In die Tonne kloppen….

Lange habe ich in meinem Blog nicht mehr über mein Romanprojekt geschrieben. Am Anfang handelte mein Blog nur von diesem Projekt. Im Laufe der Zeit ist er Roman als Blogthema vollkommen in den Hintergrund getreten. Das heißt allerdings nicht, dass ich an dem Roman nicht mehr weiter gearbeitet habe. Im Gegenteil: die ersten ca. 155 Normseiten liegen mittlerweile als Rohfassung vor.

Zum letzten Mal habe ich über meinen Roman an dieser Stelle berichtet, als ich verzweifelt versucht habe, mir mit einem Exposee über den Inhalt des Romans einen Überblick zu verschaffen. Ich wollte das Exposee meiner Frau zum Lesen geben. Henni hat es monatelang vor sich her geschoben und es einfach nicht gelesen. Ich war ziemlich sauer und habe dann nach Monaten das Exposee noch einmal in die Hand genommen. Hätte ich daraus einen Romantext entwickelt, wäre mein Projekt sehr schnell gescheitert. Ich hatte mir eine Räuberpistole mit einer Handlung zum Fortlaufen ausgedacht. Viel zu platt, viel zu unausgegoren.  Ich hatte einen sehr starken Schwerpunkt auf die Dystopie gelegt. Das Leben im Jahre 2029, in einer autoritären Weltgesellschaft, die von einer gierigen Elite geführt wird, sollte als Hintergrund für meine Geschichte dienen. Ich hatte meine Hauptperson zu einer bekannten Autorin ernannt, die im staatlichen Auftrag ein Buch über Scott und die Südpolexpedition schreiben soll. Warum sollte ein Staat einen Autor beauftragen, gerade darüber ein Buch zu schreiben? Erste unüberwindbare Hürde. Ich konstruierte einen weit hergeholten Grund, der schon den Anfang der Geschichte vollkommen unglaubwürdig werden ließ. Die Hauptperson, Alethea Cumberland, wird in die Antarktis in die Einsamkeit geschickt und soll dort ihr Buch schreiben. Ihr missfällt der Auftrag. Sie gerät dort zwischen die Fronten des autoritären Staates und des Widerstandes und am Ende stirbt sie nach einer Verfolgungsjagd im ewigen Eis. Würden sie so etwas lesen? Ich auf keinen Fall. Bücher, die man nicht selbst liest, sollte man nicht schreiben.

Monatelang habe ich mir den Kopf zerbrochen. Ein Grundübel lag für mich im Setting. Die politische Situation in der Zukunft sollte weiterhin den Hintergrund für die Geschichte bilden. Aber warum eine Weltgesellschaft? Ich muss davon ausgehen, dass in der Zukunft es wieder vermehrt um Abgrenzung durch vermeintlich starke Nationalstaaten kommt.

Das andere Grundübel war die Motivation der Hauptfigur, einen Roman über Scott und seine Südpolexpedition zu schreiben. Ich habe die Geschichte einfach umgedreht. Die Figur Alethea Cumberland habe ich ganz schnell sterben lassen. Die Hauptfigur ist die ganze Zeit über Johanna Sommer, die sich im Sturm der Zeiten versucht über Wasser zu halten.  Deswegen ist Johanna auch keine bekannte Schriftstellerin, sondern eine Ghostwriterin, die für eine große deutsche Autorin Fantasy-Geschichten schreiben muss. Es ist ihr Job und ihren Job mag sie nicht. Sie träumt seit ihrer Kindheit davon, eine Schriftstellerin zu werden und ein Buch über Robert Falcon Scott zu schreiben. Sie entschließt sich, ihre Kindheitsträume zu verwirklichen und nimmt sich dafür drei Wochen Urlaub, den sie im einzigen Luxushotel in Antarktis verbringen möchte, um in der Abgeschiedenheit, der eisigen Einöde, sich inspirieren zu lassen.

Mit dieser Veränderung hat sich alles plötzlich besser angefühlt. Mein Widerwillen beim Schreiben und Lesen meiner ersten Entwürfe und der Exposees waren auf einmal verschwunden. Es ergaben sich nun ganz andere Konstellationen, die den Plot weniger konstruiert haben wirken lassen und mir mehr Freiraum gaben, um an den Figuren und Handlungen detaillierter zu arbeiten.

Natürlich hatte es zur Folge, alles noch einmal neu zu denken. Davor sollte man als Autor niemals zurückschrecken. Lieber noch einmal von vorne beginnen, anstatt sich mit einem verkorksten Text, der nicht mehr zu retten, seine kostbare Zeit zu verplempern. Der Knoten war geplatzt und es hat riesen Spaß gemacht, den ursprünglichen Text in die Tonne zu kloppen. Ich konnte befreit von vorne anfangen.

 

 

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Exposè

Ein Exposé zu schreiben ist mir immer schwer gefallen. Einerseits, weil es einen Roman auf das wesentlichste reduziert, anderseits, weil ich es immer nach Fertigstellung des Romans geschrieben habe. Ein grundlegender Fehler, den ich mit dem meinem neuen Werk nicht noch einmal machen wollte. Natürlich gibt es einen Unterschied, ob ich ein Exposé schreibe, um die Handlungsstränge zu modellieren oder ob ich mich damit bei einem Verlag bewerben will. In diesem Fall war es dann doch eher eine Bewerbung. Schließlich wollte ich meine schärfste Kritikerin beeindrucken. Ich habe vier Monate daran gefeilt. Erst dann fühlte es sich gut an. Und das ist erst einmal die Diskussionsgrundlage. D.h. nachdem Henni es gelesen hat, werden wir sehen, was davon aufrecht zu erhalten ist. Zwischendurch drängte sich mir die Ansicht auf, ich schreibe einen Agententhriller. Das ist das Problem beim Exposé. Man schreibt reine Handlungsstränge auf und weiß im Endeffekt nicht, wie man es mit Leben erfüllt. Es ist vergleichbar mit einem Drehbuch. Wenn ich Drehbücher von bekannten Filmen lese, denke ich immer, das da was fehlt. Es ist nur das Handlungsgerüst, höchstens noch die Dialogvorgabe. Die Inszenierung passiert an anderer Stelle. Man braucht erst einmal einen Fahrplan. Mein Fahrplan ist jetzt fertig und schlummert auf einem USB-Stick. Ich hoffe, Henni nimmt sich bald die Zeit und liest diese fünf Seiten. Ich freue mich auf ihre Rückmeldung. Es ist das erste Mal bei einem meiner Projekte, das ich bei der Entstehung die Hilfe eines anderen in Anspruch nehme. Ich denke, das zahlt sich aus. Bis sie sich meinem Exposé gewidmet hat, werde ich mich anderer Dinge widmen. Wie z.B. der Entwicklung des Dialogs zwischen Shaw und Cherry-Garrard. Dafür ist viel Vorarbeit nötig. Im Augenblick arbeite ich daran, diese Vorarbeit in ein kleines Zwischenprojekt zu packen und mich von dem ursprünglichen Projekt zu lösen.

 

Wie, du weißt nicht, wie die Geschichte weiter geht!?

Nachdem Henni meine dritte Version gelesen hatte, entstand eine neue Diskussion. Ich konnte Henni nicht wirklich erklären, worum es in der Geschichte eigentlich ging. Ich konnte ihr nicht plausibel die Zusammenhänge zwischen Figuren und ihren Taten erläutern.

Literarischen Sinn ergibt sich nur, wenn eine handelnde Person ein Motiv für ihr Handeln hat und literarisch interessant wird es erst, wenn mehrere handelnde Personen mit verschiedenen  Motiven aufeinandertreffen. Und lesbar wird es erst, wenn es eine eindeutige Kausalkette gibt, die niemals abreißt. Viele schlechte Texte scheitern nicht an fehlenden sprachlichen Mitteln, sondern an mangelnder Kohärenz in ihren Kausalketten. 

Henni hat mich ertappt. Z.B. konnte ich nicht erklären, warum Alethea ein Roman über Scott schreiben will. Klar habe ich mir ein Motiv konstruiert. Sofia hat ihr es nahegelegt einen historischen Roman zu schreiben, um im Subtext eine politische Botschaft zu schreiben. Was für ein Quark. Alethea hat noch nie einen historischen Roman geschrieben. Ihre Leser erwarten von ihr Fantasygeschichten. Ihre Auftraggeber, eine staatliche Stelle, wird ihr das nicht erlauben, weil sie Angst hätten, dass sie daran scheitert, weil sie um die Fähigkeit ihrer Autorin wissen. Gleichzeitig braucht Alethea den Erfolg, um in der sozialen Hierarchie aufsteigen zu können. Sie kann es sich nicht leisten, auf eigene Faust ihren Stil zu ändern. Sie ist auf Gedeih und Verderb auf das Wohlwollen der staatlichen Stellen angewiesen und hat gar keinen Freiraum, um Sofias blöden Ideen zu folgen.

 Ich habe die ursprüngliche Idee meiner Frau vorgestellt und sie hat mir meine Kausalkette sofort zerlegt und gezeigt, dass sie in das Nichts einer schlechten Geschichte führt. Ich spürte, was mir fehlt: Ein Exposé. Ich musste mir erst einmal selbst klar machen, wohin meine Geschichte führt. Die Handlungsstränge mussten logisch sein und klar die Motive der handelnden Personen erkennen lassen. Mit einem Exposé ist das möglich. Vor allem kann ich die Kausalketten immer wieder bearbeiten. Wenn ich einen Roman schreibe und ich stelle mittendrin fest, dass es dringenden Änderungsbedarf gibt, kann man das Ruder kaum noch herumreißen.

 

Spielverderber

Zwei Wochen im Sommer haben wir in der Toskana verbracht. Inmitten einer träumerischen Landschaft, sanften Hügeln, milden Gelbtönen von Ocker bis Sand, flirrendem Sonnenlicht, mittelalterliche Ansichten und Weinberge bis an den Horizont. Die meiste Zeit des Tages haben wir inmitten einer stillen Waldidylle auf einer überdachten Terrasse unseres Ferienhauses verbracht. Die Ruhe habe ich genutzt, um weiter an meinem Roman zu arbeiten. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr weiter zu kommen und habe das erste Kapitel Henni zum Lesen gegeben. Meine Frau hat ein ambivalentes Verhältnis zum meinem literarischen Schaffen. Gerade am Anfang unserer Beziehung schien es mir, als übe die Tatsache, dass sie einen Kerl kennt, der nicht nur ein Buch liest, sondern auch welche schreibt, einen gewissen Reiz auf sie aus. Damals hatten wir in jeder freien Minute eine Buch oder eine Zeitung in der Hand. Es gibt Fotos aus unserer Anfangszeiten, wo wir beide still versunken in unserer Lektüre am Frühstückstisch sitzen. Das ist echte Liebe. Und da fangen ja immer die Probleme an. Schreiben kostet Zeit. Autoren sind Eigenbrötler und wenn sie Schreiben, wollen sie dabei nicht gestört werden. Also musste Henni meine mürrischen Abweisungen in meinen Arbeitsphasen ertragen. Sie wurde zum Opfer meiner egomanischen Schreiborgien. Leider war das Ergebnis nicht so, dass sie das hätte verschmerzen können. Wäre es mein Beruf und ich könnte damit die Familie ernähren, wäre ihr meine Abwesenheit während meiner Anwesenheit am Laptop egal. Leider ist es immer ein für alle Seiten unbefriedigendes Hobby geblieben. Deswegen ist es schwer, von ihr Anerkennung zu bekommen. Das letzte Lob erhielt ich von ihr, als meine Kurzgeschichte in der epubli-Anthologie erschienen war. Euphorie sah übrigens anders aus.

 Jetzt hatte sie mein erstes Kapitel gelesen und abends, es war schon die Sonne hinter den Hügeln verschwunden, äußerte sie ihre vernichtende Kritik. Meine Romane seien unlesbar. Sie seien nach ihrer Ansicht viel zu aufwändig erzählt. Man könne der Geschichte nicht folgen. Ich erklärte viel zu viel. Der Leser brauche viele Leerstellen, die seine Phantasie anregen und nicht ständig psychologische Ausführungen, warum einer etwas mache. Ich könne meine Romane eigentlich verbrennen. Sie seien absolut sinnbefreit. Aber meine Kurzgeschichten seien sehr gut. Ich solle entweder nur Kurzgeschichten schreiben oder Romane, die wie meine Kurzgeschichten sind. Nach der Kritik trank ich mein Glas Chianti sehr schnell aus und formulierte angefressen meine Gegenkritik. Menschen, die selbst einen hohen intellektuellen Anspruch an sich haben (dabei ist es egal, ob sie ihn erfüllen können oder nicht) reagieren bei der leisesten Kritik wie eine beleidigte Leberwurst und versuchen den Kritiker jegliche Kenntnis der Materie abzusprechen. Meine Frau ist an der Stelle ziemlich mitleidslos. Es prallt alles an ihr ab. Sie lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. Also müsste ich nach dem Genuss einer halben Flasche Wein begreifen, dass ich selbst eine Flasche bin. Ich war ziemlich beleidigt und reagierte die nächsten Tage sehr eingedrückt, bis ich begriff, dass sie es gut mit mir meinte und nur das Beste aus mir heraus holen wollte. Ich nahm mir ihre Kritik zu Herzen und schrieb innerhalb weniger Tage die dritte Version des ersten Kapitels. Ich ging mit ihr Abschnitt für Abschnitt durch und sie fand es akzeptabel. Ich hatte mich auf die wesentlichen Elemente der Erzählung konzentriert und alles Überflüssige mit der Löschtaste aus meinem Roman heraus gekickt. Unter der Prämisse, dass der Leser neugierig werden soll, weil er nur Andeutungen erhält, habe ich meine sehr ausschweifenden Ausführungen über den Ökostaat und dessen Struktur herausgeworfen. Auch habe ich den langatmigen Abschnitt über Aletheas Entwicklung zur Schriftstellerin entfernt. Darin waren auch Äußerungen über die Geschehnisse, die zur Entstehung der Gesellschaftsform führten, enthalten. Ich habe viel Platz verwendet, um zu erzählen, wie Alethea mit der offiziell nicht existenten Madenopposition in Berührung kommt. Diesen Teil werden ich noch einmal aufarbeiten müssen. Dabei ist die Begegnung von elementarer Bedeutung, denn sie ist Teil der Dramaturgie. Allerdings sollte ich es nicht wie eine Räuberpistole schreiben. Auch beim letzten Teil, den Besuch bei Sofia, werde ich mir noch etwas einfallen lassen müssen, um es in den Rahmen der Geschichte besser einpassen zu können.  

 

Neuanfang

Ich habe von nochmals ca. 35 Seiten geschrieben. Das erste Kapitel ist damit grundsätzlich in einer ersten verwertbaren Form abgeschlossen. Die in den vorherigen Beiträgen dargestellten Kritikpunkte konnte ich zum großen Teil in das neue erste Kapitel einarbeiten. Ich denke, dass ich einen besseren Ton gefunden habe, um Alethea über sich sprechen zu lassen. Sie als Ich-Erzählerin berichten zu lassen, fühlt sich für mich sehr gut an, obwohl ich anfangs immer wieder in eine  andere  Perspektive zurück gefallen bin. Mittlerweile verstehe ich sie, kann ihr zuhören, nehme die Fäden auf, wie sie sie vorgibt. Alleine durch ihre Beschreibungen finde ich Anknüpfungspunkte, um die Story voran zu treiben. Auch die anderen Figuren, Dr. Malinowski und Sofia haben jetzt mehr Substanz. Damit sind die ersten Schritte zu einem kompletten Roman gemacht und trotzdem bleibt das erste Kapitel nur eine Arbeitsvorlage. Ich habe wie ein Bildhauer die ersten überschüssigen Stellen aus dem Felsen herausgehauen und habe trotzdem nicht mehr als eine Form heraus gearbeitet, die mir die Möglichkeit gibt, mich zu orientieren.

 

 

Falsch angefangen

Ich habe 32 Normseiten geschrieben. Zum ersten Mal schreibe ich von Anfang an im Normseitenformat. Somit kann ich den Umfang des Romans abschätzen. Ich will keinen Wälzer schreiben. Mein erster Roman gestaltete sich zu ausufernd und weil ich damals kein Ende fand, lege ich mir seither eine Selbstbeschränkung von maximal dreihundert bis vierhundert Normseiten auf. Fünfhundert oder mehr Seiten kann ich nicht im Zaum halten. Zudem hat das Auswirkung auf die Vermarktung. Selten werden Debüts mit tausend Seiten verlegt. Diese Selbstbeschränkung hilft mir auch in sprachlicher Hinsicht. Ich muss mir eine Sprachweise überlegen, die sinnvoll verknappt.

 Ich hatte ja bei meiner Untersuchung der Sprachstile herausgefunden, dass ein Icherzähler auf subjektive Art und Weise die Geschichte schildert. Für die Ebene der Zukunft passt das hervorragend. Für die anderen Ebenen nutze ich einen allwissenden Erzähler, der eine Objektivität vortäuscht, die nicht wirklich gegeben ist. Somit wird auch die Trennung der Ebene am Anfang deutlich. Der Leser soll glauben, dass es um drei verschiedene Geschichten geht, die keine Berührungspunkte haben.

 Nach 32 Normseiten habe ich festgestellt, dass ich weder aus der Ich- noch aus einer subjektiven Perspektive heraus geschrieben habe. Ich kann noch einmal von vorne anfangen. Ich mag den Text auch nicht lesen, weil er mir schmerzlich klar macht, dass ich die richtige Sprache noch nicht gefunden habe.

Hier ein Beispiel:

Wenn ihr nichts einfällt und sie unter Druck steht, glaubt sie zu verstehen, wie sich ihr Vater sein ganzes Leben lang gefühlt haben muss. Für sie sind es kurze Phasen. In zwei Minuten spätestens werden mindestens drei kluge Ideen aus ihrem Hirn sprühen. Deswegen wollte sie Autorin werden. Sie war angewiesen auf die Veränderung, auf die Aufgaben, die man ihr stellt. Sie konnte ihre Klugheit anwenden und wie einen Brunnen neu anzapfen. Sie wusste, dass der Brunnen versiegt, wenn sie ihn nicht ständig anzapft. Sie wusste aber auch, dass der Grundwasserspiegel sich spätestens nach einem Dürrejahr senkte und den Brunnen für immer trocken legte. 

 Wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich ausgedörrt. Es gab keinen Regen mehr, keine Niederschläge auf Papier. Nur Ideen voller Esprit, keine Geschichten mehr. Sie tröstete sich damit, dass wenn der eine Brunnen versiegte, sie einfach einen neuen bohrten könnte.

 

Das klingt weder geschmeidig, noch schlüssig. Die Bilder sind unpassend. Die Sätze sind zu voluminös und beschreiben fast nichts. Dabei muss durch Sprache und Textgestaltung zum Ausdruck gebracht werden, dass der Druck, der auf Alethea lastet, sie fast zerreißt. Sie sitzt einsam und hilflos in der Einöde und weiß nicht, wie sie ihr Vorhaben umsetzen soll, obwohl   ihre gesamte Existenz mit dem Vorhaben verknüpft ist.

Der Inhalt des ersten Kapitels

Soll ich mich jetzt darüber auslassen, wie wichtig das erste Kapitel für den Erfolg eines Romans ist? Diesen Allgemeinplatz kann ich ohne weiteres unter den Tisch fallen lassen. Wer liest ein Buch weiter, wenn der Anfang öde und langweilig ist? Niemand! Und trotzdem setzen viele Autoren im ersten Kapitel zum schriftstellerischen Selbstmord an. Meines Erachtens muss das erste Kapitel einen griffigen Einstieg in die Geschichte bieten. Man darf sich nicht lange mit verbalen Ausschweifungen aufhalten. Der Leser soll erst einmal verstehen, worum es überhaupt geht. Er möchte die Hauptpersonen kennenlernen und ihr Probleme, dass man in dem Buch behandeln will. Der Leser wird sich tödlich langweilen, wenn ich am Anfang das ganze Pulver verschieße und er am Ende des Kapitels schon das Ende des Buches erahnt. Man kann den Roman mit einer Explosion oder heftigen Paukenschlägen beginnen oder man schleicht sich allmählich an das Thema heran, wie eine Wildkatze an seine Beute. Trotzdem müssen am Ende die Hühner gesattelt sein, mit denen man in den Sonnenuntergang reiten möchte.

Wie sieht mein erstes Kapitel aus? Alethea Cumberland hat es in das Luxushotel in der Antarktis verschlagen. Wir erfahren, dass sie eine bekannte Schriftstellerin ist, die mit Fantasyromanen populär geworden ist. Sie soll im staatlichen Auftrag ein Buch über Scotts Südpolexpedition schreiben und ahnt, dass sie daran scheitern wird. Ich mache den Lesern mit der Gesellschaftsordnung der Zukunft bekannt und beschreibe Aletheas gesellschaftliche Stellung als Emporkömmling. Alethea erfährt erst am Morgen nach der Ankunft, dass sie der einzige Gast im Hotel ist. Beim Frühstück stellt sich ihr Dr. Malinowski vor. Er ist der Hoteldirektor und lebt seit fünfundzwanzig Jahren in der Forschungsstation. Er versucht Alethea zu unterhalten und sie bei Laune zu halten. Sie besuchen gemeinsam Scotts Hütte und Alethea berichtet ihm, welchen Auftrag sie hat. Malinowski ist begeistert, weil er die Geschehnisse um Scott sehr genau studiert hat und bietet ihr seine Hilfe an. Im Rückblick gewähre ich dem Leser Einblick in die Vorgeschichte zu Aletheas Aufenthalt am Südpol. Vorher ist sie zweimal einem Anführer der Madenopposition begegnet, der sie aufgefordert hat, sich am politischen Umsturz zu beteiligen. Zudem hat ihre älteste und einzige Freundin

Sofia dazu aufgefordert, auf die Avancen der Opposition einzugehen. Denn sie hat als berühmte Schriftstellerin eine politische Verantwortung. Um sie zu bestärken, schenkt sie ihr eine Autobiographie von George Bernhard Shaw.

1925 vs. 2029

Häufig ähneln sich gesellschaftliche Entwicklungen unterschiedlicher Epochen ähneln. Autoritäre Gesellschaftsstrukturen mit  starren Klassenstrukturen, die sich nach Faktoren wie Herkunft, Status, Eigentum richten, galten oft genug als Standard. Im Gegensatz dazu stehen die liberalen Gesellschaftsordnungen, die die Bildung von Klassen vermeidet und dementsprechend nach allen Richtungen durchlässig sind. Die letztere Gesellschaftsordnung scheint aus unserer heutigen Sicht das Ideal zu sein. Trotzdem erleben wir gerade im Moment, wie die autoritären Strukturen für viele Menschen anscheinend einen gewissen Reiz ausüben. Man spricht von Elitenbildung, von starken Persönlichkeiten, die wissen, wie der Hase läuft und das man denen doch Politik und Wirtschaft überlassen sollte, weil sie das ganze Chaos der Globalisierung beseitigen werden. Die Forderung nach einer starken Elite ist nicht nur in Europa en Vogue und das obwohl nach dem zweiten Weltkrieg alles dafür getan wurde, um separatistische antidemokratische Gesellschaftsstrukturen zu vermeiden.

Der große Unterschied zwischen 1925 und 2029 ist, dass die Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung genau entgegengesetzt verläuft. Man erlebt zwischen den Kriegen ein allgemeines Aufatmen, eine Abkehr von autoritären Herrschaftsformen und beginnt sogar fünfzehn Jahre später den absoluten Endkampf gegen die ausgearteten faschistischen Regime mit ihrem Führerprinzip, die nichts anderes darstellen als eine moderne Übertreibung von absoluter Herrschaft und Klassengesellschaft. In 2029 ist man im Verlauf der letzten dreißig Jahren weltweit genau in diese Kerbe hineingerutscht. Die herrschenden Subjekte einer globalen Gesellschaft setzen alles auf eine utilitaristische Ökonomisierung des Zusammenlebens und ernten dafür eine Elitengesellschaft mit autoritäre Zügen, die dafür sorgt, dass ein Großteil der Menschen in eine wirtschaftliche Abhängigkeit geraten, die kaum Fluchtmöglichkeiten bietet. Natürlich für die Undurchlässigkeit der einzelnen Klassen zu  einem degenerativen Stillstand sozialer Entwicklung. Gerade dieser große Unterschied, die Zeit des Aufbruchs vs. die Zeit des Stillstandes gibt mir als Autor die Chance den Rückgriff auf die Vergangenheit zu wagen, um zu zeigen, was der Zukunft fehlt. Shaw als Bote der Vergangenheit mit seinem ausgeprägten politischen Bewusstsein, der erkennt, dass Gesellschaft sich evolutionär zum Besseren entwickeln kann, in dem jeder am politischen Leben teilnimmt, kann den Unterschied zur politisch unbewussten Alethea deutlich werden lassen, die sich in die autoritären Strukturen einordnet und deren Generation die Teilhabe an Politik gar nicht mehr kennt. Insbesondere ist das für mich als Autor möglich, da beide eine Parallele in ihrer Herkunft aufweisen. Durch das wirtschaftliche Scheitern ihrer Väter haben sie den sozialen Abstieg erlebt. Bei Shaw wie Alethea ist ihr Leben darauf ausgerichtet, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf wieder heraus zu ziehen. Shaw allerdings indem er gegen den Mainstream arbeitet und Alethea indem sie sich anpasst. Alleine daraus ergibt sich die Reibung, die ich brauche, um meine Intention für den Leser sichtbar zu machen.

 

Großbritannien im Jahr 1925

Der Zeitraum zwischen den Weltkriegen war voller Widersprüche und wechselhafter Entwicklungen. Die europäischen Großnationen hatten mit den Vereinigten Staaten einen neuen Konkurrenten bekommen. Die Wirtschaftskraft der USA nahm in diesen Jahren sprunghaft zu. Auf vielen Gebieten überflügelte die USA die erfolgsgewohnten europäischen Siegermächte und teilweise wurden sie abhängig von den USA. Zudem beobachtete man misstrauisch die russische Revolution und das Heranwachsen eines neuen Staatsmodelles. Zusätzlich hatte man die ehemalige Großmacht Deutschland als Kriegsverlierer ausgemacht. Deutschland sollte die Schuld für den Krieg übernehmen. Allerdings brauchte man das Deutsche Reich als Puffer zwischen Ost und West und als Handelspartner.  Die Euphorie der Sieger Frankreich und Großbritannien verpuffte, als man erkannte, dass der Sieg über das Deutsche Reich sich nicht auszahlte. Bis Kriegsende verfügte in beiden Staaten das Militär über sehr viel Macht und hatten dementsprechend Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen. Nachdem Krieg gab es in beiden Staaten starke pazifistische Strömungen, die darauf ausgerichtet waren, erneute Kriege zu verhindern, anstatt sie als Mittel der Staatsführung zu sehen. Ein weiterer Faktor war, dass Franzosen wie Briten erkennen mussten, dass ihre Kolonien ihnen nicht ewig als Ressourcenbeschaffer zu Verfügung stehen würden. In der Mitte der zwanziger Jahre war die wirtschaftliche Situation in Großbritannien noch gut. Man hatte in den Jahren davor einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, von dem viele Menschen profitieren konnten.

 Die letzten dreißig bis vierzig Jahre in Großbritannien waren geprägt von der Industrialisierung, von dem sozialen Aufstieg der Arbeiter und des Bürgertums, also von grundlegenden Änderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Shaw war zum Zeitpunkt der Gespräche mit Cherry-Garrard ungefähr sechzig Jahre alt. Er war in Irland groß geworden, seine Familie war gescheitert, sein Vater hatte als Geschäftsmann versagt und seine Mutter war nach London geflohen. Er hatte noch eine andere Zeit erlebt, als der soziale Aufstieg für Menschen aus armen Verhältnissen kaum möglich war und es einen großen Unterschied zwischen Arm und Reich gab. Cherry-Garrard war zu dem Zeitpunkt der Gespräche mit Shaw in seinen Enddreißigern. Er kommt aus einer anderen Generation und auch aus einem anderen sozialen Umfeld. Sein Vater hatte beim Militär Karriere gemacht, hatte in den Kolonien gekämpft. Die Familie gehörte zur viktorianischen Mittelschicht. Cherry-Garrard war als Kind schüchtern und zurückhaltend und wollte seinem Vater nacheifern, der als junger Mann einen abenteuerlichen Lebensstil gepflegt hatte. Cherry-Garrard hatte im ersten Weltkrieg als Offizier gedient und aus gesundheitlichen Gründen wurde er schnell aussortiert. Cherry-Garrard war 1925 ein gebrochener Mann, der am Ende der Scott-Expedition seinen Verstand verloren hat und mit seinem Schicksal haderte. Shaw hatte sich während des Krieges mit einem pazifistischen Aufsatz unbeliebt gemacht und seine Karriere als Autor aufs Spiel gesetzt. Erst als er den 1925 den Nobelpreis erhielt, bekam er in seiner Heimat die nötige Anerkennung als Autor.

Die Welt im Jahre 2029

Es gilt nun die verschiedenen sozialen Systeme der Ebene Alethea und Shaw Cherry-Garrard zu erforschen, um ihre Gemeinsamkeiten heraus arbeiten zu können. Die gesellschaftlichen Zustände, die in der Ebene Jo Sommer herrschen, habe ich an anderer Stelle ausgiebig dargestellt

 Beginnen wir mit der Zukunft im Jahre 2029: Das soziale Gefüge beruht auf Trennung anstatt Solidarität. Jeder Mensch bekommt zu Beginn seines Lebens eine monetäre Schuld aufgebrummt, die seine Schuld gegenüber der Gesellschaft darstellt und die er im Laufe seines Lebens abarbeiten muss. Jeder Bürger fängt mit den gleichen Schuldenstand an. Durch das erwirtschaftete Einkommen, durch ererbtes Vermögen, also durch Geldleistung kann jeder seine Schuld nach und nach tilgen. Wer von Geburt an in wohlhabenden Verhältnissen lebt, wird seine Schuld sofort tilgen können, derjenige, der in Armut groß wird, hat wenige Chancen die Tilgung seiner Schulden zu erreichen. Dadurch sind drei Kasten entstanden, die mehr oder weniger nebeneinander existieren und die wenige Berührungspunkte haben. Es gibt die Elite, der Geldadel, der schon vor Generationen seinen Reichtum angehäuft hat, die Mächtigen, Banker, Industrielle, dazu gehören die Emporkömmlinge, die durch Zufall und Glück von den unteren Schichten aufgestiegen sind. Sie dienen oft als Alibi für die Elite, die anhand der Existenz der Emporkömmlinge zeigen kann, dass das Kastensystem durchlässig ist. Die Elite stellt in der Bevölkerung nur einen kleinen Anteil. Der weitaus größere Anteil wird von den sogenannten Maden gestellt. Dies sind die gewöhnlichen Arbeitnehmer, deren einziges Ziel ist, ihr Schuldenkonto schnellstmöglich abzuarbeiten. Ihre Chance, irgendwann zur Elite zu gehören, ist illusorisch gering und da alle um diesen Umstand wissen, agieren die meisten Maden wie die Hamster im Hamsterrad. Sie arbeiten Tag und Nacht, haben kaum Zeit, um ihren eigenen Interessen zu folgen und sind grundsätzlich ohne politisches Bewusstsein. Durch den Druck, der auf ihnen lastet, sind viele von ihnen psychisch ausgezehrt, wenn nicht sogar krank und viele neigen dazu, latent aggressiv zu sein. Das Bildungssystem beruht auf der Vereinzelung. Den Maden wird in der Schule beigebracht, dass sie nur die Tilgung ihres Schuldenkontos im Augen haben sollen und deswegen sich auf ihr berufliches Weiterkommen konzentrieren sollen. Fraternisierung mit Gleichgesinnten gilt als verpönt. Man misstraut dem Nachbarn und verhält sich gegenüber anderen gleichgültig oder abweisend. Liebesbeziehungen gelten als altmodisch. Sexualität und Fortpflanzung ist ökonomisiert worden. D.h. man bezahlt für eine Dienstleistung und geht keine langfristigen freiwilligen Beziehungen ein. Eigentlich sind alle sozialen Lebensweisen mit Dienstleistungen verknüpft, die bezahlt werden müssen.

 In der dritten Kaste sammeln sich alle Personen, die in dem System der Maden nicht mitmachen wollen oder nicht mitmachen können. Die Ausgestoßenen möchten sich von ihren Pflichten gegenüber der Gesellschaft befreien. Allerdings haben sie keine Möglichkeit ihrer Schuldenrückführung zu entkommen. Insofern sind sie darauf angewiesen, in irgendeiner Art und Weise ein Einkommen zu generieren. Entgegen den Maden haben sie verstanden, dass ein Überleben nur möglich ist, wenn man sich mit Gleichgesinnten zusammenschließt. Das heißt nicht, dass sie politisch organisiert sind. Sie leben zumeist in kleinen Kommunen abseits der Städte und versuchen durch einen hohen Grad an Selbstversorgung sich eine kleine Freiheit zu verschaffen. Sie werden von den Behörden geduldet, weil sie für ein geringes Einkommen den Maden als Dienstleister zu Verfügung stehen, also sich um ihre Kinder kümmern, Sex mit ihnen haben oder abends gemeinsam mit ihnen Fernsehen schauen. Obwohl sie sich von der Gesellschaft lösen wollen, sind sie Teil des Systems. Der Staat wird gelenkt von der Heiligen Dreifaltigkeit: Gesellschaft, Staat und Arbeitgeber. Es ist eine anonyme Struktur der Macht, die sich nur in ihren Vertretern zur erkennen gibt und die für die Menschen nicht greifbar ist. Es gibt keine grundsätzlich diktatorische Struktur, es gibt keine autoritäre Führung, die sich als Inhaber der staatlichen Gewalt aufspielt. Es gibt nur noch scheindemokratische Teilhabe der Menschen am Staat. Wahlen haben nicht die Funktion, den Bürger seine Geltung als Souverän zu verschaffen, sondern sie dienen dazu, den Menschen das Gefühl zu geben, sie hätten die Möglichkeit etwas zu bestimmen. Dabei bestimmt die anonyme Heilige Dreifaltigkeit die Geschicke eines Staates. Grundsätzlich hat sich durch die ökonomische Verknüpfung ein globales politisches System etabliert, dass eher dynamisch funktioniert und sich nicht an der Idee der Nationalstaaten orientiert. Wirtschaftlichkeit und Effizienz prägen politisches Handeln. Ethische Grundsätze sind nicht mehr maßgebend für politische Entscheidungen. Da der Einzelne sich selbst überlassen ist, gibt es auch aus der Bevölkerung wenige Bestrebungen an politischen Entscheidungen zu zweifeln. Das Denken der Internet-Generation, dass alles dazu dient die Welt besser zu machen und diese Maxime sich auf rein positivistisches und materialistisches Weltbild stützt, hat sich endgültig durchgesetzt. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde hat sich als lästiges Übel überlebt, weil sie der Schaffung eines perfekten Menschen, der nur den wirtschaftlichen Nutzen als einzige normative Kraft anerkennt, im Wege steht. Dazu gehört, dass die technische Entwicklung sich nicht ins unendliche fortgepflanzt hat, sondern auf dem Status von 2015 stehen geblieben ist. Man hat sich in eine Sackgasse manövriert und das politische System verhindert Innovationen und Weiterentwicklung, weil die Menschen keine Zeit haben, um neue Visionen zu entwickeln.

 Alethea Cumberland gehört durch ihre Herkunft eigentlich zu den Maden. Sie schickt sich an in die Kaste der Emporkömmlinge hinein zu wachsen. Sie hat ihr einziges Talent genutzt, um ihr Schuldenkonto in absehbarer Zeit ausgleichen zu können und danach Vermögenswerte anzuhäufen. Dazu gehört allerdings, dass sie weiterhin erfolgreich ist. Ein Fehltritt, ein Flop und sie fängt wieder von vorne an. Alethea profitiert von ihrer Popularität und genießt einige Privilegien der Elitären. Doch der Druck auf sie ist groß. Dementsprechend steckt hinter ihrer Arroganz ein Stück Unsicherheit und Nervosität. Zudem gibt es genug Menschen, die ihr mistrauen, weil sie durch ihre individuelle Kreativität vorangekommen ist und dies nicht zur utilitaristischen Vorstellung von ökonomischem Erfolg passt.