Können wir jetzt endlich anfangen?

Nein, leider noch lange nicht. Meine ersten Schreibversuche bereiteten mir auch Unbehagen, weil ich nur Klischeeumgebungen für den Beginn meiner Geschichte ersonnen hatte. Mein erster Gedanke war es, Alethea aus ihrer Wohnung im 30. Stockwerk eines Wolkenkratzers berichten zu lassen. Sie steht über allem und aus dieser Perspektive erzählt sie. Eine schreckliche Idee: die Megastädte der Zukunft sind doch schon die Gegenwart. Außerdem ist die Perspektive nicht passend. Alethea sitzt zwischen den Stühlen und steht nicht über allem. Sie gehört an einen fernen und unwirklichen Ort. Ein Ort, an dem sie sich per se unwohl fühlen muss, der ihre Einsamkeit und ihren Zwiespalt nochmals betont. Das Bild vom Großstadtmenschen, der in Wohntürmen in der Anonymität ihres Reichtums lebt, ist doch sehr abgegriffen.

 Als ich auf das Scott-Thema stieß, drängte sich mir ein Ort regelrecht auf: McMurdo-Sund, der Ausgangsort für Scotts-Südpolexpedition. Beim McMurdo-Sund handelt es sich um einen Küstenabschnitt, der im Süden der Antarktis liegt und sich als Ausgangspunkt für Expeditionen besonders eignet, weil die Bucht zu bestimmten Zeiten im Jahr eisfrei ist. Seit den fünfziger Jahren gibt es dort eine Forschungsstation, die im Laufe der Jahrzehnte zu einem Dorf angewachsen ist. Sie ist auch heute noch ein wichtiger Ausgangspunkt für Reisen an den Südpol. Am Südpol selbst gibt es eine größere Forschungsstation, die mit dem McMurdo-Sund durch eine Straße verbunden ist. Also nach nur knapp hundert Jahren hat die Menschheit es geschafft, diesen letzten unwirtlichen Ort ständig zu besiedeln. Am McMurdo-Sund leben im Sommer bis zu 1100 Menschen und dementsprechend hat man die Infrastruktur aus Gebäuden zum Wohnen und Arbeiten, mit den dazugehörigen Versorgungseinrichtungen, geschaffen. Es gibt sogar eine eigene Feuerwehr und eine Zeitung. Neben dem Ort steht auf einer Anhöhe die Hütte der Scottexpedition, die gut erhalten ist.

 In 2029 wird es dort immer noch einer Forschungsstation geben. Es ist anzunehmen, dass der Ort wächst und auch die Infrastruktur Richtung Südpol besser wird. Also ist es auch wahrscheinlich, dass Nichtforscher ein Interesse an einem solchen Ort entwickeln, um dort z.B. Urlaub zu machen.

 Alethea wird von ihrem Management dazu verdonnert, dort zwei Wochen zu verbringen, um sich von der authentischen Umgebung inspirieren zu lassen. Kurz vorher hat ein Investor dort ein Luxushotel mit allen Annehmlichkeiten für wohlhabende Mitglieder der Elite erbaut. Allerdings stößt das Luxushotel auf wenig Interesse. Alethea, die ein paar Wochen nach der Eröffnung anreist, ist der erste und einzige Gast dort. Sie braucht einen Tag, um das zu verstehen. Sie verbringt ihre Tage dort alleine mit sich und dem Personal und alle warten auf weitere Gäste. Der Roman beginnt nicht mit Aletheas Ankunft, sondern ihrem ersten Abend, den sie alleine auf ihrem Zimmer verbringt. Sie macht keine Anstalten, sich ernsthaft mit dem Stoff auseinander zu setzen. Sie fühlt sich von ihrem Management und auch ihrer besten Freundin Sofia bedrängt. Sie soll einerseits den historischen Stoff zu einem lesbaren Roman verarbeiten und andererseits die Vorlage für einen politischen Umbruch liefern. Sie zweifelt, hadert und langweilt sich. Erst am nächsten Tag, als sie alleine im Frühstücksraum sitzt, wird ihr klar, dass sie der einzige Gast im Hotel ist.

 

 

 

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