Versuchslabor

Tag der offenen Tür in der Schule meiner Tochter. Ich bin, wie immer, zu spät. Die Arbeit und wichtige Besprechungen haben mich aufgehalten. Ich irre fast orientierungslos durch die Dunkelheit. Nur die Umrisse des Schulgebäudes, ein grauer Betonklotz, halten mich auf Kurs.

Ich erreiche die Eingangshalle der Schule. Die Schüler, Eltern und Lehrer, Informations- und Verkaufsstände, das ohrenbetäubende Durcheinander überfordern mich. Meine Frau eilt auf mich zu. Es geht in den Musikraum. Meine zehnjährige Tochter spielt ein Weihnachtslied auf der Gitarre. Sie hat im Sommer im Rahmen der Gitarren-AG ihre ersten Gehversuche auf dem Instrument unternommen und kann jetzt schon kurze und einfache Lieder spielen. Sie hat sich sehr auf diesen Auftritt gefreut. Sie ist das Präsentieren ihrer musikalischen Fähigkeiten gewohnt. Seit zwei Jahren spielt sie Klavier, davor hast sie Blockflöte gelernt. Sie ist das erste meiner fünf Kinder mit ausgeprägten musikalischen Talent. Sehr zu meiner Freude.  

Da sitzt meine Tochter freudestrahlend mit ihren blonden Zöpfen und ihrer nagelneuen Gitarre auf den Schoss und freut sich, dass es ihr Vater noch rechtzeitig geschafft hat. Natürlich haben wir Jule im Sommer sofort eine eigene Gitarre gekauft. Wir waren im Musikgeschäft in der Nachbarstadt und haben uns beraten lassen. Es musste schon die Gitarre für hundertsiebzig Euro sein. Drunter gab es nichts Vernünftiges.

Neben Ihr sitzt ein großer adipöser Junge, mit schwarzen Haaren und Teddybäraugen und hält sich an einer abgenutzten alten Erwachsenenklampfe fest.

Es gibt im Moment eine Diskussion darum, ob man als Politiker wohlhabend sein darf. Friedrich Merz sehen viele schon als zukünftigen Kanzler. Doch man misstraut ihm, weil er in den letzten fünfzehn Jahren in der freien Wirtschaft einige Milliönchen verdient hat.

Der Lehrer, der an der Schule für die Gitarren-AG zuständig ist, geht zu dem großen Jungen und stellt ihn vor. A. hat keine eigene Gitarre und kann nur Dienstagsnachmittags vor dem Gitarrenunterricht mit einer Gitarre üben, die der Schule gehört. Dem Lehrer scheint es wichtig zu sein, das Publikum über diesen Umstand aufzuklären. Denn eigentlich sei A. ein wissbegieriger Schüler, der unbedingt das Instrument erlernen möchte.

Friedrich Merz kommt aus dem Sauerland und ist dort fest verwurzelt. Ein bodenständiger, heimattreuer Wertkonservativer. Allerdings passen die gut dotierten Posten in Aufsichtsräten großer international agierender Unternehmen und die zwei Privatflugzeuge nicht zum Sauerland.

A. legt los. Er kann nur Lieder mit der Anschlagshand spielen. Also schlägt er tapfer seine Leersaiten an und der Lehrer singt dazu.  Nach ein paar Takten sind die Lieder schon vorbei und alle klatschen. A. strahlt über sein ganzes Gesicht. Seine Teddybäraugen leuchten. Der Applaus gibt ihm Zuversicht.

Die marktliberale Haltung des Herrn Merz ist legendär. Allerdings heutzutage nicht mehr opportun. In den Neunzigern waren viele Politiker der Ansicht, der freie Markt regelt alles selbst. Wen nur alle an sich denken, ist an alle gedacht. Raus aus der sozialen Hängematte, rein in den Kampf ums Überleben. Es ist jetzt so, dass man in der Politik gerne das Rad wieder zurückdrehen möchte. Zumindest rhetorisch.

Dann ist meine Tochter dran. Sie spielt fast fehlerfrei ihr Stück herunter. Jingle Bells in einer einfachen Version mit beiden Händen. Sie kann jeden Tag auf ihrer eigenen nagelneuen Gitarre üben.

Herr Merz ist für die Einen das Böse an sich und für die Anderen ist er der Heilsbringer. Alles eine Sicht der Perspektive. Mich verwirrt dieser Mensch. Ich denke nicht, dass Politiker nicht wohlhabend sein dürfen und ich finde es generell nicht problematisch, wenn sie in der freien Wirtschaft gearbeitet haben. Aber sein Habitus, seine Neigung zu populistischen Geplänkel (wie z.B. das Infrage stellen des Asylrechtes) widern mich an.

Nachdem drei andere Mädchen aus der Gruppe noch mehrere Lieder zum Besten gegeben haben, fordert A. den Lehrer auf, ihn noch ein Stück spielen zu lassen. A. ist auf einer Mission. Er will es allen zeigen, dass er es kann.

Ich kann mich noch gut an sein früheres politisches Leben erinnern. Herr Merz war immer der Stachel im Fleisch der damalig noch sehr verknöcherten CDU. Fast schon ein konservativer Rebell. Auch damals hat er mich verwirrt. Die Steuererklärung auf dem Bierdeckel: ein rhetorischer Coup. Viel heiße Luft  im rückwärtsgewandten Kohlklima der CDU, die den abgestandenen Mief von  Männerfreundschaften kurzzeitig vertrieb. Erst Frau Merkel schaffte es, die Bude CDU anständig durchzulüften.

Auf dem Rückweg vom Tag der offenen Tür irrte ich wieder durch die Dunkelheit. Finsternis lag über dem regennassen Asphalt.  Meine Frau und ich gehören zu dem Teil der Gesellschaft, der gerne als Bildungsbürgertum geschmäht wird. Jule hatte von Anfang an alle Chancen. Meine Frau und ich haben gute Jobs, wir wollen und können in die Bildung unserer Kinder investieren. Oft bemerke ich ironisch, dass Jule unser soziales Experiment ist. Die Schule meiner Tochter liegt in einem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt gebrandmarkt ist. Wir haben unsere Tochter absichtlich dort hingeschickt. Wir können es uns leisten. Sie wird keine Probleme in der Schule haben. In der Dunkelheit begegnen mir die Kinder, die den anderen Teil unseres sozialen Experimentes darstellen. Es sind laute, schrille Wesen, aus deren Handys laute Hip-Hop-Musik gegen den Regen anbrüllt.  Im Gegensatz zu unserer Tochter hatten sie keine Wahl. Sie sind die Versuchskaninchen einer Gesellschaft, die ständig austestet, ob sie ihr Potential mit möglichst wenig Aufwand heben kann. Es ist egal, ob die Versuchskaninchen später tot im Käfig liegen, denn die Kinder, die die vermeintliche Wahl haben, Leistungsträger sein zu dürfen, werden es schon für uns alle schaukeln. Die anderen Kinder sind halt Versuchstiere und ihr Erfolg besteht darin, einfach zu überleben.  Ich schäme mich für unser soziales Experiment. Mehr schäme ich mich allerdings noch für die Eltern, die mit ihren Kindern niemals in einem sozialen Brennpunkt auftauchen, weil sie solche Gegenden für den Dschungel halten. Sie schicken ihre Kinder auf teure Privatschulen und haben den beruflichen und monetären Erfolg ihrer Sprösslinge schon bei deren Zeugung eingepreist. Nachwuchs muss sich lohnen. Unsere Kinder sind die Opfer einer gespaltenen Gesellschaft.

Wer kümmert sich um A., den tapferen Jungen, der keine eigene Gitarre hat? Vielleicht gibt es irgendeine Stelle, die Kinder unterstützt, deren Eltern keine finanziellen Möglichkeiten haben, um sich Instrumente und Musikunterricht zu leisten. Ich finde nicht viel und weil die Suche so eintönig ist, lese ich auf Spiegel-Online einen Artikel über Friedrich Merz. Es waren die Tage der Neiddiskussion und dem Autor fiel es auch schwer, Herr Merz grundsätzlich zu verurteilen. Er wies darauf hin, dass Herr Merz kein kaltes Herz haben könne, da er ja zusammen mit seiner Frau eine Stiftung ins Leben gerufen habe, die soziale Projekte in seiner Heimat fördern sollte. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Herr und Frau Merz die Auswahl der Projekte mitbestimmt. Ich habe mir die Homepage der Stiftung angeschaut. Wahrscheinlich hat Herr Merz die besten Absichten und ich will nicht so böse sein, ihm zu unterstellen, er unterhalte eine Stiftung nur aus steuerlichen Gründe. Allerdings hatte er keine Kinder wie A. im Blick. Leider sprechen die geförderten Projekte für sich: Buchgeschenke für die Jahrgangsbesten in der Schule, Stipendien für musisch begabte Kinder, die schon ihre Leistung an ihrem Instrument gezeigt haben und so weiter. A. bekäme von Herrn Merz nie eine Förderung. Herr Merz kauft keine Gitarren für Kinder aus sozialen Brennpunkten. Vielmehr fördert er nur seinesgleichen. Kinder, die zur Elite gehören und einen guten Start gehabt haben. Politiker wie Herr Merz erkennen die Probleme von A. noch nicht einmal an und solange das so ist, werden unsere Kinder an der Spaltung der Gesellschaft leiden. Die einen als Versuchskaninchen, die anderen als Investment.

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Gestern in der Turnhalle

100 Jahre Frauenwahlrecht: Ließ sich nicht vermeiden.

Ein Frau als Kanzlerin: War ein Unfall der Geschichte.

#MeToo: Aufstand hysterischer Frauen.

Femen: Aufstand junger hysterischer Frauen.

Frauen in Spitzenpositionen: Doch nur weil sie sich wie Männer benehmen.

Gleiches Geld für gleiche Arbeit: wir haben doch ganz andere Probleme.

Gestern ist mir bewusst geworden, dass die Männer immer noch am längeren Hebel sitzen und alle Bestrebungen, dass zu ändern fast vergeblich waren.

Kinderhandball. Kinder zwischen sechs und acht Jahren. In diesen Jahrgängen gibt es nur gemischte Mannschaften. Meine Tochter, sieben Jahre alt, spielt seit zwei Jahren Handball. Die meisten Kinder in dieser Mannschaft spielen von Beginn an zusammen. Die Jungs sind in der Überzahl. Aber es gibt einen bedeutenden Anteil an Mädchen. Meine Tochter ist für ihr Alter sehr groß und überragt alle Jungen auf dem Spielfeld. Sie ist noch sehr verspielt und oft unaufmerksam. Man kennt ja diese Kinder, die gerne mal abschweifen. Ist aber bei meiner Tochter alles im normalen Rahmen. Handball macht ihr sehr viel Spaß. Sie geht gerne ins Training und auch die Spiele, die alle paar Wochen im Rahmen von kleinen Turnieren stattfinden, bereiten ihr viel Freude. Die Körpergröße spielt im Handball natürlich eine gewisse Rolle. Wer als Verteidiger schon mal wie ein unüberwindbarer Berg vor dem Angreifer steht, verursacht Unruhe beim Gegner.

Die Mannschaft wird von drei Frauen trainiert. Eine davon ist meine Frau, die als Jugendliche selbst Handball gespielt hat. Ich gehe mit zu den Turnieren und schaue mir die Spiele gerne an. Langsam sprießen die ersten Handballfähigkeiten hervor und man sieht die ersten SpielerInnen die kraftvoll in die Luft springen und den richtigen Punkt finden, um im Fallen mit voller Wucht auf das Tor zu werfen. Mir macht es Spaß, die Kinder zu beobachten, wie sie in den Sport hineinwachsen. Dazu gehört neben den spielerischen Fähigkeiten natürlich das mannschaftsdienliche Verhalten im Spiel. Beim Zuschauen kann ich sofort erkennen, wer schon teamfähig ist und wer immer noch wie ein kleines Arschlochkind agiert. Mir war schon seit längerem aufgefallen, dass die Jungs in der Mannschaft teilweise schon den Sport gut beherrschen, aber ein wenig ausgeprägtes Sozialverhalten an den Tag legen.

Im Spiel werden die Mädchen regelrecht ausgegrenzt. Sobald ein Kerl den Ball in der Hand hat, rennt er auf das Tor los und gibt niemals den Ball ab. Allerhöchstens zu einem anderen Kerl. Aber dann muss er schon in einer hoffnungslosen Situation sein. Die Mädchen können sich eine freie Position erarbeitet haben, sich anbieten, die optimale Position vor dem Tor haben, die Kerle geben zum nächstbesten Geschlechtsgenossen ab oder lassen sich vom Gegner über den Haufen rennen.

Meine Tochter kann aufgrund ihrer Größe den einen oder anderen Ball ergattern. Die kleinen Jungs stehen vor ihr und kommen nicht mehr an ihr vorbei. Sobald sie einen Ball hat, wird sofort von den Jungs die Abgabe gefordert. Bitte keinen Erfolg für die Mädchen. Meine Tochter gibt den Ball dann oft ab oder verliert ihn wieder. Sie bekommt kaum Möglichkeiten zum Torwurf.

Zum ersten Mal hat es mich gestern richtig geärgert. Ich habe meine Frau darauf angesprochen und sie hat mir bestätigt, dass dies ein erhebliches Problem ist. Die Jungs zeigen auch im Training keinerlei Sozialkompetenz. Wenn es nicht so klappt, wie sie es sich vorgestellt haben, sind die anderen schuld und sie sind vollkommen im Machtmodus. Sie sind die größten, während die Mädchen das Nachsehen haben.

Dabei könnte eine solche Mannschaft viel besser spielen, wenn alle an einem Strang ziehen. Wenn die Jungs nicht nur ihre eigenen Fähigkeiten nutzten, sondern die Fähigkeit anderer auch anerkennen können und sich überlegen, wie sie diese nutzen können, um erfolgreich zu sein und das dazu gehört, miteinander zu reden und dem anderen auch zu würdigen, wäre die kleine Handballwelt in einem perfekten Zustand.

Und da ist mir aufgefallen, dass viele Männer kleine Arschlochkindermachos geblieben sind und sich niemals weiter entwickelt haben. Sie sind die Könige dieser Welt, von sich und ihren Fähigkeiten überzeugt. An ihnen kommt niemand vorbei. Und die Frauen stehen daneben, hochintelligent, mit viel Gespür für ihre Mitmenschen, werden ignoriert und dürfen höchstens dekorativ schön aussehen und die Mistkerle mit Macht heiraten und ihnen Kinder gebären.

Dann habe ich mich gefragt, was Mädchen wie meine Tochter tun müssen, um diesen Zustand zu ändern. Wahrscheinlich braucht es Gewalt. Sie müssen den Kerlen die Nase blutig hauen und ihnen den Ball entreißen. Aber wer will das? Ist das wirklich die einzige Sprache, die kleine Machtidioten verstehen? Der Geschlechterkrieg kann ja keine Lösung sein. Vielleicht ist er unvermeidlich. Oder aber ich fange bei mir selbst an. In letzter Zeit habe ich mich selbst beobachtet und auch an mir die Attitüden männlicher Selbstüberschätzung gefunden. Manche meiner Verhaltensweisen sind von dem Narrativ der männlichen Überlegenheit geprägt. Also ändere ich mein Verhalten, gebe meiner Tochter ein Vorbild, überzeuge meine Geschlechtsgenossen, dass sie erfolgreicher sind, wenn sie auf dem Spielfeld alle mit einbeziehen und nicht nur für sich spielen. Vielleicht hilft es, vielleicht kriegen wir Kerle doch bald eine blutige Nase.  

Am Ende aller Zeiten

Auch für Redewendungen und Begriffe gibt es eine Mode. Ich weiß nicht, auf welchen Laufsteg diese sich bewähren müssen, bevor sie von allen in den Mund genommen werden. Aber von Zeit zu Zeit beschleicht mich ein ungutes Gefühl, wenn die gleichen Redewendungen von allen in jeder Situation benutzt werden. Zum Glück bin ich kein Verschwörungstheoretiker, ansonsten könnte ich annehmen, dass Frau Merkel mit Herrn Altmeier im Bundeskanzleramt sitzt und sie sich gemeinsam blödsinnige Sprüche ausdenken und diese dann von der Bundeswehr als Chemtrails in der Nacht über die Republik ausgeschüttet werden. Unsere manipulierten Gehirne warten dann den ganzen Tag nur darauf, die blöden Sprüche endlich los zu werden. So unvermittelt treten die diversen Moden der Redewendungen auf.
Wahrscheinlich haben sich schon Wissenschaftler ausgiebig mit der Thematik befasst und man könnte meinen, an der Theorie des kollektiven Bewusstseins scheint etwas dran zu sein. Im Moment höre ich kein Gespräch, das ohne die Redewendung „am Ende des Tages“ auskommt. Ich habe mir schon die Mühe gemacht Strichlisten zu führen und es gibt Gespräche an deren Ende der Zettel mit blauen Kulistrichen voll war.
Die Redewendung stößt mir auch sauer auf, weil sie sprachlich sehr ineffizient ist. Man will ja dadurch wohl das Wort letztendlich oder schließlich vermeiden. Es handelt sich um kurze Wörter, deren Bedeutung sich kaum von der deutlich längeren Redewendung unterscheidet. Jetzt könnte man anführen, die Redewendung diene der Betonung der Ausschließlichkeit eines Sachverhaltes. Am Ende des Tages kann nur das und jenes erfolgen. Aber nein, die Redner setzen an, holen tief Luft und dabei kommt nichts anderes heraus als das letztendlich das und jenes erfolgt. Viel heiße Luft um nichts, umsonst verbrauchter Sauerstoff. Die Redewendung wird unbewusst genutzt und bei den wenigsten, die diese gebrauchen, scheint eine Absicht der Grund ihrer Verwendung zu sein. Daher schlage ich vor, die Redewendung um einige Varianten zu erweitern, um eine bewusste Verwendung zu erreichen. Wenn sie schon einmal in der Welt ist, dann soll sie doch zu etwas dienlich sein. Tut mir leid, ich bin da etwas altmodisch und glaube daran, dass Sprache uns dienen sollte und nicht wir der Sprache. Um die Betonung der Bedeutung zu erreichen, sollten wir folgende Varianten als Steigerungsform verwenden: „Bis am Ende der Woche oder des Monats, des Jahres und wenn man es ganz drastisch ausdrücken möchte und seinem Anliegen ein besondere Note und Bedeutung verleihen möchte, sagt man (natürlich nur im feierlichen Ton und entsprechend dramatischer Modulation): Am Ende aller Zeiten.

Die Republik der beleidigten Leberwürste

Im Spiegel der letzten Woche stand es geschrieben: Herr Maaßen fühlt sich von Frau Merkel gedemütigt, weil er von ihr nicht an die Spitze des BND berufen worden sei und deswegen habe er diese Behauptungen über die Vorgänge in Chemnitz in die Welt gesetzt. In der gleichen Ausgabe war zu lesen, dass Herr Seehofer niemanden traut, weil er als junger Abgeordneter im Bundestag von den anderen Neulingen im Bundestag ausgetrickst wurde und daher höchstens Zweckbündnisse eingeht. Herr Gauland hatte damals beleidigt die CDU verlassen, weil  Frau Merkel mit der Wehrpflicht die letzte Bastion konservativer Politik einfach aufgegeben hat. Die Sachsen sind beleidigt und denken rechts, weil sie sich in der Bundesrepublik nicht genug gewürdigt fühlen. In unserer Stadt sind eine Menge Leute im Moment beleidigt, weil sie Anliegergebühren für die Straßensanierung bezahlen müssen. Die ganzen Dieselfahrer sind beleidigt, weil man ihnen das Autofahren in den Städten verbieten will, haben sie doch sich erst letztes Jahr so einen schönen Mercedes gekauft. Meine Nachbarin ist beleidigt, weil die Stadt sie immer noch nicht ernst nimmt, wenn sie gegen die Raser in unserer Straße protestiert. Viele Bürger sind beleidigt, weil der Staat das Bargeld abschaffen will. Andere sind beleidigt, weil sie nur noch Fremde überall sehen und sie Rundfunkgebühren bezahlen müssen.  Dann sind andere beleidigt, weil sie gegen Maschinen, Computer oder Messermigranten und Kopftuchmädchen ausgetauscht werden sollen. Manche sind  immer noch beleidigt, weil wir die Weltkriege verloren haben. Viele sind anscheinend beleidigt, weil sie nicht stolz darauf sein dürfen, Deutsch zu sein, aber selbst nicht wissen, was das nun heißen soll. Und dann gibt es immer noch die die beleidigt sind, weil es nachts dunkel wird und sie dann nichts sehen. Im Grund sind wir alle beleidigt, weil die Welt sich weiter dreht und wir nicht gefragt worden sind, ob wir das wollen.

 Es ist kein Wunder, dass die AFD immer mehr Zuspruch bekommt, ist sie doch die Sammelbewegung für alle beleidigten Leberwürste dieser Republik. Herr Kahrs, der bei der letzten Generaldebatte im Bundestag die AFD dermaßen beschimpfte, dass die Fraktion der AFD geschlossen den Saal verließ (sie waren beleidigt) sagte nachher in einem Interview: „Das Problem mit diesen Rechtsradikalen ist: Sie können nur draufhauen, und sonst nur mimimi.“   

Er spricht mir aus der Seele. Ich Moment gelingt es niemanden, die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrer Gesamtheit zu analysieren und noch weniger gelingt es irgendjemand ein Patentrezept gegen die latent vorhandene Katastrophenstimmung zu finden.

 Aus irgendeinem Grunde scheint das ganze Land sein Handeln nur noch nach widerfahrenen Verletzungen, Beleidigungen, Demütigungen, Herabwürdigungen auszurichten. Auffällig dabei ist, dass oft die geringsten Anlässe zu den gröbsten Ausbrüchen führen. Es regen sich die auf, die am wenigsten zu befürchten haben, während die geschundenen letzten  Glieder in der Nahrungskette, die nichts besitzen, was sie verlieren können, überhaupt keine Stimme mehr haben. Für mich ist es mittlerweile nicht mehr erstaunlich, dass eine AFD keine Politik für den kleinen Mann, den einfachen niedrig qualifizierten Zeitarbeiter machen will, sondern wirtschaftsliberale Positionen vertritt, die dazu führen, den wirklich Abgehängten noch mehr weg zu nehmen. Die Beleidigten kommen nicht aus den prekären Gesellschaftsschichten, sondern aus dem konservativen Milieu derjenigen, die merken, dass eine offene multikulturelle Gesellschaft ihren Machtstatus gefährdet. Waren sie doch bis vor ein paar Jahren das Maß aller Dinge. Oder diejenigen, die Veränderungen als Gefahr empfinden, weil ihnen auch etwas weggenommen werden könnte und wenn es der eigene Stolz ist oder das gute Gefühl, der Staat passe auf sie auf.

Der ganze Streit um Flüchtlinge, die monothematisch von Populisten und Rechtsradikale als Sündenböcke für alles und nichts dienen, führt dazu, dass wir die eigentlichen Probleme nicht mehr betrachten. Systemkritik ist angebracht, da die Ökonomisierung des gesellschaftlichen Lebens dazu geführt hat, die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu vergrößern und auch in den vermeintlich reichen Ländern dazu geführt hat, das zugunsten einer Kumulierung und Konzentration von Kapital auf einige Wenige, viele Menschen niemals eine Chance zum sozialen Aufstieg haben. Systemkritik ist dann nicht angebracht, wenn man die Schwachen zum Sündenbock macht oder sie als Masse instrumentalisiert, um sie mit völkischer Propaganda auf die Straße zu bringen.

Das Gefühl herabgesetzt zu werden, nicht genügend gewürdigt zu werden oder das schnöde Beleidigtsein hat ja immer eine infantile Note. Das trotzige Kind mit Motzmiene und verschränkten Armen sitzt in der Ecke und schmollt. Und wie wir wissen sind Kleinkinder große Egoisten. In den ersten Jahren ihres Lebens kennen sie nur sich und ihre Bedürfnisse. Sozialverhalten lernen sie erst später. Deswegen klingt für viele großgewachsene Motzkinder die völkische Ideologie wie Eis und Schokolade, Chips und Zocken kostenlos und jederzeit. Sie gieren nach einem einfachen Heilsversprechen. Es hebt doch eine Eigenschaft hervor, die man sich grundsätzlich leicht zuschreiben kann und die eigentlich kaum überprüfbar ist, weil sie schon fast virtuell anmutet. Die Volksgemeinschaft ist ein Konstrukt wie eine Religion und daher für viele leicht konsumierbar. Sie können sie selbst in den Himmel als Angehörige einer besonderen Spezies heben, die es eigentlich gar nicht gibt. Wenn sie diese Motzkinder fragen, was sie unter Deutsch verstehen, werden sie keine einhellige Auskunft bekommen. Eine allgemeine Definition ist schwer und auch eigentlich nicht gewünscht. Sowie Kinder auch alle den Weihnachtsmann unterschiedlich beschreiben und doch wissen, dass der Weihnachtsmann irgendwie an Weihnachten auftaucht und Geschenke verteilt, glauben die beleidigten Leberwürste auch daran aufgrund ihres Deutschseins das ganze Jahr über Geschenke verdient zu haben. Sie waren ja brav und immer gute Deutsche, auch wenn sie eigentlich gar nicht beschreiben können, was das brav sein im Zusammenhang mit ihrer Zugehörigkeit zu einem Volk zu tun hat. Früher hatten sie einen Weihnachtsmann, der das ganze Jahr über gut auf sie aufgepasst hat. Auch er trug eine Uniform, die war  braun und nicht rot und sein Bart war auf das Wesentliche reduziert und nicht so ausladend üppig wie der des Weihnachtsmannes. Vielleicht glauben deswegen auch viele diese Volksgläubigen an die Wiederkehr ihres speziellen Weihnachtsmannes, auch wenn der eigentlich in seinem Sack nur Zerstörung und Leid bei sich trägt. Und das ist unser großes Glück. Wir haben es mit einem großen Verein von beleidigten Egoisten zu tun, die sich nur versammeln, um ihr Beleidigtsein zu zelebrieren. Solange kein Weihnachtsmann da ist, der das Heilsversprechen einlösen will und Geschenke verteilt, rutschen wir vielleicht an der großen Katastrophe und dem Tod der Demokratie vorbei.  Darauf sollten wir uns allerdings nicht verlassen. Ich überlege gerade wie ich mit motzigen Kindern umgehe. Schließlich habe ich auch einen dreijährigen Sohn zu Hause, der gerne und viel die beleidigte Leberwurst gibt. Meistens nehme ich ihn in den Arm, tröste und vermittele ihm das Gefühl, das sein Leid für mich von Bedeutung ist. Wenn er wieder lacht, lasse ich ihn los und dann ignoriere ich ihn, bis er wieder etwas findet, um beleidigt zu sein. Das könnte vielleicht eine Lösung sein….nein, vergessen sie es, das ist Mist

Jungs gegen Mädchen, Mädchen gegen Jungs

Der Sommerurlaub ist für mich die einzige Möglichkeit, meine Leserückstände abzuarbeiten. Neu erstandene Lektüre landet bei mir ungelesen auf einer Ablage auf der Rückseite meines Bettes. Im Laufe des Jahres wächst dort ein unschöner Turm aus Papier und Buchdeckeln heran. Irgendwann ist er so hoch, dass er Nachts zusammenbrechen und auf mein Haupt fallen könnte. Dann weiß ich, dass  der Sommerurlaub in greifbarer Nähe ist.

Zu zweiten Mal haben wir uns in der Toskana ein Haus für zwei Wochen gemietet.  Neben unserem umfangreichen Ausflugsprogramm gönnen wir uns freie Tage, die wir mit Lesen verbringen. Es ist auch die Gelegenheit mit meiner Frau Henrike ins Gespräch über Literatur zu kommen. Jeder von uns ist in seiner Lektüre vertieft. Irgendwann strengt das Lesen an und wir versuchen uns abzulenken.

„Und, wie ist es?“

 “Was?“

 “Das Buch“

„Ach so! Ganz gut.“

„Worum geht es da?“

Dann wird berichtet und der andere stöhnt.

 „So ein Mist. Und so etwas liest du?“

Und weil wir beide einen hohen Anspruch an Literatur haben und es nicht grundsätzlich an der Qualität der Bücher liegt, um zu solchen drastischen Urteilen gelangen,  vertrete ich die These, dass wir grundsätzlich immer nur die zu unserem Geschlecht passende Literatur lesen.

Frauen- und Männerliteratur, gibt es so etwas überhaupt? Darf man heutzutage unterstellen, dass die Frauen und Männer nicht nur unterschiedliches Gehalt bekommen, sondern auch unterschiedliche Literatur lesen? Ich finde schon. Allerdings sollte man nicht glauben, dass die jeweils eigene Literaturgattung besser ist.

Ich will hier zwei Beispiele aus unserer Urlaubslektüre heraus picken, um aus meiner subjektiven Sicht einige Merkmale, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Männer- und Frauenliteratur heraus zu arbeiten.

 Meine Frau hatte zufälligerweise aus der Stadtbibliothek das letzte Buch von Sarah Kuttner mitgebracht (180 Grad Meer). Als Vergleichslektüre habe ich von David Foster Wallace „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ zu Rate gezogen.

Ich bin schon seit langem ein heimlicher Fan von Frau Kuttner. Ihre Sendung auf Viva habe ich damals inhaliert. Für mich ist sie so etwas wie die Wegbereiterin für solche Leute wie Böhmermann (der ja gerne über Frau Kuttner lästert). Ich fand sie äußerst witzig, intelligent und schlagfertig. Nach dem Ende der Sendung habe ich mich nicht mehr sonderlich für sie interessiert. Was nicht das Problem von Frau Kuttner sein sollte. Sie hat genug andere Fans und wird ganz bestimmt ohne mich auskommen.

Trotzdem grüße ich sie an der Stelle, während ich mit meiner eigenen Achselhöhle kuschele und den schmierigen Dunst meines ekelerregenden Schweißes einatme und ihr den Finger zeige, denn ihr Buch finde ich nur teilweise gelungen. Welches Problem habe ich mit dem Buch? Ich könnte ja jetzt das Vorurteil eines männlichen Intellektuellen in die Welt blasen und sagen, dass so Fernsehtussen nicht schreiben können. Aber nein so sehe ich das nicht. Egal was sie sonst so beruflich macht, sie schreibt nicht schlecht. Sie hat ihren eigenen Ton, beherrscht die moderne Art der Verknappung und setzt an den richtigen Stellen die Phantasie des Lesers in Gang. Manche Wortkreationen sind durchaus kreativ und lassen den Leser schmunzeln oder aufhorchen. Aber was stört mich an ihrem Buch? Sie schreibt in der Ich-Perspektive über eine Jule, eine wehleidige junge Frau, die sich allem versagt und nichts zustande bringen möchte. Sozusagen die moderne Version von der Prinzessin auf der Erbse. Die Männer nehmen alle Rücksicht auf sie. Ihr Bruder Jakob und ihr Freund Tim behandeln sie mit Samthandschuhen, bekommen ständig ihre Wut ab und müssen klein beigeben. Jule finde ich persönlich nicht sympathisch, aber die Autorin hat vollstes Verständnis für die Ungezogenheit und dämliche Motzigkeit ihrer Heldin und damit befinden wir uns voll in den Gewässern der Frauenliteratur, die sich an die Mittdreißigerinnen wendet, die aus lauter Trägheit und vor sich her getragener Unlust nichts erreichen möchte: Kein Beruf, keine Beziehung, kein Nachwuchs. Man lebt so vor sich her und beschwört andauernd die Schlechtigkeit aller Männer. im Zweifel lässt man sich gerne von den übelsten Kerlen begatten und findet dafür auch noch eine nette Begründung. Und dann wird noch die ganze Schuld an der eigenen Nicht-Existenz bei den Eltern abgeladen. Schließlich haben die sich ja scheiden lassen und haben vorher die Jule nicht gefragt. Der Vater ist der böse Mann, der abgehauen ist und noch einmal von vorne angefangen hat. Das Buch schleppt sich bis auf Seite 150 und dann erst besucht sie ihren todkranken Vater, mit dem sie sich eigentlich nur streiten will, um sich bestätigt zu sehen. Der Vater bringt sich um, ohne sich mit ihm versöhnt zu haben. Am Ende des Textes erwähnt ihre Stiefmutter, dass der Vater Jule während der Trennungsphase von ihrer Mutter immer ans von ihr geliebte Meer geschleppt hat. Sie erkennt darin die Verbindung zu ihrem Vater, schließt ihren inneren Frieden mit ihm und macht dann einfach so weiter wie bisher. Damit kann ich nichts anfangen. Alle Frauen, die im Leben nicht so richtig weiter kommen und mit Mitte dreißig immer noch in der Untätigkeit festhängen, werden da vielleicht Beifall klatschen und sich mit Jule identifizieren können. Frau Kuttner wird für solche Frauen auch gleich zur Ikone, weil sie ihnen ja die beste aller Lösungen für ihre Probleme bietet. Bleib einfach so wie du bist. Bette dich auf deine  zehn Matratzen und bleib da liegen. Ist schon in Ordnung.

Die Männerliteratur schneidet nicht besser ab. David Foster Wallace und sein Buch „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ bildet das andere männliche Extrem ab. Herr Foster Wallace gebührt für sein alles überragendes monolithisches  Werk „ein unendlicher Spaß“ meine vollste Verehrung und auch „Schrecklich amüsant…“ liest sich anfangs ganz passabel. Es handelt sich um eine Reportage über eine Kreuzfahrt, eine Auftragsarbeit für eine Zeitung, die Herr Foster Wallace scheinbar nur widerwillig übernommen hat. Wie immer bei Herr Foster Wallace bleibt einem das Lachen im Hals stecken oder es kommt erst sehr spät aus dem Hals herausgefallen. Herr Foster Wallace hat einen offenkundig hintergründigen und teilweise bösartigen Humor, der sich hinter grellen Wortschöpfungen und umständlichen Beschreibungen verbirgt. Das macht ihn aus und dafür lieben ihn seine Fans, zu denen ich durchaus gehöre. Allerdings geriert er sich in dem Buch als den Typ des soziopathischen, hyperintelligenten Nerd, der sich ganz naturgemäß auf einer Kreuzfahrt nur bedingt wohlfühlen kann. Und das ist typische Männerliteratur. Er stellt den lebensunfähigen Freak  dar, der sich allzu gerne in seiner Kabine verkriecht, sich beim Abendessen blamiert, sich aufgrund seiner unbeholfenen Interviewversuche beim Personal unbeliebt macht und gegen eine Neunjährige beim Schach verliert. Ein Fremdkörper, der seine Wortkaskaden gerne mit nach meiner Ansicht mit frauenfeindlichen Formulierungen garniert. Bei ihm haben nur Frauen ein postkoitales Grinsen im Gesicht und er liebt es, bei Beschreibungen das Wort menstrual hinzuzufügen. Das Buch hat er Mitte der Neunziger geschrieben und damals mag so etwas noch exotisch auf die Leser gewirkt haben, so wie man im letzten Jahrhundert noch die Wilden in den Kolonien mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken betrachtet hat. Mittlerweile ist der Typus salonfähig und sogar zum Vorbild geworden (die Wilden hatten auch ihre Zeit der Anerkennung und Verklärung). Sonst hätte eine Fernsehserie wie „Big Bang Theory“ mit ihrem Asperger geschädigten Sheldon Cooper als Helden niemals Erfolg gehabt. 

Damit komme ich schon zu den Gemeinsamkeiten dieser besonderen Form der Männer- und Frauenliteratur. Ich habe damit zufälligerweise zwei Bücher ausgewählt, die sich auf zwei extreme, aber leider gängige, Typen konzentriert. Beide haben gemeinsam, dass sie sich der Welt versagen und auf keinen Fall einfach mitmachen können. Dahinter steckt keine besondere Aussage oder Überzeugung, mit der man sein Verhalten rechtfertigt. Und das ist schade. Es ist einfach nur cool, schick oder weird ein bisschen anders als die anderen zu sein. Es ist einfach eine verquere Form des Individualismus. Andere lassen sich tätowieren, sammeln seltene Turnschuhmodelle von Adidas oder hüpfen in schwindelerregender Höhe auf den Auslegern von Baukränen herum.

Nimmt man die Frauenliteratur aus vergangenen Zeiten zum Vergleich, ging es beim dargestellten Individualismus darum, sich den gesellschaftlichen Konventionen zu versagen und depressiv zu sein (Virginia Woolfe). Geht man in der Zeit noch weiter zurück, schrieb sie darüber, wie sie den Mann, in den sie sich verliebt hat, auch heiratet und mit ihm glücklich wird. Die Ansprüche haben an Literatur haben sich wie die Gesellschaften stark verändert und deswegen muss Mann/ Frau  ständig neue Probleme kreieren, um ein Thema für ein Buch zu haben. Aber in diesem Punkt haben sich Frauen- und Männerliteratur noch nie unterschieden. Die Frage bleibt, ab wann Literatur nicht nur Selbstzweck ist, sondern gesellschaftliche Veränderungen und Herausforderungen auch reflektiert und damit den eigentlichen Anspruch, den Literatur an sich haben sollte, verwirklicht.

Wir konnten wir bloß werden, was wir heute sind?

 

 Neunzehnhundertneunzig habe ich mein Abitur in Wetzlar an der Goetheschule gemacht.   Das Gebäude der Goetheschule wurde Ende der Sechziger Jahre gebaut und nach zweiundfünfzig Jahren hat man ein Einsehen mit dem sanierungsbedürftigen und z.T. baufälligen Gebäude und reißt es ab, um es an gleicher Stelle wieder aufzubauen.  Am Donnerstagabend war die große Abschiedsfeier. Die aktuelle Schüler- und Lehrerschaft und die ehemaligen Schüler und Lehrer konnten sich bei Bier und Würstchen von ihrer Schule verabschieden. Ein Treffen der Generationen, dachte man und lt. Sonntagsausgabe der WNZ waren dort an diesem windigen und saukalten Sommerabend ca. 5000 Menschen versammelt. Kaum zu glauben, dass sich so viele Menschen für ein altes marodes Gebäude interessieren, insbesondere da die Goetheschule immer die Reifestätte einer zahlenmäßig begrenzten Elite war. Dies ist die einzige Schule im Altkreis Wetzlar, an der man das allgemeinbildende Abitur erwerben kann. Nur mit diesem Schulabschluss steht einem die gesamte Welt offen und nicht nur die  Nischenstudiengänge wie BWL und Maschinenbau.   Mit dem Abitur kann man Zahnarzt, Apotheker, Politiker, Schönheitschirurg, Schauspieler, Vorstandsvorsitzender und im Zweifelsfall Gymnasiallehrer werden. Also alle diese Berufe mit denen man die Welt und die Wertschöpfungskette der globalen Wirtschaft voranbringen kann. Ich habe übrigens nach meinem Abitur eine Lehre als Bankkaufmann bei der örtlichen Sparkasse gemacht und arbeite verflixt nochmal immer noch in diesem Beruf. Ich bin also vollkommen unter meinen Möglichkeiten geblieben. Ich hatte eigentlich auch andere Pläne. Aber wie das Leben nun einmal so ist, bleibt man sehr oft unter seinen Möglichkeiten. Verzeihen Sie meinen negativen Fatalismus. Aber wenn man in der zwölften Klasse auf einmal merkt, dass man doch kein Dummerchen ist, möchte man doch eher nach den Sternen greifen und nicht nach dem Bleistift, mit dessen stumpfer Spitze man Spar- oder Darlehenszinsen nachrechnet.

 Daher wurde mein Abschied von meiner alten Schule zu einer mittleren Seelenpein. Ich habe die drei Jahre auf dieser Schule genossen. In erster Linie bestand der Genuss im Erkennen meiner intellektuellen Fähigkeiten. Ich war meine eigene kleine geistige Elite und vollkommen alleine auf der Welt.  Durch die leergeräumten Klassenräume zu latschen, die größtenteils immer noch im Originalzustand waren, hat alte Wunden aufgerissen. Ich fühlte mich  nach ca. achtundzwanzig Jahren genauso leer und angeranzt wie diese Räume. Die alten Hörsäle, die alten Tafeln, die grauen wuchtigen Betonwände, die kalten marmorierten Gänge, die genauso wie früher im Halbdunkel lagen, das glänzende schwarze Vinyl in der Pausenhalle  erinnerte mich an verpasste Gelegenheiten, an das Gefühl der Einsamkeit und Isolation, das mich in diesen und in den darauf folgenden Jahren verfolgt hat. Ich leide unter der Wahnvorstellung, viel verpasst zu haben und früh die falschen Entscheidungen getroffen zu haben.

Ich habe einige dieser Entscheidungen korrigieren können und mein Leben ist bei weitem nicht negativ verlaufen. Ich lebe in einer wunderbaren Beziehung mit meiner zweiten Ehefrau, habe fünf liebenswerte einzigartige Kinder, habe ein paar sehr gute Freunde und Kollegen und habe in meinem Beruf viel Anerkennung erfahren. Trotzdem brachte der Besuch meiner alten abbruchreifen Schule alte Zweifel zum Vorschein, die in früheren Zeiten den Glauben an meine Fähigkeiten regelmäßig und nachhaltig erschütterten.

Für ein paar Stunden war ich wieder im alten Alarmmodus. Ich gehöre zu den Menschen, die sich über die Zukunft definieren. Ich lebe niemals in den Tag hinein. Es mag zum eigenartigen Instinkt eines Menschen zu gehören, das Leben vom Ende her zu denken. Wir sind uns ja immer unseres eigenen Ablebens bewusst. Ohne diese Erkenntnis, ein sterbliches Wesen zu sein, ist Fortschritt nicht möglich. Allerdings ist die Sorge um mein Dasein mit Angst besetzt und hat in den schlimmsten Momenten zu panischen Reaktionen geführt. Meine Herkunft hat mich geprägt und bestärkt mich tagtäglich in der Annahme, dass nur das Schlimmste möglich ist. Ich habe  Jahrzehnte gebraucht, um zu verstehen, das meine Handlungen durchaus einen positiven Effekt auf mich und mein Umfeld haben, man es an vielen Stellen gut mit mir meint, die Katastrophe eher die Ausnahme ist und Ihr Eintreten nur eine verzögernde Wirkung auf den Reiseablauf hat, so wie der Stau auf der Autobahn.

 Ich stieg abends um halb acht aus dem Bus, rief meine Tochter auf dem Handy an, um sie zu fragen, wo sie denn sei und erhielt von ihr die Antwort, das sie schon die Abschiedsfeier verlassen habe. Dazu sollte man wissen, dass meine älteste Tochter die elfte Klasse an der Goetheschule gerade absolviert hat und nun die Chance bestand mit ihr den Abschied gemeinsam zu feiern. Die Vergangenheit hätte sich mit der Zukunft versöhnt und alles wäre gut gewesen. Dann sah ich dieses Gebäude und die vielen Menschen, lief zwischen den Menschenmengen hindurch und fand kein mir bekanntes Gesicht. Prompt ereilte mich das Gefühl meiner Jugend, alleine sein zu müssen, keinen Anschluss finden zu können und damit keine Anerkennung erfahren zu können. Nach einer Weile treffe ich einige Kollegen, die auch das Abitur an der gleichen Schule gemacht haben und unterhalte mich mit ihnen, gehe mit ihnen durch die Räume und tausche mich mit ihnen aus. Sie schwelgten in Erinnerungen. Ich stand daneben und berichtete ihnen lakonisch, dass ich damals aus der Bibliothek nach und nach einige Philosophiebücher entwendet hatte. Ich war in meinem Jahrgang der einzige Mensch, der Freistunden dort verbracht hat, um verschämt über Existenzialistenlektüre zu brüten.

Ich trank ungerührt ein Bier nach dem anderen und nach dem dritten Gang zur Biertränke hatte ich meine Kollegen aus den Augen verloren. Ich war während meiner Abiturzeit ein echter Miesepeter. Generell war ich dagegen und  verhöhnte alles, was hohes Ansehen in der Schulgemeinschaft genoss. Wer etwas aus sich hielt, ging in die ach so berühmte Musical-AG. Es war hip, Andrew-Llyod-Weber-Arien zu schmettern und sich dabei wie eine Lokomotive oder eine Katze zu bewegen. Ich dagegen habe jeden Tag ca. sechs bis acht Stunden die Gitarrenriffs und –solis von Metallica geübt. Ich war ein Metallica-Snob und stieg sehr tief in die Materie hinab. Insbesondere das „Justice for all“-Album diente mir als Referenz. Ich lernte jede Note auswendig, analysierte Musik und Texte bis zur totalen Erschöpfung. Im Zusammenhang mit Schule und Musicalmenschen ging es mir nur um Befindlichkeiten und Eitelkeiten. Die wurden für ihr süßliches und melodiöses Geträller bewundert und gefeiert, während niemand meine Anstrengungen auch nur wahrnahm.  Ich hatte also noch eine emotionale Rechnung offen und stapfte in den Musiktrakt.  Im Musiksaal angekommen sah ich den Flügel auf einem kleinen Podest stehen und erinnerte mich an meinen damaligen Helden unter den Lehrern. Den Musikunterricht in der elften Klasse habe ich geliebt. Herr Marschall, mein Musiklehrer, ein ewiger Junggeselle, der altmodische verknitterte Anzüge trug, war ein Klavierfreak und eine echte Inselbegabung. Er setzte sich zu Beginn des Unterrichts an den Flügel im Musiksaal und  forderte die Schüler auf, irgendwelche Komponistennamen zu nennen. Es fielen so Namen wie Bach, Mozart. Beethoven. Wurde ein Name gerufen, grinste er feist und fing an im Stile des  genannten Komponisten zu improvisieren. Dabei lächelte er versonnen und glücklich als sei es die einzige Erfüllung in seinem Leben, am Klavier zu sitzen und zu spielen. Eines Tages hatte ich ein AC/DC Songbook bei mir. Ich hatte es als Provokation auf meinen Platz gelegt. Natürlich ging es meinen Mitschülern gewaltig am Arsch vorbei. Herr Marschall griff sich das Songbook, klappte das Buch auf und spielte „Highway to hell“ auf dem Flügel nach. Es klang wie ein Ragtime. Dann sang er noch dazu. Ein alte Männerstimme, die „Mama look at me, I`m on the way tot he promised Land“ wie das Mitglied eines Männergesangvereins schmetterte, hatte wirklich etwas wunderbar Schräges an sich. Er hatte noch nie etwas von AC/DC gehört und fand die Musik unheimlich interessant. „Was die jungen Leute heute alles hören!“ Voller Stolz nahm ich mein Songbook wieder entgegen und er saß am Flügel und spielt eine halbe Stunde völlig unbekannte Jazznummern. Er stand unheimlich auf Oscar Peterson, der mir damals gar nichts sagte und zog eine Querverbindung zwischen AC/DC und ihm, der anscheinend ein absolut beeindruckender Jazzpianist gewesen sein musste. Eigentlich rührte es mich damals so, weil ich mein ganzes Leben lang Klavier spielen wollte und die Gitarre für mich eigentlich nur eine Ersatzdroge war. Eine Gitarre und einen Verstärker konnte ich mir leisten und anscheinend hatte ich doch ein wenig Talent, so dass ich die ganze Sache ohne Unterricht lernen konnte. Klavierunterricht dagegen hätte ich mir nicht leisten können und meine Eltern hätten nie Geld für so etwas ausgegeben. Und dann gab es diesen Musiklehrer, der über allem stand und vollkommen losgelöst von seiner beruflichen Pflicht sein Ding durchzog und dabei einen wahnsinnigen Spaß hatte.  Im Grunde war er mein Held, weil er sich nicht darum kümmerte, ob es irgendwen interessierte, was er machte. Viele Schüler hielten ihn für einen alten Spinner. Insgeheim bewunderte ich ihn, weil ich es niemals geschafft hatte, es einfach gut sein zu lassen. Ich brauchte Bewunderung und Anerkennung und verstand nicht, dass es darum gar nicht in dieser Schule ging. Die drei Jahre waren dazu da, den letzten Schritt ins Erwachsenenleben zu nehmen und noch einmal zu reifen, bevor man auf irgendeine Art auf das seriöse Leben losgelassen wurde. Anerkennung bekommt man nicht durch verbissenes Beharren auf seiner elitären Abscheu vor allem Gewöhnlichen und den Massengeschmack. Metallica übrigens haben sich kurz nach meinem Abitur an den Mainstream verkauft und haben mit solchem Moll-Gedöns wie „Nothing Else Matters“ und „the Unforgiven“ die Hitparaden gestürmt. Niemand mochte später die Solis der alten Platten hören. Anerkennung erhielt ich als Gitarrist erst, als ich mit meiner Band „Enter Sandman“  vortrug. Der Höhepunkt eines jeden Konzertes war „Nothing else Matter“.  Aber das ist noch ein anderes Kapitel. In Bands spiele ich schon lange nicht mehr. Mit vierzig habe ich meinen eigentlichen Traum verwirklicht und Klavierunterricht genommen und mir ein Digitalpiano gekauft.

 Zurück zum Musiksaal und dem Abschied von der Goetheschule.  Ich habe mich an den Flügel gesetzt, mein Bier auf dem Klavier abgestellt und in Gedenken an Herrn Marshall eine Ballade improvisiert. Ich brauchte keine Zuhörer. Ich habe nur für mich gespielt und es hat mir fast das Herz zerrissen. Bevor ich heulen musste, habe ich mitten in der Improvisation zu Spielen aufgehört, mein Bier genommen und bin wieder gegangen. Auf dem Schulhof habe ich wieder meine Kollegin getroffen und wir haben ein Gespräch über die Arbeit begonnen. Ich war froh, nicht mehr über die Schule reden zu müssen. Ich sah mich dabei auf dem Schulhof um und sah eine Mitschülerin aus meinem Jahrgang, die erst nach drei Versuchen meine Grußgeste erwiderte. Das machte den Abend endgültig zum Abschied von meiner Abiturzeit. Halbbetrunken habe ich mich vor Einbruch der Dunkelheit zu Fuß auf den Weg gemacht. Die Strecke führte bergab und teilweise bin ich den Weg gerannt. Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause und beim Laufen genoss ich die Dämmerung, die nur langsam über die Stadt hereinbrach. Es war schließlich der längste Tag des Jahres und mit jedem Meter den ich näher an mein Zuhause kam, fühlte ich mich besser. Es war als laufe ich von der Vergangenheit, die ich hinter mir ließ, in die Gegenwart, die mir doch so viel mehr bedeutet als die drei Jahre in der Goetheschule. Obwohl  ich dort angefangen habe, das zu sein, was ich heute bin.

 

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Die kleinen Füchse von Lillian Hellman

Ich gebe es zu: Weder die Autorin noch ihr Stück waren mir vor diesem Abend ein Begriff. Ich hatte noch am Rande mitbekommen, dass es einen Hollywoodfilm aus den vierziger Jahren mit dem gleichen Titel gibt, in der Bette Davis die Hauptrolle spielt. Ich bildete mir ein, diesen Film gesehen zu haben. Das stimmt allerdings nicht.

Kurz ein Abriss der Handlung: die zwei Brüder, Ben und Oscar Hubbard, und ihre Schwester Regina Giddens haben ein großes Geschäft mit einem Unternehmer aus New York an Land gezogen. Um das Geschäft finanzieren zu können, sind sie auf das Geld von Reginas Ehemann Hermann Giddens angewiesen, der sich, um seine Herzprobleme zu kurieren, seit geraumer Zeit in Zürich aufhält. Es entfacht sich ein Streit zwischen den drei Geschwistern. Denn Regina verlangt, um Herrmann die Finanzierung schmackhaft zu machen, einen größeren Anteil vom Gewinn, den ihre Brüder natürlich nicht freiwillig hergeben wollen. Sie schicken Alexandra, die Tochter von Regina und Hermann los, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Hermann kehrt wieder in den Schoß der Familie zurück und sieht gar nicht ein, das Ansinnen der drei zu unterstützen. Er hat nicht mehr lange zu leben und will vorher noch der Familie seiner Frau eins auswischen. Wichtiger ist ihm, dass er seiner Tochter etwas hinterlassen kann, damit diese sich von der Familie lösen kann. Alexandra soll sich den wirtschaftlichen Interessen der Familie unterordnen  und Leo, Oscars Sohn, heiraten. Leo ist Angestellter in Onkel Hermanns Bank und hat mitbekommen, dass dieser Aktien in seinem Schließfach aufbewahrt. Der Gegenwert reicht aus, um das Geschäft zu finanzieren. Er wird von seinem Vater und Onkel überredet, die Aktien „auszuleihen“. Da Hermann nur selten sein Schließfach kontrolliert, gehen sie davon aus, dass ihm der Diebstahl nicht auffällt. Hermann lässt sich das Schließfach nach Hause bringen und bekommt natürlich sofort mit, dass seine Aktien weg sind. Er setzt sein Frau Regina in Kenntnis und will vor seinen Schwagern die Geschichte so drehen, dass Regina hinten runterfällt. Als er einen Herzanfall bekommt, verweigert sich Regina ihrem Mann die lebensrettenden Medikamente zu geben. Hermann stirbt und Regina kann gegenüber ihren Brüdern auftrumpfen. Wenn ihre Brüder ihr keinen größeren Anteil geben, wird sie den Diebstahl der Aktien zur Anzeige bringen. Die Brüder gehen darauf ein. Auf den ersten Blick hat Regina sich an ihren Brüdern gerächt, die nach dem Tod ihres Vaters das gesamte Erbe erhalten hat. Allerdings verliert sie Ihre Tochter, die ihre Durchtriebenheit erkenn  und für immer das Haus verläßt.

Lilian Hellman hat nicht nur die großen Themen ihrer Zeit erahnt und beschrieben, sondern hat auch etwas leider Zeitloses geschaffen. Genauso wie am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in der USA scheinen die grenzenlose und ungebändigte Habgier von Unternehmern die Gegenwart zu bestimmen. Die großen Internetkonzerne wie Facebook, Google und Amazon machen sich die Welt zum Untertan, konzentrieren Macht und Kapital auf wenige Personen und zerstören damit mutwillig gewachsene Strukturen und schaffen soziale Ungleichgewichte. Es wird gelogenund betrogen, um auch noch den letzten Cent aus einem Geschäft heraus zu pressen. Der Geschäftspartner wird zum Gegner, der Mitarbeiter zum Lohnsklaven und der Kunde zum Melkvieh. Politische  und staatliche Strukturen werden entweder ausgenutzt oder ignoriert. Der Kapitalist steht über allem.  Das Stück auf den Spielplan zu setzen, zeugt von dem Willen eines Stadttheaters, eine Position zu akuten Problemen unser Zeit einzunehmen, denn es ist aktueller denn je.

Die großen Probleme einer Gesellschaft werden auf den kleinen Kosmos einer Familie reduziert, die von ihrer Habgier getrieben keine Rücksicht auf das eigene Blut nimmt und menschliche Beziehungen nur auf ihren wirtschaftlichen Nutzen beschränkt werden. Trotzdem Lilian Hellmann hat ihren Charakteren eine Vielschichtigkeit angedeihen lassen, die absolut nötig ist, um aus diesem Stück mehr als eine platte Abrechnung mit dem amerikanischen Kapitalismus zu machen. Jede Figur hat ihre Brüche und dort wo man als Zuschauer den Figuren Sympathie zukommen lassen will, sorgt Lilian Hellmann im Laufe des Stückes dafür, dass man diese schnell in Frage stellt. Die Figur Birdie, die Ehefrau von Oscar, bildet hierfür das exemplarische Beispiel. Birdie ist eine traurige Person, die unter der Herrschsucht ihres Mannes leidet und erst spät verstanden hat, dass Oscar sie nur aus taktischen Gründen geheiratet hat. Birdies Familie gehörten Ländereien und ein Schloss. Sie stellen den alten Geldadel dar, der mit Abscheu auf solche Kaufleute wie die Hubbards herunter schauten. Oscar und sein Bruder wollten deren Respekt und Wohlstand, also haben sie sich deren Eigentum unter den Nagel gerissen.  Oscar hat die Tochter der Familie geheiratet, um endlich Zugriff auf die Ländereien und das Schloss zu haben. Birdie ist verzweifelt, sehnt sich nach dem alten Leben zurück. Sie versucht sich bei ihrem Mann immer wieder anzubiedern, hofft, dass er sie erhört und den alten Sitz ihrer Familie wieder aufbaut. Ihr Mann lässt sie immer wieder abblitzen. Sie hat in der Mitte des Stückes einen emotionalen Ausbruch, der niemanden kalt lässt, danach verblasst sie und man wird als Zuschauer das Gefühl nicht los, dass sie einfach zu schwach ist, um sich selbst aus ihre Lage zu befreien. Umgekehrt verhält es sich mit Regina, die zwar genauso wie ihre Brüder raffgierig und intrigant ist, aber eigentlich darunter leidet, dass ihre Brüder von ihrem Vater bevorzugt wurden und sie alles geerbt haben, während sie leer ausging.  Die Ambivalenz der Personen gibt dem Stück die Tiefe und Wahrhaftigkeit, die es braucht, um das Thema für den Zuschauer begreiflich zu machen. Die Menschen sind einerseits Opfer ihrer Familiengeschichte, sind aber andererseits verpflichtet sich dem zu stellen und die Folgen ihres Handelns abzuschätzen. Es gilt nicht nur den geschäftlichen Erfolg zu erreichen, sondern auch die negativen Konsequenzen für die anderen zu betrachten und zu mindern. Reichtum nicht auf Kosten der Gemeinschaft zu erwerben ist das große Thema des Stückes und zeigt sich in dem Ausspruch von Hermann, der den Geschwistern Hubbard vorwirft, dass mit ihrem raffgierigen Handeln und ihren Geschäfte Land und Leute kaputt machen.

Sehr positiv überrascht hat mich die Leistung des Ensembles. Für mich war es die beste Inszenierung dieser Saison. Carolin Weber als Regina, Roman Kurtz als Hermann, die alten Recken des Ensembles, haben ihr gewohntes Niveau gezeigt. Ewa Rataij als Birdie hat mit ihrem emotionalen Anklage für Gänsehautmomente gesorgt. Zwischendurch war mir zum Heulen zu mute, weil diese Frau brüllt und heult und man als Zuschauer ihre Verzweiflung spürt. Thomas Wild als Ben passte in seinen darstellerischen Möglichkeiten in die Rolle. Insbesondere in Rollen, wo große Gesten und machohaftes Agieren gefragt ist, kann er glänzen.  Sogar Pascal Thomas, den ich für einen der schwächeren Darsteller innerhalb des Ensembles halte, gelang es die Arroganz des neureichen Oscars, der eigentlich mit der Dominanz seines Bruders nicht klar kommt, hinreichend zu spielen. Positiv zu werten kann ich auch den Kniff Susan Abdulmajid als Safa eine Hausangestellte zu präsentieren, die mit naiver Spielfreude arabische Elemente in die Inszenierung bringt und somit auch zu Aktualisierung des Stückes beiträgt.

 

Reconquista Internet

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Ich habe länger nichts mehr geschrieben. Vollkommen eingebettet in Arbeit und in unzähligen Verpflichtungen habe ich die Welt um mich herum vergessen. Mein Kopf war zu voll, um etwas kreatives auf die Beine zu stellen.

Lange habe ich vergessen, was in Deutschland eigentlich los ist. Die Stimmen derer, die bisher wenig Möglichkeiten hatten, ihren Hass auszuleben, werden immer lauter und leider haben sie das Internet für sich entdeckt. Oft habe ich mich gefragt, ob man diesen Menschen nicht beikommt, in dem man mit ihnen ins Gespräch kommt. Allerdings war die Angst groß, dass sie die Gesprächsversuch zum Anlass nehmen, mich persönlich anzugreifen.

Da ich ein ganz braver deutscher Staatsbürger bin, der jeden morgen zur Arbeit geht, seine Kinder großzieht und sogar gerne Steuern bezahlt (auch die sogenannten GEZ-Gebühren), verfolge ich die Politik in unserem Lande sehr genau, halte mich aber mit Meinungsäußerungen in der Öffentlichkeit zurück. Meine politische Meinung ist Privatsache. Habe ich bisher gedacht. Aber da nun einmal die vom anderen politischen Ufer mittlerweile so laut brüllen, dass man sie nicht mehr überhören kann, wird es Zeit, dass wir …..nein nicht lauter brüllen…sondern ihnen etwas entgegensetzen, dass in ihrem Weltbild nicht mehr vorhanden ist. Wir überschütten sie mit Liebe, guter Laune, herzen sie, bemitleiden sie und stellen ihnen höfliche Fragen. Ein bisschen Ghanditaktik hat noch nie geschadet.

Am letzten Donnerstag hat Jan Böhmermann im Neo Magazin Royale meines Erachtens die erste kluge Idee zu diesem Thema gehabt. Wenn wir normalen Bürger, ohne politisches Sendungsbewusstsein, die rechten Propagandaschreihälse übertönen und zwar nicht mit den gleichen Hassparolen, die nur auf links gedreht sind, sondern mit naiver Freundlichkeit, können wir die Rechtsdreher dieser Republik zumindest erschüttern und auch deutlich machen, dass sie nicht in der Überzahl sind und nicht die Meinungsmacher in diesem Land sind, obwohl das mittlerweile viele glauben und sich bestimmte Politiker nach ihrem blauen Fähnchen drehen (siehe Söder und das Kreuz, Seehofer und der Islam)

Ich durfte meine ersten Erfahrungen mit den Poltergeister vom anderen Ufer der Weltanschauungen meine ersten Erfahrungen machen und wenn man es mit Humor nimmt, werden sie auf einmal ziemlich klein, weil sie einfach nur rumblöken. In den drei Tagen, in denen ich auf Twitter und Facebook unterwegs bin, habe ich von diesen Menschen noch kein vernünftiges und nachvollziehbares Statement gelesen. Es geht immer nur um die gleichen Themen und die werden immer wieder schon wiedergekäut. Alles wird zugespitzt auf die Altparteien, die linksversifften Gutmenschen und die Flüchtlinge. Mir bereitet es momentan einen riesen Spaß meine kleinen Liebesbomben zu legen und dann zu sehen, dass ich kurz darauf von den Hasspredigern blockiert werde.

Übrigens haben ca. 50.000 Menschen sich bei Reconquista Internet angemeldet. So viele, dass der Server mittlerweile abgestürzt ist. Es ist gut zu wissen, dass man da draußen in der finsteren Welt des Internets und der Hassknechte nicht alleine ist.

 

Reihe 3, Platz 58 und 59 – die schmutzigen Hände von Jean-Paul Sartre

Vorneweg will ich erwähnen, dass ich mich auf die Inszenierung des Stückes im Stadttheater Gießen sehr gefreut habe. Das ich nach der Vorstellung enttäuscht bin, liegt an meiner Befangenheit. Bei einem Theaterstück von Sartre lege ich die Qualitätslatte besonders hoch, denn Sartre ist einer der Helden meiner Jugend.  Da ist die Enttäuschung schon fast vorprogrammiert.

Ich will dem Ensemble am Stadttheater nicht unterstellen, dass sie sich nicht ausreichend mit Sartre auseinandergesetzt haben. Dafür sind sie hoffentlich Profis genug. Aber wie immer im Theater gibt es nun einmal unterschiedliche Sichtweisen über was und wie man es auf die Bühne bringt. Das macht das Theater ja so spannend.

Es ist wie bei jedem Musikstück: man hat Abermillionen Möglichkeiten der Interpretation und alle können handwerklich perfekt umgesetzt sein. Trotzdem, je nach Perspektive, wird man die Interpretation hassen.

Aber zuerst die Handlung:

Das Stück spielt in einem fiktiven Staat namens Illyrien. Hugo, ein bürgerlicher Intellektueller, der mit seiner Herkunft gebrochen hat, um in die Partei einzutreten, will sich bewähren und nimmt den Auftrag an, den Parteifunktionär Hoederer zu töten, weil dieser sich mit den Feinden der Parteien versöhnen will, um einen Bürgerkrieg zu verhindern und einen Krieg zu beenden. Er wird der Sekretär von Hoederer und zieht mit seiner Frau Jessica zu Hoederer. Hugo, der darunter leidet, aufgrund seiner Herkunft von anderen Parteigenossen nicht ernst genommen zu werden, nimmt sich vor, den Mordauftrag schnell zu erledigen. Allerdings fasziniert ihn die Persönlichkeit Hoederers, der entgegen der Parteidoktrin etwas Neues versucht und doch nichts anderes bewirken will, als das die Partei die Macht im Staate erhält. Er erlebt, wie Hoederer sich mit den Feinden der Partei trifft und er mit ihnen verhandelt und sie dazu bringt, sich mit der verhassten Partei zu verbünden. Die Zeit drängt und seine Parteigenossen werden ungeduldig. Jessica gibt Hoederer den Hinweis, dass Hugo ihn umbringen möchte und Hoederer kann ihn vorerst von dem Plan abbringen. Kurz darauf bringt Hugo Hoederer doch um, als er ihn mit seiner Frau Jessica in flagranti erwischt. Er begeht also keinen politischen Mord, sondern ein Mord aus Eifersucht. Nach drei Jahren kommt er aus dem Gefängnis und will sich der Partei wieder anschließen. Olga erhält den Auftrag, Hugo auf dessen Nutzbarkeit und Ehrlichkeit zu überprüfen. Er erzählt die Geschichte des Mordes und am Ende berichtet ihm Olga, dass die Partei den Plan von Hoederer umsetzt und mit den ehemals verfeindeten anderen Parteien des Landes eine Einheitsregierung bildet. Daraufhin lässt sich Hugo erschießen.

Man kann das Stück unter vielen Gesichtspunkten betrachten. Ist es ein politisches Stück? Geht es um Sartres Philosophie? Geht es um die Zerrissenheit eines Menschen, der mit seiner Herkunft hadert und seine Rettung in einer Ideologie findet, die ihm zum Mörder macht?

In der Inszenierung des Stadttheaters Gießen hat man ganz klar einen Schwerpunkt gesetzt, der das Stück aus den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts in die Gegenwart hieven soll. An diesem Freitagabend ging es um den Gegensatz zwischen Leidenschaft für das politische Handeln,  dessen einziger Zweck es sein könnte, Menschen fernab jeglicher Ideologie an einen Tisch zu bringen, um praktische Lösungen für Probleme zu finden und der ideologischen Erstarrung einer politischen Theorie, die nur den Machterhalt dient und jedes einzelne Individuum, dass sich dieser Ideologie anvertraut hat, in sein Verderben stürzt.

Um den Schwerpunkt heraus arbeiten zu können, hat man das Stück deutlich gekürzt und um alle Hinweise gebracht, die sich auf den ursprünglichen historischen Zusammenhang beziehen. Man hat Hugo um seinen Decknamen Raskolnikoff betrogen und die UdSSR aus dem Stück gestrichen. Vielleicht wäre der eine oder andere Zuschauer über die Verweise auf Dostojewskis  Antihelden irritiert gewesen und auch der Bezug zur alten Sowjetunion mag für viele Zuschauer nicht relevant sein. Für mich hat es sich angefühlt, als habe man dem Stück die Haut abgezogen. Dostojewski spielt im Existenzialismus eine gewichtige Rolle, weil er viele Themen rund um Moral, Sinnlosigkeit und Absurdität schon vorweg genommen und in literarische Texte gepackt hat. Dostojewskis Werke waren für Autoren wie Sartre eine wichtige Inspiration, da er durchweg zwischen Literatur und Philosophie hin und herpendelte und am Beispiel von Dostojewski durchaus erleben konnte, dass die Verbindung von Literatur und Philosophie lohnenswert war. Raskolnikoff, die Hauptfigur von Schuld und Sühne, begeht einen Mord und begründet ihn mit einer selbstgestrickten Ideologie, die den Menschen einer Wertigkeit zuordnet. Daher kann er als Vorbild für Hugo dienen. Wer ist nützlich für die Gesellschaft? Daraus wird: Wer ist nützlich für die Partei?  Der Rückgriff auf die UdSSR hätte noch einmal deutlich gemacht, dass Sartre den Stalinismus als den Bezugspunkt für die Partei sieht, für die Hugo und Hoederer arbeiten. Es hätte die Spielräume deutlich werden lassen, in der die Protagonisten handeln können. Die werden kleiner, wenn man den großen Führer Stalin im Hintergrund wirken lässt.

Zu dieser willkürlichen Kürzung gesellt sich eine teilweise nicht durchdachte Prägung der Darsteller auf die Rollen. Was vielleicht daran liegen mag, dass die schauspielerischen Fähigkeiten bei dem einen oder anderen Darsteller nicht ausreichen, um die Charaktere auszuspielen.

Maximilian Schmidt als Hugo hat seine Sache gut gemacht. Man spürt sein Schwanken zwischen Zweifel und Festhalten an einer Ideologie. Er will sich nicht von seinem Überzeugungen abbringen lassen. Er hat einen hohen Preis bezahlt, in dem er die Brücken zu seinem alten Leben abgebrochen hat und nun bleibt ihm nichts anderes übrig als sich im neuen Leben zu bewähren. In der Begegnung mit Hoederer scheint ihm bewusst zu werden, dass auch dieses neue Leben im nicht gibt, was er gesucht hat. Lukas Goldbach als Hoederer wirkt flach und ohne Tiefe. Ihm fehlt das Charisma eines politischen Aktivisten, der trotz seinem Kampf für seine Überzeugungen machtbewusst agiert und Hugo auf seine Seite ziehen will. Er agiert ängstlich und verletzlich. Man hat ihn in Existenzialistenklamotten gesteckt und ihm eine dicke Hornbrille aufgesetzt, um aus ihm einen Kommunisten mit Herz zu machen. In seiner Darstellung lässt er Hoederer zum Revolutionsonkel verkommen, der über rhetorische Fähigkeiten und eine sanfte Überzeugungskraft verfügt. Reicht das aus, um den gewählten Schwerpunkt sichtbar zu machen? Interessanter wäre es gewesen, neben der Ambivalenz der Person Hugo, die Ambivalenz der Person Hoederer zu setzen, der  sein Charisma und seinen Machtwillen nutzt, um seine politischen Ziele durch zu setzen und dabei durchaus wirkt, als ginge er über Leichen. Aber vielleicht wollte man zeigen, dass die sanfte Tour im politischen Geschäft momentan angebracht wäre. Tut mir leid, dann hat man das falsche Stück ausgewählt. Wer sich auf Sartre einlässt, bekommt immer die volle Packung an Ambivalenz, die atemberaubende Dramatik des existenzialistischen Denken, die volle Wucht des Scheiterns, wenn Hugo zum Beispiel seinen Mord als Mord ohne Mörder bezeichnet und seiner Verantwortung für sein Handeln dem Zufall oder dem Schicksal übergibt.

Scheinbar kann man sich in der Provinz an solchen Stücken überheben. Trotzdem sollte man es nicht unterlassen, Stücke mit politische Prägnanz auf die Bühne zu bringen. Nur so kann ein Stadttheater einen Beitrag zur aktuellen Debatte rund um Politikverdrossenheit und aufkeimenden Populismus leisten.  Für das Gelingen reicht es, wenn man die Stücke in ihrem ursprünglichen Rahmen lässt. Gerade Sartre bietet viele Möglichkeiten zur Reflektion über die aktuelle politische Entwicklung an, da durch sein philosophisches Denken politische Theorie und Praxis zusammenkommen. Er ist ein Repräsentant einer Zeit, in der Gewalt und Hass in der politischen Auseinandersetzung noch Alltag waren. Sartre hat immer Wege aus dem Dilemma eines ideologischen Denkens gesucht, dass den Menschen zwar Halt geben kann, ihnen aber auch die eigene Verleugnung abnötigt.

 

Anspruch an den Künstler

Letzten Samstag war ich mit meiner Familie in Darmstadt. Mit dem Zug, dreimal Umsteigen, erreicht man von Wetzlar aus die südhessische Beamtenmetropole innerhalb von zwei Stunden. Man steigt natürlich in Frankfurt um. Im hinteren Teil des Bahnsteiges steht zurzeit ein Klavier. Jeder, egal ob er spielen kann oder nicht, ist aufgerufen, in die Tasten zu hauen. Man will Menschen dazu bringen, sich für Musik und ein Instrument zu interessieren.  Musik ist wie jede künstlerische Ausdrucksform dazu geeignet, Leute zusammen zu bringen. Leider ist oft das Gegenteil der Fall. Das liegt allerdings nicht an der Musik, sondern am engstirnigen Zuhörer oder Instrumentalist, der seine Vorurteile und Schubladen gerne in der Öffentlichkeit zur Schau stellt.  

Als junger Mensch war ich ein leidenschaftlicher E-Gitarrist. In den Neunzigern gab es viele Technikfreaks in der Gitarristengemeinde, die zumeist wie Musikautomaten spielten oder gar nicht mehr spielten, sondern nur noch mit der stetigen Verbesserung ihres übergezüchteten  Equipments beschäftigt waren. Oft gehörten diese Menschen der Musikerpolizei an. Musikbürokraten, die das Einhalten imaginärer Regeln überwachten. Eines meiner eindringlichsten Erlebnisse mit diesem Typus Musiker hatte ich vor Jahren bei einem Susan-Weinert-Konzert. Frau Weinert ist eine hervorragende Jazz-Gitarristin, die sich über mehrere Jahrzehnte hinweg einen sehr guten Ruf erspielt hat. Das Konzert fand in unserem Kulturzentrum statt. In den Saal passen ca. zweihundert Leute und es ist prädestiniert für Bands, die den Kontakt zum Publikum brauchen, um sich richtig entfalten zu können.  Für die Musikerpolizei natürlich eine wunderbare Situation. Sie standen nicht in der ersten Reihe, um zu tanzen. Sie wollten einfach nur den Musikern auf die Finger schauen und ihre Urteile fällen.  Vor dem Konzert versammelten sie sich vor der Bühne, um die Gerätschaften der Bands zu inspizieren. Frau Weinert hatte ihr Wah-Wah-Pedal verkehrt herum auf der Bühne liegen. Drei junge Vertreter der Musikerpolizei standen sofort am Bühnenrand und diskutierten, warum das Wah-Wah-Pedal falsch herum lag. Sie gingen davon aus, dass sie das Pedal im Konzert auch so liegen lässt. Einer der drei mutmaßte, dass dadurch der Weg des Pedals beim Herunterdrücken sich verringere. Ein anderer mutmaßte, dass es der letzte heiße Scheiß der Jazzmusiker sei, Effektpedale andersrum zu nutzen, als Statement gegen die ganzen Bradshawboards, die langsam aus der Mode kamen und der dritte gab an, dass er letztens in einer amerikanischen Fachzeitung gelesen habe, dass sie beim Verwenden des Pedales in dieser Art und Weise der Klang verändern müsse und schon Jimi-Hendrix das Pedal so verwendet habe (er hat ja auch seine Gitarre falsch herum genutzt).  Da hatte sich die Musikerpolizei allerdings ziemlich getäuscht. Frau Weinert betrat nämlich die Bühne, hob die Abdeckung des Wah-Wah-Pedals hoch, legte eine 9 Volt-Baterrie in das dafür vorgesehene Fach, schraubte die Abdeckung wieder zu und drehte das Pedal um. Man überreichte ihr ihre Gitarre und sie legte sofort los.

Eine andere Spezies unangenehmer Musikkonsumenten sind Menschen, die sehr eingeschränkt in ihrer musikalischen Wahrnehmung sind. Sie denken immer, dass Musiker wie Jukeboxen funktionieren. Man schmeißt Geld oben rein, drückt auf eine Taste und schon legen die Musiker los. Natürlich gibt es dieser Unterhaltungswunder, die auf Zuruf jedes Stück spielen können. Wenn man verstanden hat, wie Hits funktionieren und man sich damit beschäftigt, gelingt es fast jedem talentierten Musiker schnell aktuelle Lieder zu lernen, ansonsten gäbe es kaum so viele Top-40 oder Kirmesbands, die alle keine Zeit haben, um sich mühevoll durch irgendwelche Songbooks zu wurschteln. Die hören die Lieder ein paar Mal, probieren auf dem Griffbrett rum und haben schnell die üblichen Akkorde gefunden, die einigermaßen nach dem Original klingen. Und da stehen diese Menschen mit ihrer eingeschränkten musikalischen Wahrnehmung und freuen sich wie der Schneekönig, dass sie auf der Kirmes die gleiche Mucke hören können wie im Radio und sie mit der Masse den total eingängigen Refrain grölen können. Ist nicht mein Geschmack, hat aber seine Berechtigung. Die Bands verdienen ihr Geld und eine Menge Leute haben ihren Spaß. Für mich wurde es immer anstrengend, wenn ich auf solche Menschen getroffen bin, die sofort ihrer Forderungen formuliert haben. Ich hatte mal eine sehr lange Jam-Session mit einem Bassisten und einem Drummer. Wir haben wirklich nur ein paar Blues-Sachen vor uns hergedudelt. Es hat riesen Spaß gemacht, aber es war auch nicht unser Anspruch, irgendetwas Außergewöhnliches zu produzieren. Auf einmal geht die Tür des Proberaums auf und ein Typ stellt sich breitbeinig in den Raum und hört uns gelangweilt zu. Als wir eine Pause machten, fragte er uns mit vollem Ernst, ob wir nicht mal „November Rain“ von Guns`n`roses spielen könnten. Natürlich, kein Problem, haben wir gerade in der Jukebox. Ich habe den armen Kerl zurecht gewiesen und langatmig erklärt, dass wir nicht hier sind, um alberne Hits von Drogenjunkies nach zu spielen und das das unter unsere Würde sei. Er hat den Raum verlassen, die Luft war raus. Der größte Fehler, den man machen kann, ist es, solchen Leuten zu erklären, das Musikmachen mehr ist, als das Reproduzieren von Hits. Sie wollen es gar nicht verstehen und können es wahrscheinlich auch nicht. Musik ist für sie der Gebrauch von Schall zur allgemeinen Erheiterung und Unterhaltung. 

Vor ca. acht Jahren habe ich meine Gitarre in den Gitarrenkoffer gelegt und hole sie nur noch raus, wenn ich auf meiner DAW irgendwelche Gitarrenspuren einspielen will. Gleichzeitig habe ich angefangen, Klavier zu spielen. Ich nehme Unterricht und bin mittlerweile kein Anfänger mehr. Ich hatte nie den Anspruch ein Virtuose auf einem Instrument zu werden. Genauso wie das Schreiben ist es eine Ausdrucksform, die entspannenden, reinigende Wirkung auf mein Seelenleben hat und vielleicht bin auch ein wenig eitel und freue mich, wenn Menschen klatschen oder mir einfach ein nettes Feedback geben. Mit dem Beginn meines Klavierunterrichts hatte ich seltsamerweise angenommen, ich hätte die Musikerpolizei und die Hitparadenkonsumenten hinter mich gelassen.   Natürlich gibt es in dieser Instrumentensparte genauso viele Kontrolleure der ungeschriebenen Regeln wie bei der Rockmusik und auch genug Menschen, die nur Lang Lang zuhören können, weil der junge chinesische Mann immer so nett hinter dem Klavier lacht. Bis zu dem Samstag in Frankfurt hatte ich aus irgendeinem Grunde angenommen, ich hätte meine Abneigung überwunden und könnte solche Menschen ignorieren oder sie einfach reden lassen.

Meine neunjährige Tochter (die auch Klavier lernt) und ich stehen vor dem Klavier und hören einem Mädel zu, dass recht gekonnt irgendeinen Hit herunter spielte. Der Song kam mir bekannt vor, aber vielleicht klingen diese romantischen Balladen einfach nur alle gleich. Auf der anderen Seite des Klaviers hielten sich ihre Freunde auf, die sich ersichtlich für ihre Künste begeistern konnten. Als das Mädel fertig war, schwang ich mich auf den Klavierhocker und legte los. Ich kann noch kein Repertoire auf Knopfdruck abrufen. Gitarre habe ich lang genug gespielt und wenn ich Mitmenschen beeindrucken wollte, habe ich „Smell like teen spirit“ angestimmt (Vier geschrammelte Akkorde ergeben einer der größten Hits aller Zeiten). Ich konnte allerdings auch aus dem Stehgreif drei Viertel aller Metallica-Songs nachspielen und als ich besonders fit war, gelang es mir auch die entsprechenden Soli Note für Note zu spielen. Eine Zeit lang habe ich in einer Coverband gespielt, die hauptsächlich Metal- oder Hardrockevergreens nachgespielt haben. Also konnte ich auch so einfache Sachen wie Holy Diver von DIO oder Paranoid von Black Sabbath hervor zaubern. Aber das ist eigentlich langweilig. Ich fand das Improvisieren schon immer viel interessanter und die E-Gitarre wie das Klavier eignen sich perfekt dazu. Bei der Gitarre kann man sich dabei am besten entfalten, wenn man eine gut eingeübte Band im Hintergrund hat, die einem dem Raum zum Improvisieren gibt. Die findet man allerdings nur selten. Seltsamerweise habe ich kaum Musiker kennengelernt, die das Improvisieren reizvoll finden. Beim Klavier kann ich mich quasi selbst begleiten und brauche keine Band. Einer meiner Helden auf dem Klavier ist Keith Jarett, der unzählige Konzerte am Soloklavier improvisiert hat und es ist unglaublich, was dieser Mann dabei für Spannungsbögen aufbaut und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man denken, seine Stücke sind komplett ausnotiert.  Mittlerweile verstehe, wie das funktioniert und kann das im kleinen Stile auch. Also habe ich mich an das Klavier gesetzt und über eine Akkordfolge, die mich schon lange beschäftigt, eine Melodie improvisiert, die meines Erachtens sogar gefällig klang. Am Schluss hat mich mein Elan verlassen und habe mich ein paar Mal deutlich hörbar verspielt. Als ich fertig war und vom Hocker aufgestanden war, kam mir ein junger Kerl aus der Gruppe des Mädels an, dass schöne Balladen reproduzieren konnte und fragte mich, ob ich nicht ein richtiges Lied spielen könne. Was ist ein richtiges Lied? Wie muss das aufgebaut sein? Welche formalen Anforderungen stellst du an mich als Künstler, damit du mich für mein richtiges Lied loben kannst? Scheiße, nach Jahren meine erste Begegnung mit Menschen, die mich für eine Jukebox halten. Ich war vollkommen irritiert und gab ein saublöde Antwort:“Habe leider keine Noten mit.“
Der Kerl drehte sich um und lästerte bei seinen Freunden mit mir zugekehrtem Rücken: “Der kann es nur mit Noten.“ Ich war sauer, perplex und genervt. Ich fragte meine Tochter noch, ob sie auch etwas spielen wolle. Ihr war die Lust vergangen. Ich hielt ihr auf dem Rückweg einen Vortrag über die Mitmenschen, die den Zweck des Klaviers am Bahnsteig nicht verstanden haben. Meine Tochter spürte wohl, dass ich ein wenig enttäuscht war und schwieg. Solche Begegnungen beschäftigen mich lange, viel zu lange. Ich bin so konditioniert, zu glauben, dass ich ein Fehler gemacht habe. Mir fehlt eindeutig die Schlagfertigkeit, um zu sagen: “Hey lies mal! Das ist hier weder ein Wettbewerb noch eine Apres-Ski-Mallorca-Oktoberfestparty. Hier geht es darum, in Kontakt mit anderen an Musik interessierten Menschen zu kommen und wenn du das nicht verstehst, dann lass mal die Erwachsenen hier spielen und geh dahinten in die Kinderdisco!!“