Der geneigte Bildungsbürger arbeitet seit Jahrzehnten im öffentlichen Dienst, ist im allgemeinen schlecht gelaunt, parkt auf dem nicht öffentlichen Parkplatz einer öffentlichen Institution, um dort kostenlos sein Elektroauto zu laden und wandelt mit seiner Gattin, der er schon seit zwanzig Jahren die regelmäßigen Theaterbesuche abtrotzt, über die Straße zum Stadttheater. Man ist vereint im Alltagsstress aus dem man auch heute Abend nicht herauskommt und kann wieder einmal die Welt diskursiv nicht retten. Obwohl die eigenen klugen Einsichten in die aktuelle Weltlage ausreichen, um einen eigenen Sitz bei der UNO zu bekommen. Er schreitet in die heiligen Hallen des Bildungsbürgers und denkt an den spritzigen Weißwein, den er in der Pause benötigt, um den zweiten Teil des Stückes aushalten zu können. Die ganze Leichtigkeit des Seins ist ihm schon lange abhanden gekommen. Seine Gattin ist noch nicht ganz verloren. Sie hat die Anmut einer flüchtigen Daunenfeder, die sich durchaus vom Wind treiben lassen kann.
Sie nehmen Platz und werden von einer Rabenfigur angekrächzt und von Frau Yamamoto, die ein Kletterseil umarmt, beseelt angegrinst. Frau Yamamoto wird von einem Mann dargestellt. Der Bildungsbürger ist verstört. Die Zweideutigkeit der Geschlechter kann er nicht aushalten. Er will sich jetzt eigentlich nicht hinsetzen. Zwanzig Minuten das Schauspiel vorm Schauspiel zu betrachten, überfordert ihn maßlos. Im Stillen fordert er sein Glas Wein ein und wird nicht gehört.
Das Stück geht los und er versteht die Handlung nicht. Er hat zwar ein- oder zwei Aha-Momente, die sich aber schnell als falsche Fährten entpuppten, auf die ihn seine intellektuelle Überheblichkeit gebracht haben. In einigen bruchstückhaften Episoden spürt man Distanz zwischen den dargestellten Großstadtmenschen. Die Szenen mit Tieren verleihen dem Stück eine zweite Ebene. Raben, Mäuse, Katzen, Fliegen, Fische, alles typische Begleiter des menschlichen Alltags, den man ansonsten wenig Aufmerksamkeit schenkt. Inmitten der Anonymität der kleinen Geschichten wird das Paar Nino und Erik gezeigt. Nino ist ein einfühlsamer Träumer, während Erik als IT-Typ alles fest im Griff hat. Nino freundet sich mit Frau Yamamoto an, einer alte Frau, die im gleichen Haus wohnt und immer die Wohnungstür aufstehen hat. Nino ringt seinem Lebensgefährten Erik eine Einladung an Frau Yamamoto zum Abendessen ab. Beim Abendessen erzählt sie aus ihrer Vergangenheit, ihrem Mann, ihrem Sohn. Frau Yamamoto scheint viel Leid erlebt zu haben und doch wirkt sie glücklich und etwas weltentrückt. Der Bildungsbürger im öffentlichen Dienst schweift gedanklich ab. Er schaut immer wieder auf die Uhr und wird unruhig, weil die Pause nicht kommen will.
Dann plötzlich ist sie doch da. Er reiht sich in die lange Schlange an der Theatertheke ein und wartet ungeduldig, bis er seinen Wein im Empfang nimmt. Als das Glas Wein vor seinen Augen eingeschüttet wird, ist schon die Hälfte der Pause um. Er muss das süßlich-herbe Gesöff hinunterstürzen. Beim zweiten und dritten Gong, die das nahende Ende der Pause anzeigen, leert er das Glas in zwei gierigen Schlucken.
Leicht betüttelt wird er Zeuge einer weiteren Inszenierung vor der Inszenierung. Zwei Zuschauerinnen finden es witzig, die krähende Rabenfigur mit irgend etwas undefinierbaren zu füttern. Als eine der Damen mit ihrem Handy die andere beim Füttern der Rabenfigur fotografiert, eilt eine Platzanweiserin aus dem Off und fordert die alte Damen mit harscher Stimme auf, sofort das Bild zu löschen, weil man die Urheberrechte an den Bildern hätte.
Dieses Vorkommnis reiht sich unabsichtlich als weitere Episode in das Stück ein, zumindest empfindet es der angetüttelte Bildungsbürger aus dem öffentlichen Dienst so. Der zweite Teil des Stückes lässt sogar vermuten, dass dies der dramatische Höhepunkt des Stückes war. Das Ende kommt unweigerlich und erklärt, warum Frau Yamamoto vor dem Stück ein Bergsteigerseil umarmt hat. Der Bildungsbürger fühlt sich leicht wie eine Feder, aber nicht weil er einen unterhaltsamen Abend hatte. Eher die Schwere des Alkohols verlieh im für ein paar Momente Leichtigkeit. Seine Frau tappt schweigend neben ihm zum Parkplatz. Der Akku des Elektroautos ist zu hundert Prozent vollgeladen. Das reicht wieder mal für ne Woche. Kann er sich wieder mal über die armen Schweine lustig machen, die an der Tanke 2,50 EUR für ein Liter Diesel bezahlen müssen. Es kann doch jeder elektrisch fahren, muss man sich mal zusammenreißen und die Reichweitenangst hinter sich lassen, sagt der ambitionierte Weintrinker und Bildungsbürger, der seit Jahrzehnten im öffentlichen Dienst arbeitet und sich wegen ganz andere viel kleinerer Ängste niemals zusammenreißt. Seine Frau setzt sich auf den Fahrersitz. Auf der Rückfahrt schwadroniert er noch ein wenig über die mittelmäßige Leistung des Ensembles und diese Kacktiere, die mit ihren Gekrächze echt wahnsinnig genervt haben. Seine Frau nickt müde und möchte gerne in dem Moment eine Feder sein, die sich in den Himmel erhebt und sich vom Wind treiben lässt.
Grüße an die Frau, Nerven behalten! Ich fands witzig und war überaus zufrieden damit, nicht im Theater gewesen zu sein.