Wir konnten wir bloß werden, was wir heute sind?

 

 Neunzehnhundertneunzig habe ich mein Abitur in Wetzlar an der Goetheschule gemacht.   Das Gebäude der Goetheschule wurde Ende der Sechziger Jahre gebaut und nach zweiundfünfzig Jahren hat man ein Einsehen mit dem sanierungsbedürftigen und z.T. baufälligen Gebäude und reißt es ab, um es an gleicher Stelle wieder aufzubauen.  Am Donnerstagabend war die große Abschiedsfeier. Die aktuelle Schüler- und Lehrerschaft und die ehemaligen Schüler und Lehrer konnten sich bei Bier und Würstchen von ihrer Schule verabschieden. Ein Treffen der Generationen, dachte man und lt. Sonntagsausgabe der WNZ waren dort an diesem windigen und saukalten Sommerabend ca. 5000 Menschen versammelt. Kaum zu glauben, dass sich so viele Menschen für ein altes marodes Gebäude interessieren, insbesondere da die Goetheschule immer die Reifestätte einer zahlenmäßig begrenzten Elite war. Dies ist die einzige Schule im Altkreis Wetzlar, an der man das allgemeinbildende Abitur erwerben kann. Nur mit diesem Schulabschluss steht einem die gesamte Welt offen und nicht nur die  Nischenstudiengänge wie BWL und Maschinenbau.   Mit dem Abitur kann man Zahnarzt, Apotheker, Politiker, Schönheitschirurg, Schauspieler, Vorstandsvorsitzender und im Zweifelsfall Gymnasiallehrer werden. Also alle diese Berufe mit denen man die Welt und die Wertschöpfungskette der globalen Wirtschaft voranbringen kann. Ich habe übrigens nach meinem Abitur eine Lehre als Bankkaufmann bei der örtlichen Sparkasse gemacht und arbeite verflixt nochmal immer noch in diesem Beruf. Ich bin also vollkommen unter meinen Möglichkeiten geblieben. Ich hatte eigentlich auch andere Pläne. Aber wie das Leben nun einmal so ist, bleibt man sehr oft unter seinen Möglichkeiten. Verzeihen Sie meinen negativen Fatalismus. Aber wenn man in der zwölften Klasse auf einmal merkt, dass man doch kein Dummerchen ist, möchte man doch eher nach den Sternen greifen und nicht nach dem Bleistift, mit dessen stumpfer Spitze man Spar- oder Darlehenszinsen nachrechnet.

 Daher wurde mein Abschied von meiner alten Schule zu einer mittleren Seelenpein. Ich habe die drei Jahre auf dieser Schule genossen. In erster Linie bestand der Genuss im Erkennen meiner intellektuellen Fähigkeiten. Ich war meine eigene kleine geistige Elite und vollkommen alleine auf der Welt.  Durch die leergeräumten Klassenräume zu latschen, die größtenteils immer noch im Originalzustand waren, hat alte Wunden aufgerissen. Ich fühlte mich  nach ca. achtundzwanzig Jahren genauso leer und angeranzt wie diese Räume. Die alten Hörsäle, die alten Tafeln, die grauen wuchtigen Betonwände, die kalten marmorierten Gänge, die genauso wie früher im Halbdunkel lagen, das glänzende schwarze Vinyl in der Pausenhalle  erinnerte mich an verpasste Gelegenheiten, an das Gefühl der Einsamkeit und Isolation, das mich in diesen und in den darauf folgenden Jahren verfolgt hat. Ich leide unter der Wahnvorstellung, viel verpasst zu haben und früh die falschen Entscheidungen getroffen zu haben.

Ich habe einige dieser Entscheidungen korrigieren können und mein Leben ist bei weitem nicht negativ verlaufen. Ich lebe in einer wunderbaren Beziehung mit meiner zweiten Ehefrau, habe fünf liebenswerte einzigartige Kinder, habe ein paar sehr gute Freunde und Kollegen und habe in meinem Beruf viel Anerkennung erfahren. Trotzdem brachte der Besuch meiner alten abbruchreifen Schule alte Zweifel zum Vorschein, die in früheren Zeiten den Glauben an meine Fähigkeiten regelmäßig und nachhaltig erschütterten.

Für ein paar Stunden war ich wieder im alten Alarmmodus. Ich gehöre zu den Menschen, die sich über die Zukunft definieren. Ich lebe niemals in den Tag hinein. Es mag zum eigenartigen Instinkt eines Menschen zu gehören, das Leben vom Ende her zu denken. Wir sind uns ja immer unseres eigenen Ablebens bewusst. Ohne diese Erkenntnis, ein sterbliches Wesen zu sein, ist Fortschritt nicht möglich. Allerdings ist die Sorge um mein Dasein mit Angst besetzt und hat in den schlimmsten Momenten zu panischen Reaktionen geführt. Meine Herkunft hat mich geprägt und bestärkt mich tagtäglich in der Annahme, dass nur das Schlimmste möglich ist. Ich habe  Jahrzehnte gebraucht, um zu verstehen, das meine Handlungen durchaus einen positiven Effekt auf mich und mein Umfeld haben, man es an vielen Stellen gut mit mir meint, die Katastrophe eher die Ausnahme ist und Ihr Eintreten nur eine verzögernde Wirkung auf den Reiseablauf hat, so wie der Stau auf der Autobahn.

 Ich stieg abends um halb acht aus dem Bus, rief meine Tochter auf dem Handy an, um sie zu fragen, wo sie denn sei und erhielt von ihr die Antwort, das sie schon die Abschiedsfeier verlassen habe. Dazu sollte man wissen, dass meine älteste Tochter die elfte Klasse an der Goetheschule gerade absolviert hat und nun die Chance bestand mit ihr den Abschied gemeinsam zu feiern. Die Vergangenheit hätte sich mit der Zukunft versöhnt und alles wäre gut gewesen. Dann sah ich dieses Gebäude und die vielen Menschen, lief zwischen den Menschenmengen hindurch und fand kein mir bekanntes Gesicht. Prompt ereilte mich das Gefühl meiner Jugend, alleine sein zu müssen, keinen Anschluss finden zu können und damit keine Anerkennung erfahren zu können. Nach einer Weile treffe ich einige Kollegen, die auch das Abitur an der gleichen Schule gemacht haben und unterhalte mich mit ihnen, gehe mit ihnen durch die Räume und tausche mich mit ihnen aus. Sie schwelgten in Erinnerungen. Ich stand daneben und berichtete ihnen lakonisch, dass ich damals aus der Bibliothek nach und nach einige Philosophiebücher entwendet hatte. Ich war in meinem Jahrgang der einzige Mensch, der Freistunden dort verbracht hat, um verschämt über Existenzialistenlektüre zu brüten.

Ich trank ungerührt ein Bier nach dem anderen und nach dem dritten Gang zur Biertränke hatte ich meine Kollegen aus den Augen verloren. Ich war während meiner Abiturzeit ein echter Miesepeter. Generell war ich dagegen und  verhöhnte alles, was hohes Ansehen in der Schulgemeinschaft genoss. Wer etwas aus sich hielt, ging in die ach so berühmte Musical-AG. Es war hip, Andrew-Llyod-Weber-Arien zu schmettern und sich dabei wie eine Lokomotive oder eine Katze zu bewegen. Ich dagegen habe jeden Tag ca. sechs bis acht Stunden die Gitarrenriffs und –solis von Metallica geübt. Ich war ein Metallica-Snob und stieg sehr tief in die Materie hinab. Insbesondere das „Justice for all“-Album diente mir als Referenz. Ich lernte jede Note auswendig, analysierte Musik und Texte bis zur totalen Erschöpfung. Im Zusammenhang mit Schule und Musicalmenschen ging es mir nur um Befindlichkeiten und Eitelkeiten. Die wurden für ihr süßliches und melodiöses Geträller bewundert und gefeiert, während niemand meine Anstrengungen auch nur wahrnahm.  Ich hatte also noch eine emotionale Rechnung offen und stapfte in den Musiktrakt.  Im Musiksaal angekommen sah ich den Flügel auf einem kleinen Podest stehen und erinnerte mich an meinen damaligen Helden unter den Lehrern. Den Musikunterricht in der elften Klasse habe ich geliebt. Herr Marschall, mein Musiklehrer, ein ewiger Junggeselle, der altmodische verknitterte Anzüge trug, war ein Klavierfreak und eine echte Inselbegabung. Er setzte sich zu Beginn des Unterrichts an den Flügel im Musiksaal und  forderte die Schüler auf, irgendwelche Komponistennamen zu nennen. Es fielen so Namen wie Bach, Mozart. Beethoven. Wurde ein Name gerufen, grinste er feist und fing an im Stile des  genannten Komponisten zu improvisieren. Dabei lächelte er versonnen und glücklich als sei es die einzige Erfüllung in seinem Leben, am Klavier zu sitzen und zu spielen. Eines Tages hatte ich ein AC/DC Songbook bei mir. Ich hatte es als Provokation auf meinen Platz gelegt. Natürlich ging es meinen Mitschülern gewaltig am Arsch vorbei. Herr Marschall griff sich das Songbook, klappte das Buch auf und spielte „Highway to hell“ auf dem Flügel nach. Es klang wie ein Ragtime. Dann sang er noch dazu. Ein alte Männerstimme, die „Mama look at me, I`m on the way tot he promised Land“ wie das Mitglied eines Männergesangvereins schmetterte, hatte wirklich etwas wunderbar Schräges an sich. Er hatte noch nie etwas von AC/DC gehört und fand die Musik unheimlich interessant. „Was die jungen Leute heute alles hören!“ Voller Stolz nahm ich mein Songbook wieder entgegen und er saß am Flügel und spielt eine halbe Stunde völlig unbekannte Jazznummern. Er stand unheimlich auf Oscar Peterson, der mir damals gar nichts sagte und zog eine Querverbindung zwischen AC/DC und ihm, der anscheinend ein absolut beeindruckender Jazzpianist gewesen sein musste. Eigentlich rührte es mich damals so, weil ich mein ganzes Leben lang Klavier spielen wollte und die Gitarre für mich eigentlich nur eine Ersatzdroge war. Eine Gitarre und einen Verstärker konnte ich mir leisten und anscheinend hatte ich doch ein wenig Talent, so dass ich die ganze Sache ohne Unterricht lernen konnte. Klavierunterricht dagegen hätte ich mir nicht leisten können und meine Eltern hätten nie Geld für so etwas ausgegeben. Und dann gab es diesen Musiklehrer, der über allem stand und vollkommen losgelöst von seiner beruflichen Pflicht sein Ding durchzog und dabei einen wahnsinnigen Spaß hatte.  Im Grunde war er mein Held, weil er sich nicht darum kümmerte, ob es irgendwen interessierte, was er machte. Viele Schüler hielten ihn für einen alten Spinner. Insgeheim bewunderte ich ihn, weil ich es niemals geschafft hatte, es einfach gut sein zu lassen. Ich brauchte Bewunderung und Anerkennung und verstand nicht, dass es darum gar nicht in dieser Schule ging. Die drei Jahre waren dazu da, den letzten Schritt ins Erwachsenenleben zu nehmen und noch einmal zu reifen, bevor man auf irgendeine Art auf das seriöse Leben losgelassen wurde. Anerkennung bekommt man nicht durch verbissenes Beharren auf seiner elitären Abscheu vor allem Gewöhnlichen und den Massengeschmack. Metallica übrigens haben sich kurz nach meinem Abitur an den Mainstream verkauft und haben mit solchem Moll-Gedöns wie „Nothing Else Matters“ und „the Unforgiven“ die Hitparaden gestürmt. Niemand mochte später die Solis der alten Platten hören. Anerkennung erhielt ich als Gitarrist erst, als ich mit meiner Band „Enter Sandman“  vortrug. Der Höhepunkt eines jeden Konzertes war „Nothing else Matter“.  Aber das ist noch ein anderes Kapitel. In Bands spiele ich schon lange nicht mehr. Mit vierzig habe ich meinen eigentlichen Traum verwirklicht und Klavierunterricht genommen und mir ein Digitalpiano gekauft.

 Zurück zum Musiksaal und dem Abschied von der Goetheschule.  Ich habe mich an den Flügel gesetzt, mein Bier auf dem Klavier abgestellt und in Gedenken an Herrn Marshall eine Ballade improvisiert. Ich brauchte keine Zuhörer. Ich habe nur für mich gespielt und es hat mir fast das Herz zerrissen. Bevor ich heulen musste, habe ich mitten in der Improvisation zu Spielen aufgehört, mein Bier genommen und bin wieder gegangen. Auf dem Schulhof habe ich wieder meine Kollegin getroffen und wir haben ein Gespräch über die Arbeit begonnen. Ich war froh, nicht mehr über die Schule reden zu müssen. Ich sah mich dabei auf dem Schulhof um und sah eine Mitschülerin aus meinem Jahrgang, die erst nach drei Versuchen meine Grußgeste erwiderte. Das machte den Abend endgültig zum Abschied von meiner Abiturzeit. Halbbetrunken habe ich mich vor Einbruch der Dunkelheit zu Fuß auf den Weg gemacht. Die Strecke führte bergab und teilweise bin ich den Weg gerannt. Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause und beim Laufen genoss ich die Dämmerung, die nur langsam über die Stadt hereinbrach. Es war schließlich der längste Tag des Jahres und mit jedem Meter den ich näher an mein Zuhause kam, fühlte ich mich besser. Es war als laufe ich von der Vergangenheit, die ich hinter mir ließ, in die Gegenwart, die mir doch so viel mehr bedeutet als die drei Jahre in der Goetheschule. Obwohl  ich dort angefangen habe, das zu sein, was ich heute bin.

 

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Reihe 3, Platz 58 und 59 – Die kleinen Füchse von Lillian Hellman

Ich gebe es zu: Weder die Autorin noch ihr Stück waren mir vor diesem Abend ein Begriff. Ich hatte noch am Rande mitbekommen, dass es einen Hollywoodfilm aus den vierziger Jahren mit dem gleichen Titel gibt, in der Bette Davis die Hauptrolle spielt. Ich bildete mir ein, diesen Film gesehen zu haben. Das stimmt allerdings nicht.

Kurz ein Abriss der Handlung: die zwei Brüder, Ben und Oscar Hubbard, und ihre Schwester Regina Giddens haben ein großes Geschäft mit einem Unternehmer aus New York an Land gezogen. Um das Geschäft finanzieren zu können, sind sie auf das Geld von Reginas Ehemann Hermann Giddens angewiesen, der sich, um seine Herzprobleme zu kurieren, seit geraumer Zeit in Zürich aufhält. Es entfacht sich ein Streit zwischen den drei Geschwistern. Denn Regina verlangt, um Herrmann die Finanzierung schmackhaft zu machen, einen größeren Anteil vom Gewinn, den ihre Brüder natürlich nicht freiwillig hergeben wollen. Sie schicken Alexandra, die Tochter von Regina und Hermann los, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Hermann kehrt wieder in den Schoß der Familie zurück und sieht gar nicht ein, das Ansinnen der drei zu unterstützen. Er hat nicht mehr lange zu leben und will vorher noch der Familie seiner Frau eins auswischen. Wichtiger ist ihm, dass er seiner Tochter etwas hinterlassen kann, damit diese sich von der Familie lösen kann. Alexandra soll sich den wirtschaftlichen Interessen der Familie unterordnen  und Leo, Oscars Sohn, heiraten. Leo ist Angestellter in Onkel Hermanns Bank und hat mitbekommen, dass dieser Aktien in seinem Schließfach aufbewahrt. Der Gegenwert reicht aus, um das Geschäft zu finanzieren. Er wird von seinem Vater und Onkel überredet, die Aktien „auszuleihen“. Da Hermann nur selten sein Schließfach kontrolliert, gehen sie davon aus, dass ihm der Diebstahl nicht auffällt. Hermann lässt sich das Schließfach nach Hause bringen und bekommt natürlich sofort mit, dass seine Aktien weg sind. Er setzt sein Frau Regina in Kenntnis und will vor seinen Schwagern die Geschichte so drehen, dass Regina hinten runterfällt. Als er einen Herzanfall bekommt, verweigert sich Regina ihrem Mann die lebensrettenden Medikamente zu geben. Hermann stirbt und Regina kann gegenüber ihren Brüdern auftrumpfen. Wenn ihre Brüder ihr keinen größeren Anteil geben, wird sie den Diebstahl der Aktien zur Anzeige bringen. Die Brüder gehen darauf ein. Auf den ersten Blick hat Regina sich an ihren Brüdern gerächt, die nach dem Tod ihres Vaters das gesamte Erbe erhalten hat. Allerdings verliert sie Ihre Tochter, die ihre Durchtriebenheit erkenn  und für immer das Haus verläßt.

Lilian Hellman hat nicht nur die großen Themen ihrer Zeit erahnt und beschrieben, sondern hat auch etwas leider Zeitloses geschaffen. Genauso wie am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in der USA scheinen die grenzenlose und ungebändigte Habgier von Unternehmern die Gegenwart zu bestimmen. Die großen Internetkonzerne wie Facebook, Google und Amazon machen sich die Welt zum Untertan, konzentrieren Macht und Kapital auf wenige Personen und zerstören damit mutwillig gewachsene Strukturen und schaffen soziale Ungleichgewichte. Es wird gelogenund betrogen, um auch noch den letzten Cent aus einem Geschäft heraus zu pressen. Der Geschäftspartner wird zum Gegner, der Mitarbeiter zum Lohnsklaven und der Kunde zum Melkvieh. Politische  und staatliche Strukturen werden entweder ausgenutzt oder ignoriert. Der Kapitalist steht über allem.  Das Stück auf den Spielplan zu setzen, zeugt von dem Willen eines Stadttheaters, eine Position zu akuten Problemen unser Zeit einzunehmen, denn es ist aktueller denn je.

Die großen Probleme einer Gesellschaft werden auf den kleinen Kosmos einer Familie reduziert, die von ihrer Habgier getrieben keine Rücksicht auf das eigene Blut nimmt und menschliche Beziehungen nur auf ihren wirtschaftlichen Nutzen beschränkt werden. Trotzdem Lilian Hellmann hat ihren Charakteren eine Vielschichtigkeit angedeihen lassen, die absolut nötig ist, um aus diesem Stück mehr als eine platte Abrechnung mit dem amerikanischen Kapitalismus zu machen. Jede Figur hat ihre Brüche und dort wo man als Zuschauer den Figuren Sympathie zukommen lassen will, sorgt Lilian Hellmann im Laufe des Stückes dafür, dass man diese schnell in Frage stellt. Die Figur Birdie, die Ehefrau von Oscar, bildet hierfür das exemplarische Beispiel. Birdie ist eine traurige Person, die unter der Herrschsucht ihres Mannes leidet und erst spät verstanden hat, dass Oscar sie nur aus taktischen Gründen geheiratet hat. Birdies Familie gehörten Ländereien und ein Schloss. Sie stellen den alten Geldadel dar, der mit Abscheu auf solche Kaufleute wie die Hubbards herunter schauten. Oscar und sein Bruder wollten deren Respekt und Wohlstand, also haben sie sich deren Eigentum unter den Nagel gerissen.  Oscar hat die Tochter der Familie geheiratet, um endlich Zugriff auf die Ländereien und das Schloss zu haben. Birdie ist verzweifelt, sehnt sich nach dem alten Leben zurück. Sie versucht sich bei ihrem Mann immer wieder anzubiedern, hofft, dass er sie erhört und den alten Sitz ihrer Familie wieder aufbaut. Ihr Mann lässt sie immer wieder abblitzen. Sie hat in der Mitte des Stückes einen emotionalen Ausbruch, der niemanden kalt lässt, danach verblasst sie und man wird als Zuschauer das Gefühl nicht los, dass sie einfach zu schwach ist, um sich selbst aus ihre Lage zu befreien. Umgekehrt verhält es sich mit Regina, die zwar genauso wie ihre Brüder raffgierig und intrigant ist, aber eigentlich darunter leidet, dass ihre Brüder von ihrem Vater bevorzugt wurden und sie alles geerbt haben, während sie leer ausging.  Die Ambivalenz der Personen gibt dem Stück die Tiefe und Wahrhaftigkeit, die es braucht, um das Thema für den Zuschauer begreiflich zu machen. Die Menschen sind einerseits Opfer ihrer Familiengeschichte, sind aber andererseits verpflichtet sich dem zu stellen und die Folgen ihres Handelns abzuschätzen. Es gilt nicht nur den geschäftlichen Erfolg zu erreichen, sondern auch die negativen Konsequenzen für die anderen zu betrachten und zu mindern. Reichtum nicht auf Kosten der Gemeinschaft zu erwerben ist das große Thema des Stückes und zeigt sich in dem Ausspruch von Hermann, der den Geschwistern Hubbard vorwirft, dass mit ihrem raffgierigen Handeln und ihren Geschäfte Land und Leute kaputt machen.

Sehr positiv überrascht hat mich die Leistung des Ensembles. Für mich war es die beste Inszenierung dieser Saison. Carolin Weber als Regina, Roman Kurtz als Hermann, die alten Recken des Ensembles, haben ihr gewohntes Niveau gezeigt. Ewa Rataij als Birdie hat mit ihrem emotionalen Anklage für Gänsehautmomente gesorgt. Zwischendurch war mir zum Heulen zu mute, weil diese Frau brüllt und heult und man als Zuschauer ihre Verzweiflung spürt. Thomas Wild als Ben passte in seinen darstellerischen Möglichkeiten in die Rolle. Insbesondere in Rollen, wo große Gesten und machohaftes Agieren gefragt ist, kann er glänzen.  Sogar Pascal Thomas, den ich für einen der schwächeren Darsteller innerhalb des Ensembles halte, gelang es die Arroganz des neureichen Oscars, der eigentlich mit der Dominanz seines Bruders nicht klar kommt, hinreichend zu spielen. Positiv zu werten kann ich auch den Kniff Susan Abdulmajid als Safa eine Hausangestellte zu präsentieren, die mit naiver Spielfreude arabische Elemente in die Inszenierung bringt und somit auch zu Aktualisierung des Stückes beiträgt.

 

Reconquista Internet

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Ich habe länger nichts mehr geschrieben. Vollkommen eingebettet in Arbeit und in unzähligen Verpflichtungen habe ich die Welt um mich herum vergessen. Mein Kopf war zu voll, um etwas kreatives auf die Beine zu stellen.

Lange habe ich vergessen, was in Deutschland eigentlich los ist. Die Stimmen derer, die bisher wenig Möglichkeiten hatten, ihren Hass auszuleben, werden immer lauter und leider haben sie das Internet für sich entdeckt. Oft habe ich mich gefragt, ob man diesen Menschen nicht beikommt, in dem man mit ihnen ins Gespräch kommt. Allerdings war die Angst groß, dass sie die Gesprächsversuch zum Anlass nehmen, mich persönlich anzugreifen.

Da ich ein ganz braver deutscher Staatsbürger bin, der jeden morgen zur Arbeit geht, seine Kinder großzieht und sogar gerne Steuern bezahlt (auch die sogenannten GEZ-Gebühren), verfolge ich die Politik in unserem Lande sehr genau, halte mich aber mit Meinungsäußerungen in der Öffentlichkeit zurück. Meine politische Meinung ist Privatsache. Habe ich bisher gedacht. Aber da nun einmal die vom anderen politischen Ufer mittlerweile so laut brüllen, dass man sie nicht mehr überhören kann, wird es Zeit, dass wir …..nein nicht lauter brüllen…sondern ihnen etwas entgegensetzen, dass in ihrem Weltbild nicht mehr vorhanden ist. Wir überschütten sie mit Liebe, guter Laune, herzen sie, bemitleiden sie und stellen ihnen höfliche Fragen. Ein bisschen Ghanditaktik hat noch nie geschadet.

Am letzten Donnerstag hat Jan Böhmermann im Neo Magazin Royale meines Erachtens die erste kluge Idee zu diesem Thema gehabt. Wenn wir normalen Bürger, ohne politisches Sendungsbewusstsein, die rechten Propagandaschreihälse übertönen und zwar nicht mit den gleichen Hassparolen, die nur auf links gedreht sind, sondern mit naiver Freundlichkeit, können wir die Rechtsdreher dieser Republik zumindest erschüttern und auch deutlich machen, dass sie nicht in der Überzahl sind und nicht die Meinungsmacher in diesem Land sind, obwohl das mittlerweile viele glauben und sich bestimmte Politiker nach ihrem blauen Fähnchen drehen (siehe Söder und das Kreuz, Seehofer und der Islam)

Ich durfte meine ersten Erfahrungen mit den Poltergeister vom anderen Ufer der Weltanschauungen meine ersten Erfahrungen machen und wenn man es mit Humor nimmt, werden sie auf einmal ziemlich klein, weil sie einfach nur rumblöken. In den drei Tagen, in denen ich auf Twitter und Facebook unterwegs bin, habe ich von diesen Menschen noch kein vernünftiges und nachvollziehbares Statement gelesen. Es geht immer nur um die gleichen Themen und die werden immer wieder schon wiedergekäut. Alles wird zugespitzt auf die Altparteien, die linksversifften Gutmenschen und die Flüchtlinge. Mir bereitet es momentan einen riesen Spaß meine kleinen Liebesbomben zu legen und dann zu sehen, dass ich kurz darauf von den Hasspredigern blockiert werde.

Übrigens haben ca. 50.000 Menschen sich bei Reconquista Internet angemeldet. So viele, dass der Server mittlerweile abgestürzt ist. Es ist gut zu wissen, dass man da draußen in der finsteren Welt des Internets und der Hassknechte nicht alleine ist.

 

Reihe 3, Platz 58 und 59 – die schmutzigen Hände von Jean-Paul Sartre

Vorneweg will ich erwähnen, dass ich mich auf die Inszenierung des Stückes im Stadttheater Gießen sehr gefreut habe. Das ich nach der Vorstellung enttäuscht bin, liegt an meiner Befangenheit. Bei einem Theaterstück von Sartre lege ich die Qualitätslatte besonders hoch, denn Sartre ist einer der Helden meiner Jugend.  Da ist die Enttäuschung schon fast vorprogrammiert.

Ich will dem Ensemble am Stadttheater nicht unterstellen, dass sie sich nicht ausreichend mit Sartre auseinandergesetzt haben. Dafür sind sie hoffentlich Profis genug. Aber wie immer im Theater gibt es nun einmal unterschiedliche Sichtweisen über was und wie man es auf die Bühne bringt. Das macht das Theater ja so spannend.

Es ist wie bei jedem Musikstück: man hat Abermillionen Möglichkeiten der Interpretation und alle können handwerklich perfekt umgesetzt sein. Trotzdem, je nach Perspektive, wird man die Interpretation hassen.

Aber zuerst die Handlung:

Das Stück spielt in einem fiktiven Staat namens Illyrien. Hugo, ein bürgerlicher Intellektueller, der mit seiner Herkunft gebrochen hat, um in die Partei einzutreten, will sich bewähren und nimmt den Auftrag an, den Parteifunktionär Hoederer zu töten, weil dieser sich mit den Feinden der Parteien versöhnen will, um einen Bürgerkrieg zu verhindern und einen Krieg zu beenden. Er wird der Sekretär von Hoederer und zieht mit seiner Frau Jessica zu Hoederer. Hugo, der darunter leidet, aufgrund seiner Herkunft von anderen Parteigenossen nicht ernst genommen zu werden, nimmt sich vor, den Mordauftrag schnell zu erledigen. Allerdings fasziniert ihn die Persönlichkeit Hoederers, der entgegen der Parteidoktrin etwas Neues versucht und doch nichts anderes bewirken will, als das die Partei die Macht im Staate erhält. Er erlebt, wie Hoederer sich mit den Feinden der Partei trifft und er mit ihnen verhandelt und sie dazu bringt, sich mit der verhassten Partei zu verbünden. Die Zeit drängt und seine Parteigenossen werden ungeduldig. Jessica gibt Hoederer den Hinweis, dass Hugo ihn umbringen möchte und Hoederer kann ihn vorerst von dem Plan abbringen. Kurz darauf bringt Hugo Hoederer doch um, als er ihn mit seiner Frau Jessica in flagranti erwischt. Er begeht also keinen politischen Mord, sondern ein Mord aus Eifersucht. Nach drei Jahren kommt er aus dem Gefängnis und will sich der Partei wieder anschließen. Olga erhält den Auftrag, Hugo auf dessen Nutzbarkeit und Ehrlichkeit zu überprüfen. Er erzählt die Geschichte des Mordes und am Ende berichtet ihm Olga, dass die Partei den Plan von Hoederer umsetzt und mit den ehemals verfeindeten anderen Parteien des Landes eine Einheitsregierung bildet. Daraufhin lässt sich Hugo erschießen.

Man kann das Stück unter vielen Gesichtspunkten betrachten. Ist es ein politisches Stück? Geht es um Sartres Philosophie? Geht es um die Zerrissenheit eines Menschen, der mit seiner Herkunft hadert und seine Rettung in einer Ideologie findet, die ihm zum Mörder macht?

In der Inszenierung des Stadttheaters Gießen hat man ganz klar einen Schwerpunkt gesetzt, der das Stück aus den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts in die Gegenwart hieven soll. An diesem Freitagabend ging es um den Gegensatz zwischen Leidenschaft für das politische Handeln,  dessen einziger Zweck es sein könnte, Menschen fernab jeglicher Ideologie an einen Tisch zu bringen, um praktische Lösungen für Probleme zu finden und der ideologischen Erstarrung einer politischen Theorie, die nur den Machterhalt dient und jedes einzelne Individuum, dass sich dieser Ideologie anvertraut hat, in sein Verderben stürzt.

Um den Schwerpunkt heraus arbeiten zu können, hat man das Stück deutlich gekürzt und um alle Hinweise gebracht, die sich auf den ursprünglichen historischen Zusammenhang beziehen. Man hat Hugo um seinen Decknamen Raskolnikoff betrogen und die UdSSR aus dem Stück gestrichen. Vielleicht wäre der eine oder andere Zuschauer über die Verweise auf Dostojewskis  Antihelden irritiert gewesen und auch der Bezug zur alten Sowjetunion mag für viele Zuschauer nicht relevant sein. Für mich hat es sich angefühlt, als habe man dem Stück die Haut abgezogen. Dostojewski spielt im Existenzialismus eine gewichtige Rolle, weil er viele Themen rund um Moral, Sinnlosigkeit und Absurdität schon vorweg genommen und in literarische Texte gepackt hat. Dostojewskis Werke waren für Autoren wie Sartre eine wichtige Inspiration, da er durchweg zwischen Literatur und Philosophie hin und herpendelte und am Beispiel von Dostojewski durchaus erleben konnte, dass die Verbindung von Literatur und Philosophie lohnenswert war. Raskolnikoff, die Hauptfigur von Schuld und Sühne, begeht einen Mord und begründet ihn mit einer selbstgestrickten Ideologie, die den Menschen einer Wertigkeit zuordnet. Daher kann er als Vorbild für Hugo dienen. Wer ist nützlich für die Gesellschaft? Daraus wird: Wer ist nützlich für die Partei?  Der Rückgriff auf die UdSSR hätte noch einmal deutlich gemacht, dass Sartre den Stalinismus als den Bezugspunkt für die Partei sieht, für die Hugo und Hoederer arbeiten. Es hätte die Spielräume deutlich werden lassen, in der die Protagonisten handeln können. Die werden kleiner, wenn man den großen Führer Stalin im Hintergrund wirken lässt.

Zu dieser willkürlichen Kürzung gesellt sich eine teilweise nicht durchdachte Prägung der Darsteller auf die Rollen. Was vielleicht daran liegen mag, dass die schauspielerischen Fähigkeiten bei dem einen oder anderen Darsteller nicht ausreichen, um die Charaktere auszuspielen.

Maximilian Schmidt als Hugo hat seine Sache gut gemacht. Man spürt sein Schwanken zwischen Zweifel und Festhalten an einer Ideologie. Er will sich nicht von seinem Überzeugungen abbringen lassen. Er hat einen hohen Preis bezahlt, in dem er die Brücken zu seinem alten Leben abgebrochen hat und nun bleibt ihm nichts anderes übrig als sich im neuen Leben zu bewähren. In der Begegnung mit Hoederer scheint ihm bewusst zu werden, dass auch dieses neue Leben im nicht gibt, was er gesucht hat. Lukas Goldbach als Hoederer wirkt flach und ohne Tiefe. Ihm fehlt das Charisma eines politischen Aktivisten, der trotz seinem Kampf für seine Überzeugungen machtbewusst agiert und Hugo auf seine Seite ziehen will. Er agiert ängstlich und verletzlich. Man hat ihn in Existenzialistenklamotten gesteckt und ihm eine dicke Hornbrille aufgesetzt, um aus ihm einen Kommunisten mit Herz zu machen. In seiner Darstellung lässt er Hoederer zum Revolutionsonkel verkommen, der über rhetorische Fähigkeiten und eine sanfte Überzeugungskraft verfügt. Reicht das aus, um den gewählten Schwerpunkt sichtbar zu machen? Interessanter wäre es gewesen, neben der Ambivalenz der Person Hugo, die Ambivalenz der Person Hoederer zu setzen, der  sein Charisma und seinen Machtwillen nutzt, um seine politischen Ziele durch zu setzen und dabei durchaus wirkt, als ginge er über Leichen. Aber vielleicht wollte man zeigen, dass die sanfte Tour im politischen Geschäft momentan angebracht wäre. Tut mir leid, dann hat man das falsche Stück ausgewählt. Wer sich auf Sartre einlässt, bekommt immer die volle Packung an Ambivalenz, die atemberaubende Dramatik des existenzialistischen Denken, die volle Wucht des Scheiterns, wenn Hugo zum Beispiel seinen Mord als Mord ohne Mörder bezeichnet und seiner Verantwortung für sein Handeln dem Zufall oder dem Schicksal übergibt.

Scheinbar kann man sich in der Provinz an solchen Stücken überheben. Trotzdem sollte man es nicht unterlassen, Stücke mit politische Prägnanz auf die Bühne zu bringen. Nur so kann ein Stadttheater einen Beitrag zur aktuellen Debatte rund um Politikverdrossenheit und aufkeimenden Populismus leisten.  Für das Gelingen reicht es, wenn man die Stücke in ihrem ursprünglichen Rahmen lässt. Gerade Sartre bietet viele Möglichkeiten zur Reflektion über die aktuelle politische Entwicklung an, da durch sein philosophisches Denken politische Theorie und Praxis zusammenkommen. Er ist ein Repräsentant einer Zeit, in der Gewalt und Hass in der politischen Auseinandersetzung noch Alltag waren. Sartre hat immer Wege aus dem Dilemma eines ideologischen Denkens gesucht, dass den Menschen zwar Halt geben kann, ihnen aber auch die eigene Verleugnung abnötigt.

 

Anspruch an den Künstler

Letzten Samstag war ich mit meiner Familie in Darmstadt. Mit dem Zug, dreimal Umsteigen, erreicht man von Wetzlar aus die südhessische Beamtenmetropole innerhalb von zwei Stunden. Man steigt natürlich in Frankfurt um. Im hinteren Teil des Bahnsteiges steht zurzeit ein Klavier. Jeder, egal ob er spielen kann oder nicht, ist aufgerufen, in die Tasten zu hauen. Man will Menschen dazu bringen, sich für Musik und ein Instrument zu interessieren.  Musik ist wie jede künstlerische Ausdrucksform dazu geeignet, Leute zusammen zu bringen. Leider ist oft das Gegenteil der Fall. Das liegt allerdings nicht an der Musik, sondern am engstirnigen Zuhörer oder Instrumentalist, der seine Vorurteile und Schubladen gerne in der Öffentlichkeit zur Schau stellt.  

Als junger Mensch war ich ein leidenschaftlicher E-Gitarrist. In den Neunzigern gab es viele Technikfreaks in der Gitarristengemeinde, die zumeist wie Musikautomaten spielten oder gar nicht mehr spielten, sondern nur noch mit der stetigen Verbesserung ihres übergezüchteten  Equipments beschäftigt waren. Oft gehörten diese Menschen der Musikerpolizei an. Musikbürokraten, die das Einhalten imaginärer Regeln überwachten. Eines meiner eindringlichsten Erlebnisse mit diesem Typus Musiker hatte ich vor Jahren bei einem Susan-Weinert-Konzert. Frau Weinert ist eine hervorragende Jazz-Gitarristin, die sich über mehrere Jahrzehnte hinweg einen sehr guten Ruf erspielt hat. Das Konzert fand in unserem Kulturzentrum statt. In den Saal passen ca. zweihundert Leute und es ist prädestiniert für Bands, die den Kontakt zum Publikum brauchen, um sich richtig entfalten zu können.  Für die Musikerpolizei natürlich eine wunderbare Situation. Sie standen nicht in der ersten Reihe, um zu tanzen. Sie wollten einfach nur den Musikern auf die Finger schauen und ihre Urteile fällen.  Vor dem Konzert versammelten sie sich vor der Bühne, um die Gerätschaften der Bands zu inspizieren. Frau Weinert hatte ihr Wah-Wah-Pedal verkehrt herum auf der Bühne liegen. Drei junge Vertreter der Musikerpolizei standen sofort am Bühnenrand und diskutierten, warum das Wah-Wah-Pedal falsch herum lag. Sie gingen davon aus, dass sie das Pedal im Konzert auch so liegen lässt. Einer der drei mutmaßte, dass dadurch der Weg des Pedals beim Herunterdrücken sich verringere. Ein anderer mutmaßte, dass es der letzte heiße Scheiß der Jazzmusiker sei, Effektpedale andersrum zu nutzen, als Statement gegen die ganzen Bradshawboards, die langsam aus der Mode kamen und der dritte gab an, dass er letztens in einer amerikanischen Fachzeitung gelesen habe, dass sie beim Verwenden des Pedales in dieser Art und Weise der Klang verändern müsse und schon Jimi-Hendrix das Pedal so verwendet habe (er hat ja auch seine Gitarre falsch herum genutzt).  Da hatte sich die Musikerpolizei allerdings ziemlich getäuscht. Frau Weinert betrat nämlich die Bühne, hob die Abdeckung des Wah-Wah-Pedals hoch, legte eine 9 Volt-Baterrie in das dafür vorgesehene Fach, schraubte die Abdeckung wieder zu und drehte das Pedal um. Man überreichte ihr ihre Gitarre und sie legte sofort los.

Eine andere Spezies unangenehmer Musikkonsumenten sind Menschen, die sehr eingeschränkt in ihrer musikalischen Wahrnehmung sind. Sie denken immer, dass Musiker wie Jukeboxen funktionieren. Man schmeißt Geld oben rein, drückt auf eine Taste und schon legen die Musiker los. Natürlich gibt es dieser Unterhaltungswunder, die auf Zuruf jedes Stück spielen können. Wenn man verstanden hat, wie Hits funktionieren und man sich damit beschäftigt, gelingt es fast jedem talentierten Musiker schnell aktuelle Lieder zu lernen, ansonsten gäbe es kaum so viele Top-40 oder Kirmesbands, die alle keine Zeit haben, um sich mühevoll durch irgendwelche Songbooks zu wurschteln. Die hören die Lieder ein paar Mal, probieren auf dem Griffbrett rum und haben schnell die üblichen Akkorde gefunden, die einigermaßen nach dem Original klingen. Und da stehen diese Menschen mit ihrer eingeschränkten musikalischen Wahrnehmung und freuen sich wie der Schneekönig, dass sie auf der Kirmes die gleiche Mucke hören können wie im Radio und sie mit der Masse den total eingängigen Refrain grölen können. Ist nicht mein Geschmack, hat aber seine Berechtigung. Die Bands verdienen ihr Geld und eine Menge Leute haben ihren Spaß. Für mich wurde es immer anstrengend, wenn ich auf solche Menschen getroffen bin, die sofort ihrer Forderungen formuliert haben. Ich hatte mal eine sehr lange Jam-Session mit einem Bassisten und einem Drummer. Wir haben wirklich nur ein paar Blues-Sachen vor uns hergedudelt. Es hat riesen Spaß gemacht, aber es war auch nicht unser Anspruch, irgendetwas Außergewöhnliches zu produzieren. Auf einmal geht die Tür des Proberaums auf und ein Typ stellt sich breitbeinig in den Raum und hört uns gelangweilt zu. Als wir eine Pause machten, fragte er uns mit vollem Ernst, ob wir nicht mal „November Rain“ von Guns`n`roses spielen könnten. Natürlich, kein Problem, haben wir gerade in der Jukebox. Ich habe den armen Kerl zurecht gewiesen und langatmig erklärt, dass wir nicht hier sind, um alberne Hits von Drogenjunkies nach zu spielen und das das unter unsere Würde sei. Er hat den Raum verlassen, die Luft war raus. Der größte Fehler, den man machen kann, ist es, solchen Leuten zu erklären, das Musikmachen mehr ist, als das Reproduzieren von Hits. Sie wollen es gar nicht verstehen und können es wahrscheinlich auch nicht. Musik ist für sie der Gebrauch von Schall zur allgemeinen Erheiterung und Unterhaltung. 

Vor ca. acht Jahren habe ich meine Gitarre in den Gitarrenkoffer gelegt und hole sie nur noch raus, wenn ich auf meiner DAW irgendwelche Gitarrenspuren einspielen will. Gleichzeitig habe ich angefangen, Klavier zu spielen. Ich nehme Unterricht und bin mittlerweile kein Anfänger mehr. Ich hatte nie den Anspruch ein Virtuose auf einem Instrument zu werden. Genauso wie das Schreiben ist es eine Ausdrucksform, die entspannenden, reinigende Wirkung auf mein Seelenleben hat und vielleicht bin auch ein wenig eitel und freue mich, wenn Menschen klatschen oder mir einfach ein nettes Feedback geben. Mit dem Beginn meines Klavierunterrichts hatte ich seltsamerweise angenommen, ich hätte die Musikerpolizei und die Hitparadenkonsumenten hinter mich gelassen.   Natürlich gibt es in dieser Instrumentensparte genauso viele Kontrolleure der ungeschriebenen Regeln wie bei der Rockmusik und auch genug Menschen, die nur Lang Lang zuhören können, weil der junge chinesische Mann immer so nett hinter dem Klavier lacht. Bis zu dem Samstag in Frankfurt hatte ich aus irgendeinem Grunde angenommen, ich hätte meine Abneigung überwunden und könnte solche Menschen ignorieren oder sie einfach reden lassen.

Meine neunjährige Tochter (die auch Klavier lernt) und ich stehen vor dem Klavier und hören einem Mädel zu, dass recht gekonnt irgendeinen Hit herunter spielte. Der Song kam mir bekannt vor, aber vielleicht klingen diese romantischen Balladen einfach nur alle gleich. Auf der anderen Seite des Klaviers hielten sich ihre Freunde auf, die sich ersichtlich für ihre Künste begeistern konnten. Als das Mädel fertig war, schwang ich mich auf den Klavierhocker und legte los. Ich kann noch kein Repertoire auf Knopfdruck abrufen. Gitarre habe ich lang genug gespielt und wenn ich Mitmenschen beeindrucken wollte, habe ich „Smell like teen spirit“ angestimmt (Vier geschrammelte Akkorde ergeben einer der größten Hits aller Zeiten). Ich konnte allerdings auch aus dem Stehgreif drei Viertel aller Metallica-Songs nachspielen und als ich besonders fit war, gelang es mir auch die entsprechenden Soli Note für Note zu spielen. Eine Zeit lang habe ich in einer Coverband gespielt, die hauptsächlich Metal- oder Hardrockevergreens nachgespielt haben. Also konnte ich auch so einfache Sachen wie Holy Diver von DIO oder Paranoid von Black Sabbath hervor zaubern. Aber das ist eigentlich langweilig. Ich fand das Improvisieren schon immer viel interessanter und die E-Gitarre wie das Klavier eignen sich perfekt dazu. Bei der Gitarre kann man sich dabei am besten entfalten, wenn man eine gut eingeübte Band im Hintergrund hat, die einem dem Raum zum Improvisieren gibt. Die findet man allerdings nur selten. Seltsamerweise habe ich kaum Musiker kennengelernt, die das Improvisieren reizvoll finden. Beim Klavier kann ich mich quasi selbst begleiten und brauche keine Band. Einer meiner Helden auf dem Klavier ist Keith Jarett, der unzählige Konzerte am Soloklavier improvisiert hat und es ist unglaublich, was dieser Mann dabei für Spannungsbögen aufbaut und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man denken, seine Stücke sind komplett ausnotiert.  Mittlerweile verstehe, wie das funktioniert und kann das im kleinen Stile auch. Also habe ich mich an das Klavier gesetzt und über eine Akkordfolge, die mich schon lange beschäftigt, eine Melodie improvisiert, die meines Erachtens sogar gefällig klang. Am Schluss hat mich mein Elan verlassen und habe mich ein paar Mal deutlich hörbar verspielt. Als ich fertig war und vom Hocker aufgestanden war, kam mir ein junger Kerl aus der Gruppe des Mädels an, dass schöne Balladen reproduzieren konnte und fragte mich, ob ich nicht ein richtiges Lied spielen könne. Was ist ein richtiges Lied? Wie muss das aufgebaut sein? Welche formalen Anforderungen stellst du an mich als Künstler, damit du mich für mein richtiges Lied loben kannst? Scheiße, nach Jahren meine erste Begegnung mit Menschen, die mich für eine Jukebox halten. Ich war vollkommen irritiert und gab ein saublöde Antwort:“Habe leider keine Noten mit.“
Der Kerl drehte sich um und lästerte bei seinen Freunden mit mir zugekehrtem Rücken: “Der kann es nur mit Noten.“ Ich war sauer, perplex und genervt. Ich fragte meine Tochter noch, ob sie auch etwas spielen wolle. Ihr war die Lust vergangen. Ich hielt ihr auf dem Rückweg einen Vortrag über die Mitmenschen, die den Zweck des Klaviers am Bahnsteig nicht verstanden haben. Meine Tochter spürte wohl, dass ich ein wenig enttäuscht war und schwieg. Solche Begegnungen beschäftigen mich lange, viel zu lange. Ich bin so konditioniert, zu glauben, dass ich ein Fehler gemacht habe. Mir fehlt eindeutig die Schlagfertigkeit, um zu sagen: “Hey lies mal! Das ist hier weder ein Wettbewerb noch eine Apres-Ski-Mallorca-Oktoberfestparty. Hier geht es darum, in Kontakt mit anderen an Musik interessierten Menschen zu kommen und wenn du das nicht verstehst, dann lass mal die Erwachsenen hier spielen und geh dahinten in die Kinderdisco!!“

Das Institut, ein Reh und ich

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Leipzig. Ich stehe vor dem Deutschen Literaturinstitut. Leicht gebeugt. Könnte sein vor Kälte oder vor Ehrfurcht. Man hört so viel über diese Kaderschmiede für deutschsprachige Schriftsteller. Angeblich kaufen Verlage die Texte der Absolventen noch bevor sie geschrieben sind. Man hört, dass die Studenten sich die meiste Zeit ihre Texte gegenseitig vorlesen und sie dann munter kritisieren, interpretieren und in einzelne Silben zerlegen. Anschließend darf der Autor in Selbstkritik zerfließen und am Ende fällt der Dozent das endgültige Urteil.  Bachmannwettbewerb jeden Tag. Und man hört, dass es nicht darum geht, das Handwerk zu lernen, sondern es zu verfeinern, indem man begreift, dass Schreiben reine Glaubenssache ist.

„Die zentralen Motive für das Bücherlesen haben sich gegenüber 2008 kaum verändert: Unterhaltung und Entspannung werden von 79 Prozent der Befragten als Lesegrund genannt. Sie betrachten Bücherlesen somit als Freizeitvergnügen und eine Passion.“*

Wenn das Schreiben eine Glaubenssache ist, wie schaffen es dann einige Autoren nach dem Studium so unheimlich erfolgreich zu sein? Ein bestimmter Schriftstellertypus sticht nicht hervor. Das kann man dieser Lehranstalt zu Gute halten. Einerseits hat sie geistige Überflieger, wie Juli Zeh, aus dem Westen, deren Vater Direktor des deutschen Bundestages war und die neben ihrem Jurastudium auch noch nebenbei in Leipzig am deutschen Literaturinstitut ihren Magistertitel erworben hat, aber auch einen Underdog wie Clemens Meyer hervor gebracht,  der aus dem Osten der Republik stammt und der sein Studium für einen kleinen Aufenthalt in einer Jugendarrestanstalt unterbrechen musste. Beide verkaufen ihre Bücher und wahrscheinlich haben auch sie gelernt, dass Literatur eine Glaubenssache ist.

Wie passt das zusammen? Glauben und Verkaufen? Da stehe ich in Leipzig vor dem Literaturinstitut und stelle mir die üblichen Fragen. Meine Frau drückt eher widerwillig auf den Auslöser meiner Handykamera. Weil ich eingedrückt vor dieser Villa stehe und nicht weiß, was ich mit mir anfangen soll, lachen mich meine beiden Töchter aus.

Oben im ersten Stock des Institutes brennt Licht. Hoffentlich sieht mich keiner. Ich will kein Literatur-Groupie sein. Eigentlich will ich dagegen sein. Ich will dieses Institut Scheiße finden und mich darin bestärken, dass der Markt meine Bücher nicht verdient hat. Aber eigentlich will ich  auch da rein, meine Texte vorlesen und ja, freiwillig Selbstkritik üben: „Herr Haslinger, ich weiß, meine Figuren wirken kalt und unnahbar. Sie haben das damals in ihren Romanen wahrlich besser hinbekommen. Aber wissen sie, ich sehe die Menschen so. Für mich sind sie kalt und unnahbar. Entschuldigen Sie!! Wie können wir das Problem lösen? Helfen sie mir!“

Die Fotos sind geknipst. Wir gehen zurück zum Parkplatz. Am Parkplatz entdecke ich an einem Laternenmast einen Sticker mit dem einem Abbild von Adorno und dem Text: “ES GIBT K1 RICHTIGES LIFE IM FALSCHEN.“

Das ist schon verdammt komisch mit den Zufällen. Man kann sie so schön zu Äußerungen des Schicksals umdeuten. Die Bestimmung hat den Sticker an den Mast angebracht, um mir einen Denkanstoß zu verpassen, der mich dazu bringt, meinem Leben eine bedeutsame Wendung zu geben.

Anstatt dramatischer Musik zur Untermalung meiner Denkbewegung, die mich sofort dazu bringt, mein jetziges Leben im Falschen als treusorgender Familienvater und Lohnsklave hinfort zu werfen und ein Leben als freier Mann und Schriftsteller zu beginnen, erklingt das Quietschen meiner Reifen. Schnell weg von hier, bevor mich die Bestimmung noch einholt. Ich schaue in den Rückspiegel und hoffe, dass mein Schicksal und Adorno nicht hinter uns her rennen.

Wir fahren nach Hause. Nach zwei Tagen im bitterkalten und menschenleeren Leipzig beenden wir den Versuch,  sich dem Osten unseres Landes als Touristen zu nähern.

Ich lese gerade diese wundersame Textsammlung von J.P. Sartre über Literatur. Er hat dort geschrieben, dass der Schriftsteller die Inkarnation der Totalität ist. Deswegen erläutere ich Ihnen meine aktuelle Situation, um ihnen daran das Ganze vor Augen zu führen.

Anfang Januar, die sächsische Ebene, überall auf dem flachen Land drehen sich Windspargel, Sturmböen fegen uns fast von der Straße. Fünf Personen, zwei Erwachsenen, drei Kinder, wollen zwei Tage lang die Stadt Leipzig erkunden. Die Frau will ausspannen, etwas anderes sehen, der Mann beschäftigt sich seit Monaten monothematisch mit seiner neuesten Macke: der engagierten Literatur. Wie kann ein Autor mit dem Rührlöffel auf den Topfdeckel hauen und Rabbatz machen. Natürlich ethisch einwandfreien Rabbatz. Nicht so eine Wutscheiße, sondern eher das Gegenteil. Er will sagen, was schief läuft in dieser Republik und Auswege aus diesem Elend aufzeigen. Das Problem ist: Das macht momentan jeder.  Was machen Autoren, wenn sie sich monothematisch verheddern? Sie kaufen eine Menge Bücher und lesen sie. Das mache ich zumindest immer. Ich werde zwar davon schlauer, aber so wirklich, so wirklich….

Das Hostel „Blauer Stern“ am Lindenauer Platz gehört Olivia Sue. An unserem Ankunftstag scheinen wir die ersten Gäste zu sei. Das Hostel ist voll im angesagten Retrostil eingerichtet. Jedes Zimmer ist mit Möbeln aus vergangenen Epochen des zwanzigsten Jahrhunderts eingerichtet. Da die Plastikmöbel aus den Siebzigern, hier das Ehebett in brauner Eiche aus der Vorkriegszeit und dort die Anrichte aus den Fünfzigern. Im Erdgeschoß befindet sich ein großes Wohnzimmer mit einer Küchennische. Das Spielzimmer für alle Gäste: Bücher für die Eltern, Spielzeug für die Kinder, Klaviere und eine Gitarre für die musisch Begabten. An den Wänden kleine Rehköpfe im Jägermeisterstil. Die Rezeption besteht aus einem alten Schreibtisch und einer ausgedienten Schreibmaschine. Olivia Sue schien die Durchgängigkeit des Retrostils am Herzen zu liegen. Die Gäste müssen sich sogar in einer großen Kladde verewigen und die Duschköpfe in den Bädern stammten aus den Sechzigern.

Aber trotz aller Bemühungen der Eigentümerin ihr Konzept umzusetzen und damit ihr eigentliche Profession zu verschleiern, bin ich ihr auf die Schliche gekommen.

„Immer mehr Menschen lesen am liebsten nicht zu dicke Bücher. Der Anteil derer, die lieber Bücher mit weniger als 300 Seiten lesen, hat sich im Vergleich zu 2008 fast verdoppelt.“*

Nikolaikirche, im Herzen Leipzigs: hier war der Ausgangspunkt der friedlichen Revolution, die November 1989 zum Fall der Mauer und ein Jahr später zur Wiedervereinigung Deutschlands geführt hat. Das Innere der Kirche ist im Barockstil gehalten. Ich wundere mich, hatte mir doch meine Erinnerung vorgetäuscht, dass ich irgendwann, irgendwo in Fernsehberichten einen gotischen Kirchenraum gesehen hatte. Der Erinnerung an die damaligen Ereignisse ist nur ein kleiner Raum in einem Seitenschiff gewidmet. Von der Decke hängen Fahnen mit der Darstellung der Ereignisse herunter. Mein jüngster Sohn rennt durch den weißen Stoff hindurch. Die Kirche, der Raum der kollektiven Erinnerung wird zum Spielplatz. Ich bin ergriffen. Es gibt kein anderes historisches Ereignis mit dem ich mich so verbunden fühle. Ich war damals achtzehn und im Fernsehen liefen die Bilder von den Montagsdemonstrationen, die Versammlungen vor dem Gewandhaus, die Reden von Leuten wie Kurt Masur.  Ich konnte das Wunder  nicht begreifen. Die Beschleunigung der Geschichte durch einfache Bürger war wider Erwarten möglich.  Es war verstörend, saß ich doch im warmen und hatte kein Leid zu beklagen. Viele Menschen reagierten mit Unverständnis auf den Freiheitswillen der DDR-Bürger. Man hatte Angst, dass man von diesen Schmuddelbrüdern und -schwestern aus dem Osten etwas weg genommen bekommt.

Neben mir steht eine Frau in meinem Alter und erzählt ihrer Tochter, dass sie damals mit ihren Freunden an den Demonstrationen teilgenommen hatte. Der Vater einer Freundin war Polizist und litt furchtbar unter der Angst, seine Tochter während den Demonstrationen zu begegnen und aufgrund eines Befehls ihr oder ihren Freunden Gewalt zufügen zu müssen. Mir stehen die Tränen in den Augen. Wir haben damals nur abgewartet und dann dieses Land und seine mutigen Bürger einkassiert.

…..Politisches Engagement im Sinne einer Idee ist mir wichtig, und ich finde, das gehört auch zum Amt des Schriftstellers dazu. Das Problem der engagierten Literatur ist allerdings, dass dieser Begriff im 20. Jahrhundert völlig desavouiert worden ist. Es hat sich durchgesetzt, dass politisches Engagement bedeutete: parteipolitisches Engagement. Das ging so von den Autoren, die in die Sowjetunion gereist sind und als Kommunisten zurückgekehrt sind…….Emile Zola, das erste große Exempel für einen politisch engagierten Intellektuellen, war keiner Partei verpflichtet, sondern der Wahrheit, dem Anstand und dem Gewissen. Dieses Rollenbild wurde im 20. Jahrhundert durch die Gleichsetzung von politisch und parteipolitisch unselig verballhornt…. (Interview mit Robert Menasse, Der Spiegel, Ausgabe 2/2018, Seite 111)

Es hat nur eine Generation gebraucht und vierzig Jahre DDR sind im Antlitz dieser Stadt nicht mehr zu erkennen. Hier und da blitzt die sozialistische Plattenbauarchitektur durch und natürlich gibt es die heiligen musealen Orte, die die Geschichte repräsentieren. Aber dies sind leblose Denkmäler, die nur noch Fakten vermitteln und nicht mehr das Aufbruchsgefühl einer Zeit, in der sich alles veränderte.  Es ist so einfach mit den scheinbaren Vorzügen des Kapitalismus diese Welt zu erobern. Wenn man Konsum mit Freiheit gleichsetzt, braucht man die Innenstädte nur mit Kaufgelegenheiten zu zupflastern und dafür zu sorgen, dass die Menschen Geld und Zeit haben, um sich dort möglichst lange aufzuhalten.

Olivia Sue fragt mich, ob alles in unserem Zimmer in Ordnung sei. Ich bin aus unserem Zimmer gekommen und erwische sie, als sie gerade aus einer Abstellkammer ein Kissen und eine Matratze für ein Kinderbett herauszieht. Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Ich antworte gelangweilt, dass alles bestens sei. Die Antwort reicht ihr nicht aus.  Ob es auch nicht zu eng ist? In unserem Zimmer steht zwischen einem Stockbett und einer Wand das Klappbett für unseren Sohn. Weder uns noch unsere Kinder stört es. Ich habe Olivia erst zweimal gesehen. Einmal an dem Abend als wir ankamen. Sie räumte in der Küche einen Kühlschrank aus und begrüßte uns. Und einmal am nächsten Morgen huschte sie kurz durch  den Flur. Jedes Mal trug sie eine Strickmütze. Ihre schulterlangen roten Haare und ihre große Brille beherrschen ihre Erscheinung. Ich nehme an, die Haare sind rot gefärbt. Sie ist schmal, zerbrechlich, wie ein scheues Reh. Es fällt ihr schwer, mit ihren Gästen zu kommunizieren. Ich versuche, meine Antwort freundlicher zu gestalten. „Das ist nicht schlimm. Wir sind viel unterwegs, halten uns wenig in dem Zimmer auf. Wir haben damit gerechnet, dass wir nicht viel Platz haben. Wenn wir unterwegs sind, ist das normal für uns.“ Sie ist sichtlich beunruhigt, vertieft das Gespräch aber nicht, sondern versucht ein hilfloses Lächeln. Es gibt keine weitere Unterhaltung. Sie widmet sich wieder der Kinderbettmatratze und ich gehe weiter.

Ich langweile mich. Mein Frau und die Kinder spielen Gesellschaftsspiele. Sartre ist mir zu anstrengend. Dieser ganze Mallarmè-Text ist voller Spitzfindigkeiten. Es geht um das letzte Gedicht von Mallarmè: Der Wurf des Würfels schafft den Zufall niemals ab. Mir schwirrt der Kopf. Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie das Schicksal und Adorno meine Zukunft verhandeln. Stéphane Mallarmé übte den Beruf des Lehrers aus. Er lebte in der Provinz und hasste seinen Beruf. Seine Gedichte sind verschachtelte Konvolute aus Symbolen, Andeutungen, verwoben und üppig wie die großen musikalischen Werke seiner Zeit.  Seine Zeit und auch sein Werk waren von der Erkenntnis geprägt, dass der Mensch sein Bezugssystem verloren habe, da er nun die Existenz Gottes verneinte. Nicht mehr aus Gottes Herrlichkeit sondern aus dem Nichts soll das Schöne entstehen. Ich stutze. Halte ich doch eine Ausgabe des Spiegels in der Hand. Unter dem Tisch liegt ein ganzer Haufen von abgegriffenen Spiegel-Ausgabe. Auf dem Adresskleber steht: Olivia Sue meinem Reh. Ein Mensch, der mit ihr in irgendeiner Weise verbunden ist, hat ihr das Abo geschenkt. Wie reizend! Wie merkwürdig! Olivia ist umgeben von einer Wolke aus reizenden Merkwürdigkeiten. Sie kann den Beruf des Hoteliers nicht erlernt haben. Sie kommt von einem anderen Planeten, nicht vom Hotel- und Gastättengewerbeplaneten.

…er lehnte seine Epoche ab, aber er bewahrte sie als einen Übergang, als einen Tunnel.

(J.P. Sartre über Stèphane Malarmè im Interwiev mit Madelein Chapsal, 1960)

Wieder zuhause angekommen, recherchiere ich. Olivia Sue ist gelernte Schauspielerin, gehörte zum Ensemble eines Theaters im Westen. Das Ensemble wurde verkleinert und einige Schauspieler wurden entlassen. In dem Bericht der Lokalzeitung über die Verkleinerung des Ensembles ist die Rede davon, dass einige Schauspieler nun etwas ganz anderes machen möchten. Als Beispiel ist Olivia Sue aufgeführt, die ein Hostel in Leipzig übernahm.

Tja so funktioniert die Welt. Man hat die Würfel in der hohlen Hand und schüttelt sie hin und her. Dann lässt man sie fallen, sieht das Ergebnis und schreibt es dem Zufall zu. Als Kind habe ich mir oft eingebildet, ich könne beim Kniffel das Ergebnis des Würfelwurfs durch meine Schüttelbewegungen beeinflussen. Ich habe lieber noch einmal geschüttelt, bevor ich die Würfel ihrer Bestimmung übergeben habe. Aber wo beginnen nun wirklich die Bestimmung, Zufall und mein Handeln? Die Grenzen sind fließend. Wir haben mehr Möglichkeiten, unsere Zukunft zu bestimmen, als es uns lieb ist. Es gehört anscheinend viel unverschämter Mut dazu, die Würfel in die Hand zu nehmen und alles dafür zu tun, dass sie fallen. Sonst geht das Spiel nicht weiter.

Wenn die Literatur nicht alles ist, ist sie nicht der Mühe wert. Das will ich mit `Engagement` sagen. Sie vertrocknet umgehend, wenn man sie auf die Unschuld, auf Lieder reduziert. Wenn jeder niedergeschriebene Satz nicht auf allen Ebenen des Menschen und der Gesellschaft widerklingt, bedeutet er nichts. Die Literatur einer Epoche ist die durch ihre Literatur verdaute Epoche.  (J.P. Sartre im Interview mit Madelein Chapsal, 1960)

*Quelle: Studie „Buchkäufer und -leser 2015. Profile, Motive, Einstellungen“ (Oktober 2015), im Auftrag des Börsenverein des Deutschen Buchhandels durch das SINUS-Institut und die GfK SE durchgeführt

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Reihe 3, Platz 58 und 59 – Teil 2

IMG_2150Erst Jahre später, nach der Geburt meiner großen Kinder und nach dem Ende meiner ersten Ehe, lernte ich jemanden kennen, der die Leidenschaft für das Theater mit mir teilte. Henrike war keine Unbekannte. Doch hielt sie sich jahrelang im Hintergrund. Zwischendurch war sie nach München ausgewandert. Kurz bevor sie meine Bühne betrat, war sie wieder in ihre alte Heimat gezogen. Sie lebte mitten in der Innenstadt von Gießen, nur einen Steinwurf vom Theater entfernt. Über einen gemeinsamen Freund kam wieder ein Kontakt zustande. Wir hatten uns über den Winter und Sommer immer wieder am Wochenende mit anderen gemeinsamen Bekannten getroffen und die Abende in Kneipen und Lokalen in Gießen und Marburg verbracht. Im Sommer trafen wir uns ohne Freunde. Zwischen uns entstand schnell eine Vertrautheit und Direktheit, die ich noch bei keinem anderen Menschen erlebt hatte. Henrike war das Gegenbild zu den Zombies auf dem Sofa. Man konnte mit ihr gemeinsam Dinge gedanklich durchdringen. Wir redeten und diskutierten, rauchten Rillos und tranken, stellten fest, dass wir beide seit Jahren den Spiegel jede Woche von vorne bis hinten lasen (sie von vorne nach hinten und ich von hinten nach vorne. Mittwochs treffen wir uns meistens in der Mitte des Heftes) und dass wir uns gleichermaßen zu Literatur und Theater hingezogen fühlten. Ich habe lange gedacht, dass wir eine rein intellektuelle Beziehung haben und habe gar nicht merken wollen, dass Henrike mehr in mir als einen netten Gesprächspartner sah. Ich fühlte mich ihr nahe. Mein Instinktsystem war allerdings auf zickige und anstrengende Frauen ausgerichtet. Eine krasse Fehlschaltung in meinem Hirn, die mich eine vollkommen psychisch deformierte Frau hat heiraten lassen. Mir hat mal eine Frau gesagt, dass sie sich immer in Typen verliebt, die sie schlecht behandeln, weil sie es verdient hätte. Ihr war vollkommen bewusst, dass ihr Verhalten krank war und doch hat sie sich immer diese brutalen Idioten ausgesucht. Ich war nicht viel besser. Ich wartete auf die nächste Katastrophe von Frau, um sie zu heiraten. Henrike blieb hartnäckig und Anfang Dezember hatte ich mich unsterblich in diese kleine Frau verliebt. Danach folgten Jahre mit Schmetterlingen im Bauch und auch heute noch kann ich keinen Tag ohne ihre Gegenwart auskommen. Ich habe am Anfang darauf gewartet, dass dieses Gefühl der Vertrautheit aufhört und die Beziehung zu einer Anhäufung von Ritualen und Gewohnheiten verkommt. Ich war misstrauisch. Ich hatte keine anderen Erfahrungswerte und war fast enttäuscht, dass ich nicht aufhören konnte, mich geborgen und aufgehoben zu fühlen.  Mit dem Beginn unserer Beziehung etablierten wir regelmäßige Theaterabende. Zu dem Zeitpunkt war die jetzige Intendantin des Stadttheater Gießens noch nicht lange in Amt und Würde und es schien ein neuer Wind im Theaterbau am Berliner Platz zu wehen. Frau Miville hatte damals ein Händchen für Inszenierungen, die das Theaterpublikum in Gießen aufmischte. Sie hatte in ihrem Schauspielensemble interessante Charakterköpfe zusammengebracht, mit denen man im Stande war, mehr als das übliche Standardrepertoire zu reproduzieren. In unserer ersten Spielzeit als Abonnenten gab man „der Balkon“ von Jean Genet. Ein selten gespieltes und radikales Stück, mit dem man Aufmerksamkeit erregen konnte. Es gab einen Haufen Scheiße (Wahrscheinlich aus Nougat), der von einer Prostituierte in das Gesicht eines Freiers gedrückt wurde. Es gab eine blutige und nackte Leiche, die sich ungefähr ein Stunde mit verzehrten Gesicht in einem Rednerpult aus Plexiglas zu Schau stellte. Es gab Revolution und viel Chaos auf der Bühne. Ein Teil des Publikums war aufgebracht. Weil man ja schließlich ins Theater ging, um keine Überraschungen zu erleben, verließ man in der Pause wutentbrannt das Theater. Der Rest blieb und feierte am Ende der Aufführung frenetisch den Mut eines Ensembles, das dieses merkwürdige Stück Theater mit Verve und Engagement auf die Bühne gebracht hatte. Ab da waren wir Fans des Stadttheaters und sind es bis heute, auch wenn viele interessante Mitglieder das Ensemble verlassen haben und man mittlerweile eher gefällige Inszenierungen erlebt. Die örtliche Nähe des Theaters hat uns den Besuch erleichtert. Manchmal sind wir fünf Minuten vor Beginn der Vorstellung losgelaufen, um noch rechtzeitig vor Schließung der Türen in den Zuschauerraum zu gelangen. In dieser Zeit haben wir Sonntagsmorgen nach dem Frühstück häufig die Gelegenheit genutzt und die Einführungsmatinee zu den neuen Stücken besucht. Für uns eine wichtige Möglichkeit geistige Nahrung für unsere unzähligen Gespräche zu erhalten und Schauspieler in der Auseinandersetzung mit den Stück  außerhalb ihrer Rollen erleben können. Manchmal hat man die Schauspieler beim Einkaufen in der Stadt gesehen. Damit war immer ein seltsames Empfinden verbunden, weil man sie vielleicht am Tag vorher auf der Bühne erlebt hat. Eine Zeitlang haben wir auch den Weg nach Frankfurt nicht gescheut, um die Vorstellungen des Frankfurter Schauspiels zu sehen. Henni hatte mir damals Karten für eine Aufführung des Rimini-Protokolls geschenkt, die dort im kleinen Haus „das Kapital“ inszeniert haben. Ein phänomenales Erlebnis einer damals noch vollkommen neuen Art, Stücke auf die Bühne zu bringen. Ein weiteres Highlight sollte die Aufführung von Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ sein. Das Stück hatte mich damals in seinen Bann gezogen, da ich mich zu der Zeit viel mit der Geschichte der RAF beschäftigt habe. Allerdings fiel die Inszenierung zu den populären Inszenierungen in Hamburg und München vollkommen ab. Wir haben  noch einige andere Stücke in Frankfurt gesehen, uns am Großstadttheater erfreut und trotzdem sind wir immer wieder nach Gießen zurückgekehrt.  Vor ca. elf Jahren hat Henrike die Idee gehabt, dass wir uns doch ein Theaterabonnement leisten sollten. Sie hatte sich damals ausgiebig informiert, welche Möglichkeiten wir haben und an der Theaterkasse zufällig den richtigen Zeitpunkt erwischt, um sich die Plätze 58 und 59 in Reihe drei zu sichern. Wir waren plötzlich stolze Theaterabobesitzer und sind es geblieben. Ein Jahr später sind wir nach Wetzlar gezogen, in den folgenden Jahren sind unsere drei Kinder auf die Welt gekommen. Wir sind unseren Plätzen in Reihe drei treu geblieben und haben nur wenige Aufführungen verpasst. Heute Vormittag waren wir zum ersten Mal mit allen Kindern zu einer Aufführung. Jule, unsere älteste Tochter, hat im Sommer zwei Eintrittskarten für das Weihnachtsstück gewonnen. Ich hoffe, dass meine Kinder etwas von unserer Leidenschaft fürs Theater mitbekommen und vielleicht lernen, das mein kein Konsumzombie sein muss, sondern dass es viele Wege gibt, sich mit der Welt auseinander zu setzen.  Was hat das jetzt mit meiner Liebe zum Leben zu tun? Von meiner Jugend an, bis zu meinem fünfunddreißigsten Lebensjahr, habe ich mich immer bedroht gefühlt. Es war schwer, den Angstangeboten zu widerstehen, sich nicht dem Weltschmerz hinzugeben. Im Theater gibt es viele Momente der Verzweiflung, aber auch Momente der Erlösung und der Befreiung. Theater heißt die Katharsis zu spielen, sich auf die Möglichkeiten der eigenen Existenz vorzubereiten.  Das Unmittelbare des Theaters ist mehr als eine Übung. Das Drama macht die Extreme des Lebens deutlich und vermittelt die Erfahrung einer Dialektik, die der eigenen Lebenserfahrung am nächsten kommt.  Im Gegensatz zu den Medien Fernsehen und Film, die Traumwelten fern der Wirklichkeit erschaffen, eher Trost vermitteln und ein einlullendes Phlegma erzeugen können, die uns apathisch werden lässt. Ich habe gelitten und den Schmerz erlebt, aber ich habe mir mein Leben angeeignet, so wie ich es im Theater bei vielen Protagonisten erlebt habe. Dadurch ist mein Leben reich an Erfahrungen und Erlebnissen, die mir für immer verborgen geblieben wären, wenn ich keinen Widerstand geleistet hätte und immer noch auf dem Sofa läge, um die nächste Tüte Chips zu öffnen und nach der Fernbedienung zu greifen.

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Teil 1

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Inhaber eines Theaterabonnements zu sein, bedeutet für mich mehr als nur in regelmäßigen Abständen einer kulturellen Veranstaltung beizuwohnen. Für mich ist es der Ausdruck meiner Liebe zum Theater, der Liebe zu meiner Frau und letztendlich, kaum zu glauben, der Liebe zum meinem Leben. Das Theater hat meine Liebe nie erwidert, meine Frau hat mich geliebt, als ich noch gar nichts von ihrer Zuneigung ahnte und mein Leben? Manchmal verschränkt es die Arme, um mich von sich fern zu halten und manchmal öffnet es seine Arme, um mich zu beschützen oder an sich zu drücken.

Aufgewachsen in den Achtzigern, sozialisiert auf dem Dorf, bin ich in meiner Kindheit und Jugend mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber kulturellen Ausdrucksformen jenseits von Fernsehen und Kino konfrontiert worden. Menschliche Kreativität wurde von meiner Umgebung nur akzeptiert, wenn sie im Rahmen einer massentauglichen Kommerzialisierung stattfand. Bücher kaufte man nur beim Bertelsmann-Buchclub, Musik wurde nur gehört, wenn sie im Radio lief und in der Hitparade gelistet wurde, ansonsten flimmerten die Schenkelklopfer des Komödienstadels oder Ohnsorgtheaters über den Bildschirm. Alles andere fand nicht statt und wurde behandelt wie nutzloser Dreck. Man wollte unterhalten werden. Wenn man den ganzen Tag hart gearbeitet hat und sich noch um den Haushalt, den Garten, die Autowäsche, die Fußballbundesliga und die Kinder gekümmert hatte, war man so erschöpft. Man wollte nicht nachdenken oder mit unangenehmen Dingen konfrontiert werden. Ab meinem vierzehnten oder fünfzehnten Lebensjahr entdeckte ich, dass die Erwachsenen und auch viele Gleichaltrige sich in ihrem Alltag auf den Konsum beschränkten. Man verbrachte den Tag mit dem Verbrauch und nicht mit dem Erschaffen. Es war einfacher sich gedankenlos hin zu geben, anstatt es mit seinem Denken zu durchdringen. In meiner Umgebung herrschte Leere und Ahnungslosigkeit. Ich blickte in puppenhafte starre Gesichter, sah unzufriedene und kranke Menschen, die jeglichen Komfort hatten, aber nichts mehr empfinden konnten. Sie hatten alle aufgehört, Fragen zu stellen. Sie wollten nichts mehr wissen, hatten alle Neugier aufgegeben und warteten morgens nur noch darauf, dass es bald Abend wird und sie sich vor die Glotze hocken konnten. Ich entdeckte den Widerspruch hinter den sie ihre Menschlichkeit verbargen. Wandelnde Zombieanomalien des menschlichen Bewusstseins, stillgelegte Denkreaktoren, die die Chipstüte nicht mehr zur Seite legen konnten, die Fernbedienung fest umklammert hielten und sich nie wieder vom Sofa erheben wollten.

Ihnen fehlte jeglicher Antrieb zum Widerstand. Damals hatte man Angst vor Anarchie. Kreativität wurde als Angriff auf eine scheinbar ewig gültige Ordnung verstanden. Dabei braucht die Welt den Widerstand. Jegliche vermeintliche sichere Ordnung muss in Frage gestellt werden. Denn jede These braucht eine Antithese. Nur so kann es ein Voranschreiten der Zeit und der Menschen geben. Der Prozess  des Erschaffens beinhaltet den Widerstand gegen eine Ordnung. Nur gegen das Alte kann das Neue entstehen. Ich habe in meiner Jugend begonnen, intuitiv nach Ausdrucksformen geistigen Widerstands zu suchen. Meine seelische Gesundheit war in Gefahr und viele Jahre habe ich damit verbracht, gegen eine Erkrankung meiner Psyche anzukämpfen. Ich konnte mich nur davor retten, indem ich angefangen habe, Dinge mit meinem Denken zu durchdringen. Dabei half die Musik, dazu kam die Literatur, die Philosophie und zu guter Letzt als Krönung das Theater. Ich erlebte das Theater als Gegenbild zu meiner emotionsarmen Umgebung, in der man dazu neigte, Gefühle und Empfindungen bei sich zu behalten und nicht mit Mitmenschen zu teilen. Im Theater gibt es Figuren, die aus sich herausgehen, die Emotionen zur Schau stellen, sie durchleben, sie begreifbar machen. Sehr früh fixierte ich mich auf Stücke von Bert Brecht. Das epische Theater steht nicht für die große Dramatik. Bei Brecht dreht sich alles um einfache Menschen, die Widerstand leisten, die Moral bewahren, egal wie aussichtslos ihre Situation und wie amoralisch ihre Umwelt ist. Auch in meiner Umgebung war Moral etwas für die Kirche und dort ging man nicht mehr hin. Widerstand  gegen die Umstände war zwecklos. Da hätte man die Sportschau verpassen müssen. Meine ersten Erfahrungen mit dem großen Emotionstheater machte ich mit einer damals sehr populären Inszenierung von „Käthchen von Heilbronn“, später sah ich im Stadttheater Gießen „Gespenster“ von Ibsen und fand bei Ibsen die Darstellung einer Welt, wie ich sie kannte. Es wurde verheimlicht, gelogen und unterdrückt. Die alte Ordnung war nur noch Fassade und musste unter allen Umständen verteidigt werden. Der Schluss des Stückes als Frau Alving erkennen muss, dass ihr Sohn an Paralyse erkrankt ist, er bald in geistige Umnachtung fallen wird und er nur noch von der Sonne stammelt, hat mich tagelang beschäftigt. Es wurde wenig gesprochen, aber die Schauspieler drückten mit all ihnen zu Verfügung stehenden Mitteln die Verzweiflung von Mutter und Sohn aus, die Verzweiflung über die Endgültigkeit des Verderbens, dass sie erwarten wird, die Verzweiflung darüber, dass ihnen die Lüge des Vaters und Ehemann viele Jahre ihres Lebens geraubt haben und es keine Erlösung für sie gibt. Solche Theaterstücke haben mich gerettet und mir geholfen, meinen Verstand zu bewahren. Ich habe erlebt, dass es dort außerhalb meines Dorfes eine Welt gibt, die viel spannender und interessanter ist und nicht weit entfernt liegt. In Gießen, fünfzehn Kilometer von meinem Heimatdorf entfernt, gab und gibt es ein Stadttheater, in dem viele der Stücke gezeigt wurden, die mich inspiriert und mir Kraft gegeben haben. Ich saß in den viel zu engen roten Sesseln und verlor mich in dieser anderen Welt, um danach meine Welt neu denken zu können. Leider hatte ich niemanden, der diese Leidenschaft teilte. Meine Freunde und meine Gefährtinnen dieser Jahre hat keinen Sinn für die emotionsgeladene Gewalt von inszenierten Geschichten, die von ein paar Menschen zwischen drei Wänden auf einer Bühne zum Leben erweckt wurden. Da es nicht aus Hollywood kam, es kein Popcorn gab und nicht leicht konsumierbar war, hatte es keine Bedeutung für sie. Aber das Theater war voll und in den Sitzreihen gab es ausreichend andere Menschen, die  wie ich eine ähnliche Zuneigung zum Theater pflegten.

Buchmesse Frankfurt – 5 Bücher für meine Wunschliste

Noch immer steht das bedruckte, als langweilig verschriene, analoge Papier im Mittelpunkt einer Buchmesse. In Szene gesetzte farbige Pappdeckel mit schicken Layouts animieren mich zum Hinlangen und Schmökern. Hier die fünf Bücher, die ein starkes Verlangen nach Lektüre derselben in mir ausgelöst haben. Ich muss sie lesen und deswegen landen sie auf meine Wunschliste.

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Marc-Uwe Kling kenne ich als Verfasser der Kanguru-Chroniken. Saukomische und teilweise abstruse Geschichten um ein sprechendes Kommunisten-Beuteltier. Er bekommt ganz bestimmt niemals den deutschen Buchpreis, aber dass er es wagt, eine Zukunftsroman zu schreiben mit hoffentlich dem gleichen Humor wie die Känguru–Chroniken, macht ihn wahrscheinlich nicht nur für mich interessant.

Herr Kehlmanns letzter Roman „Du hättest gehen sollen“ war ein kleiner Spätstarter. Obwohl schon bei der letzten Buchmesse präsentiert, hat man ihn erst Anfang des Jahres so richtig wahrgenommen. Ein schmaler Band mit einer Gruselgeschichte, die weitab von der üblichen Kehlmannprosa gezeigt hat, welche literarische Klasse der Mann zu bieten hat, wenn er kann und will. Sein neuer Roman „Tyll“ hat schon vor der Buchmesse vom Spiegel eine sehr lobende und Verkaufszahlen fördernde Rezension erhalten. Leider hat mich diese Werbemaßnahme auch angespitzt. Ich muss das Ding lesen.

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Herr Leggewie schreibt gerne und viel über aktuelle politische Themen. Er macht es sehr wissenschaftlich und fern ab jeglicher Schwarz-Weiß Polemik und daher finde ich ihn sehr lesenswert, gerade für Menschen, die ansonsten sich nicht gerne mit Politikwissenschaften und Soziologie auseinandersetzen.

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Herr Kubrick war nicht nur ein Regiegott, sondern auch ein akribischer Dokumentarist seines eigenen Schaffens. Nur Filmenthusiasten werden sich solch einem Werk hingeben. Um so schöner, dass der Taschen-Verlag es gewagt hat, sich diesem Nischending in einer Veröffentlichung zu widmen.

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Man mag es fast nicht glauben: Aber es gibt Menschen, die ihre Naziideologie ausleben, als habe das dritte Reich niemals aufgehört zu existieren. Frau Benneckenstein ist in einer solchen Familie groß geworden und schildert in diesem Buch das Leben als kleines blondes Nazimädel, dass sich als Erwachsene von der Familie und ihrer Nazisekte lösen konnte.

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Buchmesse Frankfurt – bei zweiten Mal tut es nicht mehr weh – 3. Teil

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 Frau Nefe, Frau Mayer, Herr Minkmar

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VR für Bücherwürmer

Henni und die beiden Mädchen kamen heran geeilt und liefen quasi ohne anzuhalten zum Arte-Stand. Ich schlürfte erst einmal in aller Ruhe meinen heißen Kaffee. Eigentlich war die Buchmesse hier für mich vorbei. Die meisten Veranstaltungen auf meiner Liste hatte ich verpasst. Meine Füße taten mir weh, ich hatte Hunger und war müde. Der letzte Schluck Kaffee schien besonders viel Koffein zu beinhalten. Ich raffte mich auf und fand neue Energie für den zweiten Teil des Buchmessetages. Ich irrte zum Arte-Stand. Meine Familie war schon weiter geeilt. Kurz blieb ich stehen. Ein etwas aufgeregter Moderator brüllte eine Geschichte über Theo Sarrazin heraus, die er damit endete, dass er lustvoll Theo Sarrazin als Arschloch bezeichnete. Mag ja sein, dass es ein Arschloch ist, aber muss man ihn in der Öffentlichkeit als solches bezeichnen? Die Rechten aller Prägung scheinen nicht nur das rote Tuch, sondern auch der inoffizielle braune Faden dieser Buchmesse zu sein. Ein paar Meter weiter am Dumontstand finde ich meine Familie wieder. Dort liegt der neue Hollebeque aus. Ich will das Buch anfassen und durchblättern und bemerke, dass alle Exemplare noch eingepackt sind. Entweder man will Neugierde schüren und aus dem Inhalt ein Geheimnis machen oder irgendein Praktikant hat vergessen beim Auslegen der Bücher die Folie zu entfernen.

Eigentlich wollte ich zur Leseinsel der unabhängigen Verlage, die sich in 4.1 befindet. Allerdings wird dort auch nur gebrüllt. Auf der Leseinsel versucht jemand zu erklären, wie die Rechten (brauner Faden) Werbung für sich vereinnahmen. Der Referent am Nachbarstand kann auch nur brüllend seinen Vortrag halten und so entsteht an der Leseinsel ein komisches Bild: Ein junger, schicker und schillernde Typ, der lässig und geschmeidig halb auf seinem Stuhl liegt, brüllt in sein Mikro, um den Nachbarn zu übertönen. So etwas halten meine Nerven nicht aus.

Wir denken, dass es in 4.1 nichts mehr entdecken gibt und finden im letzten Gang die Arts+-Ausstellung. Hier präsentieren sich der TASCHEN-Verlag, andere Kunstbuchverlage und Künstler. Dort finde ich einen Band über Stanley Kubricks Archiv, dass ich mir unbedingt kaufen sollte. Um die Ecke stehen in einer Reihe Kinderautomaten, kleine Autos und Motorräder. Auf den Geräten sitzen Erwachsene, die alle eine Virtual-Reality-Brille tragen. Meine beiden großen Töchter wollen in die virtuelle Welt tauschen. Sie sitzen auf den Automaten, verdrehen die Köpfe, wackeln unruhig hin und her und meine kleine Tochter winkt ins Nichts. Menschen mit VR-Brillen sehen aus wie blinde Idioten, die avantgardistische Tänze belgischer Choreographen aufführen. Meine Töchter sind ganz begeistert. Sie waren für kurze Zeit in Amsterdam und haben von einer Kracht aus das Ufer beobachtet.

Zurück in der wirklichen Realität machen wir uns auf den Weg zum Frankreich-Pavillon. Meine Frau hatte in Ebay-Kleinanzeigen ein altes Bett und unseren alten Kinderwagen verkauft. Sie hat uns versprochen, dass wir den Verkaufserlös gut investieren. Im Frankreich-Pavillon sollte es eine Brasserie geben und der Gedanke war es, dort in hoffentlich ruhiger Umgebung französische Backwaren und einen Kaffee zu genießen. Leider war da nicht viel. Es gab belegte Baguettes (z.B. mit eine Pastete von Stopfleberenten, wäh!), Suppe und Eclairs. Wir bestellten zwei Stück. Dazu gab es starken cafe américain.  Der Pavillon des Gastgeberlandes befindet sich immer in der zweiten Etage des Forums. Letztes Jahr war der Saal abgedunkelt und an der eigentlichen Fensterfront hatte man einen Blick vom niederländischen Strand auf die Nordsee imaginiert. Der Frankreich-Pavillon dagegen ist lichterfüllt. Man hat unzählige Holzregale als Wände aufgebaut und präsentiert dazwischen unzählige Themen rund um die französische Literatur. In den Regalen stellte man abertausende Bände französischer Literatur zu Verfügung, die zum Stöbern einladen sollten. Weil es zwischen den Holzregalen sehr eng war, haben wir uns hinter der Bar an der Fensterfront postiert. Jule hatte sich einen Barhocker geschnappt und etwas abseits von uns ihren Eclairs gefuttert. Ich ging auf den Balkon, um die Sonne zu genießen und auf den Platz zu schauen, der inmitten der Messehallen liegt.  Vor dem Signierzelt stapelten sich die Menschen. Dort unten in dem Signierzelt saß eine amerikanische Bestsellerautorin, um im Akkord ihre Schmachtschinken abzuzeichnen. Ich ging wieder rein und kaum hatte ich den letzten Schluck Kaffee getrunken, beauftragte mich meine Frau unseren jüngsten auf die Toilette zu bugsieren, um ihn eine neue Windel zu verpassen.  Eine Sekunde später hatte ich alle drei Kinder am Jackenzipfel hängen. Das mag in anderen Hallen kein Problem sein, weil es dort auf jeder Ebene mindestens vier oder fünf Toiletten gibt. Im Forum gibt es allerdings nur einen Aufzug und eine Toilette, die sich im Keller befindet. Es dauert gefühlt eine halbe Ewigkeit bis man diese erreicht. Als wir zurückkamen, gab es vor dem Pavillon auch eine erhebliche Menschenansammlung. Ein französischer Autor, der mir nicht bekannt war, hatte die Aufgabe seinem hauptsächlich weiblichen Publikum seinen Namen in ihre Buchexemplare zu kritzeln. Mittlerweile fand ich die Buchmesse sehr anstrengend. Insbesondere da Henni sich ein wenig in den Pavillon verloren hatte und nicht mehr rausfinden wollte. Aufgrund ihrer guten Französischkenntnisse konnte sie die ganzen Inschriften, Tafeln und Filmvorführungen verstehen. Ich dagegen war einfach ständig drei Kinder am Suchen, die mehr oder minder ziellos durch die Regalgänge irrten.

Als ich sie endlich aus dem Labyrinth heraus  an dem französischen Autor und seiner Kundschaft vorbei geführt hatte, liefen wir in die Halle 3.1. Es war schon nach vier und die Haale leerten sich allmählich. Wir schlenderten durch den Rohwolt-Stand. Es ist ein ziemliches sinnloses Unterfangen vom Verlagspersonal so etwas wie ein Lächeln zu erhalten. Das ist gelebte Arroganz der Kreativen und darin sollte man sie nur bestärken. Von weitem den neuen Roman von Daniel Kehlmann, der wie letztes Jahr eher in der Präsentation verschwindet. Man hat ja noch genug andere Bestseller.

Um siebzehn Uhr beginnt unser letzter Event. Auf dem kleinen Podium des Spiegelverlags wird das Buch der drei Journalistinnen Elke Schmitter, Christiane Grefe und Susanne Mayer „Was tun – Demokratie versteht sich nicht von selbst“ verhandelt. Frau Grefe und Frau Mayer sind vor Ort und werden von Nils Minkmar, Spiegel-Redakteur, interviewt. Die beiden Damen haben eine engagierte Haltung zur Demokratie und ihre Begeisterung für die Demokratie spornt an. Insbesondere sind sie der Kontrapunkt der Geschehnisse, die fast zur gleichen Zeit in der gleichen Messehalle ein paar Gänge weiter für Aufregung gesorgt haben. Aber davon haben wir während unseres Aufenthaltes auf der Buchmesse nichts mitbekommen. Erst auf dem Rückweg habe ich die Schlagzeile vernommen, dass Herr Höcke ein paar Meter seinen Auftritt hatte und es zum Eklat kam (hoffentlich hat er wieder erzählt, dass wir wieder alle männlicher werden müssen. Lächerlich geht’s nimmer). Frau Sargnagel hatte übrigens recht: Am nächsten Tag hat sich Herr Höcke beschwert, dass die anwesenden Sicherheitskräfte ihn nicht genügend vor den linken Aktivisten geschützt hätte. Wenn das mal keine Inszenierung als Opfer ist! Frau Mayer, eine wohl sehr erfahrene Journalistin, die sich wunderbar mit Handfläche auf dem Brustkorb echauffieren kann, hat eine Faible für Großbritannien. Sie berichtet über den Brexit und das dies der Auslöser für das Buch gewesen sei. In Großbritannien habe die rechte Boulevardpresse des Herrn Murdoch jahrelang offensiv Stimmung gegen Europa gemacht. Die Politiker sahen sich entweder gezwungen, sich dem Thema zu widmen, um die Wähler nicht zu verlieren oder sie haben die Situation schamlos ausgenutzt haben, um sich zu profilieren (Sie zielte insbesondere auf Boris Johnson ab). Sie war überrascht, wie viele Menschen in ihrem Umfeld, die ansonsten an Politik interessiert sind, das Geschehnis um den Brexit abgetan haben oder auch es gar nicht realisiert haben, was dort geschehen sei. Frau Nefe lächelte ab und zu mal in unsere Richtung und betrachtete unseren Sohn, den ich mit meinem Iphone für ein Augenblick ablenken konnte (er drückt und schiebt mit den Fingern und freut sich, wenn er nach mehrfacher Falscheingabe meines Codes mein Handy deaktiviert hat). Dann legt sie los und erzählt über ihren Anteil an dem Buch. Sie ist weitaus zurückhaltender und wirkt nur Anfangs weniger kämpferisch als Frau Mayer. In dem Buch hat sie einen Aufsatz über Parteien geschrieben. Es ging ihr darum, deutlich zu machen, dass Parteien kein Auslaufmodell sind, sondern eine wichtige Funktion innerhalb unseres bewährten parlamentarischen Systems haben und nicht das Problem die Parteien an sich sind, sondern dass diese Organisationen oft nicht wissen, wie sie Menschen für sich begeistern können. Deswegen ruft sie dazu auf, dass man sich aktiv in Parteien engagieren soll. „Suchen sie sich die Partei, mit deren Zielen sie sich am ehesten identifizieren können!“, ruft sie aus und ich denke nach. Ich könnte zu den Grünen gehen. Kann ich mich am meisten mit identifizieren. Allerdings haben die in den letzten zwei Jahren bei Brückenlauf in Wetzlar jedes Mal als Verpflegung (für eine Strecke von 2 Kilometer) Wasser in Plastikbechern verteilt und die leeren Plastikbecher lagen dann in der letzten Runde überall verteilt auf dem Kopfsteinpflaster der Altstadt verteilt. Da habe ich mich wahnsinnig darüber aufgeregt. Wie kann man sich als ökologisch orientierte Partei bei einer der seltenen sichtbaren Auftritte in der Stadt mit der Verteilung von Plastikbechern profilieren wollen? Mein Sohn reicht mir mein Handy und ich muss es wieder entsperren, sonst wird er ungeduldig. Der Vortrag ist nach einer halben Stunde vorbei und wir machen uns auf dem Heimweg. Wir irren noch ein wenig durch die mittlerweile leere Halle. Viele Aussteller packen zusammen. Viele Stände sind schon nicht mehr besetzt. Meine Kinder lassen sich am Lego-Stand noch mit einem Lego-Ninja fotografieren und danach entwischen wir durch den Ausgang Ost, fahren mit dem Bus zum völlig entvölkerten Parkhaus und sind innerhalb von zehn Minuten auf der Autobahn. Meine Frau bestellt noch eine Pizza auf der Heimfahrt. Irgendwie müssen wir ja unsere Ebay-Einkommen geschickt investieren. Wir fahren in die Dämmerung und meine Frau zieht Fazit: “Naja, weiß nicht!“

Damit ist alles gesagt. Es beschreibt nicht nur unseren erschöpften Zustand, sondern auch den Zustand eines Landes, das sich politisch gerade in die falsche Richtung bewegt. Und leider wurde die Buchmesse nicht nur von einem braunen Faden umwoben, sondern man merkt, dass sich viele Autoren und Journalisten an dem Thema abarbeiten und den politischen Diskurs suchen, aber an der Lust zum Krawall und destruktiven Provokation der rechten Brandstifter verzweifeln.

So fahren wir auf der A5, hungrig und desillusioniert, in die Zukunft…bis zur nächsten Buchmesse.