Die Deutschen – ein verrücktes Volk

Sommer 2015 – Lieber Flüchtling, Herzlich Willkommen. Frau Merkel hat gesagt, wir schaffen das. Deswegen schenke ich dir meinen alten Teddybären. Sag einfach Bescheid, wenn du etwas brauchst. Du bekommst alles von uns!

Winter 2015 – die Merkel hat die Nafris alle hergeholt, um uns auszutauschen, außerdem klauen die wie die Raben und tatschen unsere Frauen an. Die haben alle Handys, die können doch gar nicht arm sein. Du blöder Asylant, gib mir sofort den Teddybär zurück.

März 2020 – Oh ja, dieses Virus ist wirklich total gefährlich. Kanzlerin Merkel hat gesagt wir müssen solidarisch sein und jetzt zu Hause bleiben. Ist ja gut für die Alten und die Krankenhäuser. Manno, die Pfleger und Ärzte, die haben es ja eh schon so schwer. Ich stell mich mal auf den Balkon und klatsche Beifall!

Mai 2020 – Die Merkel hat uns schon wieder verarscht, unsere Freiheit wollte sie uns nehmen und das Bargeld abschaffen. Mensch ist mir doch egal, ob irgendwelche alten Omas verrecken. Runter mit der Maske! Ich will wieder shoppen gehen. Is ja schlimmer hier als in der DDR! Ich geh mal raus und klatsche ein paar Journalisten!

Uns Deutsche soll jemand mal verstehen!!!

Bonjour, trauriger Osterhase

IMG_5018Ich werde früh wach, recke und strecke mich, stehe auf und schiebe den Vorhang in unserem Schlafzimmer zur Seite. Draußen scheint die Sonne, keine Wolke am Himmel, ich höre die Vögel singen und betrachte voller Vorfreude auf den Tag die bunte Blütenpracht in unserem Garten. Ich seufze leise. Ich habe selten ein Ostersonntag erlebt, der so friedlich beginnt. Was ist denn das? Was sucht dieses graue Tier mit langen Ohren auf unserer Wiese? Um Gottes Willen, das ist der Osterhase! Das kann nicht wahr sein! Sogar mein fünfjähriger Sohn glaubt nicht mehr an den Osterhasen. Eindeutig, er ist es! Er trägt auf seinem Rücken einen großen Korb. Er kommt kaum voran. Sein Hoppeln gleicht eher einem Humpeln. Das soll der Osterhase sein?! Ab und zu bleibt er stehen, zieht sich missmutig den Korb vom Rücken und lässt ein Schokoladenei auf den Boden fallen. Naja, er hat viel zu tun, hat wahrscheinlich in den letzten Tagen Sonderschichten geschoben. Ist halt eben ein Saisongeschäft. Er trägt an den Händen Plastikhandschuhe, an denen er nervös herumnestelt. In Zeiten lästiger Pandemien durchaus vernünftig. Er zieht sich wieder den Korb auf und schleppt sich ein paar Meter weiter. Er bleibt wieder stehen. Ich schaue auf die Uhr. So wird er nie fertig. Er hat ja Lieferzeiten einzuhalten. Heute Mittag müssen die Eier, Schokoladen und Geschenke verteilt sein. Wieder zieht er den Korb von seinen Schultern und stellt ihn neben sich. Der wird sich doch nicht ins Gras legen und sich ausruhen. Jetzt fällt mir auch auf, dass er einen Mundschutz trägt. Sogar eine FFP-Maske Klasse 3. Wo er die wohl her hat? Naja diese Osterhasen haben ganz bestimmt gute Beziehungen zu den Chinesen. Die produzieren das ja alles. Er wühlt in seinen Korb und holt ein Geschenkpäckchen hervor. Meine Tochter hat sich ein Buch gewünscht. Braves Kind, sie liest viel. Sie soll später Wirtschaftsanwältin, Controllerin oder Unternehmensberaterin werden. Solange sie nicht in die Pflege oder ins Krankenhaus geht, da verdient man ja nix, ist alles in Ordnung. Der Osterhase nimmt sich viel Zeit und begutachtet das Päckchen. Er soll es endlich hinlegen. Ich glaube nicht, dass es zu seinem Aufgabengebiet gehört, über Geschenke zu sinnieren. Ich schaue auf meine Uhr und werde ungeduldig. Was ist das denn für ein blöder Osterhase? Überhaupt keine Arbeitsmoral! Wahrscheinlich arbeitet er an seinem Burnout! Ist auch nur eine Ausrede für faule Tiere. Kein Wunder, das die Wirtschaft brach liegt, wenn sogar schon der Osterhase einen Hänger hat. Der sollte schließlich ein gutes Vorbild sein. Unser Land braucht in dieser schweren Zeit mutige Osterhasen, die anpacken können. Wir können uns keinen traurigen Osterhasen leisten. Er nimmt das Päckchen und schleudert es mit seiner letzten Kraft in die Baumkrone des Apfelbaums. Der Äste wackeln und der Baum verliert einen Teil seiner Blütenpracht. Es reicht ja schon, dass man sich ständig mit diesen unfähigen Paketboten herumärgern muss. Verdammt, jetzt kann ich ihn mir nicht mal zur Brust nehmen. Social distancing ist jetzt das oberste Gebot. Da hat der blöde Hase nochmal Glück gehabt! Ich muss mal im Internet schauen. Da gibt es ganz bestimmt eine Seite, wo man sich über Osterhasen beschweren kann. Frechheit! Ostern ist auch nicht mehr das, was es mal war! Was man sich heutzutage von den Dienstleistern alles gefallen lassen muss! Die haben wirklich nicht mehr als Mindestlohn verdient! Der Osterhase scheint mein lautloses Schimpfen zu hören. Er dreht sich zu mir um. Der dämliche Osterhase, er hat mich gesehen! Er erhebt seine linke Plastikpfote und winkt mir zu! Was soll das denn jetzt? Damit kannst du blödes Vieh dich auch nicht mehr retten! Beschwerde ist draußen! Dann reißt er seine Maske von seiner Schnauze und grinst wie Satan höchstpersönlich. Scheiße, der ist auch noch verrückt und wahrscheinlich gewalttätig. Ich ziehe den Vorhang wieder zu und verstecke mich instinktiv unter der Fensterbank. Meine Frau wird wach, sieht mich hinter dem Fenster hocken, hört mich fluchen und fragt, was geschehen ist. „Da draußen ist ein vollkommen durchgeknallter manisch-depressiver Osterhase! Sie raunzt mich an. Ich solle weiter schlafen und nachts nicht immer diese Zombieserie auf Netflix gucken. Was für ein scheiß Ostersonntag!

Völker, hört ihr die Spechte klopfen!

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Vor acht Jahren haben wir unser Haus gekauft und für viel Geld modernisiert. Wir haben uns lange überlegt, welche Energiesparmaßnahmen sich bei einem 120 Jahre alten Haus sich lohnen. Wir wollten Energie sparen und gleichzeitig die Umwelt schonen, weniger Co2 produzieren und weniger fossile Ressourcen verbrauchen. Den größten Effekt versprachen die Dämmung der Außenwände und die Dämmung des Dachbodens. Wir klebten an die Außenwände 17 cm Styroporplatten und verlegten auf dem Dachboden Glaswolle. Meine Frau, die Bauingenieurin ist, sprach von Schießscharten-Optik. Die Dämmung war so stark, dass die Fenster ungewöhnlich tief in den vermeintlich aufgeplusterten Wänden saßen. Aber diese starken Eingriffe in das Erscheinungsbild des Hauses haben wir gerne in Kauf genommen. Auf den ersten Blick hat es sich auch gelohnt. Die Heizkosten haben sich um einem Schlag um zwei Drittel verringert und damit der Verbrauch von Gas und unser persönlicher Co2 Ausstoß. Weitere Maßnahmen wie Nutzung der Solarenergie für die Erzeugung von Strom hätten sich nicht gelohnt, da die Dachfläche des Hauses nicht ausreichte. Fast zeitgleich ging in der Presse eine Diskussion um das in den Dämmplatten verbaute Plastik los. Horrorstorys von Häusern, die einfach niederbrennen, ohne dass die Feuerwehr sie löschen kann, weil der Kunststoff in der Dämmung quasi das Feuer immer wieder entfacht, gingen reihum. Auch geriet die Dämmungspraktik in Kritik, weil sich in den eingepackten Häusern die Feuchtigkeit stauen soll und sich überall Schimmel bildet. Dann war da auch noch die Unsicherheit über den Kunststoff, der vielleicht über Jahre hinweg irgendwelche Giftstoffe absondern hätte können. Seither sind acht Jahre vergangen und wir fühlen uns sehr wohl in diesem eingepackten Haus. Die Bude ist noch nicht abgefackelt, das Wasser fließt nicht die Wände herunter und wir und unsere Kinder erfreuen sich bester Gesundheit. Mittlerweile hat sich die Investition fast amortisiert, denn wir haben eine Menge Gas eingespart. Die erwarteten Risiken sind niemals eingetreten, obwohl man uns am Anfang das Gefühl gegeben hat, dass diese unvermeidlich sind.

Letzten Herbst ist ein Risiko in Erscheinung getreten, vor dem uns niemand gewarnt hat. Ein Specht flog tagelang um das Haus herum und pickte ein kreisrundes Loch in die Dämmung. Nach intensiver Recherche im Internet haben wir herausgefunden, dass Jungspechte um ihr Revier zu markieren, in alle möglichen Gehölzer und auch in Wänden Löcher klopfen und dass man sie nur schwer davon abhalten könne. Wenn der Specht viele Löcher in Wand schlägt, verliert die Dämmung vielleicht ihre Wirkung. Unser Darlehen für die Modernisierung ist noch nicht abbezahlt. Zusätzliche finanzielle Belastungen können wir uns nicht leisten. Der Specht bedrohte also unsere finanzielle Existenz. Das erste Klopfloch des Spechtes haben wir noch zugemacht. Zwei Tage später hat er an einer anderen Stelle wieder geklopft. Diesmal soweit oben, dass wir an die Stelle nicht mehr herankamen. Die Situation schien zu eskalieren. Unsere Nachbarin streunte unruhig um unser Haus herum. Jeder Anflug des Spechtes fühlte sich an wie der Angriff von Außerirdischen, die unsere Welt in Schutt und Asche legen wollten. Wenn der Specht wieder davonflog, weil wir oder die Nachbarin ihn verscheucht hatten, lagen die Opfer in Form von unzähligen Styroporkügelchen auf dem Boden. Unsere Nachbarin holte dann einen Industriestaubsauger und saugte jeden einzelnen Fetzen weißen Plastiks von ihren sorgsam gehegten Rosensträuchern weg. Als ich am gleichen Tag abends von der Arbeit nach Hause kam blickte mich das martialisch wirkende Plastikdouble einer Krähe von der Spitze einer drei Meter langen Holzstange an, den unsere Nachbarin vor lauter Verzweiflung an der Grundstücksgrenze in den Boden gerammt hatte.

Die Aufrüstung half und der Specht schien genug von der Verteidigung der Außengrenzen seines Reviers zu haben. Wir waren wieder mal davon gekommen und als im Frühjahr ein Spatzenpaar in das Loch einzog haben wir es mit einem Schmunzeln hinnehmen können, während unsere Nachbarin wieder ihren Industriestaubsauger hervorholte, um ihre Rosensträucher zu schützen.

Bei der Betrachtung einer Berechnung der Eintrittswahrscheinlichkeit verschiedener Szenarien, fiel mir die Specht-Anekdote wieder ein. Finanzexperten hatten mit absoluter Überzeugung die Wahrscheinlichkeit eines Wirtschaftsaufschwungs nach dem Abflauten der Corona-Krise kalkuliert. Zu 65 % wird sich die Wirtschaft innerhalb eines Jahres erholen, zu 30 % innerhalb 18 Monaten und zu 5 % innerhalb zweier Jahre. Die gleichen Experten hätten vor einem halben Jahr niemals das Auftreten einer Pandemie in Betracht gezogen. Genauso wenig hatten wir den Specht an unserer Hauswand erwartet. Und doch hat die Natur in beiden Fällen zugeschlagen. Die Kalkulation von Risiken gibt uns Sicherheit. Wenn wir schon einmal rational nachvollziehen können, was uns bevorsteht, können wir in Ruhe weiter unser Leben führen. Wir kennen ja meistens schon den Worst-Case, der in solchen Berechnungen mit lächerlichen Eintrittswahrscheinlichkeiten bedacht wird. Der Asteroid wird zu sehr großer Wahrscheinlichkeit an der Erde vorbeirasen. Schön, aber die nächste Katastrophe könnte schon unsichtbar vor unserer Tür auf ihre Erscheinung warten. Es gehört zum Wesen des modernen Menschen, jede mögliche Situation des Lebens beherrschen zu wollen. Fatalismus ist verpönt. Leider bauen wir oft unnötige Krisenpotentiale auf, die niemals zum Tragen kommen. Die Beschäftigung mit Möglichkeiten bindet viel Zeit und Ressourcen und treibt den einen oder anderen Zeitgenossen in den Wahnsinn und in die Arme von Verschwörungstheoretikern. Meistens kommt es anders als man denkt. Dummer Phrase. Denkt man. Aber das ist die einzige Wahrheit, auf die wir uns verlassen können. Wie schön wäre es, wir hörten auf zu rechnen, zu kalkulieren und erwarten einfach gelassen das Unmögliche. Der Specht wird um die Ecke geflogen kommen und seine Löcher in die Wände klopfen. Das werden wir nicht verhindern können.

Gefahr

Die Allgemeinheit sagt, die größte Gefahr gehe von umherirrenden Wölfen, marodierenden Troll-Armeen und wütenden Schwarzrotgoldkäppchen aus, die sich montags auf großen Plätzen treffen.

Die wiederum sind der festen Überzeugung, die größte Gefahr gehe von Kopftuchmädchen, Messermigranten und arabischen Clans aus.

Manche von denen vertreten die Ansicht, die größte Gefahr seien deutsche Politiker, die ihr eigenes Volk gerne loswerden wollten.

Einige sind besonders gewieft und postulieren, die größte Gefahr seien Polizisten, die an unbescholtene deutsche Autofahrer Strafzettel verteile, anstatt Kopftuchmädchen, Messermigranten, arabische Clans und deutsche Politiker zu verfolgen.

Manche meinen, die größte Gefahr gehe von Ärzten aus, die mit ihren Spritzen ihre Kinder töten wollen.

Oft glauben dieselben Personen, dass die größte Gefahr in roten Autos vor den Schule warteten, um ihre Söhne und Töchter für einen internationalen Päderastenring abzugreifen.

Dann gibt es die Menschen aus La Mancha, die die größte Gefahr in den Riesen sehen, die überall in der Landschaft stehen und mit ihren Armen rumfuchteln.

Aber es gibt auch Menschen die das Zirpen und Brummen der Handys und Mikrowellen für die größte Gefahr halten.

Noch nicht weit verbreitet ist die Ansicht, in irren Schreibtischtäter, die mit Blut ihre wirren Pamphlete über die Überlegenheit weißer Männer unterschreiben, die größte Gefahr zu erkennen.

Dann gibt es immer mehr Menschen, die die Demokratie und Freiheit für die größte Gefahr halten und die ein für alle Mal Schluss mit dem Geschwätz von Politikern, Gutmenschen und Journalisten machen wollen.

Heimliche Kritiker des Kapitalismus haben herausgefunden, das Aktienkurse die größte Gefahr darstellen, weil sie in ins Bodenlose fallen können, während sie selbst gerne ihren täglichen Bedarf bei Amazon bestellen.

Eine kleine Minderheit sieht im allgemeinen Lebensrisiko die größte Gefahr und geht nicht mehr vor die Tür.

Eine andere nicht zu unterschätzende Minderheit an Misanthropen, betrachtet es als die größte Gefahr auf irgendetwas zu vertrauen und hat im eigenen Atomschutzbunker einen Überlebensvorrat für fünf Jahre angelegt.

Manche sehen in der Jugend die größte Gefahr, weil sie die größte Gefahr erkannt haben. Gleichzeitig beneiden sie die Jugend für ihre Jugend.

Und dann ist da noch dieses Virus, das wie mexikanisches Bier heißt und uns alle umbringen will.

Aber vielleicht ist der Winter auch nur zu lang und zu warm und wir haben einfach vergessen, dass wir die größte Gefahr für uns selbst sind.

Reihe 3, Platz 58 und 59 – 100 Songs

Ich weiß nicht, wo ich es aufgeschnappt habe; die Unendlichkeit wird nicht durch grenzenlose Ausdehnung definiert, sondern durch Konzentration auf einen einzigen Punkt, an dem alles gleichzeitig existiert. Als ich nach dem Theaterabend im Gießener Stadttheater über das Stück 100 Songs von Roland Schimmelpfennig nachgedacht habe, ist mir spontan dieses Denkmodell in den Sinn gekommen. Die Assoziation mit der Annahme, es existierten unendlich viele Universen mit unendlich vielen Versionen der Wirklichkeit, kam mir in den Sinn. Das Stück bringt die Dekonstruktion eines Momentes vor einer Katastrophe auf die Bühne, die das Leben der Menschen, die sich zufällig alle an dem Ort der Katastrophe aufgehalten haben, nachhaltig beeinflusst.

Menschen treffen sich morgens am Bahnsteig und steigen in einen Zug ein. Ein ganz alltäglicher Vorgang. Schnell wird klar, dass nach Warten, Einsteigen und Losfahren etwas Dramatisches passiert sein muss. Der Zeitraum zwischen 8.50 Uhr und 8.55 Uhr wird immer wieder neu aus der Sicht der einzelnen Fahrgäste, einer Kellnerin aus dem Bahnhofscafé und einem Anwohner, der die Gleise von seinem Balkon aus beobachten kann, erzählt. Der Text konzentriert sich nicht auf die verschiedenen Perspektiven der Menschen auf das dramatische Ereignis, sondern auf deren Geschichten, die sie mit an den Bahnsteig gebracht haben. Ein Mann, der sich in der Nacht mit seiner Frau gestritten hat, eine Stripperin aus Upsalla, die nach Hause zu ihrem Kind fährt, ein Polizist, der seinen Bruder besucht hat und nun nach Hause fahren will, ein Verwaltungsangestellter auf dem Weg zur Arbeit, eine Studentin und ihr Bekannter, ein Liebespaar, dass sich heimlich im Zug trifft, ein miesgelaunter Kerl, der eine Sporttasche mit sich herumschleppt, ein Pfarrer, der in die Nachbarstadt fährt, um einen sechsjähriges Kind zu beerdigen, eine Landvermesserin, eine Familie mit Kind auf einem Ausflug. Anfangs kann man den Schauspieler noch einzelne Rollen zuordnen. Im Laufe des Stückes verflüchtigt sich die Zuordnung. Ähnlich läuft es mit den Songs, von denen man als Zuschauer am Anfang den Eindruck gewinnen könnte, sie repräsentieren eine einzelne Person und ihre Stimmungslage. Aber auch sie verlaufen sich, verflüchtigen sich. In einer besonders eindrucksvollen Szene kaskadieren sie sich zu einer Kakophonie. Verschiedene Lautsprechertypen werden im Hintergrund ins Bühnenbild herabgelassen und jeder einzelne Lautsprecher scheint einen der 100 Songs zu spielen. Die Schauspieler singen immer lauter, bis zum ohrenzerberstenden Höhepunkt und prompt wird es still. Dann wird die Uhr wieder zurückgedreht und die letzten fünf Minuten werden wieder neu verhandelt. Der Spannungsbogen des Stückes besteht daraus, dass man nie erfährt, was nun wirklich um 8.55 Uhr geschehen ist. Es gibt Anspielungen, die sich nie verfangen und wieder im Sande verlaufen. Die einzelnen Schicksalsberichte der Personen im Zug werden auf die Spitze getrieben und vor dem entscheidenden Moment drückt man gedanklich auf Pause und spult wieder auf 8.50 Uhr zurück. Länger als anderthalb Stunden trägt dieses verwirrende Destruktionsspiel nicht. Irgendwie muss eine Auflösung her und wer denkt, dass sie sich einfach so ergibt, wird enttäuscht werden.

Destruktion ist keine Erfindung des Autors. Neuartig daran ist, dass sie konsumierbar ist. Der Zuschauer kann trotz aller Verwirrung und ständiger Verflüchtigung den einzelnen Schicksalen folgen. Der Text lässt Mitgefühl zu. Alleine schon, dass es einen Spannungsbogen gibt, ein fesselndes Element, der Zuschauer sich fragt, welches schlimme Ereignis stattgefunden hat, spricht für das Stück. Aus den vielen Andeutungen, in denen Pferde eine wichtige Rolle spielen (Odins Pferd Sleipnir, das mit seinen Hufen die Erde zerstört, die vier apokalyptischen Reiter usw.), wird nur ersichtlich, dass unheilbringende Katastrophe die Menschen im Zug miteinander verbindet. In einem Interview mit Herrn Schimmelpfennig (Internetseite Stuttgarter Zeitung vom 18.06.19) erklärt er seine Grundidee: „Seit dem Attentat von Madrid wollte ich ein Stück über das Thema Terror schreiben, doch wie fasst man das?“ Er führt weiter aus, dass es ihm um die Zufälligkeit des Opferwerdens gegangen sei.

Somit hat er den Nerv getroffen, der bei vielen Zeitgenossen blank liegt. Erst im Laufe des Stückes hat mich die Wucht der Aktualität des Themas getroffen. Eine Woche vorher hat das Attentat in Hanau stattgefunden. Gewöhnliche Menschen sind Abends ausgegangen, haben sich etwas zu essen besorgt, wollten etwas Spaß haben, Freunde treffen, sich angeregt unterhalten und sind mitten aus dem Leben gerissen worden. Ihre Lieder, ihre Geschichten sind verklungen. Ein Vorwurf, der nach solchen Attentaten, die immer zahlreicher und in kürzeren Abständen erfolgen, erhoben wird, ist dass es immer nur um den Täter geht und die Opfer zu anonymen Objekten degradiert werden.

Der Abend hat mich tief beeindruckt und schockiert zurückgelassen. Für ein paar glanzvolle Theatermomente wurde greifbar, was es bedeutet, wenn der Zufall in seiner grauenvollste Ausprägung zuschlägt.

 

SCHREIBE DEINE ROMANE WIE DEINE KURZGESCHICHTEN – TEIL 2

Eine irre Aufforderung. Wie jeder weiß ist eine Kurzgeschichte eine völlig andere Literaturgattung als ein Roman und anderen Regeln unterworfen. Mir hat diese Aufforderung in meiner sehr speziellen Situation sehr viel gebracht, hat sie mich doch daran erinnert, dass Literatur von der Verknappung lebt. Das wichtigste Merkmal einer Kurzgeschichte ist nun mal die Reduktion auf wenige prägnante Ereignisse, Handlungen und Figuren. Ich habe bisher Monstren erschaffen, fast nicht lesbare Wortskulpturen, die leider nicht so außergewöhnlich sind, dass sie eine eigene Kunstform darstellen können. Im Prinzip habe ich viel Wortmüll produziert, immer in dem Glauben, der Leser müsse alle Informationen habe.

Nun habe ich eine dieser Wortskulpturen vor mir liegen: mein zweiter Roman mit über 500 Normseiten. Jedem, dem ich die Story erzähle, sagt: „och klingt spannend“ Trotzdem legen es alle nach ein oder zwei Seiten weg. Meine Frau hatte sich geweigert, mehr als die ersten zehn Seiten zu lesen und nachdem ich niemanden gefunden hatte, der Hand an den Roman legen wollte und mir eine anständige Rückmeldung geben wollte, habe ich das Projekt aufgegeben.

Erst durch Zufall und einem Gespräch an einem launigen Sommerabend kam es ans Tageslicht. Ich hatte mittlerweile begriffen, dass das alles zu viel ist und meine Frau ja Recht hatte, als sie sich vor ein paar Jahren weigerte, das Buch zu lesen.

Die Story ist mir zu wichtig, um sie liegen zu lassen. Also hatte ich mir einen Plan ersonnen, den Text neu zu ordnen und daraus einen gut lesbaren spannenden Text zu machen. Ich bin ein Mensch, der Regeln braucht, die manchmal etwas krass klingen mögen, mir helfen, eine Änderung meines Verhaltens herbeizuführen. Hier hieß die Regel: Jedes Kapitel muss mindestens um die Hälfte gekürzt werden.

Der erste Versuch fällt schwer. Von vielen meines Erachtens guten Textstellen wollte ich mich auch unter Androhung roher Gewalt nicht trennen.

Meine Frau nahm sich das erste Kapitel vor und hat als Testleserin sofort einige inhaltliche und stilistische Fehler gefunden.

Ich war der Meinung, den Text interessant zu gestalten, in dem ich die einzelnen Handlungsstränge ineinander verschachtele. Kann man vielleicht einen Blumentopf bei irgendwelchen Literaturnerds gewinnen, aber auch nur wenn man es wirklich beherrscht. Meine Frau konnte den einzelnen Handlungen gar nicht folgen, weil sie vieles nicht eindeutig zuordnen konnte. Zu was gehört nun der Absatz und warum macht jetzt der das, da hat er eben noch was ganz anderes gemacht. Das erste Kapitel strotzte vor Handlungslöchern und Anschlussfehlern.

Zudem erkannte sie sofort, dass ich im ersten Kapitel viel zu viele Handlungsstränge und Personen anreiße und aufzeige. Viel besser ist es, sich auf wenige Personen und ein oder zwei Handlungsstränge zu konzentrieren. Bei mir ging es einerseits um die Lebenskrise der Hauptperson, die seinen Vater finden möchte. Dann ging es um den besten Freund, mit dem er ein Geheimnis teilt, dann um die Hochzeit der Hauptperson, die nun gefährdet war, aber das war sie eigentlich schon die ganze Zeit, da seine zukünftige Ehefrau auch ihre eigenen Probleme hatte, weil ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben kam, aber da war noch die Mutter der Hauptperson, die natürlich nicht wollte, dass er den Vater findet, da der Vater einfach abgehauen war und sie wie den letzten Dreck behandelt hatte und dann war da noch ein Aufzug und viel blablabla.

Die dritte Auffälligkeit drehte sich um meine Art die Charaktere zu beschreiben. Ich hatte anscheinend das Gefühl, der Leser könne ohne ausschweifende langatmige psychologische tiefergehende Ursache-Wirkungs-Analysen das Wesen meiner Charaktere nicht verstehen. Dabei reichen ein oder zwei kleine Anekdoten oder eine Beschreibung einer Person oder einer Handlung, um die Person einzuführen und für den Leser begreifbar zu machen.

Zudem litt ich an der typischen Bandwurmsatzkrankheit. Anstatt Beschreibungen und Handlungen in kleine Häppchen zu teilen, habe ich immer versucht alles in einen Satz zu quetschen. Natürlich gibt es Autoren, die das können und damit ihre Leser verzaubern. Bei mir ist es eine Unart. Lieber mehrere Sätze formen aus Subjekt, Prädikat, Objekt anstatt mit einer Ansammlung von adjektiven und adverbialen Beschreibungen und unzähligen Parenthesen den ganzen Lesefluss zu zerstören und für den Leser die Nachvollziehbarkeit des Inhaltes zu zerstören.

Das waren die vier Auffälligkeiten, die circa dreiviertel des Textes zu einem unlesbaren Konglomerat an Wörtern machte. Es gab noch andere Auffälligkeiten, aber die fallen unter die üblichen Denk- und Flüchtigkeitsfehler, die jeder Autor macht. Das ist mir bei der Arbeit auch aufgefallen. Kein Autor sollte meinen, er habe die Pflicht einen fehlerfreien Text abzuliefern. Das gibt es nicht. Alle machen Fehler!

In stundenlangen sommerlichen Diskussionsrunden hat meine Frau meinen Text zerfleddert. Ich brauchte einige Glas Wein, um es aushalten zu können. Schließlich tat es mir anfangs fast körperlich weh, dass jemand mein in jahrelanger Arbeit entstandenes Werk in Stücke haut.

Der Prozess war sehr heilsam. Danach ging ich an die Arbeit und habe Stück für Stück den Text entkernt. Schwups war das erste Kapitel nur noch halb so lang und es las sich wirklich wie eine meiner Kurzgeschichten.

Das waren aber erst das erste Kapitel und der erste Schritt in die richtige Richtung. Natürlich frage ich mich, was mir bei der Arbeit an allen anderen Kapiteln noch an Bearbeitungspotentialen begegnet und inwieweit meine Frau mich als Testleserin und kritische Lektorin mich begleiten kann.

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Tyll

Ähnlich wie Daniel Kehlmanns Roman ist die Theateradaption keine leichte Kost. Geht es doch um nichts mehr oder weniger als den dreißigjährigen Krieg: das kollektive Trauma, das auch heute noch seinen Widerhall in der Wesensschau der Deutschen findet. Um das äußerst anstrengende Thema zu verhandeln, nimmt sich das Stadttheater die Freiheit heraus, dem Zuschauer mehr als drei Stunden seiner wertvollen Zeit zu klauen. Könnte man doch in der gleichen Zeit so viele wichtige Dinge erledigen, anstatt sich lauwarm aufgebrühte Literaturvorlagen, die doch eh schon jeder kennt, als Bühnenbearbeitung anzuschauen. Mit dieser Haltung habe ich meinen gewohnten Platz in Reihe 3 eingenommen und mich gefragt, ob ich vor oder nach der Pause einschlafen werde. Ich habe das Buch voller Aufmerksamkeit gelesen. Herr Kehlmanns Kunst komplexe historische Geschehnisse am Schopfe zu packen und aus mehreren Perspektiven von unten und von oben zu betrachten und mit griffiger Sprache für den Leser zu erhellen, ist schon einzigartig. Nach der Pause hatte ich erwartet, dass die Reihen sich leeren, weil einig von Langeweile geplagte Bürger verärgert den Heimweg angetreten waren. Genauso wenig wie ich eingeschlafen bin, sondern hellwach bis zum Schluss mitgefiebert habe, haben die meisten Zuschauer durchgehalten und die Aufführung mit mehr als braven Applaus goutiert.

Das Buch lebt vom weiten Handlungshorizont, der Unzahl an Personen, die teilweise einen echten historischen Hintergrund haben. Die Theateradaption kann sich nicht allen Handlungssträngen und Anekdoten widmen und konzentriert sich auf zwei Kernelemente. Das ist einmal der Blick auf die einfachen Leute, die eigentlichen Opfer des Krieges, die Bewohner der Städte und Dörfer, die heimgesucht werden von Soldaten und Söldnern verschiedener Kriegsparteien. Das Leben besteht für sie nur aus purer Angst, harter Arbeit und fader Grütze. In dieser Welt wächst Tyll Ulenspiegel als Sohn eines Müllers auf. Schon als Heranwachsender gelingt es ihm zu überleben und jegliche Gefahr zu überwinden. Er entdeckt sein artistisches Talent und als der Vater gehängt wird, weil herumfahrende Jesuiten ihn aufgrund seiner kauzigen Art und seiner Wissbegier für einen Hexer halten, haut er mit der Bäckerstochter Nele ab. Tyll wird zum bemerkenswerten Mythos, zum Überlebenskünstler, der den dreißigjährigen Krieg überdauert.

Ein anderes Kernelement der Handlung drehte sich um den Winterkönig, Friedrich der V. und seine Gemahlin Elisabeth, genannt Liz. Der Winterkönig, der Kurfürst der Pfalz, der sich dazu breitschlagen lässt, die Königskrone der Böhmen anzunehmen und sich damit gegen den deutschen Kaiser stellt, stellt den Ausgangspunkt des dreißigjährigen Krieges dar. Hinter ihm steht seine Ehefrau, eine Stuart, die sich nach ihrer Heimat zurücksehnt. Die kurze Herrschaft über Böhmen endet mit dem Gang ins Exil. Friedrich und Liz gelingt es nicht, den Hofstaat aufrecht zu erhalten und eine angemessene Heimstatt zu finden. Sie weinen dem alten Glanz hinterher und warten darauf, dass der englische König, der Vater von Liz, ihnen mit Truppen zu Hilfe eilt. Aber vorher finden sich Tyll und Nele am Hof des Winterkönigs ein, um sich als Hofnarren anzudienen. Tyll schließt mit dem Winterkönig eine Wette ab, dass er dem Esel das Lesen beibringen könne und Liz ist genervt von der sarkastischen aufdringlichen Art der beiden. Als der Winterkönig zum König Gustav Adolf reist, um sich von ihm helfen zu lassen und dieser ihn abblitzen lässt, stirbt er auf der Rückreise an der Pest. Fortan gilt Liz ganze Kraft der Rehabilitation ihres Mannes, um die alte Kurfürstenwürde zu retten.

Am Ende des Stückes trifft man sich in Osnabrück um den westfälischen Frieden auszuhandeln und den Krieg zu beenden. Liz tritt dort an, um sich in einer verzweifelten Aktion die alte Macht zurückzuholen, um sie an ihre Kinder weiter zu geben. Dort trifft sie auf Tyll, der mittlerweile zum Hofnarr des Kaisers aufgestiegen ist und bietet ihm an, ihn mit nach England zu nehmen, damit er dort in Frieden seine letzten Jahre verbringen kann. Tyll schlägt das Angebot aus.

Esra Schreier als Nele, deren gelungenes Spiel im besonderen Maße sichtbar wird, wenn sie an der Kante der Bühne steht und ihre Mimik sprechen lässt. Tom Wild, der sich als irrer Vater verausgabt, wenn er sich ständig mit dem Gedanken beschäftigt, wann ein Weizenhaufen kein Weizenhaufen mehr ist, wenn man ein Korn nach dem anderen wegnimmt und beim Verschlingen der Henkersmahlzeit erkennen muss, dass er sein ganzes Leben lang gehungert hat und es sich dann lohnt, für eine Hammelkeule mit etwas Salz und einem Hauch von Pfeffer hingerichtet zu werden. David Moorbach als Tyll, der mit lässiger Körperlichkeit den älteren Tyll einsam und zynisch über die Bühne wandeln lässt. Frau Minetti, die ich nicht nimmer gut finde, aber diesmal als Liz glaubhaft ihren verzweifelten Kampf um Anerkennung spielt. Eine kompakte Ensembleleistung, die manchmal gefährdet zu sein scheint, wenn das Groteske, das dem Buch schon innewohnt, ins Alberne abrutschen könnte.

Der Schauspielkunst wird durch das spartanische Bühnenbild viel Raum gegeben. Kein Firlefanz lenkt vom nackten Bühnenraum ab. Das Bühnenbild besteht aus Rampen, die man aus Palletten zusammengebaut hat und die mal auftauchen und im Bühnenboden wieder verschwinden. Die Vorhanghalterungen werden in Bewegung gesetzt, um Chaos oder zur Not auch mal ein Mühlrad darzustellen. Wenn es laut werden soll, fährt ein Blech von der Decke herunter und wird mit Schuhen oder Säcken beworfen. Der Schluss wird zum besonderen Highlight, weil Tyll über den Bühnenausgang ins Freie schreitet. Er verschwindet im grellen Gegenlicht eines Scheinwerfers. Bis auf Liz und Friedrich im kitschigen blauen Kostüm eines Faschingsprinzenpaares, ausgestattet mit blauen Blinkediadem und ähnlichem Tand, bleiben die Kostüme schlicht und einfach und dienen mit simplen und effektvollen Einfällen der Hervorhebung einzelner Charaktereigenschaften (z.B. wird Pirmin durch verdeckte Stelzen übermächtig groß).

Man wird dem Kehlmann gerecht, wenn man sich als Stadttheater auf das Wesentliche konzentriert. Schwierig ist der schmale Grat, das Groteske im menschlichen Verhalten mit beißenden Humor zu zeigen, um die Abgründe und Dummheiten der Menschen aufzuzeigen und nicht sich auf Albernheiten zu werfen. Natürlich gibt es Längen in dem Stück, was schade, aber kaum zu vermeiden ist. Meines Erachtens hätte sich die Szene um die Hinrichtung des Vaters in einer kürzeren Variante durchaus zu einer angenehmen Verkürzung des Stückes beigetragen, ohne ihm irgendetwas weg zu nehmen.

Am Ende des Abends hatte ich ein ähnliches Gefühl wie bei der Lektüre des Buches. Der dreißigjährige Krieg mag eine monströse Veranstaltung gewesen sein, der heutzutage gerne als Ränkespiel der Mächtigen in den Geschichtsbüchern steht, aber das eigentliche Drama des dreißigjährigen Krieges liegt darin, dass die Herrschaften des Adels und des Klerus mit den einfachen ohnmächtigen wehrlosen Untertanen ein böses Spiel getrieben hat und die Menschen diesem Spiel auf Gedeih und Verderb ausgesetzt waren.

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Die Buchmesse…immer wieder die Buchmesse…sich am Samstagmorgen leicht übermüdet in den Zug nach Frankfurt quälen…schon beim Eintritt nicht zu wissen, wo man hin will… meine Frau, die unbedingt viele Bücher kaufen will (geht jetzt auch samstags. Deswegen waren wir samstags und nicht wie in den Jahren zuvor sonntags auf der Buchmesse) und für gewöhnlich leicht frustriert ohne ein einziges Buch nach Hause fährt…ich, der ich nach interessanten Autoren fahnde und seinen alljährlichen Artikel für seinen Blog im Kopf hat und davon träumt mal an den Fachtagen auf die Messe zu gehen…das Geschubse in den Hallen…die langen Gänge, unendliche Meter zu Fuß…die vielen Cosplay-Mädchen mit ihren Lolita Kostümen und ihren überdimensionierten Pappmaché-schwertern…die Nerds, die nur kostenlose Artikel in ihre unzähligen Stofftaschen packen wo…warum machen wir das alles bloß…warum nur?

Sascha Lobo – ZDF blaues Sofa

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Eine nette junge Messehostess reicht den Kindern Papierstreifen. Wenn man sie verliert, können wir angerufen werden. Wir verlieren jedes Jahr eines unserer Kinder. Besonders unser jüngster neigt dazu, einfach zu verschwinden. Wir rennen durch den Eingangsbereich in die Halle 4.1. Meine Frau sucht nach Mealprep-Büchern und ich suche das blaue Sofa vom ZDF. Pünktlich um halb Elf bin ich da. Sascha Lobo redet schon. Er hat ein neues Buch geschrieben (Realitätsschock). Der Mann mit rotem Iro und schwarzen Schlabberanzug ist der allgegenwärtige Onkel der Digitalnerds, der uns analogen Menschen das virtuelle Welt des Internets erklärt. Unaufgeregt beschreibt er, wie Attentäter durch die digitale Vernetzung ein Publikum finden und dieses sich zur Nachahmung berufen fühlt. Rechtsextreme hat es schon immer gegeben, aber durch das Internet haben sich Filterblasen und Plattformen gebildet, auf denen sie ihre Meinungen potenzieren können und sich nach Lust und Laune austoben können. Seine Kernthese ist, dass Politik und auch die Gesellschaft auf die Entwicklungen des 21. Jahrhunderts mit Mitteln des 20. Jahrhunderts reagiert. Als Beispiel nannte er das Rezo-Video. Hätte der Youtuber einen Leitartikel in irgendeiner großen Tageszeitung mit gleichem Inhalt veröffentlicht, hätte die CDU die Mittel gehabt, um auf die Vorwürfe reagieren zu können. Alleine durch die Veröffentlichung der Polemik auf einer digitalen Plattform wie Youtube war die CDU völlig unfähig eine angemessene Antwort zu zugeben. Dann machte Herr Lobo launige Witze über Julia Klöckner, die ihn wohl am Vortag an seinem Stand besucht hatte und ihn mit zwei Küsschen begrüßt hatte. Worauf hin die Frage aufkam, warum Frau Klöckner ihn so begrüße. Er antwortete, dass sei ihrer herzliche Art geschuldet. Man kenne sich, außerdem habe sie als Weinkönigin ein entsprechendes Begrüßungstraining genossen. Die Lacher hat er auf seine Seite. Insgesamt fand ich das Interview sehr aufschlussreich, weil ein Internetfreak und Interpret digitaler Kommunikation vollkommen überrascht ist über die Entwicklungen der letzten Jahre und selbst eher achselzuckend darauf reagiert. Das nimmt man Herr Lobo ab. Er kann die Zusammenhänge nachvollziehbar darstellen, ohne ihnen die Komplexität zu nehmen. Er legt die Finger in die ziemlich eitrigen Wunden und lässt sie offen vor sich her blühen. Den Verband müssen die anderen anlegen. Ich höre ihm gerne zu. Aber ein Buch muss ich nicht von ihm haben. Da kenne ich tiefsinnigere Welterklärer.

Dag Olstad im Gespräch mit Hinrich Schmidt-Henkel – norwegischer Pavillon

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Kaum bin ich weg vom blauen Sofa, finde ich meine Familie nicht mehr wieder. In Halle 3.0 sind die Gänge schon vollkommen überfüllt. Mehrmals rufe ich meine Frau auf dem Handy an, jedes Mal springt die Mailbox an. Ich schwitze, die Menschenmassen empfinde ich als Zumutung. Kurz überlege ich, mich wieder in den Zug zu setzen und ohne meine Familie heim zu fahren, da klingelt endlich mein Handy. Meine Frau möchte gerne zum norwegischen Pavillon, in der Hoffnung, dass dort weniger Betrieb ist. Außerdem möchte Sie Hinrich Schmidt-Henkel live erleben. Herr Schmidt-Henkel ist ein vielbeschäftigter Übersetzer bekannter französischer und norwegischer Autoren. Außerdem taucht er immer wieder mal in der Sendung Karambolage auf Arte auf und erklärt besondere Wörter und Redewendungen. Nach der Lektüre zweier Bücher von Édouard Louis (dem ich mich in einem anderen Beitrag gerne widmen möchten), die von Herr Schmidt-Hinkel übersetzt wurden und durch seine Auftritte in der Sendung Karambolage wurde meine Frau auf ihn aufmerksam. Herr Schmidt-Hinkel sollte ein Gespräch mit norwegischen Autor Dag Solstad führen. Herr Solstad ist ein kleiner gramgebeugter alter Herr mit weißer Fusselmähne und zerstörtem Gesicht mit weißem Stoppelbart, der ein Jackett aufträgt, das er wahrscheinlich schon vor vierzig Jahren aus dem Altkleidercontainer gefischt hat. Das Interview stellt sich als langwierig und zäh heraus. Herr Hinrich Schmidt-Hinkel stellt lange Fragen, die erst von einem anderen Übersetzer, anhand seiner Notizen, Herrn Solstad vermittelt werden müssen und der kryptische Antworten auf Norwegisch gibt, die der Übersetzer wiederum anhand seiner Notizen ins Deutsche übersetzt. Herr Solstad wurde lange Zeit nicht in Deutschland verlegt, obwohl er in Norwegen recht erfolgreich war. Anscheinend wurden ihm als politischen Autor mit kommunistischer Prägung keine Erfolgschancen im Ausland beigemessen. Erst als ihm durch das Ende des kalten Krieges die politische Utopie abhandengekommen war, begann er unpolitische Romane zu schreiben und erst dann wurden seine Bücher auch übersetzt und in Deutschland verlegt. In seinen Büchern neuerer Prägung geht es um Protagonisten, die sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen, um außerhalb der Gesellschaft leben zu wollen. Der aktuelle Roman, der vor kurzem in Deutschland veröffentlicht wurde, ist zwanzig Jahre alt. Er heißt „T.Singer“ und Herr Olstad liest uns eine Passage aus dem Roman auf Norwegisch vor. Wir denken an eine Realsatire: ein alter ungepflegter Schriftsteller liest verwaschen, fast lallend, auf Norwegisch einen Text vor, den wir nicht verstehen und auch nicht folgen können. Als dann Herr Schmidt Hinrich noch den Inhalt zusammenfasst, die Geschichte eines Vierunddreißigjährigen Bibliothekars, der sich vollkommen zurückgezogen hat und sich in eine Töpferin verliebt, können wir uns kaum zurückhalten. Wir grinsen, schmunzeln und meine Frau gibt mir als Belohnung für die Strapazen des Zuhörens ein Duplo. Wir schauen uns den Norwegischen Pavillon an und hören im Hintergrund Herrn Schmidt-Hinrich jubilieren und Herrn Olstadt grummeln. Der Pavillon wirkt übrigens diesmal sehr leblos und lieblos. Auf Tischen liegt norwegische Literatur aus, die Tische sind mit Edelstahlgebilden verziert und der Raum ist durch große Spiegel links und rechts künstlich vergrößert worden. Mehr Stil ist nicht.

In der Halle 3.0 ist kein Durchkommen mehr. Wir haben den Eindruck, dass samstags mehr Betrieb als sonntags ist oder liegt es daran, dass man nun auch samstags Bücher kaufen kann oder dass das Wetter schlecht ist? Wir finden keine erhellende Erklärung und rennen raus, um uns dann in der Halle 4.1 zu tummeln. Während meine Familie noch in der Halle bleibt, mache ich mich auf den Weg zu einem anderen Programmpunkt, der mir besonders am Herzen liegt

Terezia Mora im Gespräch mit Elke Schmitter – am Stand des Spiegels

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Für mich ist es eine heilige Pflicht dem Stand des Spiegels auf der Buchmesse einen Besuch abzustatten. Seit über dreißig Jahren habe ich keine Ausgabe des Spiegels verpasst und jede Ausgabe von hinten nach vorne gelesen. Niels Nikmar, Susanne Beyer oder Elke Schmitter in voller Größe in Augenschein nehmen zu dürfen, ist für mich eine Ehre. Das Terezia Mora ihr neues Buch beim Spiegel vorstellt, bedeutet für mich also doppelten Lustgewinn. Schließlich habe ich Frau Mora dieses Jahr für mich entdeckt. Selten kann ich erfolgreichen Autoren etwas abgewinnen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen und dafür gefeiert werden, dass sie den neusten heißen Scheiß geschrieben haben. Für mich müssen Autoren wie gute Weine ein paar Jahre reifen. Sie müssen sich etablieren und über mehrere Bücher hinweg beweisen, dass sie mein Interesse verdient haben. Terezia Mora war der richtige heiße Scheiß als sie 2014 den deutschen Buchpreis gewann und für mich wurde sie erst interessant als sie den Georg-Büchner-Preis gewann, die Autoren zumeist erst bekommen, wenn sie schon über den Status der Eintagsfliege hinausgewachsen sind. Im Frühjahr habe ich den ersten Teil der Trilogie um den Protagonisten Darius Kopp gelesen. „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ aus dem Jahr 2009 hat mich begeistert. Frau Mora hat nun den letzten Teil der Trilogie „Auf dem Seil“ veröffentlicht. Frau Mora ist genauso alt wie ich und eine sympathische Person, die gerne Auskunft über ihre schriftstellerische Tätigkeit gibt. Man kann als Autor viel von ihr lernen, weil sie sehr plastisch ihre Arbeit am Werk reflektieren kann. Wenn sie über Darius Kopp spricht, hat man das Gefühl, die Person existiere wirklich. Teresia Mora antwortete auf die Frage, ob es sein könne, dass Kopp in einem späteren Werk wieder auftauche, sie es nicht als wahrscheinlich sieht, das sie alles erzählt hat, was sie über Darius weiß. Es gibt an dem Charakter Darius Kopp etwas, dass über das Wissen der Autorin hinausreicht, als habe Frau Mora Darius Kopp kennengelernt, eine Zeitlang beobachtet und begleitet und nun hinter sich gelassen, damit Herr Kopp sein Leben weiter leben kann. Das offenbart eine liebevolle Haltung der Autorin gegenüber ihren Figuren, die irgendwann zu eigenständigen Personen werden und zu denen sie trotzdem eine professionelle Distanz hält. Sie zeigt im Interview auch die Konstruktionsarbeit die bei der Entwicklung des Textes notwendig war. Im dritten Teil musste sie dafür sorgen, den mittellosen Darius wieder nach Berlin kommt, dem Ausgangspunkt ihrer Trilogie. Zufälligerweise sei ihr bei Recherchen aufgefallen, dass der Ätna früher als der Eingang zum Hades galt und es ein wunderbarer Ort sei, damit Kopp die Asche seiner Frau verstreuen könne. Alles dies musste sie in eine Geschichte gießen, die trotz aller Konstruktion glaubwürdig bleibt. Die große Kunst besteht darin, dass egal wie abstrus die Handlung klingt, man als Leser sie als Möglichkeit anerkennt. In dem Falle trägt dazu bei, dass Kopp in der Gegenwart lebt, in dem Sinne, dass er nicht sonderlich reflektiert und wenn er beim Denken nicht mehr weiter kommt, einfach zu Handeln beginnt. Frau Mora sagt selbst, dass Darius Kopp sich durch sein Leben wurschtelt und er sich damit in guter Gesellschaft befindet, da sich die meisten Menschen letztendlich durch ihr Leben wurschteln. Frau Mora hat mit ihrer Trilogie ein Werk über den urbanen Menschen der Gegenwart geschaffen, der hoffnungsvoll anfängt, in prekären Lebensverhältnissen und gepflegten Großstadthedonismus hängenbleibt und sich nur weiter entwickelt, wenn das Schicksal ihn dazu zwingt. Frau Mora hat noch ein paar Fragen zu ihrem Verhältnis zu deutschen Sprache und ihrer Herkunft beantwortet und schon war eine kurzweilige halbe Stunde vorbei.

Danach war die Buchmesse für mich mental zu Ende. Wir sind noch zwei Stunden durch die sich langsam leerenden Gänge gebummelt. Schließlich sind wir im Yogi-Tee-Zelt gelandet. Meine Frau hat auf eine Tasse kostenlosen Tee spekuliert. Allerdings gab es keinen Tee mehr. Zumindest hat sie ein paar Packungen Tee gekauft und damit den Frust über die nicht gekauften Bücher kompensiert. Irgendwann waren die Füße schwer und der Kopf leer und wir sind wieder in den Zug gestiegen und nach Hause gefahren.

Stadt, Land……Weltuntergang

Vor ein paar Wochen hat mich ein guter Freund besucht. Er wollte schon immer abgeschieden auf dem Land leben. Den Wunsch hat er sich vor ein paar Jahren gemeinsam mit seiner Ehefrau erfüllt. Sie haben sich ein Haus in einem kleinen Ort mit zweihundert Einwohnern gekauft. Die Hauptstraße, eine Buckelpiste mit tiefen Schlaglöchern führt durch das Dorf und endet im Wald. Es gibt dort kein Geschäft, keinen Kindergarten, keine Schule. Der nächste Ort mit nennenswerter Infrastruktur ist fünf Kilometer entfernt und seine Arbeitsstelle und die nächste Stadt ca. 10 Kilometer.

Als ich damals meine jetzige Frau kennen gelernt habe, die jahrelang in einer Großstadt gewohnt hat und nach ihrer Rückkehr in eine mittelgroße Kleinstadt mit 80.000 Einwohnern gezogen war, habe ich das Leben in der Stadt schätzen gelernt. Sie wohnte zur Miete in einer gemütlichen Altbauwohnung inmitten der Innenstadt. Wenn ich bei ihr war, war vieles sehr einfach. Zum Einkaufen, zum Essen ins Restaurant, zum Theaterbesuch ging man einfach um die Ecke.

Wir sind nach zwei Jahren in die Stadt gezogen, in der wir heute noch wohnen. Erst zur Miete, später haben wir uns ein Haus gekauft. Die Stadt hat 50.000 Einwohner und je nachdem in welchem Viertel man wohnt, hat man ähnlich kurze Wege wie in einer Großstadt. Wir hatten sehr viel Glück, dass wir zum richtigen Zeitpunkt ein Haus in einer Nebenstraße in einem recht ruhigen Viertel gefunden haben. Dieses Haus pflegen, schätzen und lieben wir über alles. Es ist das Heim unserer Familie. Zwei Erwachsene, drei Kinder, vier, acht und elf Jahre alt.

Mein Freund und ich saßen bei uns im Garten. Wir haben einen kleinen Gartenschuppen, eine fest gemauerte niedrige Hütte, mit einem Vordach und einem grünen Dach aus Traubenranken. Darunter befindet sich mein Lieblingsplatz. Im Sommer sitze ich dort und schreibe, rauche und unterhalte mich abends bei einem Glas Wein mit meiner Frau. Wenn mein Freund und ich uns gegenseitig besuchen, wälzen wir alle Probleme dieser Welt. Wir kennen uns seit über zwanzig Jahren und wir schätzen die Gesellschaft des anderen ungemein. Unsere Besuche finden ein- zwei Mal im Jahr statt und sind für jeden von uns immer ein Vergnügen.

Über Umwegen kamen wir auf das Thema Klimawandel. Mein Freund berichtete mir, dass seine älteste Tochter mit elf schon ein Handy habe. Als Eltern mit klarem Erziehungsauftrag murrten wir hörbar auf. Unsere Tochter bekommt erst mit vierzehn Jahren ein eigenes Handy. Wir erlauben ihr nur die kontrollierte Nutzung sozialer Medien. Er hat sich umgehend gerechtfertigt. Schließlich fahre nur der Schulbus nach Hause und ein Linienbus fahre nur ein- bis zweimal am Tag. Das heißt, wenn bei seiner Tochter Unterricht ausfällt oder irgendetwas in der Schule dazwischen kommt und sie den Bus verpasst, muss sie abgeholt werden. Bei uns ist das kein Problem. Wenn ein Bus nicht fährt oder meine Tochter den Bus verpasst, wartet sie einfach auf den Linienbus, der alle halbe Stunde fährt oder läuft nach Hause. Die Schule ist zwar in einem anderen Stadtteil, aber auf dem halben Weg liegt der Bahnhof und spätestens dort kann sie in den Bus einsteigen.

Schnell waren wir bei dem Thema Mobilität. Mein Freund und seine Familie sind auf Autos angewiesen. Es gibt wenige Möglichkeiten flexibel öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Meine Frau hat als Landesbedienstete sogar ein kostenloses Jahresticket für den ÖPNV und fährt jeden Morgen mit dem Zug in die Nachbarstadt und sie hat nachmittags wenig Schwierigkeiten pünktlich in die Kita zu kommen, um meinen Sohn abzuholen. Unsere beiden Töchter haben alle Jahrestickets für den ÖPNV (kostet 365 EUR pro Jahr) und kommen so auch flexibel zu allen möglichen Zeiten zur Schule und nach Hause. Es ging noch weiter. Wir kamen dann auf das Thema Müllvermeidung. Wir haben einen Bioladen in der Stadt, der Unverpackt anbietet und in der Nachbarstadt (in die wir am Wochenende mit dem Ticket meiner Frau kostenlos mit dem Zug fahren können) einen Unverpacktladen. D.h. wir können mit wenig Aufwand einen Großteil des Verpackungsmülls einsparen. Die gängigen Nahrungsmittel wie Nudeln, Reis, Müsli holen wir unverpackt und auch Reinigungsmittel, Pflegemittel bekommen wir unverpackt. Den gelben Sack nutzen wir seit Jahren nicht mehr. Ich habe gerade nach vier Wochen unsere schwarze Tonne vor die Tür gestellt und sie war nur zu einem Drittel gefüllt. Als wir noch nicht an Verpackungsmüll gespart haben, war die Tonne jedes Mal bis oben hin voll. Mein Freund geht in einen Rewe im Nachbarort und kann dort vielleicht Obst und Gemüse in mitgebrachte Taschen und Behältnisse verstauen und seinen gesamten Einkauf vielleicht in einen Korb stopfen. Wenn er aber dort an die Metzgertheke geht und darum bittet, dass die Wurst in ein mitgebrachtes Behältnis gepackt wird, wird er mit Kopfschütteln abgewiesen. Auch das ist bei uns möglich, weil es genug Leute in der Stadt gibt, die das von ihren Metzgern verlangen und die, um die Kunden nicht zu verlieren, auf den Wunsch eingehen. Einen Unverpacktladen gibt es bei meinem Freund eventuell in der nächsten Großstadt, die ungefähr fünfzig Kilometer entfernt ist. Mangels Öffentlicher Verkehrsmittel wird er da mit dem Auto hinfahren müssen, also kann er es sich gleich sparen und nur darauf hoffen, dass sein Supermarkt im Nachbarort irgendwann mal den Schuss gehört hat. Ich kann alle Strecken in der Stadt mit dem Fahrrad fahren. Die Radwege bei uns sind nicht optimal, aber wir haben welche. Wenn mein Freund in den nächsten Ort fahren will, muss er auf vielen Umwegen durch den Wald fahren oder auf einer Landstraße. Einen Radweg gibt es nicht. Er ist wegen der Natur aufs Land gezogen und für ihn ist es selbstverständlich für den Erhalt der derselben etwas zu tun. Er sieht in den Anstrengungen für Umwelt- und Klimaschutz ein Gewinn für seine Lebensqualität. Aber er hat weniger Möglichkeiten im Alltag aktiv Umwelt- und Klimaschutz zu betreiben.

Nach diesem Sommertag im Garten hat sich mir eine Frage aufgedrängt. Gibt es auch beim Umweltschutz ein neues gesellschaftliches Ungleichgewicht?

In den letzten Jahren hat sich die bundesrepublikanische Gesellschaft in vielen Bereichen auseinander bewegt: Ob links oder rechts, oben oder unten, Ost oder West, Stadt oder Land. Auch bei Umweltthemen öffnen sich die Gräben, die immer unüberwindbarer erscheinen, weil sie mit den anderen Gegensätzen korrespondieren. Wer in der Stadt lebt, sich vegetarisch oder vegan ernährt, mit dem Fahrrad fährt oder den Bus nutzt, der kurze Wege hat, hat es leicht auf solche Menschen wie meinen Freund hinabzuschauen, der gerne auf dem Land lebt, gerade weil er ein Interesse an der Natur und der Umwelt hat, aber auf das Auto angewiesen ist und nun einmal sich nicht den Luxus gönnen kann, in den Bioladen um die Ecke zu gehen.

Viele gesellschaftlich relevante Probleme wurden in den letzten Jahren von großen Teilen der Gesellschaft erfolgreich verdrängt. Die Überflussgesellschaft, die es gewohnt ist, von der Ausbeutung von Ressourcen und weniger entwickelten Ecken dieser Welt zu profitieren, hat erfolgreich jede Herausforderung zur Bedrohung des eigenen Lebensstandards uminterpretiert. Dabei bringt das Wegsehen die wirkliche Bedrohung hervor. Aus Trägheit und Desinteresse hat man jegliche Vorschläge zur Veränderung von Verhaltensweisen erfolgreich niedergeschrien. Wenn ich in Facebook die vielen hasserfüllten Beiträge von eigentlich friedlichen Mitmenschen lese, die sich höllisch über Greta Thunberg und politisch aktive Schüler aufregen und die mittels Statistiken aus der Bildzeitung beweisen wollen, dass Deutschland ja eh nichts ändern kann, da wir Deutschen nur ein Prozent der Weltbevölkerung stellen und China aufgrund der vielen Chinesen viel eher in der Pflicht ist, etwas gegen den Klimawandel zu tun, weiß ich, dass diese Menschen glauben, wirklich etwas zu verlieren, wenn sie ihr Verhalten ändern, indem sie anstatt mit dem SUV zum Bäcker zu fahren, die hundert Meter einfach mal laufen. Für sie geht es nur um den Statusverlust und nicht um die Frage nach der Veränderung unserer Lebensweise zugunsten unseres Planeten und uns selbst.

Die Haltung, die von der Weltanschauung, dass der Kapitalismus durch die Produktion des permanenten Überfluss anscheinend die Unsterblichkeit der eigenen Art garantiert, geprägt ist, treibt die Gesellschaft noch weiter auseinander. Wir müssen uns eigentlich über die Gräben hinweg die Hand reichen und uns überlegen, wie wir in Zukunft unsere Gesellschaft organisieren wollen, um jedem Bürger zu ermöglichen, dass er seinen Beitrag zur Ressourcenschonung leisten kann. Leider sind die Stimmen der Konservativen, die unter Bewahrung, das Vermeiden von Veränderung verstehen, viel zu grell und zu laut, um im Rahmen einer politischen Willensbildung die vollständige Veränderung aller Infrastrukturen zu erreichen. Das aktuelle Klimapaket der Bundesregierung bringt dies leider zum Ausdruck. Man will keine Wende, sondern nur Symbolpolitik, die die eine Seite beruhigt und die andere Seite bestätigt, die aber nichts zusammenbringt.

Dabei könnte es so einfach sein. Wir sitzen am Tisch im Garten und reden miteinander. Wir hören dem anderen zu, zeigen Verständnis für seine Situation und werben für Verständnis für unsere Situation. Dann kommt das Einverständnis über gemeinsame Ziele. Weil niemand will wirklich, dass diese Welt zugrunde geht. Das klingt romantisch, aber was im Kleinen funktioniert, könnte eventuell auch im Großen funktionieren.