Haltung

Zitat Apsilon im Spiegel-Gespräch Spiegel Ausgabe 27/2026

Apsilon ist ein Rapper aus Berlin, der vor kurzem seine zweite Platte veröffentlicht hat und aus diesem Grunde vom Spiegel interviewt wurde. Für seine Musik und seine Art des Sprechgesangs bin ich nicht sonderlich empfänglich. Seine Haltung als Künstler, die in seinen Texten und in diesem Interview sichtbar wird, beeindruckt mich. Apsilon streckt gerne verbal den Mittelfinger aus, aber nicht aus einer oberflächlichen Trotzhaltung heraus, sondern weil er die gesellschaftlichen Zusammenhänge reflektiert hat und sich bewusst abgrenzen will.

Im Laufe des Interviews fiel der oben zitierte Satz. Ursprünglich ging es um die Grundstimmung des Albums. Apsilon beschäftigt sich mit Gefühl der Ohnmacht angesichts einer Welt, in der alles schlechter zu werden scheint und wie sich dieses Gefühl auf ihn auswirkt. Als ich den Satz gelesen habe, musste ich erst einmal ein paar Minuten innehalten. Es beschreibt genau meine persönliche Haltung. Ich betrachte es nicht nur als politische Aussage, sondern Anleitung zum Lösen jeglicher Schwierigkeiten und Überwindung von Hindernissen, egal ob es mich individuell, meine Familie oder mein Umfeld betrifft.

Mein Verstand arbeitet immer mit dem Worst-Case. Ich bereite mich gedanklich auf Katastrophen vor und frage mich, wie kann ich sie verhindern. Wenn sie nicht zu verhindern ist, überlege ich, wie ich die Katastrophe meistern kann. Erst kommen meine Gedanken. Die Emotionen versuche ich zu benennen und in den Hintergrund zu schieben, um aus meinen Gedanken, Entscheidungen zu extrahieren, die ich in entsprechende Handlungen umsetze. Anschließend kommen meine Emotionen wieder zum Tragen. Ich frage mich, bringt mich Wut, Frust und Trauer weiter oder kann ich durch Handeln meine negativen Emotionen überwinden? In meinem Herzen trage ich die Überzeugung, durch mein persönliches Engagement, meine Aktivität die Katastrophe verhindern oder zumindest abmildern zu können. Oft höre ich von mir: alles wird gut oder wer weiß, wofür es gut ist. Das mögen Beruhigungsfloskeln sein, entspricht aber auch meinen persönlichen Erfahrungen. Ich bin nicht ohnmächtig, nicht Opfer, nicht Leidtragender, sondern Gestalter meiner Zukunft. Manchmal komme ich an meine Grenzen und kann das Unvermeidliche nicht verhindern, aber auch dann bin ich nicht ohnmächtig.

Als klassischer Pessimist könnte ich auch in einer fatalistischen Grundhaltung verharren. Bringt ja alles nix, die da oben machen ja mit uns, was sie wollen und ähnlicher Quatsch. Genau hier setze Populisten und Faschisten an. Diese Untergangspropheten warten nur darauf, dass man sich der Ohnmacht hingibt. Denn dann können sie versprechen, dass sie den Untergang verhindern und man ihnen nur eine allumfassende Vollmacht ausstellen muss. Wenn eine Gruppe von Menschen oder eine Gesellschaft diese Maxime anwendet, ergeben sich neue Zusammenhänge, Kooperationen, Innovationen, ein Gemeinschaftsgefühl, das Bewusstsein, dass jeder einzelne Verantwortung für die Gemeinschaft tragen kann usw. Man hat hiermit ein Gegenmittel gegen Populisten in der Hand. Wer die Gemeinschaft als tätiges und selbst wirksames Organ erlebt, wird keinem hinterher rennen, der die Rettung verspricht, wenn man ihm nur die Macht überlässt.

Den Satz hat sich Apsilon natürlich nicht selbst ausgedacht. Ursprünglich stammt er von Romain Rolland, französischer Schriftsteller, Pazifist und Nobelpreisträger. Dort lautet er etwas anders: Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens. Der Satz wurde später von Antonio Gramsci übernommen, italienischer Marxist, dessen politische Theorien leider heute nicht nur von linken, sondern auch von rechten Vordenkern übernommen werden und damit aktueller denn je sind. Ich habe länger überlegt, ob der Optimismus des Herzens etwas anderes bedeutet als der Optimismus des Willens. Ob das Herz oder der Willen der Antrieb zum Handeln ist, ist nicht entscheidend. Auch bei näherer Betrachtung bleibt die Wirkung dieselbe. Es ist auch egal, wer sich den Satz ausgedacht hat. Alleine, dass er lebendig bleibt und von jungen Persönlichkeiten wie Apsilon gelebt wird, die Einfluss auf ihre Generation haben und damit andere jungen Menschen inspirieren, gibt mir die Hoffnung, das alles gut wird.

2 Gedanken zu “Haltung

    • Ich habe die Maxime absichtlich nicht in einen
      politischen sondern in einen persönlichen Kontext gestellt. Daher verstehe ich deinen Einwurf nicht. Und ja, wenn es um Politik geht es immer um links oder rechts… und da stehe ich Zeit meines Lebens auf der
      linken Seite.

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