Wie tief darf das Wasser sein?

 

Ich muss mir Einhalt gebieten und mir eine grundsätzliche Frage stellen. Wie tiefgängig sollte ich Charaktere zeichnen? Wann wirken sie platt, wie Abziehbilder oder Klischees? Ab welchen Punkt bekommen sie Tiefe und wirken realistisch? Wann wirken Figuren überfrachtet und viel zu komplex, so dass ich mich als Autor in ihren Wesensmerkmalen verheddere und ich widersprüchliche Figuren schaffe, die ich selbst nicht mehr verstehe?

 Neben dem Sprachstil finde ich den Aufbau der Charaktere das wichtigstes Element der Gestaltung. Wenn man nicht den richtigen Ton findet, kann sich damit jede gut gemeinte Geschichte versauen.

 Ich habe vor mehr als einem Jahrzehnt einen Kurzgeschichtenzyklus vollendet, der mich heute noch beschäftigt. Ich hatte damals ein Faible für Maler und deren Werke entwickelt. Ich setze mich immer wieder mit anderen Kunstformen auseinander und lasse mich davon inspirieren. Eine Geschichte aus dem Kurzgeschichtenzyklus lag mir besonders am Herzen, weil ich vor ca. zwanzig Jahren ein Gemälde im Musee d´Orsay gesehen habe und ich völlig in dieses Gemälde vernarrt war. Es handelt sich um die Heuernte von Bastien Lepage, einen etwas unbekannteren Naturalisten aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Ich brauchte Jahre um die Geschichte zu entwickeln. Damals gab es im Internet noch nicht viele Informationen über unbekanntere Maler und ich wollte unbedingt wissen, welches malerische Genie und auch welche Persönlichkeit hinter diesem Gemälde standen und daraus einen Plot für eine Kurzgeschichte entwickeln. Alleine dafür hat es Jahre und einige Zufälle gebraucht.

  Bastien Lepage kam aus einer Bauernfamilie und lebte Zeit seines Lebens im Schoß seiner Familie. Er starb mit Mitte dreißig und hatte bis dahin einen gewissen Erfolg als Maler gehabt. Er war wohl ein- oder zweimal auf dem alljährlichen Pariser Salon vertreten gewesen, was damals die wichtigste Anlaufstelle für Maler war, die Erfolg haben wollten. Das Gemälde zeigt seine Schwester, die sich während der Heuernte eine Pause gönnt und man sieht ihr ihre Erschöpfung an, allerdings auch die Entspannung während der verdienten Pause. In ihrem Bauernkleid, mit ihren großen schwarzen Augen, ihren groben Wangenknochen und den dicken schwarzen Augenbrauen wirkte sie sehr ländlich und einfach. Das ganze Sujet strahlt eine kontemplative Ruhe aus.

 Meine Geschichte handelte nun von Julius, der alleine am Waldrand in seinem Elternhaus lebt und nachdem er erfährt, dass er nicht mehr lange leben wird, Rückschau hält. Er vergleicht sich mit Bastian Lepage, den er beneidet für sein einfaches Leben und das ihm Zuneigung seiner Mitmenschen sicher war. Auch Julius ist Künstler und verdient sein Geld mit dem Fotografieren von Tierkadavern, die er im Wald findet und für seine Bilder kunstvoll drapiert. Er ist einsam, hat nur wenig soziale Kontakte und die hat er sich mit seiner menschenverachtenden Art auch noch zerstört. Seine Muse Fanny hat ihn verlassen, nachdem ihr einen wenig glaubwürdigen Heiratsantrag gemacht hat.

 Julius Eltern haben sich getrennt als er ein Kind war. Seine Schwester und sein Vater sind in die Stadt gezogen und seine Mutter und er sind im Haus am Waldrand geblieben. In der ursprünglichen Version habe ich die Schwester als verzogene Göre aus der Stadt beschrieben, die sehr egozentrisch agiert und nichts anderes im Kopf hat als sich in irgendeiner Art zu profilieren. Ich habe sehr stark auf den sexuellen Aspekt ihrer pubertären Entwicklung reduziert. Sie stellte eine plumpe Verführerin dar, die Julius in jeglicher Hinsicht den Kopf verdreht. Als seine Mutter stirbt, lässt sie Julius im Regen stehen, da sie das Interesse an ihm verloren hat. Dadurch scheint Julius Schicksal besiegelt zu sein. In einer Kurzgeschichte hat man als Autor nicht viel Raum für tiefschürfende psychologische Analysen. Ich bin also glücklicherweise gezwungen die psychischen Motive der Figuren aufs Nötigste zu reduzieren. Das macht das Schreiben von Kurzgeschichten so interessant. Man pickt sich nur einen Teil der Handlung heraus, man pickt sich auch ein oder zwei Aspekte einer womöglich viel komplexeren Persönlichkeit heraus. An dieser Stelle hat das nicht gereicht, weil die Figuren dadurch zu eindimensional wirkten.

 Leider habe ich immer ein Problem, jemanden zu finden, der sich als Lektor für meine Texte betätigen will. Bevor man einen Text auf die Öffentlichkeit los lässt, sollte jemand mit Sachverstand sich dem Text widmen. Das ist auch eine Angelegenheit des Vertrauens, weil jeder, der einen Text liest, eine Meinung dazu hat, aber wenige können aus einer objektiven Perspektive heraus, die Qualität eines Textes beurteilen.

 Momentan kenne ich eigentlich nur zwei Personen, die ich an meine Texte heran lasse und denen ich das nötige Vertrauen entgegenbringe. Dazu habe ich auch schon zu viele schlechte Erfahrungen mit gutgemeinten Ratschlägen gemacht. Das Spektrum reicht von Ignoranz (ja, ich habe deine Kurzgeschichte gelesen, aber worum es ging, habe ich vergessen) bis zu Besserwisserei (die Geschichte kenne ich schon, die hat doch so´en Typ aus der Schweiz schon mal geschrieben) habe ich alles erlebt. Also überlasse ich das Lektorieren meiner Frau und meinem besten Freund Christian. Beiden vertraue ich ohne Einschränkung, dafür haben sie ein anderes Problem: Sie haben keine Zeit.

 Meine Frau Henrike hat einen ähnlichen hohen Anspruch an literarische Qualität wie ich. Sie hat aber auch teilweise einen anderen Geschmack wie ich. Sie liest anspruchsvollen Mainstream und hat nicht die Neigung zu abstruser Literatur oder Romanen der Weltliteratur. Die Philosophie geht ihr total ab. Sie findet es wahrscheinlich ganz toll, dass ihr Ehemann sich da ein wenig auskennt, aber sie kann damit nicht viel anfangen. Eigentlich stelle ich mir in meinen heimlichen Schriftstellerträumen so meinen Leser vor. Solche Menschen sollen meine Bücher kaufen. Bei Christian ist es völlig anders. Er ist Doktor der Philosophie und schreibt selbst. Zu ihm schaue ich herauf, wenn es um die Philosophie geht. Bei der Literatur haben wir einen ähnlichen Geschmack. Er ist belesener als ich. Das liegt daran, dass er einfach schon immer und überall Bücher liest und wahrscheinlich auch manches einfach nur quer liest, während ich ja einer von denen bin, die Bücher von der ersten bis zur letzten Seite liest, egal wie anstrengend und schlecht es ist. Ich kann nicht aufhören ein Buch zu lesen, bis ich die letzte Seite erreicht habe. Wenn Christian meine Texte liest, sind seine Anmerkung fundiert und die eines Literaten, der also auch genau die Wirkung des Textes auf den Leser allgemein erfassen kann.

 Er hat die Kurzgeschichtensammlung angefangen zu lektorieren und mir bei meinem letzten Besuch, es war ein trüber Herbsttag und wir sind im strömenden Regen durch den Wald gestapft, zu eröffnen, dass bei der Heuernte die Schwester sehr platt getroffen sei und darunter die gesamte Geschichte leide. Es reiche nicht aus, die Schwester als lüsterne Stadtgöre zu zeichnen.

 Die Geschichte habe ich wie gesagt vor langer Zeit begonnen und die Kurzgeschichtensammlung ist ein Flickenwerk. Andere Geschichten habe ich viel später geschrieben. Z.b. die zweite Geschichte ist ca. acht Jahre alt. Ich habe dort zum ersten Mal eine Begebenheit aus meinem Leben verarbeitet. Normalerweise verabscheue ich die autobiographischen Schilderungen von Autoren. In diesem Falle habe ich mich hinreißen lassen und hier wirkte der Text auf Christian wesentlich stringenter und durchdachter.

 Mein Fazit war, dass ich mich doch als Autor weiter entwickelt habe und viele meiner alten Texte dadurch an Qualität verlieren, weil ich bei den Personen nicht wirklich authentische Möglichkeiten der Charakterzüge herausgearbeitet, sondern nur Klischees verwendet habe.

 Also habe ich mich noch einmal, nach langer Zeit, an den Text heran gewagt. Nun ist es nicht mehr von Bedeutung, dass die Schwester in der Stadt groß geworden ist und deswegen sich zu einem bösen Luder gemausert hat. Die Schwester ist nun eine ambivalente Person, die einerseits von ihrem Bruder, dessen einzige Bezugsperson sie zu sein scheint, genervt ist, andererseits aber es auch genießt, Macht über ihn zu haben. Sie verzweifelt an dieser Situation und als die Mutter stirbt, nimmt sie die Gelegenheit wahr, um Julius mitzuteilen, dass sie ihn nicht mehr sehen will und ihn damit auch beschützen möchte, weil er ansonsten nie ein eigenes Leben führen wird. Was Julius daraus macht, kann der geneigte Leser hoffentlich irgendwann mal in einem gebunden Buch oder E-Book nachlesen.

 

Nennen wir die Kinder doch beim Namen

Als nächstes beschäftige ich mich ausführlich mit den Personen. Zwei wichtige Personen habe ich schon genannt und ihnen Rollen zugewiesen. Es geht im Folgenden darum, den Personenkreis zu erweitern und diese Personen lebendig werden zu lassen. Dazu gehören Details wie Namen, Charakterbeschreibungen und die Historie jeder Person. Es ist überaus wichtig, ihnen Leben einzuhauchen und dazu gehören nun einmal auch die Herkunft und die Einflüsse, die einen Menschen prägen. Für mich hat es sich als praktisch erwiesen, eine Art Dossier zu jeder Person zu entwerfen. Dabei erstreckt sich diese Feinarbeit auf Hauptpersonen und wichtigen Nebenfiguren. Alles andere führt zu weit und ist wieder kontraproduktiv. Am Ende entsteht ein eigener Mikrokosmos, der die Grundlage für die Entwicklung der Handlung darstellt. Meine Arbeit beginne ich, indem ich mir einen Kreis an Hauptpersonen überlege. Anfangs sind das drei bis fünf Personen. Nach und nach kommen noch ein paar Hauptpersonen hinzu. In diesem Fall ist es einfach: Im Mittelpunkt steht eine Familie. Also: Mama, Papa, Kinder. Sollen es mehrere Kinder sein? Sohn und Tochter oder nur Töchter? Die Hauptperson soll am Anfang der Erzählung ca. 12 Jahre alt sein. Erfahrungsgemäß sind die ältesten Kinder einer Familie am meisten von Konflikten in der Familie betroffen. Sie fechten viele Konflikte für die jüngeren Kinder aus. Sie sind oft diejenigen, die den Streit der Eltern am ehesten zu spüren bekommen, weil niemand älteres da ist, der sie beschützt und ihnen Rat geben kann. Zumeist haben sie die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister. Also bekommt die Hauptperson ein jüngeres Geschwisterkind an die Seite gestellt. Wir nehmen ein Mädchen, das etwas jünger ist, so etwa sechs bis acht Jahre alt. Die Familie besteht aus einem Vater, Mutter und einer Tochter 12 Jahre alt und einer Tochter acht Jahre alt. Ich modelliere erst einmal diese vier zentralen Figuren und erarbeite mir den Familienkosmos. Die Verbindungen und Vernetzungen zwischen den vier Personen müssen vor dem Schreiben schon deutlich erkennbar sein. Z.B. welche Tochter ist ein Vater- oder Mutterkind? Wie fasst die Mutter ihre Rolle in der Erziehung auf? Ist der Vater mit seiner Position in der Familie glücklich? Wie sieht diese aus? Aber am Anfang steht erst eine ganz banale Angelegenheit: Die Menschen brauchen Namen. Ein heikles Thema. Es gibt durchaus Autoren, die die Namen ihrer Figuren mit einer Symbolik beschweren. Das bekannteste Beispiel: Die Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll. Dazu muss man sagen, dass ich nie ein großer Böll-Fan war. Die meisten deutschen Autoren aus der Nachkriegszeit, egal ob Gruppe 47 oder nicht, langweilen mich auf die eine oder andere Weise. Katharina Blum soll unschuldig und vielleicht sogar etwas naiv klingen, naturnah und rein. Wenn man Angelika Winkler in der Verfilmung sieht, denkt man, dass der Regisseur nicht viel von der Namensgebung gehalten hat. Sie wirkt verstört und gebrochen, anstatt naiv und verletzlich. Mit der Symbolik nehme ich es nicht sonderlich ernst. Es sollten in dem Fall der Familie bodenständige Namen sein. Namen, die typisch zu der Zeit der Geburt der Personen war, verbunden mit einem gewöhnlichen häufig vorkommenden Nachnamen. Dahinter steckt nicht die Überlegung die Namen mit Symbolen oder einer Konnotation aufzuladen. Diese Familie ist nicht aus der Zeit gefallen. Sie soll die Auseinanderentwicklung der sozialen Schichten repräsentieren und deswegen sind es Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die nun einmal nicht Baronin von und zu heißen. Das junge Mädchen wird als Erwachsene für die Ausübung ihres Berufes als Schriftstellerin einen Künstlernamen benutzen, der natürlich abgefahren und interessant klingen muss.

Name der Hauptperson:

Jo (hanna) Sommer Hauptperson Künstlername: Alethea Cumberland

Lu (isa) Sommer Schwester

Olaf Sommer Vater

Kerstin Sommer Mutter

Wir verorten uns jetzt mal

Wir sind aber nicht am Ende der Geschichte. Trotzdem ist es schön zu sehen, dass der Anfang ganz logisch zu einem sinnvollen Ende führt und nichts ist besser, als als Autor schon einmal den Gesamtrahmen der Handlung zu kennen. Bevor ich den Rahmen mit Leben fülle, gibt es noch viele Details zu klären. Wir haben die Zeit geklärt und nähern uns jetzt dem Raum, das heißt dem Ort der Handlung. Alle meine Romane haben meine Heimat als Bezugspunkt. Man möge mir daraus den Vorwurf stricken, dass ich nur das mir Bekannte beschreiben kann. Es steckt mehr dahinter. Natürlich fällt es mir leichter die Umgebung, in der ich lebe, zu erfassen und als Autor literarisch zu reproduzieren. Ich lebe in Mittelhessen und habe hier meine Wurzeln. Nur ein kleiner Teil meiner Familie stammt von hier und trotzdem zähle ich mich zu den Eingeborenen. An der Art wie ich Rede kann man meine Herkunft bestens erkennen. Ich spreche diese weiche labberige hessische Sprachtönung, die zwischen nasalen und nuscheligen Lauten über die hart klingenden Buchstaben hinweg huscht. Den örtlichen Dialekt imitiere ich, ohne ihn perfekt sprechen zu können.

Ich habe niemals an einem anderen Ort gelebt und natürlich, wenn ich Berlin, Frankfurt oder Köln bin, frage ich mich, ob ich dort besser leben könne. Sogar wenn ich an die Nordsee in den Urlaub fahre, frage ich mich, ob ich nicht lieber am Meer leben sollte, anstatt in diesem verwaschenen Klima zwischen Taunus und Westerwald. Und doch kehre ich jedes Mal in das Lahntal zurück und kann es kaum erwarten den Karlsmunt zu sehen oder unsere Straße, die auf einer Halbinsel zwischen Lahn und Dill liegt. Wenn ich aus meinem Wohnzimmer zwischen die Häuser schaue, kann ich den Wetzlarer Dom sehen und wenn ich die Straße herunter laufe, bin ich an der Lahn und sehe die alte Lahnbrücke. Das ist meine Welt und sie ist nicht immer hübsch anzusehen. Wetzlar ist vom Fluch oder Segen, je nachdem aus welche Perspektive man schaut, betroffen eine Altstadt zu haben, die von modernistischer Industriekultur umringt ist. Es ist bezeichnend, dass das höchste Gebäude in Wetzlar nicht der Dom, sondern einer der Türme von Heidelberg-Cement ist, die dieses Jahr fallen sollen. Vor ein paar Jahren hat man das Betonwerk stillgelegt. Es ist fraglich, ob das die mutwillige Zerstörung eines Denkmals ist oder die Befreiung einer Stadt, die seit mehr als einem Jahrhundert von der Industrie dominiert wird. Und genau dieser Zwiespalt macht für mich als Autor die Stadt und die Gegend interessant. Wunderschöne Ausblicke säumen die Höhen über der Stadt. Bei klarem Wetter habe ich das Gefühl, vor mir liegt ein unberührtes grünes Paradies. Ist man unten in der Stadt, zur besten Stoßzeit, drängeln sich die Autos mit aller Gewalt über den Karl-Kellner-Ring in die Braunfelser Straße hinein. Der Krach ist unerträglich und man wähnt sich in einer Großstadt. Fährt man nach Niedergirmes, liegt links das übermächtige Industriegelände der Firma Buderus und rechts der an vielen Stellen unansehnliche Ortsteil, der seinen negativen Ruf nicht wirklich verdient hat. Biegt man ab, fährt an den Rand des Stadtteils kann über eine steile Auffahrt einer der schönsten Aussichtspunkte der Gegend oben auf dem Simberg erreichen. Dann liegt das Lahntal vor einem und man kann sogar über die Industrietürme hinwegsehen.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen

Unsere Hauptfigur blickt im Alter von vierzig Jahren auf ihr Leben zurück. Ihre Kindheit war geprägt von Lieblosigkeit und Chaos und erst mit dem Erwachsenwerden hat sie sich befreien können. Sie hat den Schmerz der verlorenen Kinder- und Jugendjahre verdrängt. “Ich habe viele Texte über fremde Menschen geschrieben, die ich entweder nicht kannte oder die ich erfunden hatte. Die Geschichten hatten nichts mit meinem Leben gemein. Ich konnte nicht über mein Leben schreiben. Der Schmerz hockte wie ein gefährliches Raubtier im Käfig in mir drin. Hätte ich ihn beim Schreiben heraus gelassen, hätte er mich getötet.“

Weil sie viel Zeit und Kraft in fiktive Welten investiert hat, hat sie ihren Schmerz betäubt können. Sie ist eine erfolgreiche Krimiautorin oder Fantasyautorin. Ihre publizierte Herkunft ist Fiktion. Die Menschen lieben Mitglieder der Elite, die aus gutem und reichem Hause kommen und aus Langeweile Schriftsteller werden. Niemand liebt Versager aus schwierigen Verhältnissen. Das ist das Mantra der Zukunft und kommt aus unserer Gegenwart. Es kommt der Moment an dem sie die Ächtung einer solchen Herkunft nicht mehr aushalten kann. Sie gesteht sich und der Welt die Wahrheit. Sie berichtet über ihre Kindheit und wie sie zur Selbstlüge kam.

Die Gesellschaft liebt erfolgreiche Menschen und in 2029 wird es sich noch verschlimmert haben, weil sich der Graben zwischen Arm und Reich nicht mehr überbrücken lässt. Es wird zwischen 2015 und 2029 Ereignisse gegeben haben, die dazu geführt haben, dass die westlichen Gesellschaften ihre solidarischen Strukturen verloren haben. Es wäre zu einfach an der Stelle zu behaupten, wie die sozialen Mechanismen in dieser Zukunft funktionieren. Bevor ich die Geschichte schreibe, gilt es genau hinzuschauen und das soziale System, ausgehend von der Gegenwart, zu präzisieren. Eine bekannte Autorin bringt den Mut auf und engagiert sich gegen die gesellschaftliche Lüge, die nicht nur sie bestimmt, sondern das Leben aller. Natürlich ist es interessant zu sehen, wie dies von ihrem Umfeld aufgenommen wird und dies kann der Schluss des Romans sein. Im schlimmsten Fall rührt es niemanden und es ändert sich nichts. So wie es nihilistische Autoren wie Houellebecq gerne propagieren. In der Wirklichkeit gibt es keine Superhelden, die Gesellschaften von einem Tag zum anderen zum Besseren ändern. Es gibt nur langwierige Prozesse, die die Menschheit verändern und der Ausgang liegt im Nebel der Geschichte

Der Fluch der Berliner Republik

 

Die Geschichte beginnt im Jahre 1998 und wird von einer Frau erzählt, die am Beginn der Geschichte zwölf Jahre alt ist und die zweitausendfünf mit neunzehn, nach dem Erwerb der Hochschulreife das elterliche Zuhause fluchtartig verläßt. In der Gegenwart ist die Erzählerin ca. 28 Jahre alt. Sie berichtet als dreiundvierzigjährige aus dem Jahre 2029. Warum Vergangenheit und Zukunft in Relation setzen, um auf die Gegenwart Bezug zu nehmen? Nach meiner persönlichen Meinung haben in 1998 einige Ereignisse stattgefunden, die eine zentrale und nachhaltige Bedeutung für unsere Gegenwart und unsere Zukunft haben. Das Jahr markierte das Ende der Kohl-Ära und der Bonner Republik. Menschen wie ich, die aus einem linksliberalen Umfeld kommen, haben sich viel von dem Ende der Kohl-Regierung versprochen. Grundsätzlich misstrauten wir der Errichtung einer Berliner Republik, weil wir Berlin als Hauptstadt aus historischen Gründen ablehnten. Für mich waren die Kohl-Jahre eine Zeit der konservativen Restauration und die Anti-Epoche zu den aufregenden Aufbruchsjahren ab 1968. Wir wurden von einem Menschen regiert, der voller Selbstsucht nur darauf achtete, dass sein Lebenswerk später in den Geschichtsbüchern glorreich gefeiert wird. Er selbst hat den Beginn seiner Regierung mit einer geistig-moralischen Wende verbunden. Dabei bringen Wendungen eher etwas was neuartiges und spannendes hervor. In diesem Fall verherrlichte Herr Kohl die Errungenschaften der miefigen Kriegsgeneration, die sich immer noch an der Oberflächlichkeit der sogenannten Wirtschaftswunderjahre labte. Es roch alles nach Pfälzer Saumagen und entsprechenden Darmwinden. Mit der Bundestagswahl 1998 endete diese Epoche. Mit Herrn Schröder und Herrn Fischer an der Macht hatte der Marsch durch die Institutionen ihr glorreiches Ende gefunden. Die Grünen waren zum ersten Mal an der Regierung der Bundesrepublik Deutschland beteiligt und alleine diese Tatsache hatte eine euphorisierende Wirkung auf uns. Wir verbanden damit die Chance auf eine Änderung der Energiepolitik. Wir erwarteten durch eine nachhaltige und soziale Ordnungspolitik eine grundlegende Änderung der gesamten Ökonomie. Wir hatten folgende Rechnung aufgemacht: Mit dem Atomausstieg wird die Wirtschaft gezwungen, Ökonomie mit ökologisch sinnvollen Handeln zu verbinden und durch ein grundlegende Reform der Sozialsysteme gelingt eine generationsübergreifende Absicherung der sozialen Gerechtigkeit. Her Kohl hätte schon 1982 die sozialen Systeme reformieren müssen. Leider hat er die Sozialkassen, insbesondere die Rentenkasse, benutzt, um andere Löcher zu stopfen oder Geschenke zu verteilen. Zu guter Letzt stand auf unserem Zettel die Umgestaltung der Familienpolitik. Jungen Menschen wie mir sollte die Gründung einer Familie erleichtert werden. Bis Ende der Neunziger hatte man das Gefühl keine Kinder in die Welt setzen zu können, ohne Angst vor Armut haben zu können. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten die Frauen sich bitte schön als Hausfrau betätigen und aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Allerdings sah die Wirklichkeit anders aus. Man brauchte seit der Mitte der Neunziger mindestens zwei Einkommen in einer Familie, um sich nicht völlig vom Wohlstand abzukoppeln, da die Belastungen durch die Wiedervereinigung fast nur durch die Arbeitnehmer geschultert werden sollten. Unsere Rechnungen gingen nicht auf und Erwartungen wurden fast alle enttäuscht. Mit dem Atomkonsens 2000 hatte man mit vielen Kompromissen, die fast wie eine Anbiederung an die Energieunternehmen wirkten, die Abschaltung der AKWs in ferner Zukunft erreicht. Zudem nahm die Koalition aus CDU und FDP diesen Beschluss wieder zurück, um dann nach Fukushima mit einem radikalen Kurswechsel die wirkliche Energiewende einzuleiten, die wahrscheinlich scheitern wird, weil man durch die unzähligen halbherzigen Versuche, die Energiepolitik in den Griff zu bekommen, es versäumt hatte, geeignete Infrastrukturen für diese Energiewende zu schaffen. Die Sozialsysteme wurden nur insoweit reformiert, dass mit den Änderungen die deutsche Wirtschaft zwar wettbewerbsfähiger wurde, allerdings zu Lasten der sozialen Gerechtigkeit. Die Hartzreformen haben einen Keil in die Gesellschaft getrieben. Sozial Schwache wurden stigmatisiert, weil sie generell unter Generalverdacht standen, ihren Zustand selbst herbei geführt zu haben. Die Rente mit siebenundsechzig halte ich persönlich für eine der besseren Ideen der rotgrünen Regierung und seltsamerweise ist dies der Errungenschaft mit der die SPD am meisten hadert. Jetzt haben wir wieder eine Rente mit dreiundsechzig, die komischerweise nicht wirklich den Arbeitern, die sich im Stahlwerk den Buckel krumm gearbeitet haben hilft (das war ja das Lieblingsargument von Frau Nahles), sondern den Schreibtischtätern aus dem Dienstleistungsbereich hilft, die jetzt wieder schneller heimgeschickt werden dürfen, weil man sie nicht mehr braucht. Die Familienpolitik hat Herr Schröder als Gedöns abgetan. Erst Frau von der Leyen, eine Urkonservative mit sieben Kindern, die sich aber als Ärztin trotz vieler Kinder im Beruf durchsetzen konnte und der auch bewusst war, dass sich Normalverdiener keine Kinderfrau leisten können, hat die Familienpolitik in Deutschland modernisiert. Und das soll man noch einmal sagen, Politik kennt keine Ironie. Ganz zu Beginn hat die Schröder-Regierung den Finanzmarkt liberalisiert, weil es in den angloamerikanischen Ländern en Vogue war mit der grenzenlosen Gier der Banker das Wirtschaftswachstum anzufachen. Da Deutschland auch einen Strukturwandel weg von den alten Industrien zu neuen Branchen erlebte und man den Finanzplatz Deutschland für ausländische Investoren interessant gestalten wollte, gab man jeglichen Ordnungsrahmen für Finanzmärkte leichtfertig auf. Mit erheblichen Folgen, wie es sich in der Finanzmarktkrise 2007 gezeigt hat.

Indiana Jones ist ein Langweiler !?

  Mir war es wichtig, neben den realistischen Handlungsorten, die Charaktere der Personen vorzuformen. Ich wollte Personen auftreten lassen, die ich vorher kennen gelernt hatte, über deren Innerstes ich mir vorher Gedanken gemacht habe. Gerade bei den Hauptpersonen ist es wichtig, dass mir klar ist, wie sie in den einzelnen Situationen zwangsläufig handeln werden. Welche Handlungsweise passt zu welchem Charakter? Diese Frage war für mich essentiell, weil ich bei früheren Projekten Personen aufgebaut habe und sie dann unglaubwürdig gehandelt und so den Plot und die Metaebene in Verruf gebracht habe. Teilweise habe ich ganze Kapitel umschreiben müssen. Diesen Aufwand wollte ich nicht noch einmal bei der Korrektur eines Textes betreiben. Durch gute Vorarbeit ist dieser Fehler leicht vermeidbar. Um es zu verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, sie schreiben etwas über Indiana Jones, der Inbegriff der Tatkraft, der keine Risiken scheut und keiner Gefahr aus dem Weg geht und sie lassen ihn einfach zu Hause bleiben und stellen dar, dass er als Weichei zu Hause sitzt und sich anstatt um archäologische Rätsel um seine Briefmarkensammlung kümmert. Er sitzt abends gramgebeugt und halbblind bei Kerzenschein und zieht mit einer Pinzette an irgendeiner alten Briefmarke herum, während seine Ehefrau ihn auf der anderen Seite des Tisches sitzend anschnauzt, dass er endlich den Müll herunterbringen soll und er ihr mit weinerliche Stimme entgegnet, dass er Angst habe bei Dunkelheit in den Garten zu gehen. Okay, es würde funktionieren, wenn sie eine Satire über Indiana Jones schreiben wollen, aber das wollen sie nicht. Sie wollen, das Indiana Jones als ihre Figur glaubwürdig ist und sich tummelt, um gefährliche Abenteuer zu bestehen. Wenn sie jetzt wollen, dass Indiana Jones sich aus dem Sessel schält und seine Peitsche schwingt, werden sie passende Formulierungen dafür finden. Allerdings glaubt ihnen das kein Leser mehr. An der Stelle klemmt die Geschichte und egal was sie schreiben, sie können es nicht mehr retten.

In meinem Fall habe ich mir die Freiheit genommen, ca. fünf bis sechs Personen vorzuzeichnen. Es betrifft Personen, die miteinander in Verbindung stehen, die familiär aneinander gebunden sind und alleine dadurch bestimmte Handlungsweisen vorbestimmt sind. Alle anderen Personen, die den Protagonisten an den Stationen der Reise begegnen, habe ich erst im Laufe der Geschichte entwickelt. Ansonsten hätte ich die Geschichte komplett vorschreiben müssen. Dieses Korsett hätte mich persönlich beim Schreiben gehemmt. Die Stationen der Weltreise waren geplant und es war vorgegeben, dass sie am Ausgangsort enden musste. Ein Kapital im hinteren Teil sollte einen phantastischen Teil enthalten. Ich nannte es „Reise zum Mond“ und habe anfangs wirklich gedacht, ich schicke die beiden Protagonisten auf den Mond. Im Nachhinein machte es keinen Sinn. Allerdings schrieb ich eine Art Traumszene, die sich gut in die Handlung eingefügt hat und sie auch voranbringt. Meine Geschichten sollen immer einen irrealen Teil, eine Phantasie, einen Traum, ein Wahnvorstellung enthalten, ohne dass die eigentliche Geschichte aus dem Ruder läuft. Ein kleiner Spleen, der mich in die Nähe mancher postmoderner Autoren bringt, deren Texte oft zwischen Wirklichkeit und Wahn schwanken. Ansonsten ließ ich alles andere offen. Somit habe ich für meine Verhältnisse relativ viel Zeit mit der Vorbereitung verbracht. Irgendwann kam der richtige Moment, um mit dem Schreiben der Geschichte zu beginnen. Ich hielt es nicht mehr aus, fühlte mich gut gerüstet und wollte endlich loslegen.

 

Toll und jetzt!?

  Ich habe eine Metaebene! Wunderbar!! Habe ich dadurch eine Geschichte? Nein! Hier beginnt die wirkliche Arbeit. Es gibt auch hier mehrere Ansätze und viele unterschiedliche Herangehensweisen. Im Grunde geht es wie bei jeder handwerklichen Arbeit um die Arbeitsvorbereitung. Die verschiedenen Ansätze unterscheiden sich darin, wie intensiv man vor dem Schreiben der eigentlichen Geschichte durch Recherche, Festlegen der Handlung usw. den Schreibprozess abkürzen will. Manche Autoren stürzen sich mit einer wagen Idee in die Schreibarbeit und legen los, ohne einen konkreten Plan zu haben. Manche haben jahrelange Recherche betrieben und sich um Atmosphäre und Fakten gekümmert, konkrete Handlungsabläufe vorgegeben, alle Personen inklusive Nebenfiguren ausmodelliert und schon Plot inklusive Exposition, Klimax und Ende wie in einem Drehbuch festgelegt, um dann nur noch den Text auszuführen. Beides hat seine Berechtigung und beides führt am Ende zum fertigen Text.

Im Laufe meiner Entwicklung als Autor habe ich mich vom Schreiben aus dem Bewusstseinsstrom heraus verabschiedet und mich zum Autor entwickelt, der eine gewisse Vorarbeit leistet und sich grundsätzlich Gedanken um den Plot macht. Ich schreibe erst den Text, wenn ich das Gefühl habe, die Bausteine des Plots fügen sich zu einem Ganzen zusammen. Früher wiederholte ich unablässig das Mantra, dass recherchierte Geschichten automatisch schlecht sein müssten, weil die Geschichten nur aus einer Aufzählung von Fakten bestehen und dadurch dem Text der Tiefgang fehlt. Ich habe als Beispiel immer die Texte von Tom Glancy angeführt. Aber eigentlich wollte ich nur einen guten Freund ärgern, der ein Fan von Tom Glancy war. Als Retourkutsche hat er alle meine Texte im Vorhinein abgetan mit den Worten: „Das kenne ich doch schon. Das hat ein Anderer vor dir geschrieben.“ Mittlerweile recherchiere ich viel, da ich begriffen habe, dass gute Recherche mir ein Fundament gibt und meine Möglichkeiten erweitert. Ein Beispiel dafür ist mein Roman „Kommt“. In diesem Roman geht es um zwei junge Männer, die um die Welt reisen, um den Vater des einen Protagonisten zu finden. Dabei sollten die zwei Jungs möglichst viele Länder bereisen und nicht nur als Touristen auftreten. Sie sollten Einheimische, die Kontakt mit dem Vater hatten, in ihrer gewohnten Umgebung aufsuchen. Sie bereisten Indien, USA, Russland, Brasilien, Italien usw. Einige der Reiseziele kannte ich aus eigener Anschauung. Die erste Station der Reise spielte in der Toskana, seltsamerweise in der Gegend, die ich 2007 mit meiner Frau durchwanderte. Ein anderer Teil der Reise führte nach Paris, auch dort war ich schon mehrfach. Ein Kapitel behandelte Freiburg und Umgebung. Einige meiner Familienurlaube in den letzten fünfzehn Jahren haben mich in den Schwarzwald geführt. Ich bin aber nicht polyglott genug, um nach Brasilien zu reisen, auch bin ich kein Freund von Kreuzfahrten und ferne Länder wie Indien erschrecken mich eher, als das ich sie bereisen will. Also habe ich Reiseführer gelesen. Möglichst welche, die sich mit den einheimischen Sitten und Bräuchen und nicht mit Ferienclubs auseinandersetzen. Ich habe im Internet bestimmte Reiserouten für Kreuzfahrtschiffe studiert und mich über die Möglichkeiten einer Reise auf einem Frachtschiff informiert. Die Recherche hat insgesamt ca. ein Jahr in Anspruch genommen und ich denke, ich werde insgesamt mit den Philosophiebüchern die ich noch lesen wollte, um gewisse Elemente bestimmter Philosophen in die Geschichte einfügen zu können, ca. 15 bis 20 Bücher gelesen haben. Ich wollte beispielweise das Verhältnis zwischen Heidegger und Adorno auf die Schippe nehmen, weil es in Wirklichkeit ein absolutes Nichtverhältnis zwischen Naziprofessor und emigrierten Juden war und Adorno mit einer gewissen persönlichen Motzhaltung Heidegger auf philosophischer Ebene angegriffen hat und Heidegger zumeist einfach nicht darauf reagiert hat. Also habe ich ungefähr drei Bücher von Adorno gelesen und natürlich ‚Sein und Zeit‘ von Heidegger gelesen und dementsprechend Sekundärliteratur bemüht. Diese ganze Recherche nahm wenig Einfluss auf die Handlung, aber viel Einfluss auf den Handlungsrahmen. Meine roter Faden hat sich dadurch nicht geändert, aber ich konnte dem Text neue interessante Nuancen hinzufügen und musste mir nicht im wahrsten Sinne irgendetwas aus den Fingern saugen. Der Text wirkt hoffentlich plastischer und realistischer und neben dem Spaß, den ich dabei hatte, konnte ich meinen Horizont erweitern.

Judith Hermann – Aller Liebe Anfang und die Metaebene Teil 2

Mit dem Roman „Aller Liebe Anfang“ macht sie sich zum Komplizen der typischen Vertreter meiner und ihrer Generation. Wir sind herangewachsen in dem Bewusstsein, dass jede vorherige Generation einen Schritt voran gemacht haben, viel mehr erreicht hat, als die vorherige Generation. Unsere Eltern haben den maximalen Wohlstand geschaffen oder geliefert bekommen. Mehr war wohl nicht möglich. Aber unsere Eltern wollten, dass wir es besser haben als sie. Sie meinten damit nicht eine bessere Lebensqualität oder Leben ohne Ressourcenverschwendung im Einklang mit der Natur und mit uns selbst. Leider hatten sie die materielle Ebene im Blick. Uns sollte es an nichts fehlen. Uns fehlte es aber an nichts. Wir sollten alle studieren, noch mehr arbeiten als sie, noch größere Häuser und Autos besitzen und nicht nur ihr Vermögen erben, sondern neues Vermögen anhäufen. Dabei waren ihre Autos schon zu schnell und ihre Häuser zu groß und Gelder, die sie angehäuft haben, konnten weder sie noch wir ausgeben. Leider haben einige die Fehleinschätzung ihrer Eltern als Befehl anerkannt. Plötzlich gab es so viele Menschen, die Betriebswirtschaft studierten, bei einer großen Unternehmensberatung arbeiteten und sich allein über Leistung definierten. Seltsamerweise schlugen sie genau die berufliche Karriere ein, um in den Firmen zu arbeiten, die mit ihrer Geschäftsidee den Abstieg der westlichen Industrienationen einläutete. Das Wirtschaftswachstum konnte durch normale wirtschaftliche Tätigkeit nicht mehr ausgebaut werden. Der Unternehmer konnte nur noch schwer seinen Gewinn maximieren. Also drehten die Unternehmensberater an der anderen Schraube und minimierten alle Kosten bis nur noch mageres Fleisch übrigblieb. Sie gingen also mit der Arbeitswelt ähnlich um, wie Frau Hermann mit ihren Sätzen. Arbeitsverdichtung überall und für uns, die in einer Welt des Überflusses hineingeboren wurden, eine schockierende Erfahrung. Es ging nicht mehr aufwärts, sondern im besten Falle seitwärts. Entweder strampelte man sich ab und verzichtete, ganz seine Leistungsmaximierung getrimmt, auf alles Überflüssige, wie Familie, Hobbies und Freunde, um dem Befehl der Eltern zu folgen oder man versuchte sich nicht zu bewegen, um den Verlustschmerz nicht zu spüren. Wer sich nicht bewegte, verzichtete auf Familie, Freunde, Horizonterweiterung und steckte einfach fest, sehr oft subventioniert von dem Vermögen der Eltern. Die Eltern ließen es zu, denn der Bub oder das Mädchen sollten ja nicht leiden müssen, wie sie selbst einst leiden mussten. Natürlich gibt es viele Farben und Schattierungen in den Lebensabläufen meiner Zeitgenossen und bemerkenswert ist, dass es mittlerweile viele gibt, die es verstanden haben, dass monetäres Wachstum keine Bedeutung hat und es wichtiger ist, in einem gesunden Umfeld seine Kinder und die Radieschen im eigenen Garten aufzuziehen. Es ist gerade wieder In geworden, Verantwortung zu übernehmen. Natürlich erschlägt uns die Komplexität der Welt, das Internet, die verfügbaren Informationen, die Zusammenhänge der Globalisierung, die Katastrophen dieser Welt und man konnte uns den bürgerlichen Rückzug ins Private vorwerfen. Wir nehmen es als Herausforderung an, weil viele verstanden haben, dass die Welt vor zwei Generationen viel kaputter war wie heute und es für uns persönlich wesentlich schlimmere Lebensbedingungen geben könnte und wie eher noch etwas abgeben können von unserem Wohlstand, unserer Bildung und unserem Wissen. Wir haben verstanden, dass das Glück bei uns selbst beginnt, wenn wir unser Leben in die Hand nehmen und zufrieden auf das Vorhandene blicken und daraus Kraft für das soziale Zusammenleben schöpfen. Gerade bei jüngeren Menschen zwischen zwanzig und dreißig erlebe ich viele, die eine völlig andere Vorstellung von Leben, Glück und Zufriedenheit haben als wir es hatten. Es geht viel um Erfahrung sammeln und sein Leben zu gestalten und nicht darum, den Führerschein zu machen und Papas Auto kaputt zu fahren und ansonsten zu warten, dass der Bausparvertrag, den Oma einst für abgeschlossen hat, endlich ausbezahlt wird, damit wir uns den Saufurlaub auf Malle leisten können. Frau Hermann könnte genau für unseren Teil unserer Generation schreiben. Für mich und viele meiner Freunde, die noch nie festgesteckt haben, die früh Verantwortung für sich und andere übernommen haben, die nicht hinter ihrer belanglosen Melancholie ihr Unvermögen verstecken. Was wäre sie eine gute Schriftstellerin, die die Zeichen der Zeit erkannt hat. Sie schreibt ohne wirkliche Metaebene in die Hände der Versager aus meiner Generation und gibt ihnen die Rechtfertigung für den Stillstand den sie Leben nennen.

Judith Hermann – Aller Liebe Anfang und die Metaebene Teil 1

Judith Hermann treibt die Melancholie in ihren Geschichten vor sich her. Sie ist zwar spürbar und greifbar, allerdings manifestiert sie sich meist nur in der Darstellung des lakonischen Nichthandelns ihrer Figuren, deren Geschichten sich zum Guten wenden könnten, wenn sie doch einfach endlich mal handeln, anstatt zu verharren. Das Glück hinter dem Handeln ist das ewige Versprechen ihrer Geschichten und die Möglichkeit wird zelebriert, bis der Leser entweder eingelullt wird oder vollkommen aggressiv auf den Text reagiert. Leider ist sie für mich eine Autorin, die kaum erträglich ist, weil sie keine Allerweltsliteratur schreiben möchte und sprachlich einem Dilettanten wie mir haushoch überlegen ist. Ihre Sätze ufern nicht ins Endlose aus und die Kraft ihrer Sprache findet sich in Sätzen, deren Inhalt Frau Hermann filetiert wie einen saftigen Schweinebraten. Ich sehe vor meinem geistigen Auge wie sie beim Schreiben das überschüssige Fett von ihren mageren Satzgefügen trennt, wie der Metzger das Fett vom mageren Schnitzel. Da ein Hieb und dort ein Schnitt und übrig bleiben drei maximal fünf Worte, vielleicht gönnt sie sich noch einen Nebensatz.

Auf den ersten Blick könnte man sogar Parallelen zwischen Sartre und Hermann benennen. Der Grundsound der Melancholie, die kurzen Sätze, die alles beinhalten was gesagt werden muss und nicht mehr. Wahrscheinlich haben beide eine Vorliebe für Hemingway, der nun mal als Urvater der modernen coolen Literatur es sich herausgenommen hat, sich an der grammatikalischen Grundformel Subjekt, Prädikat und Objekt fest zu beißen. Trotzdem hat er Texte mit großer Strahlkraft geschrieben. Aber dann endet die Gemeinsamkeit und bei genauerer Überlegung merkt man, dass Sartre aus einer Zeit stammt, als es um mehr ging, als das Abrutschen des Wohlstandskindes von einem Wohlstand in den anderen. Und das ist das Problem an Judith Hermann. Ihre guten Absichten werden zerstört, weil sie für ihre Generation schreibt, die Generation der jetzt dreißig- bis vierzigjährigen, die irgendwie immer unglücklich sind, weil sie ja viel mehr aus ihrem Leben hätten machen können, aber nie gehandelt haben, um ihrem Glück Beine zu machen. Ich gebe es unumwunden zu: Ich gehöre zu denen, die aggressiv beim Lesen werden. Eine Journalistin im Spiegel Kultur hat es letztens in ihrer überschwänglichen Kritik zu „Aller Liebe Anfang“ auf die Geschlechterebene gezogen. Frauen mögen Frau Hermann, Männer hassen sie. Ein klarer Verstoß gegen das AGG und mal davon abgesehen meines Erachtens nicht stimmig. Frau Hermann schreibt keine Frauenliteratur, die Männer auf die Palme bringt, weil Männer dabei schlecht wegkommen. Jeder hat einen individuellen Grund, warum man Literatur mag oder nicht und solange die Autorin der Rezension im Sinne der Falsifikation nicht erst einmal alle Männer dieser Welt das Buch hat lesen lassen und alle Männer allergisch auf Frau Hermann reagieren, bleibt ihre Annahme reine Polemik und genau auf diesen Terrain möchte ich mich nicht bewegen.

Metaebene

Jede Geschichte sollte ihren Anstoß finden, in dem man eine Grundaussage zum Ziel der Geschichte trifft. Eine Metaebene der Geschichte ist absolut wichtig, um mittels einem Überbau dem Text eine Bedeutung und einen roten Faden zu geben. Ansonsten wirken Texte wie lieblos zusammen geschusterte literarische Ergüsse. Das sich im Laufe des Schreibprozesses die Schwerpunkte verschieben und andere Titel, Thesen und Temperamente sich zu der ursprünglichen Grundaussage hinzugesellen versteht sich von selbst und trotzdem sollte man den Ursprung und Grundaussage der Geschichte niemals aus dem Blick verlieren. Leider kommt das oft vor und am Ende des Tages, wenn alles zusammengerechnet und wieder abgezogen wird, bleibt oft ein dummer Rest übrig, der sogar der Grundaussage widersprechen kann. Deswegen sollten manche Autoren lieber zweimal nachdenken, bevor sie weiterschreiben und nur literarischen Auswurf fabrizieren.

Die Metaebene ist zuerst ein tendenziöser Schlag ins Kontor der Befindlichkeiten. Ich wage mich hervor und gehe damit ein Risiko ein. Hier offenbart sich die Gesinnung des Autors, sein Sendungsbewusstsein, das ihn um seine Reputation bringen kann. Vielleicht liege ich schon hier daneben und gebe mein Werk der Lächerlichkeit preis. Die guten Autoren, die echten Schriftsteller, sind an dieser Stelle den billigen Massenschreiberlingen haushoch überlegen. Sie bieten echte Angriffs- und Indentifikationsflächen, je nach Gesinnung des Lesers. Die schlechten Autoren sind schon in diesem frühen Stadium an ihrer Oberflächlichkeit gescheitert und können den Leser höchstens noch unterhalten. Ich kann mich noch erinnern, dass Schriftsteller vor ca. dreißig Jahren bei jeder Gelegenheit an ihrer Grundaussage gemessen wurden und ständig die Frage gestellt bekamen, welche Absicht sie mit ihrem Buch verfolgten. Schriftsteller verwiesen den Frager auf ihr Buch, das sich selbst erklärt und ließen den Frager gegen die Wand prallen. Die Unterhaltungsschreiber fingen an, ihr Buch selbst zu interpretieren. Die Metaebene muss sich selbst erklären, sich auf jeder Seite des Textes offenbaren und sogar den beschränktesten Leser auf die richtige Spur bringen. Der eine wird sich damit voll und ganz identifizieren und der andere wird es verärgert zur Seite legen. Dann hat der Autor alles richtig gemacht. Erst wenn er versucht, jedem Leser und Kritiker mit hübschen Banalitäten einen Gefallen zu erweisen, wird seine Unfähigkeit deutlich. Die Quintessenz der Metaebene heißt also, Risiko lohnt sich. Ich stehe außerhalb, mein Denken wird deutlich, man soll sich daran reiben und im besten Falle sich damit identifizieren. Allerdings: Ein Buch verändert selten die Welt und die Menschen, aber: es kann Pflöcke in das Herz der Finsternis schlagen und dafür sorgen, dass sich in möglichst vielen Hirnwindungen der Leser etwas hängen bleibt.