Standpunkt

Ich kann ja auch mal meinen Standpunkt verdeutlichen.

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Stadt, Land……Weltuntergang

Vor ein paar Wochen hat mich ein guter Freund besucht. Er wollte schon immer abgeschieden auf dem Land leben. Den Wunsch hat er sich vor ein paar Jahren gemeinsam mit seiner Ehefrau erfüllt. Sie haben sich ein Haus in einem kleinen Ort mit zweihundert Einwohnern gekauft. Die Hauptstraße, eine Buckelpiste mit tiefen Schlaglöchern führt durch das Dorf und endet im Wald. Es gibt dort kein Geschäft, keinen Kindergarten, keine Schule. Der nächste Ort mit nennenswerter Infrastruktur ist fünf Kilometer entfernt und seine Arbeitsstelle und die nächste Stadt ca. 10 Kilometer.

Als ich damals meine jetzige Frau kennen gelernt habe, die jahrelang in einer Großstadt gewohnt hat und nach ihrer Rückkehr in eine mittelgroße Kleinstadt mit 80.000 Einwohnern gezogen war, habe ich das Leben in der Stadt schätzen gelernt. Sie wohnte zur Miete in einer gemütlichen Altbauwohnung inmitten der Innenstadt. Wenn ich bei ihr war, war vieles sehr einfach. Zum Einkaufen, zum Essen ins Restaurant, zum Theaterbesuch ging man einfach um die Ecke.

Wir sind nach zwei Jahren in die Stadt gezogen, in der wir heute noch wohnen. Erst zur Miete, später haben wir uns ein Haus gekauft. Die Stadt hat 50.000 Einwohner und je nachdem in welchem Viertel man wohnt, hat man ähnlich kurze Wege wie in einer Großstadt. Wir hatten sehr viel Glück, dass wir zum richtigen Zeitpunkt ein Haus in einer Nebenstraße in einem recht ruhigen Viertel gefunden haben. Dieses Haus pflegen, schätzen und lieben wir über alles. Es ist das Heim unserer Familie. Zwei Erwachsene, drei Kinder, vier, acht und elf Jahre alt.

Mein Freund und ich saßen bei uns im Garten. Wir haben einen kleinen Gartenschuppen, eine fest gemauerte niedrige Hütte, mit einem Vordach und einem grünen Dach aus Traubenranken. Darunter befindet sich mein Lieblingsplatz. Im Sommer sitze ich dort und schreibe, rauche und unterhalte mich abends bei einem Glas Wein mit meiner Frau. Wenn mein Freund und ich uns gegenseitig besuchen, wälzen wir alle Probleme dieser Welt. Wir kennen uns seit über zwanzig Jahren und wir schätzen die Gesellschaft des anderen ungemein. Unsere Besuche finden ein- zwei Mal im Jahr statt und sind für jeden von uns immer ein Vergnügen.

Über Umwegen kamen wir auf das Thema Klimawandel. Mein Freund berichtete mir, dass seine älteste Tochter mit elf schon ein Handy habe. Als Eltern mit klarem Erziehungsauftrag murrten wir hörbar auf. Unsere Tochter bekommt erst mit vierzehn Jahren ein eigenes Handy. Wir erlauben ihr nur die kontrollierte Nutzung sozialer Medien. Er hat sich umgehend gerechtfertigt. Schließlich fahre nur der Schulbus nach Hause und ein Linienbus fahre nur ein- bis zweimal am Tag. Das heißt, wenn bei seiner Tochter Unterricht ausfällt oder irgendetwas in der Schule dazwischen kommt und sie den Bus verpasst, muss sie abgeholt werden. Bei uns ist das kein Problem. Wenn ein Bus nicht fährt oder meine Tochter den Bus verpasst, wartet sie einfach auf den Linienbus, der alle halbe Stunde fährt oder läuft nach Hause. Die Schule ist zwar in einem anderen Stadtteil, aber auf dem halben Weg liegt der Bahnhof und spätestens dort kann sie in den Bus einsteigen.

Schnell waren wir bei dem Thema Mobilität. Mein Freund und seine Familie sind auf Autos angewiesen. Es gibt wenige Möglichkeiten flexibel öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Meine Frau hat als Landesbedienstete sogar ein kostenloses Jahresticket für den ÖPNV und fährt jeden Morgen mit dem Zug in die Nachbarstadt und sie hat nachmittags wenig Schwierigkeiten pünktlich in die Kita zu kommen, um meinen Sohn abzuholen. Unsere beiden Töchter haben alle Jahrestickets für den ÖPNV (kostet 365 EUR pro Jahr) und kommen so auch flexibel zu allen möglichen Zeiten zur Schule und nach Hause. Es ging noch weiter. Wir kamen dann auf das Thema Müllvermeidung. Wir haben einen Bioladen in der Stadt, der Unverpackt anbietet und in der Nachbarstadt (in die wir am Wochenende mit dem Ticket meiner Frau kostenlos mit dem Zug fahren können) einen Unverpacktladen. D.h. wir können mit wenig Aufwand einen Großteil des Verpackungsmülls einsparen. Die gängigen Nahrungsmittel wie Nudeln, Reis, Müsli holen wir unverpackt und auch Reinigungsmittel, Pflegemittel bekommen wir unverpackt. Den gelben Sack nutzen wir seit Jahren nicht mehr. Ich habe gerade nach vier Wochen unsere schwarze Tonne vor die Tür gestellt und sie war nur zu einem Drittel gefüllt. Als wir noch nicht an Verpackungsmüll gespart haben, war die Tonne jedes Mal bis oben hin voll. Mein Freund geht in einen Rewe im Nachbarort und kann dort vielleicht Obst und Gemüse in mitgebrachte Taschen und Behältnisse verstauen und seinen gesamten Einkauf vielleicht in einen Korb stopfen. Wenn er aber dort an die Metzgertheke geht und darum bittet, dass die Wurst in ein mitgebrachtes Behältnis gepackt wird, wird er mit Kopfschütteln abgewiesen. Auch das ist bei uns möglich, weil es genug Leute in der Stadt gibt, die das von ihren Metzgern verlangen und die, um die Kunden nicht zu verlieren, auf den Wunsch eingehen. Einen Unverpacktladen gibt es bei meinem Freund eventuell in der nächsten Großstadt, die ungefähr fünfzig Kilometer entfernt ist. Mangels Öffentlicher Verkehrsmittel wird er da mit dem Auto hinfahren müssen, also kann er es sich gleich sparen und nur darauf hoffen, dass sein Supermarkt im Nachbarort irgendwann mal den Schuss gehört hat. Ich kann alle Strecken in der Stadt mit dem Fahrrad fahren. Die Radwege bei uns sind nicht optimal, aber wir haben welche. Wenn mein Freund in den nächsten Ort fahren will, muss er auf vielen Umwegen durch den Wald fahren oder auf einer Landstraße. Einen Radweg gibt es nicht. Er ist wegen der Natur aufs Land gezogen und für ihn ist es selbstverständlich für den Erhalt der derselben etwas zu tun. Er sieht in den Anstrengungen für Umwelt- und Klimaschutz ein Gewinn für seine Lebensqualität. Aber er hat weniger Möglichkeiten im Alltag aktiv Umwelt- und Klimaschutz zu betreiben.

Nach diesem Sommertag im Garten hat sich mir eine Frage aufgedrängt. Gibt es auch beim Umweltschutz ein neues gesellschaftliches Ungleichgewicht?

In den letzten Jahren hat sich die bundesrepublikanische Gesellschaft in vielen Bereichen auseinander bewegt: Ob links oder rechts, oben oder unten, Ost oder West, Stadt oder Land. Auch bei Umweltthemen öffnen sich die Gräben, die immer unüberwindbarer erscheinen, weil sie mit den anderen Gegensätzen korrespondieren. Wer in der Stadt lebt, sich vegetarisch oder vegan ernährt, mit dem Fahrrad fährt oder den Bus nutzt, der kurze Wege hat, hat es leicht auf solche Menschen wie meinen Freund hinabzuschauen, der gerne auf dem Land lebt, gerade weil er ein Interesse an der Natur und der Umwelt hat, aber auf das Auto angewiesen ist und nun einmal sich nicht den Luxus gönnen kann, in den Bioladen um die Ecke zu gehen.

Viele gesellschaftlich relevante Probleme wurden in den letzten Jahren von großen Teilen der Gesellschaft erfolgreich verdrängt. Die Überflussgesellschaft, die es gewohnt ist, von der Ausbeutung von Ressourcen und weniger entwickelten Ecken dieser Welt zu profitieren, hat erfolgreich jede Herausforderung zur Bedrohung des eigenen Lebensstandards uminterpretiert. Dabei bringt das Wegsehen die wirkliche Bedrohung hervor. Aus Trägheit und Desinteresse hat man jegliche Vorschläge zur Veränderung von Verhaltensweisen erfolgreich niedergeschrien. Wenn ich in Facebook die vielen hasserfüllten Beiträge von eigentlich friedlichen Mitmenschen lese, die sich höllisch über Greta Thunberg und politisch aktive Schüler aufregen und die mittels Statistiken aus der Bildzeitung beweisen wollen, dass Deutschland ja eh nichts ändern kann, da wir Deutschen nur ein Prozent der Weltbevölkerung stellen und China aufgrund der vielen Chinesen viel eher in der Pflicht ist, etwas gegen den Klimawandel zu tun, weiß ich, dass diese Menschen glauben, wirklich etwas zu verlieren, wenn sie ihr Verhalten ändern, indem sie anstatt mit dem SUV zum Bäcker zu fahren, die hundert Meter einfach mal laufen. Für sie geht es nur um den Statusverlust und nicht um die Frage nach der Veränderung unserer Lebensweise zugunsten unseres Planeten und uns selbst.

Die Haltung, die von der Weltanschauung, dass der Kapitalismus durch die Produktion des permanenten Überfluss anscheinend die Unsterblichkeit der eigenen Art garantiert, geprägt ist, treibt die Gesellschaft noch weiter auseinander. Wir müssen uns eigentlich über die Gräben hinweg die Hand reichen und uns überlegen, wie wir in Zukunft unsere Gesellschaft organisieren wollen, um jedem Bürger zu ermöglichen, dass er seinen Beitrag zur Ressourcenschonung leisten kann. Leider sind die Stimmen der Konservativen, die unter Bewahrung, das Vermeiden von Veränderung verstehen, viel zu grell und zu laut, um im Rahmen einer politischen Willensbildung die vollständige Veränderung aller Infrastrukturen zu erreichen. Das aktuelle Klimapaket der Bundesregierung bringt dies leider zum Ausdruck. Man will keine Wende, sondern nur Symbolpolitik, die die eine Seite beruhigt und die andere Seite bestätigt, die aber nichts zusammenbringt.

Dabei könnte es so einfach sein. Wir sitzen am Tisch im Garten und reden miteinander. Wir hören dem anderen zu, zeigen Verständnis für seine Situation und werben für Verständnis für unsere Situation. Dann kommt das Einverständnis über gemeinsame Ziele. Weil niemand will wirklich, dass diese Welt zugrunde geht. Das klingt romantisch, aber was im Kleinen funktioniert, könnte eventuell auch im Großen funktionieren.

Walter Schels/ The Ramen

Ein totgeborenes Kind, in Käseschmiere gehüllt, die Augen fest geschlossen, der Mund offen, zum Schrei geformt, vielleicht im Geburtskanal erstickt.

Ich betrete in Hamburg ein schmales kleines Restaurant: The Ramen in der Rosenstrasse. Ich bin nur ein Tag in der Stadt. Das Restaurant habe ich vorher im Internet ausgesucht. Den Tag Aufenthalt in der Stadt habe ich minutiös vorgeplant. Von elf bis eins Deichtorhallen, von eins bis zwei Elbphilharmonie und um zwei Uhr bis drei Uhr mittags japanische Suppe.

Ich bin emotional aufgewühlt, lasse mir aber nichts anmerken. Meine Rolle als distanzierter Betrachter kann ich nur schwer aufrechterhalten. Warum macht man es mir so schwer und beginnt die Ausstellung mit dem Foto einer Totgeburt?

Das Restaurant ist eng. Es bietet höchstens Sitzplätze für zwanzig Gäste. Der Koch bereitet das Essen vor den Augen der Gäste zu. Man kann der Spülkraft beim Beladen der Spülmaschine zuschauen. Es gibt zwei Tischreihen, die aus zwei getrennten Holzblöcken besteht. Die junge asiatische Bedienung weist mir freundlich meinen Platz zu. An der Wandreihe sitzen ein junger Mann und eine junge Frau. Auf den ersten Blick kann ich sehen, dass sie ein anstrengendes und ernstes Gesprächsthema durchkauen.

Neben dem kleinen Foto der Totgeburt hängt eine Reihe von Fotos mit kräftigen, gesunden Babys, die ihre Lebenskraft in die Welt hinausschreien.

Meine langen Beine unter dem schmalen Holzblock zu klemmen und für meine Jacke einen Ablageplatz zu finden, nimmt viel Zeit in Anspruch. Ich brüte und schwitze über der kleinen Speisekarte. Das Paar neben mir trennt sich gerade. Warum entblößen sie sich und zelebrieren das Ende ihrer Beziehung in der Öffentlichkeit?

Die an die Wand gedruckte Legende sagt: Walter Schels erkenne in den Neugeborenen etwas Greisenhaftes. Man kann nicht wissen, welche Wissen die Säuglinge schon mit in die Welt bringen. Vielleicht sind Neugeborene altkluge Wesen. Ich drehe mich um.

Er arbeitet sich vom Ende der Beziehung her durch einen riesigen Haufen von Verletzungen, die sie ihm zugefügt hat. Ich höre (ohne hinzuschauen), wie sie ihm angestrengt ihre ganze Aufmerksamkeit widmet. Mein Essen ist bestellt. Die junge asiatische Bedienung stellt eine Minz-Limo auf meinem Tischblock ab. Ich kann nicht weghören, verstecke mich hinter dem Display meines Handys und nippe gelegentlich an der Limo.

Auf der gegenüberliegenden Seite dominiert das Foto einer vertrockneten Tulpe. Spröde Vergänglichkeit, die sich bei einer Berührung in blasse, durchsichtige Krümel verwandelt. Die Fotos der Ausstellung strahlen mehr schwarz wie weiß. Kontrastreiche Linien, auch in der Anordnung der Exponate. Es gibt immer ein Gegenüber.

Zwei Gegenüber erläutern im Rahmen einer Supervision ihren professionellen Standpunkt. Der Beginn und das Ende sind die emotionalen Highlights. Wir waren so verliebt ineinander. Ich habe dich so gehasst. Abgeklärt wird das Dazwischen professionell und erwachsen aufgearbeitet. Auf der Zeitschiene rollt der Zug der Effizienz und Wirtschaftlichkeit über den Schmerz hinweg.

Nebenan ein anderer Raum, ein anderes Thema, Polyptychen: Geschlechterwandlungen von Mann zu Frau und Frau zu Mann. Ein Mann mit nacktem Oberkörper, dem auf dem nächsten Bild unter seinem männlichen Antlitz Brüste gewachsen sind. Im nächsten Schritt kann man es keinem Geschlecht zuordnen. Letztendlich ist der Mann zur Frau geworden. Ich bin verblüfft. Es fühlt sich so selbstverständlich und natürlich an.

Mit meinen Essstäbchen versuche ich glitschige Wantans im Suppentümpel einzufangen. Ich hatte andere Ziele in meinem Leben. Deshalb hat sich das mit uns nicht richtig angefühlt. Ich konnte dir so niemals gerecht werden. Ich habe meine neue Arbeitsstelle angenommen und dich nicht mit einbezogen. Ich war so fokussiert auf die Herausforderung. Da bist du untergegangen. Endlich habe ich einen Wantan gefangen und stopfe ihn ungeschickt in meinen Mund. Er ist viel zu heiß. Ich spucke ihn wieder aus. Das Fischen nimmt kein Ende.

Polaroids aus den siebziger Jahren. Probebilder aus einem Casting für Playboymodels. Ausnahmsweise in Farbe. Unscheinbare unscharfe Frauenkörper, mit Striemen am Bauch, Flecken an Armen und Beinen, schlecht frisiert und flachen Brüsten. Es könnten auch Bilder von Gewaltopfer sein. Der Fotograf dokumentiert ihre Verletzungen.

Ich treffe bewusst die Entscheidung, Ramen zu mögen und schlürfe die Schüssel lustvoll aus. Für einen Moment vergesse ich das Paar neben mir. Sie produzieren in einer Endlosschleife immer die gleichen Sätze. Als zitierten sie ein Buch über Kommunikationstechniken. Das verwaltete Grauen der Rücksichtnahme. Sie versuchen hinter den sorgfältig gewählten Worten ihre wahre Abscheu zu verbergen.

Eine Fotoserie todgeweihter Menschen. Einmal lebendig und einmal tot. Ein Kleinkind: lebendig mit einem Schlauch, der ihm aus dem linken Nasenloch hängt und tot als friedvolle Puppe. Ich schlucke meine Trauer hinunter und schaue weg.

Die junge Frau steht auf und geht zur Toilette. Diese Veränderung nehme ich sofort war. Der Kerl sitzt nun alleine da. Am liebsten möchte ich ihm sagen, dass die vielen Worte nichts bringen und er lieber abhauen soll, ohne zu bezahlen. Das hätte eine zugleich verheerende und beschleunigende und befreiende Wirkung auf den Trennungsprozess.

Schels hat unzählige Portraitfotos von Prominenten geschossen. Sein Ansinnen ist es, hinter die Maske der Prominenz zu schauen und den Menschen so zu zeigen, wie er ist. Dafür hat er oft die Menschen warten lassen, bis sie müde waren und keine Kraft mehr besaßen, um ihr Fotogesicht  aufrecht halten zu können.

Sie kommt von der Toilette. Ich sehe sie zum ersten Mal. Ich erblicke eine schöne junge Dame mit langen Maronenhaar, die einen langen seidenraschelnden Rock trägt. Sie wankt, strauchelt, fällt fast hin. Erschöpft gibt sie ihre angestrengte Zurückhaltung auf. Ihre Erscheinung offenbart für eine Sekunde die Traurigkeit über den Verlust der Liebe, von der sie sich viel erhofft hatte. Für sie fällt eine Welt in sich zusammen. Sie sieht vor sich die vielen Jahre mit ihm, die schönen Erlebnisse, Reisen, Feste, Theaterbesuche, ein eigenes Zuhause und ihre gemeinsamen Kinder, die niemals existieren werden. Er verharrt stumm auf seinem Platz. Es zerreißt mein Herz wie der Anblick der toten Kinder. Es ist zwei Uhr fünfundfünfzig. Ich muss weiter und verlange nach der Rechnung.

 

SCHREIBE ROMANE WIE KURZGESCHICHTEN

Lange habe ich mich mit dem ersten Teil meines Romanprojektes über Johanna Sommer herumgeschlagen. Diesen Sommer habe ich genutzt, um den 1. Teil in einer endgültigen Rohfassung zu beenden. Darunter hat auch mein Blog gelitten. Ich war in die Arbeit am Text vertieft und habe jede freie Minute genutzt, um konzentriert arbeiten zu können. Mit der ersten vollständigen Rohfassung ist noch nicht einmal ein Drittel der Arbeit erledigt. Diese Fassung stellt erst einmal ein Gerüst der Handlung dar, mit der ich einigermaßen leben kann. Ich muss jetzt diesen Text weglegen. Wenn ich mich jetzt weiter damit beschäftige, werde ich den Blick für die Fehler und die Dissonanzen verlieren. In dieser Phase klebe ich noch an jedem Wort, das ich geschrieben habe. Dabei ist es wichtig, bei der weiteren Bearbeitung loslassen zu können. Eines steht jetzt schon fest: Der Text ist viel zu lang. In dem Text stecken zu viele Details, die ich brauche, um selbst zu verstehen, wohin die Reise gehen soll. Ein potentieller Leser wird diese Version schnell weglegen.

In den letzten Jahren habe ich eine wichtige Tatsache begriffen: Ein Text ist nur gut, wenn er das erzählt, was er nicht erzählt. Ein guter Text lebt von Weglassungen, Leerstellen, unsichtbaren Fragezeichen, von der Kraft des Nichts. Warum liest man? Weil man seine Phantasie die Bilder produzieren lassen will, die eine gute Geschichte in einem hervorruft. Die Aufgabe des Autors ist es, den Leser mit seinem Text nur anzufüttern. Der Leser soll die Chance haben, die Welt des Autors zu seiner eigenen zu machen, sie mit seiner Phantasie zu entdecken und zu erleben. Wenn ich den Leser mit Informationen vollstopfe, hat er keine Chance seine eigene Geschichte zu sehen.

Ich nutzte diese Schreibpausen, die ich ein halbes Jahr lang dauern lasse, um etwas völlig anderes zu machen. Meist sind es zufällige Projekte, die mir geradeso über den Weg laufen. Diesmal hat sich etwas ergeben, an das ich schon lange gedacht habe. Mein zweiter Roman war schnell in der Schublade verschwunden. Niemand wollte ihn lesen. Mittlerweile weiß ich, dass es ganz alleine am meinem Text lag. Irgendwann hat es mich geärgert, dass er einfach so von allen Seiten abgelehnt wurde. Also habe ich ihn abgehakt. Trotzdem hat mich die Verärgerung über die Ablehnung in mir gegärt.

Meine Frau hat mal nach einer Lektüre einer Kurzgeschichte, die ich für einen Wettbewerb geschrieben habe, zu mir gesagt, ich solle doch meine Romane wie meine Kurzgeschichten schreiben. Meine Kurzgeschichten sind profan gesagt kurz und knackig. Ich achte darauf, kein Wort zu viel zu schreiben und ich überarbeite sie so oft, bis ich das Gefühl habe, dass alles aus einem Guss ist. Wenn ich am Schluss Überarbeitungsprozess noch etwas verändern würde, geriete der ganze Text aus seinen Fugen, weil alles perfekt ineinander passt.

Schon vor meinem dritten Romanprojekt habe ich mir vorgenommen, meine Romane so lange zu bearbeiten bis ich dieses Gefühl habe, dass der Text aus einem Guss ist.

Nun habe ich die Chance mit meinem zweiten Roman genauso zu verfahren.

Die dunkle Seite der Ohnmacht

Die Zeit ist ein Ozean. Aber jeder Ozean trifft auf eine Küste.

Wir lieben Darth Vader und hassen Mahatma Gandhi.

Jeder bewundert die Elite. Sie sind infantile Idioten und

geben einen Scheiß auf Regeln.  Dreijährige, Deliktunfähig.

Macht kann man kaufen. Man kann alles kaufen.

Elon Musk will eine neue Erde kaufen, Amazon soll sie liefern.

Kann ich ja weiter mit meinem getunten Opellambo

die Spießer vom Bürgersteig fegen.

Gibt Ärger, wenn ich die Leasingrate nicht bezahle.

Das ist das einzige was zählt. Die geliehene Patte zählen,

fresh money für die geborgte Zukunft.

Ihr Sozialversicherungsnummernjunkies, was wollt ihr von mir?

Nichts wisst ihr vom leeren Glück einer Nacht auf der Autobahn,

den Fuß auf dem Gaspedal, die Reflektionen der LED im Gesicht.

Wie im Raumschiff. Auf zum Todesstern. Warten auf den Weltuntergang.

Der schwarze Kunststoffzombie erwartet uns.

Tod oder lebendig, wenn kümmert es.

Dialog mit Johanna Sommer – Leben in der Zukunft

Nowak: „Lassen sie uns über Johanna von Orleans sprechen!“

Johanna: „Ich weiß nicht, worauf sie hinaus wollen?“
Nowak: „Stimmt es nicht, dass Johanna von Orleans Ihnen erschienen ist.“

Johanna: „Quatsch! Wie kommen Sie denn auf so eine alberne Geschichte.“
Nowak: „Und sie hat Ihnen prophezeit, dass sie einen Krieg gewinnen werden.“

Johanna: „Warum bringen Sie solche Lügen über mich in Umlauf?“

Nowak: „Das sind keine Lügen. Ich habe diese Szene geschrieben. Nach einer Party an der Oberstufe sind sie Johanna von Orleans begegnet und diese unheimliche Begegnung hat sie immer wieder beschäftigt und sie ist der Grund, warum sie einen Roman über Robert Falcon Scott schreiben wollen.“

Johanna: “Schwachsinn! Das ist doch keine gute Story. Ein Versager, der nur zweiter wurde und zudem Ausländer war.“

Nowak: “Am Anfang meines Buches haben sie etwas über ihren Scott-Roman erzählt.“

Johanna: “Sie haben sich das alles ausgedacht. Das entspricht doch nicht der Wirklichkeit. Die Leute wollen doch etwas über mich erfahren und nicht mit irgendwelchen Fantastereien konfrontiert werden. Sie wollen wissen, wer Johanna Sommer wirklich ist. Wie tickt sie? Was bewegt sie? Ist sie verheiratet? Hat sie Kinder? Wo wohnt sie? Ist sie reich? Fährt sie eine dicke Karre? Welche Klamotten trägt sie? Hat sie einen Handtaschen oder einen Schuhe-Fetisch? Ist sie magersüchtig oder hat sie Adipositas? Hat sie ein Drogenproblem? Ist sie Medikamentenabhängig? Schreibt sie mit Füller, einer Schreibmaschine oder am PC? Aber alles mit Angabe der Marke. Das interessiert ihre Leser!“

Nowak: “Also wer ist diese Johanna Sommer in der Zukunft? Was macht sie so erfolgreich.“

Johanna: “Das ich auf mich alleine gestellt bin und mein Leben in vollen Zügen genieße. Ich brauche keinen Partner. Ich will keine Kinder oder so ein Quatsch. Ich will keine Verpflichtungen haben und keine Verantwortung tragen.“

Nowak: “Schreiben sie mit Füller?“

Johanna: “Nein. Ich schreibe natürlich auf dem besten Personalrechner, den deutsche Ingenieure jemals hervorgebracht haben: den Nixdorf Apfel. Ich habe natürlich die Platinversion.“

Nowak: “So etwas gibt es?“

Johanna: “In der Zukunft schon. Meine Romane sind übrigens die meist verkauften in Deutschland. Leider dürfen sie nicht unter meinem Namen erscheinen.“

Nowak: “Sie sind Ghostwriterin?“

Johanna: “Anglizismen sind verboten. Das heißt Autorin zweiter Güte. Für die Nutzung dieses englischen Wortes können Sie übrigens im Gefängnis landen. Das kann sogar als Volksverrat oder Defätismus ausgelegt werden. Je nach ihrer Vorgeschichte und ihrer Zugehörigkeit.“

Nowak: “Dann arbeite ich mal Ihren Fragenkatalog ab. Haben sie ein Drogenproblem? Sind sie reich? Welche Klamotten tragen sie? Welches Auto fahren Sie?“

Johanna: “Um Gottes Willen, Drogen sind was für Maden und Ausgestoßene. Ich bin natürlich wohlhabend. Nachdem ich mein erstes Buch geschrieben hatte, konnte ich mein Sozialdarlehen auf einen Schlag abzahlen. Seither trage ich die teuersten Klamotten, die man in den Geschäften finden kann. Ich fahre den teuersten Volkswagen, den es gibt. An mir ist alles Luxus. Alle sollen sehen, dass ich es geschafft habe und zur Elite unseres Vaterlandes gehöre. Ich bin sehr stolz darauf.“

Nowak: “Sie sagten, sie leben vollkommen auf sich alleine gestellt. Was ist eigentlich aus ihrer besten Freundin Sofia geworden?“

Johanna: “Über die dürfen wir nicht reden. Da machen wir uns auch strafbar.“

Nowak: “Warum?“

Johanna: “Weil sie ein staatsfeindliches Subjekt ist, dass sich jeder Anpassung an Regeln entzogen hat. Wir wollen mit dem Gerede über solche Staatsfeinde keine Unruhe schüren. Alleine, dass ich sie schon aus meiner Kindheit kenne und wir beste Freundinnen waren, könnte zum Problem werden.“

Nowak: “Vermissen Sie sie?“

Johanna: “Ich darf sie nicht vermissen. Das schadet meinem Ansehen.“

Nowak: “Entschuldigen Sie, wenn ich es Ihnen so unvermittelt sage, aber sie wirken sehr kalt auf mich. Brauchen sie keine menschliche Nähe und Zuneigung.“

Johanna: “Wozu? Ich werde doch nur enttäuscht von Menschen, den ich meine Zuneigung schenke. Ich brauche nur mich.“

Nowak: “Das ist doch traurig.“

Johanna: “Nein, so funktioniert unsere Welt. Verstehen Sie, es gibt nur zwei Zustände auf der Welt, null und eins, schwarz und weiß, Gut und Böse. Das ist vollkommen ausreichend, um die Welt zu begreifen.“

Nowak: “Widerspricht das nicht ihren Denken? Sie haben eben in einer anderen Weise über Erkenntnis gesprochen. Kann es sein, dass sie im Moment nur die Fassade aufrechterhalten?“

Johanna: “Der digitale Dualismus ist Staatsräson. Ich bin so, weil alle Bürger unseres Landes so sind. Seitdem jeder nur nach sich schaut, geht es uns allen besser.“

Nowak: “Ist das nicht das Ende des Menschen an sich?“

Johanna: “Sagen sie bloß, daher kommt der schwachsinnige Titel ihres Buches. Sie glauben also wirklich, ich sei der letzte Mensch. Sie wissen schon, dass Humanist heutzutage das schlimmste Schimpfwort ist, dass man verwenden kann.“

Nowak: “Seien sie doch ehrlich! Unter ihrer harten Schale, drängt das Wissen um die Menschlichkeit nach außen und bringt sie in  kaum zu ertragende Gewissensnöte.“

Johanna: “Nein, da täuschen sie sich. Ich ruhe vollkommen in mir selbst.“

Nowak: “Okay, da ich sie erfunden habe, weiß ich, wie es in ihnen aussieht.“

Johanna: “Schmarrn. Sie wissen nichts über mich.“

Nowak: “Ich gebe auf.“

Johanna: “Am Schluss waren sie jetzt richtig gut. In einer anderen Welt würde ich Ihnen jetzt erlauben, mich zu duzen.“

Nowak: “Vielleicht treffen wir uns wieder…in einer anderen, besseren Welt.“

Johanna: “Das glaube ich nicht.“

Nowak: “Danke Frau Sommer für das Gespräch.“

Dialog mit Johanna Sommer – Therapiestunde

Nowak: „Frau Sommer, darf ich Sie duzen?“

Johanna: „Nein.“

Nowak: “Das ist schade!“

Johanna: “Warum ist ihnen das wichtig?“

Nowak: “Ich stelle die Fragen!“

Johanna: “Das stand nicht in unserem Vertrag!“

Nowak: “Warum ist Ihnen das so wichtig?“

Johanna: “Was vertraglich vereinbart war?“

Nowak: “Das Siezen.“

Johanna: “Weil es die typische Taktik von Männern ist,  um sich einen Vorteil zu verschaffen.“

Nowak: “Wie soll der aussehen?“
Johanna: “Wenn Sie mich duzen, werden sie irgendwann versuchen, zutraulich zu werden und wenn ich nicht aufpasse, habe ich ihre Hand auf meinem Knie.“

Nowak: “Aber die Me-Too-Debatte ist doch in ihrer Gegenwart schon mehr als zehn Jahre her? Die Welt sollte doch weiter sein und solche Missverständnisse zwischen den Geschlechtern gar nicht mehr möglich sein?“

Johanna: “Sie haben echt geglaubt, die Welt wendet sich zum Besseren? Sie haben nicht viel Ahnung von meiner Gegenwart.“

Nowak: “Naja, ich habe sie und ihre Zukunft entworfen.“

Johanna: “Ein Grund mehr sie nicht duzen zu wollen.“
Nowak: “Das müssen sie mir erklären?“
Johanna: “Aus vielerlei Gründen ist es gut, auf Distanz zu seinem Schöpfer zu bleiben.“

 Nowak: “Meinen sie das in religiöser Hinsicht oder spielen sie auf das unterkühlte Verhältnis zu ihrem Vater an?“

Johanna: “Sie sind doch mein Schöpfer, erklären Sie es mir?““

Nowak: “Witzig?!“
Johanna: “Mit Religion hatte ich noch nie etwas am Hut. Es missfällt mir etwas zu glauben. Ich will die Gewissheit der Erkenntnis haben.“

Nowak: “Ist es ihnen in ihrem Leben gelungen, Gewissheit zu erlangen.“

Johanna: “Natürlich nicht. Die Unsicherheit, das Abwägen vermeintlicher Argumente, ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Daraus resultiert mein Streben nach Gewissheit. Wenn ich nicht versucht hätte, Erkenntnisse aus meiner Erfahrung zu schürfen, wäre ich in die Falle der allgemein herrschenden Beliebigkeit getappt.“

Nowak: “Wie ihr Vater?“

Johanna: “Wie die meisten Menschen in meinem näheren Umfeld. Mein Vater war ein besonderes Exemplar Mensch.“

Nowak: “Im negativen Sinne?“
Johanna. “So habe ich das mein Leben lang geglaubt.“

Nowak: “Jetzt nicht mehr?“

Johanna: “Ich war sehr wütend auf meine Eltern und auch auf meine Schwester. Meine Mutter hat uns früh verlassen, mein Vater war immer mit sich selbst beschäftigt und meine Schwester hat mich gehasst. Ich habe lange geglaubt, dass sie gegen mich waren. Deswegen habe ich mich früh entschieden, ein auf mich bezogenes Leben zu führen. Ich habe mich nur um mich gekümmert.“

Nowak: “Das war aber nicht immer so?“

Johanna: “Sie haben Recht. Nach dem Verlust meiner Mutter hatte ich Angst, den Rest meiner Familie auch zu verlieren. Also habe ich alles unternommen, um diese Familie zusammen zu halten.“

Nowak: “Sie waren damals noch ein Kind. Konnten Sie überhaupt etwas dazu beitragen?“

Johanna: “Natürlich nicht. Aber ich habe alles gegeben. Es hat mein ganzes Leben geprägt. Ich hatte die fixe Idee durch Leistung und Anpassung aus meinem Milieu entkommen zu können und dadurch meine Familie beschützen zu können.“

Nowak: “Können Sie das genauer ausführen.“

Johanna: “Wenn Sie unbedingt darauf bestehen?“

Nowak: “Bitte.“

Johanna: “Wenn ich in der Schule die Klassenbeste war,  verschaffte es mir die nötige Reputation, um das Nachbohren von Lehrern und anderen staatlichen Autoritätspersonen zu vermeiden. Alle sagten: Gutes Mädchen, da ist zu Haus alles in Ordnung.“

Nowak: “Wann kam es zum Bruch?“

Johanna: “Als eine Frau vom Jugendamt zu Besuch kam. Meine Schwester hatte so eine Macke, die sich nicht verbergen ließ. Das plötzliche Abhandenkommen unserer Mutter hat sie traumatisiert. Heute kann ich es benennen. Sie hatte einen selektiven Mutualismus. Sie konnte nur unter gewissen Umständen sprechen. Das fiel natürlich in der Schule auf. Die Lehrer meiner Schwester hatten versucht, meinen Vater zu kontaktieren. Er hat alle Briefe und Anrufe ignoriert und so hat man uns das Jugendamt auf den Hals gehetzt. Ich habe das als Sabotage und Verrat empfunden. Den chaotischen Zustand der Familie vor dem Jugendamt zu verbergen, war mein Dienst an dieser Familie. Danach veränderte sich einiges im Verhältnis zu meiner Schwester. Sie zeigte mir gegenüber offen ihren Abneigung und mein Vater ignorierte mich.“

 Nowak: “Ihr Blick in Bezug auf das Verhalten ihres Vaters und ihrer Schwester hat sich aber mittlerweile geändert?“

Johanna: “Ich glaubte, meine Schwester die Mutter ersetzen zu können. Ich habe ihre Sehnsucht nach ihrer Mutter unterschätzt und sie bevormundet. Mein Vater fehlte die Fähigkeit sich anzupassen. Die verwaltete Welt, die Ordnung einer materialistischen und ökonomisch organisierten Gesellschaft, überforderte ihn. Er war abgestumpft und im Laufe der Jahre wurde er depressiv. Er konnte mir gar nicht helfen, weil er selbst Hilfe brauchte. Aber in dieser Welt gab es keine Hilfe für ihn. Ich wurde der Feind meiner eigenen Sippe, weil ich alles meinem Drang nach Anpassung untergeordnet habe.“

Nowak: “Diese Form der bedingungslosen Anpassung an gesellschaftliche Vorgaben hat ihr weiteres Leben stark beeinflusst?“

Johanna: “Auf jeden Fall. Ich konnte dadurch Erfolg haben.“

Nowak: “Wie schafften Sie das?“

Johanna: “Nach meinem Abitur begann ich zu studieren. Ich zog zu Hause aus. Mein Vater starb kurze Zeit später und meine Schwester war auf eine ähnliche Weise wie meine Mutter plötzlich verschwunden. Es gab also keine Verbindung mehr zu meiner Herkunft.“

Nowak: “Haben Sie nie nach ihrer Schwester gesucht?“

Johanna: “Warum sollte ich nach ihr suchen? Sie verabscheute mich und ich verabscheute sie. Die Auflösung der Verbindung zu meiner Herkunft empfand ich als Erlösung.“

Nowak: “Okay, wie ging es weiter?“

Johanna: “Ich hoffte mir durch das Studium eine akademische Grundlage zu schaffen und die nötigen Kontakte zu knüpfen, um als Schriftstellerin arbeiten zu können. Ich war auf einen guten Weg, veröffentlichte erste Texte, hielt Lesungen, gewann unbedeutende Autorenpreise und arbeitete erstmals an längeren Texten. Ich war eine mustergültige Studentin, absolvierte Prüfungen mit Bestnoten und war der Liebling meiner Professoren. Es sah gut aus. Ich hatte mich auf eine Karriere im Literaturbetrieb eingestellt. Ich war bereit, ein Teil der Kulturindustrie zu werden. Mein größter Traum, der mich seit meiner Kindheit begleitete, wurde Wirklichkeit. Dann kam für mich völlig unvorhergesehen ein gesellschaftlicher Umbruch, der meine Pläne zunichtemachte. Die politischen Veränderungen in unserem Land nahmen mir alle Chancen auf einen Aufstieg. Die politische Klasse war nach jahrelangen Kampf bereit, die Demokratie aufzugeben. Man war müde geworden und angeekelt von dem ganzen Schmutz der die letzten Jahre hochgespült wurde. Man gab der individuellen Freiheit die Schuld und viele Menschen waren bereit, sie aufzugeben. Sie versprachen sich davon Ruhe und Frieden. Wie so oft in totalitären Systemen waren die Intellektuellen und Akademiker die ersten Opfer. Von einem auf den anderen Tag musste ich das Studium aufgeben.“

Nowak: “Wer hat sich den so etwas ausgedacht?“

Johanna: “Sie haben doch den Roman geschrieben. Sie waren das.“

Nowak: “Klingt jetzt nach Vorwurf.“

Johanna: “Klar hätten sie auch einen schönen Roman über Freundschaft, Zuneigung und Liebe schreiben können. Dann ginge es mir jetzt besser.“

Nowak: “Puh. Das tut mir leid.“

Johanna: “Sie hatten ganz bestimmt ihre Gründe.“

Nowak: “Soll ich mich jetzt erklären?“

Johanna: “Da wir sozusagen Kollegen sind, empfehle ich ihnen, es zu lassen. Autoren, die erklären, warum sie etwas geschrieben haben, sind meistens keine guten Schriftsteller.“

Nowak: “Können Sie es erklären?“

Johanna: “Ich vermute mal, sie sind ein kleiner Pessimist und erwarten immer die schlimmste Wendung.“

Nowak: “Manchmal ja. Allerdings glaube ich auch daran, dass der Mensch an sich alles zu einem guten Ende bringen kann. Sonst wäre jede Form des künstlerischen Ausdrucks sinnlos.“

Johanna: “Machen sie mir keine falschen Hoffnungen. Ich erwarte kein gutes Ende für mich.“

Nowak: “Jetzt sind sie der Pessimist.“

Johanna: “Das haben sie mir zugeschrieben.“

Nowak: “Genauso wie ich, können sie einer solchen Welt, in der der einzelne entmündigt wird, nichts abgewinnen.“

Johanna: “Es hat lange gebraucht, bis ich verstanden habe, was eigentlich passiert war. Schließlich musste ich für mir mein Leben nochmals erkämpfen.“

Nowak: “Sie waren es immerhin gewohnt. War ihre Kindheit und Jugend doch schon ein Kampf.“
Johanna: “Das hat mich aber nicht zu einem besseren Menschen gemacht. Im Gegenteil: ich wurde ein wichtiges Teil dieser erbärmlichen Idee vom entmündigten Menschen, der freiwillig alle Möglichkeiten zur Entfaltung aufgegeben hatte.  

Nowak: “Erzählen Sie weiter. Was kam nach dem abrupten Ende ihrer akademischen Bemühungen?“

Johanna: “Wollen Sie dem Leser wirklich alles verraten?“

Nowak: “Warum nicht?“

Johanna: “Weil dann keiner mehr das Buch liest.“

Nowak: “Wer liest schon meine Bücher?“

Johanna: “Sie sind scheußlich!! Da unterscheiden wir uns.“

Nowak: “Na wenn sie über die Handlung nicht sprechen wollen, dann lassen sie uns doch etwas über den Hintergründe zu ihrem Aufenthalt am McMurdo-Sund kommen.

Johanna: “Sie nehmen doch schon wieder einen Teil der Handlung vorweg!“

Johanna S. – ein Mensch wie du und ich –

Für mich gibt es ein Mysterium rund um die Entwicklung von Figuren. Eine gute Geschichte lebt von Charakteren, mit denen man sich als Leser identifizieren kann, die glaubwürdig sind und nachvollziehbar handeln. Sie sind Fantasieprodukte und sollen trotzdem wie real existierende Personen agieren und wirken. Menschen sind komplexe Wesen, die man nicht abbilden kann. Aber wie nehmen wir real existierende Personen wahr? Nehmen wir diese Komplexität wahr? Im Alltag nehmen wir nur Fragmente einer Persönlichkeit wahr. Meistens sehen wir nur einige prägnante Merkmale und Verhaltensweisen. Was macht also einen Menschen in der Außenwahrnehmung aus und wie forme ich daraus eine Romanfigur.  Falls man als Nowak nur auf bestimmte Erscheinungsmerkmale herumreitet wird die Figur flach wirken. Zerlegt der Nowak eine Figur in alle Bestandteile seines Wesens, wird er handlungsarme und psychologisierende Texte produzieren.

 Ich habe mir für mein aktuelles Romanprojekt eine für mich neue Methode überlegt: Der Dialog mit Romanfiguren.  Der erste Teil des Romans beschreibt die Kindheit und Jugend von Johanna Sommer Ende des letzten Jahrhunderts und in den ersten Jahren des aktuellen Jahrhunderts. Der zweite Teil spielt in der Zukunft. Johanna ist um die vierzig Jahre alt und hat eine schwerwiegende Entscheidung getroffen, die ihr Leben ändern wird. Für mich dient die Methode dazu, sich mit der Hauptperson vertraut zu machen und wegzukommen von einer oberflächlichen Betrachtungsweise, die meine Figuren oft sehr leblos und eindimensional erscheinen lassen hat. Sie waren zu sehr in meiner eigenen Vorstellung von Kausalität gefangen. Im ersten Teil des Dialogs redet Johanna sehr offen mit mir. Ich nehme die Rolle des Therapeuten ein und sie reflektiert selbst ihre Kindheit und Jugend. Im zweiten Teil ist sie wesentlich verschlossener. Sie redet als offizielle Person ihrer Zeit, die einem Mann aus der Vergangenheit ihre Lebenswirklichkeit vermitteln möchte und dabei sehr darauf achtet, sich an die Regeln ihres Umfeldes zu halten. Das Gespräch hat mir geholfen, Johanna zu einer selbstständigen Person zu entwickeln, die für mich eine neue Tiefe und Klarheit bekommt. Ich habe nicht mehr die Perspektive des Autors, der ständig an der Person herumschnitzt. Johanna ist eine eigene Persönlichkeit, die ihre eigene Gegenwart und Vergangenheit durchlebt und die nicht mehr von meinem Empfinden abhängig ist. Sie steht nun neben mir wie jede andere fremde Frau und scheint für mich nicht mehr nur ein Teil meiner eigenen Person zu sein.

Headroom

Wenn Musiker ihre Stücke aufnehmen und danach mischen, reden sie gerne davon, dass die Aufnahme Headroom braucht. Eine einzelnes Instrument mit hohem Pegel kann sich sehr gut anhören, kommen aber noch viele andere Instrumente hinzu, wird die Aufnahme schnell matschig klingen oder sogar verzerren. Man sollte genügend Luft bis zur Raumdecke lassen und den Pegel einzelner Instrumente eher nach unten ziehen, auch wenn sie einzeln dann nicht sonderlich spektakulär klingen. Letztendlich bleibt aber im Gesamtbild genügend Raum, um die Aufnahme gestalten zu können.

Bei einem Roman läuft es ähnlich. Ich kann mir unzählige Figuren und Handlungsstränge ausdenken, die alle einzeln betrachtet eine tolle Wirkung auf den Leser haben. Habe ich zu viele Elemente kreiert und möchte daraus einen Text formen, wird der Text beliebig und zu überladen. Wenn ich ihn lese, schmerzen mir meine Ohren, weil er zu grell und zu laut ist.

Meine ersten Romanprojekte litten unter ein Zuviel an allem. Zu viele Personen, zu viele Handlungsstränge, zu viel Text. Erst beim zweiten Roman habe ich verstanden, dass ich mich auf das Wesentliche konzentrieren muss. Am Anfang standen die zwei Hauptfiguren. Zuerst wollte ich sie verstehen. Wie sollen sie ticken? Welches Leben haben sie hinter sich? Was ist ihre Motivation? Wie passt das alles zu meinem Anliegen? Erst als ich die beiden Hauptfiguren und ihr Denken und Fühlen durchdrungen hatte, konnte ich die Handlung ausarbeiten. Es war so eine Art „On-the-Road“-Roman. Die beiden Hauptpersonen gehen auf eine Reise, um etwas zu finden. Das Gesuchte finden sie zwar nicht, aber sie finden sich selbst. Hierbei ging es um ein verdrängtes Erlebnis, dass durch diese Reise für einen der Hauptpersonen wieder sichtbar wurde. Somit hatte ich ein Handlungsmotiv, das für Spannung sorgen sollte. Die Hauptperson macht immer wieder Andeutung und gibt Hinweise auf das traumatische Ereignis und meine Hoffnung war es, den Leser dadurch an den Text zu fesseln, weil er wissen will, was nun eigentlich damals passiert war. Das sollte alles reichen und hätte es auch, wenn ich nicht wieder zwischendurch meine üppige Fantasie hätte walten lassen. Am Ende gab es leider wieder viel zu viel Text, Handlung und Personen.  

 Deswegen mein Appell an alle Autoren, die sich mit ihrem Text herumschlagen, weil sie den Faden verloren haben: Macht Euch mit euren wichtigsten Figuren erst einmal vertraut, entwerft einen Handlungsstrang. Seid diszipliniert und lasst euch Raum. Das Grobgerüst muss stehen. Das Fleisch kommt beim Schreiben an den Knochen.