Der Sommer soll nicht enden….

  Er wollte nicht, dass dieser Sommer endet. Das Leben darin war voller Licht, Farben und Empfindungen und fühlte sich zeitweise an wie der Ritt auf einer Achterbahn. Bisher vermied er Fahrten mit der Achterbahn. Er dachte an den Adrenalinspiegel, der beim Hochziehen zum höchsten Punkt der Bahn in einem ungesunden Maße anstieg. Ihn ängstigte der drauf folgende Fall in das tiefe Luftloch und der Moment kurz vor dem Aufschlag auf dem Boden und er wollte nicht ungefragt in einen Looping hineingesogen werden. Er verabscheute die Fliehkräfte, die an ihm zerrten und seinen Magen umstülpten. Er ertrug es nicht, wenn jede einzelne Faser seines gesamten Körperapparates im Schleudergang durchgeschüttelt wurde.  Bisher wollte er sämtliche Unannehmlichkeiten nicht ertragen müssen. Allerdings hatte ihn der Sommer gelehrt, dass es lohnt, diese Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen. Denn am Ende der Fahrt, wenn die Wagen abgebremst wurden, die Endorphine ihn übermannten und er dieses rauschähnliche Glückszucken für ein paar Sekunden bemerkte, fühlte er sich lebendig und die schwere Last, das Unbehagen seiner Existenz, die er viel zu lange mit sich herumschleppte, fiel von ihm ab.

Auf der Achterbahn hat er sich wieder gefunden. In den Jahren davor war er sein eigener Alptraum, gefangen in maladaptiven Bewältigungsmodi. Ein trauriges Kind, dass verloren gegangen war und nicht mehr gefunden werden wollte. Spätestens im Herbst letzten Jahres, als seine Mutter verstarb, hatte er sich endgültig seinem Schmerz hingegeben. Es gab keinen Platz für ihn, nirgendwo. Aber niemand hat ihn verjagt oder ausgegrenzt. Er selbst ist in sich selbst hineingekrochen, wehleidig und beleidigt.

Im letzten Jahr hatte seine Frau, seine große Liebe, resigniert aufgegeben und sich anscheinend Trost bei einem anderen Mann gesucht. Wahrscheinlich war sie selbst verzweifelt, hatte er doch eine Mauer um sich errichtet und alle Bemühungen seine Aufmerksamkeit zu erregen, prallten an der harten Wand ab. Sie hatten sich so weit entfernt, dass er anfing, ihr zu misstrauen. Die Prophezeiung seiner Mutter, mit der er vor langer Zeit gebrochen hatte, schien sich wie jede selbst erfüllende Prophezeiung zu erfüllen. Hatte sie ihm doch beigebracht, niemanden zu trauen, noch nicht einmal dem Menschen, der vorgibt, ihn zu lieben. Sie hatte zu ihm gesprochen, mit scharfer Stimme, die ihn seinem Kopf in Dauerschleife nachhallte: „Liebe will dir nichts geben, sie will dir nur nehmen“. Er suchte nach Beweisen für die Flucht seiner Frau aus ihrer Beziehung und fand ihn schnell. Eine kleine Notiz, geschrieben von einer ihm unbekannten Männerhand, lag zwischen ihren persönlichen Dingen auf dem Schreibtisch. Auf dem kleinen himmelblauen Zettel standen eine Telefonnummer und die Worte: es war schön mit dir.

Alles brach über ihm zusammen, sein ganzes Leben geriet in Schwanken, er verlor den Halt, stellte sich vor, wie sie lachend am Tisch, so wie sie früher mit ihm lachte, den anderen Mann verliebt mit ihren blauen Augen anblinzelte, so wie sie ihn früher angeblinzelt hatte. Es fühlte sich an, als habe die Liebe ihm wirklich alles genommen. Erst wollte er sie zur Rede stellen, aber bei längerem Nachdenken, fiel ihm auf, dass er nur seinen Ängsten und einer tieferliegenden Verstörung folge. Anstatt sie mit ihrem vermeintlichen Fehltritt zu konfrontieren und sie zu brüskieren, wollte er sie wissen lassen, dass er sich um ihre Liebe sorge und Angst habe, sie zu verlieren.

Die ersten warmen Tage im Jahr. Die Samstage verbrachten sie in ihrem Garten. Sie kümmerte sich um die Beete, er mähte den Rasen. Wie jedes Jahr schafften sie Raum für etwas Neues. Unter der Arbeit ihrer Hände sollte etwas heranwachsen. Sie saßen mittags nach getaner Arbeit auf ihrer Bank in der Sonne und schwiegen. Er fühlte sich beschämt, als säße er mit einem Mal neben einer vollkommen fremden Person. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und sprach leise und zögerlich seine Vermutung aus. „Kann es sein, dass du mich nicht mehr liebst?

Sie zog sich in ihre Ecke der Bank zurück, starrte ihn an, verletzt und wütend und beantwortete seine Frage, ohne seine Frage zu beantworten. Nach der langen Zeit, in der sie sich um die Kinder und ihn gekümmert habe, auf seine Belange Rücksicht genommen habe, sei es an der Zeit, dass sie an sich selbst denken müsse. Er wusste nicht, was sie meinte und anstatt nachzufragen, zelebrierte er seine Verlustängste. „Sei bitte nicht so gemein zu mir. Du weißt, wie sehr ich unter meinen Verlustängsten leide. Willst du dich etwa von mir trennen?“ Sie blieb reserviert, stand auf und ging wieder zu ihrem Beet. Im Weggehen warf sie ihm hinterher: “Siehst du, dass meine ich.“

Die darauffolgenden Tage überlegte er, wie er sie erreichen konnte. Er musste auf sie zugehen, ihr zeigen, dass er sie nicht aufgegeben habe.  Zugewandt wollte er sein, sie und die Kinder in den Fokus nehmen, anwesend sein, nicht nur körperlich, sondern mit all seiner Aufmerksamkeit. Er wollte sie in den Blick nehmen, im wahrsten Sinne des Wortes, sie anschauen und verstehen, was ihr fehlt, was sie an ihm vermisst, was sie braucht, um ihn nicht nur aushalten zu müssen, sondern wieder Freude an seiner Gegenwart zu haben.

Bei jeder Gelegenheit, wenn sie allein waren, begann er eine Konversation. Erst unverfänglich und dann fragte er sie sehr konkret, was sie sich von ihm wünsche, welche Erwartungen sie an ihn habe. Sie war kurz angebunden. Sie habe keine Erwartungen mehr an ihn. Er blieb penetrant und fragte weiter und irgendwann ließ sie weitere Einblicke in ihr Seelenleben zu.

In den ersten Tagen und Wochen ging es nur um unangebrachte Verhaltensweisen: Jammer nicht rum, beschwer dich nicht andauernd, fordere keine Gegenleistung, wenn du nett zu mir warst oder mir meine Freiheit gelassen hast. Beides sind Selbstverständlichkeiten. Erwarte nicht von mir, dass ich dich frage, wenn ich mal ohne dich etwas unternehmen will. Es ist selbstverständlich, dass ich auch ohne dich sein möchte. Nickend nahm er ihre Anweisungen entgegen und wie schwer es ihm fiel, kein Jammerlappen zu sein. Er fragte sich, warum er sich für eine lange Zeit wie ein motziges Kleinkind benommen hatte.

Ihr Neuanfang hatte erst nur etwas von einer Dressur. Sie übten neue Verhaltensweisen ein und bei Rückfall in die alten Verhaltensweisen bestrafte er sich selbst. Nach ein paar Wochen hatten sie sich freigeschwommen. Er begann sich zu verändern, seine Stimmung hellte sich auf, sie wurde zugänglicher, es entstand eine neue Basis zwischen ihnen, auf der sie aufbauten.

Der Frühling ging zu Ende. In einem brütend heißen Juni mit langen Sommerabenden saßen sie oft in ihrem Garten bei einem Glass Wein. In der Dämmerung begann es sich abzukühlen und er schlug ihr vor, am naheliegenden Fluss spazieren zu gehen. Sie liefen nebeneinanderher.  Auf dem geraden Feldweg schwiegen sie. Er suchte eine Möglichkeit, ein Gespräch zu beginnen und als der Feldweg eine Biegung nahm, fragte er sie einfach, wie es ihr ginge. Es entwickelte sich ein langes Gespräch über Alltäglichkeiten, über den Tag, was ihnen auf der Arbeit widerfahren war, was ihre Kinder im Moment bewegte. Sie liefen, bis es am Fluss finster wurde und kehrten dann zurück. Am nächsten Abend liefen sie wieder und diesmal unterhielten sie sich vom ersten Moment an. Am Ende des Weges, kurz bevor sie wieder nach Haus zurückkehrten, gestand er ihr, dass er es abends kaum erwarten könne, von der Arbeit zu kommen und mit ihr zu reden und mit ihr Zeit zu verbringen. Sie lächelte ihn an und nahm seine Hand. Als ihre Hände ineinanderglitten, löste sich ein Stück Trauer von ihm und verschwand in der rotglühenden Dämmerung.

Ein paar Tage später fuhren sie in den Sommerurlaub an die Nordsee. Ihre Harmonie war noch sehr brüchig. Er hatte vielleicht sein Verhalten geändert, konnte sich selbst reflektieren, aber die Zugewandtheit hatte sich in ein unsicheres Klettverhalten verwandelt. Er ließ seine Frau nicht mehr aus den Augen, machte sein Wohlbefinden von ihrem abhängig. Er war ihr untertänigster Diener, las ihr alle Wünsche von den Augen ab und neigte dazu, ihre schlechte Laune als Beweis für sein Fehlverhalten zu deuten. Wenn sie für sich sein wollte, war er beleidigt und glaubte, sie wolle ihn von sich fernhalten. Das motzige Kind ihm war noch nicht besiegt.

An der Nordsee schien sich alles zum Besseren zu wenden. Das Licht, das Meer und die Ruhe schienen ihm gut zu tun. Händchenhaltend liefen sie frühmorgens in den Ort, kauften beim Bäcker Brötchen und setzten sich vor die Bäckerei auf eine Parkbank, um einen Kaffee aus Pappbechern zu trinken und dabei den Hafen und das Meer zu betrachten. Dabei sprachen sie miteinander, vermischten banale Alltäglichkeiten mit tiefschürfenden Gedanken, ihr Blicke trafen sich. Vor ein paar Monate wäre das nicht möglich gewesen. Damals starrten sie einander vorbei und schwiegen. Trotz der Verbesserung schien es noch etwas zu geben, dass zwischen ihnen stand.

Es war noch zu unsicher und konnte keine Kontrolle über die Situation abgeben.  Er wollte alles klären, wollte das alles perfekt sei und er wollte es sofort. Er lauerte regelrecht darauf, um die kleinsten Abweichungen in ihrem Verhalten registrieren zu können. War sie nicht sofort zur Stelle, war sie nicht in seiner Nähe, drehten sich seine Gedanken nur darum, ob sie ihm nur etwas vorspielte und mich hinterging. Eines Nachmittags legte sich seine Frau zum Ausruhen in sein Schlafzimmer, während er in der Küche den Abwasch machte. Er konnte nicht ertragen, dass sie allein war, fühlte sich ausgegrenzt, regelrecht ausgesperrt und in seinem Kopf brannten die perfidesten Gedanken. Seinen Zorn ließ er an den Kindern aus, die er für irgendeine Belanglosigkeit anbrüllte. Als seine Frau sich ausgeruht hatte und wieder zu ihm zurückkehrte, sprach sie ihn auf sein Verhalten an. Er entschuldigte sich, bezichtigte sich selbst, weil er wieder alles kaputt mache und stand kurz vor einem nervösen Zusammenbruch. Es hatte etwas gedauert, bis er wieder runterkam. Fast hilflos fragte er sie, was sie sich von ihm wünschte. Sie unterbrach ihn. Die letzten Wochen seien doch sehr schön gewesen und sie wolle nur, dass er wieder normal sei. Sie wolle keine Verantwortung für ihn tragen, das könne er durchaus selbst, aber manchmal benähme er sich wie ein fünfzehnjähriger Teenager.

Die darauffolgende Nacht schlief er sehr gut. Er hatte herausgefunden, dass in mir eine andere Persönlichkeit wütete, ein kleiner Junge, ein Bote aus seiner Kindheit, der sich ungerecht behandelt fühlte. Ab dem Zeitpunkt entwickelte er allmählich ein Empfinden für Gelassenheit. Sobald er in sich den Fünfzehnjährigen wüten hörte, ließ er ihn ins Leere laufen und überlegte wie er als Erwachsener auf die Situation, die den Fünfzehnjährigen störte, reagieren konnte.

Der Urlaub verlief weiterhin friedlich und ein paar Tage, nachdem sie wieder nach Hause gekommen waren, hatte er einen Termin bei einer Psychologin. Er hatte sich schon Wochen vor dem Urlaub, um einen Termin bemüht. Sein gruseliges Verhalten, sein Misstrauen, sein Wehleid war zu arg, um es selbst bewältigen zu können. Die Psychologin konnte ihm gut erklären, dass der Fünfzehnjährige nicht die Stimme seiner Kindheit, sondern die Stimme meines inneren Kritikers sei. Die vielen Verbote und Forderungen seiner Eltern hatten sich verstetigt und triggerten sein inneres Kind, dass die Erfüllung seiner Grundbedürfnisse gefährdet sah.

Sie hatten an einer Tafel alle Sätze seines inneren Kritikers gesammelt und festgestellt, dass es sich um viele Originalzitate seiner Eltern handelte. Sein Misstrauen gegenüber den Menschen, die ihn liebten, die Angst ausgegrenzt zu werden, nicht gesehen zu werden, beruhen alle auf Erfahrungen aus der Kindheit und riefen ein infantiles Verhalten hervor. In seinem Fall entweder der Rückzug oder der Ausbruch. Die Psychologin hatte einen einfachen und einleuchtenden Rat: ersetzen sie infantiles Verhalten durch das Verhalten eines Erwachsenen. Instinktiv hatte er dieses Mittel schon mehrfach eingesetzt, in dem er nach schwierigen Situationen das Gespräch mit seiner Frau gesucht hatte, anstatt sich zu verkriechen und sich in seinem Selbstmitleid zu suhlen.

Der Sommer neigte sich bald dem Ende zu. Es blieb warm und es gab viele Gelegenheiten, das Haus für gemeinsame Spaziergänge und Unternehmungen zu verlassen. Die alte Bande, die sie einst so stark und einzigartig gemacht hatte, die sie hat eine Familie gründen lassen, ein gemeinsames Leben hat aufbauen lassen, war wieder sichtbar und spürbar. Oft sagte sie zu ihm, dass sie sein Zutrauen und seine positive Energie sehr genieße und sie den alten Grantler, der ihr den Alltag schwer gemacht hatte, nicht vermisse. Eines Abends im Garten saßen sie bei Kerzenschein an ihrem Platz und sie sagte, dass er es immer noch jeden Tag schaffe, ihr Herz zu erwärmen.

An einem Samstagmorgen vor dem Frühstück flanierten sie auf dem städtischen Wochenmarkt. Sie holten Brötchen für das Familienfrühstück, Gemüse für die Woche einzukaufen. Er konnte sie schnell zu einem Kaffee in seiner Lieblingskaffeebar überreden, denn sie liebte es den ersten Kaffee des Tages mit ihm zu genießen und sich dabei über Gott und die Welt zu unterhalten. Er stand also in dem Kaffee, seine Frau hatte ihn beauftragt, ihr einen Americano zu bestellen, während sie einen Sitzplatz suchte. Die Bedienung nahm seine Bestellung entgegen, braute seinen Cappuccino und während sie mit dem Ausgießer des Milchkännchens eine Palme in den Milchschaum wedelte, überkam ihn ein Sekundenglück und die Erkenntnis, dass es gut ist, manchmal in die Achterbahn einzusteigen und seine Ängste hinter sich zu lassen. Die Barista machte ihm das Tablett mit ihren Kaffees zurecht und er dachte nur daran, wie schön dieser Sommer sei und dass er niemals zu Enden gehen dürfe.

Haltung

Zitat Apsilon im Spiegel-Gespräch Spiegel Ausgabe 27/2026

Apsilon ist ein Rapper aus Berlin, der vor kurzem seine zweite Platte veröffentlicht hat und aus diesem Grunde vom Spiegel interviewt wurde. Für seine Musik und seine Art des Sprechgesangs bin ich nicht sonderlich empfänglich. Seine Haltung als Künstler, die in seinen Texten und in diesem Interview sichtbar wird, beeindruckt mich. Apsilon streckt gerne verbal den Mittelfinger aus, aber nicht aus einer oberflächlichen Trotzhaltung heraus, sondern weil er die gesellschaftlichen Zusammenhänge reflektiert hat und sich bewusst abgrenzen will.

Im Laufe des Interviews fiel der oben zitierte Satz. Ursprünglich ging es um die Grundstimmung des Albums. Apsilon beschäftigt sich mit Gefühl der Ohnmacht angesichts einer Welt, in der alles schlechter zu werden scheint und wie sich dieses Gefühl auf ihn auswirkt. Als ich den Satz gelesen habe, musste ich erst einmal ein paar Minuten innehalten. Es beschreibt genau meine persönliche Haltung. Ich betrachte es nicht nur als politische Aussage, sondern Anleitung zum Lösen jeglicher Schwierigkeiten und Überwindung von Hindernissen, egal ob es mich individuell, meine Familie oder mein Umfeld betrifft.

Mein Verstand arbeitet immer mit dem Worst-Case. Ich bereite mich gedanklich auf Katastrophen vor und frage mich, wie kann ich sie verhindern. Wenn sie nicht zu verhindern ist, überlege ich, wie ich die Katastrophe meistern kann. Erst kommen meine Gedanken. Die Emotionen versuche ich zu benennen und in den Hintergrund zu schieben, um aus meinen Gedanken, Entscheidungen zu extrahieren, die ich in entsprechende Handlungen umsetze. Anschließend kommen meine Emotionen wieder zum Tragen. Ich frage mich, bringt mich Wut, Frust und Trauer weiter oder kann ich durch Handeln meine negativen Emotionen überwinden? In meinem Herzen trage ich die Überzeugung, durch mein persönliches Engagement, meine Aktivität die Katastrophe verhindern oder zumindest abmildern zu können. Oft höre ich von mir: alles wird gut oder wer weiß, wofür es gut ist. Das mögen Beruhigungsfloskeln sein, entspricht aber auch meinen persönlichen Erfahrungen. Ich bin nicht ohnmächtig, nicht Opfer, nicht Leidtragender, sondern Gestalter meiner Zukunft. Manchmal komme ich an meine Grenzen und kann das Unvermeidliche nicht verhindern, aber auch dann bin ich nicht ohnmächtig.

Als klassischer Pessimist könnte ich auch in einer fatalistischen Grundhaltung verharren. Bringt ja alles nix, die da oben machen ja mit uns, was sie wollen und ähnlicher Quatsch. Genau hier setze Populisten und Faschisten an. Diese Untergangspropheten warten nur darauf, dass man sich der Ohnmacht hingibt. Denn dann können sie versprechen, dass sie den Untergang verhindern und man ihnen nur eine allumfassende Vollmacht ausstellen muss. Wenn eine Gruppe von Menschen oder eine Gesellschaft diese Maxime anwendet, ergeben sich neue Zusammenhänge, Kooperationen, Innovationen, ein Gemeinschaftsgefühl, das Bewusstsein, dass jeder einzelne Verantwortung für die Gemeinschaft tragen kann usw. Man hat hiermit ein Gegenmittel gegen Populisten in der Hand. Wer die Gemeinschaft als tätiges und selbst wirksames Organ erlebt, wird keinem hinterher rennen, der die Rettung verspricht, wenn man ihm nur die Macht überlässt.

Den Satz hat sich Apsilon natürlich nicht selbst ausgedacht. Ursprünglich stammt er von Romain Rolland, französischer Schriftsteller, Pazifist und Nobelpreisträger. Dort lautet er etwas anders: Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens. Der Satz wurde später von Antonio Gramsci übernommen, italienischer Marxist, dessen politische Theorien leider heute nicht nur von linken, sondern auch von rechten Vordenkern übernommen werden und damit aktueller denn je sind. Ich habe länger überlegt, ob der Optimismus des Herzens etwas anderes bedeutet als der Optimismus des Willens. Ob das Herz oder der Willen der Antrieb zum Handeln ist, ist nicht entscheidend. Auch bei näherer Betrachtung bleibt die Wirkung dieselbe. Es ist auch egal, wer sich den Satz ausgedacht hat. Alleine, dass er lebendig bleibt und von jungen Persönlichkeiten wie Apsilon gelebt wird, die Einfluss auf ihre Generation haben und damit andere jungen Menschen inspirieren, gibt mir die Hoffnung, das alles gut wird.

Reihe 3, Platz 58 und 59: Frau Yamamoto ist noch da von Dea Loher

Der geneigte Bildungsbürger arbeitet seit Jahrzehnten im öffentlichen Dienst, ist im allgemeinen schlecht gelaunt, parkt auf dem nicht öffentlichen Parkplatz einer öffentlichen Institution, um dort kostenlos sein Elektroauto zu laden und wandelt mit seiner Gattin, der er schon seit zwanzig Jahren die regelmäßigen Theaterbesuche abtrotzt, über die Straße zum Stadttheater. Man ist vereint im Alltagsstress aus dem man auch heute Abend nicht herauskommt und kann wieder einmal die Welt diskursiv nicht retten. Obwohl die eigenen klugen Einsichten in die aktuelle Weltlage ausreichen, um einen eigenen Sitz bei der UNO zu bekommen. Er schreitet in die heiligen Hallen des Bildungsbürgers und denkt an den spritzigen Weißwein, den er in der Pause benötigt, um den zweiten Teil des Stückes aushalten zu können. Die ganze Leichtigkeit des Seins ist ihm schon lange abhanden gekommen. Seine Gattin ist noch nicht ganz verloren. Sie hat die Anmut einer flüchtigen Daunenfeder, die sich durchaus vom Wind treiben lassen kann.

Sie nehmen Platz und werden von einer Rabenfigur angekrächzt und von Frau Yamamoto, die ein Kletterseil umarmt, beseelt angegrinst. Frau Yamamoto wird von einem Mann dargestellt. Der Bildungsbürger ist verstört. Die Zweideutigkeit der Geschlechter kann er nicht aushalten. Er will sich jetzt eigentlich nicht hinsetzen. Zwanzig Minuten das Schauspiel vorm Schauspiel zu betrachten, überfordert ihn maßlos. Im Stillen fordert er sein Glas Wein ein und wird nicht gehört.

Das Stück geht los und er versteht die Handlung nicht. Er hat zwar ein- oder zwei Aha-Momente, die sich aber schnell als falsche Fährten entpuppten, auf die ihn seine intellektuelle Überheblichkeit gebracht haben. In einigen bruchstückhaften Episoden spürt man Distanz zwischen den dargestellten Großstadtmenschen. Die Szenen mit Tieren verleihen dem Stück eine zweite Ebene. Raben, Mäuse, Katzen, Fliegen, Fische, alles typische Begleiter des menschlichen Alltags, den man ansonsten wenig Aufmerksamkeit schenkt. Inmitten der Anonymität der kleinen Geschichten wird das Paar Nino und Erik gezeigt. Nino ist ein einfühlsamer Träumer, während Erik als IT-Typ alles fest im Griff hat. Nino freundet sich mit Frau Yamamoto an, einer alte Frau, die im gleichen Haus wohnt und immer die Wohnungstür aufstehen hat. Nino ringt seinem Lebensgefährten Erik eine Einladung an Frau Yamamoto zum Abendessen ab. Beim Abendessen erzählt sie aus ihrer Vergangenheit, ihrem Mann, ihrem Sohn. Frau Yamamoto scheint viel Leid erlebt zu haben und doch wirkt sie glücklich und etwas weltentrückt. Der Bildungsbürger im öffentlichen Dienst schweift gedanklich ab. Er schaut immer wieder auf die Uhr und wird unruhig, weil die Pause nicht kommen will.

Dann plötzlich ist sie doch da. Er reiht sich in die lange Schlange an der Theatertheke ein und wartet ungeduldig, bis er seinen Wein im Empfang nimmt. Als das Glas Wein vor seinen Augen eingeschüttet wird, ist schon die Hälfte der Pause um. Er muss das süßlich-herbe Gesöff hinunterstürzen. Beim zweiten und dritten Gong, die das nahende Ende der Pause anzeigen, leert er das Glas in zwei gierigen Schlucken.

Leicht betüttelt wird er Zeuge einer weiteren Inszenierung vor der Inszenierung. Zwei Zuschauerinnen finden es witzig, die krähende Rabenfigur mit irgend etwas undefinierbaren zu füttern. Als eine der Damen mit ihrem Handy die andere beim Füttern der Rabenfigur fotografiert, eilt eine Platzanweiserin aus dem Off und fordert die alte Damen mit harscher Stimme auf, sofort das Bild zu löschen, weil man die Urheberrechte an den Bildern hätte.

Dieses Vorkommnis reiht sich unabsichtlich als weitere Episode in das Stück ein, zumindest empfindet es der angetüttelte Bildungsbürger aus dem öffentlichen Dienst so. Der zweite Teil des Stückes lässt sogar vermuten, dass dies der dramatische Höhepunkt des Stückes war. Das Ende kommt unweigerlich und erklärt, warum Frau Yamamoto vor dem Stück ein Bergsteigerseil umarmt hat. Der Bildungsbürger fühlt sich leicht wie eine Feder, aber nicht weil er einen unterhaltsamen Abend hatte. Eher die Schwere des Alkohols verlieh im für ein paar Momente Leichtigkeit. Seine Frau tappt schweigend neben ihm zum Parkplatz. Der Akku des Elektroautos ist zu hundert Prozent vollgeladen. Das reicht wieder mal für ne Woche. Kann er sich wieder mal über die armen Schweine lustig machen, die an der Tanke 2,50 EUR für ein Liter Diesel bezahlen müssen. Es kann doch jeder elektrisch fahren, muss man sich mal zusammenreißen und die Reichweitenangst hinter sich lassen, sagt der ambitionierte Weintrinker und Bildungsbürger, der seit Jahrzehnten im öffentlichen Dienst arbeitet und sich wegen ganz andere viel kleinerer Ängste niemals zusammenreißt. Seine Frau setzt sich auf den Fahrersitz. Auf der Rückfahrt schwadroniert er noch ein wenig über die mittelmäßige Leistung des Ensembles und diese Kacktiere, die mit ihren Gekrächze echt wahnsinnig genervt haben. Seine Frau nickt müde und möchte gerne in dem Moment eine Feder sein, die sich in den Himmel erhebt und sich vom Wind treiben lässt.

Reset und wie ich erfuhr, dass Opa Willibald ein Nazi war

Mental und körperlich von mir überfordert habe ich mich vor ein paar Monaten in mein inneres Schneckenhaus zurückgezogen. Klopf, Klopf, ist da jemand zu Hause. Ich war nicht zu Hause. Ich war verschwunden in den Tiefen meiner eigenen unergründlichen Wehleidigkeit, getrieben von meiner abseitigen Traurigkeit und meinem Unvermögen, das Richtige zu sagen oder zu tun. Ich habe nichts mehr hören wollen und mir im Sommer Hörgeräte angeschafft. Das war mein Eingeständnis, meiner körperlichen Unversehrtheit nicht mehr trauen zu können. Im Oktober ist mein Vater gestorben. Anstatt meiner Trauer zu begegnen, bin ich lieber ein Marathon gelaufen. Als Folge des anstrengenden Trainings war mein Körper ausgezehrt. Dann schwoll mein Knie an. Einmal tapfer Marathon gelaufen und schon waren die Knochen hin. Nebenbei musste ich immer noch eine leichte Magenschleimhautentzündung und deren Folgen auskurieren, ohne genau zu wissen, was mein eigenes Verdauungssystem bezweckt, wenn es mir mit andauerndem Zwicken und Brodeln einen unwürdigen Dialog aufzwingt. Mein offizielle Existenz bestand aus Stress auf der Arbeit und Stress zu Hause. Und letztendlich ereilten mich die üblichen glücksverhindernden Mindfucks wie Wechseljahre, Teenagerdepressionen und andere Veränderungen innerhalb des dünnen und manchmal fragil wirkenden Familiengeflechts.

Nachdem ich schon das Jahr 2025 anständig verkackt hatte und nach dem Jahr das Gefühl hatte, in einem Morast aus Selbstzweifel und Ahnungslosigkeit zu stecken, fühlte sich das laufende Jahr nicht an, als könnte ich mich aus diesem Morast befreien. Ende März hat mir dann noch mein Orthopäde eröffnet, dass ich im rechten Knie einen Innenmeniskusriss habe. Jedem, dem ich davon berichte, behauptet steif und fest, dass ich jetzt sofort mit dem Laufen aufhören müsse. Die Vorstellung Sonntags nie wieder einen Longrun machen zu können, schien mich noch tiefer in den Morast zu ziehen. Der Riss im Knie musste operiert werden und als der Chirurg im OP-Vorgespräch vor drei Wochen den 8.5. als OP-Termin anbot, war es vorbei mit jeglicher Contenance und innerer Ruhe. Ich hatte nicht mehr viel Zeit und einen ganzen Aufgabenkatalog vom Chirurgen mitbekommen. Krücken und Stützstrümpfe sollte ich besorgen, mein Hausärztin sollte einen Bluttest und EKG bei mir machen und ich sollte noch zwei Tage vor der OP zum Anästhesisten, der den Bluttest und EKG gar nicht anschauen wollte und mir eine Vollnarkose in Aussicht stellte.

Ich jubelte. Unten im Morast erscheint dir eine Vollnarkose wie ein Erlösung vorzukommen. Wenn mein Laptop immer langsamer wird und jede Tasteneingabe eine Ewigkeit in Anspruch nimmt, weil das Betriebssystem sich wieder einmal mit sich selbst beschäftigt, der Task-Manager überquillt, weil eine Kaskade von Rechenprozessen sich selbstständig gemacht hat, hilft nur ein knallharter Reset. Eine Vollnarkose ist für mich nichts anderes. Ich habe im meinem Leben schon drei Vollnarkosen erleben dürfen und in der Vergangenheit hat mich dieser Zustand eher beunruhigt. In der Zeit, in dem ich narkotisiert irgendwo in einem OP-Saal liege und an mir herumgeschnippelt wird, schaltet sich mein Gehirn aus. Ich bin nicht nur nicht mehr Herr meiner Sinne, nicht nur Bewusstlos, ich habe auch keinen Zugriff mehr auf mein Unterbewusstsein. Es lässt sich schlecht mit Schlafen vergleichen. Im Schlaf, träume ich, bin ich nah bei meinem Bewusstsein. Die Vollnarkose ist ein zeitloses Schwarz. Es ist ein harscher Schnitt. Ich bin gerade noch auf dem OP-Tisch, zähle runter und bevor ich die drei erreiche, Schnitt und dann wache ich im Aufwachraum auf. Das Dazwischen ist weg, hat für mich nie existiert. Das Leben ging ab derweilen weiter. Erschreckend für mich, bis zu diesem einem Moment im Vorgespräch mit dem Anästhesisten.

Während der nette Anästhesist mir irgendwelche sonderbaren Geschichten über Läufer in Höhenluft präsentierte, da er mal früher in seiner Freizeit auf hohe Berge geklettert war und ich ihm erzählt hatte, dass ich in meiner Freizeit viel und gerne laufe, erkannte ich die Chance der Vollnarkose. Es ist ein Reset für mich. Endlich kann sich mein CPU mal entwirren und ich kann diesem Morast entsteigen. Irrer Gedanke. Eine halbe Stunde Abwesenheit von der Welt und ich kann wieder von vorne anfangen.

Beseelt von diesem Gedanken habe ich die nächsten zwei Tage mit dem Warten auf den OP-Termin verbracht. Am OP-Tag bin ich viel zu früh aufgewacht. Ich hatte noch etwas Zeit, um im Bett zu liegen. Mein Handy sollte mich ablenken. Ich ging auf Spiegel-Online. Seit ein paar Tagen kann man dort in einer Suchmaske den Namen von Verwandten eingeben und nachschauen, ob sie in der NSDAP waren. Man hat die Karteikarten der Partei digitalisiert, aufbereitet und sie öffentlich zugänglich gemacht.

Seit circa 18 Jahren rede ich nicht mehr mit meinen Eltern. Mein Vater wusste, das er stirbt und er hat sich von meiner großen Tochter und meinem ältesten Sohn verabschiedet (ohne, dass sie es realisiert haben). Von mir hat er sich nicht verabschiedet. Er hat so oft die Gelegenheit gehabt, sich mit mir auszusprechen. Es war ihn nicht wichtig oder er hat die Notwendigkeit nicht gesehen, den Konflikt mit mir zu klären. Vielleicht war ich ihm einfach zuwider. Vielleicht hat er geglaubt, er sei mir zuwider. Ich weiß es nicht. Es scheint niemand zu wissen. In der besten Version dieser Geschichte hat er selbst vergessen, warum er sich von mir nicht verabschieden konnte.

Ich verkneife mir jedwede Panik deswegen. Es öffnet sich kein Abgrund unter mir, wenn ich daran denke, dass ich meinen Vater nie wieder sprechen kann. Ich ahne, dass er mich nicht abgelehnt hat, weil ich ein böser Mensch bin, sondern weil es in seinem Leben einige Traumata gegeben hat, die er nie überwinden konnte und die ihn in vielerlei Hinsicht geprägt haben. Als wir noch miteinander geredet haben, hat er mir viel erzählt, auch über seine Herkunft und seine Vergangenheit. Aber es gab immer Leerstellen und Lücken, die ich mir nur damit erklären konnte, dass er noch sehr klein war, als das Unglück über ihn und seine Familie einbrach. Auch wenn er viel geredet hat, habe ich ihn immer als verschlossenen Menschen erlebt. Die letzten Jahre in dem wir noch miteinander geredet haben, schien er sehr depressiv zu wirken, fast eingefroren in seiner Verzweiflung, die er selbst nicht benennen konnte.

Sein ganzes Leid war mit seiner Herkunft verbunden. Das spüre ich seit Jahrzehnten tief in meinem Inneren, weil er sein Leid auf seine Kinder übertragen hat. Die ersten Lebensjahre in der alten Heimat, der frühe Tod seines Vaters, die Flucht aus der alten Heimat, die ersten Jahre in der Fremde, die Ablehnung und Kälte seiner Umgebung haben ihm zugesetzt und sie setzen auch mir zu, ohne das ich es erleben musste. Ich bin gut behütet aufgewachsen, in Wohlstand, Freiheit, gesegnet mit Bildung und vielen Chancen und trotzdem hat das Misstrauen meiner Eltern gegenüber anderen Menschen, Veränderungen und der eigenen Lebenswirklichkeit, das ständige Warten auf die Katastrophe, die ja folgen muss, wenn mal was gut ist, mich negativ beeinflusst. Mein Kindheit- und Jugendjahre waren geprägt von Angst und dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Wahrscheinlich habe ich nur die Angst und das Fremdsein meines Vaters reproduziert, die er selbst als Kind erfahren hat.

Und nun liege ich in meinem Bett am Morgen eine Knie-OP, habe die Aussicht auf eine Reset-Vollnarkose und tippe den Nachnamen meines Vaters und sein Herkunftsort ein und prompt wird mir mein Opa Wilibald angezeigt, der neunzehnneununddreißig, ein halbes Jahr nach Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich, in die NSDAP eingetreten war. Es überrascht mich nicht sonderlich und die Tatsache, dass er Parteimitglied war, ist gar nicht ausschlaggebend. Viel wichtiger ist, dass ich jetzt mit seinem Geburtsdatum einen Anknüpfungspunkt habe, um nach der Herkunft der Familie meines Vaters zu forschen.

Im Krankenhaus liege ich schon im meinem Zimmer und warte auf die OP. Bis hierhin ging alles ganz schnell und nun muss ich warten. Ich bemühe die KI in meinem Handy und bekomme einen kleinen Fahrplan, wie ich mit den vorhanden Angaben Ahnenforschung betreiben kann. Was für ein hoffnungsvoller Moment! Die Krankenschwester schiebt mein Bett durch das Krankenhaus, man wuchtet mich in den OP-Saal, es stellen sich mir Menschen vor, die alle ihre Gesichter hinter OP-Masken verbergen. Alle sind sehr nett zu mir, sie unterhalten sich mit mir und scherzen mit mir. Ich bin guter Laune, schiebe den Gedanken weg, dass sie das nur machen, um mich zu beruhigen, weil diese Gedanken aus der Welt meiner Eltern kommt und bedanke mich bei den Schwestern für ihre Hilfe und die nette Unterhaltung über Camping und Urlaub und dass sie mir alles erklären und so fürsorglich zu mir sind. Ich bin fast euphorisch und merke nicht einmal, als sie den Nährlösungstropf gegen das Fläschchen mit Betäubungsmittel austauschen. Der Anästhesist legt mir einen Maske auf das Gesicht und fragt mich, ob mir schwummrig ist. Ich gebe eine Bejahungsgeräusch von mir und bin glücklich. Ein paar Sekunde später erfolgt der Reset und ich bin weg.

Reihe 3, Platz 58 und 59: Prinz Friedrich von Homburg von Heinrich von Kleist

Schon wieder ins Theater. Es ist bitterkalt und die Welt wirkt wie schockgefroren. Draußen herrscht eisige Ruhe, auf den Straßen sind wenige Autos, vermummte Fußgänger stapfen im Eiltempo über die glatten Gehwege. Niemand hält sich gerne draußen auf. Wer mutet sich freiwillig an solch einem Abend einen Versbrecher von Kleist über Schlachten, Gehorsam und preußische Tugenden zu?

Wir natürlich, pflichtbewusste Abonnenten, die sich durch die Kälte und das Eis kämpfen, um sich in der dritten Reihe auf viel zu kleinen Sitzen zu drängeln und sich zweieinhalb Stunden mit den fiktiven Ereignissen um die Schlacht von Fehrbellin im Jahre 1675 auseinanderzusetzen.

Die Schlacht hat es gegeben und Prinz Friedrich von Homburg scheint die Schweden damals wirklich vertrieben zu haben. Kleist hat um diese Schlacht und den Prinzen eine Geschichte gewebt, die völlig abwegig zu sein scheint. Denn der Prinz war nur so mutig, weil er beim Apell die Befehle seines Fürsten nicht mitbekommen hat. Er konnte dem Apell nicht folgen. In der Nacht zuvor wurde er beim Schlafwandeln vom eigenen Fürst aufs Korn genommen. Man hat ihm in dem Zustand den Handschuh der Prinzessin Nathalie überlassen und beim Aufwachen erinnert sich an einen Traum, der mit dem Handschuh am Finger irgendwie Wirklichkeit wird. Er ist verwirrt und völlig daneben und kann den Anweisungen nicht folgen. Er gewinnt die Schlacht, wird zum Helden und sein Fürst nimmt ihm den Triumph übel, hatte er doch andere Pläne und lässt ihn zum Tode verurteilen und so gehen die Geschehnisse in Kleistscher Manier hin- und her.

Heinrich von Kleist, ein widerspenstiger Charakter, ein ambivalentes Kind seiner Zeit, hatte immer einen Hang zu Träumen. Die Träume, die er seinen Protagonisten ins Hirn schreibt, werden zu Prophezeiungen, Handlungsanweisungen oder Handlungsbestimmend. Seine Protagonisten sind besessen von ihren Träumen und prallen immer auf die Gegenwart, das festgefahrene Gefüge einer starren Gesellschaft, die nichts mit Träumern anfangen kann.

Was macht man in Gießen aus diesem Brocken klassische Theaterliteratur? Den ersten Teil kann man als Satire auf das Militär und den Adel verstehen. Bunte Figuren, Männer und Frauen in bunten Strümpfen und Turnschuhen verausgaben sich, zeigen ihre Pantomimengesichter, hüpfen bewegungsfreudig über die Bühne, schwirren auf Raketen und Panzerattrappen über die Bühne und erzeugen in dem Publikum das Gefühl einer spritzigen Komödie beizuwohnen.

Wir gingen mit einem Grinsen im Gesicht in die Pause und gönnten uns ein Erfrischungsgetränk und dachten, es ginge in dem gleichen Stil weiter.

Im zweiten Teil der Aufführung wähnte man sich in einem anderen Stück. Die Bühne düster, nebelverhüllt, der Prinz bekommt sein Grab geschaufelt und schaut den Totengräber dabei zu, erst ungläubig und davon überzeugt, dass die Todesstrafe nur eine Finte seines Fürsten ist, um ihn eine Lektion zu erteilen. Als er versteht, dass dieser es ernst meint, kämpft er um sein Leben, um es später aus falsch verstandenem Pflichtgefühl herzugeben.

Am Ende steigt der Prinz in den Himmel, plumpst herunter in sein Grab und findet sich wieder an dem Ort, an dem er einst schlafwandelte. In dem Garten fragt er, ob er träumt.

Die Inszenierung so wechselhaft und spannend, gewinnt dem alten Schinken noch etwas ab. Am Schluss gibt es noch einen Rap über Kriegslust und man bekommt damit noch die Interpretation und die Metaebene für die Gegenwart und die neue Lust am Militär und Krieg als Zuschauer um die Ohren gehauen.

Was für ein wahnsinnig erlebnisreicher und guter Theaterabend!

Reihe 3, Platz 58 und 59: Dumme Jahre von Thomas Freyer

Es ist der Tag vor Heiligabend. Man packt Geschenke ein, stellt den Baum auf, kocht die ersten Gerichte für das Essen am nächsten Tag, macht die letzten Einkäufe und wartet auf die Verwandtschaft und das Christkind. Wir mussten am Abend noch der Reihe 3 im Stadttheater Gießen einen Besuch abstatten. „Dumme Jahre“ wurde geboten, das erste Stück unseres Theaterabonnement in unserer neunzehnten Spielzeit. Am Tag vorher hatte ein psychisch kranker Mann mit seinem Fahrzeug ganz in der Nähe des Theaters  mehrere Menschen verletzt.  Auf dem Weg zum Theater sprechen meine Frau und ich über den Vorfall.  Kurz darauf verliere ich einen Gedanken an die Menschen, die in irgendeiner Art und Weise durch den Täter zufälligerweise in die Sache mit hineingezogen wurden und für die Weihnachten ab sofort mit Schmerz und Leid verbunden ist.  Es mag sich wie Empathie anfühlen, ist aber nur ein Reflex ohne wirkliches Empfinden. Zu oft lässt es diese Gesellschaft zu, dass Kraftfahrzeuge sich in Waffen verwandeln und Menschen Ihnen schutzlos ausgeliefert sind. Es wird in Kauf genommen. Man empört sich über angebliche Zusammenhänge, wie die Herkunft des Fahrers und schnell hat man eine laute Masse an geistigen Brandstifter am Bein, die etwas von Massenvergewaltigungen, Umvolkung und Asylwahnsinn brabbeln. Ich bin erschöpft. Nichts daran berührt meine Erkenntniskraft. Die Tatsachen liegen vor mir, aber sie erreichen mich nicht, ich kann keine Schlüsse daraus ziehen. Meine Frau fragt mich, was ich von dem Theaterabend erwarte. Ich hoffe, dass es irgendeine Szene gibt, die mich zum Heulen bringt. Sie reagiert verwundert. Was soll ich sonst sagen? Ich bin leer. Ein anstrengendes Jahr liegt hinter mir. Viel Stress, wenig Ruhe, die Welt wird immer verrückter, mein Vater ist gestorben, ohne sich mit mir versöhnen zu wollen, kleine gesundheitliche Probleme, es fehlt das Gleichgewicht. Irgendetwas muss mich mal affizieren, aufwecken, anregen, in Unruhe versetzen.

„Dumme Jahre“ dreht sich um die Liebes- und Lebensgeschichte eines ostdeutschen Paares. Wir begleiten Regine und Wolfgang durch den Wandel der Zeiten. Ihre Geschichte beginnt 1968 und endet in der Gegenwart mit Wolfgangs Tod. Regine pflegt ihren demenzkranken Mann und versucht sich zu erinnern. Weil Wolfang sich nicht mehr erinnern kann, lastet die Erinnerung alleine auf ihren Schultern. In Erinnerungsfetzen, kurzen nicht chronologischen Szenen, entsteht ein subjektiver Panoramablick auf ihr Ehe und ihr gemeinsames Familienleben, dass durch die politische Verhältnisse und gesellschaftliche Umbrüche geprägt ist. Das bruchstückhafte Erinnern lässt die Zeitebenen überlappen und die meiste Zeit stehen drei Regines auf der Bühne: die jugendliche Regine, verspielt, etwas naiv, die erwachsene Regine, Mutter, Ehefrau und Arbeiterin, die nach der Wende arbeitslos wird und die alte Frau Regine, die ihre Zeit mit Erinnerungen und der Pflege ihres Mannes verbringt.

Wolfgang will sich von Partei und Staat nicht vereinnahmen lassen. Mit seinem kritischen Geist fällt es ihm schwer, sich anzupassen. Nur aus Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern spielt er mit, wird Busfahrer anstatt Orgelbauer und ab uns zu blitzt sein Rebellengeist durch. Regine ist durchdrungen von dem Gedanken, in Ostdeutschland eine bessere Gesellschaft mit aufzubauen und opfert sich als Arbeiterin für die Partei und Sozialismus auf. Nach der Wende verändern sich die Rollen. Wolfgang macht Karriere als Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe, sieht Chancen in den neuen Zeiten und Regine, die lange arbeitslos bleibt, sieht sich als Opfer der Verhältnisse. Man spürt die Liebe und Zuneigung der Beiden zueinander, aber auch die Gegensätze und Brüche. Wolfgang scheint der aktive, weitsichtige und empathische Teil im Beziehungsgeflecht zu sein, während Regine im Laufe der Zeit abstumpft und den Blick für größere Zusammenhänge verliert. In einem spartanischen Bühnenbild,  auf einer leeren Bühne baumeln zwei Plattenbauwände mit kahler Fensteröffnung, entsteht die anekdotenhaften Erinnerung an das Leben einer Familie, eingebettet in der deutschen Historie, die es irgendwie schafft, eine Familie zu bleiben. Das Alltagsdrama wird von engagierten, erfahrenen Schauspielern, die wir immer wieder gerne sehen, glaubhaft vermittelt und gerade Roman Kurtz zeigt seine eigene Klasse, die wir schon seit Jahren sehr schätzen, wenn er in einer Szene einen gestanden lebensfrohen Mann spielt und nach einem kurzen Szenenwechsel sich innerhalb von Sekunden in einen alten gebrechlichen Mann mit zitternden Händen und leeren Blick verwandelt. Das Stück nimmt mich mit und spätestens als Regine ihren demenzkranken Mann im ersten Teil des Stückes ihn in den Arm nimmt, ist es um mich geschehen und ich muss schlucken. Jetzt hat also dieses Stück meine Ansprüche erfüllt? Nur weil man mal einen Kloß im Hals hat, wird man nicht zum Helden des Mitgefühl. Wir sind hier nicht im Kino. Beim Theater geht die Suche nach Antworten tiefer über eine andere Form der Identifikation. Die mittlere Regine, die erschöpfte Arbeiterin, die nichts mehr erkennt und später aus ihrem gewohnten Leben herausfällt, ermöglicht mir eine angemessene Reflektion. Sie hat die Transformation gemeistert, die uns noch bevor steht. Mir fehlt der Blick für das große Ganze. Wie Regine, nimm ich mir nicht mehr die Zeit, hinzuschauen. Ich komme abends erschöpft nach Hause und sehe das Unheil nicht mehr, dass auf uns zukommt. Und das ist vielleicht der Grund, warum wir Menschen, die im Westen groß geworden sind, nicht hochmütig über die Lebensgeschichten von Ostdeutschen hinwegschauen sollten. Vielmehr kann man von ihnen und an ihnen lernen, wie es aussehen könnte, wenn wir aus unserem liebgewonnenen Leben herausfallen müssen, weil die Geschichte sich weiter dreht und es nicht gut mit uns meint. Insofern hat das Theater wieder einmal seine Aufgabe erfüllt.

Frankfurt Marathon 26.10.2025 – 42,195 KM

Letzte Woche Sonntag sollte sich zeigen, ob sie die Mühen der letzten 3 Monate gelohnt haben. Das Wochenende stand im Zeichen meines ersten Marathons. Am Freitag bin ich mit dem Zug in die Großstadt gefahren und habe mir in den Messehallen die Startnummer und meinen Starterbeutel abgeholt. Am Samstag hatte ich viel zu tun und hatte kaum die Möglichkeit an den Marathon zu denken. Spätnachmittags habe ich meine Laufklamotten, meine Gels und Riegel, meine Schuhe, Wechselklamotten, Handtuch bereit gelegt oder in den Starterbeutel gepackt. Ich habe mein Müsli für das Frühstück vorbereitet, den Wecker gestellt und mich pünktlich um halb elf ins Bett gelegt. Beim Einschlafen schien der Marathon nur eine Laune des Zufalls zu sein und am nächsten Tag zweiundvierzig Kilometer durch Frankfurt zu laufen war genauso weit weg wie eine Reise zum Mond. Falls der Zufall mich doch allerdings am nächsten Morgen zu einer Rakete brächte, käme ich mit Laufklamotten und einem Handtuch nicht bis zum Mond.

Die Zeitumstellung hat mir eine Stunde geschenkt. Relativ frisch und ausgeschlafen saß ich nach dem Aufwachen in Laufklamotten am Frühstückstisch. Ich habe ein Müsli mit viel Obst, ein Brötchen mit Honig gefuttert und einen heißen Kaffee getrunken.

Kurz nach Sieben habe ich das Haus verlassen. Meine Familie hat noch tief und fest geschlafen. Kurz nacht Acht hatte ich meinen Parkplatz im Parkhaus am Rebstockbad gefunden, bin zum Shuttlebus gelaufen und mit einer Handvoll anderer Marathonis zur Messehalle gefahren. Um viertel vor neun war ich fertig, hatte meinen Kleiderbeutel weggebracht und meine Startnummer mit Sicherheitsnadeln und Magneten an meinem Trikot befestigt. Ich hatte noch eine Stunde Zeit. Eine verdammt lange Stunde, die ich totschlagen musste. Ich konnte mir immer noch nicht vorstellen, eine Stunde später am Start zu stehen und loszurennen. Die Messehalle hatte sich mit einer bunten Läuferschar gefüllt. Ich bin langsam durch die Gänge geschlendert und habe mindestens drei Runden durch die Marathonmall gedreht. Aus Langeweile habe ich mir eine Flasche Wasser gekauft, bin in die Festhalle, habe hinter den Tribünen rumgelungert und war mindestens dreimal auf dem Klo. Es war an der Zeit, sich warmzulaufen und zum Startplatz zu gehen. Der kürzeste Weg zum Start führte durch den Keller der Festhalle. Als ich aus den Katakomben ins Freie gelang, begrüßte mich eisige Kälte und ein beißender Wind. Am Himmel standen trübe Wolken und versperrten die Sicht ins Blau. Ich musste mich bewegen. Es gibt sechs Startbereiche beim Frankfurt Marathon. Beim Anmelden wird man nach der angestrebten Ergebnis gefragt und dann einem Starbereich zugeordnet. Ganz vorne starten die Profis und ganz hinten im letzten Bereich alle Menschen, die länger als vier Stunden brauchen wollen. Viertel vor zehn konnte man sich noch in aller Ruhe im Startbereich warmlaufen. Ganz langsam füllte sich der Startbereich mit Läufern. Anfangs standen noch mehr LäuferInnen vor den Dixieklos neben dem Startbereich. Zehn Minuten vor Start betraten die Paceläufer für 4:14 Stunden die Szene. Zwei erfahrene Läufer, die Arthur und Detlef hießen, und wie ein Uhrwerk ihr Pace halten sollten, um den Läufern auf der Strecke eine Orientierung zu geben. In deren Nähe habe ich mich kurz vor dem Start aufgehalten. Eine kleine Menschentraube hat sich rund um die beiden Herren gebildet. Um Zehn Uhr fiel der erste Startschuss, von dem man im letzten Startblock nichts mitbekommt und die Profis, die das Rennen nachher unter sich ausmachen, haben schon einmal einen riesigen Vorsprung vor dem Amateuren. Erst nach zehn Minuten bekommt man hinten mit, dass das Rennen begonnen hat, weil man auf einmal nach vorne rutscht. Nach ein paar Metern bleibt man schon wieder stehen bleiben. Alle fünf Minuten ging es man ein paar Meter nach vorne. Wieder hatte man ein Startblock auf die Strecke geschickt. In der ganzen Zeit spürte ich mehr Kälte als Aufregung. Ich beschäftigte mich mit zwei Fragen: Wie bleibe ich in der Nähe der Paceläufer und wann ziehe ich meine verdammte Jacke aus, die ich mir für 19,95 bei Decathlon gekauft habe nur, um mich beim Warten auf den Start warm zu halten? Der Mann mit dem Hammer (die schwarze Statue vor dem Messeturm) kam in meine Nähe und endlich konnte ich das Starttor sehen. Jetzt wurde es ernst. Es war gegen halb elf. Ich legte die Jacke ab und warf sie in Richtung der schwarzen Skulptur. Seltsamerweise glaubte ich, dass ich sie später wieder mitnehmen konnte. Als ich Nachmittags zurückkam hatte man alle Kleidungsstücke, die die Läufer im Startbereich von sich geworfen haben, entfernt.

Ich dachte, der Tross vor mir bewege sich, um endlich über die Startlinie zu laufen. Vorne am Starttor kaum sichtbar, sah man den Oberbürgermeister von Frankfurt, der in dicker Daunenjacke und Schal auf der Tribüne neben dem Sprecher stand, der die gegen den Wind gebeugten und frierenden Läufer noch zu Jubel- und Klatschspielchen animieren wollte. Warten kann so anstrengend sein, wenn man fror und nicht aufgeregt war. Nach endlos langen fünf Minuten endlich der Startschuss. Ich lief langsam los, stellte meine Uhr an und lief über die Startlinie.

Der erste Kilometer ist bei jedem Lauf eine zähe Angelegenheit. Man kommt nicht vom Fleck und tritt den Vorderleuten in die Haxen. Erst wenn sich das Läuferfeld auseinanderzieht und sich alles sortiert, nimmt ein Lauf Fahrt auf. Sich an den Paceläufern zu orientieren macht dann Sinn. In deren Windschatten kann man sich an sie dranhängen und seinen eigenen Rhythmus finden. Wie ich nachher gelernt habe, ist das GPS zwischen den Hochhausschluchten nicht sonderlich zuverlässig. Mein Uhr zeigte ständig eine Pace deutlich unter 6 Minuten pro Kilometer an. Wie sich später herausstellte, lief ich die ganze Zeit planmäßig um die 6 Minuten pro Kilometer. D.h. die Paceläufer haben wie ein Uhrwerk das anvisierte Tempo gehalten. Artur und Detlef liefen nicht nebeneinander, sondern in einer Entfernung von ein paar Metern hintereinander und ums sie herum lief ein Pulk ihrer Jünger. Artur war Anfangs schneller und Detlef hing etwas hinterher. Im Laufe des Rennens entpuppte sich Detlef als der zuverlässigere Läufer. Artur brach manchmal aus, lief langsamer, schneller, war mal weg und wieder da.

Ich hatte mir vor dem Lauf mir mehrere Ziele gesetzt. Das erste Ziel: die Schnitzeljagd durch die Innenstadt überleben. Wer sich den Streckenverlauf auf der Karte anschaut, sieht auf den ersten Neun Kilometer ein kleines Wirrwarr an mehrfarbigen Strichen, die sich überlappen. Gefühlt läuft man die ersten Kilometer immer an den gleichen Hochhäusern vorbei, über die gleichen Straßenzüge, quert mehrmals die gleichen windreiche Ecken, in denen man beinahe von der Straße geweht wird. Als Läufer kann man nicht viel falsch machen, aber man weiß nie, wo man sich gerade befindet. Nach neun Kilometern rennt man über eine künstliche Engstelle an einer Bühne vorbei und überquert den Opernplatz und danach weitet sich die Strecke und man verlässt endlich die Hochhauskulisse. Endgültig befreit fühlte ich mich, als wir über eine Brücke nach Sachsenhausen reinkamen und das breite Museumsufer überquerten. Bis dahin lief alles locker und geschmeidig. Ich befand mich immer ein paar Schritte vor den Paceläufern, konnte das Tempo problemlos Tempo und bis auf meine volle Blase, fühlte ich mich sehr gut. An den ersten Verpflegungsstellen drosselte ich mein Tempo und nahm immer zwei Becher Wasser und zwei Becher Isogetränke im leichten Trab zu mir. Hinter den Verpflegungsstellen versuchte ich immer ein Gel zu mir zu nehmen. Meine Paceläufer enteilten mir immer an der Verpflegungsstellen und ich musste echt Gas geben, um wieder zu ihnen aufzuschließen.

Hinter der Kennedyallee lichteten sich die Häuserzeilen und ein parkähnliches Gelände mit ausreichend Gebüschen säumte den Weg. Der Reihe nach verschwanden einige Läufer im Gebüsch, um sich zu erleichtern. Ich musste auch für Entlastung sorgen und rannte ins Gebüsch. Ohne den Ballast konnte ich schnell wieder zu den Pace-Läufern aufschließen. Die Großstadt lag hinter uns und in Niederrad und Goldstein, Vororte mit dörflichen Charakter, säumten viele Zuschauer die Strecke und zum Teil nutzten Sie den Marathon, um kleine Volksfeste neben der Strecke zu feiern. Ich habe einige Bierbänke und Pavillons gesehen und der eine oder andere Anwohner hatte seinen Grill aufgebaut. Der Himmel riss auf und die Sonne kam zum Vorschein. Sogar der Wind schien nachzulassen. Die Stimmung war perfekt und in Goldstein überschritten wir die Halbmarathon-Distanz. Während der nächsten vier Kilometer spürte ich die ersten Ermüdungserscheinungen. Wir überquerten die Schwanheimer Brücke und ich hielt noch gut mit Detlef mit (Artur war verschwunden und tauchte hinter der Brücke wieder hinter uns auf, um uns dann zu überholen). Die Gruppe um den Paceläufer war schon kleiner geworden. Einige Läufer waren wahrscheinlich enteilt und der eine oder andere hatte schon langsamer werden müssen. Ich schwitzte ohne Unterlass und freute mich auf die nächste Verpflegungsstation. Hinter Kilometer 25 erreichten wir Höchst. In Höchst läuft man eine zwei Kilometer lange Schleife. Wenn man in Höchst reinläuft sieht man die Läufer, die die Schleife hinter sich gelassen haben. Ich dachte, dass die Wende zurück in die Stadt kurz vor uns läge, aber die nächsten zwei Kilometer zogen sich unheimlich in die Länge. Bei Kilometer achtundzwanzig überquert man eine kleine Brücke. Ich hörte aus einem Lautsprecher einen Sprecher, der uns Mut zusprach. Wer jetzt hier vorbeikomme und die letzten vierzehn Kilometer mit ein sechser Pace liefe, wird knapp vier Stunden brauchen. Der Rückenwind trägt die Läufer in der Stadt zurück. Meine Beine sagten mir etwas anderes. Die nächsten vierzehn Kilometer werde ich die Sechserpace nicht aufrecht erhalten können. Die nächsten zwei Kilometer hielt ich noch gut durch, aber meine Paceläufer hatte ich schon verloren. Spätestens aber der Getränkestation hinter Kilometer dreißig machte ich mir ernsthaft Sorgen, ob ich die letzten zwölf Kilometer schaffe. Meine Beine wurden schwer. Ich traf zwar noch auf Läufer aus unserer Pacegruppe, die sich auch zurückfallen lassen haben. Allerdings enteilten sie mir nach und nach.

Ich war noch nie in meinem Leben so weit gelaufen und ich musste auf Notfallprogramm umschalten. Ab nun war die Pace und die Anzeige auf meiner Uhr vollkommen bedeutungslos (meine Uhr hatte von Anfang an falsche Daten gezeigt, bei Kilometer dreißig zeigte sie eine zurückgelegte Distanz von zweiunddreißig Kilometer an) Es war nun ganz alleine mein Rennen und meine Beine spielten keine Rolle mehr. Vorher lief alles automatisch. Jetzt lag alles an meinem Willen und wie ich mit meinen Kräften haushalten konnte. Ich nahm mir vor, nicht stehen zu bleiben oder zu gehen. Ich wollte ins Ziel laufen. Für viele Läufer ist das kein Unterschied. Für mich schon. Ich gehe nicht spazieren oder wandern. Ich laufe einen Marathon und spaziere keinen Marathon. Ich folge meinem eigenen Ehrenkodex. Ich blieb an jeder Getränkestation stehen und trank in aller Ruhe mein Wasser und mein Isogetränk. Außerdem deckte ich mich mit Gels ein, die es an jeder großen Verpflegungsstation gab. Pünktlich alle fünf Kilometer nahm ich mein Gel zu mir. Die nächsten vier Kilometer war ich gar nicht so langsam. Ich hielt mich im sechser-Pace-Bereich. In solchen Situationen hilft es, von Kilometer zu Kilometer zu denken. Jedes Kilometer-Schild ist ein Ziel und ein neuer Start. Ich hielt mich an mein Notfallprogramm und kam über die Mainzer Landstraße, eine lange Chaussee, in die Stadt zurück. Auf dem Weg dorthin standen vereinzelte Zuschauergruppen und erst jetzt habe ich realisiert, dass ich von fremden Menschen angefeuert werde. Andauernd rief irgendjemand meinen Namen verbunden mit Durchhalteparolen. Als mich bei einer Verpflegungsstation mir ein Helfer Wasser in die Hand drückte und mich mit Namen ansprach und mir mit voller Überzeugung sagte, dass es nur noch sieben Kilometer sei und ich es schaffen würde, flüsterte ich mit einem irren Grinsen: „Es sind nur noch sieben Kilometer“. Erst jetzt hatte ich verstanden, warum alle meinen Namen kannten: er steht ja gut lesbar auf meiner Startnummer, die ich mir mit Magneten und Sicherheitsnadeln auf den Bauch gepappt hatte.

Als ich weiterrannte schossen mir die Tränen in die Augen. Das hat mich dermaßen emotional bewegt, dass wildfremde Menschen mich ins Ziel tragen wollen. Ich musste mich echt zusammenreißen, um nicht zu heulen. Ab da nahm ich mir vor, jedem der mir zurief, mit einem Lächeln und Winken zu antworten. Wenn jemand ein Schild hochhielt auf dem Tap and Power up oder so ähnlich stand, habe ich draufgehauen und gelächelt. Es ist wirklich Wahnsinn, wie sehr sich die Begeisterung der Zuschauer auf den eigenen Willen überträgt. Jeder Anfeuerungsruf gibt einen kleinen Schub und man beschleunigt und drückt den Kopf nach oben, um zu lächeln. Ab Kilometer fünfunddreißig gerät man wieder in die Innenstadt und kommt an den gleichen Ecken vorbei wie bei Rennbeginn. Zwischen Kilometer siebenunddreißig und einundvierzig lebt man nur noch von Zurufen und dem Runterzählen der Kilometer. Meine Beine waren richtig schwer und haben geschmerzt. Ich war deutlich langsamer geworden. Bei Kilometer vierzig läuft man durch die Fressgasse über Kopfsteinpflaster. Meine Füße klebten am Pflaster fest. Es war die Hölle und der letzte Moment in dem ich noch zweifelte. Spätestens als ich auf die Mainzer Landstraße einbog, der letzten langen Gerade durch das Bankenviertel, wusste ich, dass ich heute ins Ziel komme. Ich wurde noch einmal langsamer, aber ich lief und ging nicht. Ab Kilometer einundvierzig sah ich das Starttor und wusste, dass ich dahinter in die Festhalle einläufen werde. Ich habe versucht, noch einmal Tempo zu machen. Vergebens, ich schlich auf das Starttor zu und musste immer wieder meine Emotionen zügeln. Es gingen mir so viele Dinge gingen durch den Kopf. Und wenn die Emotionen mich zu erdrücken drohten, sagte ich mir selbst, dass ich ein Schmerzensmann sei. Das hat mich wieder den Boden unter meinen sich unermüdliche bewegenden Füßen spüren lassen. Endlich hatte ich das Starttor erreicht und bog dahinter links ab. Ich erreichte die Festhalle und war vollkommen überwältigt. Irgendwie habe ich versucht, die Arme hochzureißen und zu jubeln. Ich bin einfach ins Ziel getrudelt und hinter die Ziellinie gefalle. Ich hatte es geschafft. Mein erster Marathon lag hinter mir. Vollkommen glücklich blieb ich hinter der Startlinie in einer Ecke stehen und nahm die Atmosphäre in mich auf. Hinter mir liefen zahlreiche Läufer ein und während ich sie beobachtete, schrieb mir meine Tochter und beglückwünschte mich. Sie hatte per Trackingapp meinen Lauf die ganze Zeit verfolgt und mich per Whatsapp angefeuert. Leider habe ich das nicht mitbekommen, weil meine Uhr die Nachrichten nicht anzeigt.

Meine Beine haben gebrannt. Alles andere fühlte sich ganz normal an. Ich hatte unermesslichen Hunger und Durst. Mein Kopf funktionierte schnell wieder. Ich bat eine fremde Frau, ein Foto von mir und dem Zielbereich zu machen, fotografierte noch eine Gruppe, die mich wiederum darum bat, ein Foto zu schießen und bewegte mich langsam vom Zielbereich weg. Wenn man den Innenraum der Festhalle verlässt, wird man von Helfern empfangen, die fragen, ob man sich gut fühlt. Ich musste nicht lange überlegen. Ich fühlte mich super, keine körperlichen Ausfälle, stabiler Kreislauf. Hinter der Festhalle bekommt man erstmal einen Plastiküberhang in die Hand gedrückt. Erst einmal wollte ich ihn nicht anziehen. Es war mir zu anstrengend, die Plastikschichten auseinander zu puhlen und ihn dann überzustreifen. Hinter der Festhalle bekommt seine Medaille und kann sich an verschiedenen Stationen etwas zu essen und trinken holen. Man steht also mit seinem allmählich auskühlenden und total verschwitzten Körper in der Kälte. Also doch überstreifen. Ich suchte in der Plastikfolie die richtige Öffnung für meinen Körper und irgendwie war ich nicht in der Lage, das Teil schnell überzuziehen. Kaum hatte ich es geschafft, hat mir eine freundliche Helferin meine Medaille in die Hand gedrückt und mich beglückwünscht. Ich habe mich brav bedankt und eigentlich schon weiter geschaut. Die Medaille ist wirklich schön und sogar richtig schwer, aber meinen Hunger und Durst konnte sie nicht stillen. Hinter der Medaillenausgabe gab es Bouillon, dicke fette Brühe aus der Gulaschkanone. Aus Eimern wurde die Brühe in Becher gefüllt. So lecker! Ich bin dann weiter zu den nächsten Ständen. Es gab Gebäck, Obst, Getränke, Riegel, ich habe mich überall bedient und jeden Schluck und Bissen ausgiebig genossen. Bis zu dem Augenblick als sich jemand neben mir übergeben hat. Als dann noch Bier ausgegeben wurde, hat es mir gereicht. Ich bin zurück in die Messehalle, habe meinen Kleiderbeutel gesucht und bin ins Erdgeschoss zum Duschen gegangen.

In einem riesigen Lagerraum hat man provisorische Umkleideräume geschaffen und mobile Duschen aufgebaut. Zwischen lauter schweißgetränkten nackten Männerkörpern habe ich meinen Körper aus dem Laufdress geschält. In der Duschkabine stand die Feuchtigkeit in der Luft. Mit einer Brause habe ich den Schweiß von meinem Körper heruntergespült, bin raus, habe mich schnell angezogen und bin weiter.

Kaum habe ich die Lagerhalle verlassen, sah ich ein Schild, dass mir den Weg zum Shuttlebus wies. Das Laufen fiel mir unendlich schwer. Es dauerte ewig bis ich an meinem Auto war. Ich fror und spürte, dass ich total ausgebrannt war.

Ich ließ mich mit dem Verkehr raus aus der Stadt spülen und fuhr bis zum Rasthof Wetterau. Ich brauchte einen Kaffee und noch etwas zu essen. Im Rasthof saß ich eine halbe Stunde lang, kaute eine Laugenstange mit Salami und Käse und trank einen großen Cappuccino. Was für ein erhebendes Gefühl, alles gegeben zu haben und sich mit einer Laugenstange und einem Cappuccino in einer abgerockten Raststätte an der A5 zu belohnen.

Als ich fertig war, kroch ich zu meinem Auto und stieg vorsichtig ein. Gleichzeitig parkte fuhr neben mir ein Auto in die Parklücke. Eine Frau stieg in Sportklamotten gekleidet und mit einer Medaille um den Hals aus ihrem Auto. Sie bewegte sich im Schneckentempo von ihrem Auto weg. In ihrem Gesicht sah man, dass ihr jede Bewegung weh tat. Ich lächelte sie aus meinem Auto an. Als sie mich gesehen hat, hat sie wahrscheinlich gedacht, dass ich sie belächle. Als sie meine Medaille auf dem Beifahrersitz wahrgenommen hat, hat sie zurück gelächelt und mir beinahe zugezwinkert. Wir Leidensmenschen bilden doch eine Leidensgemeinschaft.

Den Rest des Tages habe ich auf der Couch verbracht, alles in mich hineingestopft, was ich finden konnte, alle Süßigkeiten, die Zuhause rumlagen, vertilgt und Literweise Wasser und Saft getrunken. Trotzdem habe ich mich gefühlt, als bekäme ich einen grippalen Infekt mit Fieber. Das war es wert! Die ganze Schinderei, drei Monate Training waren nicht umsonst. Die perfekte Organisation des Marathons, die vielen Helfer, Mitläufer, das Publikum, die Strecke, die Stadt Frankfurt hat es alles zu einem wunderbaren Erlebnis gemacht und auch wenn ich mir andauernd verspreche, mich nicht noch einmal so zu schinden. wird es mich nächstes oder übernächstes Jahr wieder zum Marathon ziehen.

Marathon-Vorbereitung 9. Woche – 25,16 km

Bis Mittwoch hatte ich mich geschont. Meine Knieschmerzen haben nachgelassen. Am Mittwoch bin fünf Kilometer gelaufen und habe danach etwas Yoga gemacht (die sieben Kostbarkeiten der Shaolin…ach Quatsch die acht Bewegungen der Wirbelsäule…dieser Fernostkram macht mich ganz narrisch) und mein Krafttraining absolviert. Schon bei den Kniebeugen habe ich gespürt, dass sich an meinem schmerzenden Knie sich etwas bewegt. Es hat geknackt und gejuckt. Auf einer Treppenstufe mache ich so Sachen wie Knieheber, um die Muskeln am Fuß und Knie zu stärken und nach dem Training waren die Schmerzen verschwunden. Am nächsten Tag saß ich auf der Arbeit. Dort habe ich die unangenehme Angewohnheit beim Sitzen die Beine längere Zeit zu verdrehen. Das ist meine höchstpersönliche Art mit Stress umzugehen. Aber nicht gut für meine Knie, denn plötzlich waren die Schmerzen wieder da. Am Freitag bin ich vierzig Minuten gelaufen und habe danach wieder Krafttraining gemacht. Das Resultat war das Gleiche wie am Mittwoch. Heute hatte ich mein letztes Intervalltraining: 3 mal 4 KM in jeweils 22.40 Minuten. Vom Tempo her gar kein Problem. Habe ich gut und entspannt hinbekommen. Das Wetter war klasse, ruhiges und trockenes Herbstwetter. Ich bin auf meiner Stammstrecke im Bodenfeld gelaufen. Ich hatte wieder mal, um der Lauflangeweile entgegen zu wirken, Kopfhörer in den Ohren. Ich habe mir ein Interview mit Page Hamilton reingezogen. Hamilton ist der Leadsänger und Gitarrist von Helmet, einer Alternative- Hardcoreband, die in den Neunzigern recht erfolgreich war. Page Hamilton ist ein total interessanter Typ. Ich war total überrascht, dass er Jazz-Gitarre studiert hat und sogar eine Zeitlang in Deutschland studiert hat. Allerdings sind seitdem Intervalltraining die Knieschmerzen wieder etwas mehr zu spüren. Ich gehe davon aus, dass ich nächste Woche in Frankfurt laufen kann. Ich muss mich aber strikt an meine Laufstrategie halten und die erste Hälfte langsam laufen (Pace 6 Minuten bis 6.15) Wenn ich dauerhaft schneller laufe, kann es sein, dass mein Knie die 42 Kilometer nicht schmerzfrei überlebt und ich vielleicht bei der Belastung an der Strecke scheitere. Von Anfang an war klar, dass es nur ums Schaffen der Strecke geht, nicht um irgendwelche Zeiten. Ansonsten habe ich die Woche über wenig geschlafen. Der Stress auf der Arbeit nach meinem Urlaub hat mich wach gehalten. Ist schon immer komisch, dass man sich den Urlaub verdienen muss, indem man sich vor und nach dem Urlaub richtig knechtet. Wehe irgendeiner CDU-Politiker kommt mir um die Ecke und erzählt mir etwas von: die Deutschen müssen mehr arbeiten…ich habe auf jeden Fall manchmal das Gefühl, die eine Milliarde unbezahlter Überstunden, die die Deutschen vor sich her schieben, lasten auch auf meinen Schultern. Natürlich könnte man jetzt fragen, warum machst du auch so ein Laufquatsch? Naja, ich war auf jeden Fall noch nie so gesund und fit. Davon profitiert ja auch meine Arbeit, oder? Die Work-Life-Balance ist ja keine Einbahnstraße, auch wenn das so manche Helden der Wirtschaft und Politik glauben. Man misstraut gerne den Angestellten dieser Republik und unterstellt ihnen, dass sie nur arbeiten gehen, um die Arbeitgeber zu schädigen. Es kann ja nicht sein, dass man Gehalt bekommt und dann auch noch ein Privatleben hat. Ich freue mich auf den nächsten Freitag, wenn ich mir die Freiheit nehme und nicht arbeiten gehe, um mir Nachmittags in Frankfurt meine Startnummer abzuholen.

Marathon-Vorbereitung 8. Woche – 21,05 km

Vollgepumpt mit meiner Euphorie über meine Leistung in der vorletzten Woche habe ich nicht gemerkt, das sich unterhalb meiner linken Kniescheibe ein Schmerz eingenistet hat. Montags bin ich noch davon ausgegangen, dass der anstrengende Halbmarathon in meinen Knochen und Muskeln seine Spuren hinterlassen hat und ich einfach nur ein oder zwei Tage regenerieren muss. Dienstags war ich wieder fit, doch der Schmerz blieb. Ich hatte keine Schwellung, nichts gerötet, auch war das Knie nicht warm. Also habe ich Kyttasalbe draufgeschmiert und gedacht, es wird besser. Dienstags hätte ich schon wieder laufen sollen. Das habe ich erst einmal sein lassen. Ab Mittwoch hatte ich das Bein immer wieder hochgelegt und die Stelle gekühlt. Das half ein wenig, hat aber nicht dazu geführt, dass der Schmerz abklingt. Donnerstag hatte ich die Schnauze voll und bin einfach losgelaufen. Beim Laufen habe ich den Schmerz nicht gespürt. Ich konnte ohne Probleme meinen fünf-Kilometer-Lauf abreißen. Bis heute hat sich der Schmerz gehalten. Etwas weniger stark und ausgeprägt wie am Anfang, aber immer mal wieder präsent, insbesondere wenn ich lange gesessen habe und dann aufstehen musste. Mein linkes Bein fühlt sich dann für einen Moment steif an und ich muss langsam hochgehen. Am Samstag bin ich fünf Kilometer und heute 10 Kilometer gelaufen. Heute bin ich mit meiner jüngsten Tochter gelaufen, die mit ihren 14 Jahren schon recht flott unterwegs sein kann und es hat beim Laufen wieder nicht weh getan. Auf der Strecke habe ich mich mit einer Autofahrerin angelegt, weil sie auf einer Forst- und landwirtschaftlichen Weg, den auch Anlieger mit ihren Autos nutzen dürfen, hinter uns hergefahren ist und gehupt hat. Wir sollten gefälligst auf die Seite gehen. Der Weg ist breit genug für Autos und zwei Läufer. Ich hasse diese motorisierten Machtdemonstrationen. Die meisten Autofahrer, echte Anlieger, fahren dann in Schrittgeschwindigkeit an uns vorbei. Ich bin einfach weiter vor ihr gelaufen. Dann ist sie neben uns gefahren, hat die Fensterscheibe runtergefahren und mich angebrüllt. Ich habe zurück gebrüllt. Ist ja klar, dass dann kein Dialog möglich ist. Ich bin einfach weitergerannt, mitten auf der Straße und sie ist wieder neben mich gefahren, hat mich wieder angebrüllt und ich habe Widerworte gegeben. Dann hat sie es zum Glück aufgegeben, hat Gas gegeben und ist mit ihrem 3er BMW davongerast. Aus lauter Wut bin ich die nächsten zwei Kilometer gerannt und meine Tochter ist hinterhergehechelt. Irgendwann hat sie mir dann zu verstehen gegeben, dass ich jetzt mal gefälligst langsamer laufen soll. Ich geriere mich manchmal als Wutbürger und merke gar nicht, dass ich mich absolut kindisch verhalte. Wenn ich alleine bin, ist das meine Sache und ich muss das aushalten. Aber meine Tochter reinzuziehen ist echt mehr als ungehörig und dumm. Warum bin ich nicht einfach zur Seite gegangen als die Frau gehupt hat und bin somit dem Ärger aus dem Weg gegangen bzw. Wir sind dann einen Kilometer langsamer gelaufen und den letzten Kilometer hat meine Tochter das Tempo von sich aus angezogen.

Nachmittags habe ich meine große Tochter getroffen, die Sporttherapeutin ist und habe sie gefragt, was ich denn da am Knie haben könnte. In den letzten Tagen habe ich von Bekannten verschiedenen Versionen gehört, über Schleimbeutelentzündung und Blockade des ISG-Gelenks war alles dabei. Meine Tochter sagte nur, dass sie jetzt ihr Taschen-MRT nicht dabei habe, aber vermutet, dass ich ein Problem mit dem Innenband habe. Ich soll mich schonen, am besten gar nicht laufen. Wir waren uns einig, dass es nur eine Reizung ist und das dauert ein- bis Zwei Wochen, wenn ich Glück habe, bis der Schmerz abklingt. Sie hat mich eindringlich davor gewarnt, weiter zu trainieren und mir nahegelegt, den Marathon abzusagen, wenn der Schmerz nicht verschwindet. Ich soll weiter Krafttraining machen und Yogaübungen, aber nicht laufen. Oh je, das wird schlimm. Es wäre eine Katastrophe, wenn ich den Marathon absagen muss und mir am Ende beim Training auch noch eine unangenehme Verletzung zugezogen habe, die schlimme Folgeschäden nach sich ziehen könnten.

Marathon-Vorbereitung 7. Woche – 46,37 km

Nur noch drei Wochen bis zum Marathon in Frankfurt. Diese Woche war vollgepackt mit Terminen. Am Montag bin ich um acht Uhr morgens aus dem Haus und um acht Uhr abends nach Hause gekommen. Am Dienstag habe ich bis 18.30 Uhr ohne richtige Pause durchgearbeitet. Stress, Erschöpfung und Müdigkeit sind dann vorprogrammiert. Dazu noch der Herbst mit seinen Regen- und Windattacken und die frühe Dunkelheit am Abend. Ich hatte erwartet, dass mir das vom Trainingsplan vorgegebene etwas geringere Laufpensum meinen Terminen entgegenkommt und ich dann nicht völlig durchhänge. Hat nur teilweise geklappt.

Den dreißig-Kilometer-Lauf am vergangenen Sonntag hatte ich gut weggesteckt und ich war vorsichtig optimistisch als ich Dienstag losgelaufen bin. Ich habe ganz gut mitgehalten aber richtig Freude kam keine auf. Am Donnerstag bin ich viel zu spät losgelaufen. Da es mein letzter Arbeitstag vor dem Urlaub war, musste ich meinen Schreibtisch leer bekommen und so konnte ich erst gegen 18.45 Uhr die Arbeit verlassen. Also bin ich gegen 19.15 in die Dunkelheit gelaufen. Auch wenn ich die Strecke sehr gut kenne, musste ich oft mein Tempo reduzieren, um nicht daneben zu treten. Meine Stirnlampe hatte ich zu Hause nicht gefunden. Hätte ich doch vorher mal ausgiebig gesucht, denn ohne Stirnlampe geht es zu dieser Jahreszeit nicht mehr. Außerdem war ich fürchterlich müde. Ich bin in unserer Straße auf unser Haus zugelaufen und konnte das warme Licht in unserem Wohnzimmer in der Dunkelheit sehen. Also bin ich vor unserem Haus stehengeblieben und habe das Training drei Minuten zu früh beendet.

Zum Training gehört Disziplin und Beharrungsvermögen und ich bin manchmal fürchterlich akribisch und verbohrt, wenn es um Vorgaben geht. Man könnte mich auch als Laufbeamten bezeichnen. Wenn im Trainingsplan 60 Minuten steht, laufe ich 60 Minuten. 59 Minuten und 59 Sekunden sind schon zu wenig. Wie soll das ganze den funktionieren, wenn sich niemand an die Regeln hält? Man sieht ja jeden Tag wo das hinführt, dass sich alle nicht mehr an die Regeln halten….okay, ich war einfach müde und wollte nach Hause.

Am Samstag hatte ich endlich genug Zeit, meine Stirnlampe zu suchen und durfte mich bei einem entspannten 30minütigen Dauerlauf entspannen. Problem: es sollte ein Steigerungslauf werden. Also langsam anfangen und jeden Kilometer etwas schneller laufen. Ging ganz gut, da ich mich einfach ein wenig geschont habe und mich nur leicht gesteigert habe. Die große Herausforderung stand noch am Sonntag an: einen Halbmarathon mit einer Pace von 5:13 laufen. Wie bitte? Meine PB (PERSÖNLICHE BESTZEIT!!!!)liegt bei knapp unter 2 Stunden mit einer Pace von 5:42. Das ist doch ein Druckfehler. Die Trainingsplanautoren wollen mich zerstören. Ich habe tagelang überlegt, wie ich da drangehe. Ohne eine Pacevorgabe zu laufen, hätte mir keinen Motivationsschub verschafft. Aber 5:13 auf der Garmin einzustellen und dann nachher bei eine 5:35 zu landen, wäre auch niederschmetternd. Also habe ich einen Trainingslauf mit Halbmarathon Distanz und einer Pace zwischen 5:25 und 5:35 eingestellt. Auf meiner Uhr sehe ich dann die Durchschnittspace und kann mich gut orientieren. Das hat bisher besser funktioniert, als sich die aktuelle Pace anzeigen zu lassen und dann kein Gefühl für das Endergebnis zu haben. Wenn ich zu schnell laufe, sehe ich das sofort auf meiner Uhr und kann meine Geschwindigkeit drosseln, lauf ich zu langsam, muss ich Gas geben.

Da ich mit meiner Familie noch einen kleinen Ausflug machen wollte, musste ich mich etwas beeilen und musste halb elf loslaufen. Natürlich hat es richtig geregnet. Aber wie wir schon gelernt haben, darf uns das nicht abhalten. Nach drei oder vier Kilometer hat der Regen aufgehört und ich bin auch den Rest der Strecke im Trockenen gelaufen. Ich bin wie letzte Woche schön an der Dill entlanggetrabt. Nach sechs Kilometer habe ich mir das erste Gel und ein paar Schluck Isogetränk gegönnt. Normalerweise habe ich das erste Gel nach acht Kilometern aufgemacht. Bei einem Lauf am Limit muss ich früher nachtanken. Die Kunst besteht ja bei solchen Läufen darin, am Limit und nicht darüber zu laufen. Das habe ich die ersten zwölf Kilometer gut hinbekommen. Dann habe ich noch mal ein Gel und Iso getankt und war davon ausgegangen, das meine Leistung bald nachlässt. Das Gegenteil ist geschehen: ich wurde schneller. Bei zwölf Kilometer hatte ich eine Pace von 5:27 und bei siebzehn Kilometer 5:25. Da habe ich nachgerechnet und festgestellt, das wenn ich die Pace halte, ich meine Bestzeit um vier Minuten schlage. What the fuck!! Ich habe mehrfach nachgerechnet und gedacht und gerechnet und bin nicht langsamer geworden. Ich habe die Pace ins Ziel gerettet und meine PB um vier Minuten geschlagen. Für so alte Leute wie mich, die das also Hobby betreiben ist das quasi gar unmöglich….alles passt….Training passt….Laufstrategie passt…..ich bin wirklich in den sieben Wochen deutlich besser und schneller geworden….Das erzeugt Zufriedenheit und lässt mich die nächsten drei Wochen etwas gelassener angehen.