Die alte Heimat

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St. Urban in Fischern

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Der alte Ortskern von Fischern

Mein Vater hat seine ersten Lebensjahre in Fischern, dem heutigen Rybáře, verbracht. Dort steht die Kapelle St. Urban.  Als im Jahre 1820 ein Sturm das Dach der Kapelle wegriss, hat man das Dach nicht repariert. Die Kapelle war zu klein, um dort Gottesdienste abhalten zu können. Die Kapelle wurde der Stadt übereignet und sich selbst überlassen. Nach dem ersten Weltkrieg hat man unterhalb der Kapelle ein Gefallenendenkmal für die Opfer des 1. Weltkrieges errichtet. Als 1939 die sudetendeutschen Gebiete und damit auch Fischern heim ins Reich geholt wurde, hat man das Gefallenendenkmal gegen eine Gedenkstätte für die nationale Befreiung ausgetauscht. Als der zweite Weltkrieg vorbei war, die Gedenkstätte der Nazis  nicht mehr erwünscht war, hat man die Kapelle der roten Armee geweiht. Das Kreuz auf dem kleinen gedrungenen Turm hat man durch einen fünfzackigen roten Stern ersetzt. In den sechziger Jahren sollte die Kapelle abgerissen werden. Obwohl das Gebäude schon lange nicht mehr als Gotteshaus genutzt wurde, war es den Sozialisten als Ort der Religion ein Dorn im Auge. Kluge Menschen hatten herausgefunden, dass die Kapelle nicht erst im sechzehnten Jahrhundert gebaut worden war, sondern schon einige Jahrhunderte älter war. Somit wurde es zum Kulturdenkmal und man durfte das Gebäude nicht einfach abreißen. Man hat St. Urban wieder sich selbst überlassen. Die Kapelle verfiel. Nach dem Ende des kalten Krieges hat ein Unternehmer die Kirche gekauft und als Sicherheit an eine Bank übereignet. Alle Bestrebungen die Kirche zu restaurieren wurden jahrelang durch Rechtsstreitigkeiten verhindert, bis es der Stadt gelang, das Gelände wieder zu übernehmen. Aktuell wird die Kapelle rekonstruiert.

Die Kapelle hat die Jahrhunderte überdauert, obwohl sie in regelmäßigen Abständen als ideologische Projektionsfläche missbraucht wurde. Genauso wie die Kapelle haben Rybare, Tschechien und Europa die letzten zwei Jahrhunderte überdauert. Kriege, Revolutionen, Katastrophen, Demagogen und Fanatiker haben an diesem Kontinent gezerrt. Sie haben alles gegeben, um ihn in seinen Grundfesten zu zerstören.

Ich rede seit ca. 12 Jahren nicht mehr mit meinem Vater. Trotzdem fühle ich mich ihm verbunden. Warum ich mit meinen Vater nicht mehr spreche, hat keine Bedeutung. Das ich nicht mehr mit ihm spreche, hat durchaus mit den Ereignissen rund um seiner „alten“ Heimat zu tun. Mein Vater war wahrscheinlich drei oder vier Jahre alt, als er mit seiner Mutter und seinen drei Brüdern aus Fischern vertrieben wurde. Die Ideologen hatten damals die Oberhand und viele Menschen zu Opfern oder Tätern werden lassen. Wichtig ist, dass wir heute alle in einem geeinten und friedlichen Europa leben und uns mit unserer gemeinsamen Geschichte auseinander setzen. Dazu gehört, dass ich mir die Frage stelle, was Flucht und Vertreibung, Hass und Ausgrenzung mit Menschen macht. Früher hat mein Vater mir hin und wieder von seiner „alten“ Heimat berichtet. Kleine Splitter einer unfassbaren Wirklichkeit, deren psychische Wirkung auf sich selbst er nie hätte beschreiben können. In ihrer neuen Heimat waren mein Vater und seine Familie nicht willkommen. Er wuchs ohne Vater auf, dessen Tod etwas Geheimnisvolles an sich hatte und musste früh für sich selbst sorgen, da seine Mutter selbst lange um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfen musste. Mit  vierzehn verließ er die neue Heimat, um bei seinem Onkel in die Lehre zu gehen. Er musste während seiner Kindheit und Jugend zweimal um die Zugehörigkeit zu einem Ort und einer Familie bangen. Mein Vater hat viel geredet und in seinem Redefluss blitzte immer wieder der Wunsch durch, zu Verstehen und verstanden zu werden.  Ihm fehlten die Mittel zur Reflektion. Der Verlauf seiner Jugend war zu wechselvoll und belastend, um sich selbst seiner Identität gewiss zu sein. Als Vater habe ich ihn oft ungehalten und als ungerecht erlebt und trotzdem hat er versucht, liebevoll zu mir zu sein. Er hat sich als Erwachsener etwas aufbauen können: Er hatte einen Beruf, eine Familie, ein Haus, ein Auto, Beständigkeit. Veränderungen, die von außen an ihn heran getragen wurden, sah er als Gefahr. Er war ein Pessimist, der immer glaubte, man könne ihm das Erreichte einfach wegnehmen. So wie er es in jungen Jahren erlebt hatte, dass das Leben etwas mit ihm macht und er sein Leben nicht gestalten kann. In absoluter Hoffnungslosigkeit hat er die Katastrophe erwartet, die niemals über ihn hereingebrochen ist. Als Rentner wurde er depressiv und lethargisch. Man hatte ihm die Arbeit, das einzige Mittel zu Selbstbestätigung, weggenommen. Später wurde erkrankte er ernsthaft. Damals kam der Bruch zwischen uns und heute wüsste ich gerne, wie er es geschafft hat, den Kampf um sein Leben zu gewinnen. Ich glaube nicht, dass er Frieden mit seinem Leben und seiner Geschichte geschlossen hat. Er wird viel darüber nachdenken. Aber seine Gedanken werden sich im Kreise drehen.

Ich habe das Glück, in Wohlstand und Frieden aufgewachsen zu sein. Ich bin es meinem Vater schuldig, mich von seinem Trauma zu lösen und ein anderes Leben zu führen. Nach meinem Verständnis gehört es auch dazu, mich mit seiner Vergangenheit und Herkunft auseinander zu setzen. Er selbst hat den Ort seiner frühesten Kindheit nicht besucht. Wenn ich mit ihm darüber redete, wich er aus. Wahrscheinlich hatte er sich selbst lang genug eingeredet, dass es dort für ihn nichts zu finden gab.

Also habe ich mich auf Spurensuche begeben und bin mit meiner Familie vor Ostern nach Karlory Vary, früher Karlsbad, dem Geburtsort meines Vaters gefahren. Wir haben uns für zwei Tage eine Ferienwohnung gemietet und haben uns die meiste Zeit wie Touristen verhalten. Der alte Wohnort meines Vaters ist heute ein Vorort von Karlsbad. Mit dem Stadtbus braucht man zehn Minuten nach Fischern. Ich habe dort erwartet, Spuren meiner Herkunft zu finden. Ein Name, ein Hinweis, ein Gebäude, ein Grab, irgendetwas was man mit meiner Vater in Verbindung bringen konnte. Es gab dort nichts zu finden. Das Rad der Geschichte hat sich weiter gedreht. In Fischern gibt es zwar Gebäude aus der Vorkriegszeit, allerdings hat sich der Ort in den letzten siebzig Jahren stark verändert. Zum Kriegsbeginn lebten dort ca. 3000 Menschen, heute sind es ca. 10.000. Man hat rund um den alten Ortskern neue Wohnburgen gebaut. Wohnriegel, wie ich sie aus meiner Heimatstadt auch kenne.

Einen Moment lange habe ich befürchtet, dass die Herkunft meines Vaters auch für mich zum Trauma wird. Eine Konfrontation mit den Fragen, vor denen mein Vater Angst gehabt hätte. Ich habe dagegen in Rybáře ein Ort gefunden, mit einer Geschichte, die sich um Kriege, Revolutionen, Ideologien und Fanatiker dreht. Ein Ort, an dem ich gerne zurückkehren werde, weil er in meiner Heimat Europa liegt. Ein Ort, der mich in meiner Ansicht bestätigt hat, das es ist gut ist, in Europa zu leben, weil wir uns frei bewegen können und dass es sich lohnt um die Freiheit, um Europa zu kämpfen und nicht zu warten, bis Fanatiker und Ideologen Europa wieder einmal zerstören wollen und Menschen mutwillig dem Trauma aussetzt, das der Verlust von Zugehörigkeit und Herkunft in ihnen zwangsweigerlich auslöst.

 

  

 

 

Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit von Thomas de Padova- Eine Buchempfehlung

Heute möchte ich ein Buch vorstellen, dass mich in vielerlei Hinsicht fasziniert hat. Es geht um das Buch „Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit“ von Thomas de Padova.

Viele von uns leben in einem engen Zeitkorsett. Jede Sekunde zählt. Unsere Tage und Nächte sind verplant. Unsere Terminkalender sind voll. Wir werden an der Tugend Pünktlichkeit im Privat- und Berufsleben gemessen. Wir halten ständig Zeitabläufe fest und die Nutzung digitaler Medien kettet uns noch mehr an die Benennung von Zeit. Wer heute ein Foto macht, erfährt noch Jahre später, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit er auf den Auslöser gedrückt hat. Genug Zeitgenossen zählen ihre Schritte, zeichnen ihren Schlaf auf, dokumentieren ihre Laufstrecken und unterlegen alles mit einem ewigen Zeitstrahl.

Das ist die Gegenwart. Thomas de Padova zeigt uns mit seinem Text, dass das Einteilen des Tagesablaufes in Zeiteinheiten eine noch relativ junge Kulturtechnik ist. In der Epoche von Newton und Leibniz, also vor ca. 300 Jahren, wurden die ersten Uhren erfunden, die nicht nur Minuten, sondern auch Sekunden anzeigten. Es gab damals die ersten Taschenuhren, die teuer aber für viele schon bezahlbar waren. Man  hatte damals mit Pendeluhren ein im Alltag verfügbares Zeitmessinstrument erschaffen, das aber im Laufe der Jahre immer wieder verfeinert werden musste. Ein großes Problem war, dass die Uhren niemals genau gingen. Man wollte sie z.B. für die Navigation auf hoher See verwenden. Allerdings liefen die Uhren zu ungenau. Somit war ständig die Gefahr gegeben, dass es zu schwerwiegenden Navigationsfehlern kam. Uhrenmacher waren damals angesehene Spezialisten, die sich nicht nur auf ihr Handwerk verstanden, sondern selbst wissenschaftlich tätig waren. Trotz größter Präzision konnte man das Problem der nachgehenden Uhren lange Zeit nicht lösen. Mit der Erfindung dieser Uhren gewannen Zeitabläufe auf einmal an gesellschaftlicher Bedeutung und somit beschleunigte sich das Leben. Hier beginnt die Ökonomisierung des Wirtschaftslebens. Ohne eine exakte Messung der Zeit  wäre die industrielle Revolution nicht möglich gewesen.

 Newton und Leibniz waren zwei Schlüsselfiguren ihrer Zeit und konträre Persönlichkeiten. Newton war ein Eigenbrötler und jemand, der seine Ideen für sich behielt. Leibniz dagegen war extrovertiert, kontaktfreudig und konnte auch keine seiner unzähligen Ideen lange für sich behalten. Beide hatten eine genaue Vorstellung von Zeit. Für Newton gab es eine absolute Zeit, die überall gültig war, während Leibniz Zeit immer im Zusammenhang mit Raum dachte und davon ausging, dass Zeit in Bezug zum Raum immer etwas Relatives ist. Newton hat wohl einen größeren Einfluss auf die Zeitideologie der nächsten drei Jahrhunderte gehabt. Denn viele Menschen sehen heute Zeit als etwas Absolutes. Die Uhr scheint im Hintergrund immer gleichmäßig zu ticken und uns voran zu treiben. Hätten wir auf Leibniz gehört, wären wir im Umgang mit unserem Zeitmanagement wahrscheinlich etwas gelassener.

Thomas de Padova hangelt sich an den Biographien der beiden Wissenschaftler entlang. Er zeigt die Herkunft, das Leben beider, die Schnittpunkte, die dann auch irgendwann zu einem Wissenschaftsstreit führten. Er erklärt Leibniz philosophischen Betrachtungen zu Zeit, Raum und Kausalzusammenhängen und erklärt Newtons mathematischen Entdeckungen, die heute noch teilweise ihre Gültigkeit haben. Thomas de Padova macht bei allen seinen Ausführungen eine gute Figur. Für den Laien verständlich, macht er die Zusammenhänge deutlich. Der Leser sollte positiv bemerken, dass er nicht nur gut recherchiert hat, sondern auch an eine lesenswerte und unterhaltsame Struktur des Buches gedacht hat. Und genau hier hat er seine Zielgruppe gefunden: den Leser, der wie der kleine Mann von Ricola immer fragt: Wer hat`s erfunden?

Mir hat das Buch den Anstoß gegeben, wieder darüber nachzudenken, welche Auswirkungen diese „Erfindung“ der Zeit auf unser alltägliches Leben hat. Die Zeit an sich wurde ja nicht vom Menschen erfunden. Allerdings haben die Menschen ihr Verständnis von Zeit genutzt, um ihr Leben zu verändern. Leider nicht immer zum Guten.

Insofern kann ich allen das Buch empfehlen, die sich auf allen Ebenen mit diesem Thema auseinandersetzen und dabei noch unterhalten werden wollen.

Thomas de Padova: Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit
ISBN: 978-3-492-05483-6
 

Exposè

Ein Exposé zu schreiben ist mir immer schwer gefallen. Einerseits, weil es einen Roman auf das wesentlichste reduziert, anderseits, weil ich es immer nach Fertigstellung des Romans geschrieben habe. Ein grundlegender Fehler, den ich mit dem meinem neuen Werk nicht noch einmal machen wollte. Natürlich gibt es einen Unterschied, ob ich ein Exposé schreibe, um die Handlungsstränge zu modellieren oder ob ich mich damit bei einem Verlag bewerben will. In diesem Fall war es dann doch eher eine Bewerbung. Schließlich wollte ich meine schärfste Kritikerin beeindrucken. Ich habe vier Monate daran gefeilt. Erst dann fühlte es sich gut an. Und das ist erst einmal die Diskussionsgrundlage. D.h. nachdem Henni es gelesen hat, werden wir sehen, was davon aufrecht zu erhalten ist. Zwischendurch drängte sich mir die Ansicht auf, ich schreibe einen Agententhriller. Das ist das Problem beim Exposé. Man schreibt reine Handlungsstränge auf und weiß im Endeffekt nicht, wie man es mit Leben erfüllt. Es ist vergleichbar mit einem Drehbuch. Wenn ich Drehbücher von bekannten Filmen lese, denke ich immer, das da was fehlt. Es ist nur das Handlungsgerüst, höchstens noch die Dialogvorgabe. Die Inszenierung passiert an anderer Stelle. Man braucht erst einmal einen Fahrplan. Mein Fahrplan ist jetzt fertig und schlummert auf einem USB-Stick. Ich hoffe, Henni nimmt sich bald die Zeit und liest diese fünf Seiten. Ich freue mich auf ihre Rückmeldung. Es ist das erste Mal bei einem meiner Projekte, das ich bei der Entstehung die Hilfe eines anderen in Anspruch nehme. Ich denke, das zahlt sich aus. Bis sie sich meinem Exposé gewidmet hat, werde ich mich anderer Dinge widmen. Wie z.B. der Entwicklung des Dialogs zwischen Shaw und Cherry-Garrard. Dafür ist viel Vorarbeit nötig. Im Augenblick arbeite ich daran, diese Vorarbeit in ein kleines Zwischenprojekt zu packen und mich von dem ursprünglichen Projekt zu lösen.

 

Wie, du weißt nicht, wie die Geschichte weiter geht!?

Nachdem Henni meine dritte Version gelesen hatte, entstand eine neue Diskussion. Ich konnte Henni nicht wirklich erklären, worum es in der Geschichte eigentlich ging. Ich konnte ihr nicht plausibel die Zusammenhänge zwischen Figuren und ihren Taten erläutern.

Literarischen Sinn ergibt sich nur, wenn eine handelnde Person ein Motiv für ihr Handeln hat und literarisch interessant wird es erst, wenn mehrere handelnde Personen mit verschiedenen  Motiven aufeinandertreffen. Und lesbar wird es erst, wenn es eine eindeutige Kausalkette gibt, die niemals abreißt. Viele schlechte Texte scheitern nicht an fehlenden sprachlichen Mitteln, sondern an mangelnder Kohärenz in ihren Kausalketten. 

Henni hat mich ertappt. Z.B. konnte ich nicht erklären, warum Alethea ein Roman über Scott schreiben will. Klar habe ich mir ein Motiv konstruiert. Sofia hat ihr es nahegelegt einen historischen Roman zu schreiben, um im Subtext eine politische Botschaft zu schreiben. Was für ein Quark. Alethea hat noch nie einen historischen Roman geschrieben. Ihre Leser erwarten von ihr Fantasygeschichten. Ihre Auftraggeber, eine staatliche Stelle, wird ihr das nicht erlauben, weil sie Angst hätten, dass sie daran scheitert, weil sie um die Fähigkeit ihrer Autorin wissen. Gleichzeitig braucht Alethea den Erfolg, um in der sozialen Hierarchie aufsteigen zu können. Sie kann es sich nicht leisten, auf eigene Faust ihren Stil zu ändern. Sie ist auf Gedeih und Verderb auf das Wohlwollen der staatlichen Stellen angewiesen und hat gar keinen Freiraum, um Sofias blöden Ideen zu folgen.

 Ich habe die ursprüngliche Idee meiner Frau vorgestellt und sie hat mir meine Kausalkette sofort zerlegt und gezeigt, dass sie in das Nichts einer schlechten Geschichte führt. Ich spürte, was mir fehlt: Ein Exposé. Ich musste mir erst einmal selbst klar machen, wohin meine Geschichte führt. Die Handlungsstränge mussten logisch sein und klar die Motive der handelnden Personen erkennen lassen. Mit einem Exposé ist das möglich. Vor allem kann ich die Kausalketten immer wieder bearbeiten. Wenn ich einen Roman schreibe und ich stelle mittendrin fest, dass es dringenden Änderungsbedarf gibt, kann man das Ruder kaum noch herumreißen.

 

Spielverderber

Zwei Wochen im Sommer haben wir in der Toskana verbracht. Inmitten einer träumerischen Landschaft, sanften Hügeln, milden Gelbtönen von Ocker bis Sand, flirrendem Sonnenlicht, mittelalterliche Ansichten und Weinberge bis an den Horizont. Die meiste Zeit des Tages haben wir inmitten einer stillen Waldidylle auf einer überdachten Terrasse unseres Ferienhauses verbracht. Die Ruhe habe ich genutzt, um weiter an meinem Roman zu arbeiten. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr weiter zu kommen und habe das erste Kapitel Henni zum Lesen gegeben. Meine Frau hat ein ambivalentes Verhältnis zum meinem literarischen Schaffen. Gerade am Anfang unserer Beziehung schien es mir, als übe die Tatsache, dass sie einen Kerl kennt, der nicht nur ein Buch liest, sondern auch welche schreibt, einen gewissen Reiz auf sie aus. Damals hatten wir in jeder freien Minute eine Buch oder eine Zeitung in der Hand. Es gibt Fotos aus unserer Anfangszeiten, wo wir beide still versunken in unserer Lektüre am Frühstückstisch sitzen. Das ist echte Liebe. Und da fangen ja immer die Probleme an. Schreiben kostet Zeit. Autoren sind Eigenbrötler und wenn sie Schreiben, wollen sie dabei nicht gestört werden. Also musste Henni meine mürrischen Abweisungen in meinen Arbeitsphasen ertragen. Sie wurde zum Opfer meiner egomanischen Schreiborgien. Leider war das Ergebnis nicht so, dass sie das hätte verschmerzen können. Wäre es mein Beruf und ich könnte damit die Familie ernähren, wäre ihr meine Abwesenheit während meiner Anwesenheit am Laptop egal. Leider ist es immer ein für alle Seiten unbefriedigendes Hobby geblieben. Deswegen ist es schwer, von ihr Anerkennung zu bekommen. Das letzte Lob erhielt ich von ihr, als meine Kurzgeschichte in der epubli-Anthologie erschienen war. Euphorie sah übrigens anders aus.

 Jetzt hatte sie mein erstes Kapitel gelesen und abends, es war schon die Sonne hinter den Hügeln verschwunden, äußerte sie ihre vernichtende Kritik. Meine Romane seien unlesbar. Sie seien nach ihrer Ansicht viel zu aufwändig erzählt. Man könne der Geschichte nicht folgen. Ich erklärte viel zu viel. Der Leser brauche viele Leerstellen, die seine Phantasie anregen und nicht ständig psychologische Ausführungen, warum einer etwas mache. Ich könne meine Romane eigentlich verbrennen. Sie seien absolut sinnbefreit. Aber meine Kurzgeschichten seien sehr gut. Ich solle entweder nur Kurzgeschichten schreiben oder Romane, die wie meine Kurzgeschichten sind. Nach der Kritik trank ich mein Glas Chianti sehr schnell aus und formulierte angefressen meine Gegenkritik. Menschen, die selbst einen hohen intellektuellen Anspruch an sich haben (dabei ist es egal, ob sie ihn erfüllen können oder nicht) reagieren bei der leisesten Kritik wie eine beleidigte Leberwurst und versuchen den Kritiker jegliche Kenntnis der Materie abzusprechen. Meine Frau ist an der Stelle ziemlich mitleidslos. Es prallt alles an ihr ab. Sie lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. Also müsste ich nach dem Genuss einer halben Flasche Wein begreifen, dass ich selbst eine Flasche bin. Ich war ziemlich beleidigt und reagierte die nächsten Tage sehr eingedrückt, bis ich begriff, dass sie es gut mit mir meinte und nur das Beste aus mir heraus holen wollte. Ich nahm mir ihre Kritik zu Herzen und schrieb innerhalb weniger Tage die dritte Version des ersten Kapitels. Ich ging mit ihr Abschnitt für Abschnitt durch und sie fand es akzeptabel. Ich hatte mich auf die wesentlichen Elemente der Erzählung konzentriert und alles Überflüssige mit der Löschtaste aus meinem Roman heraus gekickt. Unter der Prämisse, dass der Leser neugierig werden soll, weil er nur Andeutungen erhält, habe ich meine sehr ausschweifenden Ausführungen über den Ökostaat und dessen Struktur herausgeworfen. Auch habe ich den langatmigen Abschnitt über Aletheas Entwicklung zur Schriftstellerin entfernt. Darin waren auch Äußerungen über die Geschehnisse, die zur Entstehung der Gesellschaftsform führten, enthalten. Ich habe viel Platz verwendet, um zu erzählen, wie Alethea mit der offiziell nicht existenten Madenopposition in Berührung kommt. Diesen Teil werden ich noch einmal aufarbeiten müssen. Dabei ist die Begegnung von elementarer Bedeutung, denn sie ist Teil der Dramaturgie. Allerdings sollte ich es nicht wie eine Räuberpistole schreiben. Auch beim letzten Teil, den Besuch bei Sofia, werde ich mir noch etwas einfallen lassen müssen, um es in den Rahmen der Geschichte besser einpassen zu können.  

 

Prognose

Die Prognose

 

Dunkelheit

zieht durch die Wohnstuben.

Die letzten Jahre meiner Jugend

verlieren sich in Finsternis.

Viel schwerer

als der Verlust meiner Jugend,

wiegt das Gewicht der Prognose.

Die Prognose der Geschichte,

die besagt,

das sich alles zum Schlechten wendet,

und nichts zum Guten

 

Katastrophen finden ihren Anfang

in beiläufigen Handlungen.

Der Wettermann kündigt den Sturm an

und niemand sucht Schutz,

sondern verliert sich in den Geschäften des Alltags.

Erst wenn der Winter

in die Herzen deiner Liebsten einzieht,

ihre Antlitze zu Stein gefrieren,

ihre Münder sich verschließen,

ihre Blicke sich senken,

Erfüllt sich die Prognose

und wird zur Prophezeiung.

 

Doch dann ist es für alle zu spät.

 

 

Falsch angefangen

Ich habe 32 Normseiten geschrieben. Zum ersten Mal schreibe ich von Anfang an im Normseitenformat. Somit kann ich den Umfang des Romans abschätzen. Ich will keinen Wälzer schreiben. Mein erster Roman gestaltete sich zu ausufernd und weil ich damals kein Ende fand, lege ich mir seither eine Selbstbeschränkung von maximal dreihundert bis vierhundert Normseiten auf. Fünfhundert oder mehr Seiten kann ich nicht im Zaum halten. Zudem hat das Auswirkung auf die Vermarktung. Selten werden Debüts mit tausend Seiten verlegt. Diese Selbstbeschränkung hilft mir auch in sprachlicher Hinsicht. Ich muss mir eine Sprachweise überlegen, die sinnvoll verknappt.

 Ich hatte ja bei meiner Untersuchung der Sprachstile herausgefunden, dass ein Icherzähler auf subjektive Art und Weise die Geschichte schildert. Für die Ebene der Zukunft passt das hervorragend. Für die anderen Ebenen nutze ich einen allwissenden Erzähler, der eine Objektivität vortäuscht, die nicht wirklich gegeben ist. Somit wird auch die Trennung der Ebene am Anfang deutlich. Der Leser soll glauben, dass es um drei verschiedene Geschichten geht, die keine Berührungspunkte haben.

 Nach 32 Normseiten habe ich festgestellt, dass ich weder aus der Ich- noch aus einer subjektiven Perspektive heraus geschrieben habe. Ich kann noch einmal von vorne anfangen. Ich mag den Text auch nicht lesen, weil er mir schmerzlich klar macht, dass ich die richtige Sprache noch nicht gefunden habe.

Hier ein Beispiel:

Wenn ihr nichts einfällt und sie unter Druck steht, glaubt sie zu verstehen, wie sich ihr Vater sein ganzes Leben lang gefühlt haben muss. Für sie sind es kurze Phasen. In zwei Minuten spätestens werden mindestens drei kluge Ideen aus ihrem Hirn sprühen. Deswegen wollte sie Autorin werden. Sie war angewiesen auf die Veränderung, auf die Aufgaben, die man ihr stellt. Sie konnte ihre Klugheit anwenden und wie einen Brunnen neu anzapfen. Sie wusste, dass der Brunnen versiegt, wenn sie ihn nicht ständig anzapft. Sie wusste aber auch, dass der Grundwasserspiegel sich spätestens nach einem Dürrejahr senkte und den Brunnen für immer trocken legte. 

 Wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich ausgedörrt. Es gab keinen Regen mehr, keine Niederschläge auf Papier. Nur Ideen voller Esprit, keine Geschichten mehr. Sie tröstete sich damit, dass wenn der eine Brunnen versiegte, sie einfach einen neuen bohrten könnte.

 

Das klingt weder geschmeidig, noch schlüssig. Die Bilder sind unpassend. Die Sätze sind zu voluminös und beschreiben fast nichts. Dabei muss durch Sprache und Textgestaltung zum Ausdruck gebracht werden, dass der Druck, der auf Alethea lastet, sie fast zerreißt. Sie sitzt einsam und hilflos in der Einöde und weiß nicht, wie sie ihr Vorhaben umsetzen soll, obwohl   ihre gesamte Existenz mit dem Vorhaben verknüpft ist.

1925 vs. 2029

Häufig ähneln sich gesellschaftliche Entwicklungen unterschiedlicher Epochen ähneln. Autoritäre Gesellschaftsstrukturen mit  starren Klassenstrukturen, die sich nach Faktoren wie Herkunft, Status, Eigentum richten, galten oft genug als Standard. Im Gegensatz dazu stehen die liberalen Gesellschaftsordnungen, die die Bildung von Klassen vermeidet und dementsprechend nach allen Richtungen durchlässig sind. Die letztere Gesellschaftsordnung scheint aus unserer heutigen Sicht das Ideal zu sein. Trotzdem erleben wir gerade im Moment, wie die autoritären Strukturen für viele Menschen anscheinend einen gewissen Reiz ausüben. Man spricht von Elitenbildung, von starken Persönlichkeiten, die wissen, wie der Hase läuft und das man denen doch Politik und Wirtschaft überlassen sollte, weil sie das ganze Chaos der Globalisierung beseitigen werden. Die Forderung nach einer starken Elite ist nicht nur in Europa en Vogue und das obwohl nach dem zweiten Weltkrieg alles dafür getan wurde, um separatistische antidemokratische Gesellschaftsstrukturen zu vermeiden.

Der große Unterschied zwischen 1925 und 2029 ist, dass die Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung genau entgegengesetzt verläuft. Man erlebt zwischen den Kriegen ein allgemeines Aufatmen, eine Abkehr von autoritären Herrschaftsformen und beginnt sogar fünfzehn Jahre später den absoluten Endkampf gegen die ausgearteten faschistischen Regime mit ihrem Führerprinzip, die nichts anderes darstellen als eine moderne Übertreibung von absoluter Herrschaft und Klassengesellschaft. In 2029 ist man im Verlauf der letzten dreißig Jahren weltweit genau in diese Kerbe hineingerutscht. Die herrschenden Subjekte einer globalen Gesellschaft setzen alles auf eine utilitaristische Ökonomisierung des Zusammenlebens und ernten dafür eine Elitengesellschaft mit autoritäre Zügen, die dafür sorgt, dass ein Großteil der Menschen in eine wirtschaftliche Abhängigkeit geraten, die kaum Fluchtmöglichkeiten bietet. Natürlich für die Undurchlässigkeit der einzelnen Klassen zu  einem degenerativen Stillstand sozialer Entwicklung. Gerade dieser große Unterschied, die Zeit des Aufbruchs vs. die Zeit des Stillstandes gibt mir als Autor die Chance den Rückgriff auf die Vergangenheit zu wagen, um zu zeigen, was der Zukunft fehlt. Shaw als Bote der Vergangenheit mit seinem ausgeprägten politischen Bewusstsein, der erkennt, dass Gesellschaft sich evolutionär zum Besseren entwickeln kann, in dem jeder am politischen Leben teilnimmt, kann den Unterschied zur politisch unbewussten Alethea deutlich werden lassen, die sich in die autoritären Strukturen einordnet und deren Generation die Teilhabe an Politik gar nicht mehr kennt. Insbesondere ist das für mich als Autor möglich, da beide eine Parallele in ihrer Herkunft aufweisen. Durch das wirtschaftliche Scheitern ihrer Väter haben sie den sozialen Abstieg erlebt. Bei Shaw wie Alethea ist ihr Leben darauf ausgerichtet, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf wieder heraus zu ziehen. Shaw allerdings indem er gegen den Mainstream arbeitet und Alethea indem sie sich anpasst. Alleine daraus ergibt sich die Reibung, die ich brauche, um meine Intention für den Leser sichtbar zu machen.

 

Großbritannien im Jahr 1925

Der Zeitraum zwischen den Weltkriegen war voller Widersprüche und wechselhafter Entwicklungen. Die europäischen Großnationen hatten mit den Vereinigten Staaten einen neuen Konkurrenten bekommen. Die Wirtschaftskraft der USA nahm in diesen Jahren sprunghaft zu. Auf vielen Gebieten überflügelte die USA die erfolgsgewohnten europäischen Siegermächte und teilweise wurden sie abhängig von den USA. Zudem beobachtete man misstrauisch die russische Revolution und das Heranwachsen eines neuen Staatsmodelles. Zusätzlich hatte man die ehemalige Großmacht Deutschland als Kriegsverlierer ausgemacht. Deutschland sollte die Schuld für den Krieg übernehmen. Allerdings brauchte man das Deutsche Reich als Puffer zwischen Ost und West und als Handelspartner.  Die Euphorie der Sieger Frankreich und Großbritannien verpuffte, als man erkannte, dass der Sieg über das Deutsche Reich sich nicht auszahlte. Bis Kriegsende verfügte in beiden Staaten das Militär über sehr viel Macht und hatten dementsprechend Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen. Nachdem Krieg gab es in beiden Staaten starke pazifistische Strömungen, die darauf ausgerichtet waren, erneute Kriege zu verhindern, anstatt sie als Mittel der Staatsführung zu sehen. Ein weiterer Faktor war, dass Franzosen wie Briten erkennen mussten, dass ihre Kolonien ihnen nicht ewig als Ressourcenbeschaffer zu Verfügung stehen würden. In der Mitte der zwanziger Jahre war die wirtschaftliche Situation in Großbritannien noch gut. Man hatte in den Jahren davor einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, von dem viele Menschen profitieren konnten.

 Die letzten dreißig bis vierzig Jahre in Großbritannien waren geprägt von der Industrialisierung, von dem sozialen Aufstieg der Arbeiter und des Bürgertums, also von grundlegenden Änderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Shaw war zum Zeitpunkt der Gespräche mit Cherry-Garrard ungefähr sechzig Jahre alt. Er war in Irland groß geworden, seine Familie war gescheitert, sein Vater hatte als Geschäftsmann versagt und seine Mutter war nach London geflohen. Er hatte noch eine andere Zeit erlebt, als der soziale Aufstieg für Menschen aus armen Verhältnissen kaum möglich war und es einen großen Unterschied zwischen Arm und Reich gab. Cherry-Garrard war zu dem Zeitpunkt der Gespräche mit Shaw in seinen Enddreißigern. Er kommt aus einer anderen Generation und auch aus einem anderen sozialen Umfeld. Sein Vater hatte beim Militär Karriere gemacht, hatte in den Kolonien gekämpft. Die Familie gehörte zur viktorianischen Mittelschicht. Cherry-Garrard war als Kind schüchtern und zurückhaltend und wollte seinem Vater nacheifern, der als junger Mann einen abenteuerlichen Lebensstil gepflegt hatte. Cherry-Garrard hatte im ersten Weltkrieg als Offizier gedient und aus gesundheitlichen Gründen wurde er schnell aussortiert. Cherry-Garrard war 1925 ein gebrochener Mann, der am Ende der Scott-Expedition seinen Verstand verloren hat und mit seinem Schicksal haderte. Shaw hatte sich während des Krieges mit einem pazifistischen Aufsatz unbeliebt gemacht und seine Karriere als Autor aufs Spiel gesetzt. Erst als er den 1925 den Nobelpreis erhielt, bekam er in seiner Heimat die nötige Anerkennung als Autor.

Die Welt im Jahre 2029

Es gilt nun die verschiedenen sozialen Systeme der Ebene Alethea und Shaw Cherry-Garrard zu erforschen, um ihre Gemeinsamkeiten heraus arbeiten zu können. Die gesellschaftlichen Zustände, die in der Ebene Jo Sommer herrschen, habe ich an anderer Stelle ausgiebig dargestellt

 Beginnen wir mit der Zukunft im Jahre 2029: Das soziale Gefüge beruht auf Trennung anstatt Solidarität. Jeder Mensch bekommt zu Beginn seines Lebens eine monetäre Schuld aufgebrummt, die seine Schuld gegenüber der Gesellschaft darstellt und die er im Laufe seines Lebens abarbeiten muss. Jeder Bürger fängt mit den gleichen Schuldenstand an. Durch das erwirtschaftete Einkommen, durch ererbtes Vermögen, also durch Geldleistung kann jeder seine Schuld nach und nach tilgen. Wer von Geburt an in wohlhabenden Verhältnissen lebt, wird seine Schuld sofort tilgen können, derjenige, der in Armut groß wird, hat wenige Chancen die Tilgung seiner Schulden zu erreichen. Dadurch sind drei Kasten entstanden, die mehr oder weniger nebeneinander existieren und die wenige Berührungspunkte haben. Es gibt die Elite, der Geldadel, der schon vor Generationen seinen Reichtum angehäuft hat, die Mächtigen, Banker, Industrielle, dazu gehören die Emporkömmlinge, die durch Zufall und Glück von den unteren Schichten aufgestiegen sind. Sie dienen oft als Alibi für die Elite, die anhand der Existenz der Emporkömmlinge zeigen kann, dass das Kastensystem durchlässig ist. Die Elite stellt in der Bevölkerung nur einen kleinen Anteil. Der weitaus größere Anteil wird von den sogenannten Maden gestellt. Dies sind die gewöhnlichen Arbeitnehmer, deren einziges Ziel ist, ihr Schuldenkonto schnellstmöglich abzuarbeiten. Ihre Chance, irgendwann zur Elite zu gehören, ist illusorisch gering und da alle um diesen Umstand wissen, agieren die meisten Maden wie die Hamster im Hamsterrad. Sie arbeiten Tag und Nacht, haben kaum Zeit, um ihren eigenen Interessen zu folgen und sind grundsätzlich ohne politisches Bewusstsein. Durch den Druck, der auf ihnen lastet, sind viele von ihnen psychisch ausgezehrt, wenn nicht sogar krank und viele neigen dazu, latent aggressiv zu sein. Das Bildungssystem beruht auf der Vereinzelung. Den Maden wird in der Schule beigebracht, dass sie nur die Tilgung ihres Schuldenkontos im Augen haben sollen und deswegen sich auf ihr berufliches Weiterkommen konzentrieren sollen. Fraternisierung mit Gleichgesinnten gilt als verpönt. Man misstraut dem Nachbarn und verhält sich gegenüber anderen gleichgültig oder abweisend. Liebesbeziehungen gelten als altmodisch. Sexualität und Fortpflanzung ist ökonomisiert worden. D.h. man bezahlt für eine Dienstleistung und geht keine langfristigen freiwilligen Beziehungen ein. Eigentlich sind alle sozialen Lebensweisen mit Dienstleistungen verknüpft, die bezahlt werden müssen.

 In der dritten Kaste sammeln sich alle Personen, die in dem System der Maden nicht mitmachen wollen oder nicht mitmachen können. Die Ausgestoßenen möchten sich von ihren Pflichten gegenüber der Gesellschaft befreien. Allerdings haben sie keine Möglichkeit ihrer Schuldenrückführung zu entkommen. Insofern sind sie darauf angewiesen, in irgendeiner Art und Weise ein Einkommen zu generieren. Entgegen den Maden haben sie verstanden, dass ein Überleben nur möglich ist, wenn man sich mit Gleichgesinnten zusammenschließt. Das heißt nicht, dass sie politisch organisiert sind. Sie leben zumeist in kleinen Kommunen abseits der Städte und versuchen durch einen hohen Grad an Selbstversorgung sich eine kleine Freiheit zu verschaffen. Sie werden von den Behörden geduldet, weil sie für ein geringes Einkommen den Maden als Dienstleister zu Verfügung stehen, also sich um ihre Kinder kümmern, Sex mit ihnen haben oder abends gemeinsam mit ihnen Fernsehen schauen. Obwohl sie sich von der Gesellschaft lösen wollen, sind sie Teil des Systems. Der Staat wird gelenkt von der Heiligen Dreifaltigkeit: Gesellschaft, Staat und Arbeitgeber. Es ist eine anonyme Struktur der Macht, die sich nur in ihren Vertretern zur erkennen gibt und die für die Menschen nicht greifbar ist. Es gibt keine grundsätzlich diktatorische Struktur, es gibt keine autoritäre Führung, die sich als Inhaber der staatlichen Gewalt aufspielt. Es gibt nur noch scheindemokratische Teilhabe der Menschen am Staat. Wahlen haben nicht die Funktion, den Bürger seine Geltung als Souverän zu verschaffen, sondern sie dienen dazu, den Menschen das Gefühl zu geben, sie hätten die Möglichkeit etwas zu bestimmen. Dabei bestimmt die anonyme Heilige Dreifaltigkeit die Geschicke eines Staates. Grundsätzlich hat sich durch die ökonomische Verknüpfung ein globales politisches System etabliert, dass eher dynamisch funktioniert und sich nicht an der Idee der Nationalstaaten orientiert. Wirtschaftlichkeit und Effizienz prägen politisches Handeln. Ethische Grundsätze sind nicht mehr maßgebend für politische Entscheidungen. Da der Einzelne sich selbst überlassen ist, gibt es auch aus der Bevölkerung wenige Bestrebungen an politischen Entscheidungen zu zweifeln. Das Denken der Internet-Generation, dass alles dazu dient die Welt besser zu machen und diese Maxime sich auf rein positivistisches und materialistisches Weltbild stützt, hat sich endgültig durchgesetzt. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde hat sich als lästiges Übel überlebt, weil sie der Schaffung eines perfekten Menschen, der nur den wirtschaftlichen Nutzen als einzige normative Kraft anerkennt, im Wege steht. Dazu gehört, dass die technische Entwicklung sich nicht ins unendliche fortgepflanzt hat, sondern auf dem Status von 2015 stehen geblieben ist. Man hat sich in eine Sackgasse manövriert und das politische System verhindert Innovationen und Weiterentwicklung, weil die Menschen keine Zeit haben, um neue Visionen zu entwickeln.

 Alethea Cumberland gehört durch ihre Herkunft eigentlich zu den Maden. Sie schickt sich an in die Kaste der Emporkömmlinge hinein zu wachsen. Sie hat ihr einziges Talent genutzt, um ihr Schuldenkonto in absehbarer Zeit ausgleichen zu können und danach Vermögenswerte anzuhäufen. Dazu gehört allerdings, dass sie weiterhin erfolgreich ist. Ein Fehltritt, ein Flop und sie fängt wieder von vorne an. Alethea profitiert von ihrer Popularität und genießt einige Privilegien der Elitären. Doch der Druck auf sie ist groß. Dementsprechend steckt hinter ihrer Arroganz ein Stück Unsicherheit und Nervosität. Zudem gibt es genug Menschen, die ihr mistrauen, weil sie durch ihre individuelle Kreativität vorangekommen ist und dies nicht zur utilitaristischen Vorstellung von ökonomischem Erfolg passt.