Das Ende

Die Fertigstellung des Romans war schwieriger als gedacht. Das letzte Kapitel hat es noch einmal in sich gehabt. Die Grundidee war es, die Zukunft der Protagonisten zu beschreiben. Sie kommen von ihrer großen Reise zurück. Können sie sich wieder einordnen, ihr altes Leben wieder aufnehmen oder wird sich ihr Leben radikal ändern? Und hier teilt sich das bisher miteinander verbundene Schicksal der Helden. Der eine versucht sich sein altes Leben zurück zu erobern und der andere wird sein Leben radikal ändern. Sie werden sich aus den Augen verlieren. Während einer der Beiden eine Familie gründet, in eine andere Stadt zieht, ein Haus kauft, seine Söhne großzieht, scheint der andere einfach wie vom Erdboden verschluckt. Nach zehn Jahren gibt es einen Anlass, der sie wieder zusammenbringt. Der eine Protagonist macht sich auf die Suche nach dem Anderen und findet ihn. Soweit so gut! Wo ist die Pointe am Schluss?

Es soll ja Autoren geben, die einen Roman erst beginnen, wenn Sie den letzten Satz schon kennen. Das war noch nie mein Ding. Ich habe zwar in den letzten Jahren gelernt mit einem Plan ans Schreiben zu gehen. Doch um das Ende habe ich mich selten geschert. Manchmal ist der Schluss der Anfang (wie in Roman drei). Aber das ist die absolute Ausnahme. Manche Autoren betrachten es als Fehler, kein Ende parat zu haben. Ich sehe das anders. Trotz einem Plan brauche ich Spielraum für die Entwicklung der Geschichte. Manchmal ist es wichtig, dass Pläne offen genug sind, um andere Verläufe zuzulassen. Im Endeffekt ist die Zuspitzung auf das Ende wichtig, denn das Ende ist wie der Anfang eines Romans das Element, dass dem Leser auf jeden Fall in Erinnerung bleibt und sein Urteil über den Text stark beeinflusst. Mir fehlte die Pointe der Geschichte.

Ich kam bis an den Punkt, an dem sich die zwei Protagonisten nach zehn Jahren wiedersehen. Das sollte es gewesen sein? Eigentlich nicht. Irgendetwas Spannendes und Aufregendes muss am Ende passieren. Ein Ausrufezeichen, vielleicht auch ein Fragezeichen, irgendetwas mit dem der Leser überhaupt nicht gerechnet hat, ein letzter Überraschungsmoment, etwas, was den Atem stocken lässt. Jetzt treffen sich zwei Menschen nach zehn Jahren und erzählen sich ein wenig von Ihrem Leben. Wo soll da die Spannung herkommen? Lange musste ich darüber nachdenken. Ich habe munter weiter geschrieben und irgendwann war ich an den Punkt angelangt, an dem es nicht weiter geht, ohne das Ende zu wissen. Die Fertigstellung des Romans kam zum Erliegen. Mindestens zwei Wochen konnte ich kein Wort schreiben. Es ist mir einfach nichts eingefallen. Viele Varianten habe ich im Kopf durchgespielt. Alle schienen mir zu lasch und einfallslos zu sein. Letztendlich habe ich mir vorgenommen, verschiedene Versionen der letzten drei Seiten zu schreiben. Sich nicht festzulegen, sondern erst einmal spielerisch ausloten, was möglich ist, erwies sich als gute Idee. Das war mein Befreiungsschlag. Schon die erste Version hat das beste Ergebnis gebracht. Natürlich verrate ich hier nicht, was am Ende passiert. Aber nach drei weiteren Wochen war ich endlich fertig mit dem Text. Ich musste die letzten Seiten mehrmals überarbeiten. Beim Lesen habe ich sofort gemerkt, dass es durch das neue Ende mehrere Ungereimtheiten entstanden waren, die ich wegfeilen musste. Dann habe ich das Kapitel insgesamt noch einmal überarbeitet und nun bin ich fertig.

Aber ihr wißt ja, was das bedeutet….Jetzt fängt die Arbeit richtig an….mein Heimlektorat (meine Frau) muss den Text jetzt erst mal absegnen, dann suche ich Testleser….ist noch ein langer Weg. Ich werde berichten.

Endspurt

Im Sommer habe ich zum letzten Mal über die Revision meines zweiten Romans berichtet. In einer kleinen Lektion über das Schreiben habe ich mein eigenes Tun reflektiert und mit Ratschlägen an andere weniger geübte Autoren verbunden.

Seit dem ist es auf meinem Blog still geworden, gerade wenn es um mein eigentliches Thema, das Schreiben ging,  habe ich mich in Schweigen gehüllt (vielleicht hätte ich mich lieber in rosafarbene Seidentücher hüllen sollen).

Tja manchmal bekomme ich nicht alles unter einen Hut (so einen hätte ich auch noch aufziehen können, rosa Tücher, schwarzer Hut…), denn ich habe im letzten halben Jahr mein Zeitbudget darauf verwendet, meinen Roman von den Füßen auf den Kopf stellen (im Kopfstand, die rosa Tücher und der schwarze Hut halten sich nicht am Körper, scheiße aber auch). Nachdem ich lange mit einigen Kapiteln gekämpft habe, schreibe ich nun die letzten Seiten des letzten Kapitels.

Im Sommer und Herbst hatte ich noch einige Hürden zu überwinden. Besonders der Herbst war schwer für mich. Ich konnte zum Schreiben nicht mehr an meinem gewohnten Platz draußen im Garten sitzen. Das macht mich jedes Jahr fertig und lässt meine Motivation auf den Nullpunkt sinken. An meinem Stammplatz im Garten habe ich Ruhe, kann mich konzentrieren, bin raus aus dem Familientrubel, kann eine Pfeife oder Zigarre rauchen und einen Kaffee schlürfen. Perfekte Arbeitsbedingungen. Das überarbeitete Kapitel spielte im Sommer und es fiel mir einfach die Stimmung des zu Ende gehenden Sommers auf den Text zu übertragen. Ich war zufrieden mit mir und meiner Arbeit. Ich hatte gerade noch das letzte vorhandene Kapitel aus der ersten Version überarbeiten können und dann wurde es Herbst.

Das nächste Kapitel musste ich vollkommen neu aus dem Boden stampfen. Das Kapitel aus der ersten Version war so schlecht geschrieben, dass ich noch nicht einmal Fragmente für die zweite Version verwenden konnte. Der kalte Herbst zwang mich an meinem Schreibtisch in meinem kleinen Arbeitszimmer und ich hatte keine Idee für das vor mir liegende Kapitel.

Ich ging in Klausur und nahm mir vor zwei Wochen lang an dem Setting zu arbeiten. Ich wusste ja, worum es gehen sollte. In der ersten Version sollten sich jetzt Vater und Sohn gegenüber stehen. Damals entschied sich der Sohn bei seinem Vater zu bleiben. Sein Freund kehrte darauf hin nach Hause zurück. Bei meinen ersten Überlegungen, lange bevor ich an diese Stelle kam, war mir klar, dass das Bullshit war. Der Vater hatte seinem Sohn Unrecht angetan und auf der langen Reise musste der Sohn erkennen, dass er seinem Vater in manchen Dingen ähnlich war, er aber nicht wie sein Vater werden wollte. Also musste in der neuen Version der Sohn am Ende des Kapitels seinem Vater die Gefolgschaft versagen und wieder nach Hause zurückkehren. Das hatte natürlich Konsequenzen für die weitere Handlung im nächsten und letzten Kapitel. Beim Nachdenken fiel mir auf, dass sich für mich völlig neue Möglichkeiten ergaben, um die Handlung zu einer nachvollziehbaren Einheit verschmelzen zu können. Mir wurde klar, dass ich auch das letzte Kapitel vollkommen neu aufziehen musste.

Aber zurück zu meiner Klausur. Wenn mir nichts einfällt, mache ich ein kleines Brainstorming. Ich versuche zuerst zu überlegen, was ich mit dem Kapitel aussagen möchte. Oft helfen mir andere Bezugspunkte, Werke anderer Künstler, die sich schon an einer ähnlichen Thematik versucht haben.

Das Kapitel sollte in einer Art Warroom spielen. Ein Anführer sitzt in einem Raum und spricht mit Personen, die sich weit entfernt an einem anderen Ort befinden. Das Thema Videokonferenz ist allgegenwärtig und man sieht fast täglich in den Nachrichten Politiker, die vor Bildschirmen sitzen und über die Entfernung miteinander konferieren.

Ich saß ein Wochenende lang gelangweilt vor meinem Computerbildschirm, bohrte mir mit dem Bleistift in der Nase herum und hüpfte von einer Pornoseite zur nächsten. Zuerst liebäugelte ich andauernd mit einem ähnlichen Setting wie bei Kubricks Dr. Seltsam. Dort gibt es diese weltberühmte Warroomszene mit Peter Sellars im Rollstuhl als verrückten Wissenschaftler. Witzig aber viel zu altmodisch. Nachdem ich mehrere meiner Hirnwindungen mit meinen Hirnwinden aufgebläht hatte und ich meine Gedanken in Schleifen gelegt hatte, fiel mir ein Kunstwerk der letzten Dokumenta ein, das ich damals als sehr inspirierend empfand.  In einer alten unterirdischen Straßenbahnhaltestelle wurde die Installation von Michel Auder „The Course of Empire“ gezeigt. Es handelte sich um ungeordnet an die Wand gehängte Bildschirme auf denen unzählige verschiedenartige Szenen gezeigt wurden: Abbildungen von Kunstwerken, Filme über Naturkatastrophen, Gewaltszenen, pornographisches Material, Handynachrichten, Texte. Die Szenen schienen in keinem Zusammenhang zu stehen. Michel Auder bezog sich allerdings auf einen Gemäldezyklus von Thomas Cole, der sich wiederum auf einen Gedicht von George Berkeley bezog, das den Aufstieg und Fall eines Imperiums beschrieb.

Die Bezugspunkte gaben mir wieder einen neuen Spielraum. Die Mission des Vaters meiner Romanfigur bestand in der Zerstörung eines Imperiums und die Erschaffung eines neuen Imperiums. Ich zeigte also in dem Kapitel wie der Vater per Videokonferenz mit seinen Untergebenen über die Zerstörung des Imperiums sprach und sie gleichzeitig mit aktuellen Bildern über das Voranschreiten der Zerstörung durch Kriege, Naturkatastrophen und Gewalttaten gegen Mensch und Natur gefüttert wurden. Der Sohn sollte Zeuge dieser Konferenz der Destruktion werden. Der Vater wollte ihn von seiner Mission überzeugen und ihn zu seinem Nachfolger als Koordinator der Zerstörung küren. Der Sohn erschrickt über die Abartigkeit seines Vaters und enttarnt den Irrsinn dahinter, den der Vater schon lange nicht mehr erkennt. Am Schluss lehnt er das Erbe ab und flüchtet vor seinem eigenen Vater.

Die Idee habe ich kurz skizziert und mir überlegt, wie der Ort ausschauen könnte, an dem diese Videokonferenz des Grauens stattfinden könnte. Mit dem Setting bin ich in die Planung meines Dialoges zwischen Sohn und Vater gegangen. Der Dialog zwischen beiden ist der Dreh- und Angelpunkt des Kapitels. Am Ende muss stehen, dass der Sohn dem Vater alles vor die Füße wirft und ihm erklärt, dass er verrückt ist. Welche Botschaften wollen die beiden dem anderen überbringen? Welche Gefühle oder alte Verletzungen, welche Weltanschauungen und Traumata spielen eine Rolle? Manche Gefühle werden ausgesprochen, manche Gedanken werden laut gesagt. Eine ähnliche Vorbereitung zu meinem dritten Roman habe ich schon einmal anhand eines Interwievs hier im Blog vorgestellt. Erst als ich das Gefühl hatte, das die Stimmung passte, dass das angespannte Verhältnis zwischen Vater und Sohn deutlich wird, habe ich begonnen eine Handlung grob nieder zu schreiben. Das Kapitel sollte nicht lang sein. Auf der einen Seite ist da der Dialog zwischen Vater und Sohn. Aber die Handlung muss ja auch vorangetrieben werden. Also durfte es keine großen Ausflüge geben. Das Kapitel sollte dicht und griffig wirken. Im Prinzip wie eine Action-Szene im Film. Schnell, kurze Schnitte, wenig Gedöns und Obacht, natürlich stimmig in der Botschaft sein. Ob ich das geschafft habe, kann der geneigte Leser beurteilen, der irgendwann mal den Roman lesen darf. (Hatte ich schon gesagt, dass ich bald Testleser brauche! Interessiert?) Die Arbeit daran hat dann ungefähr sechs Wochen gedauert, von Planung bis Schreiben und Fertigstellung des Kapitels. Allerdings durch mein gezieltes Herangehen habe ich viel Zeit gespart und nach meinem Empfinden ist das Ergebnis wesentlich besser als der erste Versuch, den ich einfach ohne Planung aufs Papier gebracht habe.

Mir fehlen noch ca. zehn Seiten und dann werde ich das letzte Wort meines Romans geschrieben haben. Alle Romanautoren kennen dieses besondere Gefühl, wenn man am Ende eines langen Weges ankommt und nun sich alles wie von selbst zu einem großen und ganzen Werk zusammenfügt. Man hat es geschafft aus einer kleinen Idee einen ganzen Kosmos an Figuren und Geschichten zu erschaffen und das kann einem keiner mehr nehmen.

Es ist egal, ob ich einen Verlag finde oder sogar einen Leser, dieses von mir erschaffene Geschöpf erblickt nun bald das Licht dieser Welt….

Wie schreibt man einen Bestseller in zehn Tagen? Teil 2

Anschließend habe ich mich dem Kapitel gewidmet, das zur Bearbeitung anstand. Ich habe erst einmal versucht zu klären, worum es in dem Kapitel gehen soll. Dabei kam ein Motto zustande: Manchmal muss man die Dunkelheit ertragen, um die Wahrheit darin verbergen zu können.

In dem Kapitel geht es um die Reise zweier blinder Passagiere auf einem Containerschiff. Um nach Indien zu kommen, haben sie sich in einem Container einsperren lassen. Mein Protagonist und sein Freund reisen um die Welt, um den Vater des Freundes zu finden. Die beiden haben ein Geheimnis, das sie einander kettet. Die Freundschaft ist reine Fassade und die Beziehung besteht darin, dass sich beide gegenseitig benutzen oder demütigen, da jeder den anderen für die missliche Lage verantwortlich macht. Und jetzt sitzen sie in einem dunklen Container fest. Der Freund hat eine Stirnlampe und hockt auf den Vorräten. Mein Protagonist hat furchtbare Angst, die Überfahrt nicht zu überleben. Außerdem fürchtet er sich wahnsinnig vor der Dunkelheit.

Ich hatte erhebliche Probleme diese Situation zu beschreiben. Die alte Version war Teil eines sehr langen, verschachtelten Kapitels. Das Thema Angst vor der Dunkelheit, Angst vor der Enttarnung, Angst vor dem besten Freund ging in den vielen Teilaspekten mehrerer Geschichten unter. Dabei stellte sich der Gebrauch der indirekten Rede als absolutes Hindernis heraus. Einer der ersten Überlegung war es, dieses eine Kapitel in direkter Rede zu verfassen, um den besonderen Charakter des Kapitels zu betonen und andererseits den beiden Freunden einen echten Dialog zu ermöglichen.

In allen anderen Kapiteln nutze ich die indirekte Rede, um die subjektive Sicht des Ich-Erzählers, meines Protagonistens, noch zu verstärken. Im Containerkapitel sollte die Gegenposition des Freundes sichtbar werden, sie sollte aus der dunklen Ecke der Subjektivität ans Tageslicht gezerrt werden.

Das ganze Buch über wird wenig geredet. Der Protagonist und sein Freund sprechen nicht viel miteinander. Sie schweigen sich an. Der eine misstraut dem anderen. Im Container müssen sie sich auf sich gegenseitig verlassen können. Um überleben zu können, müssen sie miteinander reden. Mein Held kann die Dunkelheit nur ertragen, weil ihm die Stimme seines Freundes aus der Einsamkeit herausreißt. Der Einsatz der indirekten Rede hätte in dieser Situation nur gestört.

 Also habe ich als zweiten Schritt einen Übungsdialog geschrieben. Einen ziemlich langen und ausführlichen Dialog über fast zwanzig Normseiten. Ich habe sie sich gegenseitig Fragen stellen lassen, jeder konnte seine Ängste und seine Wut formulieren. Sie konnten die Reise bis zu dem Stadium rekapitulieren und sich die Bälle zuspielen.

Beim Schreiben des Dialoges kam der Spaß am Text wieder. Ich hatte die Monotonie der vorherigen Kapitel durchbrochen, weil ich mich nicht mehr an meinen straffen Formalismus gehalten habe.

Mit dem Übungsdialog bekam ich die Chance meine zwei Hauptfiguren neu zu entdecken. Bisher gab der Protagonist als Ich-Erzähler das Bild seines Freundes vor. Er hat in sein Handeln und seine Worte etwas hineininterpretiert (gerade durch die indirekte Rede). Ich selbst als Autor wusste nicht mehr, wie der Freund wirklich tickt.

Der Leser kann meiner Freude am Schreiben hoffentlich folgen. Sollte er doch eine Vielschichtigkeit und Tiefe bei den Hauptpersonen erkennen, die vorher durch die Subjektivität nicht unbedingt erkennbar war.

Als ich den Dialog fertig hatte, hatte ich parallel aus den späteren Kapiteln viele Traumsequenzen herausgeschnitten. Die Träume waren abscheulich dumm, törichte Schnipsel einer wenig glaubhaften Psyche. Eine Traumsequenz fand ich aber sehr passend. Sprachlich war sie viel zu überfrachtet mit Beschreibungen und am Ende mit dummen brutalen Ausführungen, die höchstens als Effekthascherei durchgingen.  Der Traum spielte in einem Freibad. Ich fand in dem Element Wasser eine Verbindung zwischen Freibad und der Fahrt auf einem Containerschiff. Ich stellte die Traumszene am Schluss, konnte sie mir doch helfen, den Dialog genau dorthin zu treiben. Am Anfang ist der Dialog sehr klar und nach und nach weicht er ins Wahnhafte aus. Meinem Protagonisten ist nicht mehr klar, ob er schläft oder wach ist und ob er wirklich noch mit seinem Freund redet. Das Kapitel endet mit einem Knall und lässt dadurch viel Raum zum Anknüpfen (bei Fernsehserien spricht man, glaube ich, von Cliffhängern.)

Nun habe ich den Beginn für die alles entscheidenden letzten Kapitel geschrieben und kann von dort aus den Text auf das alles bestimmende Ereignis als Höhepunkt zuspitzen.

Also liebe AutorInnen, nicht aufgeben, zur Seite treten und sich eine Übung überlegen, um den Bewegungsablauf zu trainieren. Einen Roman absolviert man wie einen Marathon. Man trainiert und trainiert, feilt an der Technik und der Ausdauer und irgendwann läuft man mühelos die ganze Strecke.

SCHREIBE DEINE ROMANE WIE DEINE KURZGESCHICHTEN – TEIL 2

Eine irre Aufforderung. Wie jeder weiß ist eine Kurzgeschichte eine völlig andere Literaturgattung als ein Roman und anderen Regeln unterworfen. Mir hat diese Aufforderung in meiner sehr speziellen Situation sehr viel gebracht, hat sie mich doch daran erinnert, dass Literatur von der Verknappung lebt. Das wichtigste Merkmal einer Kurzgeschichte ist nun mal die Reduktion auf wenige prägnante Ereignisse, Handlungen und Figuren. Ich habe bisher Monstren erschaffen, fast nicht lesbare Wortskulpturen, die leider nicht so außergewöhnlich sind, dass sie eine eigene Kunstform darstellen können. Im Prinzip habe ich viel Wortmüll produziert, immer in dem Glauben, der Leser müsse alle Informationen habe.

Nun habe ich eine dieser Wortskulpturen vor mir liegen: mein zweiter Roman mit über 500 Normseiten. Jedem, dem ich die Story erzähle, sagt: „och klingt spannend“ Trotzdem legen es alle nach ein oder zwei Seiten weg. Meine Frau hatte sich geweigert, mehr als die ersten zehn Seiten zu lesen und nachdem ich niemanden gefunden hatte, der Hand an den Roman legen wollte und mir eine anständige Rückmeldung geben wollte, habe ich das Projekt aufgegeben.

Erst durch Zufall und einem Gespräch an einem launigen Sommerabend kam es ans Tageslicht. Ich hatte mittlerweile begriffen, dass das alles zu viel ist und meine Frau ja Recht hatte, als sie sich vor ein paar Jahren weigerte, das Buch zu lesen.

Die Story ist mir zu wichtig, um sie liegen zu lassen. Also hatte ich mir einen Plan ersonnen, den Text neu zu ordnen und daraus einen gut lesbaren spannenden Text zu machen. Ich bin ein Mensch, der Regeln braucht, die manchmal etwas krass klingen mögen, mir helfen, eine Änderung meines Verhaltens herbeizuführen. Hier hieß die Regel: Jedes Kapitel muss mindestens um die Hälfte gekürzt werden.

Der erste Versuch fällt schwer. Von vielen meines Erachtens guten Textstellen wollte ich mich auch unter Androhung roher Gewalt nicht trennen.

Meine Frau nahm sich das erste Kapitel vor und hat als Testleserin sofort einige inhaltliche und stilistische Fehler gefunden.

Ich war der Meinung, den Text interessant zu gestalten, in dem ich die einzelnen Handlungsstränge ineinander verschachtele. Kann man vielleicht einen Blumentopf bei irgendwelchen Literaturnerds gewinnen, aber auch nur wenn man es wirklich beherrscht. Meine Frau konnte den einzelnen Handlungen gar nicht folgen, weil sie vieles nicht eindeutig zuordnen konnte. Zu was gehört nun der Absatz und warum macht jetzt der das, da hat er eben noch was ganz anderes gemacht. Das erste Kapitel strotzte vor Handlungslöchern und Anschlussfehlern.

Zudem erkannte sie sofort, dass ich im ersten Kapitel viel zu viele Handlungsstränge und Personen anreiße und aufzeige. Viel besser ist es, sich auf wenige Personen und ein oder zwei Handlungsstränge zu konzentrieren. Bei mir ging es einerseits um die Lebenskrise der Hauptperson, die seinen Vater finden möchte. Dann ging es um den besten Freund, mit dem er ein Geheimnis teilt, dann um die Hochzeit der Hauptperson, die nun gefährdet war, aber das war sie eigentlich schon die ganze Zeit, da seine zukünftige Ehefrau auch ihre eigenen Probleme hatte, weil ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben kam, aber da war noch die Mutter der Hauptperson, die natürlich nicht wollte, dass er den Vater findet, da der Vater einfach abgehauen war und sie wie den letzten Dreck behandelt hatte und dann war da noch ein Aufzug und viel blablabla.

Die dritte Auffälligkeit drehte sich um meine Art die Charaktere zu beschreiben. Ich hatte anscheinend das Gefühl, der Leser könne ohne ausschweifende langatmige psychologische tiefergehende Ursache-Wirkungs-Analysen das Wesen meiner Charaktere nicht verstehen. Dabei reichen ein oder zwei kleine Anekdoten oder eine Beschreibung einer Person oder einer Handlung, um die Person einzuführen und für den Leser begreifbar zu machen.

Zudem litt ich an der typischen Bandwurmsatzkrankheit. Anstatt Beschreibungen und Handlungen in kleine Häppchen zu teilen, habe ich immer versucht alles in einen Satz zu quetschen. Natürlich gibt es Autoren, die das können und damit ihre Leser verzaubern. Bei mir ist es eine Unart. Lieber mehrere Sätze formen aus Subjekt, Prädikat, Objekt anstatt mit einer Ansammlung von adjektiven und adverbialen Beschreibungen und unzähligen Parenthesen den ganzen Lesefluss zu zerstören und für den Leser die Nachvollziehbarkeit des Inhaltes zu zerstören.

Das waren die vier Auffälligkeiten, die circa dreiviertel des Textes zu einem unlesbaren Konglomerat an Wörtern machte. Es gab noch andere Auffälligkeiten, aber die fallen unter die üblichen Denk- und Flüchtigkeitsfehler, die jeder Autor macht. Das ist mir bei der Arbeit auch aufgefallen. Kein Autor sollte meinen, er habe die Pflicht einen fehlerfreien Text abzuliefern. Das gibt es nicht. Alle machen Fehler!

In stundenlangen sommerlichen Diskussionsrunden hat meine Frau meinen Text zerfleddert. Ich brauchte einige Glas Wein, um es aushalten zu können. Schließlich tat es mir anfangs fast körperlich weh, dass jemand mein in jahrelanger Arbeit entstandenes Werk in Stücke haut.

Der Prozess war sehr heilsam. Danach ging ich an die Arbeit und habe Stück für Stück den Text entkernt. Schwups war das erste Kapitel nur noch halb so lang und es las sich wirklich wie eine meiner Kurzgeschichten.

Das waren aber erst das erste Kapitel und der erste Schritt in die richtige Richtung. Natürlich frage ich mich, was mir bei der Arbeit an allen anderen Kapiteln noch an Bearbeitungspotentialen begegnet und inwieweit meine Frau mich als Testleserin und kritische Lektorin mich begleiten kann.

FBM 19

Die Buchmesse…immer wieder die Buchmesse…sich am Samstagmorgen leicht übermüdet in den Zug nach Frankfurt quälen…schon beim Eintritt nicht zu wissen, wo man hin will… meine Frau, die unbedingt viele Bücher kaufen will (geht jetzt auch samstags. Deswegen waren wir samstags und nicht wie in den Jahren zuvor sonntags auf der Buchmesse) und für gewöhnlich leicht frustriert ohne ein einziges Buch nach Hause fährt…ich, der ich nach interessanten Autoren fahnde und seinen alljährlichen Artikel für seinen Blog im Kopf hat und davon träumt mal an den Fachtagen auf die Messe zu gehen…das Geschubse in den Hallen…die langen Gänge, unendliche Meter zu Fuß…die vielen Cosplay-Mädchen mit ihren Lolita Kostümen und ihren überdimensionierten Pappmaché-schwertern…die Nerds, die nur kostenlose Artikel in ihre unzähligen Stofftaschen packen wo…warum machen wir das alles bloß…warum nur?

Sascha Lobo – ZDF blaues Sofa

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Eine nette junge Messehostess reicht den Kindern Papierstreifen. Wenn man sie verliert, können wir angerufen werden. Wir verlieren jedes Jahr eines unserer Kinder. Besonders unser jüngster neigt dazu, einfach zu verschwinden. Wir rennen durch den Eingangsbereich in die Halle 4.1. Meine Frau sucht nach Mealprep-Büchern und ich suche das blaue Sofa vom ZDF. Pünktlich um halb Elf bin ich da. Sascha Lobo redet schon. Er hat ein neues Buch geschrieben (Realitätsschock). Der Mann mit rotem Iro und schwarzen Schlabberanzug ist der allgegenwärtige Onkel der Digitalnerds, der uns analogen Menschen das virtuelle Welt des Internets erklärt. Unaufgeregt beschreibt er, wie Attentäter durch die digitale Vernetzung ein Publikum finden und dieses sich zur Nachahmung berufen fühlt. Rechtsextreme hat es schon immer gegeben, aber durch das Internet haben sich Filterblasen und Plattformen gebildet, auf denen sie ihre Meinungen potenzieren können und sich nach Lust und Laune austoben können. Seine Kernthese ist, dass Politik und auch die Gesellschaft auf die Entwicklungen des 21. Jahrhunderts mit Mitteln des 20. Jahrhunderts reagiert. Als Beispiel nannte er das Rezo-Video. Hätte der Youtuber einen Leitartikel in irgendeiner großen Tageszeitung mit gleichem Inhalt veröffentlicht, hätte die CDU die Mittel gehabt, um auf die Vorwürfe reagieren zu können. Alleine durch die Veröffentlichung der Polemik auf einer digitalen Plattform wie Youtube war die CDU völlig unfähig eine angemessene Antwort zu zugeben. Dann machte Herr Lobo launige Witze über Julia Klöckner, die ihn wohl am Vortag an seinem Stand besucht hatte und ihn mit zwei Küsschen begrüßt hatte. Worauf hin die Frage aufkam, warum Frau Klöckner ihn so begrüße. Er antwortete, dass sei ihrer herzliche Art geschuldet. Man kenne sich, außerdem habe sie als Weinkönigin ein entsprechendes Begrüßungstraining genossen. Die Lacher hat er auf seine Seite. Insgesamt fand ich das Interview sehr aufschlussreich, weil ein Internetfreak und Interpret digitaler Kommunikation vollkommen überrascht ist über die Entwicklungen der letzten Jahre und selbst eher achselzuckend darauf reagiert. Das nimmt man Herr Lobo ab. Er kann die Zusammenhänge nachvollziehbar darstellen, ohne ihnen die Komplexität zu nehmen. Er legt die Finger in die ziemlich eitrigen Wunden und lässt sie offen vor sich her blühen. Den Verband müssen die anderen anlegen. Ich höre ihm gerne zu. Aber ein Buch muss ich nicht von ihm haben. Da kenne ich tiefsinnigere Welterklärer.

Dag Olstad im Gespräch mit Hinrich Schmidt-Henkel – norwegischer Pavillon

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Kaum bin ich weg vom blauen Sofa, finde ich meine Familie nicht mehr wieder. In Halle 3.0 sind die Gänge schon vollkommen überfüllt. Mehrmals rufe ich meine Frau auf dem Handy an, jedes Mal springt die Mailbox an. Ich schwitze, die Menschenmassen empfinde ich als Zumutung. Kurz überlege ich, mich wieder in den Zug zu setzen und ohne meine Familie heim zu fahren, da klingelt endlich mein Handy. Meine Frau möchte gerne zum norwegischen Pavillon, in der Hoffnung, dass dort weniger Betrieb ist. Außerdem möchte Sie Hinrich Schmidt-Henkel live erleben. Herr Schmidt-Henkel ist ein vielbeschäftigter Übersetzer bekannter französischer und norwegischer Autoren. Außerdem taucht er immer wieder mal in der Sendung Karambolage auf Arte auf und erklärt besondere Wörter und Redewendungen. Nach der Lektüre zweier Bücher von Édouard Louis (dem ich mich in einem anderen Beitrag gerne widmen möchten), die von Herr Schmidt-Hinkel übersetzt wurden und durch seine Auftritte in der Sendung Karambolage wurde meine Frau auf ihn aufmerksam. Herr Schmidt-Hinkel sollte ein Gespräch mit norwegischen Autor Dag Solstad führen. Herr Solstad ist ein kleiner gramgebeugter alter Herr mit weißer Fusselmähne und zerstörtem Gesicht mit weißem Stoppelbart, der ein Jackett aufträgt, das er wahrscheinlich schon vor vierzig Jahren aus dem Altkleidercontainer gefischt hat. Das Interview stellt sich als langwierig und zäh heraus. Herr Hinrich Schmidt-Hinkel stellt lange Fragen, die erst von einem anderen Übersetzer, anhand seiner Notizen, Herrn Solstad vermittelt werden müssen und der kryptische Antworten auf Norwegisch gibt, die der Übersetzer wiederum anhand seiner Notizen ins Deutsche übersetzt. Herr Solstad wurde lange Zeit nicht in Deutschland verlegt, obwohl er in Norwegen recht erfolgreich war. Anscheinend wurden ihm als politischen Autor mit kommunistischer Prägung keine Erfolgschancen im Ausland beigemessen. Erst als ihm durch das Ende des kalten Krieges die politische Utopie abhandengekommen war, begann er unpolitische Romane zu schreiben und erst dann wurden seine Bücher auch übersetzt und in Deutschland verlegt. In seinen Büchern neuerer Prägung geht es um Protagonisten, die sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen, um außerhalb der Gesellschaft leben zu wollen. Der aktuelle Roman, der vor kurzem in Deutschland veröffentlicht wurde, ist zwanzig Jahre alt. Er heißt „T.Singer“ und Herr Olstad liest uns eine Passage aus dem Roman auf Norwegisch vor. Wir denken an eine Realsatire: ein alter ungepflegter Schriftsteller liest verwaschen, fast lallend, auf Norwegisch einen Text vor, den wir nicht verstehen und auch nicht folgen können. Als dann Herr Schmidt Hinrich noch den Inhalt zusammenfasst, die Geschichte eines Vierunddreißigjährigen Bibliothekars, der sich vollkommen zurückgezogen hat und sich in eine Töpferin verliebt, können wir uns kaum zurückhalten. Wir grinsen, schmunzeln und meine Frau gibt mir als Belohnung für die Strapazen des Zuhörens ein Duplo. Wir schauen uns den Norwegischen Pavillon an und hören im Hintergrund Herrn Schmidt-Hinrich jubilieren und Herrn Olstadt grummeln. Der Pavillon wirkt übrigens diesmal sehr leblos und lieblos. Auf Tischen liegt norwegische Literatur aus, die Tische sind mit Edelstahlgebilden verziert und der Raum ist durch große Spiegel links und rechts künstlich vergrößert worden. Mehr Stil ist nicht.

In der Halle 3.0 ist kein Durchkommen mehr. Wir haben den Eindruck, dass samstags mehr Betrieb als sonntags ist oder liegt es daran, dass man nun auch samstags Bücher kaufen kann oder dass das Wetter schlecht ist? Wir finden keine erhellende Erklärung und rennen raus, um uns dann in der Halle 4.1 zu tummeln. Während meine Familie noch in der Halle bleibt, mache ich mich auf den Weg zu einem anderen Programmpunkt, der mir besonders am Herzen liegt

Terezia Mora im Gespräch mit Elke Schmitter – am Stand des Spiegels

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Für mich ist es eine heilige Pflicht dem Stand des Spiegels auf der Buchmesse einen Besuch abzustatten. Seit über dreißig Jahren habe ich keine Ausgabe des Spiegels verpasst und jede Ausgabe von hinten nach vorne gelesen. Niels Nikmar, Susanne Beyer oder Elke Schmitter in voller Größe in Augenschein nehmen zu dürfen, ist für mich eine Ehre. Das Terezia Mora ihr neues Buch beim Spiegel vorstellt, bedeutet für mich also doppelten Lustgewinn. Schließlich habe ich Frau Mora dieses Jahr für mich entdeckt. Selten kann ich erfolgreichen Autoren etwas abgewinnen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen und dafür gefeiert werden, dass sie den neusten heißen Scheiß geschrieben haben. Für mich müssen Autoren wie gute Weine ein paar Jahre reifen. Sie müssen sich etablieren und über mehrere Bücher hinweg beweisen, dass sie mein Interesse verdient haben. Terezia Mora war der richtige heiße Scheiß als sie 2014 den deutschen Buchpreis gewann und für mich wurde sie erst interessant als sie den Georg-Büchner-Preis gewann, die Autoren zumeist erst bekommen, wenn sie schon über den Status der Eintagsfliege hinausgewachsen sind. Im Frühjahr habe ich den ersten Teil der Trilogie um den Protagonisten Darius Kopp gelesen. „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ aus dem Jahr 2009 hat mich begeistert. Frau Mora hat nun den letzten Teil der Trilogie „Auf dem Seil“ veröffentlicht. Frau Mora ist genauso alt wie ich und eine sympathische Person, die gerne Auskunft über ihre schriftstellerische Tätigkeit gibt. Man kann als Autor viel von ihr lernen, weil sie sehr plastisch ihre Arbeit am Werk reflektieren kann. Wenn sie über Darius Kopp spricht, hat man das Gefühl, die Person existiere wirklich. Teresia Mora antwortete auf die Frage, ob es sein könne, dass Kopp in einem späteren Werk wieder auftauche, sie es nicht als wahrscheinlich sieht, das sie alles erzählt hat, was sie über Darius weiß. Es gibt an dem Charakter Darius Kopp etwas, dass über das Wissen der Autorin hinausreicht, als habe Frau Mora Darius Kopp kennengelernt, eine Zeitlang beobachtet und begleitet und nun hinter sich gelassen, damit Herr Kopp sein Leben weiter leben kann. Das offenbart eine liebevolle Haltung der Autorin gegenüber ihren Figuren, die irgendwann zu eigenständigen Personen werden und zu denen sie trotzdem eine professionelle Distanz hält. Sie zeigt im Interview auch die Konstruktionsarbeit die bei der Entwicklung des Textes notwendig war. Im dritten Teil musste sie dafür sorgen, den mittellosen Darius wieder nach Berlin kommt, dem Ausgangspunkt ihrer Trilogie. Zufälligerweise sei ihr bei Recherchen aufgefallen, dass der Ätna früher als der Eingang zum Hades galt und es ein wunderbarer Ort sei, damit Kopp die Asche seiner Frau verstreuen könne. Alles dies musste sie in eine Geschichte gießen, die trotz aller Konstruktion glaubwürdig bleibt. Die große Kunst besteht darin, dass egal wie abstrus die Handlung klingt, man als Leser sie als Möglichkeit anerkennt. In dem Falle trägt dazu bei, dass Kopp in der Gegenwart lebt, in dem Sinne, dass er nicht sonderlich reflektiert und wenn er beim Denken nicht mehr weiter kommt, einfach zu Handeln beginnt. Frau Mora sagt selbst, dass Darius Kopp sich durch sein Leben wurschtelt und er sich damit in guter Gesellschaft befindet, da sich die meisten Menschen letztendlich durch ihr Leben wurschteln. Frau Mora hat mit ihrer Trilogie ein Werk über den urbanen Menschen der Gegenwart geschaffen, der hoffnungsvoll anfängt, in prekären Lebensverhältnissen und gepflegten Großstadthedonismus hängenbleibt und sich nur weiter entwickelt, wenn das Schicksal ihn dazu zwingt. Frau Mora hat noch ein paar Fragen zu ihrem Verhältnis zu deutschen Sprache und ihrer Herkunft beantwortet und schon war eine kurzweilige halbe Stunde vorbei.

Danach war die Buchmesse für mich mental zu Ende. Wir sind noch zwei Stunden durch die sich langsam leerenden Gänge gebummelt. Schließlich sind wir im Yogi-Tee-Zelt gelandet. Meine Frau hat auf eine Tasse kostenlosen Tee spekuliert. Allerdings gab es keinen Tee mehr. Zumindest hat sie ein paar Packungen Tee gekauft und damit den Frust über die nicht gekauften Bücher kompensiert. Irgendwann waren die Füße schwer und der Kopf leer und wir sind wieder in den Zug gestiegen und nach Hause gefahren.

Die dunkle Seite der Ohnmacht

Die Zeit ist ein Ozean. Aber jeder Ozean trifft auf eine Küste.

Wir lieben Darth Vader und hassen Mahatma Gandhi.

Jeder bewundert die Elite. Sie sind infantile Idioten und

geben einen Scheiß auf Regeln.  Dreijährige, Deliktunfähig.

Macht kann man kaufen. Man kann alles kaufen.

Elon Musk will eine neue Erde kaufen, Amazon soll sie liefern.

Kann ich ja weiter mit meinem getunten Opellambo

die Spießer vom Bürgersteig fegen.

Gibt Ärger, wenn ich die Leasingrate nicht bezahle.

Das ist das einzige was zählt. Die geliehene Patte zählen,

fresh money für die geborgte Zukunft.

Ihr Sozialversicherungsnummernjunkies, was wollt ihr von mir?

Nichts wisst ihr vom leeren Glück einer Nacht auf der Autobahn,

den Fuß auf dem Gaspedal, die Reflektionen der LED im Gesicht.

Wie im Raumschiff. Auf zum Todesstern. Warten auf den Weltuntergang.

Der schwarze Kunststoffzombie erwartet uns.

Tod oder lebendig, wenn kümmert es.

Dialog mit Johanna Sommer – Leben in der Zukunft

Nowak: „Lassen sie uns über Johanna von Orleans sprechen!“

Johanna: „Ich weiß nicht, worauf sie hinaus wollen?“
Nowak: „Stimmt es nicht, dass Johanna von Orleans Ihnen erschienen ist.“

Johanna: „Quatsch! Wie kommen Sie denn auf so eine alberne Geschichte.“
Nowak: „Und sie hat Ihnen prophezeit, dass sie einen Krieg gewinnen werden.“

Johanna: „Warum bringen Sie solche Lügen über mich in Umlauf?“

Nowak: „Das sind keine Lügen. Ich habe diese Szene geschrieben. Nach einer Party an der Oberstufe sind sie Johanna von Orleans begegnet und diese unheimliche Begegnung hat sie immer wieder beschäftigt und sie ist der Grund, warum sie einen Roman über Robert Falcon Scott schreiben wollen.“

Johanna: “Schwachsinn! Das ist doch keine gute Story. Ein Versager, der nur zweiter wurde und zudem Ausländer war.“

Nowak: “Am Anfang meines Buches haben sie etwas über ihren Scott-Roman erzählt.“

Johanna: “Sie haben sich das alles ausgedacht. Das entspricht doch nicht der Wirklichkeit. Die Leute wollen doch etwas über mich erfahren und nicht mit irgendwelchen Fantastereien konfrontiert werden. Sie wollen wissen, wer Johanna Sommer wirklich ist. Wie tickt sie? Was bewegt sie? Ist sie verheiratet? Hat sie Kinder? Wo wohnt sie? Ist sie reich? Fährt sie eine dicke Karre? Welche Klamotten trägt sie? Hat sie einen Handtaschen oder einen Schuhe-Fetisch? Ist sie magersüchtig oder hat sie Adipositas? Hat sie ein Drogenproblem? Ist sie Medikamentenabhängig? Schreibt sie mit Füller, einer Schreibmaschine oder am PC? Aber alles mit Angabe der Marke. Das interessiert ihre Leser!“

Nowak: “Also wer ist diese Johanna Sommer in der Zukunft? Was macht sie so erfolgreich.“

Johanna: “Das ich auf mich alleine gestellt bin und mein Leben in vollen Zügen genieße. Ich brauche keinen Partner. Ich will keine Kinder oder so ein Quatsch. Ich will keine Verpflichtungen haben und keine Verantwortung tragen.“

Nowak: “Schreiben sie mit Füller?“

Johanna: “Nein. Ich schreibe natürlich auf dem besten Personalrechner, den deutsche Ingenieure jemals hervorgebracht haben: den Nixdorf Apfel. Ich habe natürlich die Platinversion.“

Nowak: “So etwas gibt es?“

Johanna: “In der Zukunft schon. Meine Romane sind übrigens die meist verkauften in Deutschland. Leider dürfen sie nicht unter meinem Namen erscheinen.“

Nowak: “Sie sind Ghostwriterin?“

Johanna: “Anglizismen sind verboten. Das heißt Autorin zweiter Güte. Für die Nutzung dieses englischen Wortes können Sie übrigens im Gefängnis landen. Das kann sogar als Volksverrat oder Defätismus ausgelegt werden. Je nach ihrer Vorgeschichte und ihrer Zugehörigkeit.“

Nowak: “Dann arbeite ich mal Ihren Fragenkatalog ab. Haben sie ein Drogenproblem? Sind sie reich? Welche Klamotten tragen sie? Welches Auto fahren Sie?“

Johanna: “Um Gottes Willen, Drogen sind was für Maden und Ausgestoßene. Ich bin natürlich wohlhabend. Nachdem ich mein erstes Buch geschrieben hatte, konnte ich mein Sozialdarlehen auf einen Schlag abzahlen. Seither trage ich die teuersten Klamotten, die man in den Geschäften finden kann. Ich fahre den teuersten Volkswagen, den es gibt. An mir ist alles Luxus. Alle sollen sehen, dass ich es geschafft habe und zur Elite unseres Vaterlandes gehöre. Ich bin sehr stolz darauf.“

Nowak: “Sie sagten, sie leben vollkommen auf sich alleine gestellt. Was ist eigentlich aus ihrer besten Freundin Sofia geworden?“

Johanna: “Über die dürfen wir nicht reden. Da machen wir uns auch strafbar.“

Nowak: “Warum?“

Johanna: “Weil sie ein staatsfeindliches Subjekt ist, dass sich jeder Anpassung an Regeln entzogen hat. Wir wollen mit dem Gerede über solche Staatsfeinde keine Unruhe schüren. Alleine, dass ich sie schon aus meiner Kindheit kenne und wir beste Freundinnen waren, könnte zum Problem werden.“

Nowak: “Vermissen Sie sie?“

Johanna: “Ich darf sie nicht vermissen. Das schadet meinem Ansehen.“

Nowak: “Entschuldigen Sie, wenn ich es Ihnen so unvermittelt sage, aber sie wirken sehr kalt auf mich. Brauchen sie keine menschliche Nähe und Zuneigung.“

Johanna: “Wozu? Ich werde doch nur enttäuscht von Menschen, den ich meine Zuneigung schenke. Ich brauche nur mich.“

Nowak: “Das ist doch traurig.“

Johanna: “Nein, so funktioniert unsere Welt. Verstehen Sie, es gibt nur zwei Zustände auf der Welt, null und eins, schwarz und weiß, Gut und Böse. Das ist vollkommen ausreichend, um die Welt zu begreifen.“

Nowak: “Widerspricht das nicht ihren Denken? Sie haben eben in einer anderen Weise über Erkenntnis gesprochen. Kann es sein, dass sie im Moment nur die Fassade aufrechterhalten?“

Johanna: “Der digitale Dualismus ist Staatsräson. Ich bin so, weil alle Bürger unseres Landes so sind. Seitdem jeder nur nach sich schaut, geht es uns allen besser.“

Nowak: “Ist das nicht das Ende des Menschen an sich?“

Johanna: “Sagen sie bloß, daher kommt der schwachsinnige Titel ihres Buches. Sie glauben also wirklich, ich sei der letzte Mensch. Sie wissen schon, dass Humanist heutzutage das schlimmste Schimpfwort ist, dass man verwenden kann.“

Nowak: “Seien sie doch ehrlich! Unter ihrer harten Schale, drängt das Wissen um die Menschlichkeit nach außen und bringt sie in  kaum zu ertragende Gewissensnöte.“

Johanna: “Nein, da täuschen sie sich. Ich ruhe vollkommen in mir selbst.“

Nowak: “Okay, da ich sie erfunden habe, weiß ich, wie es in ihnen aussieht.“

Johanna: “Schmarrn. Sie wissen nichts über mich.“

Nowak: “Ich gebe auf.“

Johanna: “Am Schluss waren sie jetzt richtig gut. In einer anderen Welt würde ich Ihnen jetzt erlauben, mich zu duzen.“

Nowak: “Vielleicht treffen wir uns wieder…in einer anderen, besseren Welt.“

Johanna: “Das glaube ich nicht.“

Nowak: “Danke Frau Sommer für das Gespräch.“

Dialog mit Johanna Sommer – Therapiestunde

Nowak: „Frau Sommer, darf ich Sie duzen?“

Johanna: „Nein.“

Nowak: “Das ist schade!“

Johanna: “Warum ist ihnen das wichtig?“

Nowak: “Ich stelle die Fragen!“

Johanna: “Das stand nicht in unserem Vertrag!“

Nowak: “Warum ist Ihnen das so wichtig?“

Johanna: “Was vertraglich vereinbart war?“

Nowak: “Das Siezen.“

Johanna: “Weil es die typische Taktik von Männern ist,  um sich einen Vorteil zu verschaffen.“

Nowak: “Wie soll der aussehen?“
Johanna: “Wenn Sie mich duzen, werden sie irgendwann versuchen, zutraulich zu werden und wenn ich nicht aufpasse, habe ich ihre Hand auf meinem Knie.“

Nowak: “Aber die Me-Too-Debatte ist doch in ihrer Gegenwart schon mehr als zehn Jahre her? Die Welt sollte doch weiter sein und solche Missverständnisse zwischen den Geschlechtern gar nicht mehr möglich sein?“

Johanna: “Sie haben echt geglaubt, die Welt wendet sich zum Besseren? Sie haben nicht viel Ahnung von meiner Gegenwart.“

Nowak: “Naja, ich habe sie und ihre Zukunft entworfen.“

Johanna: “Ein Grund mehr sie nicht duzen zu wollen.“
Nowak: “Das müssen sie mir erklären?“
Johanna: “Aus vielerlei Gründen ist es gut, auf Distanz zu seinem Schöpfer zu bleiben.“

 Nowak: “Meinen sie das in religiöser Hinsicht oder spielen sie auf das unterkühlte Verhältnis zu ihrem Vater an?“

Johanna: “Sie sind doch mein Schöpfer, erklären Sie es mir?““

Nowak: “Witzig?!“
Johanna: “Mit Religion hatte ich noch nie etwas am Hut. Es missfällt mir etwas zu glauben. Ich will die Gewissheit der Erkenntnis haben.“

Nowak: “Ist es ihnen in ihrem Leben gelungen, Gewissheit zu erlangen.“

Johanna: “Natürlich nicht. Die Unsicherheit, das Abwägen vermeintlicher Argumente, ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Daraus resultiert mein Streben nach Gewissheit. Wenn ich nicht versucht hätte, Erkenntnisse aus meiner Erfahrung zu schürfen, wäre ich in die Falle der allgemein herrschenden Beliebigkeit getappt.“

Nowak: “Wie ihr Vater?“

Johanna: “Wie die meisten Menschen in meinem näheren Umfeld. Mein Vater war ein besonderes Exemplar Mensch.“

Nowak: “Im negativen Sinne?“
Johanna. “So habe ich das mein Leben lang geglaubt.“

Nowak: “Jetzt nicht mehr?“

Johanna: “Ich war sehr wütend auf meine Eltern und auch auf meine Schwester. Meine Mutter hat uns früh verlassen, mein Vater war immer mit sich selbst beschäftigt und meine Schwester hat mich gehasst. Ich habe lange geglaubt, dass sie gegen mich waren. Deswegen habe ich mich früh entschieden, ein auf mich bezogenes Leben zu führen. Ich habe mich nur um mich gekümmert.“

Nowak: “Das war aber nicht immer so?“

Johanna: “Sie haben Recht. Nach dem Verlust meiner Mutter hatte ich Angst, den Rest meiner Familie auch zu verlieren. Also habe ich alles unternommen, um diese Familie zusammen zu halten.“

Nowak: “Sie waren damals noch ein Kind. Konnten Sie überhaupt etwas dazu beitragen?“

Johanna: “Natürlich nicht. Aber ich habe alles gegeben. Es hat mein ganzes Leben geprägt. Ich hatte die fixe Idee durch Leistung und Anpassung aus meinem Milieu entkommen zu können und dadurch meine Familie beschützen zu können.“

Nowak: “Können Sie das genauer ausführen.“

Johanna: “Wenn Sie unbedingt darauf bestehen?“

Nowak: “Bitte.“

Johanna: “Wenn ich in der Schule die Klassenbeste war,  verschaffte es mir die nötige Reputation, um das Nachbohren von Lehrern und anderen staatlichen Autoritätspersonen zu vermeiden. Alle sagten: Gutes Mädchen, da ist zu Haus alles in Ordnung.“

Nowak: “Wann kam es zum Bruch?“

Johanna: “Als eine Frau vom Jugendamt zu Besuch kam. Meine Schwester hatte so eine Macke, die sich nicht verbergen ließ. Das plötzliche Abhandenkommen unserer Mutter hat sie traumatisiert. Heute kann ich es benennen. Sie hatte einen selektiven Mutualismus. Sie konnte nur unter gewissen Umständen sprechen. Das fiel natürlich in der Schule auf. Die Lehrer meiner Schwester hatten versucht, meinen Vater zu kontaktieren. Er hat alle Briefe und Anrufe ignoriert und so hat man uns das Jugendamt auf den Hals gehetzt. Ich habe das als Sabotage und Verrat empfunden. Den chaotischen Zustand der Familie vor dem Jugendamt zu verbergen, war mein Dienst an dieser Familie. Danach veränderte sich einiges im Verhältnis zu meiner Schwester. Sie zeigte mir gegenüber offen ihren Abneigung und mein Vater ignorierte mich.“

 Nowak: “Ihr Blick in Bezug auf das Verhalten ihres Vaters und ihrer Schwester hat sich aber mittlerweile geändert?“

Johanna: “Ich glaubte, meine Schwester die Mutter ersetzen zu können. Ich habe ihre Sehnsucht nach ihrer Mutter unterschätzt und sie bevormundet. Mein Vater fehlte die Fähigkeit sich anzupassen. Die verwaltete Welt, die Ordnung einer materialistischen und ökonomisch organisierten Gesellschaft, überforderte ihn. Er war abgestumpft und im Laufe der Jahre wurde er depressiv. Er konnte mir gar nicht helfen, weil er selbst Hilfe brauchte. Aber in dieser Welt gab es keine Hilfe für ihn. Ich wurde der Feind meiner eigenen Sippe, weil ich alles meinem Drang nach Anpassung untergeordnet habe.“

Nowak: “Diese Form der bedingungslosen Anpassung an gesellschaftliche Vorgaben hat ihr weiteres Leben stark beeinflusst?“

Johanna: “Auf jeden Fall. Ich konnte dadurch Erfolg haben.“

Nowak: “Wie schafften Sie das?“

Johanna: “Nach meinem Abitur begann ich zu studieren. Ich zog zu Hause aus. Mein Vater starb kurze Zeit später und meine Schwester war auf eine ähnliche Weise wie meine Mutter plötzlich verschwunden. Es gab also keine Verbindung mehr zu meiner Herkunft.“

Nowak: “Haben Sie nie nach ihrer Schwester gesucht?“

Johanna: “Warum sollte ich nach ihr suchen? Sie verabscheute mich und ich verabscheute sie. Die Auflösung der Verbindung zu meiner Herkunft empfand ich als Erlösung.“

Nowak: “Okay, wie ging es weiter?“

Johanna: “Ich hoffte mir durch das Studium eine akademische Grundlage zu schaffen und die nötigen Kontakte zu knüpfen, um als Schriftstellerin arbeiten zu können. Ich war auf einen guten Weg, veröffentlichte erste Texte, hielt Lesungen, gewann unbedeutende Autorenpreise und arbeitete erstmals an längeren Texten. Ich war eine mustergültige Studentin, absolvierte Prüfungen mit Bestnoten und war der Liebling meiner Professoren. Es sah gut aus. Ich hatte mich auf eine Karriere im Literaturbetrieb eingestellt. Ich war bereit, ein Teil der Kulturindustrie zu werden. Mein größter Traum, der mich seit meiner Kindheit begleitete, wurde Wirklichkeit. Dann kam für mich völlig unvorhergesehen ein gesellschaftlicher Umbruch, der meine Pläne zunichtemachte. Die politischen Veränderungen in unserem Land nahmen mir alle Chancen auf einen Aufstieg. Die politische Klasse war nach jahrelangen Kampf bereit, die Demokratie aufzugeben. Man war müde geworden und angeekelt von dem ganzen Schmutz der die letzten Jahre hochgespült wurde. Man gab der individuellen Freiheit die Schuld und viele Menschen waren bereit, sie aufzugeben. Sie versprachen sich davon Ruhe und Frieden. Wie so oft in totalitären Systemen waren die Intellektuellen und Akademiker die ersten Opfer. Von einem auf den anderen Tag musste ich das Studium aufgeben.“

Nowak: “Wer hat sich den so etwas ausgedacht?“

Johanna: “Sie haben doch den Roman geschrieben. Sie waren das.“

Nowak: “Klingt jetzt nach Vorwurf.“

Johanna: “Klar hätten sie auch einen schönen Roman über Freundschaft, Zuneigung und Liebe schreiben können. Dann ginge es mir jetzt besser.“

Nowak: “Puh. Das tut mir leid.“

Johanna: “Sie hatten ganz bestimmt ihre Gründe.“

Nowak: “Soll ich mich jetzt erklären?“

Johanna: “Da wir sozusagen Kollegen sind, empfehle ich ihnen, es zu lassen. Autoren, die erklären, warum sie etwas geschrieben haben, sind meistens keine guten Schriftsteller.“

Nowak: “Können Sie es erklären?“

Johanna: “Ich vermute mal, sie sind ein kleiner Pessimist und erwarten immer die schlimmste Wendung.“

Nowak: “Manchmal ja. Allerdings glaube ich auch daran, dass der Mensch an sich alles zu einem guten Ende bringen kann. Sonst wäre jede Form des künstlerischen Ausdrucks sinnlos.“

Johanna: “Machen sie mir keine falschen Hoffnungen. Ich erwarte kein gutes Ende für mich.“

Nowak: “Jetzt sind sie der Pessimist.“

Johanna: “Das haben sie mir zugeschrieben.“

Nowak: “Genauso wie ich, können sie einer solchen Welt, in der der einzelne entmündigt wird, nichts abgewinnen.“

Johanna: “Es hat lange gebraucht, bis ich verstanden habe, was eigentlich passiert war. Schließlich musste ich für mir mein Leben nochmals erkämpfen.“

Nowak: “Sie waren es immerhin gewohnt. War ihre Kindheit und Jugend doch schon ein Kampf.“
Johanna: “Das hat mich aber nicht zu einem besseren Menschen gemacht. Im Gegenteil: ich wurde ein wichtiges Teil dieser erbärmlichen Idee vom entmündigten Menschen, der freiwillig alle Möglichkeiten zur Entfaltung aufgegeben hatte.  

Nowak: “Erzählen Sie weiter. Was kam nach dem abrupten Ende ihrer akademischen Bemühungen?“

Johanna: “Wollen Sie dem Leser wirklich alles verraten?“

Nowak: “Warum nicht?“

Johanna: “Weil dann keiner mehr das Buch liest.“

Nowak: “Wer liest schon meine Bücher?“

Johanna: “Sie sind scheußlich!! Da unterscheiden wir uns.“

Nowak: “Na wenn sie über die Handlung nicht sprechen wollen, dann lassen sie uns doch etwas über den Hintergründe zu ihrem Aufenthalt am McMurdo-Sund kommen.

Johanna: “Sie nehmen doch schon wieder einen Teil der Handlung vorweg!“