Thomas 1

Thomas Mann ist der heiligste der Drei. Nobelpreisträger und als Persönlichkeit sehr ambivalent. Vom treusorgenden Familienvater bis absoluter Egomane sind alle Nuancen einer Persönlichkeit in ihm vereint. Seine Texte sind schwarze makellose Monolithen der deutschen Literatur. Fast unergründliche Monumentalwerke, die mich schon als jungen Leser in den Bann gezogen haben. Kein Werk unter tausend Seiten, ausufernd und doch effektiv. Dokumente eines halben Jahrhunderts, das durchzogen war von zwei Weltkriegen, einem Kaiserreich, einer Demokratie und einer Diktatur. Thomas Mann ist Zeitzeuge, aber nie historischer Dokumentar seiner Zeit. Er schreibt über die Auswirkungen seines Zeitalters, aber er beschreibt nie die historischen Ereignisse seines Zeitalters. Nehmen wir den Zauberberg: eine sterbende europäische bürgerliche Gesellschaft, die in einen Krieg stolpert, wird anhand eines Sanatoriums beschrieben. Er beschreibt nicht die politischen Ereignisse, sondern nur Zeitgenossen, die Geschichte und deren Auswirkungen erleben. Insofern ist er mir sehr sympathisch und die Distanz zu meinem Anliegen scheint sehr gering zu sein. Geschichte ist für den Einzelnen nicht im Gesamten zu erleben, sondern höchstens für ihn im Nachhinein nach der Lektüre von Geschichtsbüchern zu begreifen. Der Mensch lebt in der Geschichte und erfährt nur ihre partiellen Konsequenzen, ohne das Gesamtbild vor sich zu haben. Wie das geht, habe ich schon an anderer Stelle beschrieben.

An seiner Sprache erkennt man seine Eitelkeit. Zu seinem Talent gehörte gleichzeitig die Empfindsamkeit, Kritik als Verletzung zu empfinden. Thomas Mann ist es gelungen, seine eigenen Abgründe hinter der ironischen Distanz zu seinen Geschichte und seinen Charakteren zu verstecken. Seine Sätze sind voluminös, nie fragil und in formvollendeter Sicherheit geschrieben. Trotzdem verrät er seine Charaktere nie. Er lässt sie sich in ihrem Sujet frei entfalten. Er beschreibt oft Typen, aber niemals blasse Abbilder. Er lotet die Tiefe der Seele mit allen Mitteln der Psychologie aus, ohne seine Figuren zu therapieren. Tomas Mann hat zu Recht alle Ehren erhalten, die man ihm hat zukommen lassen. Er war der deutsche Schriftsteller seiner Zeit. In gewisser Weise hat die Nachkriegsliteratur ihn ad Absurdum geführt. Er war zu barock, noch verharrend in einer Sprache, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hatte. Seine Sprache wirkt perfekt geformt und lässt keine sprachlichen Experimente zu. Wenn man ihn mit den Autoren der Gruppe 47 vergleicht, haben sie aus deutschen Sprache Pop gemacht, während Thomas Mann noch gute Wiener Klassik komponierte.

Beginnen wir mit dem Vorsatz aus dem Zauberberg:

Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, – nicht um seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn auch ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen), sondern um der Geschichte, die uns in hohem Grade erzählenswert scheint (wobei zu Hans Castorps Gunsten denn doch erinnert werden soll, daß es seine Geschichte ist, und daß nicht jedem jede Geschichte passiert): diese Geschichte ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Vergangenheit vorzutragen.

 Das wäre kein Nachteil für eine Geschichte, sondern eher ein Vorteil; denn Geschichten müssen vergangen sein, und je vergangener, könnte man sagen, desto besser für sie in ihrer Eigenschaft als Geschichten und für den Erzähler, den raunenden Beschwörer des Imperfekts. Es steht jedoch so mit ihr, wie es heute auch mit den Menschen und unter diesen nicht zum wenigsten mit den Geschichtenerzählern steht: sie ist viel älter als ihre Jahre, ihre Betagtheit ist nicht nach Tagen, das Alter, das auf ihr liegt, nicht nach Sonnenumläufen zu berechnen; mit einem Worte: sie verdankt den Grad ihres Vergangenseins nicht eigentlich der Zeit, – eine Aussage, womit auf die Fragwürdigkeit und eigentümliche Zwienatur diese geheimnisvollen Elements im Vorbeigehen angespielt und hingewiesen wird.

 Um aber einen klaren Sachverhalt nicht künstlich zu verdunkeln: die hochgradige Verflossenheit unserer Geschichte rührt daher, daß sie vor einer gewissen, Leben und Bewußtsein tief zerklüftenden Wende und Grenze spielt…Sie spielt, oder, um jedes Präsens geflissentlich zu vermeiden, sie spielte und hat gespielt vormals, ehedem, in den alten Tagen, der Welt vor dem großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles begann, was zu beginnen wohl kaum schon aufgehört hat. Vorher also spielt sie, wenn auch nicht lange vorher. Aber ist der Vergangenheitscharakter einer Geschichte nicht desto tiefer, vollkommener und märchenhafter, je dichter ‚vorher‘ sie spielt? Zudem könnte es sein, daß die unsrige mit dem Märchen auch sonst, ihrer inneren Natur nach, das eine und andre zu schaffen hat.

 

Die große Kunst des Semikolons beherrscht heute kaum jemand. Er vermeidet regelrecht kurze Sätze. Thomas Mann sammelt seine Aussagen in vielen Sätzen zusammen und schichtet sie zu monströsen Satzgebirgen auf. Heutzutage wäre ein Autor versucht, den Beginn des Romans in zwei Sätzen zusammen zu fassen. Zudem gibt es den allmächtigen Erzähler nicht mehr, der die erste Person Plural, das Personalpronomen der Könige und Herrscher, nutzt. Hier schreibt einer, der auch der König der Schriftsteller sein möchte. Thomas Mann ist der Legende nach ein solcher Ästhet, weil er der Welt zeigen wollte, dass jemand ohne Abitur und Studium die deutsche Sprache besser beherrscht, als all die Gelehrten. Ich sehe förmlich, wie er über seinem Manuskript brütet und sich dabei erwischt, dass ein von ihm geschriebener Satz vollkommen kahl geblieben ist und nur aus Subjekt,  Prädikat und Objekt besteht und er kopfschüttelnd diesen einfach durchstreicht. Die immer noch aktuelle Mode Sätze zu schreiben, die keine sind, hätten bei ihm zu einer ausgeprägten Magenreizung mit anschließendem Erbrechen geführt. Übrigens geht es mir ähnlich. Ich weiß, diese Mode finden viele sehr ausdrucksvoll, weil man durch das Kürzen von Sätzen Betonungen und Aufmerksamkeit schafft. Ich finde, es ist ein Ausdruck von Faulheit und Sprachvergessenheit. Insbesondere mein erster Roman, ist von dem Versuch geprägt, die Mannsche Sprachästhetik nachzuempfinden. Hinsichtlich dieses Bestrebens ist mein erster Roman ist das komplette Zeugnis meines Scheiterns.  Heute will ich nicht mehr danach streben, Herrn Mann nachzuäffen. Da bin ich schon etwas weiter. Mittlerweile sehe ich es als Belastung, ihn in jungen Jahren als Vorbild auserwählt zu haben. Wenn meine Gattin meine Texte liest, bemängelt sie, dass ich nicht griffig genug schreibe und ich ausschweifende Sätze verwende, die nichts aussagen, weil sie in ihrer Selbstgefälligkeit an Sinn verlieren. Ich kann von Herrn Mann lernen, was ich nicht machen sollte: Mittlerweile vermeide ich Satzkaskaden und probiere es erst gar nicht lange, verschachtelte Sätze zu schreiben.

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2 Gedanken zu “Thomas 1

  1. Welch ein interessanter Beitrag – danke. Ich mag Schachtelsätze überhaupt nicht. Nach meinem Empfinden lösen sie den geneigten Leser aus dem Geschehen heraus und zwingen zur höheren Aufmerksamkeit. Sie verleiten zur Verwässerung der Aussagen. Das ist natürlich eine subjektive Wahrnehmung.
    Aber unter uns: Ich bewundere die Autoren, die sie schreiben können. ☺
    Herzliche Grüße
    Sylvia

    • Vielen Dank für das Lob. Ja, es ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Und wenn man es nicht kann, soll man es einfach lassen….Musste ich halt beim Schreiben lernen. Grüße Matthias

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