenten gefolgt bin. Ich bin selbst gespannt, ob ich meinem Plan treu bleiben konnte oder nicht!

Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Gold von Philipp Gärtner

Liebes Theater, da bin ich wieder! Ich habe den ganzen Tag gearbeitet, mir den Mund fusselig geredet, bin von einem Ort zum nächsten gehetzt und was machst du? Du zeigst mir ein Stück über die Apokalypse, das in einem Streitgespräch zwischen zwei Autos mündet. Schäm dich! Ich brauche Unterhaltung! Ach so, das ist Unterhaltung?!

 Neue Autoren und neue Stücke waren früher am Theater in der Provinz nicht gern gesehen. Sie stifteten Unruhe, weil sie neue Gedanken formulierten, denen man genauso misstrauisch begegnete wie Hausbesetzern, Gastarbeitern oder Grünen-Landtagsabgeordneten. Ich kann mich noch an die Theaterabenden in den Neunzigern erinnern, als alte graue Männer in  Beerdigungsanzügen und alte graue Frauen mit Dauerwellen im Abendkleid moderne Inszenierungen und neue Autoren gnadenlos ausgebuht haben oder das Theater während dem ersten Akt türenknallend verlassen haben. Ein emotionaler Ausbruch bürgerlicher Dünnhäutigkeit in der Spätphase der Bonner Republik.  Und das obwohl das neue deutsche Regietheater a la Castorf mit nackten, wahlweise kopulierenden oder blutüberströmenden Darstellen vollkommen an der Provinz vorübergegangen war. Es reichte schon, wenn man einen Schiller neu interpretierte, um den Unmut des Bildungsbürgertums zu erregen.

Glücklicherweise sind diese Zeiten vorbei. Der Zuschauer ist offener für Neues geworden, begrüßt neue Interpretationen und neue Impulse durch unbekannte Nachwuchsautoren.

Philip Gärtner hat mit Gold ein solches Stück geschrieben. Berichte über das Leben nach der Apokalypse, nach dem „Great Reset“ wie die Verschwörungsschwurbler gerne dazu sagen, sind in den letzten Jahren zu einem wichtigen Bestandteil der urbanen Mythen geworden, die man sich gerne im Kino oder auf Netflix erzählt. Sie reichen oft ins Fantastische und beschreiben die Welt nach der Apokalypse als gefährlichen Ort, in dem die letzten Überlebenden gegen Zombies, Außerirdische, Viren und andere Gefahren aus unseren Alpträumen zu kämpfen haben. Ähnlich wie früher Märchen sind sie die leibhaftigen Warnschilder einer Zivilisation, die sich vor sich selbst schützen muss.

Da ist es schon ein fieser Move, wenn sich Phillip Gärtner das Sterntalermärchen der Brüder Grimm als Referenz nimmt und die Geschichte eines Mädchens erzählt, dass ganz arglos durch seine graue und armselige Welt stapft und das Opfer seiner eigenen Naivität wird. In beiden Fällen kommt es zur Befreiung vom Elend, in dem Gold vom Himmel fällt. Im Märchen folgt der Wohlstand und im Theaterstück erfolgt die Befreiung vom Kapitalismus, der dem Erreichen des Wohlstands für Wenige die Menschlichkeit und Solidarität unterordnet.

Das Theaterstück besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil wird der soziale Abstieg von Tilda erzählt, die in Folge eines Unfalls, den sie nicht verursacht hat, alles verliert, bis sie in einem Supermarkt als Ladendiebin festgenommen wird und in dem Moment als sie am tiefsten Punkt ihres Elends angelangt ist, Goldklumpen vom Himmel fallen, die die Welt zerstören. Im zweiten Teil erleben wir die Zeit nach der Apokalypse, bruchstückhaft werden verschieden Schicksale beschrieben und zwischendurch hören wir Sprachaufzeichnungen, die Tilda mit ihrem Handy aufgenommen hat. Sie beschreibt ihre Flucht in die Kanalisation. Anfangs scheint sie Angst zu haben, aber je weiter sie in die Kanalisation vorankommt, weicht die Angst einer Euphorie und am Ende scheint sie sich von ihrem Schicksal befreit zu haben.

Das Stück ist gespickt mit Details, mit sprachlichen Finessen und einem anspruchsvollen Wortwitz, der manchmal etwas rüpelig wirkt, aber eigentlich von der eigentlichen Sprachkunst des Autors zeugt. Er macht die Apokalypse zum Ort einer philosophischen Auseinandersetzung mit dem Dasein des Menschen an sich, für den doch eigentlich die  Apokalypse Alltag ist und der sich darin völlig verliert. Und es gipfelt wirklich in einem Gespräch zwischen einem Nissan Micra und einem Mazda 323. Ein Dialog zweier empfindsamer Maschinen, die in dem Stück die einzigen Menschen zu sein scheinen, bis ihnen von Plünderern die Batterien aus dem Motorraum geklaut werden und sie schweigen.

Wie immer hat das Ensemble in einem spartanisch ausdrucksvollen Bühnenbild eine runde und ansprechende Leistung vollbracht. Mehr gibt es dazu gar nicht zu sagen.

Diesmal gab es also keinen Grund das Theater vorzeitig zu verlassen. Entertainment gab es keins. Allerdings eine unterhaltsame Auseinandersetzung mit der Gegenwart und ihrem Hang zum Untergangsszenario.  

 Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Der zerbrochene Krug von Heinrich v. Kleist

Wir waren seit einem Jahr nicht mehr im Theater. Es fühlte sich an wie ein Hundejahr.  Auf der Fahrt ins Theater ließen ich und meine Frau es Revue passieren und entdeckten nichts außer gähnende Leere und ein paar Impfdosen.

Ein lauer Klassiker aus dem Stückekanon der deutschen Theaterliteratur sollte unsere Laune verbessern!? Der Spielplan gibt es vor und ich war skeptisch, ob man das „Lustspiel“ rund um den Dorfrichter Adam, der korrupte Antiheld, der die Nötigung und Vergewaltigung eines jungen Mädchens verschleiert, um nicht selbst auf die Anklagebank zu geraten, in solchen Zeiten überhaupt inszenieren sollte?

Zum Glück hatte sich die Regisseurin Katharina Ramser genau die gleiche Frage gestellt und aus ihrem Unbehagen ein Konzept entwickelt, dass dieses in antiquierten Geschlechterverhältnissen verhaftete aber wahnsinnig gut geschriebene Stück in die Gegenwart holt und damit eine Aufgabe des Theaters erfüllt, die mich schon sehr früh zum Theaterfan gemacht hat. Theater soll verwirren, soll den Zuschauer dazu bringen, das eigene Denken und Handeln in Frage zu stellen und neue Horizonte eröffnen, die eine politische und gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben können.

Erst einmal zu den Rahmenbedingungen: man hat sich im Stadttheater Gießen für den Zuschauerraum eine Schachbrettlösung einfallen lassen. D.h. Jeder zweite Platz ist besetzt und sogar Abonnenten, die aus einem Haushalt kommen, müssen einen Platz zwischen sich frei lassen. Außerdem gilt auch während der Vorstellung Maskenplicht. Dafür bleiben die Türen zum Zuschauerraum während der Vorstellung geöffnet, um einen Luftaustausch zu ermöglichen und die Pause entfällt. Zwischen meiner Frau und mir ist ein Platz frei. Wir packen unsere Jacken auf den Sitz und sind noch unsicher, ob wir uns auf den Abend freuen dürfen.

Für uns fing der Abend hektisch an. Wir waren in Wetzlar zu spät losgefahren, haben erst keinen Parkplatz gefunden und sind zwei Minuten vor dem Beginn der Vorstellung auf unseren Plätzen gelandet. Wir haben uns nicht viel vorher mit dem Stück beschäftigt und ich muss zugeben, ich habe das Stück noch nie gesehen oder es gelesen.

Es geht ja nur um einen zerbrochenen Krug und das Gewese darum, meint man zumindest als oberflächlicher Theaterbesucher. Schon als der Vorhang aufgeht wird man vom Bühnenbild überrascht: Ein riesiger Flokati hängt von der Decke herunter und die Schauspieler rollen einer nach dem anderen unter dem Teppich hindurch. Das Gerichtsverfahren rund um die Beschädigung des Kruges ist nur die Oberfläche und wie beim Teppich wird der ganze Dreck unter den Stoff gekehrt.

Vielleicht sollte man an der Stelle die Idee der Inszenierung erklären. Katharina Ramser hat ihr Konzept in einem Podcast des Stadttheaters sehr anschaulich erklärt. In Zeiten, in der die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht mehr nur diskutiert wird, sondern auch durch Enthüllungen wie bei MeToo  die konkreten Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau in Frage gestellt wird, kann man das Stück in der bisherigen Form nur mit Bauchschmerzen inszenieren.  

Schließlich geht es doch um den alten weißen Mann, der seine Machtposition als Dorfrichter ausnutzt, um ein junges Mädchen, dass ihn um Hilfe bittet, zu missbrauchen und wahrscheinlich auch zu vergewaltigen (das wird natürlich in dem Stück niemals ausgesprochen, aber durch den zerbrochenen Krug als Symbol für die verlorene Unschuld angedeutet). Gleichzeitig ist das Stück als wahnsinnig flott und witzig geschriebenes Stück nicht umsonst das meistgespielte Stück der letzten hundertfünfzig Jahre in Deutschland. Katharina Ramser hat die Qualität des Stückes erhalten wollen, aber nicht um jeden Preis, indem sie dem Dorfrichter Adam nochmals die Gelegenheit gibt, sein Verbrechen auf der Bühne kleinzureden. Hätte sie ihre Inszenierung als Moralsaure Verurteilung des Autors und seines Stückes angelegt, hätte sie all die Qualitäten des Stückes zerstört.

 Also hat sie einfach die Rollen getauscht. Alle Männerrollen werden von Frauen gespielt und umgekehrt. Aber dann verwandeln sich die Frauen in ihren Rollen ja zu Bösewicht*Innen? Durch die stringente Geschlechteranpassung erkennt man als Zuschauer*In, dass es gar nicht mehr um die Frage geht, ob Männer oder Frauen an sich zum Machtmissbrauch fähig sind. Der Machtmissbrauch, die Korruption wird von der Geschlechterzuordnung getrennt. Dabei entsteht viel Reibung und viele Fragen, die dem Zuschauer*Innen durch den Kopf gehen sollte, wenn sie den Akteuren auf der Bühne zuschauen. Man fragt sich, warum das Opfer so ein Weicheityp ist und warum der Revisor wie eine Domina rüberkommen muss und nach einer gewissen Zeit vergisst man diese dümmlichen Fragen, die sich mit dem Geschlecht beschäftigen und man sieht nur noch die Geschichte um den Machtmissbrauch.

Das Ensemble hat sich wacker geschlagen  und für uns war es ein kurzweiliger Abend, der uns zum Nachdenken über die eigene Haltung zur Geschlechterfragen angeregt hat. Nach neunzig Minuten hinter der FFP2-Maske freue ich mich über das Ende des Stückes. Die Botschaft des Stückes schien angekommen zu sein, denn der Applaus wollte nicht abebben. Für uns ein unerwartet gelungener Neustart nach einem Jahr Theaterpause.

Mijn eerste reis met de elektrische Auto…Teil 3 Urlaub 

Wir sind nun schon zum fünften oder sechsten Mal in Oostkapelle. Ich weiß, was mich in dem kleinen Ort erwartet und daher kann ich mich immer schnell akklimatisieren. Die klar strukturierte Landschaft, die dem Auge des Betrachters trotz ihrer Kargheit unzählige Details bietet, das maritime Klima, die salzige Seeluft erzeugen in mir schnell ein Wohlempfinden, das ich gerne genieße. Dabei vergisst man schnell, dass die Niederländer unter größten Anstrengungen und Opfer dieses Land dem Meer abgerungen habe.   Angesichts dieser Leistung scheint die Unfähigkeit vieler deutschen Kartoffeln, sich Veränderungen anzupassen, in dem sie sich mit neuen Zivilisationstechniken auseinander setzen, wie ein Hohn auf die Fähigkeiten der Menschheit. Lieber empören sich die Kartoffeln, anstatt einfach mal etwas auszuprobieren. Sie motzen über die E-Autos und dass Ihnen das Fahrgefühl eines Verbrenners weggenommen wird und damit ihre persönliche Freiheit, sie fabulieren über die Wasserstofftechnik, die sie abwarten wollen, sie entdecken ihr Gewissen als Verbraucher und erzürnen sich plötzlich über den Abbau der seltenen Erden, die für die Herstellung der Akkus benötigt werden, haben aber Jahrzehntelang den Raubbau von Rohstoffen in den entlegensten und ärmsten Gegenden der Welt mit einem Achselzucken goutiert, Hauptsache sie müssen nicht in ein Elektroauto steigen.

 Ich habe nach dem Frühstück mein Auto an eine Ladesäule gebracht. Nicht weit von unserem Ferienhaus liegen die Dünen und der Strand und davor befindet sich ein großer gebührenpflichtiger Parkplatz mit einer Ladesäule.

 Die etwas altertümlich erscheinende Ladesäule ist frei. Es gibt kein Display, nur ein LED, dass mit verschiedenfarbig strahlt, um den Ladezustand anzuzeigen. Meine Shell-Karte funktioniert sofort, bis der Strom fließt dauert es eine Weil. Nach zwei langen Minuten steigt die Party und der Strom fließt. Ich schaue auf das Tachodisplay meiner ZOE (das Quietschen ist nicht mehr angebracht. Ich und meine Auto haben jetzt eine erwachsene Beziehung).

 Wir hatten einen langen Spaziergang am Strand eingeplant und da kommt mir die viereinhalb Stunden Ladezeit gerade recht.

 Am Strand, der Sonne und dem Wind ausgesetzt, laufen wir vier ca. Kilometer durch den nassen Sand, immer an der Wasserlinie entlang, nach Domburg.

 Domburg ist beliebter Ort für Touristen, mit Hotels, einer kleinen Fußgängerzone und unzähliger kleiner Restaurants, Eisdielen und Gaststätten. Für Oktober ist es zu warm und die Sonne strahlt ungehindert am wolkenarmen Himmel. Das zieht natürlich die Menschenmassen an, die die letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres genießen wollen, bevor die Finsternis, Regen und Kälte die unbarmherzige Seite des Herbstes offenbart.

 Wir setzen uns in ein kleines Cafe, trinken etwas und laufen durch den Wald, der hinter den Dünen liegt wieder nach Oostkapelle zurück. De Manteling ist ein Stück Waldidylle hinter den Dünen. Lange Alleen mit schiefen Bäumen, breiten Chauseen wechseln sich ab mit kleinen Pfaden, die durch niedrige Haine führen und auf der Hälfte des Weges im Wald liegt das Schloss Westhove inmitten eines Parks. Am Ende des Weges erreichen wir ziemlich abgekämpft und hungrig wieder den Parkplatz hinter dem Strand. Der Akku ist schon lange vollgeladen, der Parkplatz ist mittlerweile überfüllt, mein Parkticket schon seit zwei Stunden abgelaufen.

 In den Tagen darauf habe ich überall nach Ladesäulen Ausschau gehalten, um mir einen Überblick zu verschaffen. In all meinen Apps und Routenplanern wurden immer die gleichen Ladesäulen in Oostkapelle angezeigt. Ich habe mit dem Auto oder zu Fuß alle aufgesucht und war enttäuscht. Entweder gehörten die Ladesäulen zu Campingplätzen und Hotels und lagen auf beschrankten Parkplätzen oder es handelte sich um privaten Wallboxen.

 Nur an einem Hotel im Ortskern gab es eine frei verfügbare Ladesäule, zu Fuß ungefähr eine Viertelstunde von unserer Ferienwohnung entfernt. Ansonsten gab es überall an großen Parkplätzen, in zentralen Lagen, an Sehenswürdigkeiten ausreichend Ladesäulen. Gerade in Städten gab es mehr als ausreichend Ladesäulen, die ich auch alle mit meiner Shellkarte hätte nutzen können.

Ich bin also in der Woche nie in Schwierigkeiten geraten und mir stand zur jederzeit genügend Reichweite zur Verfügung, um wieder nach Hause zu kommen.

 Verglichen mit der Dichte an Ladesäulen bei uns in der Gegend, sind die Niederländer schon ein Stückchen weiter als wir.

 Z.B. waren wir im Watersnoodmuseum in Ouwekerk mitten in der Einöde, abseits der Hauptstraße. Das Museum schildert sehr eindrücklich die Auswirkungen der großen Sturmflut von 1953. Am Besucherparkplatz gab es zwei Ladesäulen. Während einem Museumsbesuch das Auto aufzuladen, finde ich sehr effektiv. Bei uns gäbe es an einem solch abgelegenen Ort keine Ladesäule.

 Ich bin kein großer Kenner des niederländischen Gemütes und die Niederländer sind mir manchmal ein Rätsel. Ich finde die Widersprüche und Brüche im gesellschaftlichen Handeln sind wesentlich frappierender und auffälliger als bei uns. Wir Kartoffeln neigen zum Konservatismus und Trägheit. Fortschritt und Veränderung macht uns eher Angst.

 Die Niederländer scheinen die Widersprüche ihres Handelns besser aushalten zu können.

 Ein paar Beispiele: In den Niederlanden könnte man durch die Affinität der Niederländer zum Radfahren den Eindruck bekommen, sie hätten die Verkehrswende schon hinter sich, die uns noch bevorsteht. In jedem größeren Ort gibt es regelrechte Fahrradautobahnen. Das Fahrrad hat immer Vorrang vor dem Auto. Leider ist dem nicht so. Genauso wie bei uns ist die Verkehrsinfrastruktur auf das Auto ausgelegt. Der öffentliche Nahverkehr, gerade in ländlichen Gegenden, wird genauso stiefmütterlich behandelt wie bei uns. Im Zug kann man im Regionalverkehr nicht ohne weiteres ein Fahrrad mitführen. Wir sind sogar mal mit unseren Fahrräder beinah des Zuges verwiesen worden, obwohl es ein Fahrradabteil gab.

Früher habe ich die Niederländer für ihre schönen und großzügigen Supermärkte bewundert. Vor fünfzehn Jahren gab es im Albert Heijn riesige Kühlregale mit Glastüren, um Energie zu sparen. Heute fällt mir allerdings auf, dass die Niederländer immer noch alles in Plastik verpacken. Das Brot, das Gemüse, Obst, alles wird in Plastik gepackt. Als hätte es in den letzten Jahren keine Diskussion um Plastikverpackungen gegeben. Während bei uns überall Unverpacktläden aus dem Boden sprießen und in Frankreich sogar Carrefour als größte Supermarktkette Unverpackt-Abteilungen hat, wird in den Niederlanden einfach alles in dünnes, transparentes Plastik gesteckt.      Auch bei der Ernährung sind die Niederländer eher wahllos. Es gibt wenig wirklich vergane oder vegetarische Speisen in Restaurants. Alles wird im Pflanzenfett frittiert (deswegen gibt es wahrscheinlich auch vegane Krokett) und trotzdem sieht man wenige übergewichtige Niederländer, während bei uns die Adipositas äußerliches Kennzeichen von Wohlstand ist und weite Teile der Bevölkerung befallen hat.

 Wenn man mit dem Fahrrad über die Osterschelde fährt, sieht man überall am Wegesrand Bauteile für Windräder liegen. Dort werden auf fünf Kilometer Länge mehr Windräder gebaut als in ganz Deutschland in einem Jahr. Die Niederlande hat eine lange Küste, viele menschenleere Gegenden und immer und überall weht Wind. Das Land der Windmühlen hat eine lange Tradition im Erzeugen von Energie aus Wind und trotzdem verbrauchen die Niederländer prozentual hauptsächlich Öl und Gas und erneuerbare Energien spielen eine untergeordnete Rolle und obwohl das Benzin mehr als zwei Euro pro Liter kostet, fahren nicht mehr Elektroautos auf den Straßen als bei uns.

 Vielleicht ist der Weg zu einer klimaneutralen Nutzung von Energie in den Niederlanden ein wenig kürzer bei uns. Aber trotzdem gibt es auch für die Niederländer viel zu tun. Vielleicht ist es nur mein subjektiver Eindruck, aber die Trägheit der Institutionen und der Menschen scheint nicht nur in Deutschland ein großes Problem zu sein.

 Nach einer Woche Erholung sind wir schweren Herzens wieder nach Hause gefahren. Ich gebe es zu: ich kann nach einer Woche keine Pommes mehr sehen und das Leben in einem kleinen Ferienhaus mit einer fünfköpfigen Familie kann anstrengend sein, insbesondere an Regentagen. Aber noch so eine Woche Urlaub hätte uns allen gut getan.

Auf der Rückfahrt gab es in Aachen noch einen kleinen Aufreger. Mit ca. 18% Akku und ca. 56 km Reichweite bin ich in Aachen angekommen. Auf dem Supermarktparkplatz war die Ladesäule belegt. Jetzt war ich doch wahrhaftig etwas nervös. Ich habe wild auf meinem Handy rumgetippt und in Googlemaps die vorher markierten Ladesäulen rausgesucht. Die nächste Ladesäule war angeblich an einer Shell-Tankstelle gleich um die Ecke.

 Die Ladesäule an der Tankstelle war zwar frei, aber leider nicht nutzbar. Wie ich nach längerem Herumprobieren herausgefunden hatte, konnte man die Ladesäulen nur nutzen, wenn man eine Kundenkarte der Tankstelle hatte.

 Beim Herumprobieren bin ich um mein Auto herum getänzelt, habe das Ladekabel rein und rausgesteckt und mit der Shellkarte herumhantiert.

 Ein Mann sprach mich an und fragte mich, ob ich lange laden müsse. Seine Verwandten aus Berlin müssten unbedingt ihr Auto laden, um nach Hause fahren zu können. Die Ladesäulen der Strawag, dem regionalen Versorger, seien alle ausgefallen. Mist, das waren die Ladesäulen, die ich als nächstes anfahren wollte. Während ich kurz Schnappatmung bekam, fragte er mich noch, wie das denn mit den Ladesäulen funktioniert. Okay? Wie sind diese Menschen mit ihrem Auto von Berlin hierher gekommen, wenn sie nicht mal wissen, wie das Laden funktioniert?

 Etwas zittrig habe ich mich ins Auto gesetzt und meine Tochter hat mich gefragt, ob wir jetzt noch nach Hause kämen. Um keine Panik aufkommen zu lassen, habe ich die Eco-Taste gedrückt und bin langsam vom Tankstellenhof runtergerollt, um den Weg zu den Strawag-Säulen zu suchen.

 Rund um die Verwaltung der Strawag gab es laut der App mindestens 10 Ladesäulen. Als wir dort angekommen waren. habe ich sofort eine freie Säule gefunden. Ein Sprinter hatte zwar schon den Chademo-Anschluss in Beschlag genommen, aber mein Typ2-Anschluss war noch frei.

 Die Zoe war schnell angeschlossen und doch ging es mit dem Laden nicht los. Das andere Fahrzeug hatte alle Ladekapazität in Beschlag genommen und ich war jetzt sozusagen in der Warteschlange.

 Ich wollte jetzt nicht den ganzen Tag in Aachen verbringen und darauf warten, bis der Sprinter vollgeladen war. Also bin ich mit meiner Tochter losgezogen und habe die Lage gecheckt. Wir haben nach einem Fußmarsch von zwanzig Minuten herausgefunden, dass die meisten Ladesäulen auf dem Gelände der Strawag dem Personal der Strawag vorbehalten waren. Auf der Hälfte der Strecke haben wir uns in einem Aldi etwas zu Essen geholt und sind zurückgelaufen und als meine Tochter mich überreden wollte, dass wir doch lieber nochmal weiter fahren sollten und ich total unentschlossen war, habe ich auf dem Kundenparkplatz der Strawag noch eine freie Ladesäule gesehen. Wir sind zu unserem Auto zurückgeeilt und gerade als ich den Stecker ziehen wollte, sehe ich auf dem Display, dass meine Zoe schon geladen wird. Erleichtert haben wir uns an der Haltestelle in der Nähe einen Bus in die Innenstadt gesucht und haben uns im Starbucks in der Nähe des Aachener Rathauses die Zeit vertrödelt, sind bei einem Asiaten Essen gewesen und haben ein wenig die Stadt erkundet.

 Nach zwei Stunden sind wir wieder weiter gefahren und abends waren wir gegen 19 Uhr zu Hause. Meine Frau und die beiden anderen Kinder sind mit dem Zug zurückgefahren. Diesmal hatte meine Frau sich eine andere Strecke herausgesucht und in s`Hertogenbosch mit den Kindern Mittagspause gemacht, um dann pünktlich nach Deutschland zu kommen. Diesmal hatte alles ohne Verzögerung geklappt und kurz nach dem wir nach Hause angekommen waren, habe ich die Drei am Bahnhof abgeholt.

 Der Urlaub lässt nur ein Fazit zu. Auch mit einem E-Auto kann man in den Urlaub fahren. Man braucht ein wenig Planung, ein wenig Mut zur Lücke, einen Plan B im Kopf und die Bereitschaft, sich auf die neue Situation einzulassen.