Buchmesse Frankfurt – bei zweiten Mal tut es nicht mehr weh – 3. Teil

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 Frau Nefe, Frau Mayer, Herr Minkmar

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VR für Bücherwürmer

Henni und die beiden Mädchen kamen heran geeilt und liefen quasi ohne anzuhalten zum Arte-Stand. Ich schlürfte erst einmal in aller Ruhe meinen heißen Kaffee. Eigentlich war die Buchmesse hier für mich vorbei. Die meisten Veranstaltungen auf meiner Liste hatte ich verpasst. Meine Füße taten mir weh, ich hatte Hunger und war müde. Der letzte Schluck Kaffee schien besonders viel Koffein zu beinhalten. Ich raffte mich auf und fand neue Energie für den zweiten Teil des Buchmessetages. Ich irrte zum Arte-Stand. Meine Familie war schon weiter geeilt. Kurz blieb ich stehen. Ein etwas aufgeregter Moderator brüllte eine Geschichte über Theo Sarrazin heraus, die er damit endete, dass er lustvoll Theo Sarrazin als Arschloch bezeichnete. Mag ja sein, dass es ein Arschloch ist, aber muss man ihn in der Öffentlichkeit als solches bezeichnen? Die Rechten aller Prägung scheinen nicht nur das rote Tuch, sondern auch der inoffizielle braune Faden dieser Buchmesse zu sein. Ein paar Meter weiter am Dumontstand finde ich meine Familie wieder. Dort liegt der neue Hollebeque aus. Ich will das Buch anfassen und durchblättern und bemerke, dass alle Exemplare noch eingepackt sind. Entweder man will Neugierde schüren und aus dem Inhalt ein Geheimnis machen oder irgendein Praktikant hat vergessen beim Auslegen der Bücher die Folie zu entfernen.

Eigentlich wollte ich zur Leseinsel der unabhängigen Verlage, die sich in 4.1 befindet. Allerdings wird dort auch nur gebrüllt. Auf der Leseinsel versucht jemand zu erklären, wie die Rechten (brauner Faden) Werbung für sich vereinnahmen. Der Referent am Nachbarstand kann auch nur brüllend seinen Vortrag halten und so entsteht an der Leseinsel ein komisches Bild: Ein junger, schicker und schillernde Typ, der lässig und geschmeidig halb auf seinem Stuhl liegt, brüllt in sein Mikro, um den Nachbarn zu übertönen. So etwas halten meine Nerven nicht aus.

Wir denken, dass es in 4.1 nichts mehr entdecken gibt und finden im letzten Gang die Arts+-Ausstellung. Hier präsentieren sich der TASCHEN-Verlag, andere Kunstbuchverlage und Künstler. Dort finde ich einen Band über Stanley Kubricks Archiv, dass ich mir unbedingt kaufen sollte. Um die Ecke stehen in einer Reihe Kinderautomaten, kleine Autos und Motorräder. Auf den Geräten sitzen Erwachsene, die alle eine Virtual-Reality-Brille tragen. Meine beiden großen Töchter wollen in die virtuelle Welt tauschen. Sie sitzen auf den Automaten, verdrehen die Köpfe, wackeln unruhig hin und her und meine kleine Tochter winkt ins Nichts. Menschen mit VR-Brillen sehen aus wie blinde Idioten, die avantgardistische Tänze belgischer Choreographen aufführen. Meine Töchter sind ganz begeistert. Sie waren für kurze Zeit in Amsterdam und haben von einer Kracht aus das Ufer beobachtet.

Zurück in der wirklichen Realität machen wir uns auf den Weg zum Frankreich-Pavillon. Meine Frau hatte in Ebay-Kleinanzeigen ein altes Bett und unseren alten Kinderwagen verkauft. Sie hat uns versprochen, dass wir den Verkaufserlös gut investieren. Im Frankreich-Pavillon sollte es eine Brasserie geben und der Gedanke war es, dort in hoffentlich ruhiger Umgebung französische Backwaren und einen Kaffee zu genießen. Leider war da nicht viel. Es gab belegte Baguettes (z.B. mit eine Pastete von Stopfleberenten, wäh!), Suppe und Eclairs. Wir bestellten zwei Stück. Dazu gab es starken cafe américain.  Der Pavillon des Gastgeberlandes befindet sich immer in der zweiten Etage des Forums. Letztes Jahr war der Saal abgedunkelt und an der eigentlichen Fensterfront hatte man einen Blick vom niederländischen Strand auf die Nordsee imaginiert. Der Frankreich-Pavillon dagegen ist lichterfüllt. Man hat unzählige Holzregale als Wände aufgebaut und präsentiert dazwischen unzählige Themen rund um die französische Literatur. In den Regalen stellte man abertausende Bände französischer Literatur zu Verfügung, die zum Stöbern einladen sollten. Weil es zwischen den Holzregalen sehr eng war, haben wir uns hinter der Bar an der Fensterfront postiert. Jule hatte sich einen Barhocker geschnappt und etwas abseits von uns ihren Eclairs gefuttert. Ich ging auf den Balkon, um die Sonne zu genießen und auf den Platz zu schauen, der inmitten der Messehallen liegt.  Vor dem Signierzelt stapelten sich die Menschen. Dort unten in dem Signierzelt saß eine amerikanische Bestsellerautorin, um im Akkord ihre Schmachtschinken abzuzeichnen. Ich ging wieder rein und kaum hatte ich den letzten Schluck Kaffee getrunken, beauftragte mich meine Frau unseren jüngsten auf die Toilette zu bugsieren, um ihn eine neue Windel zu verpassen.  Eine Sekunde später hatte ich alle drei Kinder am Jackenzipfel hängen. Das mag in anderen Hallen kein Problem sein, weil es dort auf jeder Ebene mindestens vier oder fünf Toiletten gibt. Im Forum gibt es allerdings nur einen Aufzug und eine Toilette, die sich im Keller befindet. Es dauert gefühlt eine halbe Ewigkeit bis man diese erreicht. Als wir zurückkamen, gab es vor dem Pavillon auch eine erhebliche Menschenansammlung. Ein französischer Autor, der mir nicht bekannt war, hatte die Aufgabe seinem hauptsächlich weiblichen Publikum seinen Namen in ihre Buchexemplare zu kritzeln. Mittlerweile fand ich die Buchmesse sehr anstrengend. Insbesondere da Henni sich ein wenig in den Pavillon verloren hatte und nicht mehr rausfinden wollte. Aufgrund ihrer guten Französischkenntnisse konnte sie die ganzen Inschriften, Tafeln und Filmvorführungen verstehen. Ich dagegen war einfach ständig drei Kinder am Suchen, die mehr oder minder ziellos durch die Regalgänge irrten.

Als ich sie endlich aus dem Labyrinth heraus  an dem französischen Autor und seiner Kundschaft vorbei geführt hatte, liefen wir in die Halle 3.1. Es war schon nach vier und die Haale leerten sich allmählich. Wir schlenderten durch den Rohwolt-Stand. Es ist ein ziemliches sinnloses Unterfangen vom Verlagspersonal so etwas wie ein Lächeln zu erhalten. Das ist gelebte Arroganz der Kreativen und darin sollte man sie nur bestärken. Von weitem den neuen Roman von Daniel Kehlmann, der wie letztes Jahr eher in der Präsentation verschwindet. Man hat ja noch genug andere Bestseller.

Um siebzehn Uhr beginnt unser letzter Event. Auf dem kleinen Podium des Spiegelverlags wird das Buch der drei Journalistinnen Elke Schmitter, Christiane Grefe und Susanne Mayer „Was tun – Demokratie versteht sich nicht von selbst“ verhandelt. Frau Grefe und Frau Mayer sind vor Ort und werden von Nils Minkmar, Spiegel-Redakteur, interviewt. Die beiden Damen haben eine engagierte Haltung zur Demokratie und ihre Begeisterung für die Demokratie spornt an. Insbesondere sind sie der Kontrapunkt der Geschehnisse, die fast zur gleichen Zeit in der gleichen Messehalle ein paar Gänge weiter für Aufregung gesorgt haben. Aber davon haben wir während unseres Aufenthaltes auf der Buchmesse nichts mitbekommen. Erst auf dem Rückweg habe ich die Schlagzeile vernommen, dass Herr Höcke ein paar Meter seinen Auftritt hatte und es zum Eklat kam (hoffentlich hat er wieder erzählt, dass wir wieder alle männlicher werden müssen. Lächerlich geht’s nimmer). Frau Sargnagel hatte übrigens recht: Am nächsten Tag hat sich Herr Höcke beschwert, dass die anwesenden Sicherheitskräfte ihn nicht genügend vor den linken Aktivisten geschützt hätte. Wenn das mal keine Inszenierung als Opfer ist! Frau Mayer, eine wohl sehr erfahrene Journalistin, die sich wunderbar mit Handfläche auf dem Brustkorb echauffieren kann, hat eine Faible für Großbritannien. Sie berichtet über den Brexit und das dies der Auslöser für das Buch gewesen sei. In Großbritannien habe die rechte Boulevardpresse des Herrn Murdoch jahrelang offensiv Stimmung gegen Europa gemacht. Die Politiker sahen sich entweder gezwungen, sich dem Thema zu widmen, um die Wähler nicht zu verlieren oder sie haben die Situation schamlos ausgenutzt haben, um sich zu profilieren (Sie zielte insbesondere auf Boris Johnson ab). Sie war überrascht, wie viele Menschen in ihrem Umfeld, die ansonsten an Politik interessiert sind, das Geschehnis um den Brexit abgetan haben oder auch es gar nicht realisiert haben, was dort geschehen sei. Frau Nefe lächelte ab und zu mal in unsere Richtung und betrachtete unseren Sohn, den ich mit meinem Iphone für ein Augenblick ablenken konnte (er drückt und schiebt mit den Fingern und freut sich, wenn er nach mehrfacher Falscheingabe meines Codes mein Handy deaktiviert hat). Dann legt sie los und erzählt über ihren Anteil an dem Buch. Sie ist weitaus zurückhaltender und wirkt nur Anfangs weniger kämpferisch als Frau Mayer. In dem Buch hat sie einen Aufsatz über Parteien geschrieben. Es ging ihr darum, deutlich zu machen, dass Parteien kein Auslaufmodell sind, sondern eine wichtige Funktion innerhalb unseres bewährten parlamentarischen Systems haben und nicht das Problem die Parteien an sich sind, sondern dass diese Organisationen oft nicht wissen, wie sie Menschen für sich begeistern können. Deswegen ruft sie dazu auf, dass man sich aktiv in Parteien engagieren soll. „Suchen sie sich die Partei, mit deren Zielen sie sich am ehesten identifizieren können!“, ruft sie aus und ich denke nach. Ich könnte zu den Grünen gehen. Kann ich mich am meisten mit identifizieren. Allerdings haben die in den letzten zwei Jahren bei Brückenlauf in Wetzlar jedes Mal als Verpflegung (für eine Strecke von 2 Kilometer) Wasser in Plastikbechern verteilt und die leeren Plastikbecher lagen dann in der letzten Runde überall verteilt auf dem Kopfsteinpflaster der Altstadt verteilt. Da habe ich mich wahnsinnig darüber aufgeregt. Wie kann man sich als ökologisch orientierte Partei bei einer der seltenen sichtbaren Auftritte in der Stadt mit der Verteilung von Plastikbechern profilieren wollen? Mein Sohn reicht mir mein Handy und ich muss es wieder entsperren, sonst wird er ungeduldig. Der Vortrag ist nach einer halben Stunde vorbei und wir machen uns auf dem Heimweg. Wir irren noch ein wenig durch die mittlerweile leere Halle. Viele Aussteller packen zusammen. Viele Stände sind schon nicht mehr besetzt. Meine Kinder lassen sich am Lego-Stand noch mit einem Lego-Ninja fotografieren und danach entwischen wir durch den Ausgang Ost, fahren mit dem Bus zum völlig entvölkerten Parkhaus und sind innerhalb von zehn Minuten auf der Autobahn. Meine Frau bestellt noch eine Pizza auf der Heimfahrt. Irgendwie müssen wir ja unsere Ebay-Einkommen geschickt investieren. Wir fahren in die Dämmerung und meine Frau zieht Fazit: “Naja, weiß nicht!“

Damit ist alles gesagt. Es beschreibt nicht nur unseren erschöpften Zustand, sondern auch den Zustand eines Landes, das sich politisch gerade in die falsche Richtung bewegt. Und leider wurde die Buchmesse nicht nur von einem braunen Faden umwoben, sondern man merkt, dass sich viele Autoren und Journalisten an dem Thema abarbeiten und den politischen Diskurs suchen, aber an der Lust zum Krawall und destruktiven Provokation der rechten Brandstifter verzweifeln.

So fahren wir auf der A5, hungrig und desillusioniert, in die Zukunft…bis zur nächsten Buchmesse.

Exposè

Ein Exposé zu schreiben ist mir immer schwer gefallen. Einerseits, weil es einen Roman auf das wesentlichste reduziert, anderseits, weil ich es immer nach Fertigstellung des Romans geschrieben habe. Ein grundlegender Fehler, den ich mit dem meinem neuen Werk nicht noch einmal machen wollte. Natürlich gibt es einen Unterschied, ob ich ein Exposé schreibe, um die Handlungsstränge zu modellieren oder ob ich mich damit bei einem Verlag bewerben will. In diesem Fall war es dann doch eher eine Bewerbung. Schließlich wollte ich meine schärfste Kritikerin beeindrucken. Ich habe vier Monate daran gefeilt. Erst dann fühlte es sich gut an. Und das ist erst einmal die Diskussionsgrundlage. D.h. nachdem Henni es gelesen hat, werden wir sehen, was davon aufrecht zu erhalten ist. Zwischendurch drängte sich mir die Ansicht auf, ich schreibe einen Agententhriller. Das ist das Problem beim Exposé. Man schreibt reine Handlungsstränge auf und weiß im Endeffekt nicht, wie man es mit Leben erfüllt. Es ist vergleichbar mit einem Drehbuch. Wenn ich Drehbücher von bekannten Filmen lese, denke ich immer, das da was fehlt. Es ist nur das Handlungsgerüst, höchstens noch die Dialogvorgabe. Die Inszenierung passiert an anderer Stelle. Man braucht erst einmal einen Fahrplan. Mein Fahrplan ist jetzt fertig und schlummert auf einem USB-Stick. Ich hoffe, Henni nimmt sich bald die Zeit und liest diese fünf Seiten. Ich freue mich auf ihre Rückmeldung. Es ist das erste Mal bei einem meiner Projekte, das ich bei der Entstehung die Hilfe eines anderen in Anspruch nehme. Ich denke, das zahlt sich aus. Bis sie sich meinem Exposé gewidmet hat, werde ich mich anderer Dinge widmen. Wie z.B. der Entwicklung des Dialogs zwischen Shaw und Cherry-Garrard. Dafür ist viel Vorarbeit nötig. Im Augenblick arbeite ich daran, diese Vorarbeit in ein kleines Zwischenprojekt zu packen und mich von dem ursprünglichen Projekt zu lösen.

 

Wie, du weißt nicht, wie die Geschichte weiter geht!?

Nachdem Henni meine dritte Version gelesen hatte, entstand eine neue Diskussion. Ich konnte Henni nicht wirklich erklären, worum es in der Geschichte eigentlich ging. Ich konnte ihr nicht plausibel die Zusammenhänge zwischen Figuren und ihren Taten erläutern.

Literarischen Sinn ergibt sich nur, wenn eine handelnde Person ein Motiv für ihr Handeln hat und literarisch interessant wird es erst, wenn mehrere handelnde Personen mit verschiedenen  Motiven aufeinandertreffen. Und lesbar wird es erst, wenn es eine eindeutige Kausalkette gibt, die niemals abreißt. Viele schlechte Texte scheitern nicht an fehlenden sprachlichen Mitteln, sondern an mangelnder Kohärenz in ihren Kausalketten. 

Henni hat mich ertappt. Z.B. konnte ich nicht erklären, warum Alethea ein Roman über Scott schreiben will. Klar habe ich mir ein Motiv konstruiert. Sofia hat ihr es nahegelegt einen historischen Roman zu schreiben, um im Subtext eine politische Botschaft zu schreiben. Was für ein Quark. Alethea hat noch nie einen historischen Roman geschrieben. Ihre Leser erwarten von ihr Fantasygeschichten. Ihre Auftraggeber, eine staatliche Stelle, wird ihr das nicht erlauben, weil sie Angst hätten, dass sie daran scheitert, weil sie um die Fähigkeit ihrer Autorin wissen. Gleichzeitig braucht Alethea den Erfolg, um in der sozialen Hierarchie aufsteigen zu können. Sie kann es sich nicht leisten, auf eigene Faust ihren Stil zu ändern. Sie ist auf Gedeih und Verderb auf das Wohlwollen der staatlichen Stellen angewiesen und hat gar keinen Freiraum, um Sofias blöden Ideen zu folgen.

 Ich habe die ursprüngliche Idee meiner Frau vorgestellt und sie hat mir meine Kausalkette sofort zerlegt und gezeigt, dass sie in das Nichts einer schlechten Geschichte führt. Ich spürte, was mir fehlt: Ein Exposé. Ich musste mir erst einmal selbst klar machen, wohin meine Geschichte führt. Die Handlungsstränge mussten logisch sein und klar die Motive der handelnden Personen erkennen lassen. Mit einem Exposé ist das möglich. Vor allem kann ich die Kausalketten immer wieder bearbeiten. Wenn ich einen Roman schreibe und ich stelle mittendrin fest, dass es dringenden Änderungsbedarf gibt, kann man das Ruder kaum noch herumreißen.

 

Spielverderber

Zwei Wochen im Sommer haben wir in der Toskana verbracht. Inmitten einer träumerischen Landschaft, sanften Hügeln, milden Gelbtönen von Ocker bis Sand, flirrendem Sonnenlicht, mittelalterliche Ansichten und Weinberge bis an den Horizont. Die meiste Zeit des Tages haben wir inmitten einer stillen Waldidylle auf einer überdachten Terrasse unseres Ferienhauses verbracht. Die Ruhe habe ich genutzt, um weiter an meinem Roman zu arbeiten. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr weiter zu kommen und habe das erste Kapitel Henni zum Lesen gegeben. Meine Frau hat ein ambivalentes Verhältnis zum meinem literarischen Schaffen. Gerade am Anfang unserer Beziehung schien es mir, als übe die Tatsache, dass sie einen Kerl kennt, der nicht nur ein Buch liest, sondern auch welche schreibt, einen gewissen Reiz auf sie aus. Damals hatten wir in jeder freien Minute eine Buch oder eine Zeitung in der Hand. Es gibt Fotos aus unserer Anfangszeiten, wo wir beide still versunken in unserer Lektüre am Frühstückstisch sitzen. Das ist echte Liebe. Und da fangen ja immer die Probleme an. Schreiben kostet Zeit. Autoren sind Eigenbrötler und wenn sie Schreiben, wollen sie dabei nicht gestört werden. Also musste Henni meine mürrischen Abweisungen in meinen Arbeitsphasen ertragen. Sie wurde zum Opfer meiner egomanischen Schreiborgien. Leider war das Ergebnis nicht so, dass sie das hätte verschmerzen können. Wäre es mein Beruf und ich könnte damit die Familie ernähren, wäre ihr meine Abwesenheit während meiner Anwesenheit am Laptop egal. Leider ist es immer ein für alle Seiten unbefriedigendes Hobby geblieben. Deswegen ist es schwer, von ihr Anerkennung zu bekommen. Das letzte Lob erhielt ich von ihr, als meine Kurzgeschichte in der epubli-Anthologie erschienen war. Euphorie sah übrigens anders aus.

 Jetzt hatte sie mein erstes Kapitel gelesen und abends, es war schon die Sonne hinter den Hügeln verschwunden, äußerte sie ihre vernichtende Kritik. Meine Romane seien unlesbar. Sie seien nach ihrer Ansicht viel zu aufwändig erzählt. Man könne der Geschichte nicht folgen. Ich erklärte viel zu viel. Der Leser brauche viele Leerstellen, die seine Phantasie anregen und nicht ständig psychologische Ausführungen, warum einer etwas mache. Ich könne meine Romane eigentlich verbrennen. Sie seien absolut sinnbefreit. Aber meine Kurzgeschichten seien sehr gut. Ich solle entweder nur Kurzgeschichten schreiben oder Romane, die wie meine Kurzgeschichten sind. Nach der Kritik trank ich mein Glas Chianti sehr schnell aus und formulierte angefressen meine Gegenkritik. Menschen, die selbst einen hohen intellektuellen Anspruch an sich haben (dabei ist es egal, ob sie ihn erfüllen können oder nicht) reagieren bei der leisesten Kritik wie eine beleidigte Leberwurst und versuchen den Kritiker jegliche Kenntnis der Materie abzusprechen. Meine Frau ist an der Stelle ziemlich mitleidslos. Es prallt alles an ihr ab. Sie lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. Also müsste ich nach dem Genuss einer halben Flasche Wein begreifen, dass ich selbst eine Flasche bin. Ich war ziemlich beleidigt und reagierte die nächsten Tage sehr eingedrückt, bis ich begriff, dass sie es gut mit mir meinte und nur das Beste aus mir heraus holen wollte. Ich nahm mir ihre Kritik zu Herzen und schrieb innerhalb weniger Tage die dritte Version des ersten Kapitels. Ich ging mit ihr Abschnitt für Abschnitt durch und sie fand es akzeptabel. Ich hatte mich auf die wesentlichen Elemente der Erzählung konzentriert und alles Überflüssige mit der Löschtaste aus meinem Roman heraus gekickt. Unter der Prämisse, dass der Leser neugierig werden soll, weil er nur Andeutungen erhält, habe ich meine sehr ausschweifenden Ausführungen über den Ökostaat und dessen Struktur herausgeworfen. Auch habe ich den langatmigen Abschnitt über Aletheas Entwicklung zur Schriftstellerin entfernt. Darin waren auch Äußerungen über die Geschehnisse, die zur Entstehung der Gesellschaftsform führten, enthalten. Ich habe viel Platz verwendet, um zu erzählen, wie Alethea mit der offiziell nicht existenten Madenopposition in Berührung kommt. Diesen Teil werden ich noch einmal aufarbeiten müssen. Dabei ist die Begegnung von elementarer Bedeutung, denn sie ist Teil der Dramaturgie. Allerdings sollte ich es nicht wie eine Räuberpistole schreiben. Auch beim letzten Teil, den Besuch bei Sofia, werde ich mir noch etwas einfallen lassen müssen, um es in den Rahmen der Geschichte besser einpassen zu können.  

 

Falsch angefangen

Ich habe 32 Normseiten geschrieben. Zum ersten Mal schreibe ich von Anfang an im Normseitenformat. Somit kann ich den Umfang des Romans abschätzen. Ich will keinen Wälzer schreiben. Mein erster Roman gestaltete sich zu ausufernd und weil ich damals kein Ende fand, lege ich mir seither eine Selbstbeschränkung von maximal dreihundert bis vierhundert Normseiten auf. Fünfhundert oder mehr Seiten kann ich nicht im Zaum halten. Zudem hat das Auswirkung auf die Vermarktung. Selten werden Debüts mit tausend Seiten verlegt. Diese Selbstbeschränkung hilft mir auch in sprachlicher Hinsicht. Ich muss mir eine Sprachweise überlegen, die sinnvoll verknappt.

 Ich hatte ja bei meiner Untersuchung der Sprachstile herausgefunden, dass ein Icherzähler auf subjektive Art und Weise die Geschichte schildert. Für die Ebene der Zukunft passt das hervorragend. Für die anderen Ebenen nutze ich einen allwissenden Erzähler, der eine Objektivität vortäuscht, die nicht wirklich gegeben ist. Somit wird auch die Trennung der Ebene am Anfang deutlich. Der Leser soll glauben, dass es um drei verschiedene Geschichten geht, die keine Berührungspunkte haben.

 Nach 32 Normseiten habe ich festgestellt, dass ich weder aus der Ich- noch aus einer subjektiven Perspektive heraus geschrieben habe. Ich kann noch einmal von vorne anfangen. Ich mag den Text auch nicht lesen, weil er mir schmerzlich klar macht, dass ich die richtige Sprache noch nicht gefunden habe.

Hier ein Beispiel:

Wenn ihr nichts einfällt und sie unter Druck steht, glaubt sie zu verstehen, wie sich ihr Vater sein ganzes Leben lang gefühlt haben muss. Für sie sind es kurze Phasen. In zwei Minuten spätestens werden mindestens drei kluge Ideen aus ihrem Hirn sprühen. Deswegen wollte sie Autorin werden. Sie war angewiesen auf die Veränderung, auf die Aufgaben, die man ihr stellt. Sie konnte ihre Klugheit anwenden und wie einen Brunnen neu anzapfen. Sie wusste, dass der Brunnen versiegt, wenn sie ihn nicht ständig anzapft. Sie wusste aber auch, dass der Grundwasserspiegel sich spätestens nach einem Dürrejahr senkte und den Brunnen für immer trocken legte. 

 Wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich ausgedörrt. Es gab keinen Regen mehr, keine Niederschläge auf Papier. Nur Ideen voller Esprit, keine Geschichten mehr. Sie tröstete sich damit, dass wenn der eine Brunnen versiegte, sie einfach einen neuen bohrten könnte.

 

Das klingt weder geschmeidig, noch schlüssig. Die Bilder sind unpassend. Die Sätze sind zu voluminös und beschreiben fast nichts. Dabei muss durch Sprache und Textgestaltung zum Ausdruck gebracht werden, dass der Druck, der auf Alethea lastet, sie fast zerreißt. Sie sitzt einsam und hilflos in der Einöde und weiß nicht, wie sie ihr Vorhaben umsetzen soll, obwohl   ihre gesamte Existenz mit dem Vorhaben verknüpft ist.

Der Inhalt des ersten Kapitels

Soll ich mich jetzt darüber auslassen, wie wichtig das erste Kapitel für den Erfolg eines Romans ist? Diesen Allgemeinplatz kann ich ohne weiteres unter den Tisch fallen lassen. Wer liest ein Buch weiter, wenn der Anfang öde und langweilig ist? Niemand! Und trotzdem setzen viele Autoren im ersten Kapitel zum schriftstellerischen Selbstmord an. Meines Erachtens muss das erste Kapitel einen griffigen Einstieg in die Geschichte bieten. Man darf sich nicht lange mit verbalen Ausschweifungen aufhalten. Der Leser soll erst einmal verstehen, worum es überhaupt geht. Er möchte die Hauptpersonen kennenlernen und ihr Probleme, dass man in dem Buch behandeln will. Der Leser wird sich tödlich langweilen, wenn ich am Anfang das ganze Pulver verschieße und er am Ende des Kapitels schon das Ende des Buches erahnt. Man kann den Roman mit einer Explosion oder heftigen Paukenschlägen beginnen oder man schleicht sich allmählich an das Thema heran, wie eine Wildkatze an seine Beute. Trotzdem müssen am Ende die Hühner gesattelt sein, mit denen man in den Sonnenuntergang reiten möchte.

Wie sieht mein erstes Kapitel aus? Alethea Cumberland hat es in das Luxushotel in der Antarktis verschlagen. Wir erfahren, dass sie eine bekannte Schriftstellerin ist, die mit Fantasyromanen populär geworden ist. Sie soll im staatlichen Auftrag ein Buch über Scotts Südpolexpedition schreiben und ahnt, dass sie daran scheitern wird. Ich mache den Lesern mit der Gesellschaftsordnung der Zukunft bekannt und beschreibe Aletheas gesellschaftliche Stellung als Emporkömmling. Alethea erfährt erst am Morgen nach der Ankunft, dass sie der einzige Gast im Hotel ist. Beim Frühstück stellt sich ihr Dr. Malinowski vor. Er ist der Hoteldirektor und lebt seit fünfundzwanzig Jahren in der Forschungsstation. Er versucht Alethea zu unterhalten und sie bei Laune zu halten. Sie besuchen gemeinsam Scotts Hütte und Alethea berichtet ihm, welchen Auftrag sie hat. Malinowski ist begeistert, weil er die Geschehnisse um Scott sehr genau studiert hat und bietet ihr seine Hilfe an. Im Rückblick gewähre ich dem Leser Einblick in die Vorgeschichte zu Aletheas Aufenthalt am Südpol. Vorher ist sie zweimal einem Anführer der Madenopposition begegnet, der sie aufgefordert hat, sich am politischen Umsturz zu beteiligen. Zudem hat ihre älteste und einzige Freundin

Sofia dazu aufgefordert, auf die Avancen der Opposition einzugehen. Denn sie hat als berühmte Schriftstellerin eine politische Verantwortung. Um sie zu bestärken, schenkt sie ihr eine Autobiographie von George Bernhard Shaw.

Können wir jetzt endlich anfangen?

Nein, leider noch lange nicht. Meine ersten Schreibversuche bereiteten mir auch Unbehagen, weil ich nur Klischeeumgebungen für den Beginn meiner Geschichte ersonnen hatte. Mein erster Gedanke war es, Alethea aus ihrer Wohnung im 30. Stockwerk eines Wolkenkratzers berichten zu lassen. Sie steht über allem und aus dieser Perspektive erzählt sie. Eine schreckliche Idee: die Megastädte der Zukunft sind doch schon die Gegenwart. Außerdem ist die Perspektive nicht passend. Alethea sitzt zwischen den Stühlen und steht nicht über allem. Sie gehört an einen fernen und unwirklichen Ort. Ein Ort, an dem sie sich per se unwohl fühlen muss, der ihre Einsamkeit und ihren Zwiespalt nochmals betont. Das Bild vom Großstadtmenschen, der in Wohntürmen in der Anonymität ihres Reichtums lebt, ist doch sehr abgegriffen.

 Als ich auf das Scott-Thema stieß, drängte sich mir ein Ort regelrecht auf: McMurdo-Sund, der Ausgangsort für Scotts-Südpolexpedition. Beim McMurdo-Sund handelt es sich um einen Küstenabschnitt, der im Süden der Antarktis liegt und sich als Ausgangspunkt für Expeditionen besonders eignet, weil die Bucht zu bestimmten Zeiten im Jahr eisfrei ist. Seit den fünfziger Jahren gibt es dort eine Forschungsstation, die im Laufe der Jahrzehnte zu einem Dorf angewachsen ist. Sie ist auch heute noch ein wichtiger Ausgangspunkt für Reisen an den Südpol. Am Südpol selbst gibt es eine größere Forschungsstation, die mit dem McMurdo-Sund durch eine Straße verbunden ist. Also nach nur knapp hundert Jahren hat die Menschheit es geschafft, diesen letzten unwirtlichen Ort ständig zu besiedeln. Am McMurdo-Sund leben im Sommer bis zu 1100 Menschen und dementsprechend hat man die Infrastruktur aus Gebäuden zum Wohnen und Arbeiten, mit den dazugehörigen Versorgungseinrichtungen, geschaffen. Es gibt sogar eine eigene Feuerwehr und eine Zeitung. Neben dem Ort steht auf einer Anhöhe die Hütte der Scottexpedition, die gut erhalten ist.

 In 2029 wird es dort immer noch einer Forschungsstation geben. Es ist anzunehmen, dass der Ort wächst und auch die Infrastruktur Richtung Südpol besser wird. Also ist es auch wahrscheinlich, dass Nichtforscher ein Interesse an einem solchen Ort entwickeln, um dort z.B. Urlaub zu machen.

 Alethea wird von ihrem Management dazu verdonnert, dort zwei Wochen zu verbringen, um sich von der authentischen Umgebung inspirieren zu lassen. Kurz vorher hat ein Investor dort ein Luxushotel mit allen Annehmlichkeiten für wohlhabende Mitglieder der Elite erbaut. Allerdings stößt das Luxushotel auf wenig Interesse. Alethea, die ein paar Wochen nach der Eröffnung anreist, ist der erste und einzige Gast dort. Sie braucht einen Tag, um das zu verstehen. Sie verbringt ihre Tage dort alleine mit sich und dem Personal und alle warten auf weitere Gäste. Der Roman beginnt nicht mit Aletheas Ankunft, sondern ihrem ersten Abend, den sie alleine auf ihrem Zimmer verbringt. Sie macht keine Anstalten, sich ernsthaft mit dem Stoff auseinander zu setzen. Sie fühlt sich von ihrem Management und auch ihrer besten Freundin Sofia bedrängt. Sie soll einerseits den historischen Stoff zu einem lesbaren Roman verarbeiten und andererseits die Vorlage für einen politischen Umbruch liefern. Sie zweifelt, hadert und langweilt sich. Erst am nächsten Tag, als sie alleine im Frühstücksraum sitzt, wird ihr klar, dass sie der einzige Gast im Hotel ist.

 

 

 

1925 vs. 2029

Häufig ähneln sich gesellschaftliche Entwicklungen unterschiedlicher Epochen ähneln. Autoritäre Gesellschaftsstrukturen mit  starren Klassenstrukturen, die sich nach Faktoren wie Herkunft, Status, Eigentum richten, galten oft genug als Standard. Im Gegensatz dazu stehen die liberalen Gesellschaftsordnungen, die die Bildung von Klassen vermeidet und dementsprechend nach allen Richtungen durchlässig sind. Die letztere Gesellschaftsordnung scheint aus unserer heutigen Sicht das Ideal zu sein. Trotzdem erleben wir gerade im Moment, wie die autoritären Strukturen für viele Menschen anscheinend einen gewissen Reiz ausüben. Man spricht von Elitenbildung, von starken Persönlichkeiten, die wissen, wie der Hase läuft und das man denen doch Politik und Wirtschaft überlassen sollte, weil sie das ganze Chaos der Globalisierung beseitigen werden. Die Forderung nach einer starken Elite ist nicht nur in Europa en Vogue und das obwohl nach dem zweiten Weltkrieg alles dafür getan wurde, um separatistische antidemokratische Gesellschaftsstrukturen zu vermeiden.

Der große Unterschied zwischen 1925 und 2029 ist, dass die Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung genau entgegengesetzt verläuft. Man erlebt zwischen den Kriegen ein allgemeines Aufatmen, eine Abkehr von autoritären Herrschaftsformen und beginnt sogar fünfzehn Jahre später den absoluten Endkampf gegen die ausgearteten faschistischen Regime mit ihrem Führerprinzip, die nichts anderes darstellen als eine moderne Übertreibung von absoluter Herrschaft und Klassengesellschaft. In 2029 ist man im Verlauf der letzten dreißig Jahren weltweit genau in diese Kerbe hineingerutscht. Die herrschenden Subjekte einer globalen Gesellschaft setzen alles auf eine utilitaristische Ökonomisierung des Zusammenlebens und ernten dafür eine Elitengesellschaft mit autoritäre Zügen, die dafür sorgt, dass ein Großteil der Menschen in eine wirtschaftliche Abhängigkeit geraten, die kaum Fluchtmöglichkeiten bietet. Natürlich für die Undurchlässigkeit der einzelnen Klassen zu  einem degenerativen Stillstand sozialer Entwicklung. Gerade dieser große Unterschied, die Zeit des Aufbruchs vs. die Zeit des Stillstandes gibt mir als Autor die Chance den Rückgriff auf die Vergangenheit zu wagen, um zu zeigen, was der Zukunft fehlt. Shaw als Bote der Vergangenheit mit seinem ausgeprägten politischen Bewusstsein, der erkennt, dass Gesellschaft sich evolutionär zum Besseren entwickeln kann, in dem jeder am politischen Leben teilnimmt, kann den Unterschied zur politisch unbewussten Alethea deutlich werden lassen, die sich in die autoritären Strukturen einordnet und deren Generation die Teilhabe an Politik gar nicht mehr kennt. Insbesondere ist das für mich als Autor möglich, da beide eine Parallele in ihrer Herkunft aufweisen. Durch das wirtschaftliche Scheitern ihrer Väter haben sie den sozialen Abstieg erlebt. Bei Shaw wie Alethea ist ihr Leben darauf ausgerichtet, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf wieder heraus zu ziehen. Shaw allerdings indem er gegen den Mainstream arbeitet und Alethea indem sie sich anpasst. Alleine daraus ergibt sich die Reibung, die ich brauche, um meine Intention für den Leser sichtbar zu machen.

 

Großbritannien im Jahr 1925

Der Zeitraum zwischen den Weltkriegen war voller Widersprüche und wechselhafter Entwicklungen. Die europäischen Großnationen hatten mit den Vereinigten Staaten einen neuen Konkurrenten bekommen. Die Wirtschaftskraft der USA nahm in diesen Jahren sprunghaft zu. Auf vielen Gebieten überflügelte die USA die erfolgsgewohnten europäischen Siegermächte und teilweise wurden sie abhängig von den USA. Zudem beobachtete man misstrauisch die russische Revolution und das Heranwachsen eines neuen Staatsmodelles. Zusätzlich hatte man die ehemalige Großmacht Deutschland als Kriegsverlierer ausgemacht. Deutschland sollte die Schuld für den Krieg übernehmen. Allerdings brauchte man das Deutsche Reich als Puffer zwischen Ost und West und als Handelspartner.  Die Euphorie der Sieger Frankreich und Großbritannien verpuffte, als man erkannte, dass der Sieg über das Deutsche Reich sich nicht auszahlte. Bis Kriegsende verfügte in beiden Staaten das Militär über sehr viel Macht und hatten dementsprechend Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen. Nachdem Krieg gab es in beiden Staaten starke pazifistische Strömungen, die darauf ausgerichtet waren, erneute Kriege zu verhindern, anstatt sie als Mittel der Staatsführung zu sehen. Ein weiterer Faktor war, dass Franzosen wie Briten erkennen mussten, dass ihre Kolonien ihnen nicht ewig als Ressourcenbeschaffer zu Verfügung stehen würden. In der Mitte der zwanziger Jahre war die wirtschaftliche Situation in Großbritannien noch gut. Man hatte in den Jahren davor einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, von dem viele Menschen profitieren konnten.

 Die letzten dreißig bis vierzig Jahre in Großbritannien waren geprägt von der Industrialisierung, von dem sozialen Aufstieg der Arbeiter und des Bürgertums, also von grundlegenden Änderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Shaw war zum Zeitpunkt der Gespräche mit Cherry-Garrard ungefähr sechzig Jahre alt. Er war in Irland groß geworden, seine Familie war gescheitert, sein Vater hatte als Geschäftsmann versagt und seine Mutter war nach London geflohen. Er hatte noch eine andere Zeit erlebt, als der soziale Aufstieg für Menschen aus armen Verhältnissen kaum möglich war und es einen großen Unterschied zwischen Arm und Reich gab. Cherry-Garrard war zu dem Zeitpunkt der Gespräche mit Shaw in seinen Enddreißigern. Er kommt aus einer anderen Generation und auch aus einem anderen sozialen Umfeld. Sein Vater hatte beim Militär Karriere gemacht, hatte in den Kolonien gekämpft. Die Familie gehörte zur viktorianischen Mittelschicht. Cherry-Garrard war als Kind schüchtern und zurückhaltend und wollte seinem Vater nacheifern, der als junger Mann einen abenteuerlichen Lebensstil gepflegt hatte. Cherry-Garrard hatte im ersten Weltkrieg als Offizier gedient und aus gesundheitlichen Gründen wurde er schnell aussortiert. Cherry-Garrard war 1925 ein gebrochener Mann, der am Ende der Scott-Expedition seinen Verstand verloren hat und mit seinem Schicksal haderte. Shaw hatte sich während des Krieges mit einem pazifistischen Aufsatz unbeliebt gemacht und seine Karriere als Autor aufs Spiel gesetzt. Erst als er den 1925 den Nobelpreis erhielt, bekam er in seiner Heimat die nötige Anerkennung als Autor.