Die Gesellschaft gibt es, die Gesellschaft nimmt es! (Teil 2)

Die meisten Menschen scheinen ein zwiespältiges Verhältnis zur Gesellschaft zu haben.  Einerseits profitieren sie von einem funktionierenden Gemeinwesen, scheuen es nicht, es als gottgegeben zu betrachten und in Anspruch zu nehmen. Sie verstecken sich gerne hinter den Institutionen, die für sie die unangenehmen Dinge des Lebens erledigen sollen. Andererseits haben sie aber für die ihre Mitmenschen, Funktionsträger und Vertreter der Institutionen nur Misstrauen und Verachtung übrig. Bei phlegmatischen und neurotischen Zeitgenossen äußert sich diese Ablehnung durch Resignation und gespielter Verzweiflung. Die da oben machen ja mit uns, was sie wollen! Ein anderer Teil dieser Menschen, die ein gespaltenes Verhältnis zur Gesellschaft haben, würde  ich als getrieben bezeichnen würde, ergehen sich in einem scheußlichen Aktionismus, ohne überhaupt sich die Mühe gemacht zu haben die Verhältnisse zu analysieren.

An einem Beispiel aus meiner näheren Umgebung möchte ich gerne zeigen, welche Auswirkungen es hat, wenn man diesen Menschen zu viel Wirkungsraum zur Verfügung stellt. Wir leben in einem ruhigen Wohngebiet in mitten einer Stadt mit ca. 52.000 Einwohner. Unser Wohngebiet liegt wie eine Halbinsel zwischen den Flüssen Lahn und Dill. An der Spitze der Halbinsel fließt die Dill in die größere Lahn. An dieser Spitze gibt es einen Parkplatz und einen alten Festplatz, der nicht mehr genutzt wird. Der Festplatz und Parkplatz liegt eher abgelegen jenseits des Wohngebietes und bietet sich für junge Menschen als Treffpunkt an. Menschen unter dreißig haben nun einmal die Angewohnheit, sich zusammenzurotten und von dem Rest der Menschheit abzugrenzen. Menschen über dreißig regen sich gerne und schnell über diese Zusammenrottungen auf. Wenn sich die Aufregung gelegt hat, werden sie meistens  sentimental und geben zu, dass sie auch mal jung waren und dann gehörig über die Stränge geschlagen haben. Aber das war ja ein ganz anderes und viel wertvolleres Über-die-Stränge-schlagen. Die jungen Leute von heute haben einfach keinen Sinn mehr für Spaß!! Die spielen ja immer nur an ihren Handys rum. Oh warte, in der Whats-App-Gruppe vom Kindergarten hat jemand was geschrieben!!!

Um auf diesen Parkplatz zu kommen, fährt man eine schmale Straße (Tempo 30 und Einbahnstraße), die direkt an den Gärten der Häuser vorbeiführt entlang, kann über den Parkplatz auf die andere Seite der Halbinsel fahren und muss dann wieder in eine Einbahnstraße (auch Tempo 30) in die andere Richtung auf der Fassadenseite der Häuser entlang fahren. Es gibt keinen anderen Weg, um mit dem Auto zum Festplatz zu kommen. Ein schöner Rundkurs, der durch ein Wohngebiet führt, scheint für gut motorisierte junge Menschen einen gewissen Reiz darzustellen, insbesondere, wenn man sich nicht um Tempobeschränkungen kümmert.

Auch hier das Kommentar der Menschen über dreißig: wir sind früher immer langsam gefahren!!! (in schlechten amerikanischen Comedyserien wird an solcher eine Stelle lautes Gelächter vom Band abgespielt) Dann rechtfertigen Sie sich: Führerschein auf Probe, da ging nix!!! (Wieder Gelächter vom Band).

Sich nicht an Geschwindigkeitsbeschränkungen zu halten ist das eine Problem, das andere Problem ist es, Motoren und Abgasanlagen so zu modifizieren, dass sie, egal bei welcher Geschwindigkeit, einen Krach erzeugen, der einem modernen Passagierflugzeug ähnelt.

Auf dem Parkplatz treffen sich aber nicht nur Tuner, sondern auch diese Mercedes AMG-Typen, die auf illegale Autorennen stehen und gerne mal eine Gerade von fünfzig Metern nutzen, um von null auf hundert zu beschleunigen (in einer 30iger Zone, wohlgemerkt) und andere jüngere Personen, die dort einfach nur rumstehen und sich unterhalten wollen. (Das sind auch Drogen mit ihm Spiel, sagte die Nachbarin mit Alkoholproblem und wankte zitternd nach Hause, weil sie wieder einen Schnaps brauchte, um ihren Pegel zu halten.)

Man kann von Anwohnern nicht erwarten, dass sie soziologische Feldforschung betreiben, um zu verstehen, welche anthropologischen Biotope sich dort im Abseits ihres Wohngebietes tummeln. Die Anwohner differenzieren nicht. Wie auch? Die Anwohner sitzen an einem sonnigen Sonntagnachmittag im Garten und werden von den PS-Protzen aufgeschreckt, die sich mit ihren Düsenjets im Anflug auf den Parkplatz befinden. Oder sie räumen ihren Wocheneinkauf aus dem Kofferraum räumen, hören sie die Motoren hinter sich röhren und bekommen Herzrasen. Mehr sehen und hören sie nicht von den Parkplatzbesuchern.

Wir wohnen seit acht Jahren in diesem wunderbaren Wohngebiet und haben es keinen einzigen Tag bereut. Für uns ist es ein kleines Paradies urbanen Wohnens. Wir haben alles in der Nähe, wir können achtzig Prozent unserer Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad hinter uns bringen und trotzdem leben wir ruhig und naturnah, haben ein schönes Haus und einen großen Garten.  Seit dem wir hier wohnen, erleben wir die Diskussion um die Parkplatzbesucher. An der Stelle kehren wir zu meiner ursprünglichen Aussage zurück. Man könnte glauben, jeder in der Nachbarschaft hat das gleiche Interesse: der Krach muss aufhören, die Gefährdung von Verkehrsteilnehmern muss aufhören. Dem ist nicht so. Es gab keinen gemeinsamen Nenner, sondern viele Partikularinteressen mit den unterschiedlichsten Motivationen bzw. nur ein Unbehagen, aber wenig klare Aussagen, was nun eigentlich stört.

Fortsetzung folgt…

Die Gesellschaft gibt es, die Gesellschaft nimmt es!

Wenn wir von Gesellschaft reden, denken wir an ein abstraktes Gebilde, das außerhalb von uns existiert und dessen Willkür wir vollkommen ausgeliefert sind. Anhänger von Verschwörungstheorien, Querdenker, Reichsbürger und politische Extremisten scheinen sich diesem Gebilde in den Weg zu stellen und es herauszufordern.

Eine Gesellschaft besteht aus vielen einzelnen Gliedern, die untereinander agieren.  Jedes dieser Glieder hat ein Interesse an Teilhabe und persönlicher Entfaltung. Um das optimal organisieren zu können, ist ein größtmöglicher Nenner in Form von Absprachen, Regeln und Ausgleich der Interessen nötig. Daraus erwächst eine Komplexität, die etwas magisches, fast absolutes hat.  

Oben genannter Personenkreis sieht nur das gottähnliche im Antlitz einer Gesellschaft. Für sie schwebt sie wie eine dunkle Bedrohung über uns und mit dem Versuch, die Gesellschaft als Spielball einer Elite darzustellen, die im Hintergrund und Untergrund die Geschicke lenkt, versuchen sie ihre Angst vor dem imaginären Absoluten zu mildern.

Seltsamerweise wollen sie nicht zur Transparenz beitragen. Sie versteifen sich auf ihre wilden Wahrheiten, die man noch nicht einmal Theorien nennen darf, weil sie fest von deren Evidenz überzeugt sind und gerieren sich wie katholische Dogmatiker, die von der angeblichen Wahrheit der Jungfrauengeburt nicht abrücken wollen, weil sie Angst vor dem Zusammenbruch ihres ideologischen Kartenhauses haben.

Es gibt also keinen Grund für sie, zum Verständnis beizutragen. Sie wollen ein Missverständnis kultivieren, dem schon viele Rebellen und Revoluzzer aufgesessen sind. Sie glauben, dass ein Leben außerhalb der Gesellschaft auf dem Territorium der Gesellschaft möglich ist. Wenn man die Reichsbürger betrachtet, haben sie dieses Missverständnis auf die ultimative Spitze getrieben. Es gibt aber kein Leben außerhalb der Gesellschaft. Man ist immer Teil dieses Gebildes. Und wenn man ein Selbstversorgerleben in der Wildnis bevorzugt, wird es ab und zu Berührungspunkte mit der zivilisatorischen Organisation namens Gesellschaft geben. Man kann sich ihr nicht entziehen. Warum sollte man es auch? Viel wichtiger ist die Erkenntnis als Teil einer Gesellschaft sich nicht von ihrer Komplexität abschrecken zu lassen. Der Preis der Komplexität ist die Trägheit des Systems. Vieles scheint starr zu sein. Man hat sich scheinbar unabänderliche Regeln gegeben. Aber eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn sie auf Veränderungen reagiert. Anstatt sich ihr entziehen zu wollen, ist es die Aufgabe des aufgeklärten Teilhabenden, die Veränderungsprozesse voran zu treiben und positiv zu begleiten, auch in seinem persönlichen Umfeld.

Is ja nich so als wäre ich faul gewesen….

….mein erster Beitrag in 2021. Drei Monate Abwesenheit: Was hat er die ganze Zeit über gemacht?

Ist ja nicht so, als wäre der Blog mein Leben. Da sind wir doch wieder beim Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Leben. Wer sich damit näher damit auseinandersetzen möchte, empfehle ich die Lektüre von Hannah Ahrendts Vita Activae. Frau Ahrendt hat sich da viele Gedanken drüber gemacht, sie sogar niedergeschrieben und wahrscheinlich damit sogar ihren Lebensunterhalt verdient.  Sie hat verstanden, dass der private und öffentliche Bereich im modernen Leben nicht einfach zu trennen ist und deswegen jetzt glauben alle, dass ich, weil ich mich nicht mehr in der Öffentlichkeit präsentiert habe, quasi untergetaucht war oder auf der faulen Haut gelegen habe.

Nee, dem war nicht so. Ich war ganz schön eingespannt und habe mich vollkommen auf mein literarisches Schaffen konzentriert. Ich habe zwei Romane korrigiert. Da kann ich mich nicht noch mit irgendwelchen sinnlosen Textabsonderungen beschäftigen, die ich in meiner kargen Freizeit produziert hätte, um meinem öffentlichen Dasein gerecht zu werden.

Aber jetzt bin ich fertig…völlig fertig und ausgelaugt…Roman Zwo ist aus meiner Sicht abgeschlossen. Die Fertigstellung habe ich ja schon in meinem letzten Beitrag abgefeiert. Vielleicht war ich da etwas voreilig. Die 262 Normseiten musste ich noch einmal nach Fehlern durchforsten. Viel habe ich nicht mehr gefunden. Was entweder daran liegt, dass ich mittlerweile jede Textstelle auswendig kenne und Fehler gar nicht mehr wahrnehme oder dass es einfach keine sichtbaren Fehler mehr gibt. Das heißt, der Text muss wohlwollend von anderen Menschen in Augenschein genommen werden. Es wird Zeit für das Lumpenlektorat, bestehend aus meiner Frau und hoffentlich ein paar anderen Lesern, die den Text einfach mal auf sich wirken lassen und mir ehrlich gemeinte Rückmeldungen geben. Das ist der masochistische Part am Romaneschreiben…wenn sie alle die Luft durch die Zahnreihen ziehen, kurz innehalten und mir verbal Schmerzen hinzufügen…ja weißt du, der Anfang ist ja richtig stark, ich konnte so richtig in die Geschichte eintauchen, aber der Rest, ich weiß nicht, ob du da dafür eine Zielgruppe findest. Ist schließlich ein schwieriges Thema. Die Leute wollen ja schließlich unterhalten werden. Was heißen soll: Wen interessiert das eigentlich, was du da geschrieben hast?

 Gestern habe ich ihn meiner Frau per Mail zukommen lassen und hoffe, dass sie ihn schnellstmöglich liest. Und falls noch andere sich als TestleserIn zur Verfügung stellen wollen: haltet Euch schon einmal bereit!!

In der Zwischenzeit werde ich wieder häufiger mich in der Öffentlichkeit zeigen und auch über die weitere Arbeit an Roman Drei berichten…..

Das Ende

Die Fertigstellung des Romans war schwieriger als gedacht. Das letzte Kapitel hat es noch einmal in sich gehabt. Die Grundidee war es, die Zukunft der Protagonisten zu beschreiben. Sie kommen von ihrer großen Reise zurück. Können sie sich wieder einordnen, ihr altes Leben wieder aufnehmen oder wird sich ihr Leben radikal ändern? Und hier teilt sich das bisher miteinander verbundene Schicksal der Helden. Der eine versucht sich sein altes Leben zurück zu erobern und der andere wird sein Leben radikal ändern. Sie werden sich aus den Augen verlieren. Während einer der Beiden eine Familie gründet, in eine andere Stadt zieht, ein Haus kauft, seine Söhne großzieht, scheint der andere einfach wie vom Erdboden verschluckt. Nach zehn Jahren gibt es einen Anlass, der sie wieder zusammenbringt. Der eine Protagonist macht sich auf die Suche nach dem Anderen und findet ihn. Soweit so gut! Wo ist die Pointe am Schluss?

Es soll ja Autoren geben, die einen Roman erst beginnen, wenn Sie den letzten Satz schon kennen. Das war noch nie mein Ding. Ich habe zwar in den letzten Jahren gelernt mit einem Plan ans Schreiben zu gehen. Doch um das Ende habe ich mich selten geschert. Manchmal ist der Schluss der Anfang (wie in Roman drei). Aber das ist die absolute Ausnahme. Manche Autoren betrachten es als Fehler, kein Ende parat zu haben. Ich sehe das anders. Trotz einem Plan brauche ich Spielraum für die Entwicklung der Geschichte. Manchmal ist es wichtig, dass Pläne offen genug sind, um andere Verläufe zuzulassen. Im Endeffekt ist die Zuspitzung auf das Ende wichtig, denn das Ende ist wie der Anfang eines Romans das Element, dass dem Leser auf jeden Fall in Erinnerung bleibt und sein Urteil über den Text stark beeinflusst. Mir fehlte die Pointe der Geschichte.

Ich kam bis an den Punkt, an dem sich die zwei Protagonisten nach zehn Jahren wiedersehen. Das sollte es gewesen sein? Eigentlich nicht. Irgendetwas Spannendes und Aufregendes muss am Ende passieren. Ein Ausrufezeichen, vielleicht auch ein Fragezeichen, irgendetwas mit dem der Leser überhaupt nicht gerechnet hat, ein letzter Überraschungsmoment, etwas, was den Atem stocken lässt. Jetzt treffen sich zwei Menschen nach zehn Jahren und erzählen sich ein wenig von Ihrem Leben. Wo soll da die Spannung herkommen? Lange musste ich darüber nachdenken. Ich habe munter weiter geschrieben und irgendwann war ich an den Punkt angelangt, an dem es nicht weiter geht, ohne das Ende zu wissen. Die Fertigstellung des Romans kam zum Erliegen. Mindestens zwei Wochen konnte ich kein Wort schreiben. Es ist mir einfach nichts eingefallen. Viele Varianten habe ich im Kopf durchgespielt. Alle schienen mir zu lasch und einfallslos zu sein. Letztendlich habe ich mir vorgenommen, verschiedene Versionen der letzten drei Seiten zu schreiben. Sich nicht festzulegen, sondern erst einmal spielerisch ausloten, was möglich ist, erwies sich als gute Idee. Das war mein Befreiungsschlag. Schon die erste Version hat das beste Ergebnis gebracht. Natürlich verrate ich hier nicht, was am Ende passiert. Aber nach drei weiteren Wochen war ich endlich fertig mit dem Text. Ich musste die letzten Seiten mehrmals überarbeiten. Beim Lesen habe ich sofort gemerkt, dass es durch das neue Ende mehrere Ungereimtheiten entstanden waren, die ich wegfeilen musste. Dann habe ich das Kapitel insgesamt noch einmal überarbeitet und nun bin ich fertig.

Aber ihr wißt ja, was das bedeutet….Jetzt fängt die Arbeit richtig an….mein Heimlektorat (meine Frau) muss den Text jetzt erst mal absegnen, dann suche ich Testleser….ist noch ein langer Weg. Ich werde berichten.

Endspurt

Im Sommer habe ich zum letzten Mal über die Revision meines zweiten Romans berichtet. In einer kleinen Lektion über das Schreiben habe ich mein eigenes Tun reflektiert und mit Ratschlägen an andere weniger geübte Autoren verbunden.

Seit dem ist es auf meinem Blog still geworden, gerade wenn es um mein eigentliches Thema, das Schreiben ging,  habe ich mich in Schweigen gehüllt (vielleicht hätte ich mich lieber in rosafarbene Seidentücher hüllen sollen).

Tja manchmal bekomme ich nicht alles unter einen Hut (so einen hätte ich auch noch aufziehen können, rosa Tücher, schwarzer Hut…), denn ich habe im letzten halben Jahr mein Zeitbudget darauf verwendet, meinen Roman von den Füßen auf den Kopf stellen (im Kopfstand, die rosa Tücher und der schwarze Hut halten sich nicht am Körper, scheiße aber auch). Nachdem ich lange mit einigen Kapiteln gekämpft habe, schreibe ich nun die letzten Seiten des letzten Kapitels.

Im Sommer und Herbst hatte ich noch einige Hürden zu überwinden. Besonders der Herbst war schwer für mich. Ich konnte zum Schreiben nicht mehr an meinem gewohnten Platz draußen im Garten sitzen. Das macht mich jedes Jahr fertig und lässt meine Motivation auf den Nullpunkt sinken. An meinem Stammplatz im Garten habe ich Ruhe, kann mich konzentrieren, bin raus aus dem Familientrubel, kann eine Pfeife oder Zigarre rauchen und einen Kaffee schlürfen. Perfekte Arbeitsbedingungen. Das überarbeitete Kapitel spielte im Sommer und es fiel mir einfach die Stimmung des zu Ende gehenden Sommers auf den Text zu übertragen. Ich war zufrieden mit mir und meiner Arbeit. Ich hatte gerade noch das letzte vorhandene Kapitel aus der ersten Version überarbeiten können und dann wurde es Herbst.

Das nächste Kapitel musste ich vollkommen neu aus dem Boden stampfen. Das Kapitel aus der ersten Version war so schlecht geschrieben, dass ich noch nicht einmal Fragmente für die zweite Version verwenden konnte. Der kalte Herbst zwang mich an meinem Schreibtisch in meinem kleinen Arbeitszimmer und ich hatte keine Idee für das vor mir liegende Kapitel.

Ich ging in Klausur und nahm mir vor zwei Wochen lang an dem Setting zu arbeiten. Ich wusste ja, worum es gehen sollte. In der ersten Version sollten sich jetzt Vater und Sohn gegenüber stehen. Damals entschied sich der Sohn bei seinem Vater zu bleiben. Sein Freund kehrte darauf hin nach Hause zurück. Bei meinen ersten Überlegungen, lange bevor ich an diese Stelle kam, war mir klar, dass das Bullshit war. Der Vater hatte seinem Sohn Unrecht angetan und auf der langen Reise musste der Sohn erkennen, dass er seinem Vater in manchen Dingen ähnlich war, er aber nicht wie sein Vater werden wollte. Also musste in der neuen Version der Sohn am Ende des Kapitels seinem Vater die Gefolgschaft versagen und wieder nach Hause zurückkehren. Das hatte natürlich Konsequenzen für die weitere Handlung im nächsten und letzten Kapitel. Beim Nachdenken fiel mir auf, dass sich für mich völlig neue Möglichkeiten ergaben, um die Handlung zu einer nachvollziehbaren Einheit verschmelzen zu können. Mir wurde klar, dass ich auch das letzte Kapitel vollkommen neu aufziehen musste.

Aber zurück zu meiner Klausur. Wenn mir nichts einfällt, mache ich ein kleines Brainstorming. Ich versuche zuerst zu überlegen, was ich mit dem Kapitel aussagen möchte. Oft helfen mir andere Bezugspunkte, Werke anderer Künstler, die sich schon an einer ähnlichen Thematik versucht haben.

Das Kapitel sollte in einer Art Warroom spielen. Ein Anführer sitzt in einem Raum und spricht mit Personen, die sich weit entfernt an einem anderen Ort befinden. Das Thema Videokonferenz ist allgegenwärtig und man sieht fast täglich in den Nachrichten Politiker, die vor Bildschirmen sitzen und über die Entfernung miteinander konferieren.

Ich saß ein Wochenende lang gelangweilt vor meinem Computerbildschirm, bohrte mir mit dem Bleistift in der Nase herum und hüpfte von einer Pornoseite zur nächsten. Zuerst liebäugelte ich andauernd mit einem ähnlichen Setting wie bei Kubricks Dr. Seltsam. Dort gibt es diese weltberühmte Warroomszene mit Peter Sellars im Rollstuhl als verrückten Wissenschaftler. Witzig aber viel zu altmodisch. Nachdem ich mehrere meiner Hirnwindungen mit meinen Hirnwinden aufgebläht hatte und ich meine Gedanken in Schleifen gelegt hatte, fiel mir ein Kunstwerk der letzten Dokumenta ein, das ich damals als sehr inspirierend empfand.  In einer alten unterirdischen Straßenbahnhaltestelle wurde die Installation von Michel Auder „The Course of Empire“ gezeigt. Es handelte sich um ungeordnet an die Wand gehängte Bildschirme auf denen unzählige verschiedenartige Szenen gezeigt wurden: Abbildungen von Kunstwerken, Filme über Naturkatastrophen, Gewaltszenen, pornographisches Material, Handynachrichten, Texte. Die Szenen schienen in keinem Zusammenhang zu stehen. Michel Auder bezog sich allerdings auf einen Gemäldezyklus von Thomas Cole, der sich wiederum auf einen Gedicht von George Berkeley bezog, das den Aufstieg und Fall eines Imperiums beschrieb.

Die Bezugspunkte gaben mir wieder einen neuen Spielraum. Die Mission des Vaters meiner Romanfigur bestand in der Zerstörung eines Imperiums und die Erschaffung eines neuen Imperiums. Ich zeigte also in dem Kapitel wie der Vater per Videokonferenz mit seinen Untergebenen über die Zerstörung des Imperiums sprach und sie gleichzeitig mit aktuellen Bildern über das Voranschreiten der Zerstörung durch Kriege, Naturkatastrophen und Gewalttaten gegen Mensch und Natur gefüttert wurden. Der Sohn sollte Zeuge dieser Konferenz der Destruktion werden. Der Vater wollte ihn von seiner Mission überzeugen und ihn zu seinem Nachfolger als Koordinator der Zerstörung küren. Der Sohn erschrickt über die Abartigkeit seines Vaters und enttarnt den Irrsinn dahinter, den der Vater schon lange nicht mehr erkennt. Am Schluss lehnt er das Erbe ab und flüchtet vor seinem eigenen Vater.

Die Idee habe ich kurz skizziert und mir überlegt, wie der Ort ausschauen könnte, an dem diese Videokonferenz des Grauens stattfinden könnte. Mit dem Setting bin ich in die Planung meines Dialoges zwischen Sohn und Vater gegangen. Der Dialog zwischen beiden ist der Dreh- und Angelpunkt des Kapitels. Am Ende muss stehen, dass der Sohn dem Vater alles vor die Füße wirft und ihm erklärt, dass er verrückt ist. Welche Botschaften wollen die beiden dem anderen überbringen? Welche Gefühle oder alte Verletzungen, welche Weltanschauungen und Traumata spielen eine Rolle? Manche Gefühle werden ausgesprochen, manche Gedanken werden laut gesagt. Eine ähnliche Vorbereitung zu meinem dritten Roman habe ich schon einmal anhand eines Interwievs hier im Blog vorgestellt. Erst als ich das Gefühl hatte, das die Stimmung passte, dass das angespannte Verhältnis zwischen Vater und Sohn deutlich wird, habe ich begonnen eine Handlung grob nieder zu schreiben. Das Kapitel sollte nicht lang sein. Auf der einen Seite ist da der Dialog zwischen Vater und Sohn. Aber die Handlung muss ja auch vorangetrieben werden. Also durfte es keine großen Ausflüge geben. Das Kapitel sollte dicht und griffig wirken. Im Prinzip wie eine Action-Szene im Film. Schnell, kurze Schnitte, wenig Gedöns und Obacht, natürlich stimmig in der Botschaft sein. Ob ich das geschafft habe, kann der geneigte Leser beurteilen, der irgendwann mal den Roman lesen darf. (Hatte ich schon gesagt, dass ich bald Testleser brauche! Interessiert?) Die Arbeit daran hat dann ungefähr sechs Wochen gedauert, von Planung bis Schreiben und Fertigstellung des Kapitels. Allerdings durch mein gezieltes Herangehen habe ich viel Zeit gespart und nach meinem Empfinden ist das Ergebnis wesentlich besser als der erste Versuch, den ich einfach ohne Planung aufs Papier gebracht habe.

Mir fehlen noch ca. zehn Seiten und dann werde ich das letzte Wort meines Romans geschrieben haben. Alle Romanautoren kennen dieses besondere Gefühl, wenn man am Ende eines langen Weges ankommt und nun sich alles wie von selbst zu einem großen und ganzen Werk zusammenfügt. Man hat es geschafft aus einer kleinen Idee einen ganzen Kosmos an Figuren und Geschichten zu erschaffen und das kann einem keiner mehr nehmen.

Es ist egal, ob ich einen Verlag finde oder sogar einen Leser, dieses von mir erschaffene Geschöpf erblickt nun bald das Licht dieser Welt….

Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Erinnya von Clemens J. Setz

 Der letzte Abend in Freiheit: eine seltsame Stimmung zwischen aufgekratzter Leichtigkeit und Depression begleitet uns schon das ganze Wochenende.  Am Montag beginnt der Lockdown light und wir haben zum letzten Mal die Gelegenheit für eine lange Zeit einen lockeren Abend in geselliger Zweisamkeit zu verbringen. Als wir in Giessen ankommen, haben wir das Gefühl, dass alle Menschen, die heute Abend unterwegs sind, sich in einer ähnlichen Gemütsverfassung befinden. Und irgendwie passt das Stück dazu. Denn so uneindeutig wie unsere Empfindungen an diesem Abend sind, so ist das Werk des jungen und hell leuchtenden Stern am Firmament des modernen Dramas durchsetzt von Ambivalenzen und Merkwürdigkeiten. Clemens Johann Setz aus Graz hat seine spleenigen Eigenarten. Aus seinen Texten sprießen willkürlich verkleisterte Wortkonstrukte, deren Bedeutungen nicht zusammenpassen, die sich dem Zuhörer schnell entziehen.  Er erzählt Geschichten mit Bezug zur Gegenwart, verweigert sich aber jeglicher Moralpredigt und Aufruf zur kategorialen Abscheu. Das macht ihn interessant in Zeiten, in denen von Künstlern ständig verlangt wird, eindeutige Position zu beziehen und bestimmte Auswüchse zu verdammen. Er stellt seine Figuren in den Mittelpunkt und betrachtet sie wie ein Psychologe, der seine Figuren verstehen will, ohne sie zu Witzfiguren zu machen.

Worum geht es in Erinnya? Matthias hat psychischen Probleme und trägt einen Kopfhörer, der ihn mit Erinnya verbindet, einem ominösen sozialen Netzwerk, das angeblich aufgrund demokratischer Entscheidungen dem Träger des Kopfhörers Sätze einflüstert. Erinnya hat einen positiven Einfluss auf sein Wohlbefinden und seine Freundin Tina beschließt ihn nach drei Jahren Beziehung ihren Eltern vorzustellen. Tinas Vater betrachtet den netten jungen Mann, der seltsame Sätze absondert und immer den Kopfhörer auf den Kopf hat, mit Argwohn und es kommt zum Konflikt zwischen ihm und seiner Tochter.

Als Zuschauer ist man überwältigt von den vielen Sinneseindrücken, die sich dort auf der Bühne auftürmen. In der Inszenierung und mit dem Bühnenbild hat man sehr darauf geachtet, dass sich die Ereignisse überlagern. Eine Kamera auf der Bühne nimmt das Geschehnis auf der Bühne auf und wirft es an die Rückwand der Bühne, im Vordergrund die aktuelle Szene und Sprechrollen, daneben die Schauspieler ohne Text, die etwas an die Wand malen oder sich sonst wie beschäftigen. Auf der Bühne scheint ein ähnliches durcheinander wie ihm Kopf des Protagonisten zu herrschen, der mittels Erinnya seine letzten psychischen Krisen hinter sich gelassen hat und ein wenig zur Ruhe kommt. Seine Freundin Tina, die sich liebevoll um ihn kümmert und vollkommen von Erinnya überzeugt ist, kommt an ihre Grenzen, als ihr Vater sie ins Kreuzverhör nimmt. Er verurteilt die Abhängigkeit des Freundes seiner Tochter von einem sozialen Netzwerk, hat aber den ganzen Tag über einen Knopf im Ohr hat und schaut sich im Internet Videos an. Niemals wird deutlich, wie Erinnya wirklich funktioniert. Aber alle die mit Errinya in Berührung kommen sind fasziniert und erwarten von dieser mystischen Einflüstermaschine die Lösung all ihrer Probleme. Vielleicht geht es genau darum in dem Stück: Wir sind alle verwirrt, haben die Orientierung verloren und legen alle unsere Hoffnung in ein Spielzeug, dass wir soziale Netzwerke nennen. Aber es führt uns nicht zusammen. Im Gegenteil: Es führt zur Ausgrenzung. Matthias bleibt aufgrund seiner psychischen Probleme der Außenseiter und Erinnya scheint den Abstand zu seiner Umwelt noch zu vergrößern. Am Ende des Stückes wird er wie Lenz in die Natur fliehen, die Menschen hinter sich lassen und nie wieder in Erscheinung treten.

  In der Pause stehen meine Frau und ich vor dem Theater.  Es ist an diesem Novemberabend warm wie im Frühling und alle Krisen dieser Zeit scheinen über uns hereinzubrechen: die Pandemie, der Klimawandel, der Trumpismus (es waren schließlich noch zwei Tage bis zur US-Wahl). Wir waren beeindruckt von diesem Abend, dem Stück, der Gegenwart, unserem Leben, das so sanft dahingleitet und nur vordergründig dieser ganzen Melange aus Gefahr und Krise trotzt. Wir fühlen uns fremd in einer Welt, in der Erinnya den Menschen die Sätze vorgibt und fangen an wirres Zeugs zu reden.  Wir beschließen am Ende der Pause einfach daran zu glauben, dass unser Leben einfach nur schön ist, auch ohne Erinnya.

Gitarrenheld

1987 – Ich war 16 Jahre alt und wollte unbedingt ein Gitarrenheld werden. Zu der Zeit spielte ich eine alte Squier Strat mit verbogenen Halsstab, riesigen Bünden und viel zu rauen Griffbrett, auf dem kein Mensch schnelle Licks spielen konnte. Ich besaß einen Verstärker, einen Transistor-Amp, der keine wirklich überzeugende Sägeverzerrung zustande brachte. Dazu besaß ich ein Ibanez Chorus Pedal, dass die künstlich klingende Verzerrung zumindest etwas fetter und breiter klingen ließ.

Seit 1984, also dem Jahr, als Apple den Macintosh auf den Markt brachte, man über George Orwells Zukunftsvisionen und ob sie nun Wahrheit geworden waren, diskutierte und Van Halens gleichnamige Platte mit einem rauchenden Engel auf dem Cover herauskam, geisterte Van Halen in meiner Welt herum.

Ich kann nicht behaupten, dass ich mich bis dahin ernsthaft mit Van Halen auseinandergesetzt  hatte. Ich kannte ihren größten Hit „Jump“, den man damals nicht aus dem Weg gehen konnte. Ein Jahr später erschien „Live is Life“ von Opus. Weil beide Songs einem bei jeder Gelegenheit ins Gehör gedrückt wurden, am besten noch nacheinander, habe ich sie damals ungerechtfertigter Weise miteinander in Verbindung gebracht. Teenager neigen zur totalen Ignoranz. Mir fehlte das musikalische Feingespür, um zu merken, dass Jump durchaus mehr zu bieten hatte, als dieses oberflächliche Lied einer Volksfestband  aus Österreich, die aus fast nur einer Textzeile bestand und diese auch noch in schlechtem Englisch vorgetragen wurde.

 Meine Einstellung und Ignoranz verwandelte sich 1987 in totale Begeisterung als das Folgealbum 5150 herauskam und mein Bruder das Konzert-Video „Live without a Net“ anschleppte. Damals war Video der heiße Scheiß. Der Videorecorder erweiterte das Spektrum an möglichen Medienerfahrungen. Schließlich gab es bis zu diesem Zeitpunkt nur drei Programme im Fernsehen. Die neuen privaten Fernsehsender waren noch nicht in allen Haushalten angekommen. Wenn ich mir heute die Bildqualität von damals anschaue, kann ich gar nicht glauben, dass das damals alles so aufregend war. Aber schon beim ersten Anschauen war ich vollkommen angefixt von dieser Band.

Dazu muss man wissen, dass der erste Sänger David Lee Roth nach dem großen Erfolg die Band verlassen hatte und mit Sammy Hagar als neuer Sänger die Band deutlich an Qualität gewann. Roth war ein Showman, konnte nicht wirklich gut singen, viele Texte waren flach und im schlimmsten Fall sexistisch. Hagar hatte eine prägnante Rockstimme und war selbst ein hervorragender Gitarrist. Die Texte drehten sich hauptsächlich immer noch um die Beziehung zum anderen Geschlecht, schürften aber nicht nur an der Oberfläche, sondern vermittelten nachvollziehbare Sehnsüchte.

Und nun stand die Band auf der Bühne in New Haven (der Running Gag war, dass die Band den Ort für das Konzert in New Halen umbenannte) und wusste ihre Qualitäten auszuspielen. Mit wahnwitziger Spiel- und Bewegungsfreude wurde die ganze Bühne ausgenutzt, alle Register des musikalischen Könnens wurde gezogen (Alle Instrumentalisten bekamen ihr eigenen Solopart) und Eddie Van Halen, Michael Anthony und Samy Hagar inszenierten sich als kongeniale Bühnenfreaks, den es riesigen Spaß bereitete, die Leute zu unterhalten. Natürlich beeindruckte mich das Gitarrenspiel von Eddie nachhaltig und obwohl es heute Gitarristen gibt, die ihm technisch und auch in der Ausdrucksweise überlegen sind, begeistert mich sein Art Gitarre spielen immer wieder aufs Neue.  Ich kann auch heute noch, nach über dreißig Jahren, mit großen Augen vor dem Bildschirm sitzen und mich voll und ganz in seine Riffs und Solis vertiefen. Wenn ich Eddie van Halen zuhöre ist das für mich vergleichbar mit einer Meditation. Es geht durch und durch und ich fühle mich mit etwas verbunden, dass größer ist als ich. Natürlich gibt es noch andere Musik, mit der ich mich verbunden fühle und die ich regelrecht versinken kann. Es war einfach das erste Mal, dass eine einzelne Person mit einem Instrument diese Wirkung bei mir erzeugen konnte.

Was faszinierte mich damals und auch heute noch an Eddie? Die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit mit der er seine Kunst beherrschte. In einem Gitarrenmagazin hat man ihn mal sinngemäß gefragt, wie er denn auf die tolle Gitarrengimmicks gekommen sei. Er antwortete, dass er den ganzen Tag auf der Gitarre „herumnudelte“ und dann ganz automatisch zu seinen Einfällen kam. Eddie van Halen war einfach ein Musikverrückter, dem anscheinend nichts anderes als seine Gitarrenkunst interessierte. Für mich als Sechzehnjähriger war das eine Ansage: wenn du ein Gitarrenheld werden willst, brauchst du dich nur den ganzen Tag mit deiner Gitarre zu beschäftigen und alles passiert ganz automatisch.

 Die folgenden Jahre habe ich jeden Tag bis zu acht Stunden Gitarre geübt. Die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit eines Eddie van Halen hat sich bei mir nie eingestellt. Ich habe es erst gar nicht versucht, Eddie Van Halen zu imitieren. Ich habe mir andere Vorbilder ausgesucht, die ich leichter erreichen konnte. Im gleichen Jahr habe ich die „Master of Puppets“ von Metallica für mich entdeckt. Ich wurde ein leidenschaftlicher Kirk-Hammet-Imitator, dessen Spielweise eine ähnliche Wirkung wie die von Eddie auf mich hatte. Seine melodiösen Linien, die schnellen Licks, später durchsetzt mit Tapping-Passage schienen die etwas moderne Version der Techniken zu sein, die Eddie Van Halen erfunden hatte. Gerade die Riffs und Solis der „Justice for all“-Phase konnte ich teilweise perfekt nachspielen. Trotzdem wurde ich nie der Gitarrenheld, der ich sein wollte. Ich spiele heute noch gerne Gitarre. Die schnellen Solis habe ich nicht mehr in den Fingern und doch klingt meine frühe Leidenschaft für Van Halen immer wieder durch.

Vielleicht ist es auch gut, kein Gitarrenheld zu sein. Denn leider war Eddie auch ein Beispiel für die Schattenseiten der Musikbesessenheit. Drogen, Kettenrauchen, kaputte Ehe, seltsame Projekte, ständige Querelen in der Band, Erfolglosigkeit, körperlicher Verfall, Krankheit, früher Tod: das übliche Drama eines Rockmusikers. Als außenstehender Fan konnte man seine Persönlichkeit konnte nicht erfassen und auch seine Leiden blieben verborgen. Der Mensch Eddie van Halen blieb immer ein Rätsel. Er war der typische Rockstar der Achtziger. Damals machte man Party und beschäftigte sich nicht mit sich selbst. Letztendlich hat es dazu geführt, dass er nun mit 65 viel zu früh die Gitarre für immer zu Seite gelegt hat und ich nun einem meiner frühen Helden nachtrauern muss.

Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Lenz

Zum ersten Mal  bin ich in der taT-Studiobühne, der Nebenbühne des Gießener Stadttheaters. Hier arbeitet sich heute Abend Christian Fries, der alte Haudegen,  an der Novelle Lenz von Georg Büchner ab. Christian Fries gehörte für ein paar Jahre zum Gießener Schauspielensemble und kehrt für Gastspiele immer wieder mal nach Gießen zurück.  Das taT ist der Schauplatz kleinerer Inszenierungen, ab und zu mal mit experimentellen Anspruch, ein leerer Würfel mit schwarzen Wänden, pandemiebedingt mit wenigen Stühlen, die im Raum verteilt sind. Christian Fries hat viel Fläche zur Verfügung, die er gar nicht nutzen muss. Das Reclamheftchen mit dem Lenz-Text liegt irgendwo auf dem Boden, ein Sessel in der Ecke, Mikro, das ist das Bühnenbild.

Der Text Lenz handelt, eingebettet in unzähligen Naturbeschreibungen, von dem psychisch kranken Schriftsteller Lenz, der in einem abgelegenen Bergdorf bei dem Pfarrer Oberlin unterkommt und dort endgültig seinem Wahnsinn verfällt.  Lenz nimmt am Tage am Leben teil hat und verliert sich nachts in seinen Ängsten und Phantasien. Lenz bekommt Besuch von seinem Freund Kaufmann, der ihn dazu überreden will, nach Hause zurück zu kehren. Als Oberlin und Kaufmann eine Reise in die Schweiz unternehmen, begleitet Lenz sie ein Stück und kommt auf den Rückweg in ein anderes Bergdorf. Dort kommt er bei einer Familie unter, deren Tochter an Fieber leidet und kurz darauf stirbt. Lenz fühlt sich verantwortlich, will das Mädchen ins Leben zurückholen. Zwischenzeitlich kehrt Oberlin aus der Schweiz zurück und Lenz phantasiert in seiner Gegenwart, dass er seine Geliebte umgebracht hat. In Folge versucht sich Lenz aus dem Fenster zu stürzen und wird am Schluss im apathischen Zustand nach Straßburg gebracht.

Wie kann sich ein Schauspieler dem Stück nähern? Es geht ja ums Irresein, um emotionale Ausbrüche und Zusammenbrüche, das kann man als Schauspieler reproduzieren, in dem man mit pathetischer Mimik und Gestik das Irresein nachspielt oder man macht es wie Christian Fries, der sich reduktionistisch mit dem Text auseinandersetzt.

Wer Christian Fries schon einmal erlebt hat, hätte ihm das pathetische Zetern und atemlose Verlieren in den Wahnsinn eh nicht abgenommen. Herr Fries ist in seiner Tonlage nicht fliesend dynamisch, sondern leise, normal oder laut. Das macht ihn sympathisch, weil er erst gar nicht versucht, sich in seiner Rolle hinein zu verkriechen. Er steht auf der Bühne, bewegt sich kaum, verwendet wenige Gesten, nur an einige Stellen untermalt er mit seinen Händen den Text, seine Stimme leise, leiernd rezitierend, lässt er am Zuschauer vorbeihuschen. Man muss genau zuhören, um den Inhalt zu verstehen. Manchmal setzt er einen Blockflötenkopf ein, um Übergänge zu schaffen oder Stimmungen zu verdeutlichen (z. B. zu Beginn ahmt er den Wind nach, der durchs Gebirge bläst).

Tief im Text steckt Büchners Sicht der Dinge. Er lässt sie im Gespräch zwischen Lenz und Kaufmann aufblitzen, als Lenz gegen den Idealismus wettert: „Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht, wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen; unser einziges Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist. Das Gefühl, daß, was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen.“

Damit widerspricht er den seine Gegenwart bestimmende Strömungen. Wo Romantik und Idealismus nach Verklärung und Überhöhung streben, setzt er auf Realismus.

Und genau diesen Ton trifft Fries mit seiner Schauspielkunst. Es geht ums Zuhören und wahrnehmen und nicht um Überhöhung. Kurz zusammengefasst: Das wohltuende Gegenprogramm zum Musical, dass einen Popstar zum Außerirdischen hochstilisiert und damit das Theater an den Zeitgeist verrät.  

Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Lazarus

Das blöde Virus hat uns die halbe Theatersaison geklaut. Wir waren Anfang März das letzte Mal im Theater und in der neuen Saison werden die Stücke nachgeholt, die wir Abonnenten verpasst haben. Mal abgesehen von der etwas schrägen Kommunikation per E-Mail (äh? Was? Ich verstehe nix!) hat sich der Verwaltungsapparat unseres Lieblingstheaters gut um uns gekümmert. Auf Nachfrage hat man uns das Procedere erläutert und uns gleich Karten für Nachholtermine zur Verfügung gestellt.

Ein paar Tage vor der Aufführung habe ich eine Mail mit Anweisungen bekommen: “Unten sehen Sie den Bereich, in dem sie sich einen Platz aussuchen müssen.“ Ich schaue auf das Ende der Mail und es taucht ein grüner Balken auf. Darin in schwarzen Buchstaben: „links grün.“

Wie haben die Kenntnis von meiner politische Gesinnung erlangen können? Ich wollte noch in Theater nachschauen, ob es für die entgegengesetzte politische Überzeugung einen „rechts braun“- Abschnitt gab, habe es aber leider vergessen.

Wir nahmen im zugewiesenen Bereich Platz und begrüßten mit einem lauen Winken das Paar, das sonst direkt neben uns sitzt und nun zwei Plätze zwischen uns und ihnen lassen musste. Wir hatten mehr Platz und Beinfreiheit. Die Türen zum Innenraum blieben während der Vorstellung auf. Es kam frische Luft in die ansonsten muffige Bude, in der oft die Luft steht, als wäre der Innenraum seit der ersten Vorstellung im Jahr 1907 nicht gelüftet worden. Masken tragen während der gesamten Vorstellung, auf den Wein in der Pause zu verzichten, das sind schon harte Einschränkungen für den Bildungsbürger. Aber da wir auch sonst keine Jammerlappen sind, freuen wir uns einfach darauf, wieder am Kulturleben teilnehmen zu können. Denn das hat uns wirklich gefehlt.

Falls ich es noch nicht gesagt habe: Ich finde Musicals schrecklich. Ich wiederhole es gerne: Musicals sind eine Zumutung. Auch Lazarus, obwohl es von dem wahrscheinlich einzigen Außerirdischen handelt, der es jemals zum Rockstar gebracht hat, ist grauenvoll langweilig.

Das ich dieses Musical nicht mag,  liegt nicht an David Bowie und seinem Werk, das hier über zweieinhalb Stunden ausgebreitet wird und für das ich mich immer leise habe begeistern können.  David Bowie war ab den Siebzigern im Rock und Pop eine stilbildende Macht, die auch immer mehr Sensibilität und Intellektualität versprach, als all die anderen Pop- und Rockikonen der letzten vierzig Jahre.

Es liegt auch nicht an der Story, die sie um die Lieder herumgestrickt haben. Man liefert die Fortsetzung des Filmes, in dem Bowie in seiner ersten großen Filmrolle reüssierte: der Mann, der auf die Erde fiel. Er spielte einen Außerirdischen, der auf der Erde hängen bleibt, sich verliebt, seine Liebe wieder verliert, als reicher Unternehmer eine Rakete bauen will, die ihn zurück nach Hause bringt und dabei scheitert. Im Musical sitzt der Außerirdische in seiner Wohnung, kann nicht altern, kann nicht nach Hause, trauert seiner alten Liebe nach und vertreibt sich die Zeit, mit dem übermäßigen Genuss von Gin. Lazarus kann nicht sterben, er ist zur Wiederauferstehung verdammt. Das ist doch schon die wichtigste Botschaft des Musicals. Herr Bowie kann nicht sterben, er ist der ewige Außerirdische der Popkultur.

 Auch die dargebotene Leistung der Schauspieler ist nicht der Grund für mein Unbehagen. Manchmal ist es etwas verwirrend, wenn man bemerkt, dass die Schauspielerin in den Filmeinspielungen gar nicht mehr zum Ensemble gehört und durch eine andere Schauspielerin ersetzt wurde. Auch kann man nicht erwarten, dass irgendein Schauspieler den Gesang von Herrn Bowie perfekt imitieren kann. Es mag der Funke nicht überspringen. Auf der Bühne macht man Rambazamba aber unten im Zuschauerraum herrscht Stille. Rockmusik lebt nun mal von der Interaktion zwischen Band und Zuhörer. Deswegen kann die Leistung des Schauspielensembles schon mal nur solide wirken und mich nicht vom Hocker hauen.

Es liegt schon einmal gar nicht an der musikalischen Leistung der Band, die im Hintergrund agiert. Alle Stücke werden fehlerlos dargeboten, manche zu überraschenden Versionen arrangiert. Alles klingt gut, aber auch nicht einzigartig. Interpretationen auf Profiniveau, fast schon zu schön, um mit den schrillen Originalversionen mithalten zu können.  

Ja und auch das Bühnenbild ist wie immer fantastisch. Aber mit Filmeinspielungen irgendwie einen oben drauf setzen, wird von der Institution Theater einfach überstrapaziert.

Mein persönlicher und vollkommen subjektiver Geschmack mäkelt an diesem Stück herum, weil es als Musical daher kommt. Die Theater verkaufen sich unter Wert, wenn sie dieser albernen Mode folgen und mit Rock- oder Popsongs ganze Inszenierungen füllen. Das Theater lebt doch von der Kraft der Sprache, vom der Präsenz der Schauspieler und nicht von musikalischen Darbietungen, die vielleicht als Beiwerk einer Inszenierung dienen können. Ich hoffe, die Mode der inszenierten Rockkonzerte geht bald an uns vorbei und wir kehren wieder zu den Wurzeln des Schauspiels zurück.