Vor drei Monaten habe ich an dieser Stelle von meinem Schreibprojekt berichtet. Mittlerweile habe ich in einer Kladde handschriftlich einen Plot und eine Geschichte entwickelt (Nix mehr Kühltruhe) mit dem ich ganz zufrieden bin. Um mich weiter an das Projekt heran zu tasten, werde ich kleine Szenen, Kurzgeschichten und ähnliche Formen nutzen. Anbei die erste Szene. Ich freue mich über Anmerkungen, Rückmeldungen und Hinweise und werde in einem weiteren Blogbeitrag mich auch noch einmal den Inhalt und Kontext erläutern:
Unauffällig schnurrt die Klimaanlage im Auto. Vor ein paar Sekunden umwehte Fabians schweißgeplagten Gesichtspartien noch ein angenehm kühler Luftstrom. Leonie klemmte mit ihrem kleinen Oberkörper hinter dem Lenkrad, hatte ihren Sonnenbrillenblick fest auf die enge Straße zwischen Castellina und Greve gerichtet und mit einer unauffälligen tastenden Handbewegung die Klimaanlage des FIAT heruntergeregelt. Ein Halbsatz reichte ihr aus, um ihre Entscheidung zu begründen: „Ist zuviel.“
Fabian wollte die Zweckmäßigkeit dieser Handlung mit ihr diskutieren. In der brütenden toskanischen Hochsommerhitze ohne einen kühlenden Luftstrom zu fahren, hält er für glatten Selbstmord. Weil Leonie das Fahrzeug durch eine Serpentinenkurve steuert und die Fliehkräfte seine inneren Organe an den Rand des Abgrundes drücken, verkneift er sich einen Einwurf. Mit einem Blick auf die Weinstöcke, die in Reih und Glied den Hang hinaufwuchsen, kann er dem Brechreiz entfliehen.
Die Ordnung der Rebstöcke vermittelt Fabian Sicherheit. Er hasst die Unsicherheit. In jedem Moment kann auf dieser Straße ein Unglück passieren. Es muss nur ein anderes Fahrzeug auf ihre Spur geraten und Leonie kann nicht ausweichen. Fabian hat kein Vertrauen in Leonie, die nicht in der Lage sein wird, adäquat mit einer solchen Situation umzugehen. Für Fabian ist es von größter Bedeutung über jeden Moment Kontrolle auszuüben. An Leonie einen Teil der Verantwortung abzugeben, betrachtet er als Liebesbeweis. Ein Liebesbeweis der ihm nur Kummer bereitet und kaum Gewinn erwirtschaftet. Der lange Anstieg der Straße endet in einer weiteren Spitzkehre. Er spürt Schweiß im Nacken. Eine Mischung aus Angst- und Hitzeschweiß. Mit seinen Fingerspitzen krallt er sich instinktiv in den Schaumstoff seiner Sitzfläche. Leonie soll sein Unwohlsein nicht bemerken, daher bemüht er sich um ein Grinsen, das nur zur Grimasse gerät und einen nach vorne gerichteten starren Blick.
Erst als die Kurve in einer langen Gerade übergeht, entkrampft Fabian und gönnt sich einen kurzen Gedankenausflug. Er und Leonie waren seit zwei Jahren ein Paar. Sie arbeiteten im gleichen Unternehmen: sie als Marketingassistentin und er als Trainee in der Geschäftsführung. Zum ersten Mal waren sie sich in einem Meeting begegnet. Irgendwas mit Marketingplanung für das nächste Jahr, eine große Runde, Vertreter der Geschäftsführung, Vertreter der Marketingabteilung, man hockte in einem Konferenzraum an einer langen Tafel aufeinander und redete sich die Zukunft schön. Leonie saß am anderen Ende des Tisches und hatte keinen einzigen Redebeitrag beigesteuert. Stundenlang war sie ihm gar nicht aufgefallen, fast als sei sie unsichtbar. Dann bat ihre Abteilungsleiterin sie nach vorne. Sie sollte das neue Costumer-Relation-Management-System erläutern, das kurz vor dem großen Rollout stand. Sie erhob sich, zog am unteren Saum ihres schwarzen Blazers und trat mit großen Schritten ihren Weg nach vorne an. Fabian war schon fast weggenickt, aber als er den geradlinigen Rhythmus ihrer Schrittfolge wahrnahm, wachte er auf.
Leonie lächelte in die Runde und es fühlte sich an, als lächelte sie nur für ihn, als seien er und sie alleine im Raum. Ihr glattes Gesicht, die halblangen dunkelblonden glänzenden Haare, ihre junger unverbrauchter Blick aus ihren braunen Augen faszinierte ihn sofort. Ihre Art zu reden glich einem Seidentuch in Apricot, das am offenen Fenster hing, leise im Wind hin und her wogte und die Sonnenstrahlen schimmern ließ. Durch ihr Erscheinen erstrahlte der Raum in einem rötlichen Abendleuchten und in ihm breitete sich ein warmes Gefühl des Einverständnisses aus.
Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und sprach sie am Ende des Meetings an.
„Haben Sie in den nächsten Tagen noch einmal Zeit für mich? Mich interessieren einige Details zum CRM.“ Sie lächelte verschmitzt, nickte, holte ihr Handy heraus, checkte ihren Kalender.
Seitdem waren sie unzertrennlich miteinander verbunden. Der etwas ruhige Verlauf der Strecke erlaubt es Fabian, den Blick von der Straße zu nehmen und auf Leonie zu richten. Er will die zärtliche Empfindung von damals reproduzieren. Solange ihm das immer wieder gelingt, hält die Liebe zu ihr an. Oberhalb ihrer Lippen glitzern kleine Schweißperlen. Das warme Gefühl der Zuneigung breitete sich in ihm aus. Sie ist das wunderbarste Wesen unter der Sonne. Er hört ihre Schritte, der geradlinige Rhythmus. Tam, TaTam, Tam, TaTam. Wir sind jung und eine makellose Zukunft liegt vor uns. Er hatte mittlerweile ein eigenes Unternehmen gegründet. Es lief wahnsinnig gut. Sein Konto und der Stolz auf seine Leistungsfähigkeit platzten aus allen Nähten. Er kann für sie beide sorgen. Sie klebt an ihrem Job in der alten Firma. Wie oft hat er hier gesagt, sie kann jetzt zu Hause bleiben, sie können ein Haus bauen, eine Familie gründen, sie kann ihm den Rücken freihalten. Sie verzieht dann nur das Gesicht und wird schmallippig. Sie ist noch widerspenstig. Sie lässt sich noch nicht kontrollieren. Die letzten Zugeständnisse: Der Urlaub in einem Ferienhaus, mitten im Nirgendwo, Sie kocht für ihn kleine italienische Speisen, in der Nacht schwitzt sie, anstatt zu schlafen. Leonie geht in riesige Supermärkte einkaufen, riecht an in Plastikfolie verpackten Pecorinostücken, schnuppert an Pfirsichen, inspiziert die Etiketten der zahlreichen Olivenölsorten und packt zahllose Laibe Weißbrot in den Einkaufswagen. Sie fährt mit einem Kleinwagen durch die Toskana, erkundet Florenz, Siena, San Gigmiano, Lucca, Pisa. Sie besucht Wochenmärkte, klappert Souvenirgeschäfte ab, schaut nach Salatbesteck aus dem Holz des Olivenbaums, bestellt in Reiseführeritalienisch Gelato, Pasta und Chianti und Fabian begleitet sie, im inneren missmutig verstimmt, nach außen Interesse bekundend und wohlwollend. Sie hätten sich absoluten Luxus leisten können. Urlaub in einem teuren Ferienresort, irgendwo an einem exotischen Ort, vollklimatisiert, mit Personal, das einem alles hinterherträgt. Sie müsste nicht kochen, nicht einkaufen, nicht Autofahren, nicht herumrennen. Einfach am Privatstrand liegen und auf das blaue Meer glotzen, mit einem kalten Getränk in der Hand und wenn das leer ist, steht schon ein Kellner neben der Liege und fragt, ob man noch etwas haben möchte. Sie ist noch widerspenstig aber nicht mehr lange. Die Wärme der Zuneigung verschwindet bei dem Gedanken, dass er noch Arbeit in sie investieren muss. Fabian denkt sich das und Leonie, die hinter dem Lenkrad eingeklemmt sitzt, erstarrt zu einer halbfertigen Statue, die Fabian mit Hammer und Meißel noch bearbeiten muss. Wie ein Bildhauer will er sich das Bildnis einer Frau erschaffen, das seine Bewunderung verdient hat und für das er Anerkennung erhalten wird.
Seitdem sie heute Morgen ihr Ferienhaus verlassen haben, hat er kein Wort mehr gesprochen. In den letzten Tagen hatten seine Redebeiträge an Dauer und Häufigkeit abgenommen. Es fühlte sich an, als habe Fabian sich ein Schweigegelübde auferlegt. Als Leonie eben das Gebläse der Klimaanlage heruntergeregelt hatte, hatte sie mit Gegenwehr gerechnet. Aber kein einziges Wort kam über seine Lippen. Obwohl sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem schwierigen Straßenverlauf widmen muss, spürt Leonie die Anspannung, die sich in Fabian aufgebaut hat. Sie weiß nicht, was an ihm zerrt, aber es wird an einem bestimmten Punkt zu einer unangenehmen Reaktion führen. Fabian betrachtet sie von Zeit zu Zeit, sein Blick sucht ihr Blick und wenn sie sich ihm zuwendet, dreht er sich weg, so wie gerade jetzt. Er schaut angestrengt aus dem Fenster und sie kann seine Halsmuskeln zucken sehen, seine Schultern bewegen sich unmerklich auf und ab. Leonie hasst diese Spielchen. Erwachsene Männer wie Fabian, die breitbeinig im Leben stehen, mit den Fingern an ihren Hemdkragen nesteln, die Reverse ihrer dunkelblauen Jacketts mit den Fingerspitzen geraderücken und sich dafür loben, dass sie wieder einmal einen ihrer Konkurrenten besiegt haben, benehmen sich privat wie kleine zerbrechliche Porzellanfiguren, die jeden Moment vom Fenstersims heruntergestoßen werden und am Fußboden zerschellen können. Leonie spürt die Kupplung unter ihrem Fuß. Sie schaltet einen Gang zurück und schiebt den FIAT in der steilen Kurve den Hang hinauf. Sie gönnt sich einen Blick hinunter ins Tal und feiert die Aussicht und feiert ihr Leben. Sie ist auf der Suche nach solchen ungestümen unverbrauchten Momenten. Sie wird von Euphorie ergriffen. Nacheinander beginnen ihre Nervenbahnen in den Armen und an der Wirbelsäule zu glühen. Leonie spürt sich selbst, ihren Körper und ihr Verlangen nach purem Erleben. Sie ist besessen von der Idee, die Essenz der Dinge, die sie umgeben, körperlich zu erfahren. Sie muss herausfinden, ob es für sie selbst eine Bestimmung gibt, ob ihr Leben ein Sinn hat. Sie zelebriert das Leben, indem sie jedem Schluck Cappucino nachspürt, am Weinglas schnüffelt, bevor sie trinkt und dann den Chianti im Mund zergehen lässt, das Gelato auf der Zunge belässt, bis sie die verschiedenen Fruchtaromen erfasst hat, Pecorino beschnuppert, Brot abtastet, Ölivenöl beim Emulgieren mit dem Balsamico beobachtet. Das Kleid der verschiedenen Grüntöne, in die das Chiantital gehüllt ist, zu benennen, solche verrückten Sachen muss sie einfach machen. Sie schaut wieder auf die Straße und nimmt sich vor die Grüntöne, wenn Fabian nicht in der Nähe ist, leise vor sich herzusagen. Smaragdgrün, Froschgrün, Salbeigrün, Minzgrün, Absinthgrün, Waldmeistergrün, Ampelgrün. Die Beziehung zu Fabian gibt ihrem Leben einen Rahmen, eine Struktur. Bevor sie sich kennengelernt hatten, irrte sie ziellos durch den Garten der Möglichkeiten. Ihr fiel es nicht schwer, ein Studium zu absolvieren, einen Job zu finden, sich in der Firma zu etablieren, aber sie empfand dabei keine Befriedigung. Allerdings hatte sie auch keine Ahnung welchen Weg sie beschreiten müsste, um Zufriedenheit empfinden zu können. Mit Fabian kam ein Plan in ihr Leben. Er war Erfolgsenthusiast. Die Dinge, die er anpackte, begriff er als Wettbewerb und er wollte immer der Sieger sein. Er eroberte sie und seine Geradlinigkeit und seine Leidenschaft für Erfolg imponierten ihr. Nach zwei Jahren hat sich ihre Bewunderung etwas verbraucht. Daher ist es ihr so wichtig, ihre Eindrücke mit ihm zu teilen. Denn sie hofft, dass er mit seinem üblichen Enthusiasmus reagiert. Der ruhige Verlauf der Straße erlaubt es Leonie, ihn noch einmal anzuschauen. Ihre Blicke trafen sich. Sie bemerkte seine sanftmütigen salbeigrünen Augen oder waren sie eher seladongrün? „Schön Landschaft, findest du nicht?“ Er schnaufte angestrengt.
„Ja, schon. Kannst du trotzdem die Klimaanlage wieder höher drehen?“