Ist das nicht ekelerregend?

In unserem Haushalt leben Menschen mit langen Haaren. Glücklicherweise waschen sich diese Menschen regelmäßig, manchmal duschen sie sogar.

 Bei der ausgiebigen Körperpflege unter der Brause kommt es zu partiellen Haarausfall. Was passiert mit den Haaren? Der stete Wasserstrom in der Duschtasse spült die Haare in den Abfluss und dort verfangen Sie sich in einem Sieb.

  Wenn ich mal unter der Dusche stehe, fließt das Wasser nicht ab. Bevor es zur Überschwemmung des Bades kommt, ziehe ich das Sieb aus dem Abfluss und mit einem Mal läuft das Wasser ungehindert ab. Meistens habe ich noch Schaum vom Shampoo in den Augen und trotzdem versuche ich das Sieb zu reinigen. Ein Büschel langer Haare kommt zum Vorschein. Langsam mit spitzen Fingern ziehe ich jedes schleimige Haar aus dem Sieb. Voll eklig! Aber es gibt nun einmal Dinge, die ein Mann tun muss!!!!

 Und genauso ist es mit meinen Romanprojekten. Irgendwann kann ich nicht anders und ich muss es in die Hand nehmen und reinigen!

 Vor anderthalb Jahren habe ich das letzte Mal auf meinem Blog über meinen dritten Roman und meine Schreibfortschritte berichtet. Jo Sommer und ihre Reise zum Südpol schienen nicht mehr in meinem Fokus zu sein und wer den Blog regelmäßig verfolgt, wird wahrscheinlich denken: Schon wieder so ein Möchtegernautor, der still und heimlich sein Romane begräbt!

Weit gefehlt. Ich habe einfach weiter geschrieben und mich auf den Text fokussiert. Anfang Dezember, nach ungefähr anderthalb Jahren Schreibarbeit, ist die erste Fassung des zweiten Teils fertig geworden.

Seit dem letzten Sommer war es mir schwer gefallen, kontinuierlich weiter zu schreiben. Eine gewisse Ermüdung kam zum Vorschein, die sofort die Frage nach dem Sinn meines Unterfangens aufgeworfen hatte. Ich saß vor meinem Bildschirm und habe mich ständig gefragt, was ich eigentlich hier mache?

 Ich habe mich leicht ablenken lassen und wenn ich mal ein paar Sätze produziert habe, waren es kurze Hauptsätze und lange Dialoge.

 Dialoge in Romanen sind ein heikles Thema. Warum braucht man Dialoge in Romanen, kann man doch gleich Drehbücher oder Theaterstücke schreiben? Ganz so einfach ist es nicht. Dialoge in Romanen sind ein wichtige Bestandteil eines Gesamttextes. Ich werde misstrauisch, wenn Autoren über Seiten hinweg Ihre Figuren ausschweifende Gespräche führen lassen. Das ist meines Erachtens Platzverschwendung. Leider musste ich mir irgendwann selbst misstrauen. Komm schreib noch einen schönen langen nichtssagenden Dialog, hast du wenigstens dein Schreibpensum von zwei Seiten pro Nachmittag erledigt!

 Die Arbeit hat sich wie Kaugummi gezogen. Der ganze Rotz, der die Geschichte zusammenhalten sollte, hat sich in halbflüssigen Schleim aufgelöst. Ich habe selbst keine Zusammenhänge mehr zwischen dem ersten Teil, der Kindheit und Jugend von Jo Sommer und dem zweiten Teil, die Reise in die Antarktis, gesehen. Ich wollte einen ganzen Roman schreiben und haben nur zwei halbe geschrieben. Es mangelte an Konsistenz und Kontinuität und wenn ich in solch einer Zwickmühle stecke, schreibe ich wieder viel zu viele Seiten, die ich nachher wegschmeißen muss.

 Ich habe mir meinen Workflow hart erarbeitet. Daher halte ich auch zwingend den Ablauf ein. Erst schreibe ich einen Text fertig und dann fange ich mit der Überarbeitung an. Wenn ich zwischendurch an dem Geschriebenen herumdoktere, verzettele ich mich. Also erst einmal einen Text fertig schreiben, vier bis sechs Wochen Pause machen und dann den Gesamttext kritisch lesen.

Das ist der Punkt, an dem ich jetzt bin. Ich habe das Sieb sozusagen rausgezogen und halte es in der Hand, um mal zu schauen, warum das Wasser nicht abfließt.

In den letzten Tagen habe ich mein Manuskript gelesen. An manchen Stellen hat mich die schlechte Qualität schaudern lassen, an vielen anderen Stellen war ich schlicht zufrieden mit meinem Ergebnis.

Die ersten hundertdreißig Seiten lassen sich flott lesen. Der Anfang gefällt mir sehr gut. Der Text wirkt kompakt und schlüssig. Dann franst er aus und die Qualität lässt nach. Ein Kapitel muss ich völlig überarbeiten und mir etwas Neues ausdenken. Der Schluss des ersten Teiles ist voller Klischees und sentimentalen Ausbrüchen. Ich muss eine Brücke zum zweiten Teil bauen, anstatt mich mit der Schilderung langweiliger Abi-Feten aufzuhalten.

 Der Anfang des zweiten Teiles ist ähnlich kompakt und zwingend wie der Beginn. Wenn Jo über ihren Aufenthalt im Luxushotel und ihre Versuche, einen Roman zu schreiben, berichtet, kann der Text gefallen. Allerdings ist viel Drama und Übertreibung in ihrer Stimme. Sie will das Äußerste erreichen und dümpelt nur in einer seichten Pfütze vor sich her. Schlimm und unausgegoren sind die Rückblicke in die Vergangenheit. Das muss ich unbedingt in der Gesamtschau verkürzen, verengen, realistischer gestalten. In der Mitte des zweiten Teils verliere ich den Faden und der Roman verwandelt sich in einen reisenden Schreibstrom: hier und da bleibt mal was am Felsen im Wasser hängen, manches geht unter, vieles wird einfach mitgerissen und so geht es fast bis zum Schluss. Das heißt nicht, dass ich das nun alles in den Papierkorb befördern muss. Ich muss den reisenden Strom nur kanalisieren, begradigen, die Stromschnellen rausnehmen und in ein ruhiges Flussbett führen. Die wilde, unbändige Fantasie muss sich in eine schlüssige Handlung verwandeln.

Also da sind noch einige glitschige Haar im Sieb…..

Frankfurter Buchmesse 2022

Endlich wieder Buchmesse! Unser letzter Besuch liegt drei Jahre zurück und nun wagen wir wieder einen Ausflug nach Frankfurt. Routiniert steigen wir um halb acht in den Zug und kurz nach neun stehen wir am Eingang des Messegeländes.

Wir beginnen wie immer in Halle drei.  Es herrscht noch nicht viel Betrieb. Als routinierter Messebesucher sieht man die Veränderungen in der Halle. Weniger Aussteller, breitere Gänge. Einerseits verteilen sich die Besuchermassen besser, andererseits fehlen natürlich so namhafte Aussteller wie der Spiegel.

Meinem siebenjährigen Sohn war das erst einmal egal. Er eilt beim Betreten der Halle sofort zum LEGO-Stand und bekommt eine Individualbetreuung von einem Standmitarbeiter, der ihn die neuesten Produkte seiner geliebten Ninjago-Serie anpreist. Am Fotoautomaten ist er der Erste und so bekommt er ohne Wartezeit sein obligatorisches Ninjago-Foto. Der Tag hat für meinen Sohn schon einmal gut begonnen. Er ist großer Harry-Potter-Fan und kennt die Bücher quasi auswendig. Und weil es viele Menschen wie meinen Sohn gibt, ist  Harry Potter eine echte Cash-Cow für die Buchindustrie, die bis auf den letzten Tropfen abgemolken wird. Jedes Jahr gibt es irgendetwas Neues von Harry Potter und mag es noch so abstrus irrelevant sein wie ein Buch über „QUIDITTCH, im Wandel der Zeiten“. Natürlich hat der Carlsen-Verlag als ursprünglicher Harry-Potter-Verlag die Nase vorne. Andere Verlage springen auf den Zug auf und bringen so illustre Werke wie Häkeln im Harry-Potter-Style und ähnliches raus. Mein Sohn muss das alles antatschen und sich anschauen. Außerdem freut er sich über kostenlose Prospekte, Bücher und kleine Give-Aways nach denen er freundlich und höflich, wie er nun einmal ist,  an den Ständen fragt. Und so sind wir bis zur ersten Veranstaltung damit beschäftigt, in Halle drei alle Kinder- und Jugendbuchstände abzugrasen.

Einige Veranstaltungen finden dieses Jahr im Congress-Zentrum der Messe Frankfurt statt. Wir müssen etwas suchen, bis wir den Veranstaltungsaal finden, in dem das Spiegel-Gespräch mit Luisa Neubauer, Alexa Hening von Lange und Shelly Kupferberg, die von Susanne Beyer zum Thema „Wie jüngere mit dem Erbe der Großeltern umgehen“ interviewt werden.

Der Spiegel hat in diesem Jahr nur ein großes Gesprächsevent zu bieten. Der große Saal ist halb gefüllt. Ein Großteil der Zuschauer ist jung, weiblich und wahrscheinlich wegen Luisa Neubauer vor Ort und ehrlich gesagt sind wir auch wegen Luisa Neubauer da. Die beiden anderen Damen kenne ich nicht. Wahrscheinlich ist das ein Fehler. Alle drei haben das gleiche Thema: Der Umgang Ihrer Familien mit der eigenen dunklen Vergangenheit.  Alle drei können auf hohen intellektuellen Niveau auf die Fragen von Susanne Beyer antworten. Die verschiedenen Perspektiven auf das gleiche Thema lassen uns neugierig zuhören. Ich mag die Gespräche und Diskussionen auf der Buchmesse ganz besonders. Daraus ergeben sich immer wieder neue Ansätze und andere Verknüpfungen, die ich gerne weiter verfolge. Hier ist es für mich der Verweis von Frau Neubauer auf den Soziologen und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent, der sich z.B. mit der Frage beschäftigt, inwieweit der Diskurs um den Klimawandel von Rechten instrumentalisiert wird.

Meine elfjährige Tochter hat Feuer und Flamme  für das neue Buch von Frau Neubauer und ihrer Großmutter Dagmar Reemtsma gefangen: Gegen die Ohnmacht.

Nach dem Spiegel-Gespräch gehen wir zu dem Stand von Klett und Cotta und suchen das Buch. Glücklicherweise gibt es ein von Frau Neubauer signiertes Exemplar.  Ich nehme es an mich, bevor es ein anderer macht und bezahle an der Kasse den gleichen Preis wie für ein Exemplar ohne Autogramm.  Später fällt mir an anderen Ständen auf, dass viele Verlage von Autoren signierte Bücher verkaufen. Meine Tochter freut sich riesig und weil sie sich mit ihren elf Jahren ihre eigenen literarischen und politischen Interessen entwickelt hat, gebe ich zwei ihrer Buchtipps weiter

Heartstopper – Eine Grapic-Novel-Serie von Alice Oseman – zwei schwule Jungs, die sich in der Schule ineinander verlieben – die Serie wurde unter Mitwirkung der Autorin dieses Jahr für Netflix verfilmt und mit großem Erfolg ausgestrahlt.

Der perfekte Mord – von Alexander Stevens. Meine Tochter regelmäßig den Podcast „True Crime“ vom bayrischen Rundfunk und Herr Stevens ist einer der Moderatoren.

Wir ziehen weiter. Am Stand des Vorwärts wollen wir uns in der Veranstaltungsreihe ‚Politik trifft Buch‘ das Gespräch zwischen Ulrich Schnabel und Kevin Kühnert zum Buch von Herrn Schnabel mit dem Titel: „Zusammen“ verfolgen. Wenn der SPD-Generalsekretär auf der Buchmesse auftritt ist der Andrang groß. Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung sichern sich einige Messebesucher einen Steh- bzw Sitzplatz. Ich gehöre auch dazu und als Kevin Kühnert auf die Bühne kommt, stehe ich drei Meter entfernt von ihm und kann erkennen, dass Ketterauchen und der übermäßige Kaffeekonsum bei ihm zu einer außergewöhnlich blassen Gesichtsfarbe führt. Herr Schnabel ist gut aufgelegt, erzählt eine Anekdote nach der anderen und die Interviewerin und Herr Schnabel versuchen Herrn Kühnert ständig aus der Reserve zu locken und zu irgendwelchen heiklen Aussagen zu zwingen. Aber ganz Politprofi verliert sich Herr Kühnert in ausweichende Antworten, die allerdings nicht so inhaltsleer rüberkommen, wie man es bei einem Politiker vermutet.  Wenn redefreudige Professoren auf Rhetorikverliebte Politiker treffen zieht sich alles in die Länge und so überziehen die beiden gewaltig. Mir schmerzen vom Stehen die Füße und nach vierzig Minuten kann ich endlich mal mir die Beine vertreten. Plötzlich ist unser Sohn verschwunden. Wenn es ihm langweilig wird, geht er gerne stiften. Meine Töchter suchen ihn und meine Frau und ich müssen am Stand des Vorwärts warten. Dabei können wir einen gutgelaunten Kevin Kühnert zum Anfassen erleben, der noch lange mit Zuschauern und Messebesuchern spricht, Autogramme verteilt und Selfies mit Zuschauern macht.

Irgendwann muss ich mal ein paar Meter laufen und so durchstreife ich die Gänge auf Suche nach meinem Sohn. Ich muss feststellen, dass die Selfpublisher-Ecke sich fast aufgelöst hat. Dort tummeln sich nun die letzten Reste rechtspopulistischen Verlagswesens. Irgendein Kleinverlag (Gerhard Hess Verlag) präsentiert einen alten weißen Mann im schwarzen Anzug, der Schlips und Sechziger-Jahre-Gesicht trägt und Vortrag über Identitätsbrüche hält. Links neben ihm steht ziemlich alleine ein dürrer, griesgrämiger Typ und verteidigt die Junge Freiheit gegen den linksgrünversipphten Mainstream-Gender-Wahnsinn. Mein Handy klingelt. Meine Tochter hat meinen Sohn wieder gefunden. Weit entfernt am Stand der Bundesbank hat er Lesematerial abgestaubt. Glücklicherweise kommt er doch immer wieder zurück zu uns.

Nun haben wir noch etwas Zeit und meine Frau sucht nach dem Stand des Katapult-Verlages. Der Verlag ist das Folgeprodukt des Magazins Katapult. Beides kommt aus Greifswald und verfolgt neue Ansätze. Z.B. versuchen sie aktuelle Themen anhand von Landkarten aufzubereiten. Mir ist der Titel „Die Säufer und Säuferinnen der Philosophie“ in die Hände gefallen. Eine amüsante Aufbereitung der Philosophiegeschichte anhand der Trinkgewohnheiten berühmter Philosophen.

Meiner kleinen Tochter ist es langweilig und weil sie mich inspiriert hat, versuche ich sie zu inspirieren und schleppe sie zum Stand des Reclam-Verlages. Sie soll die gelbe Reihe kennenlernen. Als Jugendliche kann man doch den einen oder anderen Klassiker günstig mit seinem Taschengeld kaufen, wenn man weiß, dass es die kleinen gelben Hefte gibt. Außerdem hat der Reclam-Verlag jedes Jahr interessante Neuerscheinungen, mit denen man nicht unbedingt rechnet. Auch diesmal finde ich einige Überraschungen und interessante Titel: Hanns Josef Ortheil – Charaktere in meiner Nähe – Über Herrn Ortheil habe ich schon geschrieben Diesmal hat er 50 literarische Miniaturen verfasst, die der Kunst des genauen Beobachtens gewidmet sind. Übrigens hat Herr Ortheil auf seinem Blog auch ein paar Artikel über die diesjährige Buchmesse geschrieben (Link)

Dann finde ich eine Biographie über Rick Rubin. In dem Wälzer  wird sein Wirken als Musikproduzent  anhand der von ihm produzierten Alben erzählt. Rick Rubin, der alte Buddha des Musikbusiness, hat unzähligen Künstlern den richtigen Kick gegeben. Ich blättere durch das Buch blättert und staune, welche Meilensteine der Popularmusik von ihm produziert wurden. Übrigens kann ich nur seinen Podcast empfehlen (wer Spotify hat, findet ihn leicht: Broken Record). Mit seiner angenehm warmen und sonoren Stimme kommt er ins Gespräch mit Musikern, die mit ihm über ihre Arbeit reden.

Zu guter Letzt fällt mir von Sandro Zanetti – Literarisches Schreiben – Grundlagen und Möglichkeiten in die Hände. Kein Ratgeber für angehende Autoren, sondern eine intelligente Reflektion über das literarische Schreiben. Mit dem Buch gehe ich ganz schnell zu Kasse. Das muss ich haben.

Mittlerweile ist es Nachmittag und wir sind ziemlich geschafft. Wir wollen den Tag auf der Buchmesse mit Judith Holofernes beenden. Der Podcast-Sender Detektor.fm ist in Halle 4.0. Zu unserem Erstaunen befinden sich in der Halle wenige Aussteller. Man hat viele unterschiedliche Verlage und Anbieter zusammengewürfelt. In einem Gang sind nur Verlage aus dem Nahen Osten, daneben die Schriftsteller-Verbände, Landesvertretungen, Verlage aus Hessen oder Thüringen und die Bundesgesellschaft für Endlagerung. What the Hell suchen DIE auf der Buchmesse…

Etwas irritiert positioniere ich mich bei Detektor.fm und warte auf Judith Holofernes. Ich bin so früh, dass ich noch das Interwiev mit Florence Brokowski-Shekete mitbekomme und aufhorche. Frau Brokowski-Shekete berichtet sehr eindringlich und plastisch über ihre Interwievs mit POC, die in Deutschland leben und ihre eigenen Erfahrungen als farbige Frau in Deutschland. Danach kommt wirklich Judith Holofernes, die Sängerin der Band „Wir sind Helden“. Als die Band ihre größten Erfolge feierten, war ich eingefleischter Fan der Band. Frau Holofernes hat damals mit ihren klugen und witzigen Texten den festgezurrten Rahmen deutscher Popmusik gesprengt. Und nun: Och ja, wenn das echte Leben auf Künstler trifft, neigen sie manchmal dazu zu jammern. Auf einen Schlag verlieren sie ihre intellektuelle Hybris und alles an ihnen wirkt gewöhnlich und naiv. Frau Holofernes stammelt etwas unsicher, sucht lange nach den richtigen Worten und ist leider für mich die Enttäuschung des Tages. Aber auch die Helden sind nur Menschen….

Die Füße tun weh, wir suchen den Ausgang, ab zum Bahnhof. Wir steigen in unseren Zug und fahren nach Hause. Wieder liegt eine Buchmesse hinter uns und hoffentlich die nächste vor uns (man ist ja vorsichtiger mit Zukunftsprognosen geworden….Pandemien, Kriege und so…)

Sollte man seine schärfste Kritikerin heiraten?

Die Frage stellt sich mir gar nicht mehr. Ich habe Sie schon vor neun Jahren geheiratet. In vielen Lebensbereichen betrachtet mich meine Ehefrau durch eine rosarote Brille und lässt nichts auf mich kommen. Ich sehe dann, wie sie mich verliebt anstarrt und mich mit den schönsten Umschreibungen auf einen Sockel hebt von dem ich niemals herunter fallen werde. Sie beginnt dann ihre Sätze mit „Mein Mann“. Wenn sie mir die Ehre erweist und mich als ihr Eigentum bezeichnet, impliziert das auch meine Einzigartigkeit, denn die Stelle als ihren Mann hat sie nur einmal vergeben und die habe ich hoffentlich lebenslang inne.

Und trotzdem bin ich nicht der Traummann für alle Fälle. Manchmal legt sie es darauf an, meine Unzulänglichkeiten bloßzustellen und mich in die Schranken zu weisen. Oftmals denke ich, ihre Attacken werden mit der Dauer unserer Beziehung heftiger und sie lässt sich häufiger dazu hinreißen. Bei genauerer Betrachtung stelle ich fest, dass sie schon immer zwischen Jubel und Tadel in schöner Sinusregelmäßigkeit hin- und her oszillierte.

 Es könnte aber auch am oszillieren meiner Selbstwahrnehmung liegen, die einer phasengleichen Schwingung unterliegt wie das Verhalten meiner Frau. Manchmal fühle ich mich wertlos, nicht wertgeschätzt, unsichtbar, glaube nicht an meine Fähigkeiten oder gehe fest davon aus, dass sie niemand außer mir wahrnimmt. Zwei Minuten später spucke ich selbstverliebte Lobeshymnen auf mein Intelligenz, meine Fähigkeiten und meine überragende Persönlichkeit aus. Ich hinterlasse dann den Eindruck, vollkommener Entrücktheit und einer damit verbundenen Arroganz, die alle Anwesenden kalte Luft durch die Zahnreihen ansaugen lässt.

 Ich kenne ja die Ursache meiner Unausgeglichenheit. Ich weiß, wie ich groß geworden bin und in welch merkwürdiger Versuchsanordnung ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe. Äußerlich betrachtet bin ich ein typisches westdeutsches Kind, aufgewachsen in den Siebziger- und Achtziger Jahren, wohlbehütet und gut versorgt. Viele aus meiner Generation wissen, was sich hinter der Fassade aus Neubaugebieten, Pauschalreisen in den Süden, Sportschau, bunten Plastikpullis, Farbfernsehgeräten, Videorecordern, C64 Home-Computern und Tiefkühltruhen verborgen hat: Lieblosigkeit, Zukunftsängste, soziale Kontrolle und die Ablehnung bestimmter Denkweisen.

 Ich habe mich in der Welt meiner Kindheit fehl am Platz gefühlt. Meine ganze Kindheit war bestimmt durch die unbestimmte Ahnung, dass irgendetwas nicht mit mir stimmt. Heute weiß ich: Mit mir war mehr in Ordnung als ich damals wissen konnte. Das ist die Kurzversion der Geschichte meiner psychischen Defizite. Wer sich aber fehl am Platze fühlt, wird entweder ausbrechen oder verhaltensauffällig werden. Ausbrechen versuche ich immer wieder (und scheitere) und verhaltensauffällig werden kann ich auch.

 Meine kindliche Erfahrung hatte auch positive Auswirkungen auf mich. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund bin ich relativ bodenständig und verantwortungsbewusst geworden. Meine Macken sind nicht sofort sichtbar und ich bin kein Typ mit irren Blick, der den ganzen Tag damit verbringt, seine Umgebung zu terrorisieren. Irgendwie hat mich meine gefühlte Andersartigkeit dazu bewegt, über meinen Horizont hinauszuschauen und neue Welten für mich zu entdecken.

 Und weil mir immer alle meinen Entdeckerreisen ausreden wollten, habe ich mir eine Hartnäckigkeit und Ausdauer anerzogen, die glücklicherweise auf alle Lebensbereich ausstrahlt. Wenn ich mir etwas vorgenommen habe, gebe ich nicht auf, bis ich mein Ziel erreicht habe. Ich habe keine Angst vor unbekannten Terrain und ich brauche immer wieder neue intellektuelle Impulse, um meine Zufriedenheit zu spüren.

 Meine Frau ist in einem ähnlichen Milieu groß geworden und doch hat sie eine ganz andere Persönlichkeitsstruktur. Sie denkt geradeaus und hat die seltene Fähigkeit, sachlich und pointiert ihre Standpunkte darzulegen. Sie ist eine kleine und starke Frau, die beim Gehen ihren Kopf immer leicht anhebt und die absolut mit sich im Reinen zu sein scheint. Allerdings schlummern in ihr auch die kleinen Monster der Unzulänglichkeiten. Sie hat sie nur besser unter Kontrolle und ist immer wieder darauf bedacht, ihre inneren Kämpfe still mit sich selbst auszutragen.

Wenn man sie fragt, ob irgendetwas was nicht in Ordnung sei und als Antwort ein Nix bekommt, sollte man in Deckung gehen. Die Bombe in ihr könnte jederzeit platzen. Oft schafft sie es, sie zu entschärfen, aber manchmal fliegt die Bombe allen um die Ohren.

 Zudem sind wir beide Menschen, die sich mit vielen Themen intellektuell auseinandersetzen, oft gemeinsam in intensiven Gesprächen, aber bei manchen Themen denken wir für uns alleine.

 Gerade in Bezug auf Musik und Literatur sind wir höchst unterschiedlich gepolt. Ich mache mich immer lustig über ihre Ahnungslosigkeit in Sachen Musik. Am liebsten dudelt sie die alten Techno- und Grungehits aus den Neunzigern vor sich her (was an sich schon eine krasse Mischung ist). Ich habe alle möglichen Stilrichtungen und Epochen, Pop, Rock, Heavy, ProgRock, Elektro, Minimal, Klassik von frühester Kindheit erforscht und durchdrungen. Die Musik war für mich neben der Literatur die Möglichkeit mich selbst zu bestimmen und die Lieblosigkeit meiner Umgebung zu überwinden. Meine Frau und ich haben beide einen emotionalen Zugang zu Musik. Bei mir ist es nur so, dass ich ständig heulen muss, weil ich ergriffen bin und sie sucht das heillose Vergnügen in schönen Melodien.

 Noch schlimmer ist es bei der Literatur. Natürlich haben wir einen gemeinsamen Kanon, der aber irgendwie immer kleiner wird. Ich lese typische „Männerliteratur“ (ja auch Hannah Ahrendt hat Männerphilosophie betrieben, ihr blieb nichts anderes übrig), große kluge Männerköpfe, die entweder mit großen Wortkaskaden die Welt durchdringen und beschreiben oder mit ihren komplexen und natürlich politisch gefärbten Texten alles nur noch komplizierter machen wollen. Sie liest „Frauenliteratur“, Bücher (manchmal auch von Männern geschrieben), emotionale Schlachtschiffe, Familienepen, immer leicht esoterisch angehaucht.

 Ich glaube der letzten kleine gemeinsame Nenner war dieser Franzose, Edouard Louis, mit seinen ersten zwei Büchern, die ja irgendwie neben viel Sozialkritik auch eine Familiengeschichte erzählen und in seiner gesamten Tragik sehr emotional rüberkommen, die perfekte Mischung zwischen unserem Verständnis von Männer- und Frauenliteratur.

 Meine Frau könnte niemals Gefallen an Thomas Pynchon finden und ich könnte niemals diese Ferrante-Trümmer lesen.

 Als sie meinen Roman zum ersten Mal in die Finger bekam, hat sie die Struktur zu Recht kritisiert und ich habe ihn noch einmal komplett überarbeitet. Und weil ich von ihrem klaren Urteil begeistert war, habe ich ihr die zweite Version wieder zum Lesen gegeben.

 Monatelang habe ich sie angebettelt, sie möge doch die dreihundert Seiten über sich ergehen lassen, sie müsse mir doch nur mitteilen, ob der Text ihre formalen Kriterien eines guten Romans erfülle (Ihre Vorgabe war: schreib deinen Roman wie deine Kurzgeschichten).

 Sie hat sich gewunden, Ausreden gesucht, naja der Sommer war stressig, die Pandemie, wir haben unser Haus modernisiert, habe ich ja gerne Verständnis für aufgebracht. Jetzt nach einem knappen dreiviertel Jahr hat sie mir ihr Urteil über das erste und zweite Kapitel überbracht. Das wäre ja alles total unglaubwürdig. Sie käme ganz schwer in die Geschichte rein. Die zwei Hauptfiguren seien so arrogant und unsympathisch. Warum sie mit dieser Amerikanerin durch Florenz laufen, dass macht ja überhaupt keinen Sinn! Ich habe sie dann darüber aufgeklärt, dass das ganze Buch schon einen gewissen Spannungsbogen habe und die Entwicklung der Figuren das ganze Buch in Anspruch nähme, man am Ende erst die Zusammenhänge verstehe und man ja auch deshalb das Buch lese, weil man die Auflösung am Ende erwarte. Dann habe ich noch irgendetwas von Suspense a la Hitchcock erzählt, ist ja auch so ein Männerding, nackte blonde Frauen, die in Duschen gemeuchelt werden. Sie ist während meiner Ausführungen vor mir weggelaufen und als ich sie im Wohnzimmer in die Enge getrieben hatte, hatte ich noch ein Beispiel parat: Der talentierte Mr. Ripley! Der arrogante Narzisst, die die ganze Zeit damit verbringt seine Verbrechen und seine Identität zu verbergen. „Von einer Frau geschrieben“, rufe ich aus. Meine Gattin starrte mich ungläubig an. Was denn das für ein Beispiel sei? Nachdem sich die Gemüter beruhigt hatten, versprach sie mir, meinen Roman zu Ende zu lesen. Sie könne allerdings immer nur vier oder fünf Seiten lesen und dann müsse sie aufhören, weil sie der ganz abgehobene Sprachduktus nerve. Sie hat mir dann noch meine Flüchtigkeitsfehler vorgeworfen.

„Du hast außerdem geschrieben: Er ist zur Tür hinausgeschlürft!“

Während sie das Wohnzimmer verließ, um sich wieder ihren Arbeiten zu widmen, amüsierte sie sich über meinen Fauxpas. Zu meiner Verteidigung rief ich ihr noch hinter her, dass das jedem Autoren passiere und dass es deswegen nun einmal Testleser und ein Lektorat gäbe. Sie hat es absichtlich überhört.

So haben sich also Autoren gefühlt, die mit ansehen mussten, wenn Marcel Reich-Raniciki ihre Bücher im literarischen Quartett verbal vernichtet hat. Mittlerweile bin ich alt genug, um auch daran nur das Positive zu erkennen.  Wenn ich die Kritik meiner Ehefrau überlebe, muss ich mich vor keinem anderen Kritiker mehr ängstigen. Vielleicht ist das der ganze Clou an der Sache. Ich habe vielleicht in dem Bewusstsein, dass mir nichts mehr geschehen könne, wenn meine schärfste Kritikerin meine Ehefrau wird, diese Frau geheiratet. Wer weiß das schon?

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Die Buchmesse…immer wieder die Buchmesse…sich am Samstagmorgen leicht übermüdet in den Zug nach Frankfurt quälen…schon beim Eintritt nicht zu wissen, wo man hin will… meine Frau, die unbedingt viele Bücher kaufen will (geht jetzt auch samstags. Deswegen waren wir samstags und nicht wie in den Jahren zuvor sonntags auf der Buchmesse) und für gewöhnlich leicht frustriert ohne ein einziges Buch nach Hause fährt…ich, der ich nach interessanten Autoren fahnde und seinen alljährlichen Artikel für seinen Blog im Kopf hat und davon träumt mal an den Fachtagen auf die Messe zu gehen…das Geschubse in den Hallen…die langen Gänge, unendliche Meter zu Fuß…die vielen Cosplay-Mädchen mit ihren Lolita Kostümen und ihren überdimensionierten Pappmaché-schwertern…die Nerds, die nur kostenlose Artikel in ihre unzähligen Stofftaschen packen wo…warum machen wir das alles bloß…warum nur?

Sascha Lobo – ZDF blaues Sofa

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Eine nette junge Messehostess reicht den Kindern Papierstreifen. Wenn man sie verliert, können wir angerufen werden. Wir verlieren jedes Jahr eines unserer Kinder. Besonders unser jüngster neigt dazu, einfach zu verschwinden. Wir rennen durch den Eingangsbereich in die Halle 4.1. Meine Frau sucht nach Mealprep-Büchern und ich suche das blaue Sofa vom ZDF. Pünktlich um halb Elf bin ich da. Sascha Lobo redet schon. Er hat ein neues Buch geschrieben (Realitätsschock). Der Mann mit rotem Iro und schwarzen Schlabberanzug ist der allgegenwärtige Onkel der Digitalnerds, der uns analogen Menschen das virtuelle Welt des Internets erklärt. Unaufgeregt beschreibt er, wie Attentäter durch die digitale Vernetzung ein Publikum finden und dieses sich zur Nachahmung berufen fühlt. Rechtsextreme hat es schon immer gegeben, aber durch das Internet haben sich Filterblasen und Plattformen gebildet, auf denen sie ihre Meinungen potenzieren können und sich nach Lust und Laune austoben können. Seine Kernthese ist, dass Politik und auch die Gesellschaft auf die Entwicklungen des 21. Jahrhunderts mit Mitteln des 20. Jahrhunderts reagiert. Als Beispiel nannte er das Rezo-Video. Hätte der Youtuber einen Leitartikel in irgendeiner großen Tageszeitung mit gleichem Inhalt veröffentlicht, hätte die CDU die Mittel gehabt, um auf die Vorwürfe reagieren zu können. Alleine durch die Veröffentlichung der Polemik auf einer digitalen Plattform wie Youtube war die CDU völlig unfähig eine angemessene Antwort zu zugeben. Dann machte Herr Lobo launige Witze über Julia Klöckner, die ihn wohl am Vortag an seinem Stand besucht hatte und ihn mit zwei Küsschen begrüßt hatte. Worauf hin die Frage aufkam, warum Frau Klöckner ihn so begrüße. Er antwortete, dass sei ihrer herzliche Art geschuldet. Man kenne sich, außerdem habe sie als Weinkönigin ein entsprechendes Begrüßungstraining genossen. Die Lacher hat er auf seine Seite. Insgesamt fand ich das Interview sehr aufschlussreich, weil ein Internetfreak und Interpret digitaler Kommunikation vollkommen überrascht ist über die Entwicklungen der letzten Jahre und selbst eher achselzuckend darauf reagiert. Das nimmt man Herr Lobo ab. Er kann die Zusammenhänge nachvollziehbar darstellen, ohne ihnen die Komplexität zu nehmen. Er legt die Finger in die ziemlich eitrigen Wunden und lässt sie offen vor sich her blühen. Den Verband müssen die anderen anlegen. Ich höre ihm gerne zu. Aber ein Buch muss ich nicht von ihm haben. Da kenne ich tiefsinnigere Welterklärer.

Dag Olstad im Gespräch mit Hinrich Schmidt-Henkel – norwegischer Pavillon

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Kaum bin ich weg vom blauen Sofa, finde ich meine Familie nicht mehr wieder. In Halle 3.0 sind die Gänge schon vollkommen überfüllt. Mehrmals rufe ich meine Frau auf dem Handy an, jedes Mal springt die Mailbox an. Ich schwitze, die Menschenmassen empfinde ich als Zumutung. Kurz überlege ich, mich wieder in den Zug zu setzen und ohne meine Familie heim zu fahren, da klingelt endlich mein Handy. Meine Frau möchte gerne zum norwegischen Pavillon, in der Hoffnung, dass dort weniger Betrieb ist. Außerdem möchte Sie Hinrich Schmidt-Henkel live erleben. Herr Schmidt-Henkel ist ein vielbeschäftigter Übersetzer bekannter französischer und norwegischer Autoren. Außerdem taucht er immer wieder mal in der Sendung Karambolage auf Arte auf und erklärt besondere Wörter und Redewendungen. Nach der Lektüre zweier Bücher von Édouard Louis (dem ich mich in einem anderen Beitrag gerne widmen möchten), die von Herr Schmidt-Hinkel übersetzt wurden und durch seine Auftritte in der Sendung Karambolage wurde meine Frau auf ihn aufmerksam. Herr Schmidt-Hinkel sollte ein Gespräch mit norwegischen Autor Dag Solstad führen. Herr Solstad ist ein kleiner gramgebeugter alter Herr mit weißer Fusselmähne und zerstörtem Gesicht mit weißem Stoppelbart, der ein Jackett aufträgt, das er wahrscheinlich schon vor vierzig Jahren aus dem Altkleidercontainer gefischt hat. Das Interview stellt sich als langwierig und zäh heraus. Herr Hinrich Schmidt-Hinkel stellt lange Fragen, die erst von einem anderen Übersetzer, anhand seiner Notizen, Herrn Solstad vermittelt werden müssen und der kryptische Antworten auf Norwegisch gibt, die der Übersetzer wiederum anhand seiner Notizen ins Deutsche übersetzt. Herr Solstad wurde lange Zeit nicht in Deutschland verlegt, obwohl er in Norwegen recht erfolgreich war. Anscheinend wurden ihm als politischen Autor mit kommunistischer Prägung keine Erfolgschancen im Ausland beigemessen. Erst als ihm durch das Ende des kalten Krieges die politische Utopie abhandengekommen war, begann er unpolitische Romane zu schreiben und erst dann wurden seine Bücher auch übersetzt und in Deutschland verlegt. In seinen Büchern neuerer Prägung geht es um Protagonisten, die sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen, um außerhalb der Gesellschaft leben zu wollen. Der aktuelle Roman, der vor kurzem in Deutschland veröffentlicht wurde, ist zwanzig Jahre alt. Er heißt „T.Singer“ und Herr Olstad liest uns eine Passage aus dem Roman auf Norwegisch vor. Wir denken an eine Realsatire: ein alter ungepflegter Schriftsteller liest verwaschen, fast lallend, auf Norwegisch einen Text vor, den wir nicht verstehen und auch nicht folgen können. Als dann Herr Schmidt Hinrich noch den Inhalt zusammenfasst, die Geschichte eines Vierunddreißigjährigen Bibliothekars, der sich vollkommen zurückgezogen hat und sich in eine Töpferin verliebt, können wir uns kaum zurückhalten. Wir grinsen, schmunzeln und meine Frau gibt mir als Belohnung für die Strapazen des Zuhörens ein Duplo. Wir schauen uns den Norwegischen Pavillon an und hören im Hintergrund Herrn Schmidt-Hinrich jubilieren und Herrn Olstadt grummeln. Der Pavillon wirkt übrigens diesmal sehr leblos und lieblos. Auf Tischen liegt norwegische Literatur aus, die Tische sind mit Edelstahlgebilden verziert und der Raum ist durch große Spiegel links und rechts künstlich vergrößert worden. Mehr Stil ist nicht.

In der Halle 3.0 ist kein Durchkommen mehr. Wir haben den Eindruck, dass samstags mehr Betrieb als sonntags ist oder liegt es daran, dass man nun auch samstags Bücher kaufen kann oder dass das Wetter schlecht ist? Wir finden keine erhellende Erklärung und rennen raus, um uns dann in der Halle 4.1 zu tummeln. Während meine Familie noch in der Halle bleibt, mache ich mich auf den Weg zu einem anderen Programmpunkt, der mir besonders am Herzen liegt

Terezia Mora im Gespräch mit Elke Schmitter – am Stand des Spiegels

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Für mich ist es eine heilige Pflicht dem Stand des Spiegels auf der Buchmesse einen Besuch abzustatten. Seit über dreißig Jahren habe ich keine Ausgabe des Spiegels verpasst und jede Ausgabe von hinten nach vorne gelesen. Niels Nikmar, Susanne Beyer oder Elke Schmitter in voller Größe in Augenschein nehmen zu dürfen, ist für mich eine Ehre. Das Terezia Mora ihr neues Buch beim Spiegel vorstellt, bedeutet für mich also doppelten Lustgewinn. Schließlich habe ich Frau Mora dieses Jahr für mich entdeckt. Selten kann ich erfolgreichen Autoren etwas abgewinnen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen und dafür gefeiert werden, dass sie den neusten heißen Scheiß geschrieben haben. Für mich müssen Autoren wie gute Weine ein paar Jahre reifen. Sie müssen sich etablieren und über mehrere Bücher hinweg beweisen, dass sie mein Interesse verdient haben. Terezia Mora war der richtige heiße Scheiß als sie 2014 den deutschen Buchpreis gewann und für mich wurde sie erst interessant als sie den Georg-Büchner-Preis gewann, die Autoren zumeist erst bekommen, wenn sie schon über den Status der Eintagsfliege hinausgewachsen sind. Im Frühjahr habe ich den ersten Teil der Trilogie um den Protagonisten Darius Kopp gelesen. „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ aus dem Jahr 2009 hat mich begeistert. Frau Mora hat nun den letzten Teil der Trilogie „Auf dem Seil“ veröffentlicht. Frau Mora ist genauso alt wie ich und eine sympathische Person, die gerne Auskunft über ihre schriftstellerische Tätigkeit gibt. Man kann als Autor viel von ihr lernen, weil sie sehr plastisch ihre Arbeit am Werk reflektieren kann. Wenn sie über Darius Kopp spricht, hat man das Gefühl, die Person existiere wirklich. Teresia Mora antwortete auf die Frage, ob es sein könne, dass Kopp in einem späteren Werk wieder auftauche, sie es nicht als wahrscheinlich sieht, das sie alles erzählt hat, was sie über Darius weiß. Es gibt an dem Charakter Darius Kopp etwas, dass über das Wissen der Autorin hinausreicht, als habe Frau Mora Darius Kopp kennengelernt, eine Zeitlang beobachtet und begleitet und nun hinter sich gelassen, damit Herr Kopp sein Leben weiter leben kann. Das offenbart eine liebevolle Haltung der Autorin gegenüber ihren Figuren, die irgendwann zu eigenständigen Personen werden und zu denen sie trotzdem eine professionelle Distanz hält. Sie zeigt im Interview auch die Konstruktionsarbeit die bei der Entwicklung des Textes notwendig war. Im dritten Teil musste sie dafür sorgen, den mittellosen Darius wieder nach Berlin kommt, dem Ausgangspunkt ihrer Trilogie. Zufälligerweise sei ihr bei Recherchen aufgefallen, dass der Ätna früher als der Eingang zum Hades galt und es ein wunderbarer Ort sei, damit Kopp die Asche seiner Frau verstreuen könne. Alles dies musste sie in eine Geschichte gießen, die trotz aller Konstruktion glaubwürdig bleibt. Die große Kunst besteht darin, dass egal wie abstrus die Handlung klingt, man als Leser sie als Möglichkeit anerkennt. In dem Falle trägt dazu bei, dass Kopp in der Gegenwart lebt, in dem Sinne, dass er nicht sonderlich reflektiert und wenn er beim Denken nicht mehr weiter kommt, einfach zu Handeln beginnt. Frau Mora sagt selbst, dass Darius Kopp sich durch sein Leben wurschtelt und er sich damit in guter Gesellschaft befindet, da sich die meisten Menschen letztendlich durch ihr Leben wurschteln. Frau Mora hat mit ihrer Trilogie ein Werk über den urbanen Menschen der Gegenwart geschaffen, der hoffnungsvoll anfängt, in prekären Lebensverhältnissen und gepflegten Großstadthedonismus hängenbleibt und sich nur weiter entwickelt, wenn das Schicksal ihn dazu zwingt. Frau Mora hat noch ein paar Fragen zu ihrem Verhältnis zu deutschen Sprache und ihrer Herkunft beantwortet und schon war eine kurzweilige halbe Stunde vorbei.

Danach war die Buchmesse für mich mental zu Ende. Wir sind noch zwei Stunden durch die sich langsam leerenden Gänge gebummelt. Schließlich sind wir im Yogi-Tee-Zelt gelandet. Meine Frau hat auf eine Tasse kostenlosen Tee spekuliert. Allerdings gab es keinen Tee mehr. Zumindest hat sie ein paar Packungen Tee gekauft und damit den Frust über die nicht gekauften Bücher kompensiert. Irgendwann waren die Füße schwer und der Kopf leer und wir sind wieder in den Zug gestiegen und nach Hause gefahren.

Jungs gegen Mädchen, Mädchen gegen Jungs

Der Sommerurlaub ist für mich die einzige Möglichkeit, meine Leserückstände abzuarbeiten. Neu erstandene Lektüre landet bei mir ungelesen auf einer Ablage auf der Rückseite meines Bettes. Im Laufe des Jahres wächst dort ein unschöner Turm aus Papier und Buchdeckeln heran. Irgendwann ist er so hoch, dass er Nachts zusammenbrechen und auf mein Haupt fallen könnte. Dann weiß ich, dass  der Sommerurlaub in greifbarer Nähe ist.

Zu zweiten Mal haben wir uns in der Toskana ein Haus für zwei Wochen gemietet.  Neben unserem umfangreichen Ausflugsprogramm gönnen wir uns freie Tage, die wir mit Lesen verbringen. Es ist auch die Gelegenheit mit meiner Frau Henrike ins Gespräch über Literatur zu kommen. Jeder von uns ist in seiner Lektüre vertieft. Irgendwann strengt das Lesen an und wir versuchen uns abzulenken.

„Und, wie ist es?“

 “Was?“

 “Das Buch“

„Ach so! Ganz gut.“

„Worum geht es da?“

Dann wird berichtet und der andere stöhnt.

 „So ein Mist. Und so etwas liest du?“

Und weil wir beide einen hohen Anspruch an Literatur haben und es nicht grundsätzlich an der Qualität der Bücher liegt, um zu solchen drastischen Urteilen gelangen,  vertrete ich die These, dass wir grundsätzlich immer nur die zu unserem Geschlecht passende Literatur lesen.

Frauen- und Männerliteratur, gibt es so etwas überhaupt? Darf man heutzutage unterstellen, dass die Frauen und Männer nicht nur unterschiedliches Gehalt bekommen, sondern auch unterschiedliche Literatur lesen? Ich finde schon. Allerdings sollte man nicht glauben, dass die jeweils eigene Literaturgattung besser ist.

Ich will hier zwei Beispiele aus unserer Urlaubslektüre heraus picken, um aus meiner subjektiven Sicht einige Merkmale, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Männer- und Frauenliteratur heraus zu arbeiten.

 Meine Frau hatte zufälligerweise aus der Stadtbibliothek das letzte Buch von Sarah Kuttner mitgebracht (180 Grad Meer). Als Vergleichslektüre habe ich von David Foster Wallace „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ zu Rate gezogen.

Ich bin schon seit langem ein heimlicher Fan von Frau Kuttner. Ihre Sendung auf Viva habe ich damals inhaliert. Für mich ist sie so etwas wie die Wegbereiterin für solche Leute wie Böhmermann (der ja gerne über Frau Kuttner lästert). Ich fand sie äußerst witzig, intelligent und schlagfertig. Nach dem Ende der Sendung habe ich mich nicht mehr sonderlich für sie interessiert. Was nicht das Problem von Frau Kuttner sein sollte. Sie hat genug andere Fans und wird ganz bestimmt ohne mich auskommen.

Trotzdem grüße ich sie an der Stelle, während ich mit meiner eigenen Achselhöhle kuschele und den schmierigen Dunst meines ekelerregenden Schweißes einatme und ihr den Finger zeige, denn ihr Buch finde ich nur teilweise gelungen. Welches Problem habe ich mit dem Buch? Ich könnte ja jetzt das Vorurteil eines männlichen Intellektuellen in die Welt blasen und sagen, dass so Fernsehtussen nicht schreiben können. Aber nein so sehe ich das nicht. Egal was sie sonst so beruflich macht, sie schreibt nicht schlecht. Sie hat ihren eigenen Ton, beherrscht die moderne Art der Verknappung und setzt an den richtigen Stellen die Phantasie des Lesers in Gang. Manche Wortkreationen sind durchaus kreativ und lassen den Leser schmunzeln oder aufhorchen. Aber was stört mich an ihrem Buch? Sie schreibt in der Ich-Perspektive über eine Jule, eine wehleidige junge Frau, die sich allem versagt und nichts zustande bringen möchte. Sozusagen die moderne Version von der Prinzessin auf der Erbse. Die Männer nehmen alle Rücksicht auf sie. Ihr Bruder Jakob und ihr Freund Tim behandeln sie mit Samthandschuhen, bekommen ständig ihre Wut ab und müssen klein beigeben. Jule finde ich persönlich nicht sympathisch, aber die Autorin hat vollstes Verständnis für die Ungezogenheit und dämliche Motzigkeit ihrer Heldin und damit befinden wir uns voll in den Gewässern der Frauenliteratur, die sich an die Mittdreißigerinnen wendet, die aus lauter Trägheit und vor sich her getragener Unlust nichts erreichen möchte: Kein Beruf, keine Beziehung, kein Nachwuchs. Man lebt so vor sich her und beschwört andauernd die Schlechtigkeit aller Männer. im Zweifel lässt man sich gerne von den übelsten Kerlen begatten und findet dafür auch noch eine nette Begründung. Und dann wird noch die ganze Schuld an der eigenen Nicht-Existenz bei den Eltern abgeladen. Schließlich haben die sich ja scheiden lassen und haben vorher die Jule nicht gefragt. Der Vater ist der böse Mann, der abgehauen ist und noch einmal von vorne angefangen hat. Das Buch schleppt sich bis auf Seite 150 und dann erst besucht sie ihren todkranken Vater, mit dem sie sich eigentlich nur streiten will, um sich bestätigt zu sehen. Der Vater bringt sich um, ohne sich mit ihm versöhnt zu haben. Am Ende des Textes erwähnt ihre Stiefmutter, dass der Vater Jule während der Trennungsphase von ihrer Mutter immer ans von ihr geliebte Meer geschleppt hat. Sie erkennt darin die Verbindung zu ihrem Vater, schließt ihren inneren Frieden mit ihm und macht dann einfach so weiter wie bisher. Damit kann ich nichts anfangen. Alle Frauen, die im Leben nicht so richtig weiter kommen und mit Mitte dreißig immer noch in der Untätigkeit festhängen, werden da vielleicht Beifall klatschen und sich mit Jule identifizieren können. Frau Kuttner wird für solche Frauen auch gleich zur Ikone, weil sie ihnen ja die beste aller Lösungen für ihre Probleme bietet. Bleib einfach so wie du bist. Bette dich auf deine  zehn Matratzen und bleib da liegen. Ist schon in Ordnung.

Die Männerliteratur schneidet nicht besser ab. David Foster Wallace und sein Buch „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ bildet das andere männliche Extrem ab. Herr Foster Wallace gebührt für sein alles überragendes monolithisches  Werk „ein unendlicher Spaß“ meine vollste Verehrung und auch „Schrecklich amüsant…“ liest sich anfangs ganz passabel. Es handelt sich um eine Reportage über eine Kreuzfahrt, eine Auftragsarbeit für eine Zeitung, die Herr Foster Wallace scheinbar nur widerwillig übernommen hat. Wie immer bei Herr Foster Wallace bleibt einem das Lachen im Hals stecken oder es kommt erst sehr spät aus dem Hals herausgefallen. Herr Foster Wallace hat einen offenkundig hintergründigen und teilweise bösartigen Humor, der sich hinter grellen Wortschöpfungen und umständlichen Beschreibungen verbirgt. Das macht ihn aus und dafür lieben ihn seine Fans, zu denen ich durchaus gehöre. Allerdings geriert er sich in dem Buch als den Typ des soziopathischen, hyperintelligenten Nerd, der sich ganz naturgemäß auf einer Kreuzfahrt nur bedingt wohlfühlen kann. Und das ist typische Männerliteratur. Er stellt den lebensunfähigen Freak  dar, der sich allzu gerne in seiner Kabine verkriecht, sich beim Abendessen blamiert, sich aufgrund seiner unbeholfenen Interviewversuche beim Personal unbeliebt macht und gegen eine Neunjährige beim Schach verliert. Ein Fremdkörper, der seine Wortkaskaden gerne mit nach meiner Ansicht mit frauenfeindlichen Formulierungen garniert. Bei ihm haben nur Frauen ein postkoitales Grinsen im Gesicht und er liebt es, bei Beschreibungen das Wort menstrual hinzuzufügen. Das Buch hat er Mitte der Neunziger geschrieben und damals mag so etwas noch exotisch auf die Leser gewirkt haben, so wie man im letzten Jahrhundert noch die Wilden in den Kolonien mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken betrachtet hat. Mittlerweile ist der Typus salonfähig und sogar zum Vorbild geworden (die Wilden hatten auch ihre Zeit der Anerkennung und Verklärung). Sonst hätte eine Fernsehserie wie „Big Bang Theory“ mit ihrem Asperger geschädigten Sheldon Cooper als Helden niemals Erfolg gehabt. 

Damit komme ich schon zu den Gemeinsamkeiten dieser besonderen Form der Männer- und Frauenliteratur. Ich habe damit zufälligerweise zwei Bücher ausgewählt, die sich auf zwei extreme, aber leider gängige, Typen konzentriert. Beide haben gemeinsam, dass sie sich der Welt versagen und auf keinen Fall einfach mitmachen können. Dahinter steckt keine besondere Aussage oder Überzeugung, mit der man sein Verhalten rechtfertigt. Und das ist schade. Es ist einfach nur cool, schick oder weird ein bisschen anders als die anderen zu sein. Es ist einfach eine verquere Form des Individualismus. Andere lassen sich tätowieren, sammeln seltene Turnschuhmodelle von Adidas oder hüpfen in schwindelerregender Höhe auf den Auslegern von Baukränen herum.

Nimmt man die Frauenliteratur aus vergangenen Zeiten zum Vergleich, ging es beim dargestellten Individualismus darum, sich den gesellschaftlichen Konventionen zu versagen und depressiv zu sein (Virginia Woolfe). Geht man in der Zeit noch weiter zurück, schrieb sie darüber, wie sie den Mann, in den sie sich verliebt hat, auch heiratet und mit ihm glücklich wird. Die Ansprüche haben an Literatur haben sich wie die Gesellschaften stark verändert und deswegen muss Mann/ Frau  ständig neue Probleme kreieren, um ein Thema für ein Buch zu haben. Aber in diesem Punkt haben sich Frauen- und Männerliteratur noch nie unterschieden. Die Frage bleibt, ab wann Literatur nicht nur Selbstzweck ist, sondern gesellschaftliche Veränderungen und Herausforderungen auch reflektiert und damit den eigentlichen Anspruch, den Literatur an sich haben sollte, verwirklicht.

Buchmesse Frankfurt – bei zweiten Mal tut es nicht mehr weh – 1. Teil

Ende September während eines entspannten Fernsehabends auf dem Sofa hat meine Frau zum ersten Mal das Wort Buchmesse in den Mund genommen. Ich bin sofort zusammen gezuckt. Schweiß trat auf meine Stirn, Schnappatmung kam auf, ich griff mir ans Herz. Wie bei einer allergischen Reaktion überkamen mich körperliche Symptome, die ich darauf zurückführte, dass ich immer noch nichts vorzuweisen haben und immer noch als Besucher und nicht als Autor auf die Buchmesse gehen muss.  Seit dem letzten Jahr ist nichts passiert. Die vielen Hoffnungen und Anregungen, die ich dort mitgenommen habe, haben zu keiner Verhaltensänderung geführt. Außer zwei Kurzgeschichten, die von einer Literaturzeitschrift abgelehnt wurden und einen dritten Versuch meinen dritten Roman zu beginnen (das war es dann mit alle guten Dingen…) habe ich literarisch nichts auf die Beine gestellt. Also muss ich schon wieder als miesepetriger Kulturpessimist auf die Buchmesse fahren. Yeah, die Rolle habe ich so oft in meinem Leben gespielt, sollte also kein Problem sein. Als die Herzschmerzen nachließen und der kalte Schweiß von meiner Stirn gewischt war, jubelte ich vor Freude: Endlich kann ich mich wieder als ungewolltes und ungeliebtes Kind über meinen Vater Literaturbetrieb und meine Mutter Verlagswelt genüsslich herziehen. Meine Frau hat mich gleich gebremst. „Nein, mein Schatz, die können auch nichts dafür, dass du kein Autor geworden bist. Da bist schon selbst dran schuld. Also verdirb mir und den Kindern nicht den Tag.“  Meiner Frau den Tag zu verderben, hätte Konsequenzen zur Folge gehabt, die ich nicht tragen wollte. Also habe ich mich ganz brav auf die Buchmesse vorbereitet. Ich habe den Veranstaltungskalender durchforstet und mir  sehr aufwendig auf der Homepage der Buchmesse erstellen eine Liste gebastelt(man braucht ein Account, muss sich durch eine hochkomplexe Suchroutine wurschteln und hat am Schluss auf dem Papier in Schriftgröße 0,5 eine Wunschliste mit Veranstaltungen, die alle gleichzeitig stattfinden) Meine Frau hat sich einen kleinen Zettel geschrieben, mit den Veranstaltungen, die sie und meine Kinder besuchen wollten. Eigentlich hatten wir die Absicht vor der Abfahrt am Frühstückstisch die Listen abzugleichen. Da wir aber zu spät aufgestanden waren, haben wir erst im Auto bei Tempo hundertsechzig eine Übereinkunft über den Verlauf des Tages ausbaldowert.

Im Allgemeinen hatten wir uns diesmal gut auf den Tag vorbereitet. Wir hatten uns vorgenommen, auf Lesungen und Vorträgen zu konzentrieren und die Zeit zwischendurch mit den Besuchen von Ständen zu füllen. Mittlerweile kenne ich auch die Motivation vieler Buchmessenbesucher. Es geht ihnen nicht um Literatur, den Lieblingsautor oder -Verlag, sondern um die unzähligen Giveaways, die man an vielen Ständen ergattern kann. Überall gibt es Tüten und Taschen, Aufkleber, Leseproben bis hin zu kostenlosen kleinen warmen Mahlzeiten im Kochbuchbereich. Man kann den ganzen Tag vertrödeln, ohne auch nur ein Buch in die Hand genommen zu haben.Ich verzichtete gerne auf Geschenke und stand lieber in der Ecke am Stand des Arena-Verlages, passte auf den Buggy unseres jüngsten Sohnes auf und hörte gegenüber beim wesentlich kleineren Buchheim-Verlag Haroon Gordon zu. Die Lesung hatte ich auch auf meiner Liste, hatte sie allerdings schnell wieder gestrichen, da ich nicht unter Zeitdruck geraten wollte. Haroon Gordon las aus seinem Debüt „Palast aus Sand und Staub“. Am Anfang seines Vortrages belagerten ca. zwanzig Personen den schmalen Gang zwischen Buchheim-Verlag und Arena-Verlag. Am Ende seines Vortrages blieben nur noch ein kleine unscheinbare Frau, ich und mein Buggy übrig. Dabei hatte der Text durchaus einen poetischen Klang, der sehr gut zur Geschichte passte. Ich konnte nicht verstehen, warum alle Zuhörer wegeilten. Irgendwie tat mir Herr Gordon leid. Er hatte ein gutes Buch geschrieben und niemand interessierte es.

Während meine Frau, die beiden Mädchen und mein kleiner Sohn sich auf den Weg zu der ersten Lesung machten (die Signierstunde der Conni-Autorin) machte ich mich auf den Weg zum Stand von Amazon. Ich schritt durch die engen Reihen, vorbei an den verspielt mondänen Messebauten einiger Großverlage und erreichte den Gang K. Der Bereich ist geprägt von Kleinverlagen, Mangahändlern, mit denen ich gar nichts anfangen kann und der Self-Publisher-Area. Die Self-Publisher scheinen immer noch die Schmuddelkinder des Buchhandels zu sein. Amazon hat mittlerweile einen eigenen Verlag für Self-Publisher. Also scheint hier eine Menge Geld auf der Straße zu liegen. Ich höre dem Autorengespräch dreier Amazon-Autoren zu.  Wenn man der Website von Michael Meisheit, einer der drei Autoren am Stand, glaubt, hat er von seinem ersten E-Book 300.000 Einheiten verkauft. Also wächst da eine nicht zu unterschätzende Marktmacht heran. Herr Meisheit hinterließ bei mir den Eindruck per se ein Profi zu sein, der sein Handwerk versteht. In den letzten zwanzig Jahren hat er hauptsächlich Drehbücher für die Lindenstraße geschrieben. Mittlerweile hat er den Job aufgegeben und schreibt nur noch E-Books. Herr Meisheit ist ein Jahr jünger als ich und hat auch vom Äußeren her eher den Eindruck vermittelt, ein echter Kreativer zu sein. Seine rötlichen Haare stehen ihm als lockige Tolle auf der Stirn, zu seinem weißen Freizeithemd trägt er goldene Manschettenknöpfe. Er ist Individualist mit teigigem Doppelkinnansatz und hatte vielleicht auch keine Lust mehr bei einer Anstalt des öffentlichen Rechts zu arbeiten. Die zwei anderen Autoren kamen eher dem Vorurteil nahe, dass ich über viele Self-Publisher hege und pflege. Sie wirken, als seien sie eher zufällig zum Schreiben gekommen. Entweder haben sie sich ein unausgegorenes Sendungsbewusstsein oder irgendjemand in der Verwandtschaft hat behauptet, das Formulieren schöner Weihnachtskarten ausreiche, um gute Romane zu verfassen. Klaus Seibel, der mir grundlegend sympathisch vorkam, war in seinem früheren Leben Pastor und schreibt seit 2013 Science-Fiction-Romane. Die Frau des Trios, Elke Bergsma schreibt Ostfriesenkrimis und ist mir alleine deswegen schon unsympathisch (das Genre Regionalkrimi bereitet mir generell Übelkeit. Wenn ich bei irgendjemand Regionalkrimis auf dem Tisch liegen sehe, renne ich sofort auf die Toilette). Auch ihr Auftreten ist norddeutsch burschikos.  Wenn sie  den Mund aufmacht, haben ihre Gesprächspartner Angst in den Augen. Dann gibt es noch einen Moderator von Amazon, der die ganze Zeit stehen muss, während die drei bequem in ihren Sesseln hocken.  Die Zuschauer machen es sich auf kleinen Papphockern bequem, ein übrigens sehr weit verbreitetes Sitzmittel für Zuhörer an vielen Ständen. Ich sitze mittendrin und erst mitten in der Diskussion merke ich, dass rechts vor mir eine junge Frau sitzt, der genau auf der Nasenspitze, auf dem äußersten Punkt ihres spitzen Nasenkliffs, eine Warze wächst. Ich bin kurz irritiert. Ansonsten viel junges und weibliches Publikum. Ich stelle mir vor, dass die sich alle als Autorinnen versuchen und schon ihre Fantasy-Märchen-Horror-Gothic-Thriller-Manuskript in der Schublade liegen haben. Die Warzenfrau schreibt ganz bestimmt Liebesromane und hat sich schon ein Pseudonym zugelegt, damit ihre Warze nie aufs Cover muss.

Inhaltlich fand ich das Autorengespräch sehr informativ. Jeder der drei AutorInnen schilderte seinen Arbeitsalltag, sprach darüber welche Tätigkeiten er selbst übernimmt und welche er outgesourct hat und wie sie Social Media nutzen. Man kann auch ohne Verlag von der Schreiberei leben, allerdings braucht man eine hohe Schlagzahl. Frau Bergsma z.B. veröffentlicht alle drei Monate einen Roman. Man sollte gut vernetzt sein und sich gut in den digitalen Medien auskennen. Man fungiert selbst wie ein kleiner Verlag, kann aber nicht alles selbst machen. Man braucht z.B. ein professionelles Lektorat. Frau Bergsma hatte sogar eine Werbeagentur beauftragt. Man braucht einen Steuerberater oder jemand, der die Buchhaltung macht. Man geht also unter Umständen ein großes finanzielles Risiko ein. Zeitmanagement ist wichtig als Self-Publisher, gerade aufgrund der hohen Schlagzahl. Schließlich muss man schon rechtzeitig den Lektoren ankündigen, wann sie etwas zu korrigieren haben und man nennt z.T. früh Veröffentlichungstermine, um die Fans bei Laune zu halten und muss diese auch halten. Herr Meisheit gab noch den wichtigen Tipp, dass man alles dafür tun muss, das am Veröffentlichungstag viel verkauft wird, weil man nur so mit den Titeln sichtbar wirdNach einer dreiviertel Stunde war alles vorbei. Ich schlenderte noch zu der Bühne des Lektorenverbandes. Der Vortrag drehte sich um Kinder und Jugendbücher und nebenan hielt ein junger Mann im Anzug einen Vortrag über Sachbücher. 

Exposè

Ein Exposé zu schreiben ist mir immer schwer gefallen. Einerseits, weil es einen Roman auf das wesentlichste reduziert, anderseits, weil ich es immer nach Fertigstellung des Romans geschrieben habe. Ein grundlegender Fehler, den ich mit dem meinem neuen Werk nicht noch einmal machen wollte. Natürlich gibt es einen Unterschied, ob ich ein Exposé schreibe, um die Handlungsstränge zu modellieren oder ob ich mich damit bei einem Verlag bewerben will. In diesem Fall war es dann doch eher eine Bewerbung. Schließlich wollte ich meine schärfste Kritikerin beeindrucken. Ich habe vier Monate daran gefeilt. Erst dann fühlte es sich gut an. Und das ist erst einmal die Diskussionsgrundlage. D.h. nachdem Henni es gelesen hat, werden wir sehen, was davon aufrecht zu erhalten ist. Zwischendurch drängte sich mir die Ansicht auf, ich schreibe einen Agententhriller. Das ist das Problem beim Exposé. Man schreibt reine Handlungsstränge auf und weiß im Endeffekt nicht, wie man es mit Leben erfüllt. Es ist vergleichbar mit einem Drehbuch. Wenn ich Drehbücher von bekannten Filmen lese, denke ich immer, das da was fehlt. Es ist nur das Handlungsgerüst, höchstens noch die Dialogvorgabe. Die Inszenierung passiert an anderer Stelle. Man braucht erst einmal einen Fahrplan. Mein Fahrplan ist jetzt fertig und schlummert auf einem USB-Stick. Ich hoffe, Henni nimmt sich bald die Zeit und liest diese fünf Seiten. Ich freue mich auf ihre Rückmeldung. Es ist das erste Mal bei einem meiner Projekte, das ich bei der Entstehung die Hilfe eines anderen in Anspruch nehme. Ich denke, das zahlt sich aus. Bis sie sich meinem Exposé gewidmet hat, werde ich mich anderer Dinge widmen. Wie z.B. der Entwicklung des Dialogs zwischen Shaw und Cherry-Garrard. Dafür ist viel Vorarbeit nötig. Im Augenblick arbeite ich daran, diese Vorarbeit in ein kleines Zwischenprojekt zu packen und mich von dem ursprünglichen Projekt zu lösen.

 

Wie, du weißt nicht, wie die Geschichte weiter geht!?

Nachdem Henni meine dritte Version gelesen hatte, entstand eine neue Diskussion. Ich konnte Henni nicht wirklich erklären, worum es in der Geschichte eigentlich ging. Ich konnte ihr nicht plausibel die Zusammenhänge zwischen Figuren und ihren Taten erläutern.

Literarischen Sinn ergibt sich nur, wenn eine handelnde Person ein Motiv für ihr Handeln hat und literarisch interessant wird es erst, wenn mehrere handelnde Personen mit verschiedenen  Motiven aufeinandertreffen. Und lesbar wird es erst, wenn es eine eindeutige Kausalkette gibt, die niemals abreißt. Viele schlechte Texte scheitern nicht an fehlenden sprachlichen Mitteln, sondern an mangelnder Kohärenz in ihren Kausalketten. 

Henni hat mich ertappt. Z.B. konnte ich nicht erklären, warum Alethea ein Roman über Scott schreiben will. Klar habe ich mir ein Motiv konstruiert. Sofia hat ihr es nahegelegt einen historischen Roman zu schreiben, um im Subtext eine politische Botschaft zu schreiben. Was für ein Quark. Alethea hat noch nie einen historischen Roman geschrieben. Ihre Leser erwarten von ihr Fantasygeschichten. Ihre Auftraggeber, eine staatliche Stelle, wird ihr das nicht erlauben, weil sie Angst hätten, dass sie daran scheitert, weil sie um die Fähigkeit ihrer Autorin wissen. Gleichzeitig braucht Alethea den Erfolg, um in der sozialen Hierarchie aufsteigen zu können. Sie kann es sich nicht leisten, auf eigene Faust ihren Stil zu ändern. Sie ist auf Gedeih und Verderb auf das Wohlwollen der staatlichen Stellen angewiesen und hat gar keinen Freiraum, um Sofias blöden Ideen zu folgen.

 Ich habe die ursprüngliche Idee meiner Frau vorgestellt und sie hat mir meine Kausalkette sofort zerlegt und gezeigt, dass sie in das Nichts einer schlechten Geschichte führt. Ich spürte, was mir fehlt: Ein Exposé. Ich musste mir erst einmal selbst klar machen, wohin meine Geschichte führt. Die Handlungsstränge mussten logisch sein und klar die Motive der handelnden Personen erkennen lassen. Mit einem Exposé ist das möglich. Vor allem kann ich die Kausalketten immer wieder bearbeiten. Wenn ich einen Roman schreibe und ich stelle mittendrin fest, dass es dringenden Änderungsbedarf gibt, kann man das Ruder kaum noch herumreißen.

 

Spielverderber

Zwei Wochen im Sommer haben wir in der Toskana verbracht. Inmitten einer träumerischen Landschaft, sanften Hügeln, milden Gelbtönen von Ocker bis Sand, flirrendem Sonnenlicht, mittelalterliche Ansichten und Weinberge bis an den Horizont. Die meiste Zeit des Tages haben wir inmitten einer stillen Waldidylle auf einer überdachten Terrasse unseres Ferienhauses verbracht. Die Ruhe habe ich genutzt, um weiter an meinem Roman zu arbeiten. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr weiter zu kommen und habe das erste Kapitel Henni zum Lesen gegeben. Meine Frau hat ein ambivalentes Verhältnis zum meinem literarischen Schaffen. Gerade am Anfang unserer Beziehung schien es mir, als übe die Tatsache, dass sie einen Kerl kennt, der nicht nur ein Buch liest, sondern auch welche schreibt, einen gewissen Reiz auf sie aus. Damals hatten wir in jeder freien Minute eine Buch oder eine Zeitung in der Hand. Es gibt Fotos aus unserer Anfangszeiten, wo wir beide still versunken in unserer Lektüre am Frühstückstisch sitzen. Das ist echte Liebe. Und da fangen ja immer die Probleme an. Schreiben kostet Zeit. Autoren sind Eigenbrötler und wenn sie Schreiben, wollen sie dabei nicht gestört werden. Also musste Henni meine mürrischen Abweisungen in meinen Arbeitsphasen ertragen. Sie wurde zum Opfer meiner egomanischen Schreiborgien. Leider war das Ergebnis nicht so, dass sie das hätte verschmerzen können. Wäre es mein Beruf und ich könnte damit die Familie ernähren, wäre ihr meine Abwesenheit während meiner Anwesenheit am Laptop egal. Leider ist es immer ein für alle Seiten unbefriedigendes Hobby geblieben. Deswegen ist es schwer, von ihr Anerkennung zu bekommen. Das letzte Lob erhielt ich von ihr, als meine Kurzgeschichte in der epubli-Anthologie erschienen war. Euphorie sah übrigens anders aus.

 Jetzt hatte sie mein erstes Kapitel gelesen und abends, es war schon die Sonne hinter den Hügeln verschwunden, äußerte sie ihre vernichtende Kritik. Meine Romane seien unlesbar. Sie seien nach ihrer Ansicht viel zu aufwändig erzählt. Man könne der Geschichte nicht folgen. Ich erklärte viel zu viel. Der Leser brauche viele Leerstellen, die seine Phantasie anregen und nicht ständig psychologische Ausführungen, warum einer etwas mache. Ich könne meine Romane eigentlich verbrennen. Sie seien absolut sinnbefreit. Aber meine Kurzgeschichten seien sehr gut. Ich solle entweder nur Kurzgeschichten schreiben oder Romane, die wie meine Kurzgeschichten sind. Nach der Kritik trank ich mein Glas Chianti sehr schnell aus und formulierte angefressen meine Gegenkritik. Menschen, die selbst einen hohen intellektuellen Anspruch an sich haben (dabei ist es egal, ob sie ihn erfüllen können oder nicht) reagieren bei der leisesten Kritik wie eine beleidigte Leberwurst und versuchen den Kritiker jegliche Kenntnis der Materie abzusprechen. Meine Frau ist an der Stelle ziemlich mitleidslos. Es prallt alles an ihr ab. Sie lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. Also müsste ich nach dem Genuss einer halben Flasche Wein begreifen, dass ich selbst eine Flasche bin. Ich war ziemlich beleidigt und reagierte die nächsten Tage sehr eingedrückt, bis ich begriff, dass sie es gut mit mir meinte und nur das Beste aus mir heraus holen wollte. Ich nahm mir ihre Kritik zu Herzen und schrieb innerhalb weniger Tage die dritte Version des ersten Kapitels. Ich ging mit ihr Abschnitt für Abschnitt durch und sie fand es akzeptabel. Ich hatte mich auf die wesentlichen Elemente der Erzählung konzentriert und alles Überflüssige mit der Löschtaste aus meinem Roman heraus gekickt. Unter der Prämisse, dass der Leser neugierig werden soll, weil er nur Andeutungen erhält, habe ich meine sehr ausschweifenden Ausführungen über den Ökostaat und dessen Struktur herausgeworfen. Auch habe ich den langatmigen Abschnitt über Aletheas Entwicklung zur Schriftstellerin entfernt. Darin waren auch Äußerungen über die Geschehnisse, die zur Entstehung der Gesellschaftsform führten, enthalten. Ich habe viel Platz verwendet, um zu erzählen, wie Alethea mit der offiziell nicht existenten Madenopposition in Berührung kommt. Diesen Teil werden ich noch einmal aufarbeiten müssen. Dabei ist die Begegnung von elementarer Bedeutung, denn sie ist Teil der Dramaturgie. Allerdings sollte ich es nicht wie eine Räuberpistole schreiben. Auch beim letzten Teil, den Besuch bei Sofia, werde ich mir noch etwas einfallen lassen müssen, um es in den Rahmen der Geschichte besser einpassen zu können.