Mein Ortheil oder wie ich Klavierspielen lernte

Wenn mich ein Buch in sein Bann zieht, dauert es nicht lange und ich interessiere mich für die Person des Autors. Ich setze mich mit ihm intensiv auseinander, indem ich recherchiere und in den unterschiedlichsten Wissensquellen herumwühle. Werde ich fündig,  entzündet sich in mir ein Feuer der einseitigen Leidenschaft. Am Ende habe ich das gesamte Werk des von mir verehrten Schriftstellers auf Lunge inhaliert, kann über seinen gesamten Lebenslauf, seine Eigenheiten und Marotten, seine Gewohnheiten und sein Umfeld referieren. Spätestens an diesem Punkt gerät mein Nerdtum außer Kontrolle, verwandelt sich meine Neugier in bedingungslose Zuneigung, die wahnhafte Züge trägt. Wenn ich diesen Gipfel erreicht habe und wirklich alles in mich aufgesaugt habe, kommt bald der Punkt, an dem das schnulzige und kitschige Gebilde meiner Liebe in sich zusammenfällt, wie der rosarote Schaum auf einer Schaumparty nachts um halb drei. Und dann ziehe ich als Experte weiter zum Nächsten.

 Ich weiß noch nicht, an welchem Punkt ich in meiner Beziehung zu Hanns-Josef Ortheil angelangt bin.  Der Name war mir bekannt, er huschte immer mal wieder durch die einschlägigen Publikationen. Meine Aufmerksamkeit hat die Tatsache erregt, dass seine Familie aus dem Westerwald kommt. Ich habe ja einen Faible für Autoren, die einen Bezug zu meiner Heimat haben und darüber schreiben. Das war nun schon der erste Bezugspunkt. Und als ich einen Hinweis auf einen Fernsehbeitrag zu seinem siebzigsten Geburtstag erhalten habe, war es an der Zeit, sich an den Autor und sein Werk heran zu schleichen.

 Herr Ortheil ist ein anscheinend kleiner gedrungener Mann, mit einer Dreiecksnase und hellen, freundlichen Gesichtszügen, der mit einer klaren Stimme und einer klaren Sprache Auskunft über sich gibt. Ihm zuzuhören war in etwas so wie in einen dieser schicken Großstadtläden herum zu laufen, in denen shabby-chic Möbeln ausgestellt werden. Retro hat Charme, Vintage ist voll angesagt. 

  Wenn man die Geschichte seiner Eltern hört, ist es vorbei mit dem Wohlgefühl. Seine Eltern haben mehrere Kinder verloren. Meist kurz nach der Geburt oder in Kleinkinderjahren. Einer seiner Brüder wurde in Gegenwart seiner Mutter durch einen Granatsplitter getötet.

 Dieses Drama hat die Mutter zum Schweigen gebracht und auch Ortheil selbst war in ersten Lebensjahren stumm geblieben. Ich war irritiert, denn die dramatische Familiengeschichte passte nicht zum der ruhigen, fast kontemplativen Erzählweise des Mannes, der einst stumm war. Die Lebensgeschichte von Ortheil entpuppt sich als die seltene Geschichte der Überwindung eines familiären Traumas.  Alleine schon das erregt meine Bewunderung. Ich selbst stamme aus einer Familie, die im zweiten Weltkrieg durch Verlust und Vertreibung einen erheblichen Schaden davontrug, dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart zu spüren sind. Seit Jahren versuche ich die einzelnen Puzzleteile meiner Familiengeschichte zusammen zu tragen, um zu verstehen, warum meine Familie ihre Traumata nie hinter sich lassen konnte.

Herr Ortheil führt seit Jahrzehnten aufwändige Tagebücher. Sein Vater hat ihm früh die Aufzeichnung alltäglicher Beobachtungen nahe gebracht. Seine Tagebücher sind weniger Bestandsaufnahmen seines seelischen Zustandes, sondern eher Chroniken der Gegenwart, Kommentare und Beschreibungen alltäglicher Beobachtungen. Mit diesen Aufzeichnungen hat er die Grundlage für seine schriftstellerische Tätigkeit gelegt und so fängt das Buch „Wie ich Klavierspielen lernte“ mit der alltäglichen Beschreibung eines Pianos auf, das eines Tages von Möbelpackern in der elterlichen Wohnung abgestellt wurde.

Aber dann beginnt die Magie. Der junge Ortheil, noch stumm und kein Schulkind, entdeckt den Klang des Klaviers. Seine leichtfüßige Bildersprache lädt sich auf mit dem Zauber der ersten Töne, die der Junge keinem Musikinstrument zuordnen kann. Erst als er sieht, dass seine Mutter die Töne am Piano erzeugt, beginnt ihn das Instrument zu interessieren. Seine Mutter und er finden am Piano zueinander und mit den ersten Unterricht, den die Mutter, die selbst auf eine Karriere als Konzertpianistin verzichtet hat, weil sie nur Liszt und Schumann spielen wollte, ihrem Sohn erteilt, kehrt das Sprechen wieder zu ihnen zurück.

Die Poesie der klaren Worte ist die literarische Begleitmusik auf seinen Weg zum Konzertpianisten. Die Rolle seiner Eltern wird in diesem feinsinnigem Stück Literatur sehr schnell deutlich. Sie vermitteln ihrem Kind die Lust am Entdecken und Erforschen, sind selbst bereit, sich von seiner Wissbegier und Begeisterung mitreißen zu lassen. Der Zusammenhalt der Familie lebt von der intellektuellen Auseinandersetzung und der gegenseitigen Inspiration. Kind und Eltern begegnen sich auf Augenhöhe. Es gibt kein, dafür bist du noch zu jung, um zu wollen und um zu verstehen. Der Sohn äußert seinen Wunsch, Pianist zu werden und der Vater stellt sich darauf ein. Er setzt sich selbst mit klassischer Musik auseinander, forscht nach, unterstützt seinen Sohn, wo es nur geht, nimmt ihn mit auf Konzerte, begleitet das Kind zu seinen Lehrern und animiert das Kind zum Ausprobieren. Bei der Mutter führt der Wunsch des Kindes dazu, dass sie neben ihren Lebensmut auch wieder das Klavierspielen wieder für sich entdeckt und sich auf ihr altes Talent besinnt.

Obwohl die Familie schreckliches erlebt hat, steht am Schluss die Überwindung des Schreckens aus der Vergangenheit durch Zusammenhalt und geistige sowie emotionale Bildung. An der Erzählung von H.O. Ortheil begeistert mich das Gegennarrativ zur zeitgenössischen Literatur. Es ist seit langem Mode, als Autor aus dysfunktionalen Familienkonstellationen Kapital zu schlagen und das Unglück bis zum Äußersten auszuschlachten. Protagonisten heutiger Geschichten leiden alle unter ihren Eltern und Großeltern. Dabei muss als dramatische Konsequenz mindestens eine Depression, Bindungsunfähigkeit, Drogensucht und Suizidversuche abfallen. Die Triebfeder der modernen Literatur ist das Leiden an der eigenen Herkunft. Als Leser darf man sich in Sicherheit wiegen. Wenn alle so kaputt sind, ist es in Ordnung, wenn man selbst kaputt ist.

Ortheil bietet einen anderen Weg an. Heilung bringt nicht das passive Jammern, sondern der aktive Umgang mit dem eigenen Nachwuchs. Die Begeisterungsfähigkeit und kindliche Neugier wird zum Maß aller Dinge wird und bringt die Heilung.

Ich selbst neige bei meiner eigenen Literatur, das gestörte Kind-Eltern-Verhältnis in den Mittelpunkt zu stellen. Die Bewunderung für Ortheil und seinem Buch über seinen eigenen Weg zum Konzertpianisten hat etwas mit meinem eigenen Trauma zu tun, das ich leider auch weiterhin in meinen Texten verarbeiten werde, indem ich kaputte HeldInnen zeige, die sich aus dem Sumpf ihrer Verstrickungen lösen wollen, aber scheitern, weil sie in ihren erlernten Denkschleifen hängen bleiben.

Es wird auch immer meine eigene Geschichte bleiben, mein eigener Kampf mit meiner Herkunft. Und Klavierspielen gehört dazu. Als Kind wollte ich Klavierspielen lernen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, woher dieser Wunsch kam. Meine Eltern haben ihn mir nicht erfüllt. Mit dem Hinweis, dass für Instrument und Unterricht kein Geld da sei. Heute denke ich, dass meinen Eltern andere Beweggründe hatten.

Kreativität war in den Augen meiner Eltern etwas abgehobenes mit dem man sich nur Schaden zufügen konnte. Der vorgegebene Dreiklang aus Geburt, Arbeit, Tod könnte sich durch künstlerische und damit unproduktive (im kapitalistischen Sinne) Tätigkeit in eine Dissonanz verwandeln. Der Beruf des Künstlers wurde negiert und ähnlich wie der Beruf des Lehrers als Zumutung empfunden. Genauso gut hätte ich Zuhälter oder Kleinkrimineller werden können.

Ich opponierte zahm, erlernte auf Wunsch meiner Eltern das burschikose Instrument Akkordeon und reproduzierte brav Schlager und Volksmusik. Erst als ich mit vierzehn mir eine Gitarre kaufte, gelang es mir, meine eigene musikalische Kreativität auszuleben. Ich übte wie ein Wahnsinniger Gitarre, lernte stundenlang Solis auswendig und konnte bald in Bands als Lead-Gitarrist reüssieren, da ich mir das improvisieren selbst beigebracht hatte.

Trotzdem blieb eine Lücke, die ich mit neundreißig Jahren endlich füllen konnte. Ich nahm Klavierunterricht. Seit nun mehr zwölf Jahren tobe ich mich auf dem Instrument aus. Ich bin kein Virtuose und werde es nie werden. Allerdings spüre ich mich selbst, wenn ich spiele. Ich kann meinen Emotionen den Ausdruck verleihen, den sie brauchen, um mich am Leben zu erhalten. Genau vor den Ausdruck der Emotionen schienen meine Eltern Angst zu haben.

Am Dienstag trete ich mit meiner Tochter auf einem Konzert auf. Sie ist vierzehn und spielt Bachs Präludium in C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier und ich begleite sie mit dem Ave Maria von Gounod. Das Trauma muss sich nicht wiederholen und lebt nur in meiner Literatur weiter.

Wie es mit mir und Ortheil weiter geht, weiß ich noch nicht. Ich habe mich noch nicht mit ihm zur Schaumparty verabredet.

https://www.ortheil-blog.de/

Einen Ausflug in den Westerwald – Teil 2

Ich fuhr über die A 45, die momentan bis Siegen nur aus Baustellen besteht. Dort kann man das Auto nicht voll ausfahren. Der Zoe ist bei 140 KM/h am Ende seiner Möglichkeiten. In Anbetracht der Tatsache, dass so grüne Spinner wie ich sich selbst die Freiheit nehmen wollen und nur noch mit maximal 130 über die Autobahn preschen wollen, ist das vollkommen ausreichend. Und wenn man ins Ausland fährt…komisch da sind nirgends diese Ökoterroristen an der Macht und trotzdem darf nirgends schneller fahren als 120 KM/H…klar diese Ausländer haben ja auch keine Ahnung von Freiheit… Schland, Schland unser Vaterland, wir lieben es, wegen den Autobahnen, dem Fußball und dem Reinheitsgebot…

Bei Herborn fährt man von der Autobahn runter und dann über eine gut ausgebaute Bundesstraße tief ins Hinterland.  Mein Weg führte vorbei an bewaldeten Hügeln, riesigen Industriegebieten, durch kleine Dörfer, und links und rechts der Fahrbahn wucherten riesige klaffende Wunden in den Wäldern, Schneisen der Zerstörung, die das friedliche Bild einer geordneten Landschaft störten.

Ich bog von der Landstraße ab, geriet auf ein kleines Sträßchen und verpasste den Treffpunkt. Mein Freund  Christian hatte mich zum Friedhofsparkplatz von Streithausen gelotst. Nachdem ich meinen Irrtum bemerkt hatte, wendete ich in einer Seitenstraße und fuhr zurück.

Meine Zoe kommt auf dem Parkplatz zum Stehen und der Ladestand meines Akkus zeigt 51 % an. Das reicht locker um wieder nach Hause zu kommen und auch noch die eine oder andere zusätzliche Wegstrecke zurück zu legen. Ladesäulen in der Nähe? Fehlanzeige. Erst im 10 Kilometer entfernten Bad Marienberg gibt es eine Ladesäule, von der ich nicht in Erfahrung bringen konnte, ob ich sie nutzen kann. Das ist wirklich noch ein Problem. Wenn es zum Beispiel in einem Ort wie Streithausen (ein kleines Kaff) ein öffentlicher Ladepunkt vorhanden gewesen wäre, hätte ich während der Wanderung, die mehr als zwei Stunden dauerte, ganz entspannt das Auto wieder aufladen können. Solange wir auf den Dörfern keine Ladepunkte haben, sind Ausflüge mit dem E-Auto unter Umständen doch eine logistische Herausforderung. Ich habe zwar ein Ladekabel für die ganz normale Haushaltssteckdose. Allerdings dauert es  dann angeblich einen ganzen Tag, um den Akku aufzuladen. In eine solche Notsituation wollte ich erst gar nicht geraten.

 Mein Freund Christian begrüßte mich und wir liefen sofort los. Christian kenne ich schon seit den neunziger Jahren. Wir haben uns im Zivildienst kennengelernt.  Wir sind über die Jahre im Kontakt geblieben, habe viele Stunden miteinander verbracht, um über Literatur, Philosophie, Politik und das Leben im Allgemeinen zu sinnieren. Jedes Treffen mit ihm ist eine Inspiration. Ich kenne keinen Menschen, der so viele Ideen in sich trägt, soviel Wissen mit sich herumschleppt und auch noch den schwierigsten Sachverhalt mit seinem Denken durchdringen kann. Gleichzeitig ist er einfach ein netter Kerl, großherzig und ein Menschenfreund.  

Er hatte mich auch zur Wanderung eingeladen, weil er auf dem langen Rundweg einige Geocaching-Verstecke lagen, die er aufsuchen wollte. Ich bin zwar gerne im Wald, aber dieser modernen Form der Schnitzeljagd konnte ich bisher nichts abgewinnen. Wir liefen zu einem Platz oberhalb des Friedhofs. Ein weißes Kreuz oberhalb von Streithausen war unser Startpunkt. Durch das Dickicht folgten wir dem „Baum-des-Jahres“-Pfad. Jedes Jahr wird der Baum des Jahres bestimmt und hier hat man es sich zur Aufgabe gemacht, hier die einzelnen Baumarten zu pflanzen und mit Hinweisen versehen. Während Christian schon die ersten Verstecke ansteuerte, vertieften wir uns schon in einen interessanten Dialog über die letzten anderthalb Jahre in denen wir uns nicht sehen konnten. Wir unterquerten die Bundesstraße und folgten einigen Waldwegen. Bald lag die alte Straße vor uns, die von Streithausen wegführte und nun als Radweg und Fußweg genutzt wurde. An eine der ersten warmen und sonnigen Tage im diesem Jahr waren hier viele Jogger und Radfahrer unterwegs. An einem Baumstumpf, dessen ausgefranste Spitzen in den Himmel ragten, vermutete Christian ein Versteck, konnte es aber nicht finden.

 Beim Geocaching sucht man anhand der Koordinaten Verstecke. In den Verstecken liegen Behältnisse mit einem Logbuch. Man trägt sich in das kleine Buch ein und bekommt evtl. noch Hinweise auf die Koordinaten eines Bonusversteckes. Das Behältnis legt man für den nächsten Suchenden wieder an seinen Platz zurück. Manchmal liegen in den Behältnissen Süßigkeiten und kleine Plastikfiguren, die man gegen andere Gegenstände eintauschen kann. Die Behältnisse stecken oft in witzigen Artefakten, in künstlichen Tierschädeln, bunten Plastikfiguren, Holztornistern usw. Ich hatte mir zur Aufgabe gemacht, jeden Cache mit der Kamera zu dokumentieren. Christian posierte jedes Mal mit dem Behältnis vor der Kamera. Obwohl er mich in die Suche eingebunden hatte,  habe ich eine Weile gebraucht, um das Prinzip zu verstehen.

 Wir kamen an einigen Waldbrachen vorbei, die ein ähnliches Bild der Zerstörung boten, wie die Schneisen, die ich neben der Bundesstraße gesehen hatte. Die Borkenkäfer hatte unzählige Hektar Wald niedergemäht, einen Teil der Bäume hatte man gefällt, um der Plage Einhalt zu gebieten.  Christian hatte sich schon längere Zeit damit beschäftigt. Als er den Namen Peter Wohlleben erwähnte, war ich schon leicht genervt. Wir haben darüber diskutiert, ob solche Typen, die mit simplen Botschaften über die Natur ein Haufen Bücher verkaufen und ständig in den Medien präsent sind, wirklich eine Bewusstseinsänderung bei den Menschen erreichen oder nur leicht verdauliche Waren produzieren, die Menschen, ohne die großen Zusammenhänge zu verstehen, einfach konsumieren. Der deutsche Wald wurde schon immer verklärt und romantisiert und das Reden über die Natur auf „Landlust“-Niveau wird keinen einzigen Wald retten oder bei den Menschen eine Verhaltensänderung herbeiführen. Christian selbst suchte nicht nur nach Verstecken im Wald, sondern versuchte zu verstehen, was im Wald aktuell geschah. Er hat aber auch sich bei anderen weniger bekannten Wald- und Naturkennern herumgetrieben, wie z.B. ein Mann im Wald. 

Der Westerwald ist wie viele Waldgebiete in Deutschland auf die wirtschaftliche Nutzung von Holz ausgelegt (ha, ha so viel zur Romantik). Im Westerwald hatte man im vorletzten Jahrhundert Monokulturen aus Nadelhölzern angesiedelt. In der Hauptsache Fichten, die schnell wachsen und daher gut verwertbar waren. Die Wälder haben das Holz geliefert, das man zur Industrialisierung dringend benötigte. Nun hat die Industrialisierung dazu geführt, dass viel CO2 ausgestoßen wurde. Die Sommer wurden heißer und trockener. Fichten können Borkenkäfer als Eindringlinge mit ihrem Harz bekämpfen. Sobald ein Käfer sich ins Holz frisst, wird er vom Harz umschlossen und gekillt. Wenn Trockenheit herrscht, können Fichten kein Harz bilden. Den Borkenkäfer fiel es leicht,  die Bäume zu befallen und die Plage hat sich ungehindert ausgebreitet. In Mischwäldern wird die Verbreitung gestoppt, da die Borkenkäfer nur Nadelhölzer befallen. Sobald sie an einen Laubbaum geraten, ist alles vorbei. Nun kommt es zu einem Kreislauf, der vielen Menschen gar nicht bewußt ist. Bäume binden CO2. D.h. wenn Baumbestand vernichtet wird, gibt es weniger Bäume, die CO2 binden und damit erwärmt sich die Welt weiter, wird es noch trockener usw. Wir regen uns ja gerne über die verheerende Zerstörung des Regenwaldes in Südamerika auf, vergessen aber gerne das Drama vor unserer Haustüre.

Wir liefen einige Stunden durch den Wald, aus 11 Kilometern wurden 15. Christian musste immer wieder vom Hauptweg ins Unterholz abbiegen. Das hat die Wanderung unheimlich in die Länge gezogen und als ich auf dem Heimweg vollkommen erschöpft und hungrig an einer Tankstelle im Nirgendwo einkehrte (mit einem E-Auto, welch Ironie) um mir Essen und Trinken zu besorgen, dachte ich über die Zerstörung der Wälder nach. Ich fragte mich, ob die Frau hinter der Theke, die mir eine in Plastik verpackte Biffi-Roll und eine große PET-Flasche Wasser verkaufte, ahnte, dass ihre unmittelbare Existenz vielleicht durch die Elektromobilität bedroht ist, die viel größere Bedrohung aber hinter ihr im Wald lauerte. Ich saß draußen in der grellen Nachmittagsonne auf einem kleinen Bank, kaute auf dem industriell hergestellten Würstchen herum, trank aus meiner Flasche Wasser, dass nach dem Plastik der PET-Fasche schmeckte und stellte mein eigenes Handeln in Frage.  Ich fuhr vielleicht ein Elektroauto, achtete darauf, unverpackt Dinge des Alltags zu kaufen, die nach biologischen Maßstäben und in der Region produziert wurden,  flog nicht mit dem Flugzeug in die Ferne, um mich in der Sonne brutzeln zu lassen und doch hatte ich keine Ahnung, was wirklich in der Natur geschah. Bin ich nicht doch nur ein kleiner Angeber, der das Statussymbol SUV gegen ein das neue Statussymbol Elektroauto getauscht hatte?

 Als Christian im Wald ein Cache suchte, der in einem Birkenwald liegen sollte, fragte er mich, ob ich irgendwo um uns herum Birken sah. Ich zeigte auf niedrige dürre Bäume und er antwortete belustigt von meiner Einfalt: Nein Matthias, das sind Haselsträucher!

Ein Ausflug in den Westerwald

Vor ca. vier Wochen habe ich mir mein erstes Elektroauto gegönnt. Ich hatte die Faxen dick! Die letzten Jahre musste ich mir zu oft das Herumgeheul verbitterter Anhänger von Verbrennungsmotoren anhören. Eigentlich wissen wir seit Jahrzehnten, das  irgendwann das Ende der fossilen Energieträger naht und nicht nur wegen den CO2-Emmisionen, sondern auch weil diese irgendwann zu Neige gehen. Solange aber ein drei Tonnen schweren SUV, den man mit 200 über die Autobahnen hetzt,  ein Zeichen für Wohlstandes und Prosperität darstellt, haben viele Eigentümer dieser Statussymbole richtige Verlustängste. Eigentlich gehören sie alle in eine kollektive Therapie. In ihrem Geheule drückt sich die Angst vor dem sozialen Abstieg aus, der sie wahrscheinlich nicht ereilen wird, wenn sie auf eine andere Antriebsart umsteigen. Wenn ich mit einem Freund des Verbrennungsmotors die übliche Diskussion beginne, höre ich schon an ihren Argumenten, wie verzweifelt sie sind. Mir wird ohne Umschweife die Welt erklärt: Der Akku im E-Auto  schädigt die Umwelt (als hätte diese Menschen vorher der Zustand der Natur interessiert). Die für den Akku benötigen seltenen Erden werden von Kindern im Kongo aus dem Boden gekratzt werden (Dabei tippt man nervös auf seinem neuen Iphone, dass man jedes Jahr austauscht). Man verliert seine gottgegebene Freiheit, weil der Akku ja nur für zweihundert Kilometer reicht. Außerdem muss man das Auto wieder mühsam aufladen. E-Autos machen nur Sinn, wenn man Strom aus regenerativen Energien tankt. Wo soll der ganze saubere Strom denn herkommen. Schließlich haben wir ja ohne Not alle Kernkraftwerke abgeschaltet (auch so ein Trauma. Was ist an Kernkraft sauber? Siehe Tschernobyl und Konsorten) und jetzt schalten wir noch die modernen Kohlekraftwerke ab, soviel Windräder kann man ja gar nicht aufstellen….bla…bla…bla…

Mein alter Dacia 7-Sitzer-2 Tonner mit 115 PS und Anhängerkupplung war hinüber und ich wollte kein großes Auto mehr fahren. Ich habe keine fünf Kinder mehr im Haushalt (deswegen damals der Siebensitzer), ich fahre wie ein Großteil der Bevölkerung maximal 30 Km im Durchschnitt am Tag und ich brauche eigentlich nur einen Kofferraum für den Wocheneinkauf und versuche seit Jahren die Wege des Alltags mit dem Fahrrad zurückzulegen.

Okay, ich lebe mitten in der Stadt, unsere Wege sind kurz, um die Ecke gibt es sogar vier Ladeplätze unseres regionalen Energieversorgers und zu Not kann ich in meiner Garage einen Ladeplatz installieren. Ich bin privilegiert,  das stimmt, aber ist das nicht genau der Grund, um es einfach mal mit der Elektromobilität auszuprobieren?

Ich war neugierig und plötzlich haben sich viele Argumente pro E-Auto aufgetan. Ich gebe zu: den traumatisierten treuen Anhänger des Verbrenners  möchte ich gerne den gedanklichen Stinkefinger zeigen. Aber ich möchte auch die aktuelle Technik auszuprobieren, um die gängigen Vorurteile zu entkräften. Neben den Miesmachern gibt es unheimlich viele Menschen, die völlig verunsichert sind, für die Mobilität ein großer Kostenfaktor, die auf ein Fahrzeug angewiesen sind. Also schadet es nicht, wenn die verunsicherten unter den Autofahrern sehen, dass das E-Auto eine echte Mobilitätsalternative ist.

Übrigens ist es mein Ziel, mittelfristig ohne Auto auszukommen. Kein Auto zu besitzen, schont die Umwelt am ehesten. Da kann die Elektromobilität der erste Schritt in die richtige Richtung sein. Um so weit zu kommen, braucht es auch eine durch die Gesellschaft und Politik getragene Verkehrswende, weg vom Individualverkehr, hin zu Öffentlichen Nahverkehr und alternativen Mobilitätkonzepten. Jeder, der ein E-Auto fährt, kann seine Bereitschaft zur echten Veränderung signalisieren, außer er ersetzt seinen Ölstinker durch einen drei Tonnen schweren Luxuswagen mit einem monströsen Akku, der eine Reichweite von 700 Kilometer ermöglicht.

Ich habe mir einen Renault Zoe besorgt, ein etabliertes Kleinwagenmodell, das als reines E-Auto konzipiert wurde. Eine Stromladung hält auf meinen üblichen Strecken 300 KM. Das Fahren macht unheimlich Spaß und ist total einfach. Ich fahre etwa einmal die Woche an eine Ladestation. Meistens am Wochenende. Fürs Laden benötige ich bis zu zwei Stunden. Ich stelle das Auto ab, stecke mein Kabel in Ladesäule und Auto, gehe heim, sehe auf meiner App den Ladestatus und wenn der Akku vollgeladen ist, mache ich einen kleinen Spaziergang und hole mein Auto wieder ab. Seitdem grinse ich immer lässig, wenn ich an einer Tankstelle vorbeifahre. Der Beninpreis ist mir zum ersten Mal seit 30 Jahren kackegal.

Das Zurücklegen längerer Strecken stellt eine logistische Herausforderung dar. Es ist nicht unmöglich oder zu kompliziert. Aber man muss das Auto gut kennen und jedes Mal vorher schauen, ob der Strom für die Strecke reicht und wenn nicht, wo man die Karre wieder aufladen kann.

Um dafür ein Gefühl zu bekommen mache ich Moment kleine Ausflüge und schaue mir auch die Ladesäulen an, die auf dem Weg liegen. Und das ist für mich im Moment noch das einzige Problem, mit dem ich hadere. Es gibt keinen einheitlichen Standard für Ladesäulen. Es gibt Apps, die einem die Lage anzeigen und welchen Stecker man braucht und ob eine Ladekarte benötigt wird usw. Allerdings stehe ich meist vor diesen rätselhaften Apparaturen und bin hilflos.  

Also plane ich im Moment eher Ausflüge, die ich mit meiner Reichweite 300 KM gut absolvieren kann. Letztes Wochenende hat sich ein Ausflug in den Westerwald angeboten. Ein guter Freund von mir hat mich zu einer Wanderung eingeladen. Wir haben uns wegen Corona fast zwei Jahre nicht gesehen und da wir beide wenigstens einmal geimpft sind  und die Inzidenzen rückläufig sind, wollten wir uns endlich wieder einmal treffen. Mein Freund wohnt in der Nähe von Linz am Rhein und ich in Wetzlar. Auf halbem Wege zwischen Linz und Wetzlar liegt das Hachenburger Land, rund um Hachenburg und Bad Marienberg, im tiefsten Westerwald.

Also bin ich an einem Sonntagmorgen losgedüst….mit 75 % Ladung. Eine Strecke von 65 Kilometer lag vor mir….