Heimat

Zwei weitere Autoren gilt es noch vorzustellen. Beiden ist gemeinsam, dass sie sich an der hessischen Provinz abgearbeitet haben: Andreas Maier und Roderich Feldes.

Roderich Feldes Texte haben als Schauplatz zumeist das mittelhessischen Hinterland. Er ist 1996 gestorben. Leider viel zu früh. Vielleicht ist dies ein Grund, warum er als Autor nie die Popularität erhielt, die er verdient hätte.

Der Kern seiner Texte dreht sich oft um die Veränderung des dörflichen Lebens in Mittelhessen beschäftigt. Das Dorf als Anker für die Gemeinschaft der Einheimischen veränderte sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts radikal. Eine abseits liegende Welt öffnet sich. Mit dem einkehrenden Wohlstand übernimmt sie unreflektiert alle äußeren Einflüsse und passt sie auf die Heimat an. Die Straßen und Häuser werden größer und breiter. Überall werden Wohngebiete aus dem Boden gestampft. Alle bauen schicke Einfamilienhäuser, parken ihre kleinen Autos davor, stellen sich den Fernseher ins Wohnzimmer, sammeln dort den Plunder aus den Fabriken dieser Welt und vereinzeln sich. Die Gemeinschaft stirbt zugunsten des Konsums. Es zählt nur das Glück des Einzelnen, dass dieser niemals erreichen kann, weil der Besitz vieler Dinge nur scheinbar Zufriedenheit schenkt. Feldes Bücher handelten oft vom Aufbrechen der Oberflächlichkeit. Unter einer dicken Kruste aus Belanglosigkeit schlummert die Sehnsucht nach etwas Anderem.

Feldes ist kein Heimatdichter. In diesem Sinne ist er mir sehr nahe. Er beobachtet die Veränderungen und weiß, dass sie nicht aufzuhalten sind. Das alte Leben kann man nicht retten, indem man es verherrlicht. Heimatdichter verklären die Vergangenheit. Feldes beschreibt die Orientierungslosigkeit der Menschen, deren Heimat ihnen keine Orientierung mehr gibt. Insofern ist er mein heimliches Vorbild bei meinem Projekt.

Roderich Feldes unterscheidet sich von sogenannten Heimatdichtern durch seine literarische Qualität. Genauso wie er die Veränderungen der Menschen und ihrer Umgebung durchdringt, widmet er sich der Ambivalenz der Sprache, die sich wie die Menschen verändert. Es gibt in unserer Gegend eine sehr starke Diversifizierung der Dialekte. Fast jeder Ort spricht eine kleine Abwandlung des Dialektes des Nachbarortes. Wer zwanzig Kilometer in den Westerwald hineinfährt wird das Platt der Leute dort schon fast nicht mehr verstehen. Aber seit zwei Generationen ist der Gebrauch der Dialekte deutlich auf dem Rückzug. Meine Kinder lernen kein Platt mehr und ich habe es zwar noch von meiner Großmutter gehört, aber selbst nicht sprechen gelernt. Diesen Umstand schlägt sich bei Roderich Feldes nieder. Er verwendet viel Alltagssprache, der hessische Dialekt unserer Gegend kommt nur am Rande vor oder wie in ‚Lilar‘ als Anekdote über das Verschwinden der Dialekte. Er beschreibt häufig aus der subjektiven Sicht eines Erzählers, der sich in einer Alltagssprache ausdrückt. Er fügt Beschreibungen hinzu, die wie literarisches Zierwerk wirken und den Text dadurch die nötige Qualität geben. Hier könnte ich von ihm profitieren. Veränderung wird nicht durch den allwissenden Erzähler referiert, sondern von dem Erzähler, der mitten drin steckt und die Veränderungen am eigenen Leib spürt und aus dieser Perspektive schreibt.

Andreas Maier hat sich in einigen Texten mit der Wetterau, seiner Heimat, auseinander gesetzt. Leider habe ich bisher nur ‚Wäldchestag‘, seinen Debütroman gelesen. Trotzdem sollte ich ihn erwähnen, denn in gewisser Weise beschäftigt er sich auf eine andere Art und Weise mit seiner Heimat als es Feldes getan hat.

Man bemerkt bei Maier, dass er aus einer anderen Schriftstellergeneration kommt wie Feldes. Feldes war geprägt von den Achtundsechzigern. Im Subtext schwelt immer die Kritik an einer entfremdeten Konsumgesellschaft. Bei Maier ist der gesellschaftliche Bezug nicht gegeben. In den Kritiken zu ‚Wäldchestag‘ wird immer wieder die sprachliche Verwandtschaft zu Thomas Bernhard bemüht. Maier hat das Buch im Konjunktiv geschrieben, was zur Folge hat, dass der Text genauso wie die Texte von Bernhard etwas distanziertes, wenig konkretes an sich haben. Es gibt viel Raum für Spekulationen. Hier hat Andreas Maier das richtige Mittel gefunden, da es sich in dem Buch auch viel um Gerüchte und Hörensagen dreht. Die Leute reden übereinander und stellen viele Vermutungen an. Man beschäftigt sich mit dem Anderen mehr als mit sich selbst. Maier geht es nicht wie Feldes, um die Veränderungen im Dorfleben, die zu einer übertriebenen Individualisierung führen, sondern um die Einheimischen, die die Dorfgesellschaft nur am Leben erhalten, um über die Mitmenschen herzuziehen. Viele Stimmen reden im Konjunktiv, alle sind gemein zueinander und wünschen dem Anderen nur das Schlechte. Beim Wiederlesen des Textes ist mir aufgefallen, dass Andreas Maier mich so beeindruckt haben muss, dass ich meinen zweiten Roman auch im Konjunktiv geschrieben habe, ohne dass mir dieser Bezug zu Maier bewusst war. Ich war der Meinung, das sei etwas Besonderes.

Also lerne ich von den beiden Heimatdichtern: Subjektivität schadet nicht. Thomas Bernhard ist immer und überall. Ironie und Boshaftigkeit ist die Realität des Lebens und vielleicht das geeignete Mittel gegen Sozialkitsch und man kann Romane über die Provinz schreiben und trotzdem Literatur auf höchstem Niveau produzieren.

 

 

 

 

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