Leichen im Keller

Ich  habe mir lange Zeit genommen. Mehr als zwei Monate habe ich gegrübelt und die Schreibprozess für den zweiten Teil meines Romanprojektes vorbereitet. Kaum hatte ich meinen letzten Beitrag über das Romanprojekt geschrieben, war mir wieder eingefallen, warum ich nicht weiter komme. Ich scheue den Abstieg in den Keller, in dem die Leichen liegen. Jeder Roman beruht auf den sprichwörtlichen Leichen im Keller. Man wohnt im ersten und zweiten Stock des Hauses und auch wenn man in den Keller hinabsteigt, um Wäsche zu waschen oder Getränke zu holen, wird man nicht gleich über die Leichen stolpern. Aber irgendwas sagt einem, dass es sie gibt.

 Es ist die Geschichte hinter der Geschichte, die einen Roman interessant macht (genauso wie beim Film). Der Leser fragt sich: äh! Wie kommt das jetzt zustande? Und weil er es wissen will, liest er weiter.

D.h. als Autor muss ich die Leichen in den Keller legen, die Geschichte hinter der Geschichte schreiben, den Überblick behalten und nachher in den Romantext einarbeiten. Figuren beziehen sich auf die Leichen im Keller, sie handeln, weil sie Angst haben, dass man die Leichen entdeckt und der Autor beginnt, das Geheimnis zu lüften und am Ende zeigt er dem Leser, die Stelle im Keller, wo die Leichen begraben sind.

Es gibt über den zweiten Teil ein altes Exposee, das nicht viel hergibt. Ich habe es mehrfach gelesen und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich keine einzige Zeile schreiben kann, wenn ich mich auf dieses Exposee beziehe. Es wäre wirklich die gähnende Langeweile bei mir und meinen Lesern aufgekommen.

Also musste ein neues Exposee her. Eins das offenlegt, was im Detail passiert und wer die handelnden Personen sind und warum sie so handeln, wie sie handeln. Das führt automatisch zu deren eigenen Geschichte. Jede Person in dem Roman hat natürlich einen eigenen Antrieb und einen eigenen Hintergrund und jeder ist aus einem anderen Grunde in die Geschichte hineingeraten.

Man schreibt für jede Personen einen eigenen Plot. Herkunft, Alter, Beruf, Eltern, Einflüsse all das spielt eine Rolle. Es muss das Abbild einer realen Person entstehen, die natürlich nicht real ist. Jetzt kann man nicht für ca. 10 Personen das ganze Leben erfinden und aufschreiben. Man entwirft die für den endgültigen Ablauf der Geschichte entscheidenden Momente.

Das ist eine harte Arbeit und unter Umstände sehr aufwändig. Fast so als schreibt man für einen Roman noch einen Roman. Wenn ich dreihundertfünzig Seiten Roman schreibe, schreibe ich wahrscheinlich die gleiche Anzahl im Laufe der Vorbereitung zusätzlich.

Es ist weniger eine literarische Tätigkeit, eher eine biographische. Und trotzdem müssen meine Formulierungen ausgefuchst und detailliert sein, damit ich selbst Vertrauen zu den Personen fasse. Ich muss mich immer fragen, wie glaubwürdig ist das, was ich dort schreibe. Und wenn ich alle Personen zu Trennungskindern mache und das nur beschreibe, klingt das alles sehr gehaltlos. So und so kommt aus so und so und seine Eltern haben sich getrennt, darunter hat er sehr gelitten. Ich bekomme keinen Draht zu den Personen. Mein Roman wird dann zu einer Selbsthilfegruppe für Scheidungskinder. Also muss ich mir genau Gedanken machen, was die Eltern für Menschen waren, wie es zur Trennung kam, warum das Kind (die eigentliche Romanfigur) darunter litt oder nicht litt und was es mit ihm in der Zukunft gemacht hat. Natürlich muss ich Bezug nehmen auf die Zeit und den Ort in dem das geschehen ist. Mittlerweile ist eine Scheidung normal und wenn es fünf meiner zehn Personen widerfahren ist, passt das in die Gegenwart. Schreibe ich aber eine Geschichte aus dem letzten Jahrhundert, ist es eher ungewöhnlich, dass sich Eltern getrennt haben usw. Und das ist die Hauptarbeit. Die Geschichte hinter der Geschichte muss in den Kontext passen, es muss das Panoramabild des Romanes harmonisch vervollständigen. Das braucht länger als man denkt und jedes Mal schläft mir das Gesicht ein, wenn ich daran denke, für jede Person eine Lebensgeschichte entwickeln zu müssen.

Bis zu einem gewissen Punkt strengt mich diese Arbeit unheimlich an und ich gehe ihr aus dem Weg. Aber dann plötzlich platzt der Knoten und das Panorama ist vollständig und wunderschön. Die Handlung ergibt plötzlich ganz voll selbst, Bezüge der Personen untereinander ergeben sich ganz von selbst und es fühlt sich alles sehr realistisch an.

Daher hasse und liebe ich diese Arbeit. Ich brauche diese Arbeit, um den Roman lebendig und glaubwürdig werden zu lassen. Aber ich brauche diese Arbeit nicht, um als Autor glücklich zu werden.

Nach über zwei Monaten bin ich fertig. Ein neues Exposee und eine Biographie der handelnden legen nun die Grundlage für den Text, der später veröffentlicht werden soll.

Ich habe beim Schreiben die Dateien mit Exposee und Personenbeschreibung geöffnet, um immer wieder quer zu lesen und mir einerseits Inspiration für den Weitergang der Geschichte zu holen, aber auch um den Plot im Blick zu haben.

Dabei hilft mir, dass ich in den Vorbereitung zwar detailliert zu Gange war, aber nicht alles festgelegt habe. Änderungen sind also möglich, wenn nicht sogar notwendig. Beim Schreiben ergeben sich neue Tatsachen, bessere Abläufe oder Ideen für Handlungen oder für die Personen, denen man folgen sollte, sonst macht das Leichen aus dem Keller kratzen keinen Spaß…..

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