Der Winter drückt aufs Gemüt

Die winterliche Tristesse, die Melange aus Dunkelheit, Nässe und Kälte, erzeugt in mir keine romantischen Empfindungen. Ich kann mich nicht für schwülstige Abende am Kaminfeuer erwärmen und auch kuschelige Sofaepisoden, Schafsfellschuhe, Wärmflaschen, Dinkelkernkissenorgien und heißer Tee führen bei mir nicht zu bewusstseinserweiternde Wintererfahrungen. Winterspaziergänge und die klare kalte Luft pusten mein Hirn auch nicht durch und erwecken meine müden Glieder…egal was mir der Winter verspricht, ich stehe immer kurz vor einer Melancholie, fühle mich abgeschlagen, leer und friere mich zitternd durch den Tag.

 Das hat auch leider eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf mein schriftstellerisches Schaffen. Ich habe das Gefühl im Sommerhalbjahr das aufholen zu können, was ich im Winter versäumt habe. Über die Jahre habe ich mir meine Schreibroutine angewöhnt, die ich im Winter auch nicht unterbreche. Am Wochenende schreibe ich jeden Tag mindestens zwei bis drei Seiten Romantext. Im Sommer fällt mir das leicht. Bei Sonnenschein, mit meinem Autorenbesteck an meinem Lieblingsplatz, sehe ich den Weintrauben beim Wachsen zu und schreibe fröhlich vor mich her. Ich bin in der Lage das Geschriebene zu reflektieren und habe das Gefühl, die richtigen Worte zu finden. Im Winter sitze ich vor meinem Bildschirm und presse jedes Wort aus meinen verdorrten Hirnwindungen. Es fällt mir so schwer an meiner Routine festzuhalten. Oft lege ich schon meine Schreibpausen, die ich immer nach einem abgeschlossenen Abschnitt einlege, in den Winter. Ich muss mich dann wieder zum Weitermachen zwingen, spätestens zum Jahresbeginn, wenn ich Urlaub habe, muss es weitergehen. Bloß den Schaffensprozess nicht abreißen lassen. Es ist schon schlimm genug, dass ich so viele Jahre für ein Romanprojekt brauche (ich mag jetzt gar nicht darüber nachdenken wieviel Jahre ich für Roman zwei und Roman drei schon aufgewendet habe, sonst verstecke ich mich unter dem Wohnzimmertisch und komme im Frühling erst wieder raus)

 Spätestens Ende Januar ergießt sich pechschwarzer Teer zäh und langsam über mein Leben. Es wird kaum spürbar morgens früher hell und abends später dunkel. Das Wetter ist trübe und die Kälte saugt mir allen Willen und Lust am Denken aus dem Schädel. Ich lasse alle Hoffnung auf den Frühling fahren. Seltsamerweise habe ich in diesem Winter ca. 89 Seiten geschrieben. Ich hatte in einem früheren Beitrag über den geplanten Inhalt des aktuellen Teils berichtet. Später werde ich noch einmal darauf zurückkommen und vergleichen, ob ich bei meinem Plan geblieben bin und auch den Empfehlungen meiner Abonnenten gefolgt bin. Ich bin selbst gespannt, ob ich meinem Plan treu bleiben konnte oder nicht!

Ein Gedanke zu “Der Winter drückt aufs Gemüt

  1. Winter hat auch seine schönen Seiten, es ist kühler – aber die Sonne kann dennoch leuchten und den Schnee in zauberhaften Glitzer verwandeln. Für mich hat der Winter mehr Zauber als der Sommer, es wird früher dunkel und wo sind mehr „geheimnisvolle“ Aspekte zu finden? Dort, wo es dunkel ist oder dort, wo die Sonne alles hell erleuchtet?
    Nutze den Winter für das, was Sinn ergibt – träume … und erzähle davon, wenn es wärmer wird 😉

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