Jungs gegen Mädchen, Mädchen gegen Jungs

Der Sommerurlaub ist für mich die einzige Möglichkeit, meine Leserückstände abzuarbeiten. Neu erstandene Lektüre landet bei mir ungelesen auf einer Ablage auf der Rückseite meines Bettes. Im Laufe des Jahres wächst dort ein unschöner Turm aus Papier und Buchdeckeln heran. Irgendwann ist er so hoch, dass er Nachts zusammenbrechen und auf mein Haupt fallen könnte. Dann weiß ich, dass  der Sommerurlaub in greifbarer Nähe ist.

Zu zweiten Mal haben wir uns in der Toskana ein Haus für zwei Wochen gemietet.  Neben unserem umfangreichen Ausflugsprogramm gönnen wir uns freie Tage, die wir mit Lesen verbringen. Es ist auch die Gelegenheit mit meiner Frau Henrike ins Gespräch über Literatur zu kommen. Jeder von uns ist in seiner Lektüre vertieft. Irgendwann strengt das Lesen an und wir versuchen uns abzulenken.

„Und, wie ist es?“

 “Was?“

 “Das Buch“

„Ach so! Ganz gut.“

„Worum geht es da?“

Dann wird berichtet und der andere stöhnt.

 „So ein Mist. Und so etwas liest du?“

Und weil wir beide einen hohen Anspruch an Literatur haben und es nicht grundsätzlich an der Qualität der Bücher liegt, um zu solchen drastischen Urteilen gelangen,  vertrete ich die These, dass wir grundsätzlich immer nur die zu unserem Geschlecht passende Literatur lesen.

Frauen- und Männerliteratur, gibt es so etwas überhaupt? Darf man heutzutage unterstellen, dass die Frauen und Männer nicht nur unterschiedliches Gehalt bekommen, sondern auch unterschiedliche Literatur lesen? Ich finde schon. Allerdings sollte man nicht glauben, dass die jeweils eigene Literaturgattung besser ist.

Ich will hier zwei Beispiele aus unserer Urlaubslektüre heraus picken, um aus meiner subjektiven Sicht einige Merkmale, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Männer- und Frauenliteratur heraus zu arbeiten.

 Meine Frau hatte zufälligerweise aus der Stadtbibliothek das letzte Buch von Sarah Kuttner mitgebracht (180 Grad Meer). Als Vergleichslektüre habe ich von David Foster Wallace „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ zu Rate gezogen.

Ich bin schon seit langem ein heimlicher Fan von Frau Kuttner. Ihre Sendung auf Viva habe ich damals inhaliert. Für mich ist sie so etwas wie die Wegbereiterin für solche Leute wie Böhmermann (der ja gerne über Frau Kuttner lästert). Ich fand sie äußerst witzig, intelligent und schlagfertig. Nach dem Ende der Sendung habe ich mich nicht mehr sonderlich für sie interessiert. Was nicht das Problem von Frau Kuttner sein sollte. Sie hat genug andere Fans und wird ganz bestimmt ohne mich auskommen.

Trotzdem grüße ich sie an der Stelle, während ich mit meiner eigenen Achselhöhle kuschele und den schmierigen Dunst meines ekelerregenden Schweißes einatme und ihr den Finger zeige, denn ihr Buch finde ich nur teilweise gelungen. Welches Problem habe ich mit dem Buch? Ich könnte ja jetzt das Vorurteil eines männlichen Intellektuellen in die Welt blasen und sagen, dass so Fernsehtussen nicht schreiben können. Aber nein so sehe ich das nicht. Egal was sie sonst so beruflich macht, sie schreibt nicht schlecht. Sie hat ihren eigenen Ton, beherrscht die moderne Art der Verknappung und setzt an den richtigen Stellen die Phantasie des Lesers in Gang. Manche Wortkreationen sind durchaus kreativ und lassen den Leser schmunzeln oder aufhorchen. Aber was stört mich an ihrem Buch? Sie schreibt in der Ich-Perspektive über eine Jule, eine wehleidige junge Frau, die sich allem versagt und nichts zustande bringen möchte. Sozusagen die moderne Version von der Prinzessin auf der Erbse. Die Männer nehmen alle Rücksicht auf sie. Ihr Bruder Jakob und ihr Freund Tim behandeln sie mit Samthandschuhen, bekommen ständig ihre Wut ab und müssen klein beigeben. Jule finde ich persönlich nicht sympathisch, aber die Autorin hat vollstes Verständnis für die Ungezogenheit und dämliche Motzigkeit ihrer Heldin und damit befinden wir uns voll in den Gewässern der Frauenliteratur, die sich an die Mittdreißigerinnen wendet, die aus lauter Trägheit und vor sich her getragener Unlust nichts erreichen möchte: Kein Beruf, keine Beziehung, kein Nachwuchs. Man lebt so vor sich her und beschwört andauernd die Schlechtigkeit aller Männer. im Zweifel lässt man sich gerne von den übelsten Kerlen begatten und findet dafür auch noch eine nette Begründung. Und dann wird noch die ganze Schuld an der eigenen Nicht-Existenz bei den Eltern abgeladen. Schließlich haben die sich ja scheiden lassen und haben vorher die Jule nicht gefragt. Der Vater ist der böse Mann, der abgehauen ist und noch einmal von vorne angefangen hat. Das Buch schleppt sich bis auf Seite 150 und dann erst besucht sie ihren todkranken Vater, mit dem sie sich eigentlich nur streiten will, um sich bestätigt zu sehen. Der Vater bringt sich um, ohne sich mit ihm versöhnt zu haben. Am Ende des Textes erwähnt ihre Stiefmutter, dass der Vater Jule während der Trennungsphase von ihrer Mutter immer ans von ihr geliebte Meer geschleppt hat. Sie erkennt darin die Verbindung zu ihrem Vater, schließt ihren inneren Frieden mit ihm und macht dann einfach so weiter wie bisher. Damit kann ich nichts anfangen. Alle Frauen, die im Leben nicht so richtig weiter kommen und mit Mitte dreißig immer noch in der Untätigkeit festhängen, werden da vielleicht Beifall klatschen und sich mit Jule identifizieren können. Frau Kuttner wird für solche Frauen auch gleich zur Ikone, weil sie ihnen ja die beste aller Lösungen für ihre Probleme bietet. Bleib einfach so wie du bist. Bette dich auf deine  zehn Matratzen und bleib da liegen. Ist schon in Ordnung.

Die Männerliteratur schneidet nicht besser ab. David Foster Wallace und sein Buch „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ bildet das andere männliche Extrem ab. Herr Foster Wallace gebührt für sein alles überragendes monolithisches  Werk „ein unendlicher Spaß“ meine vollste Verehrung und auch „Schrecklich amüsant…“ liest sich anfangs ganz passabel. Es handelt sich um eine Reportage über eine Kreuzfahrt, eine Auftragsarbeit für eine Zeitung, die Herr Foster Wallace scheinbar nur widerwillig übernommen hat. Wie immer bei Herr Foster Wallace bleibt einem das Lachen im Hals stecken oder es kommt erst sehr spät aus dem Hals herausgefallen. Herr Foster Wallace hat einen offenkundig hintergründigen und teilweise bösartigen Humor, der sich hinter grellen Wortschöpfungen und umständlichen Beschreibungen verbirgt. Das macht ihn aus und dafür lieben ihn seine Fans, zu denen ich durchaus gehöre. Allerdings geriert er sich in dem Buch als den Typ des soziopathischen, hyperintelligenten Nerd, der sich ganz naturgemäß auf einer Kreuzfahrt nur bedingt wohlfühlen kann. Und das ist typische Männerliteratur. Er stellt den lebensunfähigen Freak  dar, der sich allzu gerne in seiner Kabine verkriecht, sich beim Abendessen blamiert, sich aufgrund seiner unbeholfenen Interviewversuche beim Personal unbeliebt macht und gegen eine Neunjährige beim Schach verliert. Ein Fremdkörper, der seine Wortkaskaden gerne mit nach meiner Ansicht mit frauenfeindlichen Formulierungen garniert. Bei ihm haben nur Frauen ein postkoitales Grinsen im Gesicht und er liebt es, bei Beschreibungen das Wort menstrual hinzuzufügen. Das Buch hat er Mitte der Neunziger geschrieben und damals mag so etwas noch exotisch auf die Leser gewirkt haben, so wie man im letzten Jahrhundert noch die Wilden in den Kolonien mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken betrachtet hat. Mittlerweile ist der Typus salonfähig und sogar zum Vorbild geworden (die Wilden hatten auch ihre Zeit der Anerkennung und Verklärung). Sonst hätte eine Fernsehserie wie „Big Bang Theory“ mit ihrem Asperger geschädigten Sheldon Cooper als Helden niemals Erfolg gehabt. 

Damit komme ich schon zu den Gemeinsamkeiten dieser besonderen Form der Männer- und Frauenliteratur. Ich habe damit zufälligerweise zwei Bücher ausgewählt, die sich auf zwei extreme, aber leider gängige, Typen konzentriert. Beide haben gemeinsam, dass sie sich der Welt versagen und auf keinen Fall einfach mitmachen können. Dahinter steckt keine besondere Aussage oder Überzeugung, mit der man sein Verhalten rechtfertigt. Und das ist schade. Es ist einfach nur cool, schick oder weird ein bisschen anders als die anderen zu sein. Es ist einfach eine verquere Form des Individualismus. Andere lassen sich tätowieren, sammeln seltene Turnschuhmodelle von Adidas oder hüpfen in schwindelerregender Höhe auf den Auslegern von Baukränen herum.

Nimmt man die Frauenliteratur aus vergangenen Zeiten zum Vergleich, ging es beim dargestellten Individualismus darum, sich den gesellschaftlichen Konventionen zu versagen und depressiv zu sein (Virginia Woolfe). Geht man in der Zeit noch weiter zurück, schrieb sie darüber, wie sie den Mann, in den sie sich verliebt hat, auch heiratet und mit ihm glücklich wird. Die Ansprüche haben an Literatur haben sich wie die Gesellschaften stark verändert und deswegen muss Mann/ Frau  ständig neue Probleme kreieren, um ein Thema für ein Buch zu haben. Aber in diesem Punkt haben sich Frauen- und Männerliteratur noch nie unterschieden. Die Frage bleibt, ab wann Literatur nicht nur Selbstzweck ist, sondern gesellschaftliche Veränderungen und Herausforderungen auch reflektiert und damit den eigentlichen Anspruch, den Literatur an sich haben sollte, verwirklicht.

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Buchmesse Frankfurt – bei zweiten Mal tut es nicht mehr weh – 1. Teil

Ende September während eines entspannten Fernsehabends auf dem Sofa hat meine Frau zum ersten Mal das Wort Buchmesse in den Mund genommen. Ich bin sofort zusammen gezuckt. Schweiß trat auf meine Stirn, Schnappatmung kam auf, ich griff mir ans Herz. Wie bei einer allergischen Reaktion überkamen mich körperliche Symptome, die ich darauf zurückführte, dass ich immer noch nichts vorzuweisen haben und immer noch als Besucher und nicht als Autor auf die Buchmesse gehen muss.  Seit dem letzten Jahr ist nichts passiert. Die vielen Hoffnungen und Anregungen, die ich dort mitgenommen habe, haben zu keiner Verhaltensänderung geführt. Außer zwei Kurzgeschichten, die von einer Literaturzeitschrift abgelehnt wurden und einen dritten Versuch meinen dritten Roman zu beginnen (das war es dann mit alle guten Dingen…) habe ich literarisch nichts auf die Beine gestellt. Also muss ich schon wieder als miesepetriger Kulturpessimist auf die Buchmesse fahren. Yeah, die Rolle habe ich so oft in meinem Leben gespielt, sollte also kein Problem sein. Als die Herzschmerzen nachließen und der kalte Schweiß von meiner Stirn gewischt war, jubelte ich vor Freude: Endlich kann ich mich wieder als ungewolltes und ungeliebtes Kind über meinen Vater Literaturbetrieb und meine Mutter Verlagswelt genüsslich herziehen. Meine Frau hat mich gleich gebremst. „Nein, mein Schatz, die können auch nichts dafür, dass du kein Autor geworden bist. Da bist schon selbst dran schuld. Also verdirb mir und den Kindern nicht den Tag.“  Meiner Frau den Tag zu verderben, hätte Konsequenzen zur Folge gehabt, die ich nicht tragen wollte. Also habe ich mich ganz brav auf die Buchmesse vorbereitet. Ich habe den Veranstaltungskalender durchforstet und mir  sehr aufwendig auf der Homepage der Buchmesse erstellen eine Liste gebastelt(man braucht ein Account, muss sich durch eine hochkomplexe Suchroutine wurschteln und hat am Schluss auf dem Papier in Schriftgröße 0,5 eine Wunschliste mit Veranstaltungen, die alle gleichzeitig stattfinden) Meine Frau hat sich einen kleinen Zettel geschrieben, mit den Veranstaltungen, die sie und meine Kinder besuchen wollten. Eigentlich hatten wir die Absicht vor der Abfahrt am Frühstückstisch die Listen abzugleichen. Da wir aber zu spät aufgestanden waren, haben wir erst im Auto bei Tempo hundertsechzig eine Übereinkunft über den Verlauf des Tages ausbaldowert.

Im Allgemeinen hatten wir uns diesmal gut auf den Tag vorbereitet. Wir hatten uns vorgenommen, auf Lesungen und Vorträgen zu konzentrieren und die Zeit zwischendurch mit den Besuchen von Ständen zu füllen. Mittlerweile kenne ich auch die Motivation vieler Buchmessenbesucher. Es geht ihnen nicht um Literatur, den Lieblingsautor oder -Verlag, sondern um die unzähligen Giveaways, die man an vielen Ständen ergattern kann. Überall gibt es Tüten und Taschen, Aufkleber, Leseproben bis hin zu kostenlosen kleinen warmen Mahlzeiten im Kochbuchbereich. Man kann den ganzen Tag vertrödeln, ohne auch nur ein Buch in die Hand genommen zu haben.Ich verzichtete gerne auf Geschenke und stand lieber in der Ecke am Stand des Arena-Verlages, passte auf den Buggy unseres jüngsten Sohnes auf und hörte gegenüber beim wesentlich kleineren Buchheim-Verlag Haroon Gordon zu. Die Lesung hatte ich auch auf meiner Liste, hatte sie allerdings schnell wieder gestrichen, da ich nicht unter Zeitdruck geraten wollte. Haroon Gordon las aus seinem Debüt „Palast aus Sand und Staub“. Am Anfang seines Vortrages belagerten ca. zwanzig Personen den schmalen Gang zwischen Buchheim-Verlag und Arena-Verlag. Am Ende seines Vortrages blieben nur noch ein kleine unscheinbare Frau, ich und mein Buggy übrig. Dabei hatte der Text durchaus einen poetischen Klang, der sehr gut zur Geschichte passte. Ich konnte nicht verstehen, warum alle Zuhörer wegeilten. Irgendwie tat mir Herr Gordon leid. Er hatte ein gutes Buch geschrieben und niemand interessierte es.

Während meine Frau, die beiden Mädchen und mein kleiner Sohn sich auf den Weg zu der ersten Lesung machten (die Signierstunde der Conni-Autorin) machte ich mich auf den Weg zum Stand von Amazon. Ich schritt durch die engen Reihen, vorbei an den verspielt mondänen Messebauten einiger Großverlage und erreichte den Gang K. Der Bereich ist geprägt von Kleinverlagen, Mangahändlern, mit denen ich gar nichts anfangen kann und der Self-Publisher-Area. Die Self-Publisher scheinen immer noch die Schmuddelkinder des Buchhandels zu sein. Amazon hat mittlerweile einen eigenen Verlag für Self-Publisher. Also scheint hier eine Menge Geld auf der Straße zu liegen. Ich höre dem Autorengespräch dreier Amazon-Autoren zu.  Wenn man der Website von Michael Meisheit, einer der drei Autoren am Stand, glaubt, hat er von seinem ersten E-Book 300.000 Einheiten verkauft. Also wächst da eine nicht zu unterschätzende Marktmacht heran. Herr Meisheit hinterließ bei mir den Eindruck per se ein Profi zu sein, der sein Handwerk versteht. In den letzten zwanzig Jahren hat er hauptsächlich Drehbücher für die Lindenstraße geschrieben. Mittlerweile hat er den Job aufgegeben und schreibt nur noch E-Books. Herr Meisheit ist ein Jahr jünger als ich und hat auch vom Äußeren her eher den Eindruck vermittelt, ein echter Kreativer zu sein. Seine rötlichen Haare stehen ihm als lockige Tolle auf der Stirn, zu seinem weißen Freizeithemd trägt er goldene Manschettenknöpfe. Er ist Individualist mit teigigem Doppelkinnansatz und hatte vielleicht auch keine Lust mehr bei einer Anstalt des öffentlichen Rechts zu arbeiten. Die zwei anderen Autoren kamen eher dem Vorurteil nahe, dass ich über viele Self-Publisher hege und pflege. Sie wirken, als seien sie eher zufällig zum Schreiben gekommen. Entweder haben sie sich ein unausgegorenes Sendungsbewusstsein oder irgendjemand in der Verwandtschaft hat behauptet, das Formulieren schöner Weihnachtskarten ausreiche, um gute Romane zu verfassen. Klaus Seibel, der mir grundlegend sympathisch vorkam, war in seinem früheren Leben Pastor und schreibt seit 2013 Science-Fiction-Romane. Die Frau des Trios, Elke Bergsma schreibt Ostfriesenkrimis und ist mir alleine deswegen schon unsympathisch (das Genre Regionalkrimi bereitet mir generell Übelkeit. Wenn ich bei irgendjemand Regionalkrimis auf dem Tisch liegen sehe, renne ich sofort auf die Toilette). Auch ihr Auftreten ist norddeutsch burschikos.  Wenn sie  den Mund aufmacht, haben ihre Gesprächspartner Angst in den Augen. Dann gibt es noch einen Moderator von Amazon, der die ganze Zeit stehen muss, während die drei bequem in ihren Sesseln hocken.  Die Zuschauer machen es sich auf kleinen Papphockern bequem, ein übrigens sehr weit verbreitetes Sitzmittel für Zuhörer an vielen Ständen. Ich sitze mittendrin und erst mitten in der Diskussion merke ich, dass rechts vor mir eine junge Frau sitzt, der genau auf der Nasenspitze, auf dem äußersten Punkt ihres spitzen Nasenkliffs, eine Warze wächst. Ich bin kurz irritiert. Ansonsten viel junges und weibliches Publikum. Ich stelle mir vor, dass die sich alle als Autorinnen versuchen und schon ihre Fantasy-Märchen-Horror-Gothic-Thriller-Manuskript in der Schublade liegen haben. Die Warzenfrau schreibt ganz bestimmt Liebesromane und hat sich schon ein Pseudonym zugelegt, damit ihre Warze nie aufs Cover muss.

Inhaltlich fand ich das Autorengespräch sehr informativ. Jeder der drei AutorInnen schilderte seinen Arbeitsalltag, sprach darüber welche Tätigkeiten er selbst übernimmt und welche er outgesourct hat und wie sie Social Media nutzen. Man kann auch ohne Verlag von der Schreiberei leben, allerdings braucht man eine hohe Schlagzahl. Frau Bergsma z.B. veröffentlicht alle drei Monate einen Roman. Man sollte gut vernetzt sein und sich gut in den digitalen Medien auskennen. Man fungiert selbst wie ein kleiner Verlag, kann aber nicht alles selbst machen. Man braucht z.B. ein professionelles Lektorat. Frau Bergsma hatte sogar eine Werbeagentur beauftragt. Man braucht einen Steuerberater oder jemand, der die Buchhaltung macht. Man geht also unter Umständen ein großes finanzielles Risiko ein. Zeitmanagement ist wichtig als Self-Publisher, gerade aufgrund der hohen Schlagzahl. Schließlich muss man schon rechtzeitig den Lektoren ankündigen, wann sie etwas zu korrigieren haben und man nennt z.T. früh Veröffentlichungstermine, um die Fans bei Laune zu halten und muss diese auch halten. Herr Meisheit gab noch den wichtigen Tipp, dass man alles dafür tun muss, das am Veröffentlichungstag viel verkauft wird, weil man nur so mit den Titeln sichtbar wirdNach einer dreiviertel Stunde war alles vorbei. Ich schlenderte noch zu der Bühne des Lektorenverbandes. Der Vortrag drehte sich um Kinder und Jugendbücher und nebenan hielt ein junger Mann im Anzug einen Vortrag über Sachbücher. 

Die Welt im Jahre 2029

Es gilt nun die verschiedenen sozialen Systeme der Ebene Alethea und Shaw Cherry-Garrard zu erforschen, um ihre Gemeinsamkeiten heraus arbeiten zu können. Die gesellschaftlichen Zustände, die in der Ebene Jo Sommer herrschen, habe ich an anderer Stelle ausgiebig dargestellt

 Beginnen wir mit der Zukunft im Jahre 2029: Das soziale Gefüge beruht auf Trennung anstatt Solidarität. Jeder Mensch bekommt zu Beginn seines Lebens eine monetäre Schuld aufgebrummt, die seine Schuld gegenüber der Gesellschaft darstellt und die er im Laufe seines Lebens abarbeiten muss. Jeder Bürger fängt mit den gleichen Schuldenstand an. Durch das erwirtschaftete Einkommen, durch ererbtes Vermögen, also durch Geldleistung kann jeder seine Schuld nach und nach tilgen. Wer von Geburt an in wohlhabenden Verhältnissen lebt, wird seine Schuld sofort tilgen können, derjenige, der in Armut groß wird, hat wenige Chancen die Tilgung seiner Schulden zu erreichen. Dadurch sind drei Kasten entstanden, die mehr oder weniger nebeneinander existieren und die wenige Berührungspunkte haben. Es gibt die Elite, der Geldadel, der schon vor Generationen seinen Reichtum angehäuft hat, die Mächtigen, Banker, Industrielle, dazu gehören die Emporkömmlinge, die durch Zufall und Glück von den unteren Schichten aufgestiegen sind. Sie dienen oft als Alibi für die Elite, die anhand der Existenz der Emporkömmlinge zeigen kann, dass das Kastensystem durchlässig ist. Die Elite stellt in der Bevölkerung nur einen kleinen Anteil. Der weitaus größere Anteil wird von den sogenannten Maden gestellt. Dies sind die gewöhnlichen Arbeitnehmer, deren einziges Ziel ist, ihr Schuldenkonto schnellstmöglich abzuarbeiten. Ihre Chance, irgendwann zur Elite zu gehören, ist illusorisch gering und da alle um diesen Umstand wissen, agieren die meisten Maden wie die Hamster im Hamsterrad. Sie arbeiten Tag und Nacht, haben kaum Zeit, um ihren eigenen Interessen zu folgen und sind grundsätzlich ohne politisches Bewusstsein. Durch den Druck, der auf ihnen lastet, sind viele von ihnen psychisch ausgezehrt, wenn nicht sogar krank und viele neigen dazu, latent aggressiv zu sein. Das Bildungssystem beruht auf der Vereinzelung. Den Maden wird in der Schule beigebracht, dass sie nur die Tilgung ihres Schuldenkontos im Augen haben sollen und deswegen sich auf ihr berufliches Weiterkommen konzentrieren sollen. Fraternisierung mit Gleichgesinnten gilt als verpönt. Man misstraut dem Nachbarn und verhält sich gegenüber anderen gleichgültig oder abweisend. Liebesbeziehungen gelten als altmodisch. Sexualität und Fortpflanzung ist ökonomisiert worden. D.h. man bezahlt für eine Dienstleistung und geht keine langfristigen freiwilligen Beziehungen ein. Eigentlich sind alle sozialen Lebensweisen mit Dienstleistungen verknüpft, die bezahlt werden müssen.

 In der dritten Kaste sammeln sich alle Personen, die in dem System der Maden nicht mitmachen wollen oder nicht mitmachen können. Die Ausgestoßenen möchten sich von ihren Pflichten gegenüber der Gesellschaft befreien. Allerdings haben sie keine Möglichkeit ihrer Schuldenrückführung zu entkommen. Insofern sind sie darauf angewiesen, in irgendeiner Art und Weise ein Einkommen zu generieren. Entgegen den Maden haben sie verstanden, dass ein Überleben nur möglich ist, wenn man sich mit Gleichgesinnten zusammenschließt. Das heißt nicht, dass sie politisch organisiert sind. Sie leben zumeist in kleinen Kommunen abseits der Städte und versuchen durch einen hohen Grad an Selbstversorgung sich eine kleine Freiheit zu verschaffen. Sie werden von den Behörden geduldet, weil sie für ein geringes Einkommen den Maden als Dienstleister zu Verfügung stehen, also sich um ihre Kinder kümmern, Sex mit ihnen haben oder abends gemeinsam mit ihnen Fernsehen schauen. Obwohl sie sich von der Gesellschaft lösen wollen, sind sie Teil des Systems. Der Staat wird gelenkt von der Heiligen Dreifaltigkeit: Gesellschaft, Staat und Arbeitgeber. Es ist eine anonyme Struktur der Macht, die sich nur in ihren Vertretern zur erkennen gibt und die für die Menschen nicht greifbar ist. Es gibt keine grundsätzlich diktatorische Struktur, es gibt keine autoritäre Führung, die sich als Inhaber der staatlichen Gewalt aufspielt. Es gibt nur noch scheindemokratische Teilhabe der Menschen am Staat. Wahlen haben nicht die Funktion, den Bürger seine Geltung als Souverän zu verschaffen, sondern sie dienen dazu, den Menschen das Gefühl zu geben, sie hätten die Möglichkeit etwas zu bestimmen. Dabei bestimmt die anonyme Heilige Dreifaltigkeit die Geschicke eines Staates. Grundsätzlich hat sich durch die ökonomische Verknüpfung ein globales politisches System etabliert, dass eher dynamisch funktioniert und sich nicht an der Idee der Nationalstaaten orientiert. Wirtschaftlichkeit und Effizienz prägen politisches Handeln. Ethische Grundsätze sind nicht mehr maßgebend für politische Entscheidungen. Da der Einzelne sich selbst überlassen ist, gibt es auch aus der Bevölkerung wenige Bestrebungen an politischen Entscheidungen zu zweifeln. Das Denken der Internet-Generation, dass alles dazu dient die Welt besser zu machen und diese Maxime sich auf rein positivistisches und materialistisches Weltbild stützt, hat sich endgültig durchgesetzt. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde hat sich als lästiges Übel überlebt, weil sie der Schaffung eines perfekten Menschen, der nur den wirtschaftlichen Nutzen als einzige normative Kraft anerkennt, im Wege steht. Dazu gehört, dass die technische Entwicklung sich nicht ins unendliche fortgepflanzt hat, sondern auf dem Status von 2015 stehen geblieben ist. Man hat sich in eine Sackgasse manövriert und das politische System verhindert Innovationen und Weiterentwicklung, weil die Menschen keine Zeit haben, um neue Visionen zu entwickeln.

 Alethea Cumberland gehört durch ihre Herkunft eigentlich zu den Maden. Sie schickt sich an in die Kaste der Emporkömmlinge hinein zu wachsen. Sie hat ihr einziges Talent genutzt, um ihr Schuldenkonto in absehbarer Zeit ausgleichen zu können und danach Vermögenswerte anzuhäufen. Dazu gehört allerdings, dass sie weiterhin erfolgreich ist. Ein Fehltritt, ein Flop und sie fängt wieder von vorne an. Alethea profitiert von ihrer Popularität und genießt einige Privilegien der Elitären. Doch der Druck auf sie ist groß. Dementsprechend steckt hinter ihrer Arroganz ein Stück Unsicherheit und Nervosität. Zudem gibt es genug Menschen, die ihr mistrauen, weil sie durch ihre individuelle Kreativität vorangekommen ist und dies nicht zur utilitaristischen Vorstellung von ökonomischem Erfolg passt. 

 

Heureka

Als ich nun die dritte Ebene für meinen Roman über Jo Sommer suchte, fielen mir wieder Cherry-Garrard und George Bernhard Shaw ein. Mein Instinkt als neugieriger Autor sagte mir, dass man diese zwei Geschichte wunderbar miteinander verknüpfen konnte. Warum sollte Jo Sommer nicht ein ähnliches Problem wie ich haben. Sie soll oder will einen Roman über die Südpolexpedition schreiben und verzweifelt an der Umsetzung, weil sie sich nicht befähigt fühlt, mit einem historischen Stoff adäquat umzugehen. Bisher hat sie Fantasyromane geschrieben, wie die Hexen von Iverness und irgendwelche Drachenmumpitz. Es fällt ihr leicht, eine Welt zu erfinden. Die reale Welt zu beschreiben, fällt ihr allerdings schwer.

 Sie lässt ihrer Phantasie freien Lauf und daraus entstehen die Kausalzusammenhänge und sich muss sich nicht mit Kausalzusammenhängen rumschlagen, die einem wirklichen Geschehen entsprechen. Sie sorgt sich, als Autorin an dem historischen Stoff zu scheitern und ihren erreichten Status als Autorin zu verlieren.

 Wie passt nun das Zweigespann Cherry-Garrard und Shaw da rein? Auf dem ersten Blick wohl überhaupt nicht. Und das macht es für mich spannend. Die erste Ebene ist Aletheas Leben in der Zukunft. Sie berichtet über ihr Literaturprojekt, wie sie auf das Thema gekommen ist, ihre Furcht vor dem Versagen, ihre kleine Welt, in der sie als wohlhabende Autorin ihre Marotten und ihre Arroganz pflegt.

 Die zweite Ebene ist das Leben von Jo Sommer, die heutige Gegenwart. Ich werde nach und nach ihr Leben beschreiben. Ihr Vater, der nach dem die Mutter die Familie verlassen hat, in Depressionen verfällt und sich um nichts kümmert. Die Vorgeschichte, die Erbschaft, die dazu führt, dass die Ehe der Eltern auseinanderbricht usw.

 Die dritte Ebene handelt vom den Zwiegesprächen zwischen Cherry-Gerrard und Shaw. Sie treffen sich, um über Cherry-Garrards Buchpläne zu sprechen. Die Gespräche eskalieren immer wieder, weil Shaw mit seinen Zynismus den trägen Cherry-Garrard aus der Reserve locken will und die Unterhaltungen nach seinem Gusto gestalten will. Mal verhört er Cherry-Garrard, mal spielt er den liebevollen alten Knaben, mal den Therapeuten. Erst im Laufe der Debatten gelangen sie zum eigentlichen Kern der Geschichte. Cherry-Garrard, der Edelmann aus reichen Hause, der seine Depression und eines posttraumatische Belastungsstörung wie ein Haustier pflegt, wird von Shaw als Vertreter der reichen Klasse enttarnt, der sich einen Weg sucht, um nie wieder am Leben teilnehmen zu müssen. Während Scott keine Chance hatte, der Realität zu entfliehen, weil er sich sein Leben lang gegen den sozialen Abstieg stemmen musste. Er war Sohn eines Brauereibesitzers, der früh verstarb und der seine Familie kein Vermögen hinterließ, so dass Scott nur die Möglichkeit hatte, durch eine Karriere bei der Marine, für den nötigen Unterhalt der Familie zu sorgen und durch die Teilnahme an solchen Expeditionen seine Chance sah, den nötigen Wohlstand für ein beinahe sorgenfreies Leben zu erwirtschaften. Er war Opfer und Held der Geschichte zugleich, während Cherry-Garrard sich zu Unrecht zum Opfer stilisiert.

 Alle Ebenen stehen zuerst selbstständig nebeneinander. Lange Zeit ist zum Beispiel nicht klar, dass Alethea und Jo ein und dieselbe Person sind. Die Ebenen verknüpfen sich über ihre Aussagen, über die Themen die sie behandeln. In allen drei Ebenen geht es letztendlich um drei verschiedene soziale Systeme, die doch vieles gemeinsam haben: es gibt ein starkes soziales Gefälle zwischen einer kleinen Elite, die sich auf ihrem Wohlstand ausruht und dem großen Rest der Menschheit, die sich knechten muss, um zu überleben. Der soziale Aufstieg ist kaum möglich. Shaw und Alethea Cumberland sind in einer ähnlichen Situation. Beide kommen aus gewöhnlichen Verhältnissen und haben aufgrund ihrer Talente den sozialen Aufstieg unter großen Opfern geschafft. Shaw ist bekennender Sozialist und hat sich politisch engagiert, während Alethea ohne politisches Bewusstsein durch ihr Leben schlängelt. Alethea wird im Laufe des Textes die Verbindung zu Shaw und Cherry-Garrard erkennen und ihr politisches Bewusstsein entdecken. Ihr Buch über die Südpolexpedition entwickelt sich zu einer politischen Kampfschrift. Dazu muss sie auch erkennen, dass sie ihr altes Ich, Jo Sommer, im Laufe ihres Lebens zugunsten ihres Strebens nach Anerkennung verraten hat. Der Text soll davon profitieren, dass sich die anfänglich für sich stehenden Ebenen im weiteren Verlauf verzahnen und zu einer Ebene zusammenwachsen.

 

Mir ist kalt

Vor zwei oder drei Jahren habe ich mich aus reinem privatem Interesse mit der Südpolexpedition von Scott auseinander gesetzt. Ich hatte keine Lust mehr Romane zu lesen und nach der Lektüre mehrere recht schwieriger Philosophiebücher (Adorno, Heidegger) hatte ich auch daran kein Interesse mehr. Ich weiß nicht genau, was der Auslöser war. Auf jeden Fall habe ich mir ein Buch über Scotts letzte Expedition besorgt. Als Kind habe ich einen Spielfilm über diese Expedition gesehen und irgendwie hat sich diese tragische Geschichte, an dessen Ende der Held stirbt, in mein Gehirn gebrannt. Das Buch hieß „Scott“ von Ranulph Fiennes und ich habe es verschlungen. Mr. Fiennes war selbst mehrfach am Südpol unterwegs und kennt die Schwierigkeiten, die eine Reise an den Südpol mit sich bringt. In 1910 hatte man wenig Ausrüstung, die auf solche Reisen zugeschnitten war. Man hatte schwere Schlitten, wenig Technik, die die Kälte überstand, Kleidung und Zelte waren aus fast primitiven Stoffen hergestellt, die Kälte und Sturm kaum abhielten. Also nichts gegen unsere heutige Outdoorkultur, wo jeder Schüler schon eine Winterjacke trägt, mit der er mal einen kurzen Ausflug in die Arktis wagen könnte. Es gab keine Kommunikationsmittel, um sich mit der Außenwelt adäquat zu unterhalten. Wer unterwegs war, konnte im Notfall nicht auf Hilfe hoffen. Es gab keine Funkgeräte und auch keine Satellitenhandys. Sobald das Forschungsschiff den letzten Hafen verließ, war man auf sich alleine gestellt. Eine Situation, in der es immer um die Unversehrtheit des eigenen Lebens ging.

 Genau diese Ungewissheit, sich für Jahre an einem unwirtlichen Ort zu befinden, völlig abgeschnitten von der Außenwelt, hat mich fasziniert. Dazu kam natürlich die Tragik der Geschichte. Scott war Offizier der englischen Marine und hat einerseits durch die Teilnahme an solchen Expeditionen seinen Status und sein Einkommen verbessern wollen. Aber er war kein Abenteurer und Hasardeur. Es ging ihm nicht alleine darum, der Erste zu sein, sondern eine wissenschaftliche Expedition durchzuführen, die der Menschheit Erkenntnisse über die damals wenig erforschte Antarktis bringen sollte. Amundsen war der Erste am Südpol und Scott erreichte den Südpol ein paar Tage später, um auf dem Rückweg mit vier seiner Gefährten den Tod zu finden. In der Nachbetrachtung durch seine Zeitgenossen kam Scott schlecht weg. Man warf ihm Fehlverhalten und Führungsschwäche vor, während Amundsen schlechthin der Sieger war, der alles richtig gemacht hat. Erst später erkannte man, welche Leistung Scott auch in wissenschaftlicher Hinsicht vollbracht hat. Herr Fiennes berichtet viel über die Kontroverse, die unter den Zeitgenossen Scotts entstanden war. Dabei sticht ein Buch über die Expedition heraus, das ca. dreizehn Jahre nach Ende der Expedition veröffentlicht wurde. Der Autor des Buches, Aspley Cherry-Gerard, war selbst Teilnehmer der Expedition. Er hatte die unglückliche Aufgabe übernommen, auf die fünf Expeditionsteilnehmer, die auf dem letzten Wegabschnitt zum Südpol alleine unterwegs waren, an einem vereinbarten Punkt zu warten. Allerdings kamen sie nie dort an. Das Warten hatte kostbare Zeit gekostet und eine Rettung der Südpolmannschaft war nicht mehr möglich. Cherry-Gerard wurde depressiv und hat nie mehr wirklich ins Leben zurückgefunden. Er verzweifelte über diese Expedition und um sich selbst zu therapieren hat er das Buch „Die schlimmste Reise der Welt“ geschrieben. Auch dieses Buch habe ich gelesen. Das Buch ist einerseits ein Tatsachenbericht. Auf der anderen Seite wurde deutlich, wie ein jahrelanger Aufenthalt in der Kälte Menschen verändern kann. Man hört die Melancholie, das Leiden unter den schwierigen Witterungsbedingungen, das Dasein zwischen Leben und Tod, die körperlichen Strapazen, die aus dem jungen abenteuerlustigen Mann Cherry-Garrard einen lebensuntüchtigen kranken Mann gemacht haben. Während der Entstehung des Buches hat Cherry-Garrard sich bei einem berühmten Nachbarn, nämlich George Bernhard Shaw, der große engliche Dramatiker des zwanzigsten Jahrhunderts, Rat geholt. Wir wissen nicht, wie groß der Einfluss von George Bernhard Shaw war. Man weiß nur, dass er Scott nicht leiden konnte. Die Tatsache, dass dieser Zyniker Shaw seine Finger im Spiel hatte, fand ich inspirierend. Ich witterte eine Geschichte, merkte aber schnell, dass sie eine Nummer zu groß für mich war. George Bernhard Shaw ist keiner der Autoren, mit denen ich mich bisher beschäftigt habe. Auch das Leben am Anfang des zwanzigsten Jahrhundert in Großbritannien gehört nicht gerade zu meinen historischen Interessen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich daraus eine Geschichte formen soll. Ich hatte Angst davor, es  nicht zu schaffen, weil ich beim Stochern in historischen Stoffen auf viele Minen treffen konnte, die mich und mein literarisches Schaffen auf einen Schlag in die Luft sprengen konnte. Ich habe genug Bücher gelesen, in denen die Autoren sich wunderbar in der Vergangenheit bewegt haben, aber mir traute ich das nicht zu. Also legte ich den Stoff zur Seite und hoffte, dass ich mir irgendwann das Rüstzeug erarbeiten konnte, um einen solchen Stoff adäquat umzusetzen.

 Die schlimmste Reise der Welt bei Amazon

Scott. Das Leben einer Legende bei Amazon.

Es geht weiter im Text

Nach den ersten Schreibversuchen habe ich den Plot, Erzählebenen und Erzählformen deutlich erweitert. Nach den ersten Schreibversuchen habe ich konkrete Überlegungen angestellt, die dazu dienten, den Plot komplexer zu gestalten. Aus den ersten Schreibversuchen ergab sich die Gefahr, einen trivialen Text zu schreiben, der nichts mit meinen Intensionen und meiner Metaebene zu tun hat.

 Mir ging es darum, die Möglichkeiten meiner Geschichte zu erweitern. Bei den ersten Schreibversuchen habe ich für mich gespürt, dass die Geschichte zu eindimensional wirkt, wenn ich Alethea aus der Zukunft berichtet, um uns die Gegenwart ihres kindlichen Ichs als Johanna zu erzählen. Ich wollte keinen Roman über jemanden lesen, der in einer urbanen Zukunftsumgebung lebt, die klinisch kalt wirkt. Wenn wir ehrlich sind, ist das sehr abgenudelt. Ich kann mich dann seitenlang darüber auslassen, welche technischen Neuerungen uns das Jahr 2029 bietet und wie schlimm das Leben in der Stadt der Zukunft ist. Das soll kein Science-Fiction Roman werden. Also brauche ich eine dritte Ebene, die zur Reflektion von Zukunft und Gegenwart dient und die Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede der verschiedenen Ebenen deutlich macht. Okay, wir haben Zukunft und Gegenwart, was uns also fehlt ist die Vergangenheit. Darüber musste ich mir klar werden, bevor ich die erste Version eines ersten Kapitels vorantreiben konnte.

Wie tief darf das Wasser sein?

 

Ich muss mir Einhalt gebieten und mir eine grundsätzliche Frage stellen. Wie tiefgängig sollte ich Charaktere zeichnen? Wann wirken sie platt, wie Abziehbilder oder Klischees? Ab welchen Punkt bekommen sie Tiefe und wirken realistisch? Wann wirken Figuren überfrachtet und viel zu komplex, so dass ich mich als Autor in ihren Wesensmerkmalen verheddere und ich widersprüchliche Figuren schaffe, die ich selbst nicht mehr verstehe?

 Neben dem Sprachstil finde ich den Aufbau der Charaktere das wichtigstes Element der Gestaltung. Wenn man nicht den richtigen Ton findet, kann sich damit jede gut gemeinte Geschichte versauen.

 Ich habe vor mehr als einem Jahrzehnt einen Kurzgeschichtenzyklus vollendet, der mich heute noch beschäftigt. Ich hatte damals ein Faible für Maler und deren Werke entwickelt. Ich setze mich immer wieder mit anderen Kunstformen auseinander und lasse mich davon inspirieren. Eine Geschichte aus dem Kurzgeschichtenzyklus lag mir besonders am Herzen, weil ich vor ca. zwanzig Jahren ein Gemälde im Musee d´Orsay gesehen habe und ich völlig in dieses Gemälde vernarrt war. Es handelt sich um die Heuernte von Bastien Lepage, einen etwas unbekannteren Naturalisten aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Ich brauchte Jahre um die Geschichte zu entwickeln. Damals gab es im Internet noch nicht viele Informationen über unbekanntere Maler und ich wollte unbedingt wissen, welches malerische Genie und auch welche Persönlichkeit hinter diesem Gemälde standen und daraus einen Plot für eine Kurzgeschichte entwickeln. Alleine dafür hat es Jahre und einige Zufälle gebraucht.

  Bastien Lepage kam aus einer Bauernfamilie und lebte Zeit seines Lebens im Schoß seiner Familie. Er starb mit Mitte dreißig und hatte bis dahin einen gewissen Erfolg als Maler gehabt. Er war wohl ein- oder zweimal auf dem alljährlichen Pariser Salon vertreten gewesen, was damals die wichtigste Anlaufstelle für Maler war, die Erfolg haben wollten. Das Gemälde zeigt seine Schwester, die sich während der Heuernte eine Pause gönnt und man sieht ihr ihre Erschöpfung an, allerdings auch die Entspannung während der verdienten Pause. In ihrem Bauernkleid, mit ihren großen schwarzen Augen, ihren groben Wangenknochen und den dicken schwarzen Augenbrauen wirkte sie sehr ländlich und einfach. Das ganze Sujet strahlt eine kontemplative Ruhe aus.

 Meine Geschichte handelte nun von Julius, der alleine am Waldrand in seinem Elternhaus lebt und nachdem er erfährt, dass er nicht mehr lange leben wird, Rückschau hält. Er vergleicht sich mit Bastian Lepage, den er beneidet für sein einfaches Leben und das ihm Zuneigung seiner Mitmenschen sicher war. Auch Julius ist Künstler und verdient sein Geld mit dem Fotografieren von Tierkadavern, die er im Wald findet und für seine Bilder kunstvoll drapiert. Er ist einsam, hat nur wenig soziale Kontakte und die hat er sich mit seiner menschenverachtenden Art auch noch zerstört. Seine Muse Fanny hat ihn verlassen, nachdem ihr einen wenig glaubwürdigen Heiratsantrag gemacht hat.

 Julius Eltern haben sich getrennt als er ein Kind war. Seine Schwester und sein Vater sind in die Stadt gezogen und seine Mutter und er sind im Haus am Waldrand geblieben. In der ursprünglichen Version habe ich die Schwester als verzogene Göre aus der Stadt beschrieben, die sehr egozentrisch agiert und nichts anderes im Kopf hat als sich in irgendeiner Art zu profilieren. Ich habe sehr stark auf den sexuellen Aspekt ihrer pubertären Entwicklung reduziert. Sie stellte eine plumpe Verführerin dar, die Julius in jeglicher Hinsicht den Kopf verdreht. Als seine Mutter stirbt, lässt sie Julius im Regen stehen, da sie das Interesse an ihm verloren hat. Dadurch scheint Julius Schicksal besiegelt zu sein. In einer Kurzgeschichte hat man als Autor nicht viel Raum für tiefschürfende psychologische Analysen. Ich bin also glücklicherweise gezwungen die psychischen Motive der Figuren aufs Nötigste zu reduzieren. Das macht das Schreiben von Kurzgeschichten so interessant. Man pickt sich nur einen Teil der Handlung heraus, man pickt sich auch ein oder zwei Aspekte einer womöglich viel komplexeren Persönlichkeit heraus. An dieser Stelle hat das nicht gereicht, weil die Figuren dadurch zu eindimensional wirkten.

 Leider habe ich immer ein Problem, jemanden zu finden, der sich als Lektor für meine Texte betätigen will. Bevor man einen Text auf die Öffentlichkeit los lässt, sollte jemand mit Sachverstand sich dem Text widmen. Das ist auch eine Angelegenheit des Vertrauens, weil jeder, der einen Text liest, eine Meinung dazu hat, aber wenige können aus einer objektiven Perspektive heraus, die Qualität eines Textes beurteilen.

 Momentan kenne ich eigentlich nur zwei Personen, die ich an meine Texte heran lasse und denen ich das nötige Vertrauen entgegenbringe. Dazu habe ich auch schon zu viele schlechte Erfahrungen mit gutgemeinten Ratschlägen gemacht. Das Spektrum reicht von Ignoranz (ja, ich habe deine Kurzgeschichte gelesen, aber worum es ging, habe ich vergessen) bis zu Besserwisserei (die Geschichte kenne ich schon, die hat doch so´en Typ aus der Schweiz schon mal geschrieben) habe ich alles erlebt. Also überlasse ich das Lektorieren meiner Frau und meinem besten Freund Christian. Beiden vertraue ich ohne Einschränkung, dafür haben sie ein anderes Problem: Sie haben keine Zeit.

 Meine Frau Henrike hat einen ähnlichen hohen Anspruch an literarische Qualität wie ich. Sie hat aber auch teilweise einen anderen Geschmack wie ich. Sie liest anspruchsvollen Mainstream und hat nicht die Neigung zu abstruser Literatur oder Romanen der Weltliteratur. Die Philosophie geht ihr total ab. Sie findet es wahrscheinlich ganz toll, dass ihr Ehemann sich da ein wenig auskennt, aber sie kann damit nicht viel anfangen. Eigentlich stelle ich mir in meinen heimlichen Schriftstellerträumen so meinen Leser vor. Solche Menschen sollen meine Bücher kaufen. Bei Christian ist es völlig anders. Er ist Doktor der Philosophie und schreibt selbst. Zu ihm schaue ich herauf, wenn es um die Philosophie geht. Bei der Literatur haben wir einen ähnlichen Geschmack. Er ist belesener als ich. Das liegt daran, dass er einfach schon immer und überall Bücher liest und wahrscheinlich auch manches einfach nur quer liest, während ich ja einer von denen bin, die Bücher von der ersten bis zur letzten Seite liest, egal wie anstrengend und schlecht es ist. Ich kann nicht aufhören ein Buch zu lesen, bis ich die letzte Seite erreicht habe. Wenn Christian meine Texte liest, sind seine Anmerkung fundiert und die eines Literaten, der also auch genau die Wirkung des Textes auf den Leser allgemein erfassen kann.

 Er hat die Kurzgeschichtensammlung angefangen zu lektorieren und mir bei meinem letzten Besuch, es war ein trüber Herbsttag und wir sind im strömenden Regen durch den Wald gestapft, zu eröffnen, dass bei der Heuernte die Schwester sehr platt getroffen sei und darunter die gesamte Geschichte leide. Es reiche nicht aus, die Schwester als lüsterne Stadtgöre zu zeichnen.

 Die Geschichte habe ich wie gesagt vor langer Zeit begonnen und die Kurzgeschichtensammlung ist ein Flickenwerk. Andere Geschichten habe ich viel später geschrieben. Z.b. die zweite Geschichte ist ca. acht Jahre alt. Ich habe dort zum ersten Mal eine Begebenheit aus meinem Leben verarbeitet. Normalerweise verabscheue ich die autobiographischen Schilderungen von Autoren. In diesem Falle habe ich mich hinreißen lassen und hier wirkte der Text auf Christian wesentlich stringenter und durchdachter.

 Mein Fazit war, dass ich mich doch als Autor weiter entwickelt habe und viele meiner alten Texte dadurch an Qualität verlieren, weil ich bei den Personen nicht wirklich authentische Möglichkeiten der Charakterzüge herausgearbeitet, sondern nur Klischees verwendet habe.

 Also habe ich mich noch einmal, nach langer Zeit, an den Text heran gewagt. Nun ist es nicht mehr von Bedeutung, dass die Schwester in der Stadt groß geworden ist und deswegen sich zu einem bösen Luder gemausert hat. Die Schwester ist nun eine ambivalente Person, die einerseits von ihrem Bruder, dessen einzige Bezugsperson sie zu sein scheint, genervt ist, andererseits aber es auch genießt, Macht über ihn zu haben. Sie verzweifelt an dieser Situation und als die Mutter stirbt, nimmt sie die Gelegenheit wahr, um Julius mitzuteilen, dass sie ihn nicht mehr sehen will und ihn damit auch beschützen möchte, weil er ansonsten nie ein eigenes Leben führen wird. Was Julius daraus macht, kann der geneigte Leser hoffentlich irgendwann mal in einem gebunden Buch oder E-Book nachlesen.

 

Selbstversuch

Nachdem ich mir Gedanken über meine Möglichkeiten der Sprachformung gemacht habe, habe ich mich auf eine Konstante festgelegt. Johanna Sommer berichtet aus ihrer Zukunft  als Ich-Erzählerin über ihre Gegenwart und ihre Vergangenheit. Sie hat in der Zukunft die Identität der Schriftstellerin Alethea Cumberland angenommen. Aus einer möglichst subjektiven Sicht gilt es ihre Sinneswahrnehmungen, ihre Gedankengänge darzustellen. Das Leben in der Zukunft, ihre Gegenwart, wird immer auch auf die Vergangenheit verweisen. Meine ersten Schreibversuche sind nur kleine Fingerübungen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Alethea klingen könnte, wie ihr Sprachduktus sich formen muss, um nachvollziehbar und authentisch zu wirken. Dementsprechend unausgegoren und auch oberflächlich wirken sie noch auf den Leser. Der Leser möge es mir verzeihen.

Splitter 1

Fast jeden Abend begutachte ich den Sonnenuntergang durch das Panoramafenster meiner Wohnung im dreißigsten Stockwerk. Im Hintergrund surrt die Klimaanlage. Nach Angaben des Herstellers soll sie bei konstanten zweiundzwanzig Grad Raumtemperatur mein Wohlbefinden garantieren. Schraffierte Rotschattierungen bestimmen den bedeckten Himmel. Ein heller Strahlenkranz der Sonne kriecht unter den Wolken hervor und bricht sich an den Quadern der Hochhäuser, die wie schwarze Schatten im Zwielicht liegen. Ich lebe über der Stadt, hermetisch abgeriegelt und fern des Getümmels der Maden, die schon lange die Straßen beherrschen. Eine angenehme Perspektive. Als stünde ich über den Dingen. Ein elitäres Anrecht einer erfolgreichen Frau, die von den Maden geliebt wird. Ich will nicht geliebt werden, genauso wenig, wie sich mein Wohlbefinden bei zweiundzwanzig Grad einstellt. Unser Denken hat sich in den letzten Dekaden sehr vereinfacht. Wir haben freiwillig auf wichtige Denkkategorien verzichtet. Wir haben geglaubt, unser Schmerz über unsere leidvolle Existenz verschwindet, wenn wir uns nicht mehr an ihn erinnern können. Nun reichen zu einem glücklichen Leben eine angenehme Raumtemperatur und die Selbstsuggestion einer nicht vorhandenen Zuneigung.

Splitter 2

Glas und Beton, Glas und Beton, es hämmert in meinem Kopf, niemand will es sehen, niemand will ihn hören, der Schmerz ist nur ein Schatten im Zwielicht. Unter dem Radar eines Strahlenkranzes, der den bedeckten Himmel am Ende des Tages durchbricht, liegt meine Pein, die Pein einer ganzen Generation, ein Zeitalter, das vergessen will. Ich throne und unterdrücke, eine angesehene Frau, ein Mitglied der allwissenden Elite, die aus Menschen Maden macht. Das bin ich, oben im Himmel im dreißigsten Stockwerk, starrend auf das Draußen und nach innen horchend und das Echo der Leere wahrnehmend. Alles habe ich gegeben, mein Selbst verschenkt, um nicht mehr leiden zu müssen und doch leide ich mehr als je zuvor.

 Mein Antlitz spiegelt sich in der Fensterscheibe. Ich drehe mein Profil und meine Gesichtszüge werden von denen meines Vaters überlagert. Ich nehme ein Flüstern wahr. Vielleicht meine Stimme, vielleicht die meines Vaters, wer kann das genau sagen? Ich soll berichten, wie ich zu Alethea Cumberland, die ruhmreichste, schönste und wohlhabendste Schriftstellerin aller Zeiten wurde. Das kann ich nicht berichten. Dafür beschäftige ich einen Biographen, der mein Leben besser kennt als ich. Das Flüstern nennt einen Namen: Jo Sommer. Ich kenne niemanden, der Jo Sommer heißt. Das Flüstern schärft sich mit bissigen Beiklang und jedes Wort wird zum Messer, dass mir die Seele zersticht. Lügner, Lügner, du bist Johanna Sommer. Ich trete weg vom Fenster. In der Küche hole ich mir einen Tee. Das Flüstern verschwindet.  

Splitter 3

In den Städten lasten Beton und Stahl auf den winzigen und erbärmlichen Maden mit kleinen Gehirnen. Sie verstehen einfache Befehle. Steh auf, setz dich, hol dir was zu essen, schweig, schlaf, kacke. Konditionierung eines Tieres, das einst den Namen Mensch trug.

Splitter 4

Der Tag war lang, ich bin erschöpft. Das Hetzen von einem Ort zu anderen. Meine Beine sind schwer, ich spüre sie kaum noch. Niemals können sie mich in Ruhe lassen. Dieses Spießrutenlaufen. Pressekonferenz, Autogramme geben, jeder fragt dich die immer gleichen Fragen und erwartet von dir die immer gleichen Antworten, Lesungen, Podiumsdiskussionen, belanglose Kommentare zu Scheinthemen. Wann kommt ihr nächstes Buch? Warum sind sie nicht verheiratet? Warum haben sie keine Kinder? Warum haben sie einen englischen Namen, wenn sie doch aus Deutschland kommen? Haben sie schon einmal überlegt, viel mehr Zeit in Charityprojekte zu investieren? Nein, nein, nein und nochmals nein. Die Antwort lautet immer nein, ob sie nun passt oder nicht. Dabei lächle ich und sage betont freundlich und gelassen, dass mein Buch im Winter erscheinen wird, das ich noch nicht den richtigen Mann gefunden habe, ja, schade, auch ich liebe Kinder, ich habe mir einen Künstlernamen angeeignet, weil ich die Phantasie meiner Leser anregen wollte, ich möchte mehr Zeit in meine Stiftung ‚Winterherz‘ investieren, ich habe damit sehr viele Projekte angestoßen, um Kindern aus benachteiligten Familien zu helfen. Dabei bin ich das einzige Kind, dem man helfen sollte.

 Ich bin das Kind, das sich so sehr nach Gesellschaft sehnt und dann nur die Einsamkeit bekommt. Diese verzweifelte Einsamkeit, wenn viele Menschen anwesend sind und man sie um Hilfe anbettelt, aber sie es nicht hören können und wenn man dann alleine ist, schreit man hinter dicken Wänden und draußen hört niemand das Jammern des Kindes. Nie hat das Kind erlebt, wie es ist, die Gesellschaft eines Menschen zu genießen, der dem Kind zuhört, es wahrnimmt, es schätzt und liebt und das dann alleine sein kann, ohne von seiner Angst und seinem Schmerz überflutet zu werden.

 

Nach vier Textsplittern breche ich meine ersten Schreibversuche ab. Ich bin nicht zufrieden mit den Ergebnissen. Folgende Selbstkritik drängt sich mir beim Lesen gerade der ersten Zwei Splitter auf: viel zu viel Pathos. Die Texte verlieren sich in hochtrabende Beschreibungen. Wenn ich die subjektive Sicht des Ich-Erzählers nutzen will, muss ich die Gedankengänge des Ich-Erzählers schildern. Außerdem spüre ich beim Schreiben ganz deutlich, dass es mir nicht leicht fällt, aus der Sicht einer Frau zu schreiben. Gerade der erste Textsplitter ist von einer männlichen Sachlichkeit getragen. Diesem Problem muss ich größere Aufmerksamkeit widmen. Im vierten Splitter komme ich der Sache näher. Ich bekomme ein Gefühl für Aletheas Gedankengänge. Auch merke ich, dass ich nicht linear schreiben darf. Wer aus der Erinnerung heraus seine Geschichte als Gedankengang schildert, wird nie linear beschreiben, sondern sobald seiner Erinnerung von irgendeinem äußeren Einfluss angeregt wird, taucht die passende Erinnerung auf. Das heißt nicht, dass ich die ersten Textsplitter einfach wegwerfen sollte. In Ihnen stecken wichtige Informationen über die Ich-Erzählerin. Die Menschen als Maden zu bezeichnen finde ich z.B. eine gelungene Idee.

Heimat

Zwei weitere Autoren gilt es noch vorzustellen. Beiden ist gemeinsam, dass sie sich an der hessischen Provinz abgearbeitet haben: Andreas Maier und Roderich Feldes.

Roderich Feldes Texte haben als Schauplatz zumeist das mittelhessischen Hinterland. Er ist 1996 gestorben. Leider viel zu früh. Vielleicht ist dies ein Grund, warum er als Autor nie die Popularität erhielt, die er verdient hätte.

Der Kern seiner Texte dreht sich oft um die Veränderung des dörflichen Lebens in Mittelhessen beschäftigt. Das Dorf als Anker für die Gemeinschaft der Einheimischen veränderte sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts radikal. Eine abseits liegende Welt öffnet sich. Mit dem einkehrenden Wohlstand übernimmt sie unreflektiert alle äußeren Einflüsse und passt sie auf die Heimat an. Die Straßen und Häuser werden größer und breiter. Überall werden Wohngebiete aus dem Boden gestampft. Alle bauen schicke Einfamilienhäuser, parken ihre kleinen Autos davor, stellen sich den Fernseher ins Wohnzimmer, sammeln dort den Plunder aus den Fabriken dieser Welt und vereinzeln sich. Die Gemeinschaft stirbt zugunsten des Konsums. Es zählt nur das Glück des Einzelnen, dass dieser niemals erreichen kann, weil der Besitz vieler Dinge nur scheinbar Zufriedenheit schenkt. Feldes Bücher handelten oft vom Aufbrechen der Oberflächlichkeit. Unter einer dicken Kruste aus Belanglosigkeit schlummert die Sehnsucht nach etwas Anderem.

Feldes ist kein Heimatdichter. In diesem Sinne ist er mir sehr nahe. Er beobachtet die Veränderungen und weiß, dass sie nicht aufzuhalten sind. Das alte Leben kann man nicht retten, indem man es verherrlicht. Heimatdichter verklären die Vergangenheit. Feldes beschreibt die Orientierungslosigkeit der Menschen, deren Heimat ihnen keine Orientierung mehr gibt. Insofern ist er mein heimliches Vorbild bei meinem Projekt.

Roderich Feldes unterscheidet sich von sogenannten Heimatdichtern durch seine literarische Qualität. Genauso wie er die Veränderungen der Menschen und ihrer Umgebung durchdringt, widmet er sich der Ambivalenz der Sprache, die sich wie die Menschen verändert. Es gibt in unserer Gegend eine sehr starke Diversifizierung der Dialekte. Fast jeder Ort spricht eine kleine Abwandlung des Dialektes des Nachbarortes. Wer zwanzig Kilometer in den Westerwald hineinfährt wird das Platt der Leute dort schon fast nicht mehr verstehen. Aber seit zwei Generationen ist der Gebrauch der Dialekte deutlich auf dem Rückzug. Meine Kinder lernen kein Platt mehr und ich habe es zwar noch von meiner Großmutter gehört, aber selbst nicht sprechen gelernt. Diesen Umstand schlägt sich bei Roderich Feldes nieder. Er verwendet viel Alltagssprache, der hessische Dialekt unserer Gegend kommt nur am Rande vor oder wie in ‚Lilar‘ als Anekdote über das Verschwinden der Dialekte. Er beschreibt häufig aus der subjektiven Sicht eines Erzählers, der sich in einer Alltagssprache ausdrückt. Er fügt Beschreibungen hinzu, die wie literarisches Zierwerk wirken und den Text dadurch die nötige Qualität geben. Hier könnte ich von ihm profitieren. Veränderung wird nicht durch den allwissenden Erzähler referiert, sondern von dem Erzähler, der mitten drin steckt und die Veränderungen am eigenen Leib spürt und aus dieser Perspektive schreibt.

Andreas Maier hat sich in einigen Texten mit der Wetterau, seiner Heimat, auseinander gesetzt. Leider habe ich bisher nur ‚Wäldchestag‘, seinen Debütroman gelesen. Trotzdem sollte ich ihn erwähnen, denn in gewisser Weise beschäftigt er sich auf eine andere Art und Weise mit seiner Heimat als es Feldes getan hat.

Man bemerkt bei Maier, dass er aus einer anderen Schriftstellergeneration kommt wie Feldes. Feldes war geprägt von den Achtundsechzigern. Im Subtext schwelt immer die Kritik an einer entfremdeten Konsumgesellschaft. Bei Maier ist der gesellschaftliche Bezug nicht gegeben. In den Kritiken zu ‚Wäldchestag‘ wird immer wieder die sprachliche Verwandtschaft zu Thomas Bernhard bemüht. Maier hat das Buch im Konjunktiv geschrieben, was zur Folge hat, dass der Text genauso wie die Texte von Bernhard etwas distanziertes, wenig konkretes an sich haben. Es gibt viel Raum für Spekulationen. Hier hat Andreas Maier das richtige Mittel gefunden, da es sich in dem Buch auch viel um Gerüchte und Hörensagen dreht. Die Leute reden übereinander und stellen viele Vermutungen an. Man beschäftigt sich mit dem Anderen mehr als mit sich selbst. Maier geht es nicht wie Feldes, um die Veränderungen im Dorfleben, die zu einer übertriebenen Individualisierung führen, sondern um die Einheimischen, die die Dorfgesellschaft nur am Leben erhalten, um über die Mitmenschen herzuziehen. Viele Stimmen reden im Konjunktiv, alle sind gemein zueinander und wünschen dem Anderen nur das Schlechte. Beim Wiederlesen des Textes ist mir aufgefallen, dass Andreas Maier mich so beeindruckt haben muss, dass ich meinen zweiten Roman auch im Konjunktiv geschrieben habe, ohne dass mir dieser Bezug zu Maier bewusst war. Ich war der Meinung, das sei etwas Besonderes.

Also lerne ich von den beiden Heimatdichtern: Subjektivität schadet nicht. Thomas Bernhard ist immer und überall. Ironie und Boshaftigkeit ist die Realität des Lebens und vielleicht das geeignete Mittel gegen Sozialkitsch und man kann Romane über die Provinz schreiben und trotzdem Literatur auf höchstem Niveau produzieren.

 

 

 

 

Thomas 3

Der dritte Thomas ist ein äußerst unbequemer Erzähler, der vor Nichts und Niemanden halt macht. Thomas Pynchon kann man als Mensch nicht erfassen und auch als Schriftsteller entwischt er einem immer wieder. Wenn man das Gefühl hat, seine Intensionen zu erkennen, wirft er einem mit Absicht Knüppel zwischen den Beinen. Er bemüht ständig den subjektiven Gedankenstrom seiner Figuren. Allerdings auf eine andere Art und Weise wie Thomas Bernhard. Bei ihm ist es ein Chor aus unzähligen Stimmen, Karikaturen, Witzfiguren, die unerhörtes und Unmögliches erleben. Ihm fehlt jegliche Psychologie. Mittlerweile bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass Thomas Pynchon entweder Autist ist oder mindestens ein Aspergersyndrom hat. Er sitzt zu Hause an seinem Schreibtische und muss hochgradig komplizierte Texte schreiben um sich wohl zu fühlen. Die Gefühlswelt anderer Menschen bleibt ihm verschlossen und so werden seine Personen Spielbälle der Geschichte, die unmöglichen Verschwörungen aufsitzen oder sie erfinden. Alles bleibt wage, nichts ist konkret. Sein gesamter Kosmos an Figuren ist scheinbar untereinander verknüpft und doch leben sie nebeneinander her, begegnen sich, trennen sich, finden sich wieder, oft geschieht alles auf mehreren Kontinenten zu verschiedenen Zeiten und doch scheint alles gleichzeitig an einem Ort zu geschehen. Thomas Pynchon ist Meister des Fabulierens. Er schert sich nicht um historische Fakten. Alles wird unter seiner Feder umgeformt und historische Ereignisse gebraucht er nur, um seine abstrusen Phantasien zu schildern. Seine Bücher sind hitzige Fieberträume und genauso lesen sie sich auch. In einem Fiebertraum verschmelzen Wirklichkeit und Phantasie. Menschen, denen man im Fiebertraum begegnet, bleiben oft konturenlos und wirken seltsam unecht.

Seltsamerweise hat Pynchon eine große Leserschaft und einen großen Einfluss auf die Literatur der letzten Jahrzehnte, obwohl er mit seinen ausschweifenden Texten weitab jeglichen Mainstreams liegt. Seine Bücher umfassen oft mehr als tausend Seiten und sind voller Mysterien. Er selbst ist ein Mysterium. Es gibt keine Fotos von ihm. Er gibt keine Interviews und entzieht sich völlig der Öffentlichkeit. So jemand kann nach heutigen Maßstäben nicht zum erfolgreichen Schriftsteller werden. Trotzdem ist er einer der bekanntesten amerikanischen Autoren und hat mit seinem Werk den sogenannten postmodernen Roman geprägt. Der großartige David Foster Wallace hätte meiner Ansicht nach, ohne die Vorarbeit eines Thomas Pynchon, keine Chance gehabt, Leser zu finden. An Pynchon scheiden sich die Geister. Seine Fans vertiefen sich in seine Texte, versuchen der Vielzahl der Personen und Geschehnisse Herr zu werden, während seine Gegner von ihm angewidert sind, weil er z.B. pädophile Szenen schreibt, die er abspult wie ganz gewöhnliche Sexszenen. Ich gehöre weder zu der einen, noch zu der anderen Seite. Ich bin fasziniert von seinen Texten, sowie ich von der ganzen postmodernen Szene fasziniert bin. Viel lieber lese ich aber Don de Lillo und David Foster Wallace, die greifbarer und konkreter in ihren Texten werden und auf Teufel komm raus nicht die Wirklichkeit missachten.

Aber nun ein kleiner Ausschnitt aus die „Enden der Parabel“:

„Schräg über ihm, vier Meter über seinem Kopf, wird Teddy Bloat jeden Augenblick von der Galerie herunterfallen, hat er sich jedoch zum Hinsacken ausgerechnet den Platz ausgesucht, wo irgend jemand vor ein paar Wochen den grandiosen Einfall gehabt hat, zwei der Ebenholzpfosten aus dem Geländer herauszutreten. Nun ist Bloat in seinem Suff natürlich prompt durch die Öffnung gerutscht, sein Kopf, seine Arme und Rumpf hängen schon über der Tiefe, und alles, was ihn oben noch festhält, ist eine leere Champagner-Pikkolo in seiner Hosentasche, die sich irgendwo verhakt hat.

 Inzwischen hat`s Pirat geschafft, sich in seinem engen Junggesellenbett hochzurappeln und die Lage zu sondieren. Was für`n Scheiß. Was für`n verdammter Scheiß. Schon kommt von oben das Geräusch  zerreißenden Stoffs. Blitzartige Reflexe hat man ihm bei der Special Operations Executive beigebracht. Er hechtet aus seinem Bett und versetzt ihm rücklings einen Tritt, so daß er auf seinen Rollen in Richtung Bloat rast. Der stürzt ab und schlägt unter vielstimmigen Gedröhn der Bettfedern quer mittschiffs auf. Ein Bein des Bettgestells knickt ab. „Guten Morgen“, entbietet Pirat. Bloat grinst ihn kurz an, kuschelt sich in Pirats Decke und schläft gleich wieder ein.“

 

Ein großer ständiger Klamauk, alle sind in Bewegung und ständig scheint das Tempo der Ereignisse die Welt aus ihrer Bahn zu tragen. ‚Die Enden der Parabel` erzählt die Geschichte von Tyrone Slothrop, der gegen Ende des zweiten Weltkrieges in London als GI stationiert ist und durch Erektionen die Einschläge einer V2 vorausahnen kann. Der Roman beschäftigt sich nur augenscheinlich mit Slothrop Suche nach den Gründen für seine abstruse Fähigkeit. Der Titel des Buches bezieht sich auf die Flugbahn von Raketen und natürlich spielt auch die Rakete als Phallussymbol eine Rolle. Pynchon zieht den großen Bogen durch den zweiten Weltkrieg, die Herstellung der V2 in Deutschland, die Russen spielen eine Rolle usw. Irgendwann gibt es der Leser auf, die Orte und Geschehnisse noch nachvollziehen zu wollen.

Pynchon wechselt nicht nur oft die Erzähler der Geschichte und deren Perspektiven, sondern unterbricht die Texte durch Liedvorträge. Die Lieder haben zumeist etwas von Seemannsliedern oder Musicalstücken und gewollt oder nicht gewollt sind ihre Reime sehr erzwungen und fast unerträglich. Man könnte meinen, auch hier habe Pynchon sich über seine Leser lustig gemacht. Desweiteren ist Pynchon Sprachkunst nicht unerheblich für den Erfolg seiner Bücher. Unter der Oberfläche gärt das Talent eines wahren Schriftsteller alter Machart, der wunderbar Szenen beschreiben und sich gekonnt in Adjektiven verlieren kann. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Pynchon irgendwann beschlossen hat, diese alte Kunst der Beschreibung zu dekonstruieren, um sich darüber lustig zu machen.

Was kann ich von ihm lernen? Gerade hinsichtlich seiner wunderbaren Beschreibungen von Szenerien und Hintergründen, die er wie ein Maler mit größter Sicherheit auf die Leinwand bannt, kann ich viel lernen. Diese Vielstimmigkeit, das Chaos, der Klamauk sind mir nicht dienlich für meine Geschichte. Ich habe nun einmal eine Erzählerin, die stringent berichtet. Trotzdem kann ich mir überlegen, ob ich linear erzählen muss. Insofern kann ich viele Erzählstränge aufbauen und sie verknüpfen oder versuchen, den Leser in die Irre zu führen und sie manchmal Erzählstränge aufzubauen, die sich im Nichts verlieren.

 

Wenn ich nun die drei Thomas zusammenführe und mich an ihnen bediene, was bleibt für meinen Sprachstil übrig? Ich werde meine Figuren psychologisch erforschen müssen, meine Erzählerin wird vollkommen subjektiv berichten, ich brauche viele Erzählstränge, meine Beschreibungen müssen kunstvoll in die Geschichte verwoben werden und ich brauche Distanz zu meinen Personen, um nicht des Sozialkitsches anheim zu fallen. D.h. die Prise Ironie, die alle drei Thomas vorgeben, täten meiner Geschichte nicht schlecht. Vielleicht webe ich Versatzstücke, historische Artefakte, zeitgeschichtliche Splitter ein, um das historische Umfeld und dessen Einfluss auf meine Geschichte deutlich zu machen. Dabei ist es wichtig, bei Fakten zu bleiben und nicht die Vergangenheit durchs Fabulieren zu erweitern. Die Figuren erleben die Auswirkung historische Ereignisse, ohne sich dessen bewusst zu werden. Am Ende muss ich die Fäden aus der Zukunft und Vergangenheit zusammenführen.

Damit wir uns klar verstehen: die drei Thomas dienen mir nicht als Vorbild für meinen Sprachstil, sondern sollten mir helfen, mir bewusst zu machen, wie ich Sprache anwenden will, um den Text lebendig werden zu lassen, ihn für den Leser interessant werden zu lassen und natürlich mir den Spaß am Schreiben zu erhalten.