Einen Ausflug in den Westerwald – Teil 2

Ich fuhr über die A 45, die momentan bis Siegen nur aus Baustellen besteht. Dort kann man das Auto nicht voll ausfahren. Der Zoe ist bei 140 KM/h am Ende seiner Möglichkeiten. In Anbetracht der Tatsache, dass so grüne Spinner wie ich sich selbst die Freiheit nehmen wollen und nur noch mit maximal 130 über die Autobahn preschen wollen, ist das vollkommen ausreichend. Und wenn man ins Ausland fährt…komisch da sind nirgends diese Ökoterroristen an der Macht und trotzdem darf nirgends schneller fahren als 120 KM/H…klar diese Ausländer haben ja auch keine Ahnung von Freiheit… Schland, Schland unser Vaterland, wir lieben es, wegen den Autobahnen, dem Fußball und dem Reinheitsgebot…

Bei Herborn fährt man von der Autobahn runter und dann über eine gut ausgebaute Bundesstraße tief ins Hinterland.  Mein Weg führte vorbei an bewaldeten Hügeln, riesigen Industriegebieten, durch kleine Dörfer, und links und rechts der Fahrbahn wucherten riesige klaffende Wunden in den Wäldern, Schneisen der Zerstörung, die das friedliche Bild einer geordneten Landschaft störten.

Ich bog von der Landstraße ab, geriet auf ein kleines Sträßchen und verpasste den Treffpunkt. Mein Freund  Christian hatte mich zum Friedhofsparkplatz von Streithausen gelotst. Nachdem ich meinen Irrtum bemerkt hatte, wendete ich in einer Seitenstraße und fuhr zurück.

Meine Zoe kommt auf dem Parkplatz zum Stehen und der Ladestand meines Akkus zeigt 51 % an. Das reicht locker um wieder nach Hause zu kommen und auch noch die eine oder andere zusätzliche Wegstrecke zurück zu legen. Ladesäulen in der Nähe? Fehlanzeige. Erst im 10 Kilometer entfernten Bad Marienberg gibt es eine Ladesäule, von der ich nicht in Erfahrung bringen konnte, ob ich sie nutzen kann. Das ist wirklich noch ein Problem. Wenn es zum Beispiel in einem Ort wie Streithausen (ein kleines Kaff) ein öffentlicher Ladepunkt vorhanden gewesen wäre, hätte ich während der Wanderung, die mehr als zwei Stunden dauerte, ganz entspannt das Auto wieder aufladen können. Solange wir auf den Dörfern keine Ladepunkte haben, sind Ausflüge mit dem E-Auto unter Umständen doch eine logistische Herausforderung. Ich habe zwar ein Ladekabel für die ganz normale Haushaltssteckdose. Allerdings dauert es  dann angeblich einen ganzen Tag, um den Akku aufzuladen. In eine solche Notsituation wollte ich erst gar nicht geraten.

 Mein Freund Christian begrüßte mich und wir liefen sofort los. Christian kenne ich schon seit den neunziger Jahren. Wir haben uns im Zivildienst kennengelernt.  Wir sind über die Jahre im Kontakt geblieben, habe viele Stunden miteinander verbracht, um über Literatur, Philosophie, Politik und das Leben im Allgemeinen zu sinnieren. Jedes Treffen mit ihm ist eine Inspiration. Ich kenne keinen Menschen, der so viele Ideen in sich trägt, soviel Wissen mit sich herumschleppt und auch noch den schwierigsten Sachverhalt mit seinem Denken durchdringen kann. Gleichzeitig ist er einfach ein netter Kerl, großherzig und ein Menschenfreund.  

Er hatte mich auch zur Wanderung eingeladen, weil er auf dem langen Rundweg einige Geocaching-Verstecke lagen, die er aufsuchen wollte. Ich bin zwar gerne im Wald, aber dieser modernen Form der Schnitzeljagd konnte ich bisher nichts abgewinnen. Wir liefen zu einem Platz oberhalb des Friedhofs. Ein weißes Kreuz oberhalb von Streithausen war unser Startpunkt. Durch das Dickicht folgten wir dem „Baum-des-Jahres“-Pfad. Jedes Jahr wird der Baum des Jahres bestimmt und hier hat man es sich zur Aufgabe gemacht, hier die einzelnen Baumarten zu pflanzen und mit Hinweisen versehen. Während Christian schon die ersten Verstecke ansteuerte, vertieften wir uns schon in einen interessanten Dialog über die letzten anderthalb Jahre in denen wir uns nicht sehen konnten. Wir unterquerten die Bundesstraße und folgten einigen Waldwegen. Bald lag die alte Straße vor uns, die von Streithausen wegführte und nun als Radweg und Fußweg genutzt wurde. An eine der ersten warmen und sonnigen Tage im diesem Jahr waren hier viele Jogger und Radfahrer unterwegs. An einem Baumstumpf, dessen ausgefranste Spitzen in den Himmel ragten, vermutete Christian ein Versteck, konnte es aber nicht finden.

 Beim Geocaching sucht man anhand der Koordinaten Verstecke. In den Verstecken liegen Behältnisse mit einem Logbuch. Man trägt sich in das kleine Buch ein und bekommt evtl. noch Hinweise auf die Koordinaten eines Bonusversteckes. Das Behältnis legt man für den nächsten Suchenden wieder an seinen Platz zurück. Manchmal liegen in den Behältnissen Süßigkeiten und kleine Plastikfiguren, die man gegen andere Gegenstände eintauschen kann. Die Behältnisse stecken oft in witzigen Artefakten, in künstlichen Tierschädeln, bunten Plastikfiguren, Holztornistern usw. Ich hatte mir zur Aufgabe gemacht, jeden Cache mit der Kamera zu dokumentieren. Christian posierte jedes Mal mit dem Behältnis vor der Kamera. Obwohl er mich in die Suche eingebunden hatte,  habe ich eine Weile gebraucht, um das Prinzip zu verstehen.

 Wir kamen an einigen Waldbrachen vorbei, die ein ähnliches Bild der Zerstörung boten, wie die Schneisen, die ich neben der Bundesstraße gesehen hatte. Die Borkenkäfer hatte unzählige Hektar Wald niedergemäht, einen Teil der Bäume hatte man gefällt, um der Plage Einhalt zu gebieten.  Christian hatte sich schon längere Zeit damit beschäftigt. Als er den Namen Peter Wohlleben erwähnte, war ich schon leicht genervt. Wir haben darüber diskutiert, ob solche Typen, die mit simplen Botschaften über die Natur ein Haufen Bücher verkaufen und ständig in den Medien präsent sind, wirklich eine Bewusstseinsänderung bei den Menschen erreichen oder nur leicht verdauliche Waren produzieren, die Menschen, ohne die großen Zusammenhänge zu verstehen, einfach konsumieren. Der deutsche Wald wurde schon immer verklärt und romantisiert und das Reden über die Natur auf „Landlust“-Niveau wird keinen einzigen Wald retten oder bei den Menschen eine Verhaltensänderung herbeiführen. Christian selbst suchte nicht nur nach Verstecken im Wald, sondern versuchte zu verstehen, was im Wald aktuell geschah. Er hat aber auch sich bei anderen weniger bekannten Wald- und Naturkennern herumgetrieben, wie z.B. ein Mann im Wald. 

Der Westerwald ist wie viele Waldgebiete in Deutschland auf die wirtschaftliche Nutzung von Holz ausgelegt (ha, ha so viel zur Romantik). Im Westerwald hatte man im vorletzten Jahrhundert Monokulturen aus Nadelhölzern angesiedelt. In der Hauptsache Fichten, die schnell wachsen und daher gut verwertbar waren. Die Wälder haben das Holz geliefert, das man zur Industrialisierung dringend benötigte. Nun hat die Industrialisierung dazu geführt, dass viel CO2 ausgestoßen wurde. Die Sommer wurden heißer und trockener. Fichten können Borkenkäfer als Eindringlinge mit ihrem Harz bekämpfen. Sobald ein Käfer sich ins Holz frisst, wird er vom Harz umschlossen und gekillt. Wenn Trockenheit herrscht, können Fichten kein Harz bilden. Den Borkenkäfer fiel es leicht,  die Bäume zu befallen und die Plage hat sich ungehindert ausgebreitet. In Mischwäldern wird die Verbreitung gestoppt, da die Borkenkäfer nur Nadelhölzer befallen. Sobald sie an einen Laubbaum geraten, ist alles vorbei. Nun kommt es zu einem Kreislauf, der vielen Menschen gar nicht bewußt ist. Bäume binden CO2. D.h. wenn Baumbestand vernichtet wird, gibt es weniger Bäume, die CO2 binden und damit erwärmt sich die Welt weiter, wird es noch trockener usw. Wir regen uns ja gerne über die verheerende Zerstörung des Regenwaldes in Südamerika auf, vergessen aber gerne das Drama vor unserer Haustüre.

Wir liefen einige Stunden durch den Wald, aus 11 Kilometern wurden 15. Christian musste immer wieder vom Hauptweg ins Unterholz abbiegen. Das hat die Wanderung unheimlich in die Länge gezogen und als ich auf dem Heimweg vollkommen erschöpft und hungrig an einer Tankstelle im Nirgendwo einkehrte (mit einem E-Auto, welch Ironie) um mir Essen und Trinken zu besorgen, dachte ich über die Zerstörung der Wälder nach. Ich fragte mich, ob die Frau hinter der Theke, die mir eine in Plastik verpackte Biffi-Roll und eine große PET-Flasche Wasser verkaufte, ahnte, dass ihre unmittelbare Existenz vielleicht durch die Elektromobilität bedroht ist, die viel größere Bedrohung aber hinter ihr im Wald lauerte. Ich saß draußen in der grellen Nachmittagsonne auf einem kleinen Bank, kaute auf dem industriell hergestellten Würstchen herum, trank aus meiner Flasche Wasser, dass nach dem Plastik der PET-Fasche schmeckte und stellte mein eigenes Handeln in Frage.  Ich fuhr vielleicht ein Elektroauto, achtete darauf, unverpackt Dinge des Alltags zu kaufen, die nach biologischen Maßstäben und in der Region produziert wurden,  flog nicht mit dem Flugzeug in die Ferne, um mich in der Sonne brutzeln zu lassen und doch hatte ich keine Ahnung, was wirklich in der Natur geschah. Bin ich nicht doch nur ein kleiner Angeber, der das Statussymbol SUV gegen ein das neue Statussymbol Elektroauto getauscht hatte?

 Als Christian im Wald ein Cache suchte, der in einem Birkenwald liegen sollte, fragte er mich, ob ich irgendwo um uns herum Birken sah. Ich zeigte auf niedrige dürre Bäume und er antwortete belustigt von meiner Einfalt: Nein Matthias, das sind Haselsträucher!

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