Reihe 3, Platz 58 und 59 – Tyll

Ähnlich wie Daniel Kehlmanns Roman ist die Theateradaption keine leichte Kost. Geht es doch um nichts mehr oder weniger als den dreißigjährigen Krieg: das kollektive Trauma, das auch heute noch seinen Widerhall in der Wesensschau der Deutschen findet. Um das äußerst anstrengende Thema zu verhandeln, nimmt sich das Stadttheater die Freiheit heraus, dem Zuschauer mehr als drei Stunden seiner wertvollen Zeit zu klauen. Könnte man doch in der gleichen Zeit so viele wichtige Dinge erledigen, anstatt sich lauwarm aufgebrühte Literaturvorlagen, die doch eh schon jeder kennt, als Bühnenbearbeitung anzuschauen. Mit dieser Haltung habe ich meinen gewohnten Platz in Reihe 3 eingenommen und mich gefragt, ob ich vor oder nach der Pause einschlafen werde. Ich habe das Buch voller Aufmerksamkeit gelesen. Herr Kehlmanns Kunst komplexe historische Geschehnisse am Schopfe zu packen und aus mehreren Perspektiven von unten und von oben zu betrachten und mit griffiger Sprache für den Leser zu erhellen, ist schon einzigartig. Nach der Pause hatte ich erwartet, dass die Reihen sich leeren, weil einig von Langeweile geplagte Bürger verärgert den Heimweg angetreten waren. Genauso wenig wie ich eingeschlafen bin, sondern hellwach bis zum Schluss mitgefiebert habe, haben die meisten Zuschauer durchgehalten und die Aufführung mit mehr als braven Applaus goutiert.

Das Buch lebt vom weiten Handlungshorizont, der Unzahl an Personen, die teilweise einen echten historischen Hintergrund haben. Die Theateradaption kann sich nicht allen Handlungssträngen und Anekdoten widmen und konzentriert sich auf zwei Kernelemente. Das ist einmal der Blick auf die einfachen Leute, die eigentlichen Opfer des Krieges, die Bewohner der Städte und Dörfer, die heimgesucht werden von Soldaten und Söldnern verschiedener Kriegsparteien. Das Leben besteht für sie nur aus purer Angst, harter Arbeit und fader Grütze. In dieser Welt wächst Tyll Ulenspiegel als Sohn eines Müllers auf. Schon als Heranwachsender gelingt es ihm zu überleben und jegliche Gefahr zu überwinden. Er entdeckt sein artistisches Talent und als der Vater gehängt wird, weil herumfahrende Jesuiten ihn aufgrund seiner kauzigen Art und seiner Wissbegier für einen Hexer halten, haut er mit der Bäckerstochter Nele ab. Tyll wird zum bemerkenswerten Mythos, zum Überlebenskünstler, der den dreißigjährigen Krieg überdauert.

Ein anderes Kernelement der Handlung drehte sich um den Winterkönig, Friedrich der V. und seine Gemahlin Elisabeth, genannt Liz. Der Winterkönig, der Kurfürst der Pfalz, der sich dazu breitschlagen lässt, die Königskrone der Böhmen anzunehmen und sich damit gegen den deutschen Kaiser stellt, stellt den Ausgangspunkt des dreißigjährigen Krieges dar. Hinter ihm steht seine Ehefrau, eine Stuart, die sich nach ihrer Heimat zurücksehnt. Die kurze Herrschaft über Böhmen endet mit dem Gang ins Exil. Friedrich und Liz gelingt es nicht, den Hofstaat aufrecht zu erhalten und eine angemessene Heimstatt zu finden. Sie weinen dem alten Glanz hinterher und warten darauf, dass der englische König, der Vater von Liz, ihnen mit Truppen zu Hilfe eilt. Aber vorher finden sich Tyll und Nele am Hof des Winterkönigs ein, um sich als Hofnarren anzudienen. Tyll schließt mit dem Winterkönig eine Wette ab, dass er dem Esel das Lesen beibringen könne und Liz ist genervt von der sarkastischen aufdringlichen Art der beiden. Als der Winterkönig zum König Gustav Adolf reist, um sich von ihm helfen zu lassen und dieser ihn abblitzen lässt, stirbt er auf der Rückreise an der Pest. Fortan gilt Liz ganze Kraft der Rehabilitation ihres Mannes, um die alte Kurfürstenwürde zu retten.

Am Ende des Stückes trifft man sich in Osnabrück um den westfälischen Frieden auszuhandeln und den Krieg zu beenden. Liz tritt dort an, um sich in einer verzweifelten Aktion die alte Macht zurückzuholen, um sie an ihre Kinder weiter zu geben. Dort trifft sie auf Tyll, der mittlerweile zum Hofnarr des Kaisers aufgestiegen ist und bietet ihm an, ihn mit nach England zu nehmen, damit er dort in Frieden seine letzten Jahre verbringen kann. Tyll schlägt das Angebot aus.

Esra Schreier als Nele, deren gelungenes Spiel im besonderen Maße sichtbar wird, wenn sie an der Kante der Bühne steht und ihre Mimik sprechen lässt. Tom Wild, der sich als irrer Vater verausgabt, wenn er sich ständig mit dem Gedanken beschäftigt, wann ein Weizenhaufen kein Weizenhaufen mehr ist, wenn man ein Korn nach dem anderen wegnimmt und beim Verschlingen der Henkersmahlzeit erkennen muss, dass er sein ganzes Leben lang gehungert hat und es sich dann lohnt, für eine Hammelkeule mit etwas Salz und einem Hauch von Pfeffer hingerichtet zu werden. David Moorbach als Tyll, der mit lässiger Körperlichkeit den älteren Tyll einsam und zynisch über die Bühne wandeln lässt. Frau Minetti, die ich nicht nimmer gut finde, aber diesmal als Liz glaubhaft ihren verzweifelten Kampf um Anerkennung spielt. Eine kompakte Ensembleleistung, die manchmal gefährdet zu sein scheint, wenn das Groteske, das dem Buch schon innewohnt, ins Alberne abrutschen könnte.

Der Schauspielkunst wird durch das spartanische Bühnenbild viel Raum gegeben. Kein Firlefanz lenkt vom nackten Bühnenraum ab. Das Bühnenbild besteht aus Rampen, die man aus Palletten zusammengebaut hat und die mal auftauchen und im Bühnenboden wieder verschwinden. Die Vorhanghalterungen werden in Bewegung gesetzt, um Chaos oder zur Not auch mal ein Mühlrad darzustellen. Wenn es laut werden soll, fährt ein Blech von der Decke herunter und wird mit Schuhen oder Säcken beworfen. Der Schluss wird zum besonderen Highlight, weil Tyll über den Bühnenausgang ins Freie schreitet. Er verschwindet im grellen Gegenlicht eines Scheinwerfers. Bis auf Liz und Friedrich im kitschigen blauen Kostüm eines Faschingsprinzenpaares, ausgestattet mit blauen Blinkediadem und ähnlichem Tand, bleiben die Kostüme schlicht und einfach und dienen mit simplen und effektvollen Einfällen der Hervorhebung einzelner Charaktereigenschaften (z.B. wird Pirmin durch verdeckte Stelzen übermächtig groß).

Man wird dem Kehlmann gerecht, wenn man sich als Stadttheater auf das Wesentliche konzentriert. Schwierig ist der schmale Grat, das Groteske im menschlichen Verhalten mit beißenden Humor zu zeigen, um die Abgründe und Dummheiten der Menschen aufzuzeigen und nicht sich auf Albernheiten zu werfen. Natürlich gibt es Längen in dem Stück, was schade, aber kaum zu vermeiden ist. Meines Erachtens hätte sich die Szene um die Hinrichtung des Vaters in einer kürzeren Variante durchaus zu einer angenehmen Verkürzung des Stückes beigetragen, ohne ihm irgendetwas weg zu nehmen.

Am Ende des Abends hatte ich ein ähnliches Gefühl wie bei der Lektüre des Buches. Der dreißigjährige Krieg mag eine monströse Veranstaltung gewesen sein, der heutzutage gerne als Ränkespiel der Mächtigen in den Geschichtsbüchern steht, aber das eigentliche Drama des dreißigjährigen Krieges liegt darin, dass die Herrschaften des Adels und des Klerus mit den einfachen ohnmächtigen wehrlosen Untertanen ein böses Spiel getrieben hat und die Menschen diesem Spiel auf Gedeih und Verderb ausgesetzt waren.

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Die Buchmesse…immer wieder die Buchmesse…sich am Samstagmorgen leicht übermüdet in den Zug nach Frankfurt quälen…schon beim Eintritt nicht zu wissen, wo man hin will… meine Frau, die unbedingt viele Bücher kaufen will (geht jetzt auch samstags. Deswegen waren wir samstags und nicht wie in den Jahren zuvor sonntags auf der Buchmesse) und für gewöhnlich leicht frustriert ohne ein einziges Buch nach Hause fährt…ich, der ich nach interessanten Autoren fahnde und seinen alljährlichen Artikel für seinen Blog im Kopf hat und davon träumt mal an den Fachtagen auf die Messe zu gehen…das Geschubse in den Hallen…die langen Gänge, unendliche Meter zu Fuß…die vielen Cosplay-Mädchen mit ihren Lolita Kostümen und ihren überdimensionierten Pappmaché-schwertern…die Nerds, die nur kostenlose Artikel in ihre unzähligen Stofftaschen packen wo…warum machen wir das alles bloß…warum nur?

Sascha Lobo – ZDF blaues Sofa

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Eine nette junge Messehostess reicht den Kindern Papierstreifen. Wenn man sie verliert, können wir angerufen werden. Wir verlieren jedes Jahr eines unserer Kinder. Besonders unser jüngster neigt dazu, einfach zu verschwinden. Wir rennen durch den Eingangsbereich in die Halle 4.1. Meine Frau sucht nach Mealprep-Büchern und ich suche das blaue Sofa vom ZDF. Pünktlich um halb Elf bin ich da. Sascha Lobo redet schon. Er hat ein neues Buch geschrieben (Realitätsschock). Der Mann mit rotem Iro und schwarzen Schlabberanzug ist der allgegenwärtige Onkel der Digitalnerds, der uns analogen Menschen das virtuelle Welt des Internets erklärt. Unaufgeregt beschreibt er, wie Attentäter durch die digitale Vernetzung ein Publikum finden und dieses sich zur Nachahmung berufen fühlt. Rechtsextreme hat es schon immer gegeben, aber durch das Internet haben sich Filterblasen und Plattformen gebildet, auf denen sie ihre Meinungen potenzieren können und sich nach Lust und Laune austoben können. Seine Kernthese ist, dass Politik und auch die Gesellschaft auf die Entwicklungen des 21. Jahrhunderts mit Mitteln des 20. Jahrhunderts reagiert. Als Beispiel nannte er das Rezo-Video. Hätte der Youtuber einen Leitartikel in irgendeiner großen Tageszeitung mit gleichem Inhalt veröffentlicht, hätte die CDU die Mittel gehabt, um auf die Vorwürfe reagieren zu können. Alleine durch die Veröffentlichung der Polemik auf einer digitalen Plattform wie Youtube war die CDU völlig unfähig eine angemessene Antwort zu zugeben. Dann machte Herr Lobo launige Witze über Julia Klöckner, die ihn wohl am Vortag an seinem Stand besucht hatte und ihn mit zwei Küsschen begrüßt hatte. Worauf hin die Frage aufkam, warum Frau Klöckner ihn so begrüße. Er antwortete, dass sei ihrer herzliche Art geschuldet. Man kenne sich, außerdem habe sie als Weinkönigin ein entsprechendes Begrüßungstraining genossen. Die Lacher hat er auf seine Seite. Insgesamt fand ich das Interview sehr aufschlussreich, weil ein Internetfreak und Interpret digitaler Kommunikation vollkommen überrascht ist über die Entwicklungen der letzten Jahre und selbst eher achselzuckend darauf reagiert. Das nimmt man Herr Lobo ab. Er kann die Zusammenhänge nachvollziehbar darstellen, ohne ihnen die Komplexität zu nehmen. Er legt die Finger in die ziemlich eitrigen Wunden und lässt sie offen vor sich her blühen. Den Verband müssen die anderen anlegen. Ich höre ihm gerne zu. Aber ein Buch muss ich nicht von ihm haben. Da kenne ich tiefsinnigere Welterklärer.

Dag Olstad im Gespräch mit Hinrich Schmidt-Henkel – norwegischer Pavillon

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Kaum bin ich weg vom blauen Sofa, finde ich meine Familie nicht mehr wieder. In Halle 3.0 sind die Gänge schon vollkommen überfüllt. Mehrmals rufe ich meine Frau auf dem Handy an, jedes Mal springt die Mailbox an. Ich schwitze, die Menschenmassen empfinde ich als Zumutung. Kurz überlege ich, mich wieder in den Zug zu setzen und ohne meine Familie heim zu fahren, da klingelt endlich mein Handy. Meine Frau möchte gerne zum norwegischen Pavillon, in der Hoffnung, dass dort weniger Betrieb ist. Außerdem möchte Sie Hinrich Schmidt-Henkel live erleben. Herr Schmidt-Henkel ist ein vielbeschäftigter Übersetzer bekannter französischer und norwegischer Autoren. Außerdem taucht er immer wieder mal in der Sendung Karambolage auf Arte auf und erklärt besondere Wörter und Redewendungen. Nach der Lektüre zweier Bücher von Édouard Louis (dem ich mich in einem anderen Beitrag gerne widmen möchten), die von Herr Schmidt-Hinkel übersetzt wurden und durch seine Auftritte in der Sendung Karambolage wurde meine Frau auf ihn aufmerksam. Herr Schmidt-Hinkel sollte ein Gespräch mit norwegischen Autor Dag Solstad führen. Herr Solstad ist ein kleiner gramgebeugter alter Herr mit weißer Fusselmähne und zerstörtem Gesicht mit weißem Stoppelbart, der ein Jackett aufträgt, das er wahrscheinlich schon vor vierzig Jahren aus dem Altkleidercontainer gefischt hat. Das Interview stellt sich als langwierig und zäh heraus. Herr Hinrich Schmidt-Hinkel stellt lange Fragen, die erst von einem anderen Übersetzer, anhand seiner Notizen, Herrn Solstad vermittelt werden müssen und der kryptische Antworten auf Norwegisch gibt, die der Übersetzer wiederum anhand seiner Notizen ins Deutsche übersetzt. Herr Solstad wurde lange Zeit nicht in Deutschland verlegt, obwohl er in Norwegen recht erfolgreich war. Anscheinend wurden ihm als politischen Autor mit kommunistischer Prägung keine Erfolgschancen im Ausland beigemessen. Erst als ihm durch das Ende des kalten Krieges die politische Utopie abhandengekommen war, begann er unpolitische Romane zu schreiben und erst dann wurden seine Bücher auch übersetzt und in Deutschland verlegt. In seinen Büchern neuerer Prägung geht es um Protagonisten, die sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen, um außerhalb der Gesellschaft leben zu wollen. Der aktuelle Roman, der vor kurzem in Deutschland veröffentlicht wurde, ist zwanzig Jahre alt. Er heißt „T.Singer“ und Herr Olstad liest uns eine Passage aus dem Roman auf Norwegisch vor. Wir denken an eine Realsatire: ein alter ungepflegter Schriftsteller liest verwaschen, fast lallend, auf Norwegisch einen Text vor, den wir nicht verstehen und auch nicht folgen können. Als dann Herr Schmidt Hinrich noch den Inhalt zusammenfasst, die Geschichte eines Vierunddreißigjährigen Bibliothekars, der sich vollkommen zurückgezogen hat und sich in eine Töpferin verliebt, können wir uns kaum zurückhalten. Wir grinsen, schmunzeln und meine Frau gibt mir als Belohnung für die Strapazen des Zuhörens ein Duplo. Wir schauen uns den Norwegischen Pavillon an und hören im Hintergrund Herrn Schmidt-Hinrich jubilieren und Herrn Olstadt grummeln. Der Pavillon wirkt übrigens diesmal sehr leblos und lieblos. Auf Tischen liegt norwegische Literatur aus, die Tische sind mit Edelstahlgebilden verziert und der Raum ist durch große Spiegel links und rechts künstlich vergrößert worden. Mehr Stil ist nicht.

In der Halle 3.0 ist kein Durchkommen mehr. Wir haben den Eindruck, dass samstags mehr Betrieb als sonntags ist oder liegt es daran, dass man nun auch samstags Bücher kaufen kann oder dass das Wetter schlecht ist? Wir finden keine erhellende Erklärung und rennen raus, um uns dann in der Halle 4.1 zu tummeln. Während meine Familie noch in der Halle bleibt, mache ich mich auf den Weg zu einem anderen Programmpunkt, der mir besonders am Herzen liegt

Terezia Mora im Gespräch mit Elke Schmitter – am Stand des Spiegels

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Für mich ist es eine heilige Pflicht dem Stand des Spiegels auf der Buchmesse einen Besuch abzustatten. Seit über dreißig Jahren habe ich keine Ausgabe des Spiegels verpasst und jede Ausgabe von hinten nach vorne gelesen. Niels Nikmar, Susanne Beyer oder Elke Schmitter in voller Größe in Augenschein nehmen zu dürfen, ist für mich eine Ehre. Das Terezia Mora ihr neues Buch beim Spiegel vorstellt, bedeutet für mich also doppelten Lustgewinn. Schließlich habe ich Frau Mora dieses Jahr für mich entdeckt. Selten kann ich erfolgreichen Autoren etwas abgewinnen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen und dafür gefeiert werden, dass sie den neusten heißen Scheiß geschrieben haben. Für mich müssen Autoren wie gute Weine ein paar Jahre reifen. Sie müssen sich etablieren und über mehrere Bücher hinweg beweisen, dass sie mein Interesse verdient haben. Terezia Mora war der richtige heiße Scheiß als sie 2014 den deutschen Buchpreis gewann und für mich wurde sie erst interessant als sie den Georg-Büchner-Preis gewann, die Autoren zumeist erst bekommen, wenn sie schon über den Status der Eintagsfliege hinausgewachsen sind. Im Frühjahr habe ich den ersten Teil der Trilogie um den Protagonisten Darius Kopp gelesen. „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ aus dem Jahr 2009 hat mich begeistert. Frau Mora hat nun den letzten Teil der Trilogie „Auf dem Seil“ veröffentlicht. Frau Mora ist genauso alt wie ich und eine sympathische Person, die gerne Auskunft über ihre schriftstellerische Tätigkeit gibt. Man kann als Autor viel von ihr lernen, weil sie sehr plastisch ihre Arbeit am Werk reflektieren kann. Wenn sie über Darius Kopp spricht, hat man das Gefühl, die Person existiere wirklich. Teresia Mora antwortete auf die Frage, ob es sein könne, dass Kopp in einem späteren Werk wieder auftauche, sie es nicht als wahrscheinlich sieht, das sie alles erzählt hat, was sie über Darius weiß. Es gibt an dem Charakter Darius Kopp etwas, dass über das Wissen der Autorin hinausreicht, als habe Frau Mora Darius Kopp kennengelernt, eine Zeitlang beobachtet und begleitet und nun hinter sich gelassen, damit Herr Kopp sein Leben weiter leben kann. Das offenbart eine liebevolle Haltung der Autorin gegenüber ihren Figuren, die irgendwann zu eigenständigen Personen werden und zu denen sie trotzdem eine professionelle Distanz hält. Sie zeigt im Interview auch die Konstruktionsarbeit die bei der Entwicklung des Textes notwendig war. Im dritten Teil musste sie dafür sorgen, den mittellosen Darius wieder nach Berlin kommt, dem Ausgangspunkt ihrer Trilogie. Zufälligerweise sei ihr bei Recherchen aufgefallen, dass der Ätna früher als der Eingang zum Hades galt und es ein wunderbarer Ort sei, damit Kopp die Asche seiner Frau verstreuen könne. Alles dies musste sie in eine Geschichte gießen, die trotz aller Konstruktion glaubwürdig bleibt. Die große Kunst besteht darin, dass egal wie abstrus die Handlung klingt, man als Leser sie als Möglichkeit anerkennt. In dem Falle trägt dazu bei, dass Kopp in der Gegenwart lebt, in dem Sinne, dass er nicht sonderlich reflektiert und wenn er beim Denken nicht mehr weiter kommt, einfach zu Handeln beginnt. Frau Mora sagt selbst, dass Darius Kopp sich durch sein Leben wurschtelt und er sich damit in guter Gesellschaft befindet, da sich die meisten Menschen letztendlich durch ihr Leben wurschteln. Frau Mora hat mit ihrer Trilogie ein Werk über den urbanen Menschen der Gegenwart geschaffen, der hoffnungsvoll anfängt, in prekären Lebensverhältnissen und gepflegten Großstadthedonismus hängenbleibt und sich nur weiter entwickelt, wenn das Schicksal ihn dazu zwingt. Frau Mora hat noch ein paar Fragen zu ihrem Verhältnis zu deutschen Sprache und ihrer Herkunft beantwortet und schon war eine kurzweilige halbe Stunde vorbei.

Danach war die Buchmesse für mich mental zu Ende. Wir sind noch zwei Stunden durch die sich langsam leerenden Gänge gebummelt. Schließlich sind wir im Yogi-Tee-Zelt gelandet. Meine Frau hat auf eine Tasse kostenlosen Tee spekuliert. Allerdings gab es keinen Tee mehr. Zumindest hat sie ein paar Packungen Tee gekauft und damit den Frust über die nicht gekauften Bücher kompensiert. Irgendwann waren die Füße schwer und der Kopf leer und wir sind wieder in den Zug gestiegen und nach Hause gefahren.

Stadt, Land……Weltuntergang

Vor ein paar Wochen hat mich ein guter Freund besucht. Er wollte schon immer abgeschieden auf dem Land leben. Den Wunsch hat er sich vor ein paar Jahren gemeinsam mit seiner Ehefrau erfüllt. Sie haben sich ein Haus in einem kleinen Ort mit zweihundert Einwohnern gekauft. Die Hauptstraße, eine Buckelpiste mit tiefen Schlaglöchern führt durch das Dorf und endet im Wald. Es gibt dort kein Geschäft, keinen Kindergarten, keine Schule. Der nächste Ort mit nennenswerter Infrastruktur ist fünf Kilometer entfernt und seine Arbeitsstelle und die nächste Stadt ca. 10 Kilometer.

Als ich damals meine jetzige Frau kennen gelernt habe, die jahrelang in einer Großstadt gewohnt hat und nach ihrer Rückkehr in eine mittelgroße Kleinstadt mit 80.000 Einwohnern gezogen war, habe ich das Leben in der Stadt schätzen gelernt. Sie wohnte zur Miete in einer gemütlichen Altbauwohnung inmitten der Innenstadt. Wenn ich bei ihr war, war vieles sehr einfach. Zum Einkaufen, zum Essen ins Restaurant, zum Theaterbesuch ging man einfach um die Ecke.

Wir sind nach zwei Jahren in die Stadt gezogen, in der wir heute noch wohnen. Erst zur Miete, später haben wir uns ein Haus gekauft. Die Stadt hat 50.000 Einwohner und je nachdem in welchem Viertel man wohnt, hat man ähnlich kurze Wege wie in einer Großstadt. Wir hatten sehr viel Glück, dass wir zum richtigen Zeitpunkt ein Haus in einer Nebenstraße in einem recht ruhigen Viertel gefunden haben. Dieses Haus pflegen, schätzen und lieben wir über alles. Es ist das Heim unserer Familie. Zwei Erwachsene, drei Kinder, vier, acht und elf Jahre alt.

Mein Freund und ich saßen bei uns im Garten. Wir haben einen kleinen Gartenschuppen, eine fest gemauerte niedrige Hütte, mit einem Vordach und einem grünen Dach aus Traubenranken. Darunter befindet sich mein Lieblingsplatz. Im Sommer sitze ich dort und schreibe, rauche und unterhalte mich abends bei einem Glas Wein mit meiner Frau. Wenn mein Freund und ich uns gegenseitig besuchen, wälzen wir alle Probleme dieser Welt. Wir kennen uns seit über zwanzig Jahren und wir schätzen die Gesellschaft des anderen ungemein. Unsere Besuche finden ein- zwei Mal im Jahr statt und sind für jeden von uns immer ein Vergnügen.

Über Umwegen kamen wir auf das Thema Klimawandel. Mein Freund berichtete mir, dass seine älteste Tochter mit elf schon ein Handy habe. Als Eltern mit klarem Erziehungsauftrag murrten wir hörbar auf. Unsere Tochter bekommt erst mit vierzehn Jahren ein eigenes Handy. Wir erlauben ihr nur die kontrollierte Nutzung sozialer Medien. Er hat sich umgehend gerechtfertigt. Schließlich fahre nur der Schulbus nach Hause und ein Linienbus fahre nur ein- bis zweimal am Tag. Das heißt, wenn bei seiner Tochter Unterricht ausfällt oder irgendetwas in der Schule dazwischen kommt und sie den Bus verpasst, muss sie abgeholt werden. Bei uns ist das kein Problem. Wenn ein Bus nicht fährt oder meine Tochter den Bus verpasst, wartet sie einfach auf den Linienbus, der alle halbe Stunde fährt oder läuft nach Hause. Die Schule ist zwar in einem anderen Stadtteil, aber auf dem halben Weg liegt der Bahnhof und spätestens dort kann sie in den Bus einsteigen.

Schnell waren wir bei dem Thema Mobilität. Mein Freund und seine Familie sind auf Autos angewiesen. Es gibt wenige Möglichkeiten flexibel öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Meine Frau hat als Landesbedienstete sogar ein kostenloses Jahresticket für den ÖPNV und fährt jeden Morgen mit dem Zug in die Nachbarstadt und sie hat nachmittags wenig Schwierigkeiten pünktlich in die Kita zu kommen, um meinen Sohn abzuholen. Unsere beiden Töchter haben alle Jahrestickets für den ÖPNV (kostet 365 EUR pro Jahr) und kommen so auch flexibel zu allen möglichen Zeiten zur Schule und nach Hause. Es ging noch weiter. Wir kamen dann auf das Thema Müllvermeidung. Wir haben einen Bioladen in der Stadt, der Unverpackt anbietet und in der Nachbarstadt (in die wir am Wochenende mit dem Ticket meiner Frau kostenlos mit dem Zug fahren können) einen Unverpacktladen. D.h. wir können mit wenig Aufwand einen Großteil des Verpackungsmülls einsparen. Die gängigen Nahrungsmittel wie Nudeln, Reis, Müsli holen wir unverpackt und auch Reinigungsmittel, Pflegemittel bekommen wir unverpackt. Den gelben Sack nutzen wir seit Jahren nicht mehr. Ich habe gerade nach vier Wochen unsere schwarze Tonne vor die Tür gestellt und sie war nur zu einem Drittel gefüllt. Als wir noch nicht an Verpackungsmüll gespart haben, war die Tonne jedes Mal bis oben hin voll. Mein Freund geht in einen Rewe im Nachbarort und kann dort vielleicht Obst und Gemüse in mitgebrachte Taschen und Behältnisse verstauen und seinen gesamten Einkauf vielleicht in einen Korb stopfen. Wenn er aber dort an die Metzgertheke geht und darum bittet, dass die Wurst in ein mitgebrachtes Behältnis gepackt wird, wird er mit Kopfschütteln abgewiesen. Auch das ist bei uns möglich, weil es genug Leute in der Stadt gibt, die das von ihren Metzgern verlangen und die, um die Kunden nicht zu verlieren, auf den Wunsch eingehen. Einen Unverpacktladen gibt es bei meinem Freund eventuell in der nächsten Großstadt, die ungefähr fünfzig Kilometer entfernt ist. Mangels Öffentlicher Verkehrsmittel wird er da mit dem Auto hinfahren müssen, also kann er es sich gleich sparen und nur darauf hoffen, dass sein Supermarkt im Nachbarort irgendwann mal den Schuss gehört hat. Ich kann alle Strecken in der Stadt mit dem Fahrrad fahren. Die Radwege bei uns sind nicht optimal, aber wir haben welche. Wenn mein Freund in den nächsten Ort fahren will, muss er auf vielen Umwegen durch den Wald fahren oder auf einer Landstraße. Einen Radweg gibt es nicht. Er ist wegen der Natur aufs Land gezogen und für ihn ist es selbstverständlich für den Erhalt der derselben etwas zu tun. Er sieht in den Anstrengungen für Umwelt- und Klimaschutz ein Gewinn für seine Lebensqualität. Aber er hat weniger Möglichkeiten im Alltag aktiv Umwelt- und Klimaschutz zu betreiben.

Nach diesem Sommertag im Garten hat sich mir eine Frage aufgedrängt. Gibt es auch beim Umweltschutz ein neues gesellschaftliches Ungleichgewicht?

In den letzten Jahren hat sich die bundesrepublikanische Gesellschaft in vielen Bereichen auseinander bewegt: Ob links oder rechts, oben oder unten, Ost oder West, Stadt oder Land. Auch bei Umweltthemen öffnen sich die Gräben, die immer unüberwindbarer erscheinen, weil sie mit den anderen Gegensätzen korrespondieren. Wer in der Stadt lebt, sich vegetarisch oder vegan ernährt, mit dem Fahrrad fährt oder den Bus nutzt, der kurze Wege hat, hat es leicht auf solche Menschen wie meinen Freund hinabzuschauen, der gerne auf dem Land lebt, gerade weil er ein Interesse an der Natur und der Umwelt hat, aber auf das Auto angewiesen ist und nun einmal sich nicht den Luxus gönnen kann, in den Bioladen um die Ecke zu gehen.

Viele gesellschaftlich relevante Probleme wurden in den letzten Jahren von großen Teilen der Gesellschaft erfolgreich verdrängt. Die Überflussgesellschaft, die es gewohnt ist, von der Ausbeutung von Ressourcen und weniger entwickelten Ecken dieser Welt zu profitieren, hat erfolgreich jede Herausforderung zur Bedrohung des eigenen Lebensstandards uminterpretiert. Dabei bringt das Wegsehen die wirkliche Bedrohung hervor. Aus Trägheit und Desinteresse hat man jegliche Vorschläge zur Veränderung von Verhaltensweisen erfolgreich niedergeschrien. Wenn ich in Facebook die vielen hasserfüllten Beiträge von eigentlich friedlichen Mitmenschen lese, die sich höllisch über Greta Thunberg und politisch aktive Schüler aufregen und die mittels Statistiken aus der Bildzeitung beweisen wollen, dass Deutschland ja eh nichts ändern kann, da wir Deutschen nur ein Prozent der Weltbevölkerung stellen und China aufgrund der vielen Chinesen viel eher in der Pflicht ist, etwas gegen den Klimawandel zu tun, weiß ich, dass diese Menschen glauben, wirklich etwas zu verlieren, wenn sie ihr Verhalten ändern, indem sie anstatt mit dem SUV zum Bäcker zu fahren, die hundert Meter einfach mal laufen. Für sie geht es nur um den Statusverlust und nicht um die Frage nach der Veränderung unserer Lebensweise zugunsten unseres Planeten und uns selbst.

Die Haltung, die von der Weltanschauung, dass der Kapitalismus durch die Produktion des permanenten Überfluss anscheinend die Unsterblichkeit der eigenen Art garantiert, geprägt ist, treibt die Gesellschaft noch weiter auseinander. Wir müssen uns eigentlich über die Gräben hinweg die Hand reichen und uns überlegen, wie wir in Zukunft unsere Gesellschaft organisieren wollen, um jedem Bürger zu ermöglichen, dass er seinen Beitrag zur Ressourcenschonung leisten kann. Leider sind die Stimmen der Konservativen, die unter Bewahrung, das Vermeiden von Veränderung verstehen, viel zu grell und zu laut, um im Rahmen einer politischen Willensbildung die vollständige Veränderung aller Infrastrukturen zu erreichen. Das aktuelle Klimapaket der Bundesregierung bringt dies leider zum Ausdruck. Man will keine Wende, sondern nur Symbolpolitik, die die eine Seite beruhigt und die andere Seite bestätigt, die aber nichts zusammenbringt.

Dabei könnte es so einfach sein. Wir sitzen am Tisch im Garten und reden miteinander. Wir hören dem anderen zu, zeigen Verständnis für seine Situation und werben für Verständnis für unsere Situation. Dann kommt das Einverständnis über gemeinsame Ziele. Weil niemand will wirklich, dass diese Welt zugrunde geht. Das klingt romantisch, aber was im Kleinen funktioniert, könnte eventuell auch im Großen funktionieren.

Walter Schels/ The Ramen

Ein totgeborenes Kind, in Käseschmiere gehüllt, die Augen fest geschlossen, der Mund offen, zum Schrei geformt, vielleicht im Geburtskanal erstickt.

Ich betrete in Hamburg ein schmales kleines Restaurant: The Ramen in der Rosenstrasse. Ich bin nur ein Tag in der Stadt. Das Restaurant habe ich vorher im Internet ausgesucht. Den Tag Aufenthalt in der Stadt habe ich minutiös vorgeplant. Von elf bis eins Deichtorhallen, von eins bis zwei Elbphilharmonie und um zwei Uhr bis drei Uhr mittags japanische Suppe.

Ich bin emotional aufgewühlt, lasse mir aber nichts anmerken. Meine Rolle als distanzierter Betrachter kann ich nur schwer aufrechterhalten. Warum macht man es mir so schwer und beginnt die Ausstellung mit dem Foto einer Totgeburt?

Das Restaurant ist eng. Es bietet höchstens Sitzplätze für zwanzig Gäste. Der Koch bereitet das Essen vor den Augen der Gäste zu. Man kann der Spülkraft beim Beladen der Spülmaschine zuschauen. Es gibt zwei Tischreihen, die aus zwei getrennten Holzblöcken besteht. Die junge asiatische Bedienung weist mir freundlich meinen Platz zu. An der Wandreihe sitzen ein junger Mann und eine junge Frau. Auf den ersten Blick kann ich sehen, dass sie ein anstrengendes und ernstes Gesprächsthema durchkauen.

Neben dem kleinen Foto der Totgeburt hängt eine Reihe von Fotos mit kräftigen, gesunden Babys, die ihre Lebenskraft in die Welt hinausschreien.

Meine langen Beine unter dem schmalen Holzblock zu klemmen und für meine Jacke einen Ablageplatz zu finden, nimmt viel Zeit in Anspruch. Ich brüte und schwitze über der kleinen Speisekarte. Das Paar neben mir trennt sich gerade. Warum entblößen sie sich und zelebrieren das Ende ihrer Beziehung in der Öffentlichkeit?

Die an die Wand gedruckte Legende sagt: Walter Schels erkenne in den Neugeborenen etwas Greisenhaftes. Man kann nicht wissen, welche Wissen die Säuglinge schon mit in die Welt bringen. Vielleicht sind Neugeborene altkluge Wesen. Ich drehe mich um.

Er arbeitet sich vom Ende der Beziehung her durch einen riesigen Haufen von Verletzungen, die sie ihm zugefügt hat. Ich höre (ohne hinzuschauen), wie sie ihm angestrengt ihre ganze Aufmerksamkeit widmet. Mein Essen ist bestellt. Die junge asiatische Bedienung stellt eine Minz-Limo auf meinem Tischblock ab. Ich kann nicht weghören, verstecke mich hinter dem Display meines Handys und nippe gelegentlich an der Limo.

Auf der gegenüberliegenden Seite dominiert das Foto einer vertrockneten Tulpe. Spröde Vergänglichkeit, die sich bei einer Berührung in blasse, durchsichtige Krümel verwandelt. Die Fotos der Ausstellung strahlen mehr schwarz wie weiß. Kontrastreiche Linien, auch in der Anordnung der Exponate. Es gibt immer ein Gegenüber.

Zwei Gegenüber erläutern im Rahmen einer Supervision ihren professionellen Standpunkt. Der Beginn und das Ende sind die emotionalen Highlights. Wir waren so verliebt ineinander. Ich habe dich so gehasst. Abgeklärt wird das Dazwischen professionell und erwachsen aufgearbeitet. Auf der Zeitschiene rollt der Zug der Effizienz und Wirtschaftlichkeit über den Schmerz hinweg.

Nebenan ein anderer Raum, ein anderes Thema, Polyptychen: Geschlechterwandlungen von Mann zu Frau und Frau zu Mann. Ein Mann mit nacktem Oberkörper, dem auf dem nächsten Bild unter seinem männlichen Antlitz Brüste gewachsen sind. Im nächsten Schritt kann man es keinem Geschlecht zuordnen. Letztendlich ist der Mann zur Frau geworden. Ich bin verblüfft. Es fühlt sich so selbstverständlich und natürlich an.

Mit meinen Essstäbchen versuche ich glitschige Wantans im Suppentümpel einzufangen. Ich hatte andere Ziele in meinem Leben. Deshalb hat sich das mit uns nicht richtig angefühlt. Ich konnte dir so niemals gerecht werden. Ich habe meine neue Arbeitsstelle angenommen und dich nicht mit einbezogen. Ich war so fokussiert auf die Herausforderung. Da bist du untergegangen. Endlich habe ich einen Wantan gefangen und stopfe ihn ungeschickt in meinen Mund. Er ist viel zu heiß. Ich spucke ihn wieder aus. Das Fischen nimmt kein Ende.

Polaroids aus den siebziger Jahren. Probebilder aus einem Casting für Playboymodels. Ausnahmsweise in Farbe. Unscheinbare unscharfe Frauenkörper, mit Striemen am Bauch, Flecken an Armen und Beinen, schlecht frisiert und flachen Brüsten. Es könnten auch Bilder von Gewaltopfer sein. Der Fotograf dokumentiert ihre Verletzungen.

Ich treffe bewusst die Entscheidung, Ramen zu mögen und schlürfe die Schüssel lustvoll aus. Für einen Moment vergesse ich das Paar neben mir. Sie produzieren in einer Endlosschleife immer die gleichen Sätze. Als zitierten sie ein Buch über Kommunikationstechniken. Das verwaltete Grauen der Rücksichtnahme. Sie versuchen hinter den sorgfältig gewählten Worten ihre wahre Abscheu zu verbergen.

Eine Fotoserie todgeweihter Menschen. Einmal lebendig und einmal tot. Ein Kleinkind: lebendig mit einem Schlauch, der ihm aus dem linken Nasenloch hängt und tot als friedvolle Puppe. Ich schlucke meine Trauer hinunter und schaue weg.

Die junge Frau steht auf und geht zur Toilette. Diese Veränderung nehme ich sofort war. Der Kerl sitzt nun alleine da. Am liebsten möchte ich ihm sagen, dass die vielen Worte nichts bringen und er lieber abhauen soll, ohne zu bezahlen. Das hätte eine zugleich verheerende und beschleunigende und befreiende Wirkung auf den Trennungsprozess.

Schels hat unzählige Portraitfotos von Prominenten geschossen. Sein Ansinnen ist es, hinter die Maske der Prominenz zu schauen und den Menschen so zu zeigen, wie er ist. Dafür hat er oft die Menschen warten lassen, bis sie müde waren und keine Kraft mehr besaßen, um ihr Fotogesicht  aufrecht halten zu können.

Sie kommt von der Toilette. Ich sehe sie zum ersten Mal. Ich erblicke eine schöne junge Dame mit langen Maronenhaar, die einen langen seidenraschelnden Rock trägt. Sie wankt, strauchelt, fällt fast hin. Erschöpft gibt sie ihre angestrengte Zurückhaltung auf. Ihre Erscheinung offenbart für eine Sekunde die Traurigkeit über den Verlust der Liebe, von der sie sich viel erhofft hatte. Für sie fällt eine Welt in sich zusammen. Sie sieht vor sich die vielen Jahre mit ihm, die schönen Erlebnisse, Reisen, Feste, Theaterbesuche, ein eigenes Zuhause und ihre gemeinsamen Kinder, die niemals existieren werden. Er verharrt stumm auf seinem Platz. Es zerreißt mein Herz wie der Anblick der toten Kinder. Es ist zwei Uhr fünfundfünfzig. Ich muss weiter und verlange nach der Rechnung.

 

SCHREIBE ROMANE WIE KURZGESCHICHTEN

Lange habe ich mich mit dem ersten Teil meines Romanprojektes über Johanna Sommer herumgeschlagen. Diesen Sommer habe ich genutzt, um den 1. Teil in einer endgültigen Rohfassung zu beenden. Darunter hat auch mein Blog gelitten. Ich war in die Arbeit am Text vertieft und habe jede freie Minute genutzt, um konzentriert arbeiten zu können. Mit der ersten vollständigen Rohfassung ist noch nicht einmal ein Drittel der Arbeit erledigt. Diese Fassung stellt erst einmal ein Gerüst der Handlung dar, mit der ich einigermaßen leben kann. Ich muss jetzt diesen Text weglegen. Wenn ich mich jetzt weiter damit beschäftige, werde ich den Blick für die Fehler und die Dissonanzen verlieren. In dieser Phase klebe ich noch an jedem Wort, das ich geschrieben habe. Dabei ist es wichtig, bei der weiteren Bearbeitung loslassen zu können. Eines steht jetzt schon fest: Der Text ist viel zu lang. In dem Text stecken zu viele Details, die ich brauche, um selbst zu verstehen, wohin die Reise gehen soll. Ein potentieller Leser wird diese Version schnell weglegen.

In den letzten Jahren habe ich eine wichtige Tatsache begriffen: Ein Text ist nur gut, wenn er das erzählt, was er nicht erzählt. Ein guter Text lebt von Weglassungen, Leerstellen, unsichtbaren Fragezeichen, von der Kraft des Nichts. Warum liest man? Weil man seine Phantasie die Bilder produzieren lassen will, die eine gute Geschichte in einem hervorruft. Die Aufgabe des Autors ist es, den Leser mit seinem Text nur anzufüttern. Der Leser soll die Chance haben, die Welt des Autors zu seiner eigenen zu machen, sie mit seiner Phantasie zu entdecken und zu erleben. Wenn ich den Leser mit Informationen vollstopfe, hat er keine Chance seine eigene Geschichte zu sehen.

Ich nutzte diese Schreibpausen, die ich ein halbes Jahr lang dauern lasse, um etwas völlig anderes zu machen. Meist sind es zufällige Projekte, die mir geradeso über den Weg laufen. Diesmal hat sich etwas ergeben, an das ich schon lange gedacht habe. Mein zweiter Roman war schnell in der Schublade verschwunden. Niemand wollte ihn lesen. Mittlerweile weiß ich, dass es ganz alleine am meinem Text lag. Irgendwann hat es mich geärgert, dass er einfach so von allen Seiten abgelehnt wurde. Also habe ich ihn abgehakt. Trotzdem hat mich die Verärgerung über die Ablehnung in mir gegärt.

Meine Frau hat mal nach einer Lektüre einer Kurzgeschichte, die ich für einen Wettbewerb geschrieben habe, zu mir gesagt, ich solle doch meine Romane wie meine Kurzgeschichten schreiben. Meine Kurzgeschichten sind profan gesagt kurz und knackig. Ich achte darauf, kein Wort zu viel zu schreiben und ich überarbeite sie so oft, bis ich das Gefühl habe, dass alles aus einem Guss ist. Wenn ich am Schluss Überarbeitungsprozess noch etwas verändern würde, geriete der ganze Text aus seinen Fugen, weil alles perfekt ineinander passt.

Schon vor meinem dritten Romanprojekt habe ich mir vorgenommen, meine Romane so lange zu bearbeiten bis ich dieses Gefühl habe, dass der Text aus einem Guss ist.

Nun habe ich die Chance mit meinem zweiten Roman genauso zu verfahren.

Die dunkle Seite der Ohnmacht

Die Zeit ist ein Ozean. Aber jeder Ozean trifft auf eine Küste.

Wir lieben Darth Vader und hassen Mahatma Gandhi.

Jeder bewundert die Elite. Sie sind infantile Idioten und

geben einen Scheiß auf Regeln.  Dreijährige, Deliktunfähig.

Macht kann man kaufen. Man kann alles kaufen.

Elon Musk will eine neue Erde kaufen, Amazon soll sie liefern.

Kann ich ja weiter mit meinem getunten Opellambo

die Spießer vom Bürgersteig fegen.

Gibt Ärger, wenn ich die Leasingrate nicht bezahle.

Das ist das einzige was zählt. Die geliehene Patte zählen,

fresh money für die geborgte Zukunft.

Ihr Sozialversicherungsnummernjunkies, was wollt ihr von mir?

Nichts wisst ihr vom leeren Glück einer Nacht auf der Autobahn,

den Fuß auf dem Gaspedal, die Reflektionen der LED im Gesicht.

Wie im Raumschiff. Auf zum Todesstern. Warten auf den Weltuntergang.

Der schwarze Kunststoffzombie erwartet uns.

Tod oder lebendig, wenn kümmert es.

Dialog mit Johanna Sommer – Leben in der Zukunft

Nowak: „Lassen sie uns über Johanna von Orleans sprechen!“

Johanna: „Ich weiß nicht, worauf sie hinaus wollen?“
Nowak: „Stimmt es nicht, dass Johanna von Orleans Ihnen erschienen ist.“

Johanna: „Quatsch! Wie kommen Sie denn auf so eine alberne Geschichte.“
Nowak: „Und sie hat Ihnen prophezeit, dass sie einen Krieg gewinnen werden.“

Johanna: „Warum bringen Sie solche Lügen über mich in Umlauf?“

Nowak: „Das sind keine Lügen. Ich habe diese Szene geschrieben. Nach einer Party an der Oberstufe sind sie Johanna von Orleans begegnet und diese unheimliche Begegnung hat sie immer wieder beschäftigt und sie ist der Grund, warum sie einen Roman über Robert Falcon Scott schreiben wollen.“

Johanna: “Schwachsinn! Das ist doch keine gute Story. Ein Versager, der nur zweiter wurde und zudem Ausländer war.“

Nowak: “Am Anfang meines Buches haben sie etwas über ihren Scott-Roman erzählt.“

Johanna: “Sie haben sich das alles ausgedacht. Das entspricht doch nicht der Wirklichkeit. Die Leute wollen doch etwas über mich erfahren und nicht mit irgendwelchen Fantastereien konfrontiert werden. Sie wollen wissen, wer Johanna Sommer wirklich ist. Wie tickt sie? Was bewegt sie? Ist sie verheiratet? Hat sie Kinder? Wo wohnt sie? Ist sie reich? Fährt sie eine dicke Karre? Welche Klamotten trägt sie? Hat sie einen Handtaschen oder einen Schuhe-Fetisch? Ist sie magersüchtig oder hat sie Adipositas? Hat sie ein Drogenproblem? Ist sie Medikamentenabhängig? Schreibt sie mit Füller, einer Schreibmaschine oder am PC? Aber alles mit Angabe der Marke. Das interessiert ihre Leser!“

Nowak: “Also wer ist diese Johanna Sommer in der Zukunft? Was macht sie so erfolgreich.“

Johanna: “Das ich auf mich alleine gestellt bin und mein Leben in vollen Zügen genieße. Ich brauche keinen Partner. Ich will keine Kinder oder so ein Quatsch. Ich will keine Verpflichtungen haben und keine Verantwortung tragen.“

Nowak: “Schreiben sie mit Füller?“

Johanna: “Nein. Ich schreibe natürlich auf dem besten Personalrechner, den deutsche Ingenieure jemals hervorgebracht haben: den Nixdorf Apfel. Ich habe natürlich die Platinversion.“

Nowak: “So etwas gibt es?“

Johanna: “In der Zukunft schon. Meine Romane sind übrigens die meist verkauften in Deutschland. Leider dürfen sie nicht unter meinem Namen erscheinen.“

Nowak: “Sie sind Ghostwriterin?“

Johanna: “Anglizismen sind verboten. Das heißt Autorin zweiter Güte. Für die Nutzung dieses englischen Wortes können Sie übrigens im Gefängnis landen. Das kann sogar als Volksverrat oder Defätismus ausgelegt werden. Je nach ihrer Vorgeschichte und ihrer Zugehörigkeit.“

Nowak: “Dann arbeite ich mal Ihren Fragenkatalog ab. Haben sie ein Drogenproblem? Sind sie reich? Welche Klamotten tragen sie? Welches Auto fahren Sie?“

Johanna: “Um Gottes Willen, Drogen sind was für Maden und Ausgestoßene. Ich bin natürlich wohlhabend. Nachdem ich mein erstes Buch geschrieben hatte, konnte ich mein Sozialdarlehen auf einen Schlag abzahlen. Seither trage ich die teuersten Klamotten, die man in den Geschäften finden kann. Ich fahre den teuersten Volkswagen, den es gibt. An mir ist alles Luxus. Alle sollen sehen, dass ich es geschafft habe und zur Elite unseres Vaterlandes gehöre. Ich bin sehr stolz darauf.“

Nowak: “Sie sagten, sie leben vollkommen auf sich alleine gestellt. Was ist eigentlich aus ihrer besten Freundin Sofia geworden?“

Johanna: “Über die dürfen wir nicht reden. Da machen wir uns auch strafbar.“

Nowak: “Warum?“

Johanna: “Weil sie ein staatsfeindliches Subjekt ist, dass sich jeder Anpassung an Regeln entzogen hat. Wir wollen mit dem Gerede über solche Staatsfeinde keine Unruhe schüren. Alleine, dass ich sie schon aus meiner Kindheit kenne und wir beste Freundinnen waren, könnte zum Problem werden.“

Nowak: “Vermissen Sie sie?“

Johanna: “Ich darf sie nicht vermissen. Das schadet meinem Ansehen.“

Nowak: “Entschuldigen Sie, wenn ich es Ihnen so unvermittelt sage, aber sie wirken sehr kalt auf mich. Brauchen sie keine menschliche Nähe und Zuneigung.“

Johanna: “Wozu? Ich werde doch nur enttäuscht von Menschen, den ich meine Zuneigung schenke. Ich brauche nur mich.“

Nowak: “Das ist doch traurig.“

Johanna: “Nein, so funktioniert unsere Welt. Verstehen Sie, es gibt nur zwei Zustände auf der Welt, null und eins, schwarz und weiß, Gut und Böse. Das ist vollkommen ausreichend, um die Welt zu begreifen.“

Nowak: “Widerspricht das nicht ihren Denken? Sie haben eben in einer anderen Weise über Erkenntnis gesprochen. Kann es sein, dass sie im Moment nur die Fassade aufrechterhalten?“

Johanna: “Der digitale Dualismus ist Staatsräson. Ich bin so, weil alle Bürger unseres Landes so sind. Seitdem jeder nur nach sich schaut, geht es uns allen besser.“

Nowak: “Ist das nicht das Ende des Menschen an sich?“

Johanna: “Sagen sie bloß, daher kommt der schwachsinnige Titel ihres Buches. Sie glauben also wirklich, ich sei der letzte Mensch. Sie wissen schon, dass Humanist heutzutage das schlimmste Schimpfwort ist, dass man verwenden kann.“

Nowak: “Seien sie doch ehrlich! Unter ihrer harten Schale, drängt das Wissen um die Menschlichkeit nach außen und bringt sie in  kaum zu ertragende Gewissensnöte.“

Johanna: “Nein, da täuschen sie sich. Ich ruhe vollkommen in mir selbst.“

Nowak: “Okay, da ich sie erfunden habe, weiß ich, wie es in ihnen aussieht.“

Johanna: “Schmarrn. Sie wissen nichts über mich.“

Nowak: “Ich gebe auf.“

Johanna: “Am Schluss waren sie jetzt richtig gut. In einer anderen Welt würde ich Ihnen jetzt erlauben, mich zu duzen.“

Nowak: “Vielleicht treffen wir uns wieder…in einer anderen, besseren Welt.“

Johanna: “Das glaube ich nicht.“

Nowak: “Danke Frau Sommer für das Gespräch.“

Dialog mit Johanna Sommer – Therapiestunde

Nowak: „Frau Sommer, darf ich Sie duzen?“

Johanna: „Nein.“

Nowak: “Das ist schade!“

Johanna: “Warum ist ihnen das wichtig?“

Nowak: “Ich stelle die Fragen!“

Johanna: “Das stand nicht in unserem Vertrag!“

Nowak: “Warum ist Ihnen das so wichtig?“

Johanna: “Was vertraglich vereinbart war?“

Nowak: “Das Siezen.“

Johanna: “Weil es die typische Taktik von Männern ist,  um sich einen Vorteil zu verschaffen.“

Nowak: “Wie soll der aussehen?“
Johanna: “Wenn Sie mich duzen, werden sie irgendwann versuchen, zutraulich zu werden und wenn ich nicht aufpasse, habe ich ihre Hand auf meinem Knie.“

Nowak: “Aber die Me-Too-Debatte ist doch in ihrer Gegenwart schon mehr als zehn Jahre her? Die Welt sollte doch weiter sein und solche Missverständnisse zwischen den Geschlechtern gar nicht mehr möglich sein?“

Johanna: “Sie haben echt geglaubt, die Welt wendet sich zum Besseren? Sie haben nicht viel Ahnung von meiner Gegenwart.“

Nowak: “Naja, ich habe sie und ihre Zukunft entworfen.“

Johanna: “Ein Grund mehr sie nicht duzen zu wollen.“
Nowak: “Das müssen sie mir erklären?“
Johanna: “Aus vielerlei Gründen ist es gut, auf Distanz zu seinem Schöpfer zu bleiben.“

 Nowak: “Meinen sie das in religiöser Hinsicht oder spielen sie auf das unterkühlte Verhältnis zu ihrem Vater an?“

Johanna: “Sie sind doch mein Schöpfer, erklären Sie es mir?““

Nowak: “Witzig?!“
Johanna: “Mit Religion hatte ich noch nie etwas am Hut. Es missfällt mir etwas zu glauben. Ich will die Gewissheit der Erkenntnis haben.“

Nowak: “Ist es ihnen in ihrem Leben gelungen, Gewissheit zu erlangen.“

Johanna: “Natürlich nicht. Die Unsicherheit, das Abwägen vermeintlicher Argumente, ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Daraus resultiert mein Streben nach Gewissheit. Wenn ich nicht versucht hätte, Erkenntnisse aus meiner Erfahrung zu schürfen, wäre ich in die Falle der allgemein herrschenden Beliebigkeit getappt.“

Nowak: “Wie ihr Vater?“

Johanna: “Wie die meisten Menschen in meinem näheren Umfeld. Mein Vater war ein besonderes Exemplar Mensch.“

Nowak: “Im negativen Sinne?“
Johanna. “So habe ich das mein Leben lang geglaubt.“

Nowak: “Jetzt nicht mehr?“

Johanna: “Ich war sehr wütend auf meine Eltern und auch auf meine Schwester. Meine Mutter hat uns früh verlassen, mein Vater war immer mit sich selbst beschäftigt und meine Schwester hat mich gehasst. Ich habe lange geglaubt, dass sie gegen mich waren. Deswegen habe ich mich früh entschieden, ein auf mich bezogenes Leben zu führen. Ich habe mich nur um mich gekümmert.“

Nowak: “Das war aber nicht immer so?“

Johanna: “Sie haben Recht. Nach dem Verlust meiner Mutter hatte ich Angst, den Rest meiner Familie auch zu verlieren. Also habe ich alles unternommen, um diese Familie zusammen zu halten.“

Nowak: “Sie waren damals noch ein Kind. Konnten Sie überhaupt etwas dazu beitragen?“

Johanna: “Natürlich nicht. Aber ich habe alles gegeben. Es hat mein ganzes Leben geprägt. Ich hatte die fixe Idee durch Leistung und Anpassung aus meinem Milieu entkommen zu können und dadurch meine Familie beschützen zu können.“

Nowak: “Können Sie das genauer ausführen.“

Johanna: “Wenn Sie unbedingt darauf bestehen?“

Nowak: “Bitte.“

Johanna: “Wenn ich in der Schule die Klassenbeste war,  verschaffte es mir die nötige Reputation, um das Nachbohren von Lehrern und anderen staatlichen Autoritätspersonen zu vermeiden. Alle sagten: Gutes Mädchen, da ist zu Haus alles in Ordnung.“

Nowak: “Wann kam es zum Bruch?“

Johanna: “Als eine Frau vom Jugendamt zu Besuch kam. Meine Schwester hatte so eine Macke, die sich nicht verbergen ließ. Das plötzliche Abhandenkommen unserer Mutter hat sie traumatisiert. Heute kann ich es benennen. Sie hatte einen selektiven Mutualismus. Sie konnte nur unter gewissen Umständen sprechen. Das fiel natürlich in der Schule auf. Die Lehrer meiner Schwester hatten versucht, meinen Vater zu kontaktieren. Er hat alle Briefe und Anrufe ignoriert und so hat man uns das Jugendamt auf den Hals gehetzt. Ich habe das als Sabotage und Verrat empfunden. Den chaotischen Zustand der Familie vor dem Jugendamt zu verbergen, war mein Dienst an dieser Familie. Danach veränderte sich einiges im Verhältnis zu meiner Schwester. Sie zeigte mir gegenüber offen ihren Abneigung und mein Vater ignorierte mich.“

 Nowak: “Ihr Blick in Bezug auf das Verhalten ihres Vaters und ihrer Schwester hat sich aber mittlerweile geändert?“

Johanna: “Ich glaubte, meine Schwester die Mutter ersetzen zu können. Ich habe ihre Sehnsucht nach ihrer Mutter unterschätzt und sie bevormundet. Mein Vater fehlte die Fähigkeit sich anzupassen. Die verwaltete Welt, die Ordnung einer materialistischen und ökonomisch organisierten Gesellschaft, überforderte ihn. Er war abgestumpft und im Laufe der Jahre wurde er depressiv. Er konnte mir gar nicht helfen, weil er selbst Hilfe brauchte. Aber in dieser Welt gab es keine Hilfe für ihn. Ich wurde der Feind meiner eigenen Sippe, weil ich alles meinem Drang nach Anpassung untergeordnet habe.“

Nowak: “Diese Form der bedingungslosen Anpassung an gesellschaftliche Vorgaben hat ihr weiteres Leben stark beeinflusst?“

Johanna: “Auf jeden Fall. Ich konnte dadurch Erfolg haben.“

Nowak: “Wie schafften Sie das?“

Johanna: “Nach meinem Abitur begann ich zu studieren. Ich zog zu Hause aus. Mein Vater starb kurze Zeit später und meine Schwester war auf eine ähnliche Weise wie meine Mutter plötzlich verschwunden. Es gab also keine Verbindung mehr zu meiner Herkunft.“

Nowak: “Haben Sie nie nach ihrer Schwester gesucht?“

Johanna: “Warum sollte ich nach ihr suchen? Sie verabscheute mich und ich verabscheute sie. Die Auflösung der Verbindung zu meiner Herkunft empfand ich als Erlösung.“

Nowak: “Okay, wie ging es weiter?“

Johanna: “Ich hoffte mir durch das Studium eine akademische Grundlage zu schaffen und die nötigen Kontakte zu knüpfen, um als Schriftstellerin arbeiten zu können. Ich war auf einen guten Weg, veröffentlichte erste Texte, hielt Lesungen, gewann unbedeutende Autorenpreise und arbeitete erstmals an längeren Texten. Ich war eine mustergültige Studentin, absolvierte Prüfungen mit Bestnoten und war der Liebling meiner Professoren. Es sah gut aus. Ich hatte mich auf eine Karriere im Literaturbetrieb eingestellt. Ich war bereit, ein Teil der Kulturindustrie zu werden. Mein größter Traum, der mich seit meiner Kindheit begleitete, wurde Wirklichkeit. Dann kam für mich völlig unvorhergesehen ein gesellschaftlicher Umbruch, der meine Pläne zunichtemachte. Die politischen Veränderungen in unserem Land nahmen mir alle Chancen auf einen Aufstieg. Die politische Klasse war nach jahrelangen Kampf bereit, die Demokratie aufzugeben. Man war müde geworden und angeekelt von dem ganzen Schmutz der die letzten Jahre hochgespült wurde. Man gab der individuellen Freiheit die Schuld und viele Menschen waren bereit, sie aufzugeben. Sie versprachen sich davon Ruhe und Frieden. Wie so oft in totalitären Systemen waren die Intellektuellen und Akademiker die ersten Opfer. Von einem auf den anderen Tag musste ich das Studium aufgeben.“

Nowak: “Wer hat sich den so etwas ausgedacht?“

Johanna: “Sie haben doch den Roman geschrieben. Sie waren das.“

Nowak: “Klingt jetzt nach Vorwurf.“

Johanna: “Klar hätten sie auch einen schönen Roman über Freundschaft, Zuneigung und Liebe schreiben können. Dann ginge es mir jetzt besser.“

Nowak: “Puh. Das tut mir leid.“

Johanna: “Sie hatten ganz bestimmt ihre Gründe.“

Nowak: “Soll ich mich jetzt erklären?“

Johanna: “Da wir sozusagen Kollegen sind, empfehle ich ihnen, es zu lassen. Autoren, die erklären, warum sie etwas geschrieben haben, sind meistens keine guten Schriftsteller.“

Nowak: “Können Sie es erklären?“

Johanna: “Ich vermute mal, sie sind ein kleiner Pessimist und erwarten immer die schlimmste Wendung.“

Nowak: “Manchmal ja. Allerdings glaube ich auch daran, dass der Mensch an sich alles zu einem guten Ende bringen kann. Sonst wäre jede Form des künstlerischen Ausdrucks sinnlos.“

Johanna: “Machen sie mir keine falschen Hoffnungen. Ich erwarte kein gutes Ende für mich.“

Nowak: “Jetzt sind sie der Pessimist.“

Johanna: “Das haben sie mir zugeschrieben.“

Nowak: “Genauso wie ich, können sie einer solchen Welt, in der der einzelne entmündigt wird, nichts abgewinnen.“

Johanna: “Es hat lange gebraucht, bis ich verstanden habe, was eigentlich passiert war. Schließlich musste ich für mir mein Leben nochmals erkämpfen.“

Nowak: “Sie waren es immerhin gewohnt. War ihre Kindheit und Jugend doch schon ein Kampf.“
Johanna: “Das hat mich aber nicht zu einem besseren Menschen gemacht. Im Gegenteil: ich wurde ein wichtiges Teil dieser erbärmlichen Idee vom entmündigten Menschen, der freiwillig alle Möglichkeiten zur Entfaltung aufgegeben hatte.  

Nowak: “Erzählen Sie weiter. Was kam nach dem abrupten Ende ihrer akademischen Bemühungen?“

Johanna: “Wollen Sie dem Leser wirklich alles verraten?“

Nowak: “Warum nicht?“

Johanna: “Weil dann keiner mehr das Buch liest.“

Nowak: “Wer liest schon meine Bücher?“

Johanna: “Sie sind scheußlich!! Da unterscheiden wir uns.“

Nowak: “Na wenn sie über die Handlung nicht sprechen wollen, dann lassen sie uns doch etwas über den Hintergründe zu ihrem Aufenthalt am McMurdo-Sund kommen.

Johanna: “Sie nehmen doch schon wieder einen Teil der Handlung vorweg!“