SCHREIBE DEINE ROMANE WIE DEINE KURZGESCHICHTEN – TEIL 2

Eine irre Aufforderung. Wie jeder weiß ist eine Kurzgeschichte eine völlig andere Literaturgattung als ein Roman und anderen Regeln unterworfen. Mir hat diese Aufforderung in meiner sehr speziellen Situation sehr viel gebracht, hat sie mich doch daran erinnert, dass Literatur von der Verknappung lebt. Das wichtigste Merkmal einer Kurzgeschichte ist nun mal die Reduktion auf wenige prägnante Ereignisse, Handlungen und Figuren. Ich habe bisher Monstren erschaffen, fast nicht lesbare Wortskulpturen, die leider nicht so außergewöhnlich sind, dass sie eine eigene Kunstform darstellen können. Im Prinzip habe ich viel Wortmüll produziert, immer in dem Glauben, der Leser müsse alle Informationen habe.

Nun habe ich eine dieser Wortskulpturen vor mir liegen: mein zweiter Roman mit über 500 Normseiten. Jedem, dem ich die Story erzähle, sagt: „och klingt spannend“ Trotzdem legen es alle nach ein oder zwei Seiten weg. Meine Frau hatte sich geweigert, mehr als die ersten zehn Seiten zu lesen und nachdem ich niemanden gefunden hatte, der Hand an den Roman legen wollte und mir eine anständige Rückmeldung geben wollte, habe ich das Projekt aufgegeben.

Erst durch Zufall und einem Gespräch an einem launigen Sommerabend kam es ans Tageslicht. Ich hatte mittlerweile begriffen, dass das alles zu viel ist und meine Frau ja Recht hatte, als sie sich vor ein paar Jahren weigerte, das Buch zu lesen.

Die Story ist mir zu wichtig, um sie liegen zu lassen. Also hatte ich mir einen Plan ersonnen, den Text neu zu ordnen und daraus einen gut lesbaren spannenden Text zu machen. Ich bin ein Mensch, der Regeln braucht, die manchmal etwas krass klingen mögen, mir helfen, eine Änderung meines Verhaltens herbeizuführen. Hier hieß die Regel: Jedes Kapitel muss mindestens um die Hälfte gekürzt werden.

Der erste Versuch fällt schwer. Von vielen meines Erachtens guten Textstellen wollte ich mich auch unter Androhung roher Gewalt nicht trennen.

Meine Frau nahm sich das erste Kapitel vor und hat als Testleserin sofort einige inhaltliche und stilistische Fehler gefunden.

Ich war der Meinung, den Text interessant zu gestalten, in dem ich die einzelnen Handlungsstränge ineinander verschachtele. Kann man vielleicht einen Blumentopf bei irgendwelchen Literaturnerds gewinnen, aber auch nur wenn man es wirklich beherrscht. Meine Frau konnte den einzelnen Handlungen gar nicht folgen, weil sie vieles nicht eindeutig zuordnen konnte. Zu was gehört nun der Absatz und warum macht jetzt der das, da hat er eben noch was ganz anderes gemacht. Das erste Kapitel strotzte vor Handlungslöchern und Anschlussfehlern.

Zudem erkannte sie sofort, dass ich im ersten Kapitel viel zu viele Handlungsstränge und Personen anreiße und aufzeige. Viel besser ist es, sich auf wenige Personen und ein oder zwei Handlungsstränge zu konzentrieren. Bei mir ging es einerseits um die Lebenskrise der Hauptperson, die seinen Vater finden möchte. Dann ging es um den besten Freund, mit dem er ein Geheimnis teilt, dann um die Hochzeit der Hauptperson, die nun gefährdet war, aber das war sie eigentlich schon die ganze Zeit, da seine zukünftige Ehefrau auch ihre eigenen Probleme hatte, weil ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben kam, aber da war noch die Mutter der Hauptperson, die natürlich nicht wollte, dass er den Vater findet, da der Vater einfach abgehauen war und sie wie den letzten Dreck behandelt hatte und dann war da noch ein Aufzug und viel blablabla.

Die dritte Auffälligkeit drehte sich um meine Art die Charaktere zu beschreiben. Ich hatte anscheinend das Gefühl, der Leser könne ohne ausschweifende langatmige psychologische tiefergehende Ursache-Wirkungs-Analysen das Wesen meiner Charaktere nicht verstehen. Dabei reichen ein oder zwei kleine Anekdoten oder eine Beschreibung einer Person oder einer Handlung, um die Person einzuführen und für den Leser begreifbar zu machen.

Zudem litt ich an der typischen Bandwurmsatzkrankheit. Anstatt Beschreibungen und Handlungen in kleine Häppchen zu teilen, habe ich immer versucht alles in einen Satz zu quetschen. Natürlich gibt es Autoren, die das können und damit ihre Leser verzaubern. Bei mir ist es eine Unart. Lieber mehrere Sätze formen aus Subjekt, Prädikat, Objekt anstatt mit einer Ansammlung von adjektiven und adverbialen Beschreibungen und unzähligen Parenthesen den ganzen Lesefluss zu zerstören und für den Leser die Nachvollziehbarkeit des Inhaltes zu zerstören.

Das waren die vier Auffälligkeiten, die circa dreiviertel des Textes zu einem unlesbaren Konglomerat an Wörtern machte. Es gab noch andere Auffälligkeiten, aber die fallen unter die üblichen Denk- und Flüchtigkeitsfehler, die jeder Autor macht. Das ist mir bei der Arbeit auch aufgefallen. Kein Autor sollte meinen, er habe die Pflicht einen fehlerfreien Text abzuliefern. Das gibt es nicht. Alle machen Fehler!

In stundenlangen sommerlichen Diskussionsrunden hat meine Frau meinen Text zerfleddert. Ich brauchte einige Glas Wein, um es aushalten zu können. Schließlich tat es mir anfangs fast körperlich weh, dass jemand mein in jahrelanger Arbeit entstandenes Werk in Stücke haut.

Der Prozess war sehr heilsam. Danach ging ich an die Arbeit und habe Stück für Stück den Text entkernt. Schwups war das erste Kapitel nur noch halb so lang und es las sich wirklich wie eine meiner Kurzgeschichten.

Das waren aber erst das erste Kapitel und der erste Schritt in die richtige Richtung. Natürlich frage ich mich, was mir bei der Arbeit an allen anderen Kapiteln noch an Bearbeitungspotentialen begegnet und inwieweit meine Frau mich als Testleserin und kritische Lektorin mich begleiten kann.

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