Der Fluch der Berliner Republik

 

Die Geschichte beginnt im Jahre 1998 und wird von einer Frau erzählt, die am Beginn der Geschichte zwölf Jahre alt ist und die zweitausendfünf mit neunzehn, nach dem Erwerb der Hochschulreife das elterliche Zuhause fluchtartig verläßt. In der Gegenwart ist die Erzählerin ca. 28 Jahre alt. Sie berichtet als dreiundvierzigjährige aus dem Jahre 2029. Warum Vergangenheit und Zukunft in Relation setzen, um auf die Gegenwart Bezug zu nehmen? Nach meiner persönlichen Meinung haben in 1998 einige Ereignisse stattgefunden, die eine zentrale und nachhaltige Bedeutung für unsere Gegenwart und unsere Zukunft haben. Das Jahr markierte das Ende der Kohl-Ära und der Bonner Republik. Menschen wie ich, die aus einem linksliberalen Umfeld kommen, haben sich viel von dem Ende der Kohl-Regierung versprochen. Grundsätzlich misstrauten wir der Errichtung einer Berliner Republik, weil wir Berlin als Hauptstadt aus historischen Gründen ablehnten. Für mich waren die Kohl-Jahre eine Zeit der konservativen Restauration und die Anti-Epoche zu den aufregenden Aufbruchsjahren ab 1968. Wir wurden von einem Menschen regiert, der voller Selbstsucht nur darauf achtete, dass sein Lebenswerk später in den Geschichtsbüchern glorreich gefeiert wird. Er selbst hat den Beginn seiner Regierung mit einer geistig-moralischen Wende verbunden. Dabei bringen Wendungen eher etwas was neuartiges und spannendes hervor. In diesem Fall verherrlichte Herr Kohl die Errungenschaften der miefigen Kriegsgeneration, die sich immer noch an der Oberflächlichkeit der sogenannten Wirtschaftswunderjahre labte. Es roch alles nach Pfälzer Saumagen und entsprechenden Darmwinden. Mit der Bundestagswahl 1998 endete diese Epoche. Mit Herrn Schröder und Herrn Fischer an der Macht hatte der Marsch durch die Institutionen ihr glorreiches Ende gefunden. Die Grünen waren zum ersten Mal an der Regierung der Bundesrepublik Deutschland beteiligt und alleine diese Tatsache hatte eine euphorisierende Wirkung auf uns. Wir verbanden damit die Chance auf eine Änderung der Energiepolitik. Wir erwarteten durch eine nachhaltige und soziale Ordnungspolitik eine grundlegende Änderung der gesamten Ökonomie. Wir hatten folgende Rechnung aufgemacht: Mit dem Atomausstieg wird die Wirtschaft gezwungen, Ökonomie mit ökologisch sinnvollen Handeln zu verbinden und durch ein grundlegende Reform der Sozialsysteme gelingt eine generationsübergreifende Absicherung der sozialen Gerechtigkeit. Her Kohl hätte schon 1982 die sozialen Systeme reformieren müssen. Leider hat er die Sozialkassen, insbesondere die Rentenkasse, benutzt, um andere Löcher zu stopfen oder Geschenke zu verteilen. Zu guter Letzt stand auf unserem Zettel die Umgestaltung der Familienpolitik. Jungen Menschen wie mir sollte die Gründung einer Familie erleichtert werden. Bis Ende der Neunziger hatte man das Gefühl keine Kinder in die Welt setzen zu können, ohne Angst vor Armut haben zu können. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten die Frauen sich bitte schön als Hausfrau betätigen und aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Allerdings sah die Wirklichkeit anders aus. Man brauchte seit der Mitte der Neunziger mindestens zwei Einkommen in einer Familie, um sich nicht völlig vom Wohlstand abzukoppeln, da die Belastungen durch die Wiedervereinigung fast nur durch die Arbeitnehmer geschultert werden sollten. Unsere Rechnungen gingen nicht auf und Erwartungen wurden fast alle enttäuscht. Mit dem Atomkonsens 2000 hatte man mit vielen Kompromissen, die fast wie eine Anbiederung an die Energieunternehmen wirkten, die Abschaltung der AKWs in ferner Zukunft erreicht. Zudem nahm die Koalition aus CDU und FDP diesen Beschluss wieder zurück, um dann nach Fukushima mit einem radikalen Kurswechsel die wirkliche Energiewende einzuleiten, die wahrscheinlich scheitern wird, weil man durch die unzähligen halbherzigen Versuche, die Energiepolitik in den Griff zu bekommen, es versäumt hatte, geeignete Infrastrukturen für diese Energiewende zu schaffen. Die Sozialsysteme wurden nur insoweit reformiert, dass mit den Änderungen die deutsche Wirtschaft zwar wettbewerbsfähiger wurde, allerdings zu Lasten der sozialen Gerechtigkeit. Die Hartzreformen haben einen Keil in die Gesellschaft getrieben. Sozial Schwache wurden stigmatisiert, weil sie generell unter Generalverdacht standen, ihren Zustand selbst herbei geführt zu haben. Die Rente mit siebenundsechzig halte ich persönlich für eine der besseren Ideen der rotgrünen Regierung und seltsamerweise ist dies der Errungenschaft mit der die SPD am meisten hadert. Jetzt haben wir wieder eine Rente mit dreiundsechzig, die komischerweise nicht wirklich den Arbeitern, die sich im Stahlwerk den Buckel krumm gearbeitet haben hilft (das war ja das Lieblingsargument von Frau Nahles), sondern den Schreibtischtätern aus dem Dienstleistungsbereich hilft, die jetzt wieder schneller heimgeschickt werden dürfen, weil man sie nicht mehr braucht. Die Familienpolitik hat Herr Schröder als Gedöns abgetan. Erst Frau von der Leyen, eine Urkonservative mit sieben Kindern, die sich aber als Ärztin trotz vieler Kinder im Beruf durchsetzen konnte und der auch bewusst war, dass sich Normalverdiener keine Kinderfrau leisten können, hat die Familienpolitik in Deutschland modernisiert. Und das soll man noch einmal sagen, Politik kennt keine Ironie. Ganz zu Beginn hat die Schröder-Regierung den Finanzmarkt liberalisiert, weil es in den angloamerikanischen Ländern en Vogue war mit der grenzenlosen Gier der Banker das Wirtschaftswachstum anzufachen. Da Deutschland auch einen Strukturwandel weg von den alten Industrien zu neuen Branchen erlebte und man den Finanzplatz Deutschland für ausländische Investoren interessant gestalten wollte, gab man jeglichen Ordnungsrahmen für Finanzmärkte leichtfertig auf. Mit erheblichen Folgen, wie es sich in der Finanzmarktkrise 2007 gezeigt hat.

Indiana Jones ist ein Langweiler !?

  Mir war es wichtig, neben den realistischen Handlungsorten, die Charaktere der Personen vorzuformen. Ich wollte Personen auftreten lassen, die ich vorher kennen gelernt hatte, über deren Innerstes ich mir vorher Gedanken gemacht habe. Gerade bei den Hauptpersonen ist es wichtig, dass mir klar ist, wie sie in den einzelnen Situationen zwangsläufig handeln werden. Welche Handlungsweise passt zu welchem Charakter? Diese Frage war für mich essentiell, weil ich bei früheren Projekten Personen aufgebaut habe und sie dann unglaubwürdig gehandelt und so den Plot und die Metaebene in Verruf gebracht habe. Teilweise habe ich ganze Kapitel umschreiben müssen. Diesen Aufwand wollte ich nicht noch einmal bei der Korrektur eines Textes betreiben. Durch gute Vorarbeit ist dieser Fehler leicht vermeidbar. Um es zu verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, sie schreiben etwas über Indiana Jones, der Inbegriff der Tatkraft, der keine Risiken scheut und keiner Gefahr aus dem Weg geht und sie lassen ihn einfach zu Hause bleiben und stellen dar, dass er als Weichei zu Hause sitzt und sich anstatt um archäologische Rätsel um seine Briefmarkensammlung kümmert. Er sitzt abends gramgebeugt und halbblind bei Kerzenschein und zieht mit einer Pinzette an irgendeiner alten Briefmarke herum, während seine Ehefrau ihn auf der anderen Seite des Tisches sitzend anschnauzt, dass er endlich den Müll herunterbringen soll und er ihr mit weinerliche Stimme entgegnet, dass er Angst habe bei Dunkelheit in den Garten zu gehen. Okay, es würde funktionieren, wenn sie eine Satire über Indiana Jones schreiben wollen, aber das wollen sie nicht. Sie wollen, das Indiana Jones als ihre Figur glaubwürdig ist und sich tummelt, um gefährliche Abenteuer zu bestehen. Wenn sie jetzt wollen, dass Indiana Jones sich aus dem Sessel schält und seine Peitsche schwingt, werden sie passende Formulierungen dafür finden. Allerdings glaubt ihnen das kein Leser mehr. An der Stelle klemmt die Geschichte und egal was sie schreiben, sie können es nicht mehr retten.

In meinem Fall habe ich mir die Freiheit genommen, ca. fünf bis sechs Personen vorzuzeichnen. Es betrifft Personen, die miteinander in Verbindung stehen, die familiär aneinander gebunden sind und alleine dadurch bestimmte Handlungsweisen vorbestimmt sind. Alle anderen Personen, die den Protagonisten an den Stationen der Reise begegnen, habe ich erst im Laufe der Geschichte entwickelt. Ansonsten hätte ich die Geschichte komplett vorschreiben müssen. Dieses Korsett hätte mich persönlich beim Schreiben gehemmt. Die Stationen der Weltreise waren geplant und es war vorgegeben, dass sie am Ausgangsort enden musste. Ein Kapital im hinteren Teil sollte einen phantastischen Teil enthalten. Ich nannte es „Reise zum Mond“ und habe anfangs wirklich gedacht, ich schicke die beiden Protagonisten auf den Mond. Im Nachhinein machte es keinen Sinn. Allerdings schrieb ich eine Art Traumszene, die sich gut in die Handlung eingefügt hat und sie auch voranbringt. Meine Geschichten sollen immer einen irrealen Teil, eine Phantasie, einen Traum, ein Wahnvorstellung enthalten, ohne dass die eigentliche Geschichte aus dem Ruder läuft. Ein kleiner Spleen, der mich in die Nähe mancher postmoderner Autoren bringt, deren Texte oft zwischen Wirklichkeit und Wahn schwanken. Ansonsten ließ ich alles andere offen. Somit habe ich für meine Verhältnisse relativ viel Zeit mit der Vorbereitung verbracht. Irgendwann kam der richtige Moment, um mit dem Schreiben der Geschichte zu beginnen. Ich hielt es nicht mehr aus, fühlte mich gut gerüstet und wollte endlich loslegen.

 

Judith Hermann- Aller Liebe Anfang und die Metaebene 3

Was macht sie? Ein Beispiel:“Jason sagt nichts, und Stella schweigt ein wenig und sagt dann, ich möchte vielleicht gerne im Center an der Kasse sitzen. Ich möchte Kaffee und Crossaints verkaufen in diesem kleinen Stand da in der Mitte der Halle. Ich möchte eine Saison lang Erdbeeren pflücken. Eine Ausbildung zur Floristin machen. In der Buchhandlung aushelfen. Im Büro rumsitzen, so wie Paloma. Ich möchte vielleicht Paloma sein? Stella fällt ein, dass es riskant sein könnte, mit Jason über Ideen von einem anderen Leben zu sprechen, einen anderen Beruf. Was soll er dazu sagen? Aber er lacht jetzt, leise, und sagt, dann mach doch einfach. Nicht Paloma sein, aber alles andere- warum machst du`s es nicht einfach. Weil es nicht einfach ist, sagt Stella. Für mich jedenfalls nicht einfach. Nichts kommt mir einfach vor auf dieser Welt, außer vielleicht, für Ava das Abendbrot zuzubereiten oder die Betten neu zu beziehen oder das Geschirr ordentlich abzuwaschen.“

Mal abgesehen vom Sprachduktus, der eher nach Sendung mit der Maus als nach ernsthafter Literatur klingt und mit dem Frau Hermann ihren Figuren als naiv und leicht schwachsinnig demaskiert, ist inhaltlich ausgedrückt, worum es in den Roman anscheinend geht. Ein junges Paar, ein Kind, er, Jason, Fliesenleger, der für andere Häuser am See baut und irgendwie unglücklich dabei ist und Sie, Stella, Krankenpflegerin, die vier Patienten den ganzen Tag versorgt und den kranken Menschen in Zeitlupe beim Hinsiechen zuschauen darf, ein Kind, Ava, die den Tag im Kindergarten verbringt, wo auch die Kinder den Kopf auf den Tisch legen, weil sie in völliger ahnungsloser Larmoyanz an ihrem trögen Dasein verzweifeln, leben in einer Siedlung, in der nichts passiert. Irgendwann taucht Mister Pfister auf und belästigt Stella mit Briefen und Klingelstreichen. Das soll der Aufreger im Buch sein und dümpelt so dahin. Stella braucht lange, bis sie etwas gegen Mister Pfister unternimmt und irgendwann am Schluss reicht es allen Beteiligten und Jason haut Mister Pfister voll auf die Omme. Hätte man dem sanften eher triebgedämpften Jason gar nicht zugetraut. Stella will weg aus der Siedlung und irgendwo finden sie sich wieder und sie scheint einfach nur in einer anderen Siedlung vor sich her zu seufzen. Keine Metaebene, keine Absicht, keine Spannung. Man möchte immer etwas ändern, aber vielleicht könnte es einfach sein, aber eigentlich ist nichts einfach. Was soll das? Wo kommt es her, wo geht es hin? Einheitsgesülze von einem Durchschnittsleben, das kurz von einem unangenehm empfunden Störfaktor unterbrochen wird, um nach einem kurzen Paukenschlag wieder weiter zu machen, wo es so schön war, sich über sein Leben zu beschweren. Jede Situation wird mit endlosen Aneinanderreihungen von Objekten beschrieben und das macht es noch tröger. Beispiel“Im Wintergarten riecht es nach Erde und nassem Kies. Über dem Sofa eine orangene Decke, auf dem Tischchen davor Kinderbücher, Wachsmalstifte, eine Teekanne, auf dem Teppich ein einzelner Schuh von Ava neben einem Stapel Zeitschriften. Vom Sofa aus geht der Blick aus den Fenstern in den Garten über den Zaun hinweg auf das Feld hinaus. Das Wintergras steht noch mattgrün, es sieht aus wie ein Wasser. Der Wind scheint mit den Händen ins Gras, ins Wasser zu greifen. Die Wolken ziehen schnell.“ Das mag nach Poesie klingen und wird aber im Laufe des Buches immer aufdringlicher und naiver. Dabei macht Frau Hermann nur einen Fehler. Sie konzentriert sich zu sehr auf das Filetieren von Wörtern und hinterlässt zu viel mageres Fleisch. Vielleicht sollte man ihr sagen, das Fett manchmal auch ein guter Geschmacksträger ist. Zu meiner Überraschung fand ich einige existenzialistisch anmutende Formulierungen, die auch von Herrn Sartre hätten stammen können. Stella liest bei ihren alltäglichen Arbeiten im Haus gleichzeitig in Büchern, indem sie ein oder zwei Seiten liest, allerdings auch schnell vergisst, was sie gerade gelesen hat. Es geht beim Lesen,“um einen Widerstand. Oder um ein Widersprechen. Vielleicht geht es auch ums Verschwinden.“ Als sie Mister Pfister von ihrem Fenster aus beim Rauchen beobachtet, zerdehnt sich die Zeit zwischen ihnen. Wow! Sehr tiefsinnig, aber eigentlich nur Abklatsch. Bei Herrn Sartre waren solche Sätze aufgeladen und durchdrungen von seiner philosophischen Grundhaltung. Jeder dieser Sätze, die seltsam klangen und den Leser zusammen zucken ließen, weil sie eine Störung im Sprachfluss darstellen, hatte seinen Zweck. Bei Frau Hermann dienen sie der Ökonomisierung des Textes. Man muss sich nicht lange aufhalten, wenn sich die Zeit dehnt. Alles ist gesagt. Und das macht diesen Text für mich unerträglich. Ich frage ich andauern, was hat sich die Autorin dabei gedacht und werde aggressiv bei der Entdeckung, dass sie sich nichts dabei gedacht hat. Ich will nicht gemein sein und kann nicht beurteilen, wie Frau Hermanns Leben verläuft. Allerdings kann ich mir denken, dass sie ein Leben wie es Stella und Jason führen nicht kennt. Sie sitzt in Berlin, ohne Mann und Kind, ist fast Mitte vierzig, geht immer am Prenzlauer Berg an den Spielplätzen vorbei und ertappt sich bei dem Gedanken, dass sie das gar nicht kennt, mit den Familien, den Ehen, dem gewöhnlichen Leben, den sie war immer nur die traurige Schriftstellerin, die Preise dafür gewann, langweilig zu sein. Also schrieb sie sich ihre Not vom Leib und ermutigte die Versager ihrer Generation dazu ermutigen, zu sagen, ja Stella und Jason so ist das Leben, es könnte vielleicht eventuell besser sein, wenn man Kassiererin im Aldi ist oder Raumpflegerin und noch nicht einmal den Mindestlohn verdient, aber warum selbst was ändern, warten bis man geändert wird, weil man alt ist oder Mister Pfister vorbeischaut. Erst dann ist die Not groß genug und man muss sofort alles ändern, sprich man zieht in eine andere Siedlung. Ein Leben, was Frau Herrmann nicht kennt und doch mit ihrem Leben gleichgezogen hat. Ein durch und durch bürgerlichen Roman hat Frau Hermann geschrieben. Herr Sartre hätte daran seine Freude gehabt, um ihn wegen seiner bürgerlichen Spießigkeit zu zerreißen. Sie ist ein wenig der Idiot der Familie. Unbewusst hat sie den zögernden, zaghaften in Weltscherz versinkenden Zeitgenossen die Hand gereicht und alles nur, weil sie anscheinend sich vorher keine wirklichen Gedanken über eine Metaebene gemacht hat.

Judith Hermann – Aller Liebe Anfang und die Metaebene Teil 2

Mit dem Roman „Aller Liebe Anfang“ macht sie sich zum Komplizen der typischen Vertreter meiner und ihrer Generation. Wir sind herangewachsen in dem Bewusstsein, dass jede vorherige Generation einen Schritt voran gemacht haben, viel mehr erreicht hat, als die vorherige Generation. Unsere Eltern haben den maximalen Wohlstand geschaffen oder geliefert bekommen. Mehr war wohl nicht möglich. Aber unsere Eltern wollten, dass wir es besser haben als sie. Sie meinten damit nicht eine bessere Lebensqualität oder Leben ohne Ressourcenverschwendung im Einklang mit der Natur und mit uns selbst. Leider hatten sie die materielle Ebene im Blick. Uns sollte es an nichts fehlen. Uns fehlte es aber an nichts. Wir sollten alle studieren, noch mehr arbeiten als sie, noch größere Häuser und Autos besitzen und nicht nur ihr Vermögen erben, sondern neues Vermögen anhäufen. Dabei waren ihre Autos schon zu schnell und ihre Häuser zu groß und Gelder, die sie angehäuft haben, konnten weder sie noch wir ausgeben. Leider haben einige die Fehleinschätzung ihrer Eltern als Befehl anerkannt. Plötzlich gab es so viele Menschen, die Betriebswirtschaft studierten, bei einer großen Unternehmensberatung arbeiteten und sich allein über Leistung definierten. Seltsamerweise schlugen sie genau die berufliche Karriere ein, um in den Firmen zu arbeiten, die mit ihrer Geschäftsidee den Abstieg der westlichen Industrienationen einläutete. Das Wirtschaftswachstum konnte durch normale wirtschaftliche Tätigkeit nicht mehr ausgebaut werden. Der Unternehmer konnte nur noch schwer seinen Gewinn maximieren. Also drehten die Unternehmensberater an der anderen Schraube und minimierten alle Kosten bis nur noch mageres Fleisch übrigblieb. Sie gingen also mit der Arbeitswelt ähnlich um, wie Frau Hermann mit ihren Sätzen. Arbeitsverdichtung überall und für uns, die in einer Welt des Überflusses hineingeboren wurden, eine schockierende Erfahrung. Es ging nicht mehr aufwärts, sondern im besten Falle seitwärts. Entweder strampelte man sich ab und verzichtete, ganz seine Leistungsmaximierung getrimmt, auf alles Überflüssige, wie Familie, Hobbies und Freunde, um dem Befehl der Eltern zu folgen oder man versuchte sich nicht zu bewegen, um den Verlustschmerz nicht zu spüren. Wer sich nicht bewegte, verzichtete auf Familie, Freunde, Horizonterweiterung und steckte einfach fest, sehr oft subventioniert von dem Vermögen der Eltern. Die Eltern ließen es zu, denn der Bub oder das Mädchen sollten ja nicht leiden müssen, wie sie selbst einst leiden mussten. Natürlich gibt es viele Farben und Schattierungen in den Lebensabläufen meiner Zeitgenossen und bemerkenswert ist, dass es mittlerweile viele gibt, die es verstanden haben, dass monetäres Wachstum keine Bedeutung hat und es wichtiger ist, in einem gesunden Umfeld seine Kinder und die Radieschen im eigenen Garten aufzuziehen. Es ist gerade wieder In geworden, Verantwortung zu übernehmen. Natürlich erschlägt uns die Komplexität der Welt, das Internet, die verfügbaren Informationen, die Zusammenhänge der Globalisierung, die Katastrophen dieser Welt und man konnte uns den bürgerlichen Rückzug ins Private vorwerfen. Wir nehmen es als Herausforderung an, weil viele verstanden haben, dass die Welt vor zwei Generationen viel kaputter war wie heute und es für uns persönlich wesentlich schlimmere Lebensbedingungen geben könnte und wie eher noch etwas abgeben können von unserem Wohlstand, unserer Bildung und unserem Wissen. Wir haben verstanden, dass das Glück bei uns selbst beginnt, wenn wir unser Leben in die Hand nehmen und zufrieden auf das Vorhandene blicken und daraus Kraft für das soziale Zusammenleben schöpfen. Gerade bei jüngeren Menschen zwischen zwanzig und dreißig erlebe ich viele, die eine völlig andere Vorstellung von Leben, Glück und Zufriedenheit haben als wir es hatten. Es geht viel um Erfahrung sammeln und sein Leben zu gestalten und nicht darum, den Führerschein zu machen und Papas Auto kaputt zu fahren und ansonsten zu warten, dass der Bausparvertrag, den Oma einst für abgeschlossen hat, endlich ausbezahlt wird, damit wir uns den Saufurlaub auf Malle leisten können. Frau Hermann könnte genau für unseren Teil unserer Generation schreiben. Für mich und viele meiner Freunde, die noch nie festgesteckt haben, die früh Verantwortung für sich und andere übernommen haben, die nicht hinter ihrer belanglosen Melancholie ihr Unvermögen verstecken. Was wäre sie eine gute Schriftstellerin, die die Zeichen der Zeit erkannt hat. Sie schreibt ohne wirkliche Metaebene in die Hände der Versager aus meiner Generation und gibt ihnen die Rechtfertigung für den Stillstand den sie Leben nennen.

Jean Paul Sartre – Der Ekel und die Metaebene Teil 3

Also kann man behaupten: Wäre der Ekel nur der Roman über die Depression eines Einzelnen und nicht die Beschreibung eines gesellschaftlichen Zustandes in der ein Einzelner hineingeworfen wurde, könnte man es zu recht ein langweiliges und schlechtes Buch nennen. Und letztendlich macht Sartre an Roquentin alles fest, was seine Philosophie ausmacht Nehmen wir folgende Textstelle:“Also, ich war gerade im Park. Die Wurzel des Kastanienbaums bohrte sich in die Erde, genau unter meiner Bank. Ich erinnerte mich nicht mehr, dass das eine Wurzel war. Die Wörter waren verschwunden und mit ihnen die Bedeutung der Dinge, ihre Verwendungsweisen, die schwachen Markierungen, die die Menschen auf ihren Oberflächen eingezeichnet haben. Ich saß da, etwas krumm, den Kopf gesenkt, allein dieser schwarzen und knotigen, ganz und gar rohen Masse gegenüber, die mir angst machte. Und dann habe ich diese Erleuchtung gehabt.

Das hat mir den Atem geraubt. Nie, vor diesen letzten Tagen, hatte ich geahnt, was das heißt: „existieren“. Ich war wie die anderen, wie jene, die am Meer entlangspazieren, in ihrer Frühjahrsgaderobe. Ich sagte wie sie:“Das Meer ist grün; dieser weiße Punkt da oben, das ist eine Möwe“, aber ich fühlte nicht, dass das existierte, dass die Möwe eine „existierende Möwe“ war; gewöhnlich verbirgt sich die Existenz. Sie ist da, um uns, in uns, sie ist wir, man kann keine zwei Worte sagen, ohne von ihr zu sprechen, und, letzten Endes, berührt man sie nicht. Wenn ich glaubte zu denken, dachte ich im Grunde gar nichts, mein Kopf war leer, oder ich hatte gerade nur ein Wort im Kopf, das Wort „sein“. Oder aber ich dachte…wie soll ich sagen? Ich dachte die Zugehörigkeit, ich sagte mir, dass das Meer zur Klasse der grünen Gegenstände gehörte oder Grün eine der Eigenschaften des Meeres war. Sogar wenn ich die Dinge ansah, war ich meilenweit davon entfern, daran zu denken, dass sie existierten: Sie waren für mich nur Dekor. Ich nahm sie in meine Hände, sie dienten mir als Werkzeuge, ich sah ihre Widerstände voraus. Aber das alles spielte sich an der Oberfläche ab. Wenn man mich gefragt hätte, was die Existenz sei, hätte ich im guten Glauben geantwortet, dass das nichts sei, nichts weiter als eine leere Form, die von außen zu den Dingen hinzuträte, ohne etwas an ihrer Natur zu ändern. Und dann plötzlich: auf einmal war es da, es war klar wie das Licht: Die Existenz hatte sich plötzlich enthüllt. Sie hatte ihre Harmlosigkeit einer abstrakten Kategorie verloren: sie war der eigentliche Teig der Dinge, diese Wurzel war in Existenz eingeknetet. Oder vielmehr, die Wurzel, das Gitter des Parks, die Bank, das spärliche Gras des Rasens, das alles war entschwunden; die Vielfalt der Dinge, ihre Individualität waren nur Schein, Firnis. Dieser Firnis war geschmolzen, zurück blieben monströse und wabbelige Massen, ungeordnet – nackt, von einer erschreckenden und obszönen Nacktheit.“

Hier hat Sartre einen wichtigen Aspekt seiner Philsophie anhand eines Parkbesuches des Herrn Roquentin näher beleuchtet und den Helden seiner Romanes einer Erleuchtung zugeführt, die fast in so etwas wie eine von halluzinierenden Drogen verursachten Höllentrip endet, weil sich die Existenz, das allgegenwärtige Monster, als wabbelige Masse oder Teig, die alles umgibt, nackt und eklig, sich ihm enthüllt. Das Bewusstsein kann niemals identisch mit den Dingen sein. Aus der Sicht eines Menschens, der in den Himmel blickt und denkt, kann das Sein kann sich nur in der Erscheinung andeuten, so bleiben das grüne Meer und die Möwe nur Umschreibungen. Weil er als Für-Sich existiert, aber in Distanz zum Sein lebt, bleibt seine Horizont begrenzt. Diese Spannung zwischen Bewusstsein und Sein bestimmt die grundsätzliche Welterfahrung des Menschen. Am Ende steht die Erkenntnis, dass alles von Zufall getragen ist und der Mensch sich auf nichts anderes verlassen kann, als seine Freiheit, zu der er verurteilt ist, weil es keinen großen Plan gibt, mit dem er seine Handlungen rechtfertigen kann. Er muss in seiner kleinen von willkürlichen Regeln begrenzten Welt Entscheidungen treffen, deren Konsequenz er gar nicht abschätzen kann. Er sollte nicht versuchen, in Untätigkeit zu verharren. Roquentin Anstrengungen sich in der Einöde zu verbergen gehen gründlich schief. Er scheitert an seiner Existenz, weil er nicht handelt. Er ist der Bürger, der Ordnung und Halt sucht und spüren muss, dass es keine Ordnung gibt. Und am Schluss trifft er eine Entscheidung. Für mich das Fazit des Romans und der Sartreschen Philosophie und damit eine Metaebene, die sich wie ein roter Faden durch die melancholische Ansicht einer französischen Hafenstadt

Metaebene

Jede Geschichte sollte ihren Anstoß finden, in dem man eine Grundaussage zum Ziel der Geschichte trifft. Eine Metaebene der Geschichte ist absolut wichtig, um mittels einem Überbau dem Text eine Bedeutung und einen roten Faden zu geben. Ansonsten wirken Texte wie lieblos zusammen geschusterte literarische Ergüsse. Das sich im Laufe des Schreibprozesses die Schwerpunkte verschieben und andere Titel, Thesen und Temperamente sich zu der ursprünglichen Grundaussage hinzugesellen versteht sich von selbst und trotzdem sollte man den Ursprung und Grundaussage der Geschichte niemals aus dem Blick verlieren. Leider kommt das oft vor und am Ende des Tages, wenn alles zusammengerechnet und wieder abgezogen wird, bleibt oft ein dummer Rest übrig, der sogar der Grundaussage widersprechen kann. Deswegen sollten manche Autoren lieber zweimal nachdenken, bevor sie weiterschreiben und nur literarischen Auswurf fabrizieren.

Die Metaebene ist zuerst ein tendenziöser Schlag ins Kontor der Befindlichkeiten. Ich wage mich hervor und gehe damit ein Risiko ein. Hier offenbart sich die Gesinnung des Autors, sein Sendungsbewusstsein, das ihn um seine Reputation bringen kann. Vielleicht liege ich schon hier daneben und gebe mein Werk der Lächerlichkeit preis. Die guten Autoren, die echten Schriftsteller, sind an dieser Stelle den billigen Massenschreiberlingen haushoch überlegen. Sie bieten echte Angriffs- und Indentifikationsflächen, je nach Gesinnung des Lesers. Die schlechten Autoren sind schon in diesem frühen Stadium an ihrer Oberflächlichkeit gescheitert und können den Leser höchstens noch unterhalten. Ich kann mich noch erinnern, dass Schriftsteller vor ca. dreißig Jahren bei jeder Gelegenheit an ihrer Grundaussage gemessen wurden und ständig die Frage gestellt bekamen, welche Absicht sie mit ihrem Buch verfolgten. Schriftsteller verwiesen den Frager auf ihr Buch, das sich selbst erklärt und ließen den Frager gegen die Wand prallen. Die Unterhaltungsschreiber fingen an, ihr Buch selbst zu interpretieren. Die Metaebene muss sich selbst erklären, sich auf jeder Seite des Textes offenbaren und sogar den beschränktesten Leser auf die richtige Spur bringen. Der eine wird sich damit voll und ganz identifizieren und der andere wird es verärgert zur Seite legen. Dann hat der Autor alles richtig gemacht. Erst wenn er versucht, jedem Leser und Kritiker mit hübschen Banalitäten einen Gefallen zu erweisen, wird seine Unfähigkeit deutlich. Die Quintessenz der Metaebene heißt also, Risiko lohnt sich. Ich stehe außerhalb, mein Denken wird deutlich, man soll sich daran reiben und im besten Falle sich damit identifizieren. Allerdings: Ein Buch verändert selten die Welt und die Menschen, aber: es kann Pflöcke in das Herz der Finsternis schlagen und dafür sorgen, dass sich in möglichst vielen Hirnwindungen der Leser etwas hängen bleibt.

Mein Ursprung in der Schüssel

Sehr früh in meiner Kindheit begann meine Liaison mit der Literatur. Bücher waren immer Teil meines Lebens. Kaum hatte das ich Lesen erlernt, wollte ich nicht nur einzelne Geschichte lesen, sondern mich durch die ganze Schwarte kämpfen. Ich lag in meinem Bett, den Kopf auf der Bettkante, das Buch auf dem Boden. Angenehm auf den Bauch liegend habe ich mich in den Geschichten verloren. Zur gleichen Zeit hat sich bei mir auch ein starker Hang zum Träumen entwickelt. Ich habe mir vor dem Einschlafen, meine eigene Parallelwelt in meinen Gedanken geschaffen und bin dabei friedlich eingeschlafen. Die Bücher waren meine Tagträume. Beim Lesen konnte ich alle meine Ängste von mir wegschieben und ich habe verdammt viel Angst vor vielen Dingen gehabt. Das ist mein Ursprung in der Schüssel. Ich lebte in ständiger Furcht vor Katastrophen. Ich könnte es auf meine Erziehung schieben. Meine Mutter neigte zum überdramatisieren und mein Vater war ein absoluter Pessimist. Vieles, was für meine Altersgenossen ganz normal war, wurde mir mit dem Hinweis verwehrt, es könne mir etwas schlimmes passieren. Die Herkunft meiner Ängste zu ergründen, führt in die tiefsten Schichten meines Wesens und ich könnte damit einen eigenen Blog füllen. Ich kann mich nur erinnern, dass ich als Dreijähriger in einem Kirmesflieger saß, der für mein Alter mehr als geeignet war, in dem kleinen Flieger aufstand und wie am Spieß geschrien habe, dass ich sofort runter wolle. Meine Mutter hat immer voller Stolz erzählt, dass ich der einzige Junge gewesen sei, der so ängstlich reagiert habe.    Meine Eltern schienen übertriebene Furcht für einen besonders wertvollen Charakterzug zu halten. Was dazu geführt hat, dass ich viele Jahre sehr gehemmt und eingeschüchtert gelebt habe und ich erst mit Mitte dreißig verstanden habe, dass mir die Welt offen steht. Aber auch das ist eine andere Geschichte. Auf jeden Fall war die Weltenflucht in erfundene Geschichten meine einzige Rettung. Ich wollte selbst schreiben und Geschichten erzählen. Als Achtjähriger habe ich ein Deutschheft mit einer Agentengeschichte geschrieben, die sich an einen Fernsehfilm anlehnte, der am Abend vorher lief. Der Film muss mich so in seinen Bann gezogen haben, dass ich unbedingt eine ähnliche Geschichte schreiben wollte. Irgendwelche Spielzeugautos, Legofiguren, Sandkastenbaustellen habe ich mit einer selbst erzählten Geschichte versehen. Ich habe im Sandkasten Städte gebaut, Dynastien errichtet und wieder vernichtet, wieder aufgebaut und dabei habe ich sehr zum Leid meiner Umwelt laut berichtet, was in der Stadt alles passiert sei. Ab der vierten Klasse habe ich angefangen dicke Romane zu wälzen. Es gab einen Autor dessen Bücher mich damals süchtig gemacht haben und dessen große Romane damals total angesagt waren. Michael Ende hat mit „Momo“ gezeigt, dass man Kinderbücher nicht nur spannend erzählen kann, sondern auch einen hohen literarischen Anspruch damit verbinden kann. Ich war elf, als die „unendliche Geschichte veröffentlicht“ wurde und ich habe dieses Buch verschlungen. Danach konzentrierte ich auf die gewaltigen Werke ab fünfhundert Seiten, die meine Altersgenossen nach zehn Seiten weggelegt hätten. Diese dicken Schinken fand ich in dem Bücherschrank meiner Eltern, die alle aus dem Bertelsmann Buchclub stammen. Aber Bertelsmann hat ja zum Glück nicht nur die Trivialschinken von Simmel, M.L. Fischer, Willi Heinrich und Uta Danella, sondern auch die Klassiker der Weltliteratur verlegt. Und seltsamerweise hatten meine Eltern „Schuld und Sühne“ im Schrank stehen. Mit Dostojewski fing meine Reise in die Philosophie an. „Schuld und Sühne“ hat mich fasziniert, weil so viele grundsätzliche Themen in eine packende Geschichte gepackt wurden und mich zum Nachdenken angeregt haben. Mittlerweile war ich vierzehn oder fünfzehn und ich hatte einen Deutschlehrer, der ein absoluter Literaturfreak war. Ein großer ungewaschener Kerl mit langen Haaren und Hippiebart, der uns offenbarte, dass er jedes Wochenende zwei Bücher las. Ich war inspiriert und obwohl ich bei ihm nie über eine drei minus hinauskam, hat der Mann wie ein Katalysator auf meine Lesewut gewirkt. Ich fing an, Brecht zu lesen, dann alles von Max Frisch und irgendwann las ich Sarte „Die Kindheit eines Chefs“ und dann Camus „der Fremde“ und dann war ich bei der Philosophie angelangt. Inzwischen machte ich Abitur und eigentlich wusste ich nicht, welchen Beruf ich ergreifen sollte. Ich hatte eine Zeit lang mit einem Studium der angewandten Theaterwissenschaften und Germanistik geliebäugelt. Schließlich hatte ich meine ersten Theaterstücke und Kurzgeschichten, sogar meinen ersten Roman geschrieben. Meine damaligen Werke waren völlig unbeholfen und ohne jegliche Struktur, aber ich schrieb. Und dann kam meine Angst in Quere. Meine Literaturwut gab mir zwar die Möglichkeit vor meinen Ängsten zu flüchten. Allerdings habe ich sie nicht bekämpft. Die Weltenflucht gab mir die Möglichkeit mich zu verkriechen, ohne an meiner Persönlichkeit oder meinem Selbstbewusstsein zu arbeiten. Also verließ mich der Mut und ich begann, sehr zur Freude meiner ängstlichen Eltern, eine Berufsausbildung bei der Sparkasse, also ein sicherer und krisenfeste Stelle im öffentlichen Dienst. Ich arbeite in dem Beruf erfolgreich und ich bestreite damit meinen Lebensunterhalt. Mittlerweile hängt mein Herz daran. Aber hätte ich damals anstatt mich in die Literatur zu flüchten, an mir gearbeitet, mir Mut angeeignet und wäre meinem Herz, meinen Bedürfnissen, anstatt meiner Angst gefolgt, sähe mein Leben heute vollkommen anders aus. Ich habe in meinem bürgerlichen Beruf viel über mich gelernt und habe mich als Person sehr stark weiter entwickelt. Vielleicht wäre ich, hätte ich das Studium angefangen, schnell gescheitert, weil ich aus meiner Persönlichkeit heraus keine eigene Kreativität hätte entwickeln können. Insofern bin ich mit mir im Reinen. Über Jahre hat sich natürlich meine Herangehensweise an das Schreiben stark verändert. Ich erlebe das Schreiben nicht als Weltenflucht. Ich stehe mitten im Leben, übernehme meine Verantwortung für mich und meine Familie und habe die meisten meiner Ängste überwunden. Ich fahre immer noch nicht gerne mit Karussellen jeglicher Art und ab und zu kommt mir meine Höhenangst in die Quere. Mein Anliegen Geschichten zu erzählen, hat sich in den letzten Jahren nicht verändert. Ich betrachte die Welt, sehe viele offene Fragen, gesellschaftliche Entwicklungen und nutze sie, um sie in meinen Geschichten zu reflektieren. Ich bin da bei mir und der Gegenwart geblieben. Ich kann nichts beschreiben was vollkommen aus meiner Welt ist und das nicht im weitesten Sinne im meinem Erfahrungsbereich liegt. Geschichten über Elfen und Trolle, Vampire und Serienkiller sind mir zuwider. Trotzdem liebe ich die Abstraktion. Man soll sich beim Lesen nicht die Fragen stellen, ob ich vielleicht nur meine Erlebnisse wiedergebe. Ich schreibe nicht autobiographisch, dafür ist mein Leben wieder zu langweilig. Außerdem habe ich eine Neigung zur zynischen Verfremdung. In den letzten Jahren habe ich eine zierliche Begeisterung für David Foster Wallace und Thomas Pynchon entwickelt. Ich glaube dass in meinem Stil leichte Anklänge von ihnen zu finden sind, ohne dass ich mich ausgiebig mit ihnen auseinander gesetzt habe. Für die Etikette auf ihrer Schublade dürfen sie sich mit dem Begriff postmoderner Realismus begnügen. Mit mehr kann ich nicht dienen und wahrscheinlich fällt gleich die Literaturpolizei über mich her und nimmt mich fest. Ich habe gehört, dass Pynchon-Experten sehr militant auftreten können.