Inspiration


Inspiration –  Jeder Autor schöpft aus unzähligen Einflüßen. Manche sinnliche Erfahrungen strömen unbewußt an uns vorbei und unsere Wahrnehmung wirft trotzdem ihre Angel aus. Die fetten Fische bleiben im Köcher unseres Unbewußten hängen und beiläufig werden daraus Ideen. Anderes bleibt an uns bewußt kleben, weil es unsere Aufmerksamkeit erregt. Es sind Wahrnehmungen, die in irgendeiner Weise zu unseren Erwartungen passen. Wir verknüpfen sie miteinander und entwickeln daraus Bonmots, unsere uns bewußten Wahrheiten oder Geschichten. Wer behauptet, er erfinde alles neu, macht sich etwas vor. Alle Künstler sind Eklektiker. Sie bedienen sich an ihren Einflüßen und setzen daraus ihre  Werke zusammen. Niemand kann sich von seinen Einflüßen befreien. Und deswegen ist es wichtig, sich ihrer bewußt zu werden.

 Die folgende Liste besteht vorerst nur aus Philosophen und Autoren und wird laufend erweitert.  

Philosophen:

Jean-Paul Sartre  Als neunzehnjähriger Abiturient habe ich ein Jahr lang für die Lektüre von „das Sein und das Nichts“ gebraucht und nur einen Bruchteil verstanden. Trotzdem hat mich sein Denken fasziniert, weil ich zum ersten Mal erlebt habe, das eine Philosophie wirklich aus einer lebensnahen Alltagsperspektive vermittelt wird. Sartre gab meine Existenz einen Ort, erklärte mir, warum der Andere so wichtig ist und das ich nicht bin, was ich bin, aber bin, was ich nicht bin.

Albert Camus war der erste Philosoph, den ich gut verstehen konnte. Der Mythos von Sisyphos war selbsterklärend und zum ersten Mal habe ich von einem Philosoph eine Antwort darauf erhalten, wie es sich ohne Hoffnung auf einen übergeordneten Himmel bestens leben kann und trotz aller Absurdität man das Leben positiv annehmen kann.

Theodor W. Adorno sollte man immer sprechen hören, um einen Eindruck von ihm zu bekommen. Seine philosophischer Ansatz ist einzigartig und verwirrend zugleich. Seine Ausdrucksweise zeugt von einer großen Ehrfurcht vor Sprache. Er verlangt der Sprache eine Tiefe und Genauigkeit ab, die wir Laien nur schwer nachvollziehen können. Allerdings schimmert in seiner Kritik immer die Sorge um den Menschen an sich durch. Zudem habe ich ihn fast zur gleichen Zeit wie Heidegger gelesen und ihn als wunderbaren Gegenpol zu Heidegger, den er herzlich verabscheute, schätzen gelernt.

 Herbert Marcuse habe ich gelesen, als ich Mitte Zwanzig war und einen Philosophen gesucht habe, der den Zustand der Komsumgesellschaft benennt und auf eine andere analytische Ebene zieht, wie es Mitte der Neunziger aus meinem Umfeld heraus für mich möglich war. Der eindimensionale Mensch und die Entsublimierung durch die repressive Toleranz der Gesellschaft wurden für mich zu geflügelten Ausdrücken, die ich gerne benutzt habe, um andere zu irritieren.

an G.W.F Hegel bin ich kläglich gescheitert. Viel zu verkopft und abgedreht und etwas für Profiphilosophen. Ich werde seine Phänomenologie des Geistes irgendwann verstehen. Solange gebe ich mich mit den Leuten zufrieden, die seine Philosophie aufgegriffen haben (z.B. Sartre). Seine Dialektik, der Weltgeist und auch der Identitätsbegriff haben einen größeren Einfluß auf unser Denken als uns lieb sein kann.

Louis Althusser hat mich mit seinen Ideologischen Staatsapparaten beeindruckt und nicht nur mich. Man findet bei den Poststrukturalisten insbesondere Focault viele Spuren Althusserschen Denkens. Mein Cousin, der Philosophie studiert hat, hat mich auf Althusser gebracht. Er erzählte nicht von seiner Philosophie, sondern von seinem Mord an seiner Ehefrau, die Althusser im Wahn erwürgt hat.

Karl Jaspers stellt eine sehr frühe Inspiration für mich dar. Seine Psychologie der Weltanschauungen haben meinen Blick für die Philosophie geschärft und mir bewußt gemacht, dass man Weltanschauungen und Philosophie nicht miteinander verwechseln sollte und das jegliche Ideologie in eine Sackgasse führt.

Martin Heidegger blieb für mich immer eine zwiespältige Figur in der modernen Philosophie. Einerseits ein begnadeter Denker, der aus seiner Herkunft heraus den Menschen und seinen Zugang zu seiner Umwelt beschreibt und dabei das Denken über das Sein modernisiert, ohne den Bezug zur griechischen Philosophie der Antike zu vergessen. Andererseits war er aber ein ungehobelter Hinterwäldler, der die Zeichen der Zeit falsch gedeutet hat.

Immanuel Kant ist für mich der Übervater der deutschen Philosophie.  Er hat die menschliche Vernunft ausgeleuchtet und transparent werden lassen. Ich habe die Lektüre der Kritik der reinen Vernunft besonders genossen, weil er außerhalb seines strikten Formalismus Poesie und Witz durchscheinen läßt. 

Niklas Luhmann ist mit seiner Systemtheorie einer meiner jüngsten Einflüße. Aus der Kommunikation macht er ein von Personen losgelöstes hilfreiches Instrument, dass Systeme am Laufen hält. Seitdem ich ihn gelesen habe, weiß ich, warum die Zeitungen immer jeden Quatsch breittreten müssen und wie wichtig das für den Zusammenhalt von gesellschaftlichen Systemen ist.

 

Schriftsteller:

B ertholt Brecht beeinflußte mich sehr stark in meinen Jugendjahren. Ab dem sechzehnten Lebensjahr habe Brechtstücke gelesen, seitdem viele im Theater gesehen und mich im Laufe der Jahre immer mehr von ihm distanziert. Das epische Theater finde ich immer noch reizvoll als Gegenentwurf zum dramatischen Naturalismus und Brecht gab mir die Intialzündung um mich überhaupt mit Theater zu beschäftigen. Ich bin bis heute ein großer Theaterfan mit Theaterabo für das Stadttheater in Giessen.

Max Frisch war ein weiterer Einfluß in meinen jungen Jahren. „Homo Faber“ war damals Pflichtlektüre in der Oberstufe und übte keinen großen Reiz auf mich aus. „Mein Name sei Gantenbein“ und insbesondere „Stiller“ gehören für mich bis heute zu den außergewöhnlichsten Romanen, die ich lesen durfte. Das Spiel mit der Identität eines Menschen, Frisch Hauptthema , inspiriert mich bis heute. Jahrelang hatte ich mir vorgenommen für Stiller ein Drehbuch zu schreiben..

Fjodor M. Dostojewski war auch eine frühe Inspiration für mich. Neben „Schuld und Sühne“ habe ich „Der Idiot“ verschlungen und irgendwann hatte ich das Glück die Gesamtausgabe seiner Roman günstig erwerben zu können. Die Beschreibung der Lebenswelten seiner Romanfiguren, das Einbetten von philosophischen Fragestellungen in seine Geschichten sind für mich Initialzündungen für meine eigenen Romanprojekte geworden.

Thomas Mann ist und bleibt der deutsche Literaturgott des zwanzigsten Jahrhunderts. Das war nicht der Grund, warum ich ihn gelesen habe. Eigentlich war die Verfilmung des Zauberbergs von Hans W. Geißendörfer (der Erfinder der Lindenstraße) der Auslöser um mich mit Thomas Mann zu beschäftigen. „Der Zauberberg“ ist für mich das eigentliche Monumentalwerk von Thomas Mann. Für diesen Roman und „Dr. Faustus“ hätte Thomas Mann den Nobelpreis verdient und nicht für „die Buddenbroks“.

David Foster Wallace hat sich leider umgebracht. Ich habe „ein unendlicher  Spaß“ von ihm gelesen und es war das größte literarische Vergnügen seit Jahren.  Als ich danach hörte, dass er fast sein ganzes Leben depressiv war, fragte ich mich, wie ein tieftrauriger Mensch solch einen bösartigen Humor produzieren konnte. Immer wenn ich daran denke, einen Zukunftsroman zu schreiben (ich habe da seit zwanzig Jahren so ein Projekt in der Schublade) zucke ich zusammen, weil ich denke, ich brächte nicht mehr zustande, als eine jämmerliche deutsche Kopie von “ ein unendlicher Spaß“.

Franz Kafka war noch ein weiterer Einfluß in meiner Jugend. Anfangs habe ich mich sehr stark mit Kafka identifiziert. Ich dachte, ich sei genauso wie er ein Außenseiter, der seine Motivation für das Schreiben aus seinem Außenseitertum gewinnt. Zum Glück ist mein Leben vollkommen anders gelaufen und mittlerweile weiß ich, dass die Literaturwissenschaft auch nur ein halbherziges Bild von Kafka gezeichnet hat. Literarisch haben mich sein Hang zum absurden Zusammenhängen und seine albtraumhaften Konstellationen sehr stark geprägt. 

Jon Dos Passos kennt in Deutschland fast niemand. Dabei hat er den filmischen Still, die Montage in die Literatur gebracht. Seine USA-Trilogie ist mehr als eine Offenbarung und nimmt vieles vorweg, was man nachher im postmodernen Roman wiederfinden kann. 

Dalton Trumbo ist ein absoluter Exot in der Literatur. In den USA bekannt als Drehbuchschreiber, der mehrfach für den Oskar nominiert war, hat er doch einen Roman geschrieben, der mich unendlich begeistert und auch geprägt hat. „Jonny zieht in den Krieg“ ist zudem noch die Grundlage für den Text von „One“ von Metallica und natürlich bin ich als großer Metallica-Fan auf dieses Buch gestoßen. Die Verfilmung sollte man sich nicht entgehen lassen, inbesondere da Donald Sutherland Jesus spielt.

Edgar Allen Poe ist eine tragische Figur der Literaturgeschichte. Herr Poe fristete ein armseliges Dasein. Mit seinen Geschichten konnte er kein Geld verdienen und wurde erst posthum zum Vorbild für viele Gruselschreiber. Dabei geht es bei seinen Gruselgeschichten weniger um die Horroreffekte, sondern um Stimmungen. Das Haus Usher ist so ein Beispiel: eine Familie im Niedergang, umgeben von Grauen, Tod und Vergänglichkeit. Außerdem war er ein früher Meister der Kurzgeschichte.

H.P. Lovecraft ist Poes Wiedergänger des zwanzigsten Jahrhunderts. Seltsamerweise bin ich auch über Metallica auf ihn gekommen. „The Thing that should not be“, eines der weniger bekannten Lieder der „Master of Puppets“-LP: Messenger of Fear in Sight, dark Deception kills the Light, hybrid children watch, pray for Father, roaming free und darüber dieser schwere chromatische Riff. Der ganze Text in eine einzige Aneinanderreihung von Motiven aus Lovecrafts Geschichten. Sein Lieblingswort war das Grauen und dabei war er selbst ein grauenvoller Typ. Allerdings genauso wie sein Alter Ego aus dem neunzehnten Jahrhundert ein Meister der Kurzgeschichte und der Beschreibung von Stimmungen…..

John Irving ist ein weiterer Schriftsteller, der sich Außenseiter als Helden seiner Geschichten aussucht und darüber skurille und tabulose Geschichten strickt. Das erste Buch, dass ich von ihm verschlungen habe, war „Garp und wie er die Welt sah“. Ein Irvingklassiker mit all den Ingredienzien, die seine Literatur liebenswert macht. Eine lange Geschichte voller interessanter Wendungen, die sich über Jahrzehnte hinweg bewegt und die doch einen Kreis bildet, mit liebevoll beschriebenen Typen, die nicht an ihrem Schicksal verzweifeln, sondern ihr Leben gestalten.

Elias Canetti hat mich mit „Masse und Macht“ tief beeindruckt. Ein Buch zwischen Philosophie, Soziologie und Literatur. Ein seltene Mischung, die packt und das gesellschaftliche Phänomen der Masse zwar entzaubert, aber auch deren Gefährlichkeit deutlich macht. Auch „Blendungen“ war ein Meisterwerk, voller verdrehter Gestalten, die seltsame Dinge tun und irgendwie vollkommen an der Wirklichkeit vorbei existieren.

Anthony Burgess hat mehr als nur Clockwerk Orange geschrieben. Leider habe ich nur Clockwerk Orange gelesen. Ein Vorreiter des postmodernen Romans, der vollkommen unterschätzt wurde. Natürlich bin ich über den Film von Stanley Kubrick an das Buch gekommen. Alleine sich eine Jugendsprache auszudenken, die die arglose Brutalität einer ganzen Gesellschaft ausdrückt, ist gigantisch.  

Simone de Beauvoir steht mit Absicht bei den Literaten und nicht bei den Philosophen. Sie hat einige wenige Romane geschrieben, die nur die harten Fans kennen und die nichts mit ihrem feministischen Ansatz gemein haben. Sie war eine eigenständige Künstlerin, die man leider zu sehr auf die Rolle als Sartre-Begleiterin und Vertreterin des modernen Feminismus reduziert hat. Sie war eine sehr gute Erzählerin, die ihre Stoffe perfekt inszeniert und geschrieben hat. Mein Favorit ist das „Blut der Anderen“. Es geht darin, um einen Typen, der ewig lebt und daran vollkommen verzweifelt. Für mich ein weiteres Beispiel, das man philosophische Fragen mit spannenden Geschichten verknüpfen kann und somit Leser für die Philosophie begeistern kann.

Friedrich Hölderlin ist für mich der einzige Lyriker, der mich nachhaltig beeinflußt hat. Seine Sprachkraft, das Erfinden neuer Satzrhytmen, ganzer Wortsymphonien, die beim Lesen einen perfekten Klang entwickeln, haben einen besänftigenden Wirkung auf mich und doch spürt man bei jedem Satz, wie es in Hölderlin gegärt hat und dass in seinen gesunden Jahren, der Wahnsinn in seiner Person gelauert hat und leider zum Ausbruch gekommen war. Fritz Hölderlin im Turm gebrauche ich als Motiv auch gerne in Kurzgeschichten.

Charles Bukowski hat heute keine Bedeutung mehr für mich. Er ist mir mittlerweile zu abgegriffen und durchgenudelt. Trotzdem fand ich ihn in meiner Jugend sehr wichtig für meine Entwicklung als Autor. Es sah so einfach aus, was er geschrieben hat und man hätte meinen können, dass das ja jeder kann. Er war ein Meister der Kurzgeschichte und der schrägen Figuren und trotz aller Probleme schimmert immer wieder seine sensible und gleichzeitig sehr lebendige Persönlichkeit in seinen Texten durch.

James Joyce hat gezeigt, was man mit Sprache machen kann. „Ulysses“ hat mich gequält. Besonders der Mittelteil aus Wortspielen und Fragmenten bestehend, die scheinbar sinnlos aneinandergereiht sind, haben mich in den Wahnsinn getrieben und trotzdem war sein Ansatz absolut richtig. Aus einer subjektiven Innenansicht den Tag eines Menschens zu beschreiben, aus dem Gedankenfluß heraus, so wie die Menschen wirklich denken und handeln ist einmalig und kaum wiederholbar.

Samuel Beckett mit seinem absurden Theater hat vieles wiedergespiegelt mit dem ich mich zu der Zeit als ich ihn gelesen habe, auf einer anderen Ebene auseinandergesetzt habe. Warten auf Godot ist mehr als ein Klassiker, eine Theaterrevolution, die gleichzeitig geheimnisvoll und befremdlich wirkt und genauso ist es ja. Wir vermuten unter der Oberfläche die großen Mythen und es ist aber nichts vorhanden, außer dieser Oberfläche. Ich kann mich noch erinnern, als ich vor ein paar Jahren im Gießener Stadttheater eine Einführung zu dem Stück besucht habe, die von Studentinnen der angewandten Theaterwissenschaften gestaltet wurde und eine Studentin sich als absolut unfähig erwiesen hat, als sie sagte, dass sie noch nie vorher von Beckett gehört habe und sie auch ihre Mutter gefragt habe und sich Beckett auch nicht gekannt habe. Das ist absurdes Theater at his best.

Phil Roth bekommt den Nobelpreis für Literatur nicht mehr. Verdient hat er ihn alle Mal. Benötigen braucht er ihn nicht. Die Wortgewalt liegt im Detail, im Sound der Sprache, weniger im Drama und ich kann dem geneigten Leser nur empfehlen, ihn ihm Original zu lesen und man braucht den Text nicht zu verstehen, sondern sollte nur dem Rothsound lauschen. Eine Genugtuung für den Geist.

Douglas Adams ist mehr als man ihm zuschreibt. Eine Aussage von ihm hat mich besonders beeindruckt. Er hat immer unter Zeitdruck geschrieben und nicht wirklich einen Masterplan für seine Texte gehabt, sondern sie von Situation zu Situation weiter entwickelt. Wie kann man als Einzelner aus der literarischen Improvisation einen solchen perfekten Witz entwickeln, der jeden Leser wie eine Seuche infiziert? Irgendwann denkt man nur noch an Regengötter und Handtücher und schmunzelt die ganze Zeit.

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