Nachricht aus 1992?

Man könnte meinen die Nachricht stammt aus 1992. Damals war die Welt noch in Ordnung. Das Benzin musste billig sein. Flüchtlingen waren Asylanten, die uns alles wegnehmen wollten und es gab noch das frisch wiedervereingte Deutschland, ohne offene EU-Grenzen. Und die Grünen? Vaterlandslose Gesellen, die nur Steuern erhöhen können und jeden Spaß verbieten wollen.

Leider ist das kein Zeitungsartikel aus 1992. Heute morgen stand genau dieser Text im Wetzlarer Kurier. Ein kleines Käseblättchen der örtlichen CDU, die anscheinend die letzten dreißig Jahre im Tiefschlaf verbracht hat.

Dahinter steckt der Bundestagsabgeordnete Hans-Jürgen Irmer, der schon oft negativ durch seine Äußerungen aufgefallen ist und immer wieder bestrebt ist, sich und seine Partei rechts zu überholen.

Roman drei – willkommen in der Eiswüste

Bildergebnis für McMurdo-Sund

Mein ursprünglicher Anlass für den Blog, war es die Entstehung meines Romans „der letzte Mensch“ zu dokumentieren. Seit fast anderthalb Jahren habe ich an dieser Stelle nichts mehr dazu geschrieben. (In die Tonne kloppen…., Dialog mit Johanna Sommer – Leben in der Zukunft Dialog mit Johanna Sommer – Therapiestunde)

Nun da ich endlich mit Roman Zwo fertig bin und mein private Lektorin sich um alle möglichen Dinge aber nicht um meinen Roman kümmert,  kehre ich wieder zu meinem ursprünglichen Romanprojekt zurück.

Wie weit war das Projekt gediehen?  Grundsätzlich sollte der Roman aus drei Teilen bestehen. Der erste Teil handelt von der Protagonistin Johanna Sommer, die aus der Zukunft heraus, ihr Kindheit und Jugend beschreibt. Der erste Teil endet mit dem Abschied von ihrem Vater. Johanna hat das Abitur abgeschlossen und verlässt für ihr Studium das ungeliebte Elternhaus.

Im zweiten Teil geht es darum, das Johanna Sommer mit ca. vierzig Jahren in die Antarktis geht, um dort ihren langgehegten Plan zu verwirklichen, einen Roman über Scotts letzte Südpolexpedition zu schreiben. Sie hat die Absicht mit ihrem Roman, die Welt zu verändern. Eine größenwahnsinnige Absicht und fixe Idee, die sie nur mit einer Prophezeiung untermauern kann, die ihr Johanna von Orleans in ihrer Jugend im Traum überbracht hat.

Der Inhalt des dritten Teils bleibt mein kleines Geheimnis. Um ihn werde ich mich kümmern, wenn ich den zweiten Teil abgeschlossen habe.

Den ersten Teil habe ich mehrfach überarbeitet. Mit 212 Normseiten ist er mir immer noch zu lang. Ich wollte wieder dreihundert bis dreihundertfünfzig Normseiten für den Roman verwenden und Teil eins und zwei sollten ungefähr gleich lang sein. Der dritte Teil soll nicht länger als 20 bis 30 Seiten sein.  Also stehe ich wieder vor der Frage: wie dick darf der Schinken denn sein? Der Metzger sagt: darf es ein bisschen mehr sein. Der Autor und sein privates Lektorat sagen: So viel fettes Fleisch sorgt nur für Übergewicht und Bluthochdruck.

Ich schreibe total gerne und wenn ich Thomas Pynchon wäre, könnte ich auf die Seitenzahl einen Scheiß geben. Aber ich bin nicht Thomas Pynchon. Bei einem Umfang von 350 Seiten kann ich gut den Überblick behalten. Aber ich kürze den ersten Teil vorerst nicht. Wenn das Gesamtprojekt steht, werde ich mich darum noch einmal kümmern. Mir bleiben also ca. 150 Normseiten für den zweiten Teil.

Ich hatte den zweiten Teil schon einmal begonnen und habe inmitten der Arbeiten festgestellt, dass er in Richtung Räuberpistole abgleitet. Um den zweiten Teil überhaupt schreiben zu können, habe ich es als wichtig erachtet, mich mit der Vorgeschichte auseinander zu setzen. Warum ist Johanna Sommer in der Zukunft so wie sie ist, mit all ihren Marotten und Widersprüchen? Der Leser soll Johanne kennenlernen und sich mit ihr identifizieren können, bevor er ihr in die Antarktis folgt.

Nun sitze ich seit einer Woche vor einem Blatt weißem Papier. Der schrecklichste Moment, den es für einen Autor gibt. Ich könnte es mir einfach machen und Johanna Sommer kann jetzt drei Wochen in einem Hotel sitzen und an einem Romanmanuskript schreiben. Ha, ich habe sie beim Gähnen erwischt! Nicht schlimm, ich muss auch gähnen. Das will kein Mensch lesen.

Ich schildere noch einmal kurz das Setting für den zweiten Teil:

Die Welt ist in der Zukunft eine andere (Nein, nicht die neue Weltordnung und keine Reptilienmenschen und keine Elite, die kleine Kinder im Keller einer Pizzeria quält) Es ist nun einmal die Hochzeit der Dystopien und im Gegensatz zu den paranoiden Wutbürgen kann man als Autor immer noch die klassische ernst gemeinte Projektion der Gegenwart in die Zukunft betreiben, um die Aufmerksamkeit der Leser zu bekommen. Die Gesellschaftsordnung, wie wir sie kennen, wird es nicht mehr geben. Nach den Jahren des Chaos und der Unordnung sehnt man sich nach Ruhe und hat deswegen die Macht den Algorithmen überlassen. Zumindest nach außen hin. Im Prinzip ist es nur die digitale Version des Gottesstaates. Jegliche Macht überlässt man Gott. Da er aber nun einmal nicht direkt zu den Menschen spricht, haben die Menschen die Macht, die sich als Stellvertreter Gottes auf Erden verstehen. Es geht um Legitimation von Politik. Die Gefahr besteht in unserer Gegenwart, dass sie wegbricht. Die Demokratie wird als Katastrophe empfunden und daher sucht man nach anderen politischen Systemen. In der Zukunft wird der digitale Staat dem Menschen alles abnehmen und die Menschen geben gerne ihre Freiheit her, um vermeintlich in Ruhe leben zu können. 

Johanna Sommer wollte immer Schriftstellerin werden und ist nur Ghostwriterin geworden. Sie ist Teil des Systems geworden, indem sie oberflächliche Geschichten für einen Staat schreibt, der mit diesen Geschichten die Bürger ablenken will. Johanna hat immer davon geträumt, über Scotts Südpolexpedition zu schreiben. Sie ist fasziniert von der Antarktis und von der Person Robert Falcon Scott. Leider ist die Antarktis nicht mehr der unbekannte Kontinent, den Scott bei seinen Expeditionen erforschen wollte. Der Mensch konnte die Antarktis nie vollständig erobern. Aber alleine schon der Klimawandel hat die Antarktis zugesetzt. Außer Forschungsstationen gibt es keine menschlichen Siedlungen dort, auch nicht in der Zukunft. Es wird immer ein menschenfeindlicher Ort bleiben. Allerdings gibt es in der Zukunft Touristen in der Antarktis. Nachdem sie alle den Mount Everest bestiegen haben, wollen Sie bis zum Südpol rennen. Daher gibt es ein Hotel im MC-Murdo-Sund. Der MCMurdo-Sund war der Ausgangspunkt für Scotts Expeditionen und soll auch für Johanna der Ausgangspunkt sein, um ihren Roman zu schreiben. Sie ist dorthin geflüchtet, weil ihr der Staat nicht die Möglichkeit gibt, etwas anderes als den Müll zu schreiben, den sie sonst schreiben muss. Im Prinzip wird alles, was nicht vom Staat und den Algorithmen initiiert wird als staatsschädigend empfunden. Jede Abweichung von den Vorgaben führt zur sozialen Ächtung oder zu einer Bestrafung.

Jetzt sitzt sie da in ihrem Hotelzimmer und will schreiben…was soll aber da spannendes passieren? Meines Erachtens ist es ganz einfach. Der Staat und ihrem Leben in diesem Staat kann sie nicht entkommen. Auch in der Antarktis wird sie mit ihren Dämonen und deren Stellvertretern kämpfen müssen.

Aber wie soll man das möglichst spannend und mit dem entsprechenden Tiefgang erzählen? Diese Frage stelle ich meinem geneigten Publikum. Ich habe natürlich ein paar Ideen, aber ich möchte mich auch gerne mal inspirieren lassen. Wer also eine Idee hat, möge sie mir in die Kommentare schreiben. Ich nehme alle Hinweise auf und freue mich auf eine lebhafte Diskussion.

Die Gesellschaft gibt es, die Gesellschaft nimmt es! (Teil 3)

Als erstes fielen mir unsere direkten Nachbarn auf, die aus der Bekämpfung der Parkplatzbesucher eine regelrechte Passion gemacht haben. Das Ehepaar gebärdete sich wie eine zwei-Personen-Bürgerwehr. Sie ließen die Straße nicht mehr aus dem Blick, liefen Patrouille, notierten Autokennzeichen, versteckten sich hinter den Büschen auf dem Spielplatz und fotografierten mit einem hellen Blitz die vorbeifahrenden Autos, um sie zu erschrecken oder sie glauben zu lassen, sie seien in einer Radarfalle getappt. Außerdem versuchten sie die Nachbarschaft in den Kampf gegen die Rüpel vom Parkplatz mit einzubeziehen bzw. die Polizei und die städtische Verwaltung mit Beschwerden und Hinweisen zum Handeln zu zwingen. Alle ihre Bemühungen verliefen im Sand. Sie erreichten kleine Teilerfolge und das muss man ihnen auch zu Gute halten. Es wurden zwei Fahrbahnschwellen, ein Blumenkübel und am Spielplatz eine Sperrvorrichtung installiert, damit Kinder nicht ungehindert auf die Straße rennen können. Sie behandelten immer nur die Symptome. Die Autos fuhren immer noch röhrend und zu schnell durch unsere Straße. Mit jedem kleinen Teilerfolg wurden sie noch verbissener. Die Nachbarschaft ließ sich auch von ihnen nicht animieren, sie beim Kampf zu unterstützen. Die Zwei-Mann-Bürgerwehr hatte nicht die Fähigkeit, andere Menschen zu integrieren und für ihr Anliegen zu gewinnen. Für sie hatte das Ganze auch keine politische öffentliche Dimension. Vielmehr ging es um eine private Angelegenheit: sie fühlten sich in ihrer Ruhe gestört. Und alle die nicht ihr Leid anerkannten und ihnen Gehör schenkten, betrachteten sie als ihre persönlichen Feinde.

Nachdem ich mich am Anfang von der Zwei-Personen-Bürgerwehr habe vereinnahmen lassen und ich diesen unreflektierte Gefühl, dass alle gegen uns seien und sich diese Jugendlichen überhaupt nicht um uns scheren, dazu geführt hat, dass sich meine Familie durch mein Wutbürgerbenehmen belästigt gefühlt hat, hat bei mir ein Umdenken stattgefunden. Jugendliche brauchen einen Platz, um sich zu treffen. Ihre Art der Anreise mochte vollkommen idiotisch sein. Aber auch diese Menschen  sind das Produkt unserer Gesellschaft. Für die Gesellschaft scheint es leider in Ordnung zu sein, dass junge Menschen große schnelle Autos und Motorräder fahren. Sie bietet ihn genug Möglichkeiten, um auf den innerstädtischen Autobahnen ungehemmt rasen zu dürfen. Schließlich scheint das Überschreiten von Geschwindigkeitsbeschränkungen ein Nationalsport zu sein (denkt man nur mal an die beknackte Diskussion um Tempo 130). Die Jugend ist nicht das Problem, sondern die Gesellschaft, die sich auf das Heilsversprechen einer unbeschränkten und für jeden verfügbaren Mobilität eingelassen hat. Jeder verbeugt sich vor den lackierten Metallkisten als seien es Götter und jeder, der ein schnelles und lautes Auto oder Motorrad sein Eigentum nennt, verdient den Respekt seiner Mitmenschen.

 Es gab in den letzten Jahren immer wieder Begegnungen mit anderen Nachbarn am Gartenzaun, die sich über die Situation beschwerten oder sich dazu äußerten. Die wenigsten sind auf die Idee gekommen, die großen Zusammenhänge zu betrachten. Am Gartenzaun schlug die Stunde der phlegmatischen Zweifler, die erst Mal pauschale Urteile fällten, wenig analytisch vorgingen, die Verantwortung bei der Stadtverwaltung sahen, manchmal mit Straftaten das Problem lösen wollte (wir können ja einfach die Raser mit Steinen bewerfen) oder auch pragmatische Lösung wie Fahrbahnschweller oder künstliche Verengung der Straße ablehnten (das macht dann immer so ein Krach, wenn die Autos da drüber fahren und dann fallen nachher auch noch unsere Parkplätze weg) Das aber jemand mit tiefergelegtem Auto nur einmal über einen Fahrbahnschweller Parcours fährt und dann die Lust am Rasen verliert und einfach das Weite sucht, interessiert diese Menschen nicht. Und am Schluss kommt immer die Feststellung: Tja, daran können wir wohl nichts ändern.

Ein Nachbar, einer der wenigen in der Straße, der immer positiv denkt, hatte den wirklich besten Vorschlag von allen, den er auch gleich in die Tat umgesetzt hat. Man kann doch mal mit den Autofahrern reden und sie höflich auf die Geschwindigkeitsbeschränkungen aufmerksam machen. Er bemerkte auch, dass das alles nette Jungs wären, die einfach nur ein wenig Spaß haben wollten und sie vielleicht gar nicht wissen, dass sie uns auf die Nerven gehen. Die Lösung kann so einfach sein. In der Folgezeit haben wir den einen oder anderen angesprochen und einfach gebeten, langsam zu fahren, da in der Straße Kinder wohnen und die Straße auch sehr unübersichtlich sei. Es gab dabei nie Streit oder harsche Gegenwehr. Ansonsten haben die Autofahrer freundlich und verständnisvoll reagiert und in Folge wurde es ruhiger in der Straße.

Im Frühjahr, die ersten warmen Tage, sind fürchterlich und auch im Sommer hat man manchmal das Gefühl man wohnt auf einer Rennstrecke. Aber es scheint weniger geworden zu sein. Mittlerweile hat sich die Stadt eine Lösung für das Symptom überlegt. Der Festplatz wird mit einem Erweiterungsbau der Berufsschule bebaut. Der Parkplatz soll zum bewachten Platz für Wohnmobile ausgebaut werden. Damit werden die Autotuner und Raser vertrieben. Sie müssen sich nächstes Jahr anderen Platz suchen. Auch dort werden sie den Anwohnern auf die Nerven gehen. Wie man es dreht und wendet: Das eigentliche Problem bleibt. Solange das Fahren von stark motorisierten Fahrzeugen gesellschaftlich höchste Priorität hat und alles in einer Stadt darauf ausgelegt ist, den Autos und Motorrädern Vorrang einzuräumen, werden solche Begleiterscheinungen nicht verschwinden.

Und somit kehre ich zum ersten Teil meiner kleinen soziologischen Betrachtung zurück. Die Gesellschaft gibt es und sie nimmt es. Sie hat uns den Autoverkehr gegeben, als es noch der Ausdruck von Wirtschaftswachstum und Wohlstand war und alle vom Fortschritt profitiert haben. Die Gesellschaft wird es uns auch wieder nehmen, nämlich spätestens dann, wenn auch der letzte Tuner kapiert hat, das Autofahren voll uncool ist und das Eigentum an einem Auto gar keine Bedeutung hat und man lieber in den Bus steigt, Fahrrad fährt oder zu Fuß unterwegs ist.

 Es ist auch nicht so, als könnte ich und du und jeder andere nichts dafür tun. Wir können selbst unser Verhalten ändern, auf Fahrrad und ÖPNV umsteigen, mehr Wege zu Fuß zurücklegen, auf das eigene Auto verzichten, wenn wir doch mal darauf angewiesen sind, es uns nur leihen, bei Wahlen die Parteien und Politiker wählen, die eine Verkehrswende wollen, vor Ort mit Lokalpolitikern reden, für Veränderungen einstehen, sich aktiv beteiligen, wenn es darum geht, das Bürger mitentscheiden sollen und das sind nur ein paar Möglichkeiten, die ich als Teil der Gesellschaft habe. Das dauert und ist anstrengend aber es lohnt sich!!

Die Gesellschaft gibt es, die Gesellschaft nimmt es! (Teil 2)

Die meisten Menschen scheinen ein zwiespältiges Verhältnis zur Gesellschaft zu haben.  Einerseits profitieren sie von einem funktionierenden Gemeinwesen, scheuen es nicht, es als gottgegeben zu betrachten und in Anspruch zu nehmen. Sie verstecken sich gerne hinter den Institutionen, die für sie die unangenehmen Dinge des Lebens erledigen sollen. Andererseits haben sie aber für die ihre Mitmenschen, Funktionsträger und Vertreter der Institutionen nur Misstrauen und Verachtung übrig. Bei phlegmatischen und neurotischen Zeitgenossen äußert sich diese Ablehnung durch Resignation und gespielter Verzweiflung. Die da oben machen ja mit uns, was sie wollen! Ein anderer Teil dieser Menschen, die ein gespaltenes Verhältnis zur Gesellschaft haben, würde  ich als getrieben bezeichnen würde, ergehen sich in einem scheußlichen Aktionismus, ohne überhaupt sich die Mühe gemacht zu haben die Verhältnisse zu analysieren.

An einem Beispiel aus meiner näheren Umgebung möchte ich gerne zeigen, welche Auswirkungen es hat, wenn man diesen Menschen zu viel Wirkungsraum zur Verfügung stellt. Wir leben in einem ruhigen Wohngebiet in mitten einer Stadt mit ca. 52.000 Einwohner. Unser Wohngebiet liegt wie eine Halbinsel zwischen den Flüssen Lahn und Dill. An der Spitze der Halbinsel fließt die Dill in die größere Lahn. An dieser Spitze gibt es einen Parkplatz und einen alten Festplatz, der nicht mehr genutzt wird. Der Festplatz und Parkplatz liegt eher abgelegen jenseits des Wohngebietes und bietet sich für junge Menschen als Treffpunkt an. Menschen unter dreißig haben nun einmal die Angewohnheit, sich zusammenzurotten und von dem Rest der Menschheit abzugrenzen. Menschen über dreißig regen sich gerne und schnell über diese Zusammenrottungen auf. Wenn sich die Aufregung gelegt hat, werden sie meistens  sentimental und geben zu, dass sie auch mal jung waren und dann gehörig über die Stränge geschlagen haben. Aber das war ja ein ganz anderes und viel wertvolleres Über-die-Stränge-schlagen. Die jungen Leute von heute haben einfach keinen Sinn mehr für Spaß!! Die spielen ja immer nur an ihren Handys rum. Oh warte, in der Whats-App-Gruppe vom Kindergarten hat jemand was geschrieben!!!

Um auf diesen Parkplatz zu kommen, fährt man eine schmale Straße (Tempo 30 und Einbahnstraße), die direkt an den Gärten der Häuser vorbeiführt entlang, kann über den Parkplatz auf die andere Seite der Halbinsel fahren und muss dann wieder in eine Einbahnstraße (auch Tempo 30) in die andere Richtung auf der Fassadenseite der Häuser entlang fahren. Es gibt keinen anderen Weg, um mit dem Auto zum Festplatz zu kommen. Ein schöner Rundkurs, der durch ein Wohngebiet führt, scheint für gut motorisierte junge Menschen einen gewissen Reiz darzustellen, insbesondere, wenn man sich nicht um Tempobeschränkungen kümmert.

Auch hier das Kommentar der Menschen über dreißig: wir sind früher immer langsam gefahren!!! (in schlechten amerikanischen Comedyserien wird an solcher eine Stelle lautes Gelächter vom Band abgespielt) Dann rechtfertigen Sie sich: Führerschein auf Probe, da ging nix!!! (Wieder Gelächter vom Band).

Sich nicht an Geschwindigkeitsbeschränkungen zu halten ist das eine Problem, das andere Problem ist es, Motoren und Abgasanlagen so zu modifizieren, dass sie, egal bei welcher Geschwindigkeit, einen Krach erzeugen, der einem modernen Passagierflugzeug ähnelt.

Auf dem Parkplatz treffen sich aber nicht nur Tuner, sondern auch diese Mercedes AMG-Typen, die auf illegale Autorennen stehen und gerne mal eine Gerade von fünfzig Metern nutzen, um von null auf hundert zu beschleunigen (in einer 30iger Zone, wohlgemerkt) und andere jüngere Personen, die dort einfach nur rumstehen und sich unterhalten wollen. (Das sind auch Drogen mit ihm Spiel, sagte die Nachbarin mit Alkoholproblem und wankte zitternd nach Hause, weil sie wieder einen Schnaps brauchte, um ihren Pegel zu halten.)

Man kann von Anwohnern nicht erwarten, dass sie soziologische Feldforschung betreiben, um zu verstehen, welche anthropologischen Biotope sich dort im Abseits ihres Wohngebietes tummeln. Die Anwohner differenzieren nicht. Wie auch? Die Anwohner sitzen an einem sonnigen Sonntagnachmittag im Garten und werden von den PS-Protzen aufgeschreckt, die sich mit ihren Düsenjets im Anflug auf den Parkplatz befinden. Oder sie räumen ihren Wocheneinkauf aus dem Kofferraum räumen, hören sie die Motoren hinter sich röhren und bekommen Herzrasen. Mehr sehen und hören sie nicht von den Parkplatzbesuchern.

Wir wohnen seit acht Jahren in diesem wunderbaren Wohngebiet und haben es keinen einzigen Tag bereut. Für uns ist es ein kleines Paradies urbanen Wohnens. Wir haben alles in der Nähe, wir können achtzig Prozent unserer Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad hinter uns bringen und trotzdem leben wir ruhig und naturnah, haben ein schönes Haus und einen großen Garten.  Seit dem wir hier wohnen, erleben wir die Diskussion um die Parkplatzbesucher. An der Stelle kehren wir zu meiner ursprünglichen Aussage zurück. Man könnte glauben, jeder in der Nachbarschaft hat das gleiche Interesse: der Krach muss aufhören, die Gefährdung von Verkehrsteilnehmern muss aufhören. Dem ist nicht so. Es gab keinen gemeinsamen Nenner, sondern viele Partikularinteressen mit den unterschiedlichsten Motivationen bzw. nur ein Unbehagen, aber wenig klare Aussagen, was nun eigentlich stört.

Fortsetzung folgt…

Die Gesellschaft gibt es, die Gesellschaft nimmt es!

Wenn wir von Gesellschaft reden, denken wir an ein abstraktes Gebilde, das außerhalb von uns existiert und dessen Willkür wir vollkommen ausgeliefert sind. Anhänger von Verschwörungstheorien, Querdenker, Reichsbürger und politische Extremisten scheinen sich diesem Gebilde in den Weg zu stellen und es herauszufordern.

Eine Gesellschaft besteht aus vielen einzelnen Gliedern, die untereinander agieren.  Jedes dieser Glieder hat ein Interesse an Teilhabe und persönlicher Entfaltung. Um das optimal organisieren zu können, ist ein größtmöglicher Nenner in Form von Absprachen, Regeln und Ausgleich der Interessen nötig. Daraus erwächst eine Komplexität, die etwas magisches, fast absolutes hat.  

Oben genannter Personenkreis sieht nur das gottähnliche im Antlitz einer Gesellschaft. Für sie schwebt sie wie eine dunkle Bedrohung über uns und mit dem Versuch, die Gesellschaft als Spielball einer Elite darzustellen, die im Hintergrund und Untergrund die Geschicke lenkt, versuchen sie ihre Angst vor dem imaginären Absoluten zu mildern.

Seltsamerweise wollen sie nicht zur Transparenz beitragen. Sie versteifen sich auf ihre wilden Wahrheiten, die man noch nicht einmal Theorien nennen darf, weil sie fest von deren Evidenz überzeugt sind und gerieren sich wie katholische Dogmatiker, die von der angeblichen Wahrheit der Jungfrauengeburt nicht abrücken wollen, weil sie Angst vor dem Zusammenbruch ihres ideologischen Kartenhauses haben.

Es gibt also keinen Grund für sie, zum Verständnis beizutragen. Sie wollen ein Missverständnis kultivieren, dem schon viele Rebellen und Revoluzzer aufgesessen sind. Sie glauben, dass ein Leben außerhalb der Gesellschaft auf dem Territorium der Gesellschaft möglich ist. Wenn man die Reichsbürger betrachtet, haben sie dieses Missverständnis auf die ultimative Spitze getrieben. Es gibt aber kein Leben außerhalb der Gesellschaft. Man ist immer Teil dieses Gebildes. Und wenn man ein Selbstversorgerleben in der Wildnis bevorzugt, wird es ab und zu Berührungspunkte mit der zivilisatorischen Organisation namens Gesellschaft geben. Man kann sich ihr nicht entziehen. Warum sollte man es auch? Viel wichtiger ist die Erkenntnis als Teil einer Gesellschaft sich nicht von ihrer Komplexität abschrecken zu lassen. Der Preis der Komplexität ist die Trägheit des Systems. Vieles scheint starr zu sein. Man hat sich scheinbar unabänderliche Regeln gegeben. Aber eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn sie auf Veränderungen reagiert. Anstatt sich ihr entziehen zu wollen, ist es die Aufgabe des aufgeklärten Teilhabenden, die Veränderungsprozesse voran zu treiben und positiv zu begleiten, auch in seinem persönlichen Umfeld.

Is ja nich so als wäre ich faul gewesen….

….mein erster Beitrag in 2021. Drei Monate Abwesenheit: Was hat er die ganze Zeit über gemacht?

Ist ja nicht so, als wäre der Blog mein Leben. Da sind wir doch wieder beim Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Leben. Wer sich damit näher damit auseinandersetzen möchte, empfehle ich die Lektüre von Hannah Ahrendts Vita Activae. Frau Ahrendt hat sich da viele Gedanken drüber gemacht, sie sogar niedergeschrieben und wahrscheinlich damit sogar ihren Lebensunterhalt verdient.  Sie hat verstanden, dass der private und öffentliche Bereich im modernen Leben nicht einfach zu trennen ist und deswegen jetzt glauben alle, dass ich, weil ich mich nicht mehr in der Öffentlichkeit präsentiert habe, quasi untergetaucht war oder auf der faulen Haut gelegen habe.

Nee, dem war nicht so. Ich war ganz schön eingespannt und habe mich vollkommen auf mein literarisches Schaffen konzentriert. Ich habe zwei Romane korrigiert. Da kann ich mich nicht noch mit irgendwelchen sinnlosen Textabsonderungen beschäftigen, die ich in meiner kargen Freizeit produziert hätte, um meinem öffentlichen Dasein gerecht zu werden.

Aber jetzt bin ich fertig…völlig fertig und ausgelaugt…Roman Zwo ist aus meiner Sicht abgeschlossen. Die Fertigstellung habe ich ja schon in meinem letzten Beitrag abgefeiert. Vielleicht war ich da etwas voreilig. Die 262 Normseiten musste ich noch einmal nach Fehlern durchforsten. Viel habe ich nicht mehr gefunden. Was entweder daran liegt, dass ich mittlerweile jede Textstelle auswendig kenne und Fehler gar nicht mehr wahrnehme oder dass es einfach keine sichtbaren Fehler mehr gibt. Das heißt, der Text muss wohlwollend von anderen Menschen in Augenschein genommen werden. Es wird Zeit für das Lumpenlektorat, bestehend aus meiner Frau und hoffentlich ein paar anderen Lesern, die den Text einfach mal auf sich wirken lassen und mir ehrlich gemeinte Rückmeldungen geben. Das ist der masochistische Part am Romaneschreiben…wenn sie alle die Luft durch die Zahnreihen ziehen, kurz innehalten und mir verbal Schmerzen hinzufügen…ja weißt du, der Anfang ist ja richtig stark, ich konnte so richtig in die Geschichte eintauchen, aber der Rest, ich weiß nicht, ob du da dafür eine Zielgruppe findest. Ist schließlich ein schwieriges Thema. Die Leute wollen ja schließlich unterhalten werden. Was heißen soll: Wen interessiert das eigentlich, was du da geschrieben hast?

 Gestern habe ich ihn meiner Frau per Mail zukommen lassen und hoffe, dass sie ihn schnellstmöglich liest. Und falls noch andere sich als TestleserIn zur Verfügung stellen wollen: haltet Euch schon einmal bereit!!

In der Zwischenzeit werde ich wieder häufiger mich in der Öffentlichkeit zeigen und auch über die weitere Arbeit an Roman Drei berichten…..

Das Ende

Die Fertigstellung des Romans war schwieriger als gedacht. Das letzte Kapitel hat es noch einmal in sich gehabt. Die Grundidee war es, die Zukunft der Protagonisten zu beschreiben. Sie kommen von ihrer großen Reise zurück. Können sie sich wieder einordnen, ihr altes Leben wieder aufnehmen oder wird sich ihr Leben radikal ändern? Und hier teilt sich das bisher miteinander verbundene Schicksal der Helden. Der eine versucht sich sein altes Leben zurück zu erobern und der andere wird sein Leben radikal ändern. Sie werden sich aus den Augen verlieren. Während einer der Beiden eine Familie gründet, in eine andere Stadt zieht, ein Haus kauft, seine Söhne großzieht, scheint der andere einfach wie vom Erdboden verschluckt. Nach zehn Jahren gibt es einen Anlass, der sie wieder zusammenbringt. Der eine Protagonist macht sich auf die Suche nach dem Anderen und findet ihn. Soweit so gut! Wo ist die Pointe am Schluss?

Es soll ja Autoren geben, die einen Roman erst beginnen, wenn Sie den letzten Satz schon kennen. Das war noch nie mein Ding. Ich habe zwar in den letzten Jahren gelernt mit einem Plan ans Schreiben zu gehen. Doch um das Ende habe ich mich selten geschert. Manchmal ist der Schluss der Anfang (wie in Roman drei). Aber das ist die absolute Ausnahme. Manche Autoren betrachten es als Fehler, kein Ende parat zu haben. Ich sehe das anders. Trotz einem Plan brauche ich Spielraum für die Entwicklung der Geschichte. Manchmal ist es wichtig, dass Pläne offen genug sind, um andere Verläufe zuzulassen. Im Endeffekt ist die Zuspitzung auf das Ende wichtig, denn das Ende ist wie der Anfang eines Romans das Element, dass dem Leser auf jeden Fall in Erinnerung bleibt und sein Urteil über den Text stark beeinflusst. Mir fehlte die Pointe der Geschichte.

Ich kam bis an den Punkt, an dem sich die zwei Protagonisten nach zehn Jahren wiedersehen. Das sollte es gewesen sein? Eigentlich nicht. Irgendetwas Spannendes und Aufregendes muss am Ende passieren. Ein Ausrufezeichen, vielleicht auch ein Fragezeichen, irgendetwas mit dem der Leser überhaupt nicht gerechnet hat, ein letzter Überraschungsmoment, etwas, was den Atem stocken lässt. Jetzt treffen sich zwei Menschen nach zehn Jahren und erzählen sich ein wenig von Ihrem Leben. Wo soll da die Spannung herkommen? Lange musste ich darüber nachdenken. Ich habe munter weiter geschrieben und irgendwann war ich an den Punkt angelangt, an dem es nicht weiter geht, ohne das Ende zu wissen. Die Fertigstellung des Romans kam zum Erliegen. Mindestens zwei Wochen konnte ich kein Wort schreiben. Es ist mir einfach nichts eingefallen. Viele Varianten habe ich im Kopf durchgespielt. Alle schienen mir zu lasch und einfallslos zu sein. Letztendlich habe ich mir vorgenommen, verschiedene Versionen der letzten drei Seiten zu schreiben. Sich nicht festzulegen, sondern erst einmal spielerisch ausloten, was möglich ist, erwies sich als gute Idee. Das war mein Befreiungsschlag. Schon die erste Version hat das beste Ergebnis gebracht. Natürlich verrate ich hier nicht, was am Ende passiert. Aber nach drei weiteren Wochen war ich endlich fertig mit dem Text. Ich musste die letzten Seiten mehrmals überarbeiten. Beim Lesen habe ich sofort gemerkt, dass es durch das neue Ende mehrere Ungereimtheiten entstanden waren, die ich wegfeilen musste. Dann habe ich das Kapitel insgesamt noch einmal überarbeitet und nun bin ich fertig.

Aber ihr wißt ja, was das bedeutet….Jetzt fängt die Arbeit richtig an….mein Heimlektorat (meine Frau) muss den Text jetzt erst mal absegnen, dann suche ich Testleser….ist noch ein langer Weg. Ich werde berichten.

Endspurt

Im Sommer habe ich zum letzten Mal über die Revision meines zweiten Romans berichtet. In einer kleinen Lektion über das Schreiben habe ich mein eigenes Tun reflektiert und mit Ratschlägen an andere weniger geübte Autoren verbunden.

Seit dem ist es auf meinem Blog still geworden, gerade wenn es um mein eigentliches Thema, das Schreiben ging,  habe ich mich in Schweigen gehüllt (vielleicht hätte ich mich lieber in rosafarbene Seidentücher hüllen sollen).

Tja manchmal bekomme ich nicht alles unter einen Hut (so einen hätte ich auch noch aufziehen können, rosa Tücher, schwarzer Hut…), denn ich habe im letzten halben Jahr mein Zeitbudget darauf verwendet, meinen Roman von den Füßen auf den Kopf stellen (im Kopfstand, die rosa Tücher und der schwarze Hut halten sich nicht am Körper, scheiße aber auch). Nachdem ich lange mit einigen Kapiteln gekämpft habe, schreibe ich nun die letzten Seiten des letzten Kapitels.

Im Sommer und Herbst hatte ich noch einige Hürden zu überwinden. Besonders der Herbst war schwer für mich. Ich konnte zum Schreiben nicht mehr an meinem gewohnten Platz draußen im Garten sitzen. Das macht mich jedes Jahr fertig und lässt meine Motivation auf den Nullpunkt sinken. An meinem Stammplatz im Garten habe ich Ruhe, kann mich konzentrieren, bin raus aus dem Familientrubel, kann eine Pfeife oder Zigarre rauchen und einen Kaffee schlürfen. Perfekte Arbeitsbedingungen. Das überarbeitete Kapitel spielte im Sommer und es fiel mir einfach die Stimmung des zu Ende gehenden Sommers auf den Text zu übertragen. Ich war zufrieden mit mir und meiner Arbeit. Ich hatte gerade noch das letzte vorhandene Kapitel aus der ersten Version überarbeiten können und dann wurde es Herbst.

Das nächste Kapitel musste ich vollkommen neu aus dem Boden stampfen. Das Kapitel aus der ersten Version war so schlecht geschrieben, dass ich noch nicht einmal Fragmente für die zweite Version verwenden konnte. Der kalte Herbst zwang mich an meinem Schreibtisch in meinem kleinen Arbeitszimmer und ich hatte keine Idee für das vor mir liegende Kapitel.

Ich ging in Klausur und nahm mir vor zwei Wochen lang an dem Setting zu arbeiten. Ich wusste ja, worum es gehen sollte. In der ersten Version sollten sich jetzt Vater und Sohn gegenüber stehen. Damals entschied sich der Sohn bei seinem Vater zu bleiben. Sein Freund kehrte darauf hin nach Hause zurück. Bei meinen ersten Überlegungen, lange bevor ich an diese Stelle kam, war mir klar, dass das Bullshit war. Der Vater hatte seinem Sohn Unrecht angetan und auf der langen Reise musste der Sohn erkennen, dass er seinem Vater in manchen Dingen ähnlich war, er aber nicht wie sein Vater werden wollte. Also musste in der neuen Version der Sohn am Ende des Kapitels seinem Vater die Gefolgschaft versagen und wieder nach Hause zurückkehren. Das hatte natürlich Konsequenzen für die weitere Handlung im nächsten und letzten Kapitel. Beim Nachdenken fiel mir auf, dass sich für mich völlig neue Möglichkeiten ergaben, um die Handlung zu einer nachvollziehbaren Einheit verschmelzen zu können. Mir wurde klar, dass ich auch das letzte Kapitel vollkommen neu aufziehen musste.

Aber zurück zu meiner Klausur. Wenn mir nichts einfällt, mache ich ein kleines Brainstorming. Ich versuche zuerst zu überlegen, was ich mit dem Kapitel aussagen möchte. Oft helfen mir andere Bezugspunkte, Werke anderer Künstler, die sich schon an einer ähnlichen Thematik versucht haben.

Das Kapitel sollte in einer Art Warroom spielen. Ein Anführer sitzt in einem Raum und spricht mit Personen, die sich weit entfernt an einem anderen Ort befinden. Das Thema Videokonferenz ist allgegenwärtig und man sieht fast täglich in den Nachrichten Politiker, die vor Bildschirmen sitzen und über die Entfernung miteinander konferieren.

Ich saß ein Wochenende lang gelangweilt vor meinem Computerbildschirm, bohrte mir mit dem Bleistift in der Nase herum und hüpfte von einer Pornoseite zur nächsten. Zuerst liebäugelte ich andauernd mit einem ähnlichen Setting wie bei Kubricks Dr. Seltsam. Dort gibt es diese weltberühmte Warroomszene mit Peter Sellars im Rollstuhl als verrückten Wissenschaftler. Witzig aber viel zu altmodisch. Nachdem ich mehrere meiner Hirnwindungen mit meinen Hirnwinden aufgebläht hatte und ich meine Gedanken in Schleifen gelegt hatte, fiel mir ein Kunstwerk der letzten Dokumenta ein, das ich damals als sehr inspirierend empfand.  In einer alten unterirdischen Straßenbahnhaltestelle wurde die Installation von Michel Auder „The Course of Empire“ gezeigt. Es handelte sich um ungeordnet an die Wand gehängte Bildschirme auf denen unzählige verschiedenartige Szenen gezeigt wurden: Abbildungen von Kunstwerken, Filme über Naturkatastrophen, Gewaltszenen, pornographisches Material, Handynachrichten, Texte. Die Szenen schienen in keinem Zusammenhang zu stehen. Michel Auder bezog sich allerdings auf einen Gemäldezyklus von Thomas Cole, der sich wiederum auf einen Gedicht von George Berkeley bezog, das den Aufstieg und Fall eines Imperiums beschrieb.

Die Bezugspunkte gaben mir wieder einen neuen Spielraum. Die Mission des Vaters meiner Romanfigur bestand in der Zerstörung eines Imperiums und die Erschaffung eines neuen Imperiums. Ich zeigte also in dem Kapitel wie der Vater per Videokonferenz mit seinen Untergebenen über die Zerstörung des Imperiums sprach und sie gleichzeitig mit aktuellen Bildern über das Voranschreiten der Zerstörung durch Kriege, Naturkatastrophen und Gewalttaten gegen Mensch und Natur gefüttert wurden. Der Sohn sollte Zeuge dieser Konferenz der Destruktion werden. Der Vater wollte ihn von seiner Mission überzeugen und ihn zu seinem Nachfolger als Koordinator der Zerstörung küren. Der Sohn erschrickt über die Abartigkeit seines Vaters und enttarnt den Irrsinn dahinter, den der Vater schon lange nicht mehr erkennt. Am Schluss lehnt er das Erbe ab und flüchtet vor seinem eigenen Vater.

Die Idee habe ich kurz skizziert und mir überlegt, wie der Ort ausschauen könnte, an dem diese Videokonferenz des Grauens stattfinden könnte. Mit dem Setting bin ich in die Planung meines Dialoges zwischen Sohn und Vater gegangen. Der Dialog zwischen beiden ist der Dreh- und Angelpunkt des Kapitels. Am Ende muss stehen, dass der Sohn dem Vater alles vor die Füße wirft und ihm erklärt, dass er verrückt ist. Welche Botschaften wollen die beiden dem anderen überbringen? Welche Gefühle oder alte Verletzungen, welche Weltanschauungen und Traumata spielen eine Rolle? Manche Gefühle werden ausgesprochen, manche Gedanken werden laut gesagt. Eine ähnliche Vorbereitung zu meinem dritten Roman habe ich schon einmal anhand eines Interwievs hier im Blog vorgestellt. Erst als ich das Gefühl hatte, das die Stimmung passte, dass das angespannte Verhältnis zwischen Vater und Sohn deutlich wird, habe ich begonnen eine Handlung grob nieder zu schreiben. Das Kapitel sollte nicht lang sein. Auf der einen Seite ist da der Dialog zwischen Vater und Sohn. Aber die Handlung muss ja auch vorangetrieben werden. Also durfte es keine großen Ausflüge geben. Das Kapitel sollte dicht und griffig wirken. Im Prinzip wie eine Action-Szene im Film. Schnell, kurze Schnitte, wenig Gedöns und Obacht, natürlich stimmig in der Botschaft sein. Ob ich das geschafft habe, kann der geneigte Leser beurteilen, der irgendwann mal den Roman lesen darf. (Hatte ich schon gesagt, dass ich bald Testleser brauche! Interessiert?) Die Arbeit daran hat dann ungefähr sechs Wochen gedauert, von Planung bis Schreiben und Fertigstellung des Kapitels. Allerdings durch mein gezieltes Herangehen habe ich viel Zeit gespart und nach meinem Empfinden ist das Ergebnis wesentlich besser als der erste Versuch, den ich einfach ohne Planung aufs Papier gebracht habe.

Mir fehlen noch ca. zehn Seiten und dann werde ich das letzte Wort meines Romans geschrieben haben. Alle Romanautoren kennen dieses besondere Gefühl, wenn man am Ende eines langen Weges ankommt und nun sich alles wie von selbst zu einem großen und ganzen Werk zusammenfügt. Man hat es geschafft aus einer kleinen Idee einen ganzen Kosmos an Figuren und Geschichten zu erschaffen und das kann einem keiner mehr nehmen.

Es ist egal, ob ich einen Verlag finde oder sogar einen Leser, dieses von mir erschaffene Geschöpf erblickt nun bald das Licht dieser Welt….

Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Erinnya von Clemens J. Setz

 Der letzte Abend in Freiheit: eine seltsame Stimmung zwischen aufgekratzter Leichtigkeit und Depression begleitet uns schon das ganze Wochenende.  Am Montag beginnt der Lockdown light und wir haben zum letzten Mal die Gelegenheit für eine lange Zeit einen lockeren Abend in geselliger Zweisamkeit zu verbringen. Als wir in Giessen ankommen, haben wir das Gefühl, dass alle Menschen, die heute Abend unterwegs sind, sich in einer ähnlichen Gemütsverfassung befinden. Und irgendwie passt das Stück dazu. Denn so uneindeutig wie unsere Empfindungen an diesem Abend sind, so ist das Werk des jungen und hell leuchtenden Stern am Firmament des modernen Dramas durchsetzt von Ambivalenzen und Merkwürdigkeiten. Clemens Johann Setz aus Graz hat seine spleenigen Eigenarten. Aus seinen Texten sprießen willkürlich verkleisterte Wortkonstrukte, deren Bedeutungen nicht zusammenpassen, die sich dem Zuhörer schnell entziehen.  Er erzählt Geschichten mit Bezug zur Gegenwart, verweigert sich aber jeglicher Moralpredigt und Aufruf zur kategorialen Abscheu. Das macht ihn interessant in Zeiten, in denen von Künstlern ständig verlangt wird, eindeutige Position zu beziehen und bestimmte Auswüchse zu verdammen. Er stellt seine Figuren in den Mittelpunkt und betrachtet sie wie ein Psychologe, der seine Figuren verstehen will, ohne sie zu Witzfiguren zu machen.

Worum geht es in Erinnya? Matthias hat psychischen Probleme und trägt einen Kopfhörer, der ihn mit Erinnya verbindet, einem ominösen sozialen Netzwerk, das angeblich aufgrund demokratischer Entscheidungen dem Träger des Kopfhörers Sätze einflüstert. Erinnya hat einen positiven Einfluss auf sein Wohlbefinden und seine Freundin Tina beschließt ihn nach drei Jahren Beziehung ihren Eltern vorzustellen. Tinas Vater betrachtet den netten jungen Mann, der seltsame Sätze absondert und immer den Kopfhörer auf den Kopf hat, mit Argwohn und es kommt zum Konflikt zwischen ihm und seiner Tochter.

Als Zuschauer ist man überwältigt von den vielen Sinneseindrücken, die sich dort auf der Bühne auftürmen. In der Inszenierung und mit dem Bühnenbild hat man sehr darauf geachtet, dass sich die Ereignisse überlagern. Eine Kamera auf der Bühne nimmt das Geschehnis auf der Bühne auf und wirft es an die Rückwand der Bühne, im Vordergrund die aktuelle Szene und Sprechrollen, daneben die Schauspieler ohne Text, die etwas an die Wand malen oder sich sonst wie beschäftigen. Auf der Bühne scheint ein ähnliches durcheinander wie ihm Kopf des Protagonisten zu herrschen, der mittels Erinnya seine letzten psychischen Krisen hinter sich gelassen hat und ein wenig zur Ruhe kommt. Seine Freundin Tina, die sich liebevoll um ihn kümmert und vollkommen von Erinnya überzeugt ist, kommt an ihre Grenzen, als ihr Vater sie ins Kreuzverhör nimmt. Er verurteilt die Abhängigkeit des Freundes seiner Tochter von einem sozialen Netzwerk, hat aber den ganzen Tag über einen Knopf im Ohr hat und schaut sich im Internet Videos an. Niemals wird deutlich, wie Erinnya wirklich funktioniert. Aber alle die mit Errinya in Berührung kommen sind fasziniert und erwarten von dieser mystischen Einflüstermaschine die Lösung all ihrer Probleme. Vielleicht geht es genau darum in dem Stück: Wir sind alle verwirrt, haben die Orientierung verloren und legen alle unsere Hoffnung in ein Spielzeug, dass wir soziale Netzwerke nennen. Aber es führt uns nicht zusammen. Im Gegenteil: Es führt zur Ausgrenzung. Matthias bleibt aufgrund seiner psychischen Probleme der Außenseiter und Erinnya scheint den Abstand zu seiner Umwelt noch zu vergrößern. Am Ende des Stückes wird er wie Lenz in die Natur fliehen, die Menschen hinter sich lassen und nie wieder in Erscheinung treten.

  In der Pause stehen meine Frau und ich vor dem Theater.  Es ist an diesem Novemberabend warm wie im Frühling und alle Krisen dieser Zeit scheinen über uns hereinzubrechen: die Pandemie, der Klimawandel, der Trumpismus (es waren schließlich noch zwei Tage bis zur US-Wahl). Wir waren beeindruckt von diesem Abend, dem Stück, der Gegenwart, unserem Leben, das so sanft dahingleitet und nur vordergründig dieser ganzen Melange aus Gefahr und Krise trotzt. Wir fühlen uns fremd in einer Welt, in der Erinnya den Menschen die Sätze vorgibt und fangen an wirres Zeugs zu reden.  Wir beschließen am Ende der Pause einfach daran zu glauben, dass unser Leben einfach nur schön ist, auch ohne Erinnya.