Zwischenstand

In den letzten ca. 10 Wochen habe ich mich aufs Schreiben konzentriert. Der zweite Teil meines Romans nimmt langsam Gestalt an. Ich war fleißig und habe ca. 90 Seiten geschrieben. Angesichts der Tatsache, dass ich nur am Wochenende wirklich zum Schreiben komme, bin ich sehr zufrieden mit dem Ausstoß an Material.

Im Laufe der Jahre habe ich mir angewöhnt, erst einmal Masse zu produzieren. Ich muss in die Geschichte eintauchen, ein Gefühl für Setting und den Plot bekommen. Ich halte mich zwar an meinen Plan und folge dem Leitfaden, den ich mir mit meinem Exposee gegeben habe, trotzdem probiere ich erst einmal viel aus und produziere mitunter viel Ausschuss.

Die ersten siebzig Seiten sind mir sehr leicht von der Hand gegangen. Das Schreiben hat mir Spaß bereitet. Samstags und Sonntags Nachmittag habe ich im Schatten an meinem Schreibplatz gesessen, Kaffee getrunken, eine Zigarre geraucht und einen Satz nach dem nächsten aneinander gereiht . Aber dann stoppte der Schreibfluss und ich saß oft vor dem Bildschirm meines Laptops und wusste nicht mehr weiter. Wenn ich lieber im Internet surfe, anstatt zu schreiben, weiß ich, dass ich eine Pause machen muss. Ich versuchte einen bestimmten Teil der Geschichte zu Ende zu bringen, um später dort wieder anknüpfen zu können.

Genauso wie der Sommer verabschiedet sich langsam die Inspiration und ich brauche ein paar Wochen Pause, in der ich den Text neben hinlege und ihn reifen lasse, wie einen guten Wein. Meine Frau und ich renovieren gerade unsere Küche und Wohnzimmer. Das kommt mir gelegen. Wir fahren in zwei Wochen in die Niederlande in den Urlaub und wahrscheinlich ereilt dort wieder die Lust, mich mit meinem Text auseinander zu setzen und danach mit der ersten Korrekturrunde zu beginnen.

Außerdem hat mir meine Frau hoch und heilig versprochen (ich hoffe, sie hatte die Finger nicht hinter dem Rücken gekreuzt), meinen letzten Roman, den ich im Frühjahr fertig gestellt hatte, endlich zu lesen. Wahrscheinlich haben wir dann viel zu bereden und so ergeben sich wieder neue Ansätze, Themen und Ideen für den neuen Text….es bleibt spannend.

Roman drei – willkommen in der Eiswüste

Bildergebnis für McMurdo-Sund

Mein ursprünglicher Anlass für den Blog, war es die Entstehung meines Romans „der letzte Mensch“ zu dokumentieren. Seit fast anderthalb Jahren habe ich an dieser Stelle nichts mehr dazu geschrieben. (In die Tonne kloppen…., Dialog mit Johanna Sommer – Leben in der Zukunft Dialog mit Johanna Sommer – Therapiestunde)

Nun da ich endlich mit Roman Zwo fertig bin und mein private Lektorin sich um alle möglichen Dinge aber nicht um meinen Roman kümmert,  kehre ich wieder zu meinem ursprünglichen Romanprojekt zurück.

Wie weit war das Projekt gediehen?  Grundsätzlich sollte der Roman aus drei Teilen bestehen. Der erste Teil handelt von der Protagonistin Johanna Sommer, die aus der Zukunft heraus, ihr Kindheit und Jugend beschreibt. Der erste Teil endet mit dem Abschied von ihrem Vater. Johanna hat das Abitur abgeschlossen und verlässt für ihr Studium das ungeliebte Elternhaus.

Im zweiten Teil geht es darum, das Johanna Sommer mit ca. vierzig Jahren in die Antarktis geht, um dort ihren langgehegten Plan zu verwirklichen, einen Roman über Scotts letzte Südpolexpedition zu schreiben. Sie hat die Absicht mit ihrem Roman, die Welt zu verändern. Eine größenwahnsinnige Absicht und fixe Idee, die sie nur mit einer Prophezeiung untermauern kann, die ihr Johanna von Orleans in ihrer Jugend im Traum überbracht hat.

Der Inhalt des dritten Teils bleibt mein kleines Geheimnis. Um ihn werde ich mich kümmern, wenn ich den zweiten Teil abgeschlossen habe.

Den ersten Teil habe ich mehrfach überarbeitet. Mit 212 Normseiten ist er mir immer noch zu lang. Ich wollte wieder dreihundert bis dreihundertfünfzig Normseiten für den Roman verwenden und Teil eins und zwei sollten ungefähr gleich lang sein. Der dritte Teil soll nicht länger als 20 bis 30 Seiten sein.  Also stehe ich wieder vor der Frage: wie dick darf der Schinken denn sein? Der Metzger sagt: darf es ein bisschen mehr sein. Der Autor und sein privates Lektorat sagen: So viel fettes Fleisch sorgt nur für Übergewicht und Bluthochdruck.

Ich schreibe total gerne und wenn ich Thomas Pynchon wäre, könnte ich auf die Seitenzahl einen Scheiß geben. Aber ich bin nicht Thomas Pynchon. Bei einem Umfang von 350 Seiten kann ich gut den Überblick behalten. Aber ich kürze den ersten Teil vorerst nicht. Wenn das Gesamtprojekt steht, werde ich mich darum noch einmal kümmern. Mir bleiben also ca. 150 Normseiten für den zweiten Teil.

Ich hatte den zweiten Teil schon einmal begonnen und habe inmitten der Arbeiten festgestellt, dass er in Richtung Räuberpistole abgleitet. Um den zweiten Teil überhaupt schreiben zu können, habe ich es als wichtig erachtet, mich mit der Vorgeschichte auseinander zu setzen. Warum ist Johanna Sommer in der Zukunft so wie sie ist, mit all ihren Marotten und Widersprüchen? Der Leser soll Johanne kennenlernen und sich mit ihr identifizieren können, bevor er ihr in die Antarktis folgt.

Nun sitze ich seit einer Woche vor einem Blatt weißem Papier. Der schrecklichste Moment, den es für einen Autor gibt. Ich könnte es mir einfach machen und Johanna Sommer kann jetzt drei Wochen in einem Hotel sitzen und an einem Romanmanuskript schreiben. Ha, ich habe sie beim Gähnen erwischt! Nicht schlimm, ich muss auch gähnen. Das will kein Mensch lesen.

Ich schildere noch einmal kurz das Setting für den zweiten Teil:

Die Welt ist in der Zukunft eine andere (Nein, nicht die neue Weltordnung und keine Reptilienmenschen und keine Elite, die kleine Kinder im Keller einer Pizzeria quält) Es ist nun einmal die Hochzeit der Dystopien und im Gegensatz zu den paranoiden Wutbürgen kann man als Autor immer noch die klassische ernst gemeinte Projektion der Gegenwart in die Zukunft betreiben, um die Aufmerksamkeit der Leser zu bekommen. Die Gesellschaftsordnung, wie wir sie kennen, wird es nicht mehr geben. Nach den Jahren des Chaos und der Unordnung sehnt man sich nach Ruhe und hat deswegen die Macht den Algorithmen überlassen. Zumindest nach außen hin. Im Prinzip ist es nur die digitale Version des Gottesstaates. Jegliche Macht überlässt man Gott. Da er aber nun einmal nicht direkt zu den Menschen spricht, haben die Menschen die Macht, die sich als Stellvertreter Gottes auf Erden verstehen. Es geht um Legitimation von Politik. Die Gefahr besteht in unserer Gegenwart, dass sie wegbricht. Die Demokratie wird als Katastrophe empfunden und daher sucht man nach anderen politischen Systemen. In der Zukunft wird der digitale Staat dem Menschen alles abnehmen und die Menschen geben gerne ihre Freiheit her, um vermeintlich in Ruhe leben zu können. 

Johanna Sommer wollte immer Schriftstellerin werden und ist nur Ghostwriterin geworden. Sie ist Teil des Systems geworden, indem sie oberflächliche Geschichten für einen Staat schreibt, der mit diesen Geschichten die Bürger ablenken will. Johanna hat immer davon geträumt, über Scotts Südpolexpedition zu schreiben. Sie ist fasziniert von der Antarktis und von der Person Robert Falcon Scott. Leider ist die Antarktis nicht mehr der unbekannte Kontinent, den Scott bei seinen Expeditionen erforschen wollte. Der Mensch konnte die Antarktis nie vollständig erobern. Aber alleine schon der Klimawandel hat die Antarktis zugesetzt. Außer Forschungsstationen gibt es keine menschlichen Siedlungen dort, auch nicht in der Zukunft. Es wird immer ein menschenfeindlicher Ort bleiben. Allerdings gibt es in der Zukunft Touristen in der Antarktis. Nachdem sie alle den Mount Everest bestiegen haben, wollen Sie bis zum Südpol rennen. Daher gibt es ein Hotel im MC-Murdo-Sund. Der MCMurdo-Sund war der Ausgangspunkt für Scotts Expeditionen und soll auch für Johanna der Ausgangspunkt sein, um ihren Roman zu schreiben. Sie ist dorthin geflüchtet, weil ihr der Staat nicht die Möglichkeit gibt, etwas anderes als den Müll zu schreiben, den sie sonst schreiben muss. Im Prinzip wird alles, was nicht vom Staat und den Algorithmen initiiert wird als staatsschädigend empfunden. Jede Abweichung von den Vorgaben führt zur sozialen Ächtung oder zu einer Bestrafung.

Jetzt sitzt sie da in ihrem Hotelzimmer und will schreiben…was soll aber da spannendes passieren? Meines Erachtens ist es ganz einfach. Der Staat und ihrem Leben in diesem Staat kann sie nicht entkommen. Auch in der Antarktis wird sie mit ihren Dämonen und deren Stellvertretern kämpfen müssen.

Aber wie soll man das möglichst spannend und mit dem entsprechenden Tiefgang erzählen? Diese Frage stelle ich meinem geneigten Publikum. Ich habe natürlich ein paar Ideen, aber ich möchte mich auch gerne mal inspirieren lassen. Wer also eine Idee hat, möge sie mir in die Kommentare schreiben. Ich nehme alle Hinweise auf und freue mich auf eine lebhafte Diskussion.

Is ja nich so als wäre ich faul gewesen….

….mein erster Beitrag in 2021. Drei Monate Abwesenheit: Was hat er die ganze Zeit über gemacht?

Ist ja nicht so, als wäre der Blog mein Leben. Da sind wir doch wieder beim Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Leben. Wer sich damit näher damit auseinandersetzen möchte, empfehle ich die Lektüre von Hannah Ahrendts Vita Activae. Frau Ahrendt hat sich da viele Gedanken drüber gemacht, sie sogar niedergeschrieben und wahrscheinlich damit sogar ihren Lebensunterhalt verdient.  Sie hat verstanden, dass der private und öffentliche Bereich im modernen Leben nicht einfach zu trennen ist und deswegen jetzt glauben alle, dass ich, weil ich mich nicht mehr in der Öffentlichkeit präsentiert habe, quasi untergetaucht war oder auf der faulen Haut gelegen habe.

Nee, dem war nicht so. Ich war ganz schön eingespannt und habe mich vollkommen auf mein literarisches Schaffen konzentriert. Ich habe zwei Romane korrigiert. Da kann ich mich nicht noch mit irgendwelchen sinnlosen Textabsonderungen beschäftigen, die ich in meiner kargen Freizeit produziert hätte, um meinem öffentlichen Dasein gerecht zu werden.

Aber jetzt bin ich fertig…völlig fertig und ausgelaugt…Roman Zwo ist aus meiner Sicht abgeschlossen. Die Fertigstellung habe ich ja schon in meinem letzten Beitrag abgefeiert. Vielleicht war ich da etwas voreilig. Die 262 Normseiten musste ich noch einmal nach Fehlern durchforsten. Viel habe ich nicht mehr gefunden. Was entweder daran liegt, dass ich mittlerweile jede Textstelle auswendig kenne und Fehler gar nicht mehr wahrnehme oder dass es einfach keine sichtbaren Fehler mehr gibt. Das heißt, der Text muss wohlwollend von anderen Menschen in Augenschein genommen werden. Es wird Zeit für das Lumpenlektorat, bestehend aus meiner Frau und hoffentlich ein paar anderen Lesern, die den Text einfach mal auf sich wirken lassen und mir ehrlich gemeinte Rückmeldungen geben. Das ist der masochistische Part am Romaneschreiben…wenn sie alle die Luft durch die Zahnreihen ziehen, kurz innehalten und mir verbal Schmerzen hinzufügen…ja weißt du, der Anfang ist ja richtig stark, ich konnte so richtig in die Geschichte eintauchen, aber der Rest, ich weiß nicht, ob du da dafür eine Zielgruppe findest. Ist schließlich ein schwieriges Thema. Die Leute wollen ja schließlich unterhalten werden. Was heißen soll: Wen interessiert das eigentlich, was du da geschrieben hast?

 Gestern habe ich ihn meiner Frau per Mail zukommen lassen und hoffe, dass sie ihn schnellstmöglich liest. Und falls noch andere sich als TestleserIn zur Verfügung stellen wollen: haltet Euch schon einmal bereit!!

In der Zwischenzeit werde ich wieder häufiger mich in der Öffentlichkeit zeigen und auch über die weitere Arbeit an Roman Drei berichten…..

Das Ende

Die Fertigstellung des Romans war schwieriger als gedacht. Das letzte Kapitel hat es noch einmal in sich gehabt. Die Grundidee war es, die Zukunft der Protagonisten zu beschreiben. Sie kommen von ihrer großen Reise zurück. Können sie sich wieder einordnen, ihr altes Leben wieder aufnehmen oder wird sich ihr Leben radikal ändern? Und hier teilt sich das bisher miteinander verbundene Schicksal der Helden. Der eine versucht sich sein altes Leben zurück zu erobern und der andere wird sein Leben radikal ändern. Sie werden sich aus den Augen verlieren. Während einer der Beiden eine Familie gründet, in eine andere Stadt zieht, ein Haus kauft, seine Söhne großzieht, scheint der andere einfach wie vom Erdboden verschluckt. Nach zehn Jahren gibt es einen Anlass, der sie wieder zusammenbringt. Der eine Protagonist macht sich auf die Suche nach dem Anderen und findet ihn. Soweit so gut! Wo ist die Pointe am Schluss?

Es soll ja Autoren geben, die einen Roman erst beginnen, wenn Sie den letzten Satz schon kennen. Das war noch nie mein Ding. Ich habe zwar in den letzten Jahren gelernt mit einem Plan ans Schreiben zu gehen. Doch um das Ende habe ich mich selten geschert. Manchmal ist der Schluss der Anfang (wie in Roman drei). Aber das ist die absolute Ausnahme. Manche Autoren betrachten es als Fehler, kein Ende parat zu haben. Ich sehe das anders. Trotz einem Plan brauche ich Spielraum für die Entwicklung der Geschichte. Manchmal ist es wichtig, dass Pläne offen genug sind, um andere Verläufe zuzulassen. Im Endeffekt ist die Zuspitzung auf das Ende wichtig, denn das Ende ist wie der Anfang eines Romans das Element, dass dem Leser auf jeden Fall in Erinnerung bleibt und sein Urteil über den Text stark beeinflusst. Mir fehlte die Pointe der Geschichte.

Ich kam bis an den Punkt, an dem sich die zwei Protagonisten nach zehn Jahren wiedersehen. Das sollte es gewesen sein? Eigentlich nicht. Irgendetwas Spannendes und Aufregendes muss am Ende passieren. Ein Ausrufezeichen, vielleicht auch ein Fragezeichen, irgendetwas mit dem der Leser überhaupt nicht gerechnet hat, ein letzter Überraschungsmoment, etwas, was den Atem stocken lässt. Jetzt treffen sich zwei Menschen nach zehn Jahren und erzählen sich ein wenig von Ihrem Leben. Wo soll da die Spannung herkommen? Lange musste ich darüber nachdenken. Ich habe munter weiter geschrieben und irgendwann war ich an den Punkt angelangt, an dem es nicht weiter geht, ohne das Ende zu wissen. Die Fertigstellung des Romans kam zum Erliegen. Mindestens zwei Wochen konnte ich kein Wort schreiben. Es ist mir einfach nichts eingefallen. Viele Varianten habe ich im Kopf durchgespielt. Alle schienen mir zu lasch und einfallslos zu sein. Letztendlich habe ich mir vorgenommen, verschiedene Versionen der letzten drei Seiten zu schreiben. Sich nicht festzulegen, sondern erst einmal spielerisch ausloten, was möglich ist, erwies sich als gute Idee. Das war mein Befreiungsschlag. Schon die erste Version hat das beste Ergebnis gebracht. Natürlich verrate ich hier nicht, was am Ende passiert. Aber nach drei weiteren Wochen war ich endlich fertig mit dem Text. Ich musste die letzten Seiten mehrmals überarbeiten. Beim Lesen habe ich sofort gemerkt, dass es durch das neue Ende mehrere Ungereimtheiten entstanden waren, die ich wegfeilen musste. Dann habe ich das Kapitel insgesamt noch einmal überarbeitet und nun bin ich fertig.

Aber ihr wißt ja, was das bedeutet….Jetzt fängt die Arbeit richtig an….mein Heimlektorat (meine Frau) muss den Text jetzt erst mal absegnen, dann suche ich Testleser….ist noch ein langer Weg. Ich werde berichten.

Endspurt

Im Sommer habe ich zum letzten Mal über die Revision meines zweiten Romans berichtet. In einer kleinen Lektion über das Schreiben habe ich mein eigenes Tun reflektiert und mit Ratschlägen an andere weniger geübte Autoren verbunden.

Seit dem ist es auf meinem Blog still geworden, gerade wenn es um mein eigentliches Thema, das Schreiben ging,  habe ich mich in Schweigen gehüllt (vielleicht hätte ich mich lieber in rosafarbene Seidentücher hüllen sollen).

Tja manchmal bekomme ich nicht alles unter einen Hut (so einen hätte ich auch noch aufziehen können, rosa Tücher, schwarzer Hut…), denn ich habe im letzten halben Jahr mein Zeitbudget darauf verwendet, meinen Roman von den Füßen auf den Kopf stellen (im Kopfstand, die rosa Tücher und der schwarze Hut halten sich nicht am Körper, scheiße aber auch). Nachdem ich lange mit einigen Kapiteln gekämpft habe, schreibe ich nun die letzten Seiten des letzten Kapitels.

Im Sommer und Herbst hatte ich noch einige Hürden zu überwinden. Besonders der Herbst war schwer für mich. Ich konnte zum Schreiben nicht mehr an meinem gewohnten Platz draußen im Garten sitzen. Das macht mich jedes Jahr fertig und lässt meine Motivation auf den Nullpunkt sinken. An meinem Stammplatz im Garten habe ich Ruhe, kann mich konzentrieren, bin raus aus dem Familientrubel, kann eine Pfeife oder Zigarre rauchen und einen Kaffee schlürfen. Perfekte Arbeitsbedingungen. Das überarbeitete Kapitel spielte im Sommer und es fiel mir einfach die Stimmung des zu Ende gehenden Sommers auf den Text zu übertragen. Ich war zufrieden mit mir und meiner Arbeit. Ich hatte gerade noch das letzte vorhandene Kapitel aus der ersten Version überarbeiten können und dann wurde es Herbst.

Das nächste Kapitel musste ich vollkommen neu aus dem Boden stampfen. Das Kapitel aus der ersten Version war so schlecht geschrieben, dass ich noch nicht einmal Fragmente für die zweite Version verwenden konnte. Der kalte Herbst zwang mich an meinem Schreibtisch in meinem kleinen Arbeitszimmer und ich hatte keine Idee für das vor mir liegende Kapitel.

Ich ging in Klausur und nahm mir vor zwei Wochen lang an dem Setting zu arbeiten. Ich wusste ja, worum es gehen sollte. In der ersten Version sollten sich jetzt Vater und Sohn gegenüber stehen. Damals entschied sich der Sohn bei seinem Vater zu bleiben. Sein Freund kehrte darauf hin nach Hause zurück. Bei meinen ersten Überlegungen, lange bevor ich an diese Stelle kam, war mir klar, dass das Bullshit war. Der Vater hatte seinem Sohn Unrecht angetan und auf der langen Reise musste der Sohn erkennen, dass er seinem Vater in manchen Dingen ähnlich war, er aber nicht wie sein Vater werden wollte. Also musste in der neuen Version der Sohn am Ende des Kapitels seinem Vater die Gefolgschaft versagen und wieder nach Hause zurückkehren. Das hatte natürlich Konsequenzen für die weitere Handlung im nächsten und letzten Kapitel. Beim Nachdenken fiel mir auf, dass sich für mich völlig neue Möglichkeiten ergaben, um die Handlung zu einer nachvollziehbaren Einheit verschmelzen zu können. Mir wurde klar, dass ich auch das letzte Kapitel vollkommen neu aufziehen musste.

Aber zurück zu meiner Klausur. Wenn mir nichts einfällt, mache ich ein kleines Brainstorming. Ich versuche zuerst zu überlegen, was ich mit dem Kapitel aussagen möchte. Oft helfen mir andere Bezugspunkte, Werke anderer Künstler, die sich schon an einer ähnlichen Thematik versucht haben.

Das Kapitel sollte in einer Art Warroom spielen. Ein Anführer sitzt in einem Raum und spricht mit Personen, die sich weit entfernt an einem anderen Ort befinden. Das Thema Videokonferenz ist allgegenwärtig und man sieht fast täglich in den Nachrichten Politiker, die vor Bildschirmen sitzen und über die Entfernung miteinander konferieren.

Ich saß ein Wochenende lang gelangweilt vor meinem Computerbildschirm, bohrte mir mit dem Bleistift in der Nase herum und hüpfte von einer Pornoseite zur nächsten. Zuerst liebäugelte ich andauernd mit einem ähnlichen Setting wie bei Kubricks Dr. Seltsam. Dort gibt es diese weltberühmte Warroomszene mit Peter Sellars im Rollstuhl als verrückten Wissenschaftler. Witzig aber viel zu altmodisch. Nachdem ich mehrere meiner Hirnwindungen mit meinen Hirnwinden aufgebläht hatte und ich meine Gedanken in Schleifen gelegt hatte, fiel mir ein Kunstwerk der letzten Dokumenta ein, das ich damals als sehr inspirierend empfand.  In einer alten unterirdischen Straßenbahnhaltestelle wurde die Installation von Michel Auder „The Course of Empire“ gezeigt. Es handelte sich um ungeordnet an die Wand gehängte Bildschirme auf denen unzählige verschiedenartige Szenen gezeigt wurden: Abbildungen von Kunstwerken, Filme über Naturkatastrophen, Gewaltszenen, pornographisches Material, Handynachrichten, Texte. Die Szenen schienen in keinem Zusammenhang zu stehen. Michel Auder bezog sich allerdings auf einen Gemäldezyklus von Thomas Cole, der sich wiederum auf einen Gedicht von George Berkeley bezog, das den Aufstieg und Fall eines Imperiums beschrieb.

Die Bezugspunkte gaben mir wieder einen neuen Spielraum. Die Mission des Vaters meiner Romanfigur bestand in der Zerstörung eines Imperiums und die Erschaffung eines neuen Imperiums. Ich zeigte also in dem Kapitel wie der Vater per Videokonferenz mit seinen Untergebenen über die Zerstörung des Imperiums sprach und sie gleichzeitig mit aktuellen Bildern über das Voranschreiten der Zerstörung durch Kriege, Naturkatastrophen und Gewalttaten gegen Mensch und Natur gefüttert wurden. Der Sohn sollte Zeuge dieser Konferenz der Destruktion werden. Der Vater wollte ihn von seiner Mission überzeugen und ihn zu seinem Nachfolger als Koordinator der Zerstörung küren. Der Sohn erschrickt über die Abartigkeit seines Vaters und enttarnt den Irrsinn dahinter, den der Vater schon lange nicht mehr erkennt. Am Schluss lehnt er das Erbe ab und flüchtet vor seinem eigenen Vater.

Die Idee habe ich kurz skizziert und mir überlegt, wie der Ort ausschauen könnte, an dem diese Videokonferenz des Grauens stattfinden könnte. Mit dem Setting bin ich in die Planung meines Dialoges zwischen Sohn und Vater gegangen. Der Dialog zwischen beiden ist der Dreh- und Angelpunkt des Kapitels. Am Ende muss stehen, dass der Sohn dem Vater alles vor die Füße wirft und ihm erklärt, dass er verrückt ist. Welche Botschaften wollen die beiden dem anderen überbringen? Welche Gefühle oder alte Verletzungen, welche Weltanschauungen und Traumata spielen eine Rolle? Manche Gefühle werden ausgesprochen, manche Gedanken werden laut gesagt. Eine ähnliche Vorbereitung zu meinem dritten Roman habe ich schon einmal anhand eines Interwievs hier im Blog vorgestellt. Erst als ich das Gefühl hatte, das die Stimmung passte, dass das angespannte Verhältnis zwischen Vater und Sohn deutlich wird, habe ich begonnen eine Handlung grob nieder zu schreiben. Das Kapitel sollte nicht lang sein. Auf der einen Seite ist da der Dialog zwischen Vater und Sohn. Aber die Handlung muss ja auch vorangetrieben werden. Also durfte es keine großen Ausflüge geben. Das Kapitel sollte dicht und griffig wirken. Im Prinzip wie eine Action-Szene im Film. Schnell, kurze Schnitte, wenig Gedöns und Obacht, natürlich stimmig in der Botschaft sein. Ob ich das geschafft habe, kann der geneigte Leser beurteilen, der irgendwann mal den Roman lesen darf. (Hatte ich schon gesagt, dass ich bald Testleser brauche! Interessiert?) Die Arbeit daran hat dann ungefähr sechs Wochen gedauert, von Planung bis Schreiben und Fertigstellung des Kapitels. Allerdings durch mein gezieltes Herangehen habe ich viel Zeit gespart und nach meinem Empfinden ist das Ergebnis wesentlich besser als der erste Versuch, den ich einfach ohne Planung aufs Papier gebracht habe.

Mir fehlen noch ca. zehn Seiten und dann werde ich das letzte Wort meines Romans geschrieben haben. Alle Romanautoren kennen dieses besondere Gefühl, wenn man am Ende eines langen Weges ankommt und nun sich alles wie von selbst zu einem großen und ganzen Werk zusammenfügt. Man hat es geschafft aus einer kleinen Idee einen ganzen Kosmos an Figuren und Geschichten zu erschaffen und das kann einem keiner mehr nehmen.

Es ist egal, ob ich einen Verlag finde oder sogar einen Leser, dieses von mir erschaffene Geschöpf erblickt nun bald das Licht dieser Welt….

Wie schreibt man einen Bestseller in zehn Tagen? Teil 2

Anschließend habe ich mich dem Kapitel gewidmet, das zur Bearbeitung anstand. Ich habe erst einmal versucht zu klären, worum es in dem Kapitel gehen soll. Dabei kam ein Motto zustande: Manchmal muss man die Dunkelheit ertragen, um die Wahrheit darin verbergen zu können.

In dem Kapitel geht es um die Reise zweier blinder Passagiere auf einem Containerschiff. Um nach Indien zu kommen, haben sie sich in einem Container einsperren lassen. Mein Protagonist und sein Freund reisen um die Welt, um den Vater des Freundes zu finden. Die beiden haben ein Geheimnis, das sie einander kettet. Die Freundschaft ist reine Fassade und die Beziehung besteht darin, dass sich beide gegenseitig benutzen oder demütigen, da jeder den anderen für die missliche Lage verantwortlich macht. Und jetzt sitzen sie in einem dunklen Container fest. Der Freund hat eine Stirnlampe und hockt auf den Vorräten. Mein Protagonist hat furchtbare Angst, die Überfahrt nicht zu überleben. Außerdem fürchtet er sich wahnsinnig vor der Dunkelheit.

Ich hatte erhebliche Probleme diese Situation zu beschreiben. Die alte Version war Teil eines sehr langen, verschachtelten Kapitels. Das Thema Angst vor der Dunkelheit, Angst vor der Enttarnung, Angst vor dem besten Freund ging in den vielen Teilaspekten mehrerer Geschichten unter. Dabei stellte sich der Gebrauch der indirekten Rede als absolutes Hindernis heraus. Einer der ersten Überlegung war es, dieses eine Kapitel in direkter Rede zu verfassen, um den besonderen Charakter des Kapitels zu betonen und andererseits den beiden Freunden einen echten Dialog zu ermöglichen.

In allen anderen Kapiteln nutze ich die indirekte Rede, um die subjektive Sicht des Ich-Erzählers, meines Protagonistens, noch zu verstärken. Im Containerkapitel sollte die Gegenposition des Freundes sichtbar werden, sie sollte aus der dunklen Ecke der Subjektivität ans Tageslicht gezerrt werden.

Das ganze Buch über wird wenig geredet. Der Protagonist und sein Freund sprechen nicht viel miteinander. Sie schweigen sich an. Der eine misstraut dem anderen. Im Container müssen sie sich auf sich gegenseitig verlassen können. Um überleben zu können, müssen sie miteinander reden. Mein Held kann die Dunkelheit nur ertragen, weil ihm die Stimme seines Freundes aus der Einsamkeit herausreißt. Der Einsatz der indirekten Rede hätte in dieser Situation nur gestört.

 Also habe ich als zweiten Schritt einen Übungsdialog geschrieben. Einen ziemlich langen und ausführlichen Dialog über fast zwanzig Normseiten. Ich habe sie sich gegenseitig Fragen stellen lassen, jeder konnte seine Ängste und seine Wut formulieren. Sie konnten die Reise bis zu dem Stadium rekapitulieren und sich die Bälle zuspielen.

Beim Schreiben des Dialoges kam der Spaß am Text wieder. Ich hatte die Monotonie der vorherigen Kapitel durchbrochen, weil ich mich nicht mehr an meinen straffen Formalismus gehalten habe.

Mit dem Übungsdialog bekam ich die Chance meine zwei Hauptfiguren neu zu entdecken. Bisher gab der Protagonist als Ich-Erzähler das Bild seines Freundes vor. Er hat in sein Handeln und seine Worte etwas hineininterpretiert (gerade durch die indirekte Rede). Ich selbst als Autor wusste nicht mehr, wie der Freund wirklich tickt.

Der Leser kann meiner Freude am Schreiben hoffentlich folgen. Sollte er doch eine Vielschichtigkeit und Tiefe bei den Hauptpersonen erkennen, die vorher durch die Subjektivität nicht unbedingt erkennbar war.

Als ich den Dialog fertig hatte, hatte ich parallel aus den späteren Kapiteln viele Traumsequenzen herausgeschnitten. Die Träume waren abscheulich dumm, törichte Schnipsel einer wenig glaubhaften Psyche. Eine Traumsequenz fand ich aber sehr passend. Sprachlich war sie viel zu überfrachtet mit Beschreibungen und am Ende mit dummen brutalen Ausführungen, die höchstens als Effekthascherei durchgingen.  Der Traum spielte in einem Freibad. Ich fand in dem Element Wasser eine Verbindung zwischen Freibad und der Fahrt auf einem Containerschiff. Ich stellte die Traumszene am Schluss, konnte sie mir doch helfen, den Dialog genau dorthin zu treiben. Am Anfang ist der Dialog sehr klar und nach und nach weicht er ins Wahnhafte aus. Meinem Protagonisten ist nicht mehr klar, ob er schläft oder wach ist und ob er wirklich noch mit seinem Freund redet. Das Kapitel endet mit einem Knall und lässt dadurch viel Raum zum Anknüpfen (bei Fernsehserien spricht man, glaube ich, von Cliffhängern.)

Nun habe ich den Beginn für die alles entscheidenden letzten Kapitel geschrieben und kann von dort aus den Text auf das alles bestimmende Ereignis als Höhepunkt zuspitzen.

Also liebe AutorInnen, nicht aufgeben, zur Seite treten und sich eine Übung überlegen, um den Bewegungsablauf zu trainieren. Einen Roman absolviert man wie einen Marathon. Man trainiert und trainiert, feilt an der Technik und der Ausdauer und irgendwann läuft man mühelos die ganze Strecke.

Wie schreibt man einen Bestseller in zehn Tagen?

Also habe ich den Rest des Textes gelesen und ihn nach interessanten Stellen durchforstet. Ich habe die Kapitel neu geordnet und den Rest wieder einmal weggeworfen. Als der Ballast schon einmal zu Boden fiel, konnte mein Hirn wieder besser arbeiten.

Es gibt genügend Blogs, die sich darauf spezialisiert haben, kluge Ratschläge über das Schreiben zu erteilen. Viel Vorschläge gleichen mathematische Formeln. Man muss nur die Variablen der Gleichungen mit Wörtern füllen und hinten kommt ein toller Roman raus. Die wirkliche Textarbeit und was sich an Gedankenarbeit dahinter verbirgt, wird selten thematisiert. Ich will vermitteln, welche Instrumente und Möglichkeiten jeder Autor hat, um abseits des eigentlichen Werkes, die Qualität seiner Texte bewusst zu beeinflussen.  Denn jeder halbwegs begabter Autor hat die Chance sich weiter zu entwickeln und seinen eigenen Schreibstil auszubilden

Es ist mit dem Schreiben manchmal wie mit dem Ausüben einer Sportart. Man wird in seiner Disziplin nur gut werden, wenn man spezielle Teilfähigkeiten übt und trainiert.

  Roman Zwo überarbeite ich seit letztem Herbst. Meinem Ziel, das Wortmonster in ein kleines flauschiges Literaturhäschen zu verwandeln, bin ich ein gutes Stück näher gekommen. Ich bin mit dem Vorsatz angetreten, die Seitenzahl zu halbieren und aus jedem Kapitel eine elegante Kurzgeschichte zu machen. Ich habe mich in den letzten Monaten häufig selbst überrascht. Mit jedem Satz, den ich ausgemerzt habe, mit jeder spannungstötenden Information, die ich getilgt habe, näherte ich mich meiner Idealvorstellung eines Textes an, die auch potentiellen Lesern gefallen könnte. Ich habe mich auf ein paar wichtige Elemente konzentriert und das komplexe Beiwerk, das wie Unkraut den Text überwucherte, einfach entfernt.

Bis jetzt war ich mit meiner Arbeit zufrieden. Bis jetzt…Dann kam die Erschöpfung. Bei der Bearbeitung des vorletzten Kapitels klang jedes Wort mit einem Mal inhaltsleer und blechern. Die Euphorie der letzten Monate erstarb. Ich konnte ein Kapitel noch zu Ende bringen, schlug das neue Kapitel auf und spürte eine Leere im Kopf, die mich beinahe dazu gezwungen hätte, mit dem Projekt aufzuhören.

Ich habe keine Schreibblockade, denn ich lebe nicht vom Schreiben. Es ist eine Leidenschaft, die ich brauche, um meinem Leben einen Sinn zu geben. Aber ich muss nicht schreiben, um damit Geld zu verdienen. Schreibblockaden entstehen meines Erachtens, weil der Druck auf einen Autor zu groß wird. Er soll etwas produzieren und wird damit zum Unternehmer, der sich den Anforderungen eines Marktes unterwirft. Er muss etwas erschaffen, um im Geschäft zu bleiben. Davon bin ich weit entfernt. Ich kann es mir leisten, das Schreiben als intellektuelle selbstreferenzielle Genugtuung zu betrachten. Ich muss keinen Content produzieren, den ein Verlag oder Literaturagent und letztendlich der Konsument von mir einfordert.

Wenn ich nicht schreibe, verkommt mein Denken. Mein Kopf ist dann leer. Bewusste Schreibpausen können helfen. In dem Fall wollte ich keine Schreibpause einlegen. Es hätte an meinen Nerven gezehrt. Für ein paar Wochen habe ich geglaubt, ich müsste Roman drei anstatt der Überarbeitung von Roman zwo weiter schreiben. Konnte ich aber nicht, weil Roman Zwo mich immer wieder beschäftigt hätte.

Was habe ich getan, um mein nervöse Autorenherz zu beruhigen. Ich habe zwei Wochen lang nachgedacht. Eher beiläufig habe ich mich mit dem Text beschäftigt. Ich habe immer mal die Wortdatei geöffnet, habe herumgescrollt und einige Textstellen überflogen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich nicht weiterkomme, weil ich den letzten Teil des Romanes, den ich ja jetzt bei der Bearbeitung vor der Brust habe, schon in der ersten Version schrecklich fand. Ich bin immer mehr ins Phantastische abgeglitten und habe viele wichtige Stellen des Textes mit der Schilderung grobschlächtiger Brutalität verunstaltet.  Diese unsägliche Melange hat den Roman endgültig für Leser unattraktiv werden lassen.

Um einen Spannungsbogen zu schaffen, wollte ich den Leser langsam an den Höhepunkt heranführen. Da er sich seinen traumatischen Erlebnissen niemals gestellt hat, bedrängt ihn seine Vergangenheit in schrecklichen Alpträumen. Am Ende kamen plumpe und aufdringliche Sätze heraus, mit denen ich dem Thema und meinem Protagonisten noch mehr Leid hinzugefügt habe.

SCHREIBE DEINE ROMANE WIE DEINE KURZGESCHICHTEN – TEIL 2

Eine irre Aufforderung. Wie jeder weiß ist eine Kurzgeschichte eine völlig andere Literaturgattung als ein Roman und anderen Regeln unterworfen. Mir hat diese Aufforderung in meiner sehr speziellen Situation sehr viel gebracht, hat sie mich doch daran erinnert, dass Literatur von der Verknappung lebt. Das wichtigste Merkmal einer Kurzgeschichte ist nun mal die Reduktion auf wenige prägnante Ereignisse, Handlungen und Figuren. Ich habe bisher Monstren erschaffen, fast nicht lesbare Wortskulpturen, die leider nicht so außergewöhnlich sind, dass sie eine eigene Kunstform darstellen können. Im Prinzip habe ich viel Wortmüll produziert, immer in dem Glauben, der Leser müsse alle Informationen habe.

Nun habe ich eine dieser Wortskulpturen vor mir liegen: mein zweiter Roman mit über 500 Normseiten. Jedem, dem ich die Story erzähle, sagt: „och klingt spannend“ Trotzdem legen es alle nach ein oder zwei Seiten weg. Meine Frau hatte sich geweigert, mehr als die ersten zehn Seiten zu lesen und nachdem ich niemanden gefunden hatte, der Hand an den Roman legen wollte und mir eine anständige Rückmeldung geben wollte, habe ich das Projekt aufgegeben.

Erst durch Zufall und einem Gespräch an einem launigen Sommerabend kam es ans Tageslicht. Ich hatte mittlerweile begriffen, dass das alles zu viel ist und meine Frau ja Recht hatte, als sie sich vor ein paar Jahren weigerte, das Buch zu lesen.

Die Story ist mir zu wichtig, um sie liegen zu lassen. Also hatte ich mir einen Plan ersonnen, den Text neu zu ordnen und daraus einen gut lesbaren spannenden Text zu machen. Ich bin ein Mensch, der Regeln braucht, die manchmal etwas krass klingen mögen, mir helfen, eine Änderung meines Verhaltens herbeizuführen. Hier hieß die Regel: Jedes Kapitel muss mindestens um die Hälfte gekürzt werden.

Der erste Versuch fällt schwer. Von vielen meines Erachtens guten Textstellen wollte ich mich auch unter Androhung roher Gewalt nicht trennen.

Meine Frau nahm sich das erste Kapitel vor und hat als Testleserin sofort einige inhaltliche und stilistische Fehler gefunden.

Ich war der Meinung, den Text interessant zu gestalten, in dem ich die einzelnen Handlungsstränge ineinander verschachtele. Kann man vielleicht einen Blumentopf bei irgendwelchen Literaturnerds gewinnen, aber auch nur wenn man es wirklich beherrscht. Meine Frau konnte den einzelnen Handlungen gar nicht folgen, weil sie vieles nicht eindeutig zuordnen konnte. Zu was gehört nun der Absatz und warum macht jetzt der das, da hat er eben noch was ganz anderes gemacht. Das erste Kapitel strotzte vor Handlungslöchern und Anschlussfehlern.

Zudem erkannte sie sofort, dass ich im ersten Kapitel viel zu viele Handlungsstränge und Personen anreiße und aufzeige. Viel besser ist es, sich auf wenige Personen und ein oder zwei Handlungsstränge zu konzentrieren. Bei mir ging es einerseits um die Lebenskrise der Hauptperson, die seinen Vater finden möchte. Dann ging es um den besten Freund, mit dem er ein Geheimnis teilt, dann um die Hochzeit der Hauptperson, die nun gefährdet war, aber das war sie eigentlich schon die ganze Zeit, da seine zukünftige Ehefrau auch ihre eigenen Probleme hatte, weil ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben kam, aber da war noch die Mutter der Hauptperson, die natürlich nicht wollte, dass er den Vater findet, da der Vater einfach abgehauen war und sie wie den letzten Dreck behandelt hatte und dann war da noch ein Aufzug und viel blablabla.

Die dritte Auffälligkeit drehte sich um meine Art die Charaktere zu beschreiben. Ich hatte anscheinend das Gefühl, der Leser könne ohne ausschweifende langatmige psychologische tiefergehende Ursache-Wirkungs-Analysen das Wesen meiner Charaktere nicht verstehen. Dabei reichen ein oder zwei kleine Anekdoten oder eine Beschreibung einer Person oder einer Handlung, um die Person einzuführen und für den Leser begreifbar zu machen.

Zudem litt ich an der typischen Bandwurmsatzkrankheit. Anstatt Beschreibungen und Handlungen in kleine Häppchen zu teilen, habe ich immer versucht alles in einen Satz zu quetschen. Natürlich gibt es Autoren, die das können und damit ihre Leser verzaubern. Bei mir ist es eine Unart. Lieber mehrere Sätze formen aus Subjekt, Prädikat, Objekt anstatt mit einer Ansammlung von adjektiven und adverbialen Beschreibungen und unzähligen Parenthesen den ganzen Lesefluss zu zerstören und für den Leser die Nachvollziehbarkeit des Inhaltes zu zerstören.

Das waren die vier Auffälligkeiten, die circa dreiviertel des Textes zu einem unlesbaren Konglomerat an Wörtern machte. Es gab noch andere Auffälligkeiten, aber die fallen unter die üblichen Denk- und Flüchtigkeitsfehler, die jeder Autor macht. Das ist mir bei der Arbeit auch aufgefallen. Kein Autor sollte meinen, er habe die Pflicht einen fehlerfreien Text abzuliefern. Das gibt es nicht. Alle machen Fehler!

In stundenlangen sommerlichen Diskussionsrunden hat meine Frau meinen Text zerfleddert. Ich brauchte einige Glas Wein, um es aushalten zu können. Schließlich tat es mir anfangs fast körperlich weh, dass jemand mein in jahrelanger Arbeit entstandenes Werk in Stücke haut.

Der Prozess war sehr heilsam. Danach ging ich an die Arbeit und habe Stück für Stück den Text entkernt. Schwups war das erste Kapitel nur noch halb so lang und es las sich wirklich wie eine meiner Kurzgeschichten.

Das waren aber erst das erste Kapitel und der erste Schritt in die richtige Richtung. Natürlich frage ich mich, was mir bei der Arbeit an allen anderen Kapiteln noch an Bearbeitungspotentialen begegnet und inwieweit meine Frau mich als Testleserin und kritische Lektorin mich begleiten kann.

SCHREIBE ROMANE WIE KURZGESCHICHTEN

Lange habe ich mich mit dem ersten Teil meines Romanprojektes über Johanna Sommer herumgeschlagen. Diesen Sommer habe ich genutzt, um den 1. Teil in einer endgültigen Rohfassung zu beenden. Darunter hat auch mein Blog gelitten. Ich war in die Arbeit am Text vertieft und habe jede freie Minute genutzt, um konzentriert arbeiten zu können. Mit der ersten vollständigen Rohfassung ist noch nicht einmal ein Drittel der Arbeit erledigt. Diese Fassung stellt erst einmal ein Gerüst der Handlung dar, mit der ich einigermaßen leben kann. Ich muss jetzt diesen Text weglegen. Wenn ich mich jetzt weiter damit beschäftige, werde ich den Blick für die Fehler und die Dissonanzen verlieren. In dieser Phase klebe ich noch an jedem Wort, das ich geschrieben habe. Dabei ist es wichtig, bei der weiteren Bearbeitung loslassen zu können. Eines steht jetzt schon fest: Der Text ist viel zu lang. In dem Text stecken zu viele Details, die ich brauche, um selbst zu verstehen, wohin die Reise gehen soll. Ein potentieller Leser wird diese Version schnell weglegen.

In den letzten Jahren habe ich eine wichtige Tatsache begriffen: Ein Text ist nur gut, wenn er das erzählt, was er nicht erzählt. Ein guter Text lebt von Weglassungen, Leerstellen, unsichtbaren Fragezeichen, von der Kraft des Nichts. Warum liest man? Weil man seine Phantasie die Bilder produzieren lassen will, die eine gute Geschichte in einem hervorruft. Die Aufgabe des Autors ist es, den Leser mit seinem Text nur anzufüttern. Der Leser soll die Chance haben, die Welt des Autors zu seiner eigenen zu machen, sie mit seiner Phantasie zu entdecken und zu erleben. Wenn ich den Leser mit Informationen vollstopfe, hat er keine Chance seine eigene Geschichte zu sehen.

Ich nutzte diese Schreibpausen, die ich ein halbes Jahr lang dauern lasse, um etwas völlig anderes zu machen. Meist sind es zufällige Projekte, die mir geradeso über den Weg laufen. Diesmal hat sich etwas ergeben, an das ich schon lange gedacht habe. Mein zweiter Roman war schnell in der Schublade verschwunden. Niemand wollte ihn lesen. Mittlerweile weiß ich, dass es ganz alleine am meinem Text lag. Irgendwann hat es mich geärgert, dass er einfach so von allen Seiten abgelehnt wurde. Also habe ich ihn abgehakt. Trotzdem hat mich die Verärgerung über die Ablehnung in mir gegärt.

Meine Frau hat mal nach einer Lektüre einer Kurzgeschichte, die ich für einen Wettbewerb geschrieben habe, zu mir gesagt, ich solle doch meine Romane wie meine Kurzgeschichten schreiben. Meine Kurzgeschichten sind profan gesagt kurz und knackig. Ich achte darauf, kein Wort zu viel zu schreiben und ich überarbeite sie so oft, bis ich das Gefühl habe, dass alles aus einem Guss ist. Wenn ich am Schluss Überarbeitungsprozess noch etwas verändern würde, geriete der ganze Text aus seinen Fugen, weil alles perfekt ineinander passt.

Schon vor meinem dritten Romanprojekt habe ich mir vorgenommen, meine Romane so lange zu bearbeiten bis ich dieses Gefühl habe, dass der Text aus einem Guss ist.

Nun habe ich die Chance mit meinem zweiten Roman genauso zu verfahren.