Wer verdaut schon gerne Kohl?

Wir haben von 1982 bis 1998 an einer Überdosis Kohl leiden müssen, die unseren politischen Verdauungstrakt sehr stark in Mitleidenschaft gezogen hat. Der unangenehme Fäulnisgestank, der die bei der Verdauung von kohlartigem Gemüse entstandenen Gase beim Entweichen aus dem Enddarm begleitet, ist die einzige Assoziation, die ich persönlich mit der Regierungszeit von Helmut Kohl in Verbindung bringen kann.

Ich will nicht pietätlos sein und einem frisch Verstorbenen, der sich nicht mehr wehren kann, mit meinen Bösartigkeiten Unrecht angedeihen lassen. Allerdings war es schon vorgestern Abend nach dem Bekanntwerden des Todes von Helmut Kohl sehr offensichtlich, dass alle darum bemüht waren, seine unbestreitbaren Verdienste um die deutsche Einheit und Europäischer Einigung besonders in den Vordergrund zu stellen. Wahrscheinlich muss das so sein, wenn eine berühmte Politikerpersönlichkeit das Zeitliche segnet. Mir persönlich war es zu viel und ich habe zwischendurch wieder dieses unangenehme Darmreißen verspürt, das mich meine ganze Jugend hindurch begleitet hat.

Ich bin 1971 ohne politisches Bewusstsein zur Welt gekommen. Mit elf meldete sich mein politisches Empfinden zum ersten Mal zu Wort, als Helmut Schmidt im Bundestag das Misstrauensvotum verlor und ziemlich geknickt auf Helmut Kohl zulief, um ihn als fairer Verlierer zu gratulieren. Schon damals fand ich diese maliziöse Grinsen, den leicht geneigten überdimensionalen Schädel auf dem Körper eines Riesens, furcht- und ekelerregend. Ich konnte Helmut Kohl Erscheinung nichts abgewinnen und mittlerweile weiß ich, mit welcher Chuzpe und grobschlächtiger Netzwerkarbeit Helmut Kohl zur Macht kam. Erst hatte er Strauß geschickt abserviert,  indem er ihm den Vortritt als Kanzlerkandidat lies. Was schon von großer Bedeutung war, da Strauß im Weben von Intrigen die eindeutige Nummer eins im politischen Betrieb der Sechziger und Siebziger Jahre war (Noch vor Herbert Wehner). Dann hatte Kohl allmählich die FDP auf seine Seite gezogen, die es leid waren mit den Sozis zu regieren. Er schien damals einfach nur fett zu grinsen, weil er nun der Kanzler Kohl war, der alle übers Ohr gehauen hatte.

Bei den Nachrufen werden viele biographische Stationen pflichtschuldig abgeschritten und auch die Niederlagen Kohls kamen zur Sprache. Insbesondere die Spendenaffäre als das Ereignis, dass Helmut Kohl endgültig aus dem politischen Leben katapultierte, fand Raum in den Nachrufen. Natürlich frei nach dem Motto: da war er schon durch und wusste nicht mehr, was er tat. Damit waren das Vergehen und der Abgang auf Mindestmaß zurechtgestutzt. Allerdings hatte man, aus welchem Grund auch immer, den Beginn seiner Kanzlerschaft auf das Misstrauensvotum reduziert und vergessen die Wende zu erwähnen.

Ein Begriff, der bis zur Wiedervereinigung in Verbindung mit Kohl zu einem geflügelten Unwort wurde (ähnlich wie Birne). Ich musste als Elfjähriger verdauen, das dieser Mann seiner ganzen Nation erklärte, dass eine geistig-moralische Wende erforderlich sei und man jetzt endlich mal mit dem ganzen modernen Quatsch aufhören solle und sich auf die guten alten Werte besinnen müsse. Helmut Kohl hat es sehr verquast ausgedrückt, was aber damals üblich war. Politikersprache erschien nicht nur mir damals als rhetorisch aufwendiges Gerede um den heißen Brei. Trotzdem verstand ich sofort, dass Langeweile zur Staatsraison werden solle und alles was von der vorgegebenen Norm abwich nun nicht mehr im Politikbetrieb stattfinden sollte. Alle Errungenschaften der Achtundsechziger, der politische Diskurs um die Zukunft eines Volkes, das schwer an seiner Vergangenheit zu tragen hatte, eines gewissen intellektuellen Anspruch innerhalb der politischen Klasse stand auf dem Spiel. Adenauer winkte mit seiner gruseligen Skeletthand aus seinem Grab. Dabei hatte man Kohl vielleicht etwas anderes zutrauen können. Schließlich war er als Ministerpräsident in seinem Land durchaus als Reformer und junger Wilder des Konservatismus bekannt geworden. Doch die Verbundenheit mit dem Vorbild Adenauer und dessen praktizierten Provinzialismus war anscheinend stärker.

Damit begannen für uns die Qualen. Ab sofort wirkte die Politik der herrschenden Klasse tröge und auf beiden Seiten des politischen Spektrums tummelten sich plötzlich Politrüpel aus der Provinz, die auf neue gesellschaftlichen Strömungen mit tumber Ignoranz reagierten (denken wir nur an Holger Börner und seinem Dachlattenauspruch). Wie schön mögen die Zeiten gewesen sein, als mit Willi Brandt und Helmut Schmidt intellektuelle Schöngeister an der Macht waren, denen es gelungen war, die meisten Bürger mit auf die Reise zu nehmen, die die wichtigen und großen Themen, die über alles schwebten angepackt haben (Brandts Ostannäherung) und sich im Krisenmanagement bewährt haben (Schmidt und der heiße Herbst 1977). Und der dicke Kohl stand nur händchenhaltend mit Mitterand auf einem Soldatenfriedhof und angeblich wollte man dort eine Erbfeindschaft beerdigen, die es für uns junge Menschen schon lange nicht mehr gab. Dabei schaute er nicht wirklich staatstragend, sondern wie ein Technokrat, der jetzt einen notwendigen Termin abarbeitet. Wie viel beeindruckender war da Brandts Kniefall, der die Demut vor Opfern und der Geschichte ausdrücken sollte.

Schon damals war klar, dass Deutschland dringend seine Sozial- und Wirtschaftssysteme reformieren muss. Man brachte nichts zustande und außer das Herr Blüm sagen musste, dass die Rente sicher sei und somit für alle Zeiten unveränderbar den Menschen die Vollabsicherung brachte. Familienpolitik fand nicht statt. Immer wenn es brenzlig wurde, erhöhte man das Kindergeld (leider auch ein Mechanismus, den sich die Nachfolgeregierung zu Nutze machte) oder verschob Frau Süssmuth, die vielleicht frischen Wind in die Familienpolitik bringen wollte, in ein Amt, in dem sie nichts mehr bewirken konnte. Kurzum die Regierungszeit von Helmut Kohl bestand aus nichts anderem als den Versuchen seine Macht auf Dauer zu sichern.

Als die Mauer fiel war Herr Kohl schon auf dem absteigenden Ast. Es war eigentlich abzusehen, dass er bei der nächsten Bundestagswahl abgewählt werden würde. Es keimte bei mir Hoffnung auf, dass dieses Schauspiel bald ein Ende nahm. 1989 war die deutsche Wirtschaft nach einer seltsamen Boomphase, deren Ende sich andeutete, da die klassische Preis-Lohn-Spirale sich im Höchsttempo um sich selbst drehte (Zinsen um die zehn Prozent für Baufinanzierungen, Inflationsraten und Lohnabschlüsse in ähnlicher Höhe). Jedes Jahr gab es neue Privilegien zu verteilen (die fünfunddreißig-Stunden-Woche in der Metallbranche, in manch anderen Branche sprach man über das mittlerweile 14. und 15. Gehalt, im öffentlichen Dienst bekam zwei Tage Urlaub zusätzlich usw.). Man wälzte sich im Wohlstand und erkaufte ihn sich teuer mit Modernisierungsstau und hohen Lohnnebenkosten. Siechende Branchen (Stahlindustrie, Bergbau) wurden gerne mit Subventionen unterstützt und Strukturwandel ließ man nur langsam zu. Ressourcenschonung war tabu und eher verfemt, Atomkraft galt als billige und saubere Energie (für die Konservativen war Tschernobyl nicht existent. Man sah und roch ja die Radioaktivität nicht. Also war alles in bester Ordnung). Alles war dem Streben untergeordnet, Herrn Kohl und der CDU auf alle Zeiten die Macht zu erhalten. Und das machte junge Menschen wie mich natürlich unruhig. Ich war 1989 in der dreizehnten Klasse und musste mich mit meiner Zukunft in einem Land auseinandersetzen, dass die Zukunft als Fortsetzung der Vergangenheit betrachtete. Und jetzt riss dieses Menetekel Kohl die Geschichte an sich und wollte mit aller Gewalt die Einheit Deutschlands erreichen, obwohl er nichts dazu beigetragen hatte. Denn den eigentlichen Umsturz der sozialistischen Winterschlafregierung der DDR hatte das Volk betrieben und nach meiner Ansicht sollte das Volk dort die Früchte ihrer eigenen Revolution ernten, indem sie einen neuen Staat aufbauen können, der von einem basisdemokratischen Verständnis von Politik geprägt sein konnte. Nicht mehr Parteien, sondern Bürgerbewegungen sollten nach meiner Ansicht einen Staat regieren und das hätte doch gut funktionieren können. Kohl war schneller und hat alles in Gang gesetzt und mit Versprechungen die dortigen Politiker und das Volk betört. Dabei hatte er ein paar Jahre vorher noch das andere Deutschland mit Milliardenkrediten künstlich am Leben gehalten. Warum sollte er jetzt der Heilsbringer sein?

Im Nachhinein muss man Kohl und seinem Beharren auf der deutschen Einheit, seinem Verhandlungsgeschick und seinen Netzwerkkünsten größten Respekt zollen. Was ansonsten innenpolitisch zu seinem Machterhalt gedient hat, hat er einmal im Leben zu etwas Positiven genutzt. Und wahrscheinlich ging es ihm wirklich darum, Deutschland in seiner Einheit als das Vorbild für ein geeintes Europas zu etablieren und somit den Frieden und die Freiheit in Europa für Jahrzehnte zu sichern. Bald darauf war die Geschichte beendet und es gab ein Jahrzehnt in dem alles danach aussah, als könne es so etwas wie Weltfrieden geben. Kohl hat dazu einen deutlichen Beitrag geleistet und sich um die Auflösung des starren Blockdenkens aus den Zeiten des kalten Krieges verdient gemacht. Allerdings zu dem Preis, dass ich ihn noch weitere acht Jahre als Kanzler ertragen musste. Aber ganz ehrlich: dilettantische Bürgerbewegungen, die zumeist als Amateure, Hasardeure und per Zufall in den Politikbetrieb gerieten, hätten mit einem neuen ostdeutschen Staat nichts anstellen können und der Bezug zur großen Idee eines geeinten Europas hätte sie überfordert, weil sie nur mit dem wirtschaftlichen Überleben beschäftigt gewesen wären.

Meine Vorbehalte gegenüber diesen Jahren der Kohl-Regierung sind geblieben und niemand wird sie mir ausreden können. Trotzdem haben sie mich auch positiv geprägt. Ich habe in der Beobachtung des politischen Tagesgeschäftes gelernt, politisch zu denken, Politik zu hinterfragen, die Bedeutung einer differenzierten und ausgewogene Meinung, die zu meiner Wertewelt passt, zu schätzen gelernt, weil es das einzige Mittel ist, um sich nicht einer wildgewordenen Herde anzuschließen, die sich mit aller Gewalt die Deutungshoheit über ein Thema aneignen möchte. Ich habe gelernt, wie wichtig ein politischer Diskurs ist, der auch eine Gegenmeinung, solange sie ausgewogen und differenziert ist, akzeptiert. Ich habe gelernt, dass Demokratie die einzige Form eines Herrschaftssystems ist, die größtmögliche Freiheit und Vielfalt zulässt und dass man dieses Gut nicht fahrlässig aufgeben sollte. Und ich habe gelernt, dass Pragmatismus in der Politik oft die einzige Chance ist, die Macht der Ideologien aufzubrechen. Nämlich nichts anderes hat Kohl während der Wiedervereinigung gemacht. Ohne Rücksicht auf ideologische Vorbehalte alle Beteiligen betört und mit einbezogen, Kompromisse gesucht und verhandelt. Somit war er in dieser Phase das Vorbild für einen Politikstil, den ich auch in der aktuellen Situation als wegweisend halte. Starke positive Charaktere (in dieser Zeit war Kohl positiv in seiner Projektion des Friedens für ein geeintes Deutschland und Europa), die sich gegen negative Ideologien stemmen und allen Miesmachern mit konkretem Handeln zeigen, dass sie nichts anzubieten haben, außer Hass und Vorurteile.

Somit muss man den Phänomen Helmut Kohl gegenüber konstatieren, dass es durchaus zwei Seiten hat und das es im Rahmen einer Demokratie geschehen ist, die sich in ihren Grundsätze nicht aufgibt, sondern trotz allem vielen Beteiligten die Möglichkeit gibt, eine Gesellschaft zu gestalten. Denn wenn Kohl sich in seinem Machterhaltungstrieb gegen die bundesrepublikanische Demokratie gewendet hätte, was niemals jemand ihm hätte unterstellen dürfen, wäre es nicht möglich gewesen, dass eine politische Partei wie die Grünen sich genau in dieser Zeit als Gegenbild zu dem politischen Muff des Konservatismus als neue Alternative etabliert haben und wieviel Spaß wäre uns entgangen, wenn z.B. ein Joschka Fischer sich nicht innerhalb der Demokratie vom Turnschuhminister zum Vizekanzler hätte hochdienen können.

Auf die Zukunft projiziert, hoffe ich, dass wir als Demokraten, egal welcher politischen Richtung wir angehören,  uns genau diesen Spielraum lassen, um immer wieder unserer Gesellschaft die Möglichkeit zur Erneuerung und zur Entwicklung zu geben.

Exposè

Ein Exposé zu schreiben ist mir immer schwer gefallen. Einerseits, weil es einen Roman auf das wesentlichste reduziert, anderseits, weil ich es immer nach Fertigstellung des Romans geschrieben habe. Ein grundlegender Fehler, den ich mit dem meinem neuen Werk nicht noch einmal machen wollte. Natürlich gibt es einen Unterschied, ob ich ein Exposé schreibe, um die Handlungsstränge zu modellieren oder ob ich mich damit bei einem Verlag bewerben will. In diesem Fall war es dann doch eher eine Bewerbung. Schließlich wollte ich meine schärfste Kritikerin beeindrucken. Ich habe vier Monate daran gefeilt. Erst dann fühlte es sich gut an. Und das ist erst einmal die Diskussionsgrundlage. D.h. nachdem Henni es gelesen hat, werden wir sehen, was davon aufrecht zu erhalten ist. Zwischendurch drängte sich mir die Ansicht auf, ich schreibe einen Agententhriller. Das ist das Problem beim Exposé. Man schreibt reine Handlungsstränge auf und weiß im Endeffekt nicht, wie man es mit Leben erfüllt. Es ist vergleichbar mit einem Drehbuch. Wenn ich Drehbücher von bekannten Filmen lese, denke ich immer, das da was fehlt. Es ist nur das Handlungsgerüst, höchstens noch die Dialogvorgabe. Die Inszenierung passiert an anderer Stelle. Man braucht erst einmal einen Fahrplan. Mein Fahrplan ist jetzt fertig und schlummert auf einem USB-Stick. Ich hoffe, Henni nimmt sich bald die Zeit und liest diese fünf Seiten. Ich freue mich auf ihre Rückmeldung. Es ist das erste Mal bei einem meiner Projekte, das ich bei der Entstehung die Hilfe eines anderen in Anspruch nehme. Ich denke, das zahlt sich aus. Bis sie sich meinem Exposé gewidmet hat, werde ich mich anderer Dinge widmen. Wie z.B. der Entwicklung des Dialogs zwischen Shaw und Cherry-Garrard. Dafür ist viel Vorarbeit nötig. Im Augenblick arbeite ich daran, diese Vorarbeit in ein kleines Zwischenprojekt zu packen und mich von dem ursprünglichen Projekt zu lösen.

 

Wie, du weißt nicht, wie die Geschichte weiter geht!?

Nachdem Henni meine dritte Version gelesen hatte, entstand eine neue Diskussion. Ich konnte Henni nicht wirklich erklären, worum es in der Geschichte eigentlich ging. Ich konnte ihr nicht plausibel die Zusammenhänge zwischen Figuren und ihren Taten erläutern.

Literarischen Sinn ergibt sich nur, wenn eine handelnde Person ein Motiv für ihr Handeln hat und literarisch interessant wird es erst, wenn mehrere handelnde Personen mit verschiedenen  Motiven aufeinandertreffen. Und lesbar wird es erst, wenn es eine eindeutige Kausalkette gibt, die niemals abreißt. Viele schlechte Texte scheitern nicht an fehlenden sprachlichen Mitteln, sondern an mangelnder Kohärenz in ihren Kausalketten. 

Henni hat mich ertappt. Z.B. konnte ich nicht erklären, warum Alethea ein Roman über Scott schreiben will. Klar habe ich mir ein Motiv konstruiert. Sofia hat ihr es nahegelegt einen historischen Roman zu schreiben, um im Subtext eine politische Botschaft zu schreiben. Was für ein Quark. Alethea hat noch nie einen historischen Roman geschrieben. Ihre Leser erwarten von ihr Fantasygeschichten. Ihre Auftraggeber, eine staatliche Stelle, wird ihr das nicht erlauben, weil sie Angst hätten, dass sie daran scheitert, weil sie um die Fähigkeit ihrer Autorin wissen. Gleichzeitig braucht Alethea den Erfolg, um in der sozialen Hierarchie aufsteigen zu können. Sie kann es sich nicht leisten, auf eigene Faust ihren Stil zu ändern. Sie ist auf Gedeih und Verderb auf das Wohlwollen der staatlichen Stellen angewiesen und hat gar keinen Freiraum, um Sofias blöden Ideen zu folgen.

 Ich habe die ursprüngliche Idee meiner Frau vorgestellt und sie hat mir meine Kausalkette sofort zerlegt und gezeigt, dass sie in das Nichts einer schlechten Geschichte führt. Ich spürte, was mir fehlt: Ein Exposé. Ich musste mir erst einmal selbst klar machen, wohin meine Geschichte führt. Die Handlungsstränge mussten logisch sein und klar die Motive der handelnden Personen erkennen lassen. Mit einem Exposé ist das möglich. Vor allem kann ich die Kausalketten immer wieder bearbeiten. Wenn ich einen Roman schreibe und ich stelle mittendrin fest, dass es dringenden Änderungsbedarf gibt, kann man das Ruder kaum noch herumreißen.

 

Spielverderber

Zwei Wochen im Sommer haben wir in der Toskana verbracht. Inmitten einer träumerischen Landschaft, sanften Hügeln, milden Gelbtönen von Ocker bis Sand, flirrendem Sonnenlicht, mittelalterliche Ansichten und Weinberge bis an den Horizont. Die meiste Zeit des Tages haben wir inmitten einer stillen Waldidylle auf einer überdachten Terrasse unseres Ferienhauses verbracht. Die Ruhe habe ich genutzt, um weiter an meinem Roman zu arbeiten. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr weiter zu kommen und habe das erste Kapitel Henni zum Lesen gegeben. Meine Frau hat ein ambivalentes Verhältnis zum meinem literarischen Schaffen. Gerade am Anfang unserer Beziehung schien es mir, als übe die Tatsache, dass sie einen Kerl kennt, der nicht nur ein Buch liest, sondern auch welche schreibt, einen gewissen Reiz auf sie aus. Damals hatten wir in jeder freien Minute eine Buch oder eine Zeitung in der Hand. Es gibt Fotos aus unserer Anfangszeiten, wo wir beide still versunken in unserer Lektüre am Frühstückstisch sitzen. Das ist echte Liebe. Und da fangen ja immer die Probleme an. Schreiben kostet Zeit. Autoren sind Eigenbrötler und wenn sie Schreiben, wollen sie dabei nicht gestört werden. Also musste Henni meine mürrischen Abweisungen in meinen Arbeitsphasen ertragen. Sie wurde zum Opfer meiner egomanischen Schreiborgien. Leider war das Ergebnis nicht so, dass sie das hätte verschmerzen können. Wäre es mein Beruf und ich könnte damit die Familie ernähren, wäre ihr meine Abwesenheit während meiner Anwesenheit am Laptop egal. Leider ist es immer ein für alle Seiten unbefriedigendes Hobby geblieben. Deswegen ist es schwer, von ihr Anerkennung zu bekommen. Das letzte Lob erhielt ich von ihr, als meine Kurzgeschichte in der epubli-Anthologie erschienen war. Euphorie sah übrigens anders aus.

 Jetzt hatte sie mein erstes Kapitel gelesen und abends, es war schon die Sonne hinter den Hügeln verschwunden, äußerte sie ihre vernichtende Kritik. Meine Romane seien unlesbar. Sie seien nach ihrer Ansicht viel zu aufwändig erzählt. Man könne der Geschichte nicht folgen. Ich erklärte viel zu viel. Der Leser brauche viele Leerstellen, die seine Phantasie anregen und nicht ständig psychologische Ausführungen, warum einer etwas mache. Ich könne meine Romane eigentlich verbrennen. Sie seien absolut sinnbefreit. Aber meine Kurzgeschichten seien sehr gut. Ich solle entweder nur Kurzgeschichten schreiben oder Romane, die wie meine Kurzgeschichten sind. Nach der Kritik trank ich mein Glas Chianti sehr schnell aus und formulierte angefressen meine Gegenkritik. Menschen, die selbst einen hohen intellektuellen Anspruch an sich haben (dabei ist es egal, ob sie ihn erfüllen können oder nicht) reagieren bei der leisesten Kritik wie eine beleidigte Leberwurst und versuchen den Kritiker jegliche Kenntnis der Materie abzusprechen. Meine Frau ist an der Stelle ziemlich mitleidslos. Es prallt alles an ihr ab. Sie lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. Also müsste ich nach dem Genuss einer halben Flasche Wein begreifen, dass ich selbst eine Flasche bin. Ich war ziemlich beleidigt und reagierte die nächsten Tage sehr eingedrückt, bis ich begriff, dass sie es gut mit mir meinte und nur das Beste aus mir heraus holen wollte. Ich nahm mir ihre Kritik zu Herzen und schrieb innerhalb weniger Tage die dritte Version des ersten Kapitels. Ich ging mit ihr Abschnitt für Abschnitt durch und sie fand es akzeptabel. Ich hatte mich auf die wesentlichen Elemente der Erzählung konzentriert und alles Überflüssige mit der Löschtaste aus meinem Roman heraus gekickt. Unter der Prämisse, dass der Leser neugierig werden soll, weil er nur Andeutungen erhält, habe ich meine sehr ausschweifenden Ausführungen über den Ökostaat und dessen Struktur herausgeworfen. Auch habe ich den langatmigen Abschnitt über Aletheas Entwicklung zur Schriftstellerin entfernt. Darin waren auch Äußerungen über die Geschehnisse, die zur Entstehung der Gesellschaftsform führten, enthalten. Ich habe viel Platz verwendet, um zu erzählen, wie Alethea mit der offiziell nicht existenten Madenopposition in Berührung kommt. Diesen Teil werden ich noch einmal aufarbeiten müssen. Dabei ist die Begegnung von elementarer Bedeutung, denn sie ist Teil der Dramaturgie. Allerdings sollte ich es nicht wie eine Räuberpistole schreiben. Auch beim letzten Teil, den Besuch bei Sofia, werde ich mir noch etwas einfallen lassen müssen, um es in den Rahmen der Geschichte besser einpassen zu können.  

 

Prognose

Die Prognose

 

Dunkelheit

zieht durch die Wohnstuben.

Die letzten Jahre meiner Jugend

verlieren sich in Finsternis.

Viel schwerer

als der Verlust meiner Jugend,

wiegt das Gewicht der Prognose.

Die Prognose der Geschichte,

die besagt,

das sich alles zum Schlechten wendet,

und nichts zum Guten

 

Katastrophen finden ihren Anfang

in beiläufigen Handlungen.

Der Wettermann kündigt den Sturm an

und niemand sucht Schutz,

sondern verliert sich in den Geschäften des Alltags.

Erst wenn der Winter

in die Herzen deiner Liebsten einzieht,

ihre Antlitze zu Stein gefrieren,

ihre Münder sich verschließen,

ihre Blicke sich senken,

Erfüllt sich die Prognose

und wird zur Prophezeiung.

 

Doch dann ist es für alle zu spät.

 

 

Neuanfang

Ich habe von nochmals ca. 35 Seiten geschrieben. Das erste Kapitel ist damit grundsätzlich in einer ersten verwertbaren Form abgeschlossen. Die in den vorherigen Beiträgen dargestellten Kritikpunkte konnte ich zum großen Teil in das neue erste Kapitel einarbeiten. Ich denke, dass ich einen besseren Ton gefunden habe, um Alethea über sich sprechen zu lassen. Sie als Ich-Erzählerin berichten zu lassen, fühlt sich für mich sehr gut an, obwohl ich anfangs immer wieder in eine  andere  Perspektive zurück gefallen bin. Mittlerweile verstehe ich sie, kann ihr zuhören, nehme die Fäden auf, wie sie sie vorgibt. Alleine durch ihre Beschreibungen finde ich Anknüpfungspunkte, um die Story voran zu treiben. Auch die anderen Figuren, Dr. Malinowski und Sofia haben jetzt mehr Substanz. Damit sind die ersten Schritte zu einem kompletten Roman gemacht und trotzdem bleibt das erste Kapitel nur eine Arbeitsvorlage. Ich habe wie ein Bildhauer die ersten überschüssigen Stellen aus dem Felsen herausgehauen und habe trotzdem nicht mehr als eine Form heraus gearbeitet, die mir die Möglichkeit gibt, mich zu orientieren.

 

 

Falsch angefangen

Ich habe 32 Normseiten geschrieben. Zum ersten Mal schreibe ich von Anfang an im Normseitenformat. Somit kann ich den Umfang des Romans abschätzen. Ich will keinen Wälzer schreiben. Mein erster Roman gestaltete sich zu ausufernd und weil ich damals kein Ende fand, lege ich mir seither eine Selbstbeschränkung von maximal dreihundert bis vierhundert Normseiten auf. Fünfhundert oder mehr Seiten kann ich nicht im Zaum halten. Zudem hat das Auswirkung auf die Vermarktung. Selten werden Debüts mit tausend Seiten verlegt. Diese Selbstbeschränkung hilft mir auch in sprachlicher Hinsicht. Ich muss mir eine Sprachweise überlegen, die sinnvoll verknappt.

 Ich hatte ja bei meiner Untersuchung der Sprachstile herausgefunden, dass ein Icherzähler auf subjektive Art und Weise die Geschichte schildert. Für die Ebene der Zukunft passt das hervorragend. Für die anderen Ebenen nutze ich einen allwissenden Erzähler, der eine Objektivität vortäuscht, die nicht wirklich gegeben ist. Somit wird auch die Trennung der Ebene am Anfang deutlich. Der Leser soll glauben, dass es um drei verschiedene Geschichten geht, die keine Berührungspunkte haben.

 Nach 32 Normseiten habe ich festgestellt, dass ich weder aus der Ich- noch aus einer subjektiven Perspektive heraus geschrieben habe. Ich kann noch einmal von vorne anfangen. Ich mag den Text auch nicht lesen, weil er mir schmerzlich klar macht, dass ich die richtige Sprache noch nicht gefunden habe.

Hier ein Beispiel:

Wenn ihr nichts einfällt und sie unter Druck steht, glaubt sie zu verstehen, wie sich ihr Vater sein ganzes Leben lang gefühlt haben muss. Für sie sind es kurze Phasen. In zwei Minuten spätestens werden mindestens drei kluge Ideen aus ihrem Hirn sprühen. Deswegen wollte sie Autorin werden. Sie war angewiesen auf die Veränderung, auf die Aufgaben, die man ihr stellt. Sie konnte ihre Klugheit anwenden und wie einen Brunnen neu anzapfen. Sie wusste, dass der Brunnen versiegt, wenn sie ihn nicht ständig anzapft. Sie wusste aber auch, dass der Grundwasserspiegel sich spätestens nach einem Dürrejahr senkte und den Brunnen für immer trocken legte. 

 Wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich ausgedörrt. Es gab keinen Regen mehr, keine Niederschläge auf Papier. Nur Ideen voller Esprit, keine Geschichten mehr. Sie tröstete sich damit, dass wenn der eine Brunnen versiegte, sie einfach einen neuen bohrten könnte.

 

Das klingt weder geschmeidig, noch schlüssig. Die Bilder sind unpassend. Die Sätze sind zu voluminös und beschreiben fast nichts. Dabei muss durch Sprache und Textgestaltung zum Ausdruck gebracht werden, dass der Druck, der auf Alethea lastet, sie fast zerreißt. Sie sitzt einsam und hilflos in der Einöde und weiß nicht, wie sie ihr Vorhaben umsetzen soll, obwohl   ihre gesamte Existenz mit dem Vorhaben verknüpft ist.