Waves – das Leben ist ein verdammter Terrence Malick-Film

Meine Frau und ich waren am Samstag im Kino Traumstern in Lich. Ein Programmkino in der Provinz ist etwas Besonderes. Das Kino Traumstern gibt es schon lange, hat sogar einige Preise gewonnen und gehört meines Erachtens zu den kulturellen Attraktionen in unserer Gegend. Wir fahren im Sommer gerne dorthin, weil es die einzige Möglichkeit für uns ist, herausfordernde Intellektuellenfilme im Kino zu sehen. Wir reden gerne nach dem Film über das was wir gesehen haben. Manchmal könnte man sogar meinen, dass das Reden über anstrengende und kluge Dinge der Kleister unserer Beziehung ist. Wir sind keine geistigen Überflieger, aber interessiert am intellektuellen Austausch, am gemeinsamen Denkprozess. Das macht uns Spaß und bereitet uns Freude. Man kann uns vorhalten, wir seien fürchterliche Langweiler, weil wir alles sezieren und den Dingen so die Seele nehmen. Das stimmt nicht. Wir lassen uns gerne von Filmen überwältigen. Film überträgt Emotionen auf den Zuschauer. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass gute Filme das Herz des Zuschauers berühren müssen.

 Wenn das als Maßstab nimmt, ist Waves ein guter Film. Er ist voller Dramatik, Empathie, Liebe und Nähe zu den Figuren. Man kann sich von den Bildern, von der Handlung und von den Personen überwältigen lassen und kommt in den Kinohimmel.

Woher kommt das? Der Regisseur Trey Edwards Shults hat bei Terrence Malik gelernt (er hat bei drei seiner Film als Praktikant mitgearbeitet). Das Positive aus Mallicks Filmen, die Nähe zu den Figuren, die Subjektivität, die Kraft der Bilder hat er sich angeeignet und die negative Seiten der manchmal etwas trögen und zähen Mallick-Filme hat er hinter sich gelassen. Mallick verliert sich gerne in schöne Naturszenen und inneren Flüsterdialogen. Das ersetzt Shults klugerweise durch eine gut durchdachte Handlung.

 Der Film teilt sich in zwei Teile. Man könnte den ersten Teil die Überschrift Schuld geben und dem zwei Teil könnte man mit Heilung überschreiben.

Im ersten Teil wird Tyler und seine Familie gezeigt, die ein modernes Hyperleben führen. In überdrehten grellen Bildern wird das Leben einer Familie gezeigt, die alles dem persönlichen Erfolg  und sozialen Status unterordnet. Tyler hat einen muskulösen Ringerkörper und eine übertrieben hübsche Freundin, er macht den ganzen Tag Sport, rennt frühmorgens schon los, trainiert für seine Ringerwettkämpfe, lernt brav auch noch spätabends für die Schule und kann auch noch perfekt Pianoballaden auf dem Flügel spielen. Er und seine Familie (Sein Vater, seine Schwester, seine Stiefmutter) wohnen in einem riesigen Anwesen. Tyler fährt ein Auto, das so groß und robust wie ein Panzer wirkt und ihn beim Fahren wie eine Rüstung umhüllt. Sein Vater treibt ihn gnadenlos zu Höchstleistungen an und Junior entwickelt sich zu  kaltschnäuzigen und arroganten Kraftprotz. Eines Tages bricht das Unglück über die Familie herein. Tylers vorgezeichneter Erfolgsweg gerät durch eine Sportverletzung in Gefahr und seine Freundin wird von ihm schwanger. Beides verheimlicht er vor seiner Familie, insbesondere vor seinem Vater. Heimlich schluckt er Schmerzmittel, wird immer aggressiver, ausfälliger, haltloser, und depressiver. Am Schluss des ersten Teiles schlägt er während eines Streites seine schwangere Freundin auf einer Party so zu Boden, dass sie stirbt.  Er wird zu dreißig Jahren Gefängnis verurteilt. Die Familie zerbricht an dem Verbrechen des Sohnes.  Hier könnte der Film nach einer Stunde fast zu Ende sein. Jetzt beginnt allerdings der zweite Teil, die Geschichte des Heilungsprozesses. Tylers Schwester Emely, die bisher nur eine Nebenrolle gespielt hat, gerät in den Fokus der Handlung. Sie beobachtet den Zerfall ihrer eigenen Familie und zieht sich ratlos zurück. Zufälligerweise lernt sie Luke kennen, einen jungen Mann, der mit seiner Mutter alleine lebt. Seine Mutter hat sich von seinem Vater, einem gewalttätigen Säufer, getrennt.  Luke ist ein liebenswürdiger und offener junger Mann, der genau das Gegenteil von Emelys Vater darstellt.  Mit der Liebe zu dem jungen Mann entwickelt sich etwas, das zu einem Heilungsprozess führt, der so intim und lebensecht wirkt, wie man es sich kaum besser in einer dramatischen Handlung vorstellen kann. Es kommt zu einem glücklichen Ende, das wahrhaftig wirkt und nicht wie das übliche Hollywood-Happyend. Gerade der zweite Teil, klug und einfühlsam erzählt, legt den Fokus weniger auf Bilder als auf Dialoge. Man beobachtet Menschen beim Reden, wie sie sich offenbaren, ihre Fehler eingestehen, um Vergebung bitten und sich dadurch näher kommen. Die Kamera sucht das Wahrhaftige in den Gesichtern und lässt den Dialogen freien Lauf. Dadurch wird der Film zu einem Gesamtkunstwerk, der so vieles beinhaltet und eigentlich nichts anderes behauptet, als das Menschen durch Begegnung und Reden in der Lage sind, ihre Probleme zu lösen und die Lösung nicht darin liegt, sich hinter Wohlstand, Erfolg und Status zu verstecken.

Die Verkehrswende findet hier nicht statt

Wetzlar, die Stadt in der ich und meine Familie leben, ist eine typische deutsche Kleinstadt mit 50000 Einwohnern, eingebettet in der schönen Landschaft zwischen Westerwald und Taunus, mit einer pittoresken Altstadt, grünen Parkoasen am Fluss, einem stattlichen Dom und einer breiten vierspurigen hässlichen Straße, die durch die ganze Stadt führt.

Auch hier wurde nach dem Krieg alles dem Wiederaufbau untergeordnet. Man modernisierte Wetzlar mit viel Beton und Asphalt. Für die Menschen hat es damals Sinn gemacht. Plötzlich waren die engen muffigen Gassen weg, die alten Straßenzüge sanierungsbedürftige kleiner Häuser verschwanden und an deren Stelle traten breite Straßen und moderne Zweckbauten. Man schuf Platz für den Fortschritt und die Verheißungen des Wirtschaftswachstumes.

Wir wissen heute, was daraus geworden ist und man kann der Nachkriegsgeneration keinen Vorwurf machen. Was viel schlimmer wiegt und heute einfach nur noch nervt ist diese Beharrlichkeit und das Unverständnis vieler Menschen und Politiker, die nicht sehen wollen, dass wir unsere Lebensweise auf kommunaler Ebene verändern müssen.

Dazu gehört für mich ganz klar auch die Veränderung unserer Verkehrsinfrastruktur. In Wetzlar gibt es ein städtisches Radwegekonzept, dass jetzt nach und nach umgesetzt wird. Leider ist es ein halbherziges Konzept. Man weiß um die Notwendigkeit einer Verkehrswende,  erkennt aber nicht die Notwendigkeit radikaler Veränderungen. Den Autofahrern sollen Zumutungen erspart bleiben. Also macht man hier und dort einen Radstreifen und glaubt, das beruhigt diejenigen, die die Veränderung nicht als Zumutung, sondern als zwingend betrachten.

Das grundsätzliche Problem in Wetzlar besteht darin, dass wir eine vierspurige Ortsdurchfahrt mit Anschluss an eine Bundesstraße haben, aber viele Zubringerstraßen wie Nadelöhre die historischen Pfade in die Stadt nachbilden. Die Verkehrswende könnte da beginnen, wo man an solchen Straßen dem Rad und ÖPNV den Vorrang gibt. Leider verzichtet man darauf. Es geht nicht darum, Autofahrer zu bestrafen oder auszugrenzen, sondern die Attraktivität der ressourcenschonenden Verkehrsmittel zu erhöhen und so möglichst viele Menschen die Nutzung dieser Verkehrsmittel zu erleichtern.

Das Traurige daran ist, das wir eigentlich in Wetzlar sehr stark vom Fahrradtourismus profitieren. Viele Menschen kommen über regionalen Radwege nach Wetzlar, um die Stadt zu besuchen. In der Stadt selbst sind sie als Radfahrer nicht willkommen. Es gibt viele gefährliche Stellen, unklare Regelungen, Radwege die ins Nichts führen, Umwege, die man mit dem Fahrrad in Kauf nehmen muss. Daher wundert es mich, dass die städtische Politik keine weitergehenden Maßnahmen ergreift. Denn wenn einem die wenigen Fahrradverrückten nicht wichtig sind, so hat man doch immer den Tourismus als wachsenden Wirtschaftszweig im Blick.

Aber die wenigen Fahrradverrückten in dieser Stadt machen immer mal gerne auf sich aufmerksam. Am letzten Samstag haben verschiedene Gruppen eine Fahrraddemo veranstaltet,  die die Probleme rund um die verfehlte Verkehrspolitik sichtbar machen sollte. Die Dominanz des motorisierten Individualverkehrs sollte wenigstens für ein paar Stunden in den Hintergrund treten.

Eine illustre Kolonne mit ca. 170 Radfahrern fuhr auf den breiten Chausseen der Innenstadt, die für die Demo von der Polizei gesperrt wurden. Meine Frau, unsere drei Kinder und ich gehörten dieser Kolonne an.

 Es war ein wunderschönes Gefühl die breite Straße am Karl-Kellner-Ring lang fahren zu können und ein Gespür dafür zu bekommen, wie Ruhe in eine Stadt einkehrt, die ansonsten vom Lärm des motorisierten Individualverkehrs geprägt ist. Eine Stadt ohne Auto ermöglicht eine neue Lebensqualität für alle. Wenn wir kreativ mit der Stadt umgehen, die uns nun einmal so gegeben ist, wie sie momentan ist, können wir gemeinsam viel erreichen. Dabei ist es wichtig, niemanden auszugrenzen, sondern allen Bürgern und Besucher dieser Stadt an den neuen Möglichkeiten teilhaben zu lassen.

Es ist ein langer Prozess, weil in vielen Köpfen ein Umdenken beginnen muss. Wenn wir als Bürger und Radfahrer dieses Stadt auf uns aufmerksam machen, in dem wir Samstagsnachmittags friedlich und gewaltfrei Präsenz zeigen, machen wir Werbung für unser Anliegen, dass eigentlich das Anliegen aller Menschen ist: Einen Lebensraum zu haben, der einem die Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung bietet.

Wie schreibt man einen Bestseller in zehn Tagen? Teil 2

Anschließend habe ich mich dem Kapitel gewidmet, das zur Bearbeitung anstand. Ich habe erst einmal versucht zu klären, worum es in dem Kapitel gehen soll. Dabei kam ein Motto zustande: Manchmal muss man die Dunkelheit ertragen, um die Wahrheit darin verbergen zu können.

In dem Kapitel geht es um die Reise zweier blinder Passagiere auf einem Containerschiff. Um nach Indien zu kommen, haben sie sich in einem Container einsperren lassen. Mein Protagonist und sein Freund reisen um die Welt, um den Vater des Freundes zu finden. Die beiden haben ein Geheimnis, das sie einander kettet. Die Freundschaft ist reine Fassade und die Beziehung besteht darin, dass sich beide gegenseitig benutzen oder demütigen, da jeder den anderen für die missliche Lage verantwortlich macht. Und jetzt sitzen sie in einem dunklen Container fest. Der Freund hat eine Stirnlampe und hockt auf den Vorräten. Mein Protagonist hat furchtbare Angst, die Überfahrt nicht zu überleben. Außerdem fürchtet er sich wahnsinnig vor der Dunkelheit.

Ich hatte erhebliche Probleme diese Situation zu beschreiben. Die alte Version war Teil eines sehr langen, verschachtelten Kapitels. Das Thema Angst vor der Dunkelheit, Angst vor der Enttarnung, Angst vor dem besten Freund ging in den vielen Teilaspekten mehrerer Geschichten unter. Dabei stellte sich der Gebrauch der indirekten Rede als absolutes Hindernis heraus. Einer der ersten Überlegung war es, dieses eine Kapitel in direkter Rede zu verfassen, um den besonderen Charakter des Kapitels zu betonen und andererseits den beiden Freunden einen echten Dialog zu ermöglichen.

In allen anderen Kapiteln nutze ich die indirekte Rede, um die subjektive Sicht des Ich-Erzählers, meines Protagonistens, noch zu verstärken. Im Containerkapitel sollte die Gegenposition des Freundes sichtbar werden, sie sollte aus der dunklen Ecke der Subjektivität ans Tageslicht gezerrt werden.

Das ganze Buch über wird wenig geredet. Der Protagonist und sein Freund sprechen nicht viel miteinander. Sie schweigen sich an. Der eine misstraut dem anderen. Im Container müssen sie sich auf sich gegenseitig verlassen können. Um überleben zu können, müssen sie miteinander reden. Mein Held kann die Dunkelheit nur ertragen, weil ihm die Stimme seines Freundes aus der Einsamkeit herausreißt. Der Einsatz der indirekten Rede hätte in dieser Situation nur gestört.

 Also habe ich als zweiten Schritt einen Übungsdialog geschrieben. Einen ziemlich langen und ausführlichen Dialog über fast zwanzig Normseiten. Ich habe sie sich gegenseitig Fragen stellen lassen, jeder konnte seine Ängste und seine Wut formulieren. Sie konnten die Reise bis zu dem Stadium rekapitulieren und sich die Bälle zuspielen.

Beim Schreiben des Dialoges kam der Spaß am Text wieder. Ich hatte die Monotonie der vorherigen Kapitel durchbrochen, weil ich mich nicht mehr an meinen straffen Formalismus gehalten habe.

Mit dem Übungsdialog bekam ich die Chance meine zwei Hauptfiguren neu zu entdecken. Bisher gab der Protagonist als Ich-Erzähler das Bild seines Freundes vor. Er hat in sein Handeln und seine Worte etwas hineininterpretiert (gerade durch die indirekte Rede). Ich selbst als Autor wusste nicht mehr, wie der Freund wirklich tickt.

Der Leser kann meiner Freude am Schreiben hoffentlich folgen. Sollte er doch eine Vielschichtigkeit und Tiefe bei den Hauptpersonen erkennen, die vorher durch die Subjektivität nicht unbedingt erkennbar war.

Als ich den Dialog fertig hatte, hatte ich parallel aus den späteren Kapiteln viele Traumsequenzen herausgeschnitten. Die Träume waren abscheulich dumm, törichte Schnipsel einer wenig glaubhaften Psyche. Eine Traumsequenz fand ich aber sehr passend. Sprachlich war sie viel zu überfrachtet mit Beschreibungen und am Ende mit dummen brutalen Ausführungen, die höchstens als Effekthascherei durchgingen.  Der Traum spielte in einem Freibad. Ich fand in dem Element Wasser eine Verbindung zwischen Freibad und der Fahrt auf einem Containerschiff. Ich stellte die Traumszene am Schluss, konnte sie mir doch helfen, den Dialog genau dorthin zu treiben. Am Anfang ist der Dialog sehr klar und nach und nach weicht er ins Wahnhafte aus. Meinem Protagonisten ist nicht mehr klar, ob er schläft oder wach ist und ob er wirklich noch mit seinem Freund redet. Das Kapitel endet mit einem Knall und lässt dadurch viel Raum zum Anknüpfen (bei Fernsehserien spricht man, glaube ich, von Cliffhängern.)

Nun habe ich den Beginn für die alles entscheidenden letzten Kapitel geschrieben und kann von dort aus den Text auf das alles bestimmende Ereignis als Höhepunkt zuspitzen.

Also liebe AutorInnen, nicht aufgeben, zur Seite treten und sich eine Übung überlegen, um den Bewegungsablauf zu trainieren. Einen Roman absolviert man wie einen Marathon. Man trainiert und trainiert, feilt an der Technik und der Ausdauer und irgendwann läuft man mühelos die ganze Strecke.

Wie schreibt man einen Bestseller in zehn Tagen?

Also habe ich den Rest des Textes gelesen und ihn nach interessanten Stellen durchforstet. Ich habe die Kapitel neu geordnet und den Rest wieder einmal weggeworfen. Als der Ballast schon einmal zu Boden fiel, konnte mein Hirn wieder besser arbeiten.

Es gibt genügend Blogs, die sich darauf spezialisiert haben, kluge Ratschläge über das Schreiben zu erteilen. Viel Vorschläge gleichen mathematische Formeln. Man muss nur die Variablen der Gleichungen mit Wörtern füllen und hinten kommt ein toller Roman raus. Die wirkliche Textarbeit und was sich an Gedankenarbeit dahinter verbirgt, wird selten thematisiert. Ich will vermitteln, welche Instrumente und Möglichkeiten jeder Autor hat, um abseits des eigentlichen Werkes, die Qualität seiner Texte bewusst zu beeinflussen.  Denn jeder halbwegs begabter Autor hat die Chance sich weiter zu entwickeln und seinen eigenen Schreibstil auszubilden

Es ist mit dem Schreiben manchmal wie mit dem Ausüben einer Sportart. Man wird in seiner Disziplin nur gut werden, wenn man spezielle Teilfähigkeiten übt und trainiert.

  Roman Zwo überarbeite ich seit letztem Herbst. Meinem Ziel, das Wortmonster in ein kleines flauschiges Literaturhäschen zu verwandeln, bin ich ein gutes Stück näher gekommen. Ich bin mit dem Vorsatz angetreten, die Seitenzahl zu halbieren und aus jedem Kapitel eine elegante Kurzgeschichte zu machen. Ich habe mich in den letzten Monaten häufig selbst überrascht. Mit jedem Satz, den ich ausgemerzt habe, mit jeder spannungstötenden Information, die ich getilgt habe, näherte ich mich meiner Idealvorstellung eines Textes an, die auch potentiellen Lesern gefallen könnte. Ich habe mich auf ein paar wichtige Elemente konzentriert und das komplexe Beiwerk, das wie Unkraut den Text überwucherte, einfach entfernt.

Bis jetzt war ich mit meiner Arbeit zufrieden. Bis jetzt…Dann kam die Erschöpfung. Bei der Bearbeitung des vorletzten Kapitels klang jedes Wort mit einem Mal inhaltsleer und blechern. Die Euphorie der letzten Monate erstarb. Ich konnte ein Kapitel noch zu Ende bringen, schlug das neue Kapitel auf und spürte eine Leere im Kopf, die mich beinahe dazu gezwungen hätte, mit dem Projekt aufzuhören.

Ich habe keine Schreibblockade, denn ich lebe nicht vom Schreiben. Es ist eine Leidenschaft, die ich brauche, um meinem Leben einen Sinn zu geben. Aber ich muss nicht schreiben, um damit Geld zu verdienen. Schreibblockaden entstehen meines Erachtens, weil der Druck auf einen Autor zu groß wird. Er soll etwas produzieren und wird damit zum Unternehmer, der sich den Anforderungen eines Marktes unterwirft. Er muss etwas erschaffen, um im Geschäft zu bleiben. Davon bin ich weit entfernt. Ich kann es mir leisten, das Schreiben als intellektuelle selbstreferenzielle Genugtuung zu betrachten. Ich muss keinen Content produzieren, den ein Verlag oder Literaturagent und letztendlich der Konsument von mir einfordert.

Wenn ich nicht schreibe, verkommt mein Denken. Mein Kopf ist dann leer. Bewusste Schreibpausen können helfen. In dem Fall wollte ich keine Schreibpause einlegen. Es hätte an meinen Nerven gezehrt. Für ein paar Wochen habe ich geglaubt, ich müsste Roman drei anstatt der Überarbeitung von Roman zwo weiter schreiben. Konnte ich aber nicht, weil Roman Zwo mich immer wieder beschäftigt hätte.

Was habe ich getan, um mein nervöse Autorenherz zu beruhigen. Ich habe zwei Wochen lang nachgedacht. Eher beiläufig habe ich mich mit dem Text beschäftigt. Ich habe immer mal die Wortdatei geöffnet, habe herumgescrollt und einige Textstellen überflogen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich nicht weiterkomme, weil ich den letzten Teil des Romanes, den ich ja jetzt bei der Bearbeitung vor der Brust habe, schon in der ersten Version schrecklich fand. Ich bin immer mehr ins Phantastische abgeglitten und habe viele wichtige Stellen des Textes mit der Schilderung grobschlächtiger Brutalität verunstaltet.  Diese unsägliche Melange hat den Roman endgültig für Leser unattraktiv werden lassen.

Um einen Spannungsbogen zu schaffen, wollte ich den Leser langsam an den Höhepunkt heranführen. Da er sich seinen traumatischen Erlebnissen niemals gestellt hat, bedrängt ihn seine Vergangenheit in schrecklichen Alpträumen. Am Ende kamen plumpe und aufdringliche Sätze heraus, mit denen ich dem Thema und meinem Protagonisten noch mehr Leid hinzugefügt habe.

Die Deutschen – ein verrücktes Volk

Sommer 2015 – Lieber Flüchtling, Herzlich Willkommen. Frau Merkel hat gesagt, wir schaffen das. Deswegen schenke ich dir meinen alten Teddybären. Sag einfach Bescheid, wenn du etwas brauchst. Du bekommst alles von uns!

Winter 2015 – die Merkel hat die Nafris alle hergeholt, um uns auszutauschen, außerdem klauen die wie die Raben und tatschen unsere Frauen an. Die haben alle Handys, die können doch gar nicht arm sein. Du blöder Asylant, gib mir sofort den Teddybär zurück.

März 2020 – Oh ja, dieses Virus ist wirklich total gefährlich. Kanzlerin Merkel hat gesagt wir müssen solidarisch sein und jetzt zu Hause bleiben. Ist ja gut für die Alten und die Krankenhäuser. Manno, die Pfleger und Ärzte, die haben es ja eh schon so schwer. Ich stell mich mal auf den Balkon und klatsche Beifall!

Mai 2020 – Die Merkel hat uns schon wieder verarscht, unsere Freiheit wollte sie uns nehmen und das Bargeld abschaffen. Mensch ist mir doch egal, ob irgendwelche alten Omas verrecken. Runter mit der Maske! Ich will wieder shoppen gehen. Is ja schlimmer hier als in der DDR! Ich geh mal raus und klatsche ein paar Journalisten!

Uns Deutsche soll jemand mal verstehen!!!

Bonjour, trauriger Osterhase

IMG_5018Ich werde früh wach, recke und strecke mich, stehe auf und schiebe den Vorhang in unserem Schlafzimmer zur Seite. Draußen scheint die Sonne, keine Wolke am Himmel, ich höre die Vögel singen und betrachte voller Vorfreude auf den Tag die bunte Blütenpracht in unserem Garten. Ich seufze leise. Ich habe selten ein Ostersonntag erlebt, der so friedlich beginnt. Was ist denn das? Was sucht dieses graue Tier mit langen Ohren auf unserer Wiese? Um Gottes Willen, das ist der Osterhase! Das kann nicht wahr sein! Sogar mein fünfjähriger Sohn glaubt nicht mehr an den Osterhasen. Eindeutig, er ist es! Er trägt auf seinem Rücken einen großen Korb. Er kommt kaum voran. Sein Hoppeln gleicht eher einem Humpeln. Das soll der Osterhase sein?! Ab und zu bleibt er stehen, zieht sich missmutig den Korb vom Rücken und lässt ein Schokoladenei auf den Boden fallen. Naja, er hat viel zu tun, hat wahrscheinlich in den letzten Tagen Sonderschichten geschoben. Ist halt eben ein Saisongeschäft. Er trägt an den Händen Plastikhandschuhe, an denen er nervös herumnestelt. In Zeiten lästiger Pandemien durchaus vernünftig. Er zieht sich wieder den Korb auf und schleppt sich ein paar Meter weiter. Er bleibt wieder stehen. Ich schaue auf die Uhr. So wird er nie fertig. Er hat ja Lieferzeiten einzuhalten. Heute Mittag müssen die Eier, Schokoladen und Geschenke verteilt sein. Wieder zieht er den Korb von seinen Schultern und stellt ihn neben sich. Der wird sich doch nicht ins Gras legen und sich ausruhen. Jetzt fällt mir auch auf, dass er einen Mundschutz trägt. Sogar eine FFP-Maske Klasse 3. Wo er die wohl her hat? Naja diese Osterhasen haben ganz bestimmt gute Beziehungen zu den Chinesen. Die produzieren das ja alles. Er wühlt in seinen Korb und holt ein Geschenkpäckchen hervor. Meine Tochter hat sich ein Buch gewünscht. Braves Kind, sie liest viel. Sie soll später Wirtschaftsanwältin, Controllerin oder Unternehmensberaterin werden. Solange sie nicht in die Pflege oder ins Krankenhaus geht, da verdient man ja nix, ist alles in Ordnung. Der Osterhase nimmt sich viel Zeit und begutachtet das Päckchen. Er soll es endlich hinlegen. Ich glaube nicht, dass es zu seinem Aufgabengebiet gehört, über Geschenke zu sinnieren. Ich schaue auf meine Uhr und werde ungeduldig. Was ist das denn für ein blöder Osterhase? Überhaupt keine Arbeitsmoral! Wahrscheinlich arbeitet er an seinem Burnout! Ist auch nur eine Ausrede für faule Tiere. Kein Wunder, das die Wirtschaft brach liegt, wenn sogar schon der Osterhase einen Hänger hat. Der sollte schließlich ein gutes Vorbild sein. Unser Land braucht in dieser schweren Zeit mutige Osterhasen, die anpacken können. Wir können uns keinen traurigen Osterhasen leisten. Er nimmt das Päckchen und schleudert es mit seiner letzten Kraft in die Baumkrone des Apfelbaums. Der Äste wackeln und der Baum verliert einen Teil seiner Blütenpracht. Es reicht ja schon, dass man sich ständig mit diesen unfähigen Paketboten herumärgern muss. Verdammt, jetzt kann ich ihn mir nicht mal zur Brust nehmen. Social distancing ist jetzt das oberste Gebot. Da hat der blöde Hase nochmal Glück gehabt! Ich muss mal im Internet schauen. Da gibt es ganz bestimmt eine Seite, wo man sich über Osterhasen beschweren kann. Frechheit! Ostern ist auch nicht mehr das, was es mal war! Was man sich heutzutage von den Dienstleistern alles gefallen lassen muss! Die haben wirklich nicht mehr als Mindestlohn verdient! Der Osterhase scheint mein lautloses Schimpfen zu hören. Er dreht sich zu mir um. Der dämliche Osterhase, er hat mich gesehen! Er erhebt seine linke Plastikpfote und winkt mir zu! Was soll das denn jetzt? Damit kannst du blödes Vieh dich auch nicht mehr retten! Beschwerde ist draußen! Dann reißt er seine Maske von seiner Schnauze und grinst wie Satan höchstpersönlich. Scheiße, der ist auch noch verrückt und wahrscheinlich gewalttätig. Ich ziehe den Vorhang wieder zu und verstecke mich instinktiv unter der Fensterbank. Meine Frau wird wach, sieht mich hinter dem Fenster hocken, hört mich fluchen und fragt, was geschehen ist. „Da draußen ist ein vollkommen durchgeknallter manisch-depressiver Osterhase! Sie raunzt mich an. Ich solle weiter schlafen und nachts nicht immer diese Zombieserie auf Netflix gucken. Was für ein scheiß Ostersonntag!

Völker, hört ihr die Spechte klopfen!

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Vor acht Jahren haben wir unser Haus gekauft und für viel Geld modernisiert. Wir haben uns lange überlegt, welche Energiesparmaßnahmen sich bei einem 120 Jahre alten Haus sich lohnen. Wir wollten Energie sparen und gleichzeitig die Umwelt schonen, weniger Co2 produzieren und weniger fossile Ressourcen verbrauchen. Den größten Effekt versprachen die Dämmung der Außenwände und die Dämmung des Dachbodens. Wir klebten an die Außenwände 17 cm Styroporplatten und verlegten auf dem Dachboden Glaswolle. Meine Frau, die Bauingenieurin ist, sprach von Schießscharten-Optik. Die Dämmung war so stark, dass die Fenster ungewöhnlich tief in den vermeintlich aufgeplusterten Wänden saßen. Aber diese starken Eingriffe in das Erscheinungsbild des Hauses haben wir gerne in Kauf genommen. Auf den ersten Blick hat es sich auch gelohnt. Die Heizkosten haben sich um einem Schlag um zwei Drittel verringert und damit der Verbrauch von Gas und unser persönlicher Co2 Ausstoß. Weitere Maßnahmen wie Nutzung der Solarenergie für die Erzeugung von Strom hätten sich nicht gelohnt, da die Dachfläche des Hauses nicht ausreichte. Fast zeitgleich ging in der Presse eine Diskussion um das in den Dämmplatten verbaute Plastik los. Horrorstorys von Häusern, die einfach niederbrennen, ohne dass die Feuerwehr sie löschen kann, weil der Kunststoff in der Dämmung quasi das Feuer immer wieder entfacht, gingen reihum. Auch geriet die Dämmungspraktik in Kritik, weil sich in den eingepackten Häusern die Feuchtigkeit stauen soll und sich überall Schimmel bildet. Dann war da auch noch die Unsicherheit über den Kunststoff, der vielleicht über Jahre hinweg irgendwelche Giftstoffe absondern hätte können. Seither sind acht Jahre vergangen und wir fühlen uns sehr wohl in diesem eingepackten Haus. Die Bude ist noch nicht abgefackelt, das Wasser fließt nicht die Wände herunter und wir und unsere Kinder erfreuen sich bester Gesundheit. Mittlerweile hat sich die Investition fast amortisiert, denn wir haben eine Menge Gas eingespart. Die erwarteten Risiken sind niemals eingetreten, obwohl man uns am Anfang das Gefühl gegeben hat, dass diese unvermeidlich sind.

Letzten Herbst ist ein Risiko in Erscheinung getreten, vor dem uns niemand gewarnt hat. Ein Specht flog tagelang um das Haus herum und pickte ein kreisrundes Loch in die Dämmung. Nach intensiver Recherche im Internet haben wir herausgefunden, dass Jungspechte um ihr Revier zu markieren, in alle möglichen Gehölzer und auch in Wänden Löcher klopfen und dass man sie nur schwer davon abhalten könne. Wenn der Specht viele Löcher in Wand schlägt, verliert die Dämmung vielleicht ihre Wirkung. Unser Darlehen für die Modernisierung ist noch nicht abbezahlt. Zusätzliche finanzielle Belastungen können wir uns nicht leisten. Der Specht bedrohte also unsere finanzielle Existenz. Das erste Klopfloch des Spechtes haben wir noch zugemacht. Zwei Tage später hat er an einer anderen Stelle wieder geklopft. Diesmal soweit oben, dass wir an die Stelle nicht mehr herankamen. Die Situation schien zu eskalieren. Unsere Nachbarin streunte unruhig um unser Haus herum. Jeder Anflug des Spechtes fühlte sich an wie der Angriff von Außerirdischen, die unsere Welt in Schutt und Asche legen wollten. Wenn der Specht wieder davonflog, weil wir oder die Nachbarin ihn verscheucht hatten, lagen die Opfer in Form von unzähligen Styroporkügelchen auf dem Boden. Unsere Nachbarin holte dann einen Industriestaubsauger und saugte jeden einzelnen Fetzen weißen Plastiks von ihren sorgsam gehegten Rosensträuchern weg. Als ich am gleichen Tag abends von der Arbeit nach Hause kam blickte mich das martialisch wirkende Plastikdouble einer Krähe von der Spitze einer drei Meter langen Holzstange an, den unsere Nachbarin vor lauter Verzweiflung an der Grundstücksgrenze in den Boden gerammt hatte.

Die Aufrüstung half und der Specht schien genug von der Verteidigung der Außengrenzen seines Reviers zu haben. Wir waren wieder mal davon gekommen und als im Frühjahr ein Spatzenpaar in das Loch einzog haben wir es mit einem Schmunzeln hinnehmen können, während unsere Nachbarin wieder ihren Industriestaubsauger hervorholte, um ihre Rosensträucher zu schützen.

Bei der Betrachtung einer Berechnung der Eintrittswahrscheinlichkeit verschiedener Szenarien, fiel mir die Specht-Anekdote wieder ein. Finanzexperten hatten mit absoluter Überzeugung die Wahrscheinlichkeit eines Wirtschaftsaufschwungs nach dem Abflauten der Corona-Krise kalkuliert. Zu 65 % wird sich die Wirtschaft innerhalb eines Jahres erholen, zu 30 % innerhalb 18 Monaten und zu 5 % innerhalb zweier Jahre. Die gleichen Experten hätten vor einem halben Jahr niemals das Auftreten einer Pandemie in Betracht gezogen. Genauso wenig hatten wir den Specht an unserer Hauswand erwartet. Und doch hat die Natur in beiden Fällen zugeschlagen. Die Kalkulation von Risiken gibt uns Sicherheit. Wenn wir schon einmal rational nachvollziehen können, was uns bevorsteht, können wir in Ruhe weiter unser Leben führen. Wir kennen ja meistens schon den Worst-Case, der in solchen Berechnungen mit lächerlichen Eintrittswahrscheinlichkeiten bedacht wird. Der Asteroid wird zu sehr großer Wahrscheinlichkeit an der Erde vorbeirasen. Schön, aber die nächste Katastrophe könnte schon unsichtbar vor unserer Tür auf ihre Erscheinung warten. Es gehört zum Wesen des modernen Menschen, jede mögliche Situation des Lebens beherrschen zu wollen. Fatalismus ist verpönt. Leider bauen wir oft unnötige Krisenpotentiale auf, die niemals zum Tragen kommen. Die Beschäftigung mit Möglichkeiten bindet viel Zeit und Ressourcen und treibt den einen oder anderen Zeitgenossen in den Wahnsinn und in die Arme von Verschwörungstheoretikern. Meistens kommt es anders als man denkt. Dummer Phrase. Denkt man. Aber das ist die einzige Wahrheit, auf die wir uns verlassen können. Wie schön wäre es, wir hörten auf zu rechnen, zu kalkulieren und erwarten einfach gelassen das Unmögliche. Der Specht wird um die Ecke geflogen kommen und seine Löcher in die Wände klopfen. Das werden wir nicht verhindern können.

Gefahr

Die Allgemeinheit sagt, die größte Gefahr gehe von umherirrenden Wölfen, marodierenden Troll-Armeen und wütenden Schwarzrotgoldkäppchen aus, die sich montags auf großen Plätzen treffen.

Die wiederum sind der festen Überzeugung, die größte Gefahr gehe von Kopftuchmädchen, Messermigranten und arabischen Clans aus.

Manche von denen vertreten die Ansicht, die größte Gefahr seien deutsche Politiker, die ihr eigenes Volk gerne loswerden wollten.

Einige sind besonders gewieft und postulieren, die größte Gefahr seien Polizisten, die an unbescholtene deutsche Autofahrer Strafzettel verteile, anstatt Kopftuchmädchen, Messermigranten, arabische Clans und deutsche Politiker zu verfolgen.

Manche meinen, die größte Gefahr gehe von Ärzten aus, die mit ihren Spritzen ihre Kinder töten wollen.

Oft glauben dieselben Personen, dass die größte Gefahr in roten Autos vor den Schule warteten, um ihre Söhne und Töchter für einen internationalen Päderastenring abzugreifen.

Dann gibt es die Menschen aus La Mancha, die die größte Gefahr in den Riesen sehen, die überall in der Landschaft stehen und mit ihren Armen rumfuchteln.

Aber es gibt auch Menschen die das Zirpen und Brummen der Handys und Mikrowellen für die größte Gefahr halten.

Noch nicht weit verbreitet ist die Ansicht, in irren Schreibtischtäter, die mit Blut ihre wirren Pamphlete über die Überlegenheit weißer Männer unterschreiben, die größte Gefahr zu erkennen.

Dann gibt es immer mehr Menschen, die die Demokratie und Freiheit für die größte Gefahr halten und die ein für alle Mal Schluss mit dem Geschwätz von Politikern, Gutmenschen und Journalisten machen wollen.

Heimliche Kritiker des Kapitalismus haben herausgefunden, das Aktienkurse die größte Gefahr darstellen, weil sie in ins Bodenlose fallen können, während sie selbst gerne ihren täglichen Bedarf bei Amazon bestellen.

Eine kleine Minderheit sieht im allgemeinen Lebensrisiko die größte Gefahr und geht nicht mehr vor die Tür.

Eine andere nicht zu unterschätzende Minderheit an Misanthropen, betrachtet es als die größte Gefahr auf irgendetwas zu vertrauen und hat im eigenen Atomschutzbunker einen Überlebensvorrat für fünf Jahre angelegt.

Manche sehen in der Jugend die größte Gefahr, weil sie die größte Gefahr erkannt haben. Gleichzeitig beneiden sie die Jugend für ihre Jugend.

Und dann ist da noch dieses Virus, das wie mexikanisches Bier heißt und uns alle umbringen will.

Aber vielleicht ist der Winter auch nur zu lang und zu warm und wir haben einfach vergessen, dass wir die größte Gefahr für uns selbst sind.

Reihe 3, Platz 58 und 59 – 100 Songs

Ich weiß nicht, wo ich es aufgeschnappt habe; die Unendlichkeit wird nicht durch grenzenlose Ausdehnung definiert, sondern durch Konzentration auf einen einzigen Punkt, an dem alles gleichzeitig existiert. Als ich nach dem Theaterabend im Gießener Stadttheater über das Stück 100 Songs von Roland Schimmelpfennig nachgedacht habe, ist mir spontan dieses Denkmodell in den Sinn gekommen. Die Assoziation mit der Annahme, es existierten unendlich viele Universen mit unendlich vielen Versionen der Wirklichkeit, kam mir in den Sinn. Das Stück bringt die Dekonstruktion eines Momentes vor einer Katastrophe auf die Bühne, die das Leben der Menschen, die sich zufällig alle an dem Ort der Katastrophe aufgehalten haben, nachhaltig beeinflusst.

Menschen treffen sich morgens am Bahnsteig und steigen in einen Zug ein. Ein ganz alltäglicher Vorgang. Schnell wird klar, dass nach Warten, Einsteigen und Losfahren etwas Dramatisches passiert sein muss. Der Zeitraum zwischen 8.50 Uhr und 8.55 Uhr wird immer wieder neu aus der Sicht der einzelnen Fahrgäste, einer Kellnerin aus dem Bahnhofscafé und einem Anwohner, der die Gleise von seinem Balkon aus beobachten kann, erzählt. Der Text konzentriert sich nicht auf die verschiedenen Perspektiven der Menschen auf das dramatische Ereignis, sondern auf deren Geschichten, die sie mit an den Bahnsteig gebracht haben. Ein Mann, der sich in der Nacht mit seiner Frau gestritten hat, eine Stripperin aus Upsalla, die nach Hause zu ihrem Kind fährt, ein Polizist, der seinen Bruder besucht hat und nun nach Hause fahren will, ein Verwaltungsangestellter auf dem Weg zur Arbeit, eine Studentin und ihr Bekannter, ein Liebespaar, dass sich heimlich im Zug trifft, ein miesgelaunter Kerl, der eine Sporttasche mit sich herumschleppt, ein Pfarrer, der in die Nachbarstadt fährt, um einen sechsjähriges Kind zu beerdigen, eine Landvermesserin, eine Familie mit Kind auf einem Ausflug. Anfangs kann man den Schauspieler noch einzelne Rollen zuordnen. Im Laufe des Stückes verflüchtigt sich die Zuordnung. Ähnlich läuft es mit den Songs, von denen man als Zuschauer am Anfang den Eindruck gewinnen könnte, sie repräsentieren eine einzelne Person und ihre Stimmungslage. Aber auch sie verlaufen sich, verflüchtigen sich. In einer besonders eindrucksvollen Szene kaskadieren sie sich zu einer Kakophonie. Verschiedene Lautsprechertypen werden im Hintergrund ins Bühnenbild herabgelassen und jeder einzelne Lautsprecher scheint einen der 100 Songs zu spielen. Die Schauspieler singen immer lauter, bis zum ohrenzerberstenden Höhepunkt und prompt wird es still. Dann wird die Uhr wieder zurückgedreht und die letzten fünf Minuten werden wieder neu verhandelt. Der Spannungsbogen des Stückes besteht daraus, dass man nie erfährt, was nun wirklich um 8.55 Uhr geschehen ist. Es gibt Anspielungen, die sich nie verfangen und wieder im Sande verlaufen. Die einzelnen Schicksalsberichte der Personen im Zug werden auf die Spitze getrieben und vor dem entscheidenden Moment drückt man gedanklich auf Pause und spult wieder auf 8.50 Uhr zurück. Länger als anderthalb Stunden trägt dieses verwirrende Destruktionsspiel nicht. Irgendwie muss eine Auflösung her und wer denkt, dass sie sich einfach so ergibt, wird enttäuscht werden.

Destruktion ist keine Erfindung des Autors. Neuartig daran ist, dass sie konsumierbar ist. Der Zuschauer kann trotz aller Verwirrung und ständiger Verflüchtigung den einzelnen Schicksalen folgen. Der Text lässt Mitgefühl zu. Alleine schon, dass es einen Spannungsbogen gibt, ein fesselndes Element, der Zuschauer sich fragt, welches schlimme Ereignis stattgefunden hat, spricht für das Stück. Aus den vielen Andeutungen, in denen Pferde eine wichtige Rolle spielen (Odins Pferd Sleipnir, das mit seinen Hufen die Erde zerstört, die vier apokalyptischen Reiter usw.), wird nur ersichtlich, dass unheilbringende Katastrophe die Menschen im Zug miteinander verbindet. In einem Interview mit Herrn Schimmelpfennig (Internetseite Stuttgarter Zeitung vom 18.06.19) erklärt er seine Grundidee: „Seit dem Attentat von Madrid wollte ich ein Stück über das Thema Terror schreiben, doch wie fasst man das?“ Er führt weiter aus, dass es ihm um die Zufälligkeit des Opferwerdens gegangen sei.

Somit hat er den Nerv getroffen, der bei vielen Zeitgenossen blank liegt. Erst im Laufe des Stückes hat mich die Wucht der Aktualität des Themas getroffen. Eine Woche vorher hat das Attentat in Hanau stattgefunden. Gewöhnliche Menschen sind Abends ausgegangen, haben sich etwas zu essen besorgt, wollten etwas Spaß haben, Freunde treffen, sich angeregt unterhalten und sind mitten aus dem Leben gerissen worden. Ihre Lieder, ihre Geschichten sind verklungen. Ein Vorwurf, der nach solchen Attentaten, die immer zahlreicher und in kürzeren Abständen erfolgen, erhoben wird, ist dass es immer nur um den Täter geht und die Opfer zu anonymen Objekten degradiert werden.

Der Abend hat mich tief beeindruckt und schockiert zurückgelassen. Für ein paar glanzvolle Theatermomente wurde greifbar, was es bedeutet, wenn der Zufall in seiner grauenvollste Ausprägung zuschlägt.

 

SCHREIBE DEINE ROMANE WIE DEINE KURZGESCHICHTEN – TEIL 2

Eine irre Aufforderung. Wie jeder weiß ist eine Kurzgeschichte eine völlig andere Literaturgattung als ein Roman und anderen Regeln unterworfen. Mir hat diese Aufforderung in meiner sehr speziellen Situation sehr viel gebracht, hat sie mich doch daran erinnert, dass Literatur von der Verknappung lebt. Das wichtigste Merkmal einer Kurzgeschichte ist nun mal die Reduktion auf wenige prägnante Ereignisse, Handlungen und Figuren. Ich habe bisher Monstren erschaffen, fast nicht lesbare Wortskulpturen, die leider nicht so außergewöhnlich sind, dass sie eine eigene Kunstform darstellen können. Im Prinzip habe ich viel Wortmüll produziert, immer in dem Glauben, der Leser müsse alle Informationen habe.

Nun habe ich eine dieser Wortskulpturen vor mir liegen: mein zweiter Roman mit über 500 Normseiten. Jedem, dem ich die Story erzähle, sagt: „och klingt spannend“ Trotzdem legen es alle nach ein oder zwei Seiten weg. Meine Frau hatte sich geweigert, mehr als die ersten zehn Seiten zu lesen und nachdem ich niemanden gefunden hatte, der Hand an den Roman legen wollte und mir eine anständige Rückmeldung geben wollte, habe ich das Projekt aufgegeben.

Erst durch Zufall und einem Gespräch an einem launigen Sommerabend kam es ans Tageslicht. Ich hatte mittlerweile begriffen, dass das alles zu viel ist und meine Frau ja Recht hatte, als sie sich vor ein paar Jahren weigerte, das Buch zu lesen.

Die Story ist mir zu wichtig, um sie liegen zu lassen. Also hatte ich mir einen Plan ersonnen, den Text neu zu ordnen und daraus einen gut lesbaren spannenden Text zu machen. Ich bin ein Mensch, der Regeln braucht, die manchmal etwas krass klingen mögen, mir helfen, eine Änderung meines Verhaltens herbeizuführen. Hier hieß die Regel: Jedes Kapitel muss mindestens um die Hälfte gekürzt werden.

Der erste Versuch fällt schwer. Von vielen meines Erachtens guten Textstellen wollte ich mich auch unter Androhung roher Gewalt nicht trennen.

Meine Frau nahm sich das erste Kapitel vor und hat als Testleserin sofort einige inhaltliche und stilistische Fehler gefunden.

Ich war der Meinung, den Text interessant zu gestalten, in dem ich die einzelnen Handlungsstränge ineinander verschachtele. Kann man vielleicht einen Blumentopf bei irgendwelchen Literaturnerds gewinnen, aber auch nur wenn man es wirklich beherrscht. Meine Frau konnte den einzelnen Handlungen gar nicht folgen, weil sie vieles nicht eindeutig zuordnen konnte. Zu was gehört nun der Absatz und warum macht jetzt der das, da hat er eben noch was ganz anderes gemacht. Das erste Kapitel strotzte vor Handlungslöchern und Anschlussfehlern.

Zudem erkannte sie sofort, dass ich im ersten Kapitel viel zu viele Handlungsstränge und Personen anreiße und aufzeige. Viel besser ist es, sich auf wenige Personen und ein oder zwei Handlungsstränge zu konzentrieren. Bei mir ging es einerseits um die Lebenskrise der Hauptperson, die seinen Vater finden möchte. Dann ging es um den besten Freund, mit dem er ein Geheimnis teilt, dann um die Hochzeit der Hauptperson, die nun gefährdet war, aber das war sie eigentlich schon die ganze Zeit, da seine zukünftige Ehefrau auch ihre eigenen Probleme hatte, weil ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben kam, aber da war noch die Mutter der Hauptperson, die natürlich nicht wollte, dass er den Vater findet, da der Vater einfach abgehauen war und sie wie den letzten Dreck behandelt hatte und dann war da noch ein Aufzug und viel blablabla.

Die dritte Auffälligkeit drehte sich um meine Art die Charaktere zu beschreiben. Ich hatte anscheinend das Gefühl, der Leser könne ohne ausschweifende langatmige psychologische tiefergehende Ursache-Wirkungs-Analysen das Wesen meiner Charaktere nicht verstehen. Dabei reichen ein oder zwei kleine Anekdoten oder eine Beschreibung einer Person oder einer Handlung, um die Person einzuführen und für den Leser begreifbar zu machen.

Zudem litt ich an der typischen Bandwurmsatzkrankheit. Anstatt Beschreibungen und Handlungen in kleine Häppchen zu teilen, habe ich immer versucht alles in einen Satz zu quetschen. Natürlich gibt es Autoren, die das können und damit ihre Leser verzaubern. Bei mir ist es eine Unart. Lieber mehrere Sätze formen aus Subjekt, Prädikat, Objekt anstatt mit einer Ansammlung von adjektiven und adverbialen Beschreibungen und unzähligen Parenthesen den ganzen Lesefluss zu zerstören und für den Leser die Nachvollziehbarkeit des Inhaltes zu zerstören.

Das waren die vier Auffälligkeiten, die circa dreiviertel des Textes zu einem unlesbaren Konglomerat an Wörtern machte. Es gab noch andere Auffälligkeiten, aber die fallen unter die üblichen Denk- und Flüchtigkeitsfehler, die jeder Autor macht. Das ist mir bei der Arbeit auch aufgefallen. Kein Autor sollte meinen, er habe die Pflicht einen fehlerfreien Text abzuliefern. Das gibt es nicht. Alle machen Fehler!

In stundenlangen sommerlichen Diskussionsrunden hat meine Frau meinen Text zerfleddert. Ich brauchte einige Glas Wein, um es aushalten zu können. Schließlich tat es mir anfangs fast körperlich weh, dass jemand mein in jahrelanger Arbeit entstandenes Werk in Stücke haut.

Der Prozess war sehr heilsam. Danach ging ich an die Arbeit und habe Stück für Stück den Text entkernt. Schwups war das erste Kapitel nur noch halb so lang und es las sich wirklich wie eine meiner Kurzgeschichten.

Das waren aber erst das erste Kapitel und der erste Schritt in die richtige Richtung. Natürlich frage ich mich, was mir bei der Arbeit an allen anderen Kapiteln noch an Bearbeitungspotentialen begegnet und inwieweit meine Frau mich als Testleserin und kritische Lektorin mich begleiten kann.