Wie schreibt man einen Bestseller in zehn Tagen? Teil 2

Anschließend habe ich mich dem Kapitel gewidmet, das zur Bearbeitung anstand. Ich habe erst einmal versucht zu klären, worum es in dem Kapitel gehen soll. Dabei kam ein Motto zustande: Manchmal muss man die Dunkelheit ertragen, um die Wahrheit darin verbergen zu können.

In dem Kapitel geht es um die Reise zweier blinder Passagiere auf einem Containerschiff. Um nach Indien zu kommen, haben sie sich in einem Container einsperren lassen. Mein Protagonist und sein Freund reisen um die Welt, um den Vater des Freundes zu finden. Die beiden haben ein Geheimnis, das sie einander kettet. Die Freundschaft ist reine Fassade und die Beziehung besteht darin, dass sich beide gegenseitig benutzen oder demütigen, da jeder den anderen für die missliche Lage verantwortlich macht. Und jetzt sitzen sie in einem dunklen Container fest. Der Freund hat eine Stirnlampe und hockt auf den Vorräten. Mein Protagonist hat furchtbare Angst, die Überfahrt nicht zu überleben. Außerdem fürchtet er sich wahnsinnig vor der Dunkelheit.

Ich hatte erhebliche Probleme diese Situation zu beschreiben. Die alte Version war Teil eines sehr langen, verschachtelten Kapitels. Das Thema Angst vor der Dunkelheit, Angst vor der Enttarnung, Angst vor dem besten Freund ging in den vielen Teilaspekten mehrerer Geschichten unter. Dabei stellte sich der Gebrauch der indirekten Rede als absolutes Hindernis heraus. Einer der ersten Überlegung war es, dieses eine Kapitel in direkter Rede zu verfassen, um den besonderen Charakter des Kapitels zu betonen und andererseits den beiden Freunden einen echten Dialog zu ermöglichen.

In allen anderen Kapiteln nutze ich die indirekte Rede, um die subjektive Sicht des Ich-Erzählers, meines Protagonistens, noch zu verstärken. Im Containerkapitel sollte die Gegenposition des Freundes sichtbar werden, sie sollte aus der dunklen Ecke der Subjektivität ans Tageslicht gezerrt werden.

Das ganze Buch über wird wenig geredet. Der Protagonist und sein Freund sprechen nicht viel miteinander. Sie schweigen sich an. Der eine misstraut dem anderen. Im Container müssen sie sich auf sich gegenseitig verlassen können. Um überleben zu können, müssen sie miteinander reden. Mein Held kann die Dunkelheit nur ertragen, weil ihm die Stimme seines Freundes aus der Einsamkeit herausreißt. Der Einsatz der indirekten Rede hätte in dieser Situation nur gestört.

 Also habe ich als zweiten Schritt einen Übungsdialog geschrieben. Einen ziemlich langen und ausführlichen Dialog über fast zwanzig Normseiten. Ich habe sie sich gegenseitig Fragen stellen lassen, jeder konnte seine Ängste und seine Wut formulieren. Sie konnten die Reise bis zu dem Stadium rekapitulieren und sich die Bälle zuspielen.

Beim Schreiben des Dialoges kam der Spaß am Text wieder. Ich hatte die Monotonie der vorherigen Kapitel durchbrochen, weil ich mich nicht mehr an meinen straffen Formalismus gehalten habe.

Mit dem Übungsdialog bekam ich die Chance meine zwei Hauptfiguren neu zu entdecken. Bisher gab der Protagonist als Ich-Erzähler das Bild seines Freundes vor. Er hat in sein Handeln und seine Worte etwas hineininterpretiert (gerade durch die indirekte Rede). Ich selbst als Autor wusste nicht mehr, wie der Freund wirklich tickt.

Der Leser kann meiner Freude am Schreiben hoffentlich folgen. Sollte er doch eine Vielschichtigkeit und Tiefe bei den Hauptpersonen erkennen, die vorher durch die Subjektivität nicht unbedingt erkennbar war.

Als ich den Dialog fertig hatte, hatte ich parallel aus den späteren Kapiteln viele Traumsequenzen herausgeschnitten. Die Träume waren abscheulich dumm, törichte Schnipsel einer wenig glaubhaften Psyche. Eine Traumsequenz fand ich aber sehr passend. Sprachlich war sie viel zu überfrachtet mit Beschreibungen und am Ende mit dummen brutalen Ausführungen, die höchstens als Effekthascherei durchgingen.  Der Traum spielte in einem Freibad. Ich fand in dem Element Wasser eine Verbindung zwischen Freibad und der Fahrt auf einem Containerschiff. Ich stellte die Traumszene am Schluss, konnte sie mir doch helfen, den Dialog genau dorthin zu treiben. Am Anfang ist der Dialog sehr klar und nach und nach weicht er ins Wahnhafte aus. Meinem Protagonisten ist nicht mehr klar, ob er schläft oder wach ist und ob er wirklich noch mit seinem Freund redet. Das Kapitel endet mit einem Knall und lässt dadurch viel Raum zum Anknüpfen (bei Fernsehserien spricht man, glaube ich, von Cliffhängern.)

Nun habe ich den Beginn für die alles entscheidenden letzten Kapitel geschrieben und kann von dort aus den Text auf das alles bestimmende Ereignis als Höhepunkt zuspitzen.

Also liebe AutorInnen, nicht aufgeben, zur Seite treten und sich eine Übung überlegen, um den Bewegungsablauf zu trainieren. Einen Roman absolviert man wie einen Marathon. Man trainiert und trainiert, feilt an der Technik und der Ausdauer und irgendwann läuft man mühelos die ganze Strecke.

Wie schreibt man einen Bestseller in zehn Tagen?

Also habe ich den Rest des Textes gelesen und ihn nach interessanten Stellen durchforstet. Ich habe die Kapitel neu geordnet und den Rest wieder einmal weggeworfen. Als der Ballast schon einmal zu Boden fiel, konnte mein Hirn wieder besser arbeiten.

Es gibt genügend Blogs, die sich darauf spezialisiert haben, kluge Ratschläge über das Schreiben zu erteilen. Viel Vorschläge gleichen mathematische Formeln. Man muss nur die Variablen der Gleichungen mit Wörtern füllen und hinten kommt ein toller Roman raus. Die wirkliche Textarbeit und was sich an Gedankenarbeit dahinter verbirgt, wird selten thematisiert. Ich will vermitteln, welche Instrumente und Möglichkeiten jeder Autor hat, um abseits des eigentlichen Werkes, die Qualität seiner Texte bewusst zu beeinflussen.  Denn jeder halbwegs begabter Autor hat die Chance sich weiter zu entwickeln und seinen eigenen Schreibstil auszubilden

Es ist mit dem Schreiben manchmal wie mit dem Ausüben einer Sportart. Man wird in seiner Disziplin nur gut werden, wenn man spezielle Teilfähigkeiten übt und trainiert.

  Roman Zwo überarbeite ich seit letztem Herbst. Meinem Ziel, das Wortmonster in ein kleines flauschiges Literaturhäschen zu verwandeln, bin ich ein gutes Stück näher gekommen. Ich bin mit dem Vorsatz angetreten, die Seitenzahl zu halbieren und aus jedem Kapitel eine elegante Kurzgeschichte zu machen. Ich habe mich in den letzten Monaten häufig selbst überrascht. Mit jedem Satz, den ich ausgemerzt habe, mit jeder spannungstötenden Information, die ich getilgt habe, näherte ich mich meiner Idealvorstellung eines Textes an, die auch potentiellen Lesern gefallen könnte. Ich habe mich auf ein paar wichtige Elemente konzentriert und das komplexe Beiwerk, das wie Unkraut den Text überwucherte, einfach entfernt.

Bis jetzt war ich mit meiner Arbeit zufrieden. Bis jetzt…Dann kam die Erschöpfung. Bei der Bearbeitung des vorletzten Kapitels klang jedes Wort mit einem Mal inhaltsleer und blechern. Die Euphorie der letzten Monate erstarb. Ich konnte ein Kapitel noch zu Ende bringen, schlug das neue Kapitel auf und spürte eine Leere im Kopf, die mich beinahe dazu gezwungen hätte, mit dem Projekt aufzuhören.

Ich habe keine Schreibblockade, denn ich lebe nicht vom Schreiben. Es ist eine Leidenschaft, die ich brauche, um meinem Leben einen Sinn zu geben. Aber ich muss nicht schreiben, um damit Geld zu verdienen. Schreibblockaden entstehen meines Erachtens, weil der Druck auf einen Autor zu groß wird. Er soll etwas produzieren und wird damit zum Unternehmer, der sich den Anforderungen eines Marktes unterwirft. Er muss etwas erschaffen, um im Geschäft zu bleiben. Davon bin ich weit entfernt. Ich kann es mir leisten, das Schreiben als intellektuelle selbstreferenzielle Genugtuung zu betrachten. Ich muss keinen Content produzieren, den ein Verlag oder Literaturagent und letztendlich der Konsument von mir einfordert.

Wenn ich nicht schreibe, verkommt mein Denken. Mein Kopf ist dann leer. Bewusste Schreibpausen können helfen. In dem Fall wollte ich keine Schreibpause einlegen. Es hätte an meinen Nerven gezehrt. Für ein paar Wochen habe ich geglaubt, ich müsste Roman drei anstatt der Überarbeitung von Roman zwo weiter schreiben. Konnte ich aber nicht, weil Roman Zwo mich immer wieder beschäftigt hätte.

Was habe ich getan, um mein nervöse Autorenherz zu beruhigen. Ich habe zwei Wochen lang nachgedacht. Eher beiläufig habe ich mich mit dem Text beschäftigt. Ich habe immer mal die Wortdatei geöffnet, habe herumgescrollt und einige Textstellen überflogen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich nicht weiterkomme, weil ich den letzten Teil des Romanes, den ich ja jetzt bei der Bearbeitung vor der Brust habe, schon in der ersten Version schrecklich fand. Ich bin immer mehr ins Phantastische abgeglitten und habe viele wichtige Stellen des Textes mit der Schilderung grobschlächtiger Brutalität verunstaltet.  Diese unsägliche Melange hat den Roman endgültig für Leser unattraktiv werden lassen.

Um einen Spannungsbogen zu schaffen, wollte ich den Leser langsam an den Höhepunkt heranführen. Da er sich seinen traumatischen Erlebnissen niemals gestellt hat, bedrängt ihn seine Vergangenheit in schrecklichen Alpträumen. Am Ende kamen plumpe und aufdringliche Sätze heraus, mit denen ich dem Thema und meinem Protagonisten noch mehr Leid hinzugefügt habe.

SCHREIBE DEINE ROMANE WIE DEINE KURZGESCHICHTEN – TEIL 2

Eine irre Aufforderung. Wie jeder weiß ist eine Kurzgeschichte eine völlig andere Literaturgattung als ein Roman und anderen Regeln unterworfen. Mir hat diese Aufforderung in meiner sehr speziellen Situation sehr viel gebracht, hat sie mich doch daran erinnert, dass Literatur von der Verknappung lebt. Das wichtigste Merkmal einer Kurzgeschichte ist nun mal die Reduktion auf wenige prägnante Ereignisse, Handlungen und Figuren. Ich habe bisher Monstren erschaffen, fast nicht lesbare Wortskulpturen, die leider nicht so außergewöhnlich sind, dass sie eine eigene Kunstform darstellen können. Im Prinzip habe ich viel Wortmüll produziert, immer in dem Glauben, der Leser müsse alle Informationen habe.

Nun habe ich eine dieser Wortskulpturen vor mir liegen: mein zweiter Roman mit über 500 Normseiten. Jedem, dem ich die Story erzähle, sagt: „och klingt spannend“ Trotzdem legen es alle nach ein oder zwei Seiten weg. Meine Frau hatte sich geweigert, mehr als die ersten zehn Seiten zu lesen und nachdem ich niemanden gefunden hatte, der Hand an den Roman legen wollte und mir eine anständige Rückmeldung geben wollte, habe ich das Projekt aufgegeben.

Erst durch Zufall und einem Gespräch an einem launigen Sommerabend kam es ans Tageslicht. Ich hatte mittlerweile begriffen, dass das alles zu viel ist und meine Frau ja Recht hatte, als sie sich vor ein paar Jahren weigerte, das Buch zu lesen.

Die Story ist mir zu wichtig, um sie liegen zu lassen. Also hatte ich mir einen Plan ersonnen, den Text neu zu ordnen und daraus einen gut lesbaren spannenden Text zu machen. Ich bin ein Mensch, der Regeln braucht, die manchmal etwas krass klingen mögen, mir helfen, eine Änderung meines Verhaltens herbeizuführen. Hier hieß die Regel: Jedes Kapitel muss mindestens um die Hälfte gekürzt werden.

Der erste Versuch fällt schwer. Von vielen meines Erachtens guten Textstellen wollte ich mich auch unter Androhung roher Gewalt nicht trennen.

Meine Frau nahm sich das erste Kapitel vor und hat als Testleserin sofort einige inhaltliche und stilistische Fehler gefunden.

Ich war der Meinung, den Text interessant zu gestalten, in dem ich die einzelnen Handlungsstränge ineinander verschachtele. Kann man vielleicht einen Blumentopf bei irgendwelchen Literaturnerds gewinnen, aber auch nur wenn man es wirklich beherrscht. Meine Frau konnte den einzelnen Handlungen gar nicht folgen, weil sie vieles nicht eindeutig zuordnen konnte. Zu was gehört nun der Absatz und warum macht jetzt der das, da hat er eben noch was ganz anderes gemacht. Das erste Kapitel strotzte vor Handlungslöchern und Anschlussfehlern.

Zudem erkannte sie sofort, dass ich im ersten Kapitel viel zu viele Handlungsstränge und Personen anreiße und aufzeige. Viel besser ist es, sich auf wenige Personen und ein oder zwei Handlungsstränge zu konzentrieren. Bei mir ging es einerseits um die Lebenskrise der Hauptperson, die seinen Vater finden möchte. Dann ging es um den besten Freund, mit dem er ein Geheimnis teilt, dann um die Hochzeit der Hauptperson, die nun gefährdet war, aber das war sie eigentlich schon die ganze Zeit, da seine zukünftige Ehefrau auch ihre eigenen Probleme hatte, weil ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben kam, aber da war noch die Mutter der Hauptperson, die natürlich nicht wollte, dass er den Vater findet, da der Vater einfach abgehauen war und sie wie den letzten Dreck behandelt hatte und dann war da noch ein Aufzug und viel blablabla.

Die dritte Auffälligkeit drehte sich um meine Art die Charaktere zu beschreiben. Ich hatte anscheinend das Gefühl, der Leser könne ohne ausschweifende langatmige psychologische tiefergehende Ursache-Wirkungs-Analysen das Wesen meiner Charaktere nicht verstehen. Dabei reichen ein oder zwei kleine Anekdoten oder eine Beschreibung einer Person oder einer Handlung, um die Person einzuführen und für den Leser begreifbar zu machen.

Zudem litt ich an der typischen Bandwurmsatzkrankheit. Anstatt Beschreibungen und Handlungen in kleine Häppchen zu teilen, habe ich immer versucht alles in einen Satz zu quetschen. Natürlich gibt es Autoren, die das können und damit ihre Leser verzaubern. Bei mir ist es eine Unart. Lieber mehrere Sätze formen aus Subjekt, Prädikat, Objekt anstatt mit einer Ansammlung von adjektiven und adverbialen Beschreibungen und unzähligen Parenthesen den ganzen Lesefluss zu zerstören und für den Leser die Nachvollziehbarkeit des Inhaltes zu zerstören.

Das waren die vier Auffälligkeiten, die circa dreiviertel des Textes zu einem unlesbaren Konglomerat an Wörtern machte. Es gab noch andere Auffälligkeiten, aber die fallen unter die üblichen Denk- und Flüchtigkeitsfehler, die jeder Autor macht. Das ist mir bei der Arbeit auch aufgefallen. Kein Autor sollte meinen, er habe die Pflicht einen fehlerfreien Text abzuliefern. Das gibt es nicht. Alle machen Fehler!

In stundenlangen sommerlichen Diskussionsrunden hat meine Frau meinen Text zerfleddert. Ich brauchte einige Glas Wein, um es aushalten zu können. Schließlich tat es mir anfangs fast körperlich weh, dass jemand mein in jahrelanger Arbeit entstandenes Werk in Stücke haut.

Der Prozess war sehr heilsam. Danach ging ich an die Arbeit und habe Stück für Stück den Text entkernt. Schwups war das erste Kapitel nur noch halb so lang und es las sich wirklich wie eine meiner Kurzgeschichten.

Das waren aber erst das erste Kapitel und der erste Schritt in die richtige Richtung. Natürlich frage ich mich, was mir bei der Arbeit an allen anderen Kapiteln noch an Bearbeitungspotentialen begegnet und inwieweit meine Frau mich als Testleserin und kritische Lektorin mich begleiten kann.

SCHREIBE ROMANE WIE KURZGESCHICHTEN

Lange habe ich mich mit dem ersten Teil meines Romanprojektes über Johanna Sommer herumgeschlagen. Diesen Sommer habe ich genutzt, um den 1. Teil in einer endgültigen Rohfassung zu beenden. Darunter hat auch mein Blog gelitten. Ich war in die Arbeit am Text vertieft und habe jede freie Minute genutzt, um konzentriert arbeiten zu können. Mit der ersten vollständigen Rohfassung ist noch nicht einmal ein Drittel der Arbeit erledigt. Diese Fassung stellt erst einmal ein Gerüst der Handlung dar, mit der ich einigermaßen leben kann. Ich muss jetzt diesen Text weglegen. Wenn ich mich jetzt weiter damit beschäftige, werde ich den Blick für die Fehler und die Dissonanzen verlieren. In dieser Phase klebe ich noch an jedem Wort, das ich geschrieben habe. Dabei ist es wichtig, bei der weiteren Bearbeitung loslassen zu können. Eines steht jetzt schon fest: Der Text ist viel zu lang. In dem Text stecken zu viele Details, die ich brauche, um selbst zu verstehen, wohin die Reise gehen soll. Ein potentieller Leser wird diese Version schnell weglegen.

In den letzten Jahren habe ich eine wichtige Tatsache begriffen: Ein Text ist nur gut, wenn er das erzählt, was er nicht erzählt. Ein guter Text lebt von Weglassungen, Leerstellen, unsichtbaren Fragezeichen, von der Kraft des Nichts. Warum liest man? Weil man seine Phantasie die Bilder produzieren lassen will, die eine gute Geschichte in einem hervorruft. Die Aufgabe des Autors ist es, den Leser mit seinem Text nur anzufüttern. Der Leser soll die Chance haben, die Welt des Autors zu seiner eigenen zu machen, sie mit seiner Phantasie zu entdecken und zu erleben. Wenn ich den Leser mit Informationen vollstopfe, hat er keine Chance seine eigene Geschichte zu sehen.

Ich nutzte diese Schreibpausen, die ich ein halbes Jahr lang dauern lasse, um etwas völlig anderes zu machen. Meist sind es zufällige Projekte, die mir geradeso über den Weg laufen. Diesmal hat sich etwas ergeben, an das ich schon lange gedacht habe. Mein zweiter Roman war schnell in der Schublade verschwunden. Niemand wollte ihn lesen. Mittlerweile weiß ich, dass es ganz alleine am meinem Text lag. Irgendwann hat es mich geärgert, dass er einfach so von allen Seiten abgelehnt wurde. Also habe ich ihn abgehakt. Trotzdem hat mich die Verärgerung über die Ablehnung in mir gegärt.

Meine Frau hat mal nach einer Lektüre einer Kurzgeschichte, die ich für einen Wettbewerb geschrieben habe, zu mir gesagt, ich solle doch meine Romane wie meine Kurzgeschichten schreiben. Meine Kurzgeschichten sind profan gesagt kurz und knackig. Ich achte darauf, kein Wort zu viel zu schreiben und ich überarbeite sie so oft, bis ich das Gefühl habe, dass alles aus einem Guss ist. Wenn ich am Schluss Überarbeitungsprozess noch etwas verändern würde, geriete der ganze Text aus seinen Fugen, weil alles perfekt ineinander passt.

Schon vor meinem dritten Romanprojekt habe ich mir vorgenommen, meine Romane so lange zu bearbeiten bis ich dieses Gefühl habe, dass der Text aus einem Guss ist.

Nun habe ich die Chance mit meinem zweiten Roman genauso zu verfahren.

Die dunkle Seite der Ohnmacht

Die Zeit ist ein Ozean. Aber jeder Ozean trifft auf eine Küste.

Wir lieben Darth Vader und hassen Mahatma Gandhi.

Jeder bewundert die Elite. Sie sind infantile Idioten und

geben einen Scheiß auf Regeln.  Dreijährige, Deliktunfähig.

Macht kann man kaufen. Man kann alles kaufen.

Elon Musk will eine neue Erde kaufen, Amazon soll sie liefern.

Kann ich ja weiter mit meinem getunten Opellambo

die Spießer vom Bürgersteig fegen.

Gibt Ärger, wenn ich die Leasingrate nicht bezahle.

Das ist das einzige was zählt. Die geliehene Patte zählen,

fresh money für die geborgte Zukunft.

Ihr Sozialversicherungsnummernjunkies, was wollt ihr von mir?

Nichts wisst ihr vom leeren Glück einer Nacht auf der Autobahn,

den Fuß auf dem Gaspedal, die Reflektionen der LED im Gesicht.

Wie im Raumschiff. Auf zum Todesstern. Warten auf den Weltuntergang.

Der schwarze Kunststoffzombie erwartet uns.

Tod oder lebendig, wenn kümmert es.

Dialog mit Johanna Sommer – Leben in der Zukunft

Nowak: „Lassen sie uns über Johanna von Orleans sprechen!“

Johanna: „Ich weiß nicht, worauf sie hinaus wollen?“
Nowak: „Stimmt es nicht, dass Johanna von Orleans Ihnen erschienen ist.“

Johanna: „Quatsch! Wie kommen Sie denn auf so eine alberne Geschichte.“
Nowak: „Und sie hat Ihnen prophezeit, dass sie einen Krieg gewinnen werden.“

Johanna: „Warum bringen Sie solche Lügen über mich in Umlauf?“

Nowak: „Das sind keine Lügen. Ich habe diese Szene geschrieben. Nach einer Party an der Oberstufe sind sie Johanna von Orleans begegnet und diese unheimliche Begegnung hat sie immer wieder beschäftigt und sie ist der Grund, warum sie einen Roman über Robert Falcon Scott schreiben wollen.“

Johanna: “Schwachsinn! Das ist doch keine gute Story. Ein Versager, der nur zweiter wurde und zudem Ausländer war.“

Nowak: “Am Anfang meines Buches haben sie etwas über ihren Scott-Roman erzählt.“

Johanna: “Sie haben sich das alles ausgedacht. Das entspricht doch nicht der Wirklichkeit. Die Leute wollen doch etwas über mich erfahren und nicht mit irgendwelchen Fantastereien konfrontiert werden. Sie wollen wissen, wer Johanna Sommer wirklich ist. Wie tickt sie? Was bewegt sie? Ist sie verheiratet? Hat sie Kinder? Wo wohnt sie? Ist sie reich? Fährt sie eine dicke Karre? Welche Klamotten trägt sie? Hat sie einen Handtaschen oder einen Schuhe-Fetisch? Ist sie magersüchtig oder hat sie Adipositas? Hat sie ein Drogenproblem? Ist sie Medikamentenabhängig? Schreibt sie mit Füller, einer Schreibmaschine oder am PC? Aber alles mit Angabe der Marke. Das interessiert ihre Leser!“

Nowak: “Also wer ist diese Johanna Sommer in der Zukunft? Was macht sie so erfolgreich.“

Johanna: “Das ich auf mich alleine gestellt bin und mein Leben in vollen Zügen genieße. Ich brauche keinen Partner. Ich will keine Kinder oder so ein Quatsch. Ich will keine Verpflichtungen haben und keine Verantwortung tragen.“

Nowak: “Schreiben sie mit Füller?“

Johanna: “Nein. Ich schreibe natürlich auf dem besten Personalrechner, den deutsche Ingenieure jemals hervorgebracht haben: den Nixdorf Apfel. Ich habe natürlich die Platinversion.“

Nowak: “So etwas gibt es?“

Johanna: “In der Zukunft schon. Meine Romane sind übrigens die meist verkauften in Deutschland. Leider dürfen sie nicht unter meinem Namen erscheinen.“

Nowak: “Sie sind Ghostwriterin?“

Johanna: “Anglizismen sind verboten. Das heißt Autorin zweiter Güte. Für die Nutzung dieses englischen Wortes können Sie übrigens im Gefängnis landen. Das kann sogar als Volksverrat oder Defätismus ausgelegt werden. Je nach ihrer Vorgeschichte und ihrer Zugehörigkeit.“

Nowak: “Dann arbeite ich mal Ihren Fragenkatalog ab. Haben sie ein Drogenproblem? Sind sie reich? Welche Klamotten tragen sie? Welches Auto fahren Sie?“

Johanna: “Um Gottes Willen, Drogen sind was für Maden und Ausgestoßene. Ich bin natürlich wohlhabend. Nachdem ich mein erstes Buch geschrieben hatte, konnte ich mein Sozialdarlehen auf einen Schlag abzahlen. Seither trage ich die teuersten Klamotten, die man in den Geschäften finden kann. Ich fahre den teuersten Volkswagen, den es gibt. An mir ist alles Luxus. Alle sollen sehen, dass ich es geschafft habe und zur Elite unseres Vaterlandes gehöre. Ich bin sehr stolz darauf.“

Nowak: “Sie sagten, sie leben vollkommen auf sich alleine gestellt. Was ist eigentlich aus ihrer besten Freundin Sofia geworden?“

Johanna: “Über die dürfen wir nicht reden. Da machen wir uns auch strafbar.“

Nowak: “Warum?“

Johanna: “Weil sie ein staatsfeindliches Subjekt ist, dass sich jeder Anpassung an Regeln entzogen hat. Wir wollen mit dem Gerede über solche Staatsfeinde keine Unruhe schüren. Alleine, dass ich sie schon aus meiner Kindheit kenne und wir beste Freundinnen waren, könnte zum Problem werden.“

Nowak: “Vermissen Sie sie?“

Johanna: “Ich darf sie nicht vermissen. Das schadet meinem Ansehen.“

Nowak: “Entschuldigen Sie, wenn ich es Ihnen so unvermittelt sage, aber sie wirken sehr kalt auf mich. Brauchen sie keine menschliche Nähe und Zuneigung.“

Johanna: “Wozu? Ich werde doch nur enttäuscht von Menschen, den ich meine Zuneigung schenke. Ich brauche nur mich.“

Nowak: “Das ist doch traurig.“

Johanna: “Nein, so funktioniert unsere Welt. Verstehen Sie, es gibt nur zwei Zustände auf der Welt, null und eins, schwarz und weiß, Gut und Böse. Das ist vollkommen ausreichend, um die Welt zu begreifen.“

Nowak: “Widerspricht das nicht ihren Denken? Sie haben eben in einer anderen Weise über Erkenntnis gesprochen. Kann es sein, dass sie im Moment nur die Fassade aufrechterhalten?“

Johanna: “Der digitale Dualismus ist Staatsräson. Ich bin so, weil alle Bürger unseres Landes so sind. Seitdem jeder nur nach sich schaut, geht es uns allen besser.“

Nowak: “Ist das nicht das Ende des Menschen an sich?“

Johanna: “Sagen sie bloß, daher kommt der schwachsinnige Titel ihres Buches. Sie glauben also wirklich, ich sei der letzte Mensch. Sie wissen schon, dass Humanist heutzutage das schlimmste Schimpfwort ist, dass man verwenden kann.“

Nowak: “Seien sie doch ehrlich! Unter ihrer harten Schale, drängt das Wissen um die Menschlichkeit nach außen und bringt sie in  kaum zu ertragende Gewissensnöte.“

Johanna: “Nein, da täuschen sie sich. Ich ruhe vollkommen in mir selbst.“

Nowak: “Okay, da ich sie erfunden habe, weiß ich, wie es in ihnen aussieht.“

Johanna: “Schmarrn. Sie wissen nichts über mich.“

Nowak: “Ich gebe auf.“

Johanna: “Am Schluss waren sie jetzt richtig gut. In einer anderen Welt würde ich Ihnen jetzt erlauben, mich zu duzen.“

Nowak: “Vielleicht treffen wir uns wieder…in einer anderen, besseren Welt.“

Johanna: “Das glaube ich nicht.“

Nowak: “Danke Frau Sommer für das Gespräch.“

Dialog mit Johanna Sommer – Therapiestunde

Nowak: „Frau Sommer, darf ich Sie duzen?“

Johanna: „Nein.“

Nowak: “Das ist schade!“

Johanna: “Warum ist ihnen das wichtig?“

Nowak: “Ich stelle die Fragen!“

Johanna: “Das stand nicht in unserem Vertrag!“

Nowak: “Warum ist Ihnen das so wichtig?“

Johanna: “Was vertraglich vereinbart war?“

Nowak: “Das Siezen.“

Johanna: “Weil es die typische Taktik von Männern ist,  um sich einen Vorteil zu verschaffen.“

Nowak: “Wie soll der aussehen?“
Johanna: “Wenn Sie mich duzen, werden sie irgendwann versuchen, zutraulich zu werden und wenn ich nicht aufpasse, habe ich ihre Hand auf meinem Knie.“

Nowak: “Aber die Me-Too-Debatte ist doch in ihrer Gegenwart schon mehr als zehn Jahre her? Die Welt sollte doch weiter sein und solche Missverständnisse zwischen den Geschlechtern gar nicht mehr möglich sein?“

Johanna: “Sie haben echt geglaubt, die Welt wendet sich zum Besseren? Sie haben nicht viel Ahnung von meiner Gegenwart.“

Nowak: “Naja, ich habe sie und ihre Zukunft entworfen.“

Johanna: “Ein Grund mehr sie nicht duzen zu wollen.“
Nowak: “Das müssen sie mir erklären?“
Johanna: “Aus vielerlei Gründen ist es gut, auf Distanz zu seinem Schöpfer zu bleiben.“

 Nowak: “Meinen sie das in religiöser Hinsicht oder spielen sie auf das unterkühlte Verhältnis zu ihrem Vater an?“

Johanna: “Sie sind doch mein Schöpfer, erklären Sie es mir?““

Nowak: “Witzig?!“
Johanna: “Mit Religion hatte ich noch nie etwas am Hut. Es missfällt mir etwas zu glauben. Ich will die Gewissheit der Erkenntnis haben.“

Nowak: “Ist es ihnen in ihrem Leben gelungen, Gewissheit zu erlangen.“

Johanna: “Natürlich nicht. Die Unsicherheit, das Abwägen vermeintlicher Argumente, ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Daraus resultiert mein Streben nach Gewissheit. Wenn ich nicht versucht hätte, Erkenntnisse aus meiner Erfahrung zu schürfen, wäre ich in die Falle der allgemein herrschenden Beliebigkeit getappt.“

Nowak: “Wie ihr Vater?“

Johanna: “Wie die meisten Menschen in meinem näheren Umfeld. Mein Vater war ein besonderes Exemplar Mensch.“

Nowak: “Im negativen Sinne?“
Johanna. “So habe ich das mein Leben lang geglaubt.“

Nowak: “Jetzt nicht mehr?“

Johanna: “Ich war sehr wütend auf meine Eltern und auch auf meine Schwester. Meine Mutter hat uns früh verlassen, mein Vater war immer mit sich selbst beschäftigt und meine Schwester hat mich gehasst. Ich habe lange geglaubt, dass sie gegen mich waren. Deswegen habe ich mich früh entschieden, ein auf mich bezogenes Leben zu führen. Ich habe mich nur um mich gekümmert.“

Nowak: “Das war aber nicht immer so?“

Johanna: “Sie haben Recht. Nach dem Verlust meiner Mutter hatte ich Angst, den Rest meiner Familie auch zu verlieren. Also habe ich alles unternommen, um diese Familie zusammen zu halten.“

Nowak: “Sie waren damals noch ein Kind. Konnten Sie überhaupt etwas dazu beitragen?“

Johanna: “Natürlich nicht. Aber ich habe alles gegeben. Es hat mein ganzes Leben geprägt. Ich hatte die fixe Idee durch Leistung und Anpassung aus meinem Milieu entkommen zu können und dadurch meine Familie beschützen zu können.“

Nowak: “Können Sie das genauer ausführen.“

Johanna: “Wenn Sie unbedingt darauf bestehen?“

Nowak: “Bitte.“

Johanna: “Wenn ich in der Schule die Klassenbeste war,  verschaffte es mir die nötige Reputation, um das Nachbohren von Lehrern und anderen staatlichen Autoritätspersonen zu vermeiden. Alle sagten: Gutes Mädchen, da ist zu Haus alles in Ordnung.“

Nowak: “Wann kam es zum Bruch?“

Johanna: “Als eine Frau vom Jugendamt zu Besuch kam. Meine Schwester hatte so eine Macke, die sich nicht verbergen ließ. Das plötzliche Abhandenkommen unserer Mutter hat sie traumatisiert. Heute kann ich es benennen. Sie hatte einen selektiven Mutualismus. Sie konnte nur unter gewissen Umständen sprechen. Das fiel natürlich in der Schule auf. Die Lehrer meiner Schwester hatten versucht, meinen Vater zu kontaktieren. Er hat alle Briefe und Anrufe ignoriert und so hat man uns das Jugendamt auf den Hals gehetzt. Ich habe das als Sabotage und Verrat empfunden. Den chaotischen Zustand der Familie vor dem Jugendamt zu verbergen, war mein Dienst an dieser Familie. Danach veränderte sich einiges im Verhältnis zu meiner Schwester. Sie zeigte mir gegenüber offen ihren Abneigung und mein Vater ignorierte mich.“

 Nowak: “Ihr Blick in Bezug auf das Verhalten ihres Vaters und ihrer Schwester hat sich aber mittlerweile geändert?“

Johanna: “Ich glaubte, meine Schwester die Mutter ersetzen zu können. Ich habe ihre Sehnsucht nach ihrer Mutter unterschätzt und sie bevormundet. Mein Vater fehlte die Fähigkeit sich anzupassen. Die verwaltete Welt, die Ordnung einer materialistischen und ökonomisch organisierten Gesellschaft, überforderte ihn. Er war abgestumpft und im Laufe der Jahre wurde er depressiv. Er konnte mir gar nicht helfen, weil er selbst Hilfe brauchte. Aber in dieser Welt gab es keine Hilfe für ihn. Ich wurde der Feind meiner eigenen Sippe, weil ich alles meinem Drang nach Anpassung untergeordnet habe.“

Nowak: “Diese Form der bedingungslosen Anpassung an gesellschaftliche Vorgaben hat ihr weiteres Leben stark beeinflusst?“

Johanna: “Auf jeden Fall. Ich konnte dadurch Erfolg haben.“

Nowak: “Wie schafften Sie das?“

Johanna: “Nach meinem Abitur begann ich zu studieren. Ich zog zu Hause aus. Mein Vater starb kurze Zeit später und meine Schwester war auf eine ähnliche Weise wie meine Mutter plötzlich verschwunden. Es gab also keine Verbindung mehr zu meiner Herkunft.“

Nowak: “Haben Sie nie nach ihrer Schwester gesucht?“

Johanna: “Warum sollte ich nach ihr suchen? Sie verabscheute mich und ich verabscheute sie. Die Auflösung der Verbindung zu meiner Herkunft empfand ich als Erlösung.“

Nowak: “Okay, wie ging es weiter?“

Johanna: “Ich hoffte mir durch das Studium eine akademische Grundlage zu schaffen und die nötigen Kontakte zu knüpfen, um als Schriftstellerin arbeiten zu können. Ich war auf einen guten Weg, veröffentlichte erste Texte, hielt Lesungen, gewann unbedeutende Autorenpreise und arbeitete erstmals an längeren Texten. Ich war eine mustergültige Studentin, absolvierte Prüfungen mit Bestnoten und war der Liebling meiner Professoren. Es sah gut aus. Ich hatte mich auf eine Karriere im Literaturbetrieb eingestellt. Ich war bereit, ein Teil der Kulturindustrie zu werden. Mein größter Traum, der mich seit meiner Kindheit begleitete, wurde Wirklichkeit. Dann kam für mich völlig unvorhergesehen ein gesellschaftlicher Umbruch, der meine Pläne zunichtemachte. Die politischen Veränderungen in unserem Land nahmen mir alle Chancen auf einen Aufstieg. Die politische Klasse war nach jahrelangen Kampf bereit, die Demokratie aufzugeben. Man war müde geworden und angeekelt von dem ganzen Schmutz der die letzten Jahre hochgespült wurde. Man gab der individuellen Freiheit die Schuld und viele Menschen waren bereit, sie aufzugeben. Sie versprachen sich davon Ruhe und Frieden. Wie so oft in totalitären Systemen waren die Intellektuellen und Akademiker die ersten Opfer. Von einem auf den anderen Tag musste ich das Studium aufgeben.“

Nowak: “Wer hat sich den so etwas ausgedacht?“

Johanna: “Sie haben doch den Roman geschrieben. Sie waren das.“

Nowak: “Klingt jetzt nach Vorwurf.“

Johanna: “Klar hätten sie auch einen schönen Roman über Freundschaft, Zuneigung und Liebe schreiben können. Dann ginge es mir jetzt besser.“

Nowak: “Puh. Das tut mir leid.“

Johanna: “Sie hatten ganz bestimmt ihre Gründe.“

Nowak: “Soll ich mich jetzt erklären?“

Johanna: “Da wir sozusagen Kollegen sind, empfehle ich ihnen, es zu lassen. Autoren, die erklären, warum sie etwas geschrieben haben, sind meistens keine guten Schriftsteller.“

Nowak: “Können Sie es erklären?“

Johanna: “Ich vermute mal, sie sind ein kleiner Pessimist und erwarten immer die schlimmste Wendung.“

Nowak: “Manchmal ja. Allerdings glaube ich auch daran, dass der Mensch an sich alles zu einem guten Ende bringen kann. Sonst wäre jede Form des künstlerischen Ausdrucks sinnlos.“

Johanna: “Machen sie mir keine falschen Hoffnungen. Ich erwarte kein gutes Ende für mich.“

Nowak: “Jetzt sind sie der Pessimist.“

Johanna: “Das haben sie mir zugeschrieben.“

Nowak: “Genauso wie ich, können sie einer solchen Welt, in der der einzelne entmündigt wird, nichts abgewinnen.“

Johanna: “Es hat lange gebraucht, bis ich verstanden habe, was eigentlich passiert war. Schließlich musste ich für mir mein Leben nochmals erkämpfen.“

Nowak: “Sie waren es immerhin gewohnt. War ihre Kindheit und Jugend doch schon ein Kampf.“
Johanna: “Das hat mich aber nicht zu einem besseren Menschen gemacht. Im Gegenteil: ich wurde ein wichtiges Teil dieser erbärmlichen Idee vom entmündigten Menschen, der freiwillig alle Möglichkeiten zur Entfaltung aufgegeben hatte.  

Nowak: “Erzählen Sie weiter. Was kam nach dem abrupten Ende ihrer akademischen Bemühungen?“

Johanna: “Wollen Sie dem Leser wirklich alles verraten?“

Nowak: “Warum nicht?“

Johanna: “Weil dann keiner mehr das Buch liest.“

Nowak: “Wer liest schon meine Bücher?“

Johanna: “Sie sind scheußlich!! Da unterscheiden wir uns.“

Nowak: “Na wenn sie über die Handlung nicht sprechen wollen, dann lassen sie uns doch etwas über den Hintergründe zu ihrem Aufenthalt am McMurdo-Sund kommen.

Johanna: “Sie nehmen doch schon wieder einen Teil der Handlung vorweg!“

Johanna S. – ein Mensch wie du und ich –

Für mich gibt es ein Mysterium rund um die Entwicklung von Figuren. Eine gute Geschichte lebt von Charakteren, mit denen man sich als Leser identifizieren kann, die glaubwürdig sind und nachvollziehbar handeln. Sie sind Fantasieprodukte und sollen trotzdem wie real existierende Personen agieren und wirken. Menschen sind komplexe Wesen, die man nicht abbilden kann. Aber wie nehmen wir real existierende Personen wahr? Nehmen wir diese Komplexität wahr? Im Alltag nehmen wir nur Fragmente einer Persönlichkeit wahr. Meistens sehen wir nur einige prägnante Merkmale und Verhaltensweisen. Was macht also einen Menschen in der Außenwahrnehmung aus und wie forme ich daraus eine Romanfigur.  Falls man als Nowak nur auf bestimmte Erscheinungsmerkmale herumreitet wird die Figur flach wirken. Zerlegt der Nowak eine Figur in alle Bestandteile seines Wesens, wird er handlungsarme und psychologisierende Texte produzieren.

 Ich habe mir für mein aktuelles Romanprojekt eine für mich neue Methode überlegt: Der Dialog mit Romanfiguren.  Der erste Teil des Romans beschreibt die Kindheit und Jugend von Johanna Sommer Ende des letzten Jahrhunderts und in den ersten Jahren des aktuellen Jahrhunderts. Der zweite Teil spielt in der Zukunft. Johanna ist um die vierzig Jahre alt und hat eine schwerwiegende Entscheidung getroffen, die ihr Leben ändern wird. Für mich dient die Methode dazu, sich mit der Hauptperson vertraut zu machen und wegzukommen von einer oberflächlichen Betrachtungsweise, die meine Figuren oft sehr leblos und eindimensional erscheinen lassen hat. Sie waren zu sehr in meiner eigenen Vorstellung von Kausalität gefangen. Im ersten Teil des Dialogs redet Johanna sehr offen mit mir. Ich nehme die Rolle des Therapeuten ein und sie reflektiert selbst ihre Kindheit und Jugend. Im zweiten Teil ist sie wesentlich verschlossener. Sie redet als offizielle Person ihrer Zeit, die einem Mann aus der Vergangenheit ihre Lebenswirklichkeit vermitteln möchte und dabei sehr darauf achtet, sich an die Regeln ihres Umfeldes zu halten. Das Gespräch hat mir geholfen, Johanna zu einer selbstständigen Person zu entwickeln, die für mich eine neue Tiefe und Klarheit bekommt. Ich habe nicht mehr die Perspektive des Autors, der ständig an der Person herumschnitzt. Johanna ist eine eigene Persönlichkeit, die ihre eigene Gegenwart und Vergangenheit durchlebt und die nicht mehr von meinem Empfinden abhängig ist. Sie steht nun neben mir wie jede andere fremde Frau und scheint für mich nicht mehr nur ein Teil meiner eigenen Person zu sein.

Headroom

Wenn Musiker ihre Stücke aufnehmen und danach mischen, reden sie gerne davon, dass die Aufnahme Headroom braucht. Eine einzelnes Instrument mit hohem Pegel kann sich sehr gut anhören, kommen aber noch viele andere Instrumente hinzu, wird die Aufnahme schnell matschig klingen oder sogar verzerren. Man sollte genügend Luft bis zur Raumdecke lassen und den Pegel einzelner Instrumente eher nach unten ziehen, auch wenn sie einzeln dann nicht sonderlich spektakulär klingen. Letztendlich bleibt aber im Gesamtbild genügend Raum, um die Aufnahme gestalten zu können.

Bei einem Roman läuft es ähnlich. Ich kann mir unzählige Figuren und Handlungsstränge ausdenken, die alle einzeln betrachtet eine tolle Wirkung auf den Leser haben. Habe ich zu viele Elemente kreiert und möchte daraus einen Text formen, wird der Text beliebig und zu überladen. Wenn ich ihn lese, schmerzen mir meine Ohren, weil er zu grell und zu laut ist.

Meine ersten Romanprojekte litten unter ein Zuviel an allem. Zu viele Personen, zu viele Handlungsstränge, zu viel Text. Erst beim zweiten Roman habe ich verstanden, dass ich mich auf das Wesentliche konzentrieren muss. Am Anfang standen die zwei Hauptfiguren. Zuerst wollte ich sie verstehen. Wie sollen sie ticken? Welches Leben haben sie hinter sich? Was ist ihre Motivation? Wie passt das alles zu meinem Anliegen? Erst als ich die beiden Hauptfiguren und ihr Denken und Fühlen durchdrungen hatte, konnte ich die Handlung ausarbeiten. Es war so eine Art „On-the-Road“-Roman. Die beiden Hauptpersonen gehen auf eine Reise, um etwas zu finden. Das Gesuchte finden sie zwar nicht, aber sie finden sich selbst. Hierbei ging es um ein verdrängtes Erlebnis, dass durch diese Reise für einen der Hauptpersonen wieder sichtbar wurde. Somit hatte ich ein Handlungsmotiv, das für Spannung sorgen sollte. Die Hauptperson macht immer wieder Andeutung und gibt Hinweise auf das traumatische Ereignis und meine Hoffnung war es, den Leser dadurch an den Text zu fesseln, weil er wissen will, was nun eigentlich damals passiert war. Das sollte alles reichen und hätte es auch, wenn ich nicht wieder zwischendurch meine üppige Fantasie hätte walten lassen. Am Ende gab es leider wieder viel zu viel Text, Handlung und Personen.  

 Deswegen mein Appell an alle Autoren, die sich mit ihrem Text herumschlagen, weil sie den Faden verloren haben: Macht Euch mit euren wichtigsten Figuren erst einmal vertraut, entwerft einen Handlungsstrang. Seid diszipliniert und lasst euch Raum. Das Grobgerüst muss stehen. Das Fleisch kommt beim Schreiben an den Knochen.