Frankfurter Buchmesse 2023

Nach einigen Besuchen auf der Buchmesse in Frankfurt kann uns nichts mehr erschüttern und aus der Ruhe bringen. Der Tag fängt immer mit einem überfüllten Zug an. Eine Horde Fußballfans, die sich in Gießen in den Wagen quetschen, vormittags Flaschenbier konsumieren und im dichten Gedränge an ihren Verdampfern ziehen, gehören dazu. Genauso wie die unscheinbare Frau, die morgens um halb zehn genüsslich mit der Gabel in einem kalten Potpourri aus Kartoffeln und Zwiebeln herumstochert, das sie in einem Blechbehältnis seit Tagen gären lässt. Der scharfe Geruch der Zwiebeln steigt mir in die Nase und ich halte ihn stoisch aus. Daneben sitzt die Armada junger Frauen, die sich an ihren New Adult Schinken festhalten und keinen Zentimeter weichen wollen, wenn man im Gang um ein wenig Platz bettelt. Hinter mir piksen mich die selbst gebastelten Schwerter der als Anime-Figuren verkleideten Cosplayer in den Rücken und eine hysterische Person beschwert sich lautstark über den Platzmangel im Gang.  Beim Ausstieg am Zielbahnhof versperren uns alte Herren in verbeulten Anzügen, die seit vierzig Jahren nicht gereinigt wurden, den Weg, weil sie mit ihren verbeulten Lederkoffern in der Hand den Bahnsteig gemächlich entlangtrotten wollen.  Aber das ist ja nur der Anfang. Spätestens wenn man gegen Mittag in Halle 3.0 versucht von einem Ende zum anderen Ende der Halle zu kommen und sich fragt, wo die ganzen Menschen plötzlich herkommen, man 13000 Schritte gelaufen ist, vier Stunden gestanden hat, drei bis vier matschige Wurstbrötchen, die man von zu Hause mitgebracht hat, verschlungen hat, weil man sich das Anstehen an den Ständen und die Mondpreise für das Messeessen ersparen will, man mindestens einmal in Panik gerät, weil man seinen achtjährige Sohn nicht mehr findet, er nach einer aufwendigen Suchaktion an irgendeinem Stand am anderen Ende der Halle wieder auftaucht und so tut als sei nichts gewesen, um dann doch in Tränen auszubrechen, weiß man, dass man auf der Buchmesse in Frankfurt ist.    

Und trotz alledem passieren wir gutgelaunt um 9.45 die Zutrittsschleuse und bewegen uns flott über die langen Gänge, die die Messehallen verbinden, auf die Halle 3.1 und den Stand der Süddeutschen Zeitung zu. Die Hallen sind noch leer und wir bekommen einen guten Platz neben der Bühne. Zwei Minuten später drängelt sich Frau Föderl-Schmid, stellvertretende Chefredakteurin der SZ und Deborah Feldmann an uns vorbei, um auf der Bühne ihre Plätze einzunehmen.

Nur am Rande des Interviews geht es um Frau Feldmanns neues Buch „Judenfetisch“ (ISBN 978-3-630-87751-8, Luchterhand).  Frau Förderl-Schmidt, die selbst in Israel gelebt hat, lenkt das Gespräch schnell auf die aktuelle Situation in Israel. Deborah Feldmann ist ergriffen von den Geschehnissen. Sie sucht nach den richtigen Worten und versucht sehr stark zu differenzieren. Man merkt ihr an, dass sie ihre Perspektive vermitteln will, ohne ihre Meinung den Zuhörer aufzudrängen. Mittendrin appelliert sie an die Zuhörer und fordert sie auf, sich mehrere Meinungen zu dem Thema anzuhören und sich selbst ein Bild zu machen, weil sie selbst befangen ist.

Wenn sie von Hoffnungslosigkeit spricht, glaubt man ihr, dass es aus ihrer Sicht nun keine Chance mehr auf ein friedliches Zusammenleben in der Region gibt und sie spart nicht mit Kritik an der israelischen Politik, die sich in den letzten Jahren von den Ideen des linken Zionismus entfernt hat und sich immer mehr dem biblischen Zionismus zugewandt hat, der kein Raum für Frieden lässt. Sie kritisiert aber auch die deutsche Politik, die sich hinter den Floskeln der Solidarität zu Israel versteckt und keine Taten folgen lässt. Niemand scheint anzuerkennen, dass  Israels Sicherheit nur durch Frieden und Verständigung gesichert werden kann.

Zum Schluss erzählt sie über eine Familie aus einem Kibbuz, die einen Angriff überlebt haben und die vorher jahrelang Kindern aus dem Gazastreifen geholfen hat und nun nicht mehr helfen will. Plötzlich hält Deborah Feldmann inne und es überkommen Trauer und Schmerz. In dem Moment schnürt sich mir der Hals zu. Dieser Konflikt ist so vielschichtig und unbegreiflich für uns und als wir den Stand verlassen, fällt es uns schwer, einfach weiter zu gehen. Im Laufe des Tages kommen wir immer wieder auf das Thema zurück, sprechen in den Pausen darüber und sind uns einig, dass Deborah Feldmann mit ihrer persönlichen und emotionalen Analyse uns die schwierige Situation erhellt hat. 

Nach einer Verschnaufpause gehe ich zum Stand der F.A.Z. um Daniel Kehlmann zu lauschen, der im Gespräch mit Sandra Kegel (Ressortleiterin Feuilleton der FAZ) seinen neuen Roman über den Stummfilmregisseur G.W. Pabst vorstellt. Ich sehe Herrn Kehlmann zum ersten Mal live und Frau Kegel stellt ihn als einer der freundlichsten deutschen Schriftsteller vor. Er wirkt äußerlich nicht wie der Star der deutschen Literaturszene, er könnte glatt als Verwaltungsfachangestellter oder Gymnasiallehrer durchgehen. Er gibt gerne Auskunft zu der Entstehung seines neuen Romans „Lichtspiel“(978-3-498-00387-6, Rohwohlt), der sich um den Stummfilmregisseur G.W. Pabst dreht. Für Kehlmann war die Figur G.W. Pabst interessant, weil er erst nach Hollywood emigriert war, um nach ein paar Misserfolgen nach Österreich zurückzukehren. Pabst hatte den Ruf ein „roter“ Regisseur zu sein, seine frühen Filme waren sehr sozialkritisch. Er stand ideologisch den Nationalsozialsten nie nahe, hatte aber im dritten Reich im Auftrag des Propagandaministeriums  weiter Filme gedreht. Pabst hat den modernen Filmschnitt mitentwickelt und Kehlmann hat neben der Geschichte der Reimmigration die Übersetzung des filmischen Schnittes in Literatur gereizt. Zudem gab es genug Lücken in der Biographie des Regisseurs, die Kehlmann genutzt hat, um sie literarisch auszufüllen. Das Ganze hat er mit fantastischen und surrealen Elementen angedickt.  Das sind alles typische Ingredienzen, die man aus seinen Romanen kennt und zu schätzen weiß. Das Buch werde ich mir auf jeden Fall kaufen. Nach zwanzig Minuten ist der Spaß vorbei und meine Beine zeigten erste Ermüdungserscheinungen.

Die nächste Stehparty folgt sofort. Schlangestehen im Congress-Zentrum, um Cornelia Funke zu sehen. Die Veranstaltung war hoffnungslos überlaufen und man kam noch nicht mal in Sichtweite des Eingangs zum Saal.  Also taumeln wir durch diverse Hallen und landen am Stand von BookTok: Die Plattform bringt viele junge Leser zurück zum angestaubten Medium Buch. Den jungen Lesern ist es auf einmal wieder wichtig, ein Buch als haptisches Produkt zu besitzen.  Und doch ist es wie immer: es gibt viele ältere Menschen, die jungen Menschen vorwerfen, dass sie ihr Zeit nur noch am Handy verbringen und keine Bücher mehr lesen (seltsamerweise kommt der Vorwurf oft von Menschen, die selbst keine Bücher mehr lesen) und wenn sie dann an ihrem Handy Bücher für sich entdecken und daraus auch neue Literatur entsteht, ist es auch nicht richtig. Es ist der ewige Generationenkonflikt, den meistens die jungen Menschen für sich entscheiden. BookTok nimmt auf jeden Fall eine große Fläche in einer Halle ein. Dort kann man an einem Glücksrad ein Buch gewinnen. Die Schlange vor diesem Rad scheint durch die ganze Halle zu reichen. Meine Frau und Meine Tochter stehen vierzig Minuten an. Meine Tochter darf endlich drehen und wie der Zufall es will, kommt das Glücksrad an der richtigen Stelle zum Stehen.  Sie wollte sich „22 Bahnen“ (ISBN 978-3-8321-6803-2, DUMONT) von Corinna Wahl aussuchen, aber der BookTok-Aufpasser hat den Gewinn nicht anerkannt. Er hat wohl nicht richtig hingeschaut und es gab nur eine Stofftasche von TikTok. Wir wittern Betrug und wollen die Chinesen verklagen…Hilft ja nix..

Wir sind zurück in Halle 3.0 in der mittlerweile die Hölle ausgebrochen ist. Es ist erstaunlich wie viele junge Menschen sich dort herumtreiben und ihre Liebe zum totgesagten Medium Buch kundtun. Sogar am Reclamstand, an dem ich in den letzten Jahren einige schöne Bücher gefunden habe, ist die Schlange an der Kasse lang. Vor mir stehen nur junge Damen, die mit gelben Heften bepackt, schüchtern ihre Geldbeutel zücken. Ich bin meiner Tradition treu geblieben und kaufe bei Reclam „Sound of Rebellion“ von Peter Kemper(978-3-15-011324-0) , ein Buch über die politische Ästhetik des Jazz für 38 EUR und zwei rote Bücher mit italienischen Liedern und Sprichwörtern.

Ich wechsle wieder in Halle 3.1 und muss Umwege in Kauf nehmen, weil Ordner die Menschenströme zu lenken versuchen und einen nicht mehr überall durchlassen. Neben den F.A.Z.-Stand hat sich der Katapult-Verlag breit gemacht. Letztes Jahr war der Verlag noch eine frische und interessante Erscheinung am Verlagshimmel. Nun ist er pleite. Auch dieser Umstand wird mit widerborstigem Humor zu Schau gestellt. Letztes Jahr hatte ich das Buch über PhilosophInnen mit einem Alkoholproblem an dieser Stelle empfohlen, aber nicht gekauft. Kurz habe ich überlegt, ob ich das Buch jetzt kaufe, bevor der Verlag endgültig pleite ist und man das Buch nicht mehr bekommt. Die Tatsache, dass es noch einen zweiten Teil gibt (Die Kaputten, s.u.), hat mir die Entscheidung noch schwerer gemacht. Ich hatte aber bei Reclam mein Buchbudget schon überschritten und mich gegen den Erwerb der Bücher entschieden.

Während ich am SZ auf Terezia Mora warte, die gleich ihr neues Buch „Muna“ (ISBN 978-3-630-87496-8, Lucherhand) vorstellen wird, starre ich auf meinen Handybildschirm und spüre meinen Schmerzen in den Oberschenkeln und Waden nach. Das Stehen kostet mich Kraft. Plötzlich schiebt mich jemand zur Seite. „Können Sie mal Platz machen?“ Die Redakteurin, die Frau Mora gleich interviewen wird, geleitet Frau Mora durch die Menge. Als nächstes sehe ich die Rückseite der Autorin, die ihren Körper in Richtung Publikum dreht und das Vorgehen der Redakteurin kommentiert.

„Ja stimmt, man kann ja die Menschen auch mal fragen, ob sie Platz machen.“

Ich sehe Frau Mora zum zweiten Mal auf einer Buchmesse und wie beim letzten Mal bietet sie einen kurzweiligen und tiefsinnigen Einblick in die Entstehungsgeschichte ihres neuen Romans. Frau Mora berichtet über Schreibkrisen, die ihre Agentin noch befeuerte, in dem sie für die Autorin einen Vertrag über drei Romane abgeschlossen hatte. Frau Mora hatte keinerlei Idee für neue Bücher. Die Agentin empfahl ihr einfach abzuwarten, da sich ja die Ideen von selbst ergeben werden. Bald hatte Frau Mora die Idee, eine Trilogie über Frauen zu schreiben. Zum ersten Mal hatte sie in einem Roman die Geschichte aus Sicht einer Frau erzählt. Die Tatsache scheint sogar Frau Mora zu erstaunen. Muna ist eine patente und starke Frau, die sich einem Mann hingibt, der kalt und unnahbar scheint. Sie begibt sich in eine toxische Beziehung, die ihr Leben von nun an bestimmt. Frau Mora unternimmt den Versuch, zu ergründen, warum Frauen freiwillig in solche Abhängigkeiten begeben und sinniert auskunftsfreudig über ihre Gedanken zu dem Thema. Nachdem ich alle drei Romane der Darius-Kopp-Trilogie gelesen habe, werde ich auch diesen Roman und alle weiteren Romane der neuen Trilogie lesen.

Ich war mir nicht sicher, ob ich im Anschluss Bov Bjerg am SZ-Stand zuhören sollte. Ich ging davon aus, dass meine Beine nach einer weiteren dreiviertel Stunde unbewegten Stehens dann endgültig zu Schmerzsäulen erstarren. Obwohl ich den Autor gerne mal live erlebt hätte, weil ich seinen Roman „Serpentinen“ damals verschlungen habe und die Beschreibung seines neuen Buches „Der Vorweiner“ echt schräg und skurill klingt, hat er sich doch diesmal an eine Dystopie gewagt, lasse ich das Gespräch am SZ-Stand aus und vereinige mich wieder mit meiner Frau und den Kindern, um im zweiten Stock des Forums den Pavillon des Gastlandes Slowenien zu besuchen. Ich sehe nicht viel von Slowenien, weil ich mich sofort auf einen Hocker fallen und mich von meiner Frau mit Zartbitterschokolade füttern lasse, die von netten Slowenen kostenlos an Besucher verteilt werden.

Im Erdgeschoß des Forums laufen wie immer ohne Unterbrechungen Podiumsdiskussionen und Interviews von ARD, ZDF und 3Sat. Als wir aus Slowenien zurückkommen, reden Isabel Schayani, Sineb el Masrar, Jagoda Marinic gerade über das allgegenwärtige Thema, Migration und Integration.  Dazu muss ich nicht viel sagen, denn man kann sich alle Gespräche in den Mediatheken anschauen.

Es folgt ein absoluter Themenbruch: Otto Waalkes betritt gemeinsam mit Bärbel Schäfer die Bühne, deren dunkle Vergangenheit als Moderatorin eine Thrash-Talkshow im Privatfernsehn fast genauso wenig wie der altbackene Humor von Otto Waalkes zu ertragen ist. Aber Irgendwie haben sich beide  in die Gegenwart gerettet und scheinen nun geläutert zu sein.

 Auch Otto hat ein neues Buch veröffentlicht, in dem er 75 große Meisterwerke der Kunstgeschichte den Ottifanten untergejubelt hat. Meine Tochter fragte mich, ob das der Kerl mit den schwulen Schlümpfen sei? Eine Freundin von ihr stünde total auf Otto. Äh? Schwule Schlümpfe? Stimmt, da war was….Ja, das ist er! Otto kann man ja total blöd finden. In meiner Kindheit war er schon das Maß für bitterbösen Humor, auch wenn er immer kalauernd und blödsinnig daher kam. Was ich an Otto noch nie leiden konnte: Es gibt ihn in der Öffentlichkeit nur als seine eigene Kunstfigur und ich war positiv überrascht, dass er für seine Verhältnisse sehr ernst über sein Buch gesprochen hat. Aber das kann man sich auch in der ZDF-Mediathek anschauen.

Am späten Nachmittag ist in Halle 3.0 mittlerweile Ruhe eingekehrt. Der große Andrang ist vorbei. Für meine Frau und die Kinder ergibt sich die letzte Chance zum Bücherkauf. Für meinen Sohn musste es ein Fußballbuch sein. Meine Tochter holte sich, nachdem man ihr den Gewinn des Buches am Booktok-Stand verwehrt hatte, „22 Bahnen“ von Caroline Wahl bei Dumont. Meine Frau hat den Roman von Deborah Feldmann bei Penguin Random House gefunden und gekauft.  

Als letzte Veranstaltung haben wir uns im Forum noch das Interview von Cornelia Funke mit Bärbel Schäfer als Rausschmeißer gegeben. Frau Funke hat lange in der USA gelebt, ist jetzt in die Toskana gezogen und nach sechzehn Jahren zum ersten Mal auf der Buchmesse. Ich kann nicht behaupten, dass ich sie vermisst habe. Ich finde sie als Person wie als Autorin total überbewertet. Ich kann ältere Frauen nicht ausstehen, die so tun als seien sie innerlich Kinder geblieben. Auch wenn sie über irgendwelche aktuellen Themen spricht, klingt sie leicht naiv. Aber das ist meine subjektive Meinung und wer sie nicht teilt, ist herzlich willkommen.

Genervt von Frau Funke und meinen Beinschmerzen nahm ich gerne den Vorschlag meiner Frau an, sich zu beeilen, um noch den übernächsten Zug nach Hause zu bekommen. Der Zug war leer und wir bekamen alle einen Sitzplatz. Ich atmete einmal tief durch und biss in meine Ditsch-Brezel. Wieder einmal haben wir eine Buchmesse entspannt hinter uns gelassen.

Talentfreier Autor sucht Talent

Wenn Amateure sich der Öffentlichkeit stellen, um die Ergebnisse ihres kreativen Prozesses zu präsentieren, kann es zu einem jähen Erwachen kommen. Für meinen Roman „der ewige Kreislauf“, dessen Überarbeitung ich mehrfach in meinem Blog zum Thema gemacht habe, hatte ich im Frühjahr Testleser gesucht. Da ich bei meinem letzten Romanprojekt mich in eine Sackgasse geschrieben hatte, suchte ich nach Inspiration und Auswegen.
Selbstreflektion stiftet Verwirrung. Profis werden an der Überwindung der Verwirrung wachsen. Amateure kämpfen jedes Mal erneut um ihre Daseinsberechtigung.
Eine Strategie des Amateurs ist es, einfach so zu tun, als sei er ein begnadeter Autor. Er überspielt seine Unsicherheit oft mit einer überheblichen Arroganz. Er berichtet in hymnischen Euphemismen von seinem besten Buch, das er nun bei Amazon für 5,99 EUR veröffentlicht hat. Liest man die erste Seite des vom Autor angepriesenen Werkes, stolpert man sofort über Rechtsschreib- und Logikfehler. Der Autor degradiert sich selbst zum Hochstapler.
So wollte ich nie sein. Wahrscheinlich schreibe ich deshalb einen Blog, in denen ich allzu gerne meine mittelmäßigen Fähigkeiten zur Schau stelle. Vielleicht auch eine Art der Kompensation….
Also habe ich es mir selbst gegeben, TestleserInnen gesucht und drei Personen gefunden. Ich hatte schon bei der Ausschreibung ein schlechtes Gefühl. Insgeheim suchte ich die Bestätigung für meine eigene Einschätzung, die ich vor mir gern selbst geheim gehalten habe. Eigentlich war es eindeutig: Für den ewigen Kreislauf werde ich niemals den Nobelpreis für Literatur erhalten. (Ich gebe es zu: jeden Oktober sitze ich immer in der Nähe unseres Festnetzapparates…wenn die Schweden sich vielleicht mal verwählen!)
Das Urteil der TestleserInnen war vernichtend. Es gab viel Kritik und wenig Lob und natürlich könnte ich jetzt behaupten, dass die Testleser keine Ahnung haben und mich mit ihnen streiten. Machen viele Dilettanten nur zu gerne: Sie verschwenden ihre Zeit mit einen Disput, der nur ihre Leberwurstigkeit offenbart.
Natürlich werden die TestleserInnen in ihrem Urteil durch den eigenen Geschmack beeinflusst, der manchmal sehr tendenziös sein kann. Jemand, der gerne Krimis liest und sich nur in diesem Genre bewegt, wird mit einem tiefgründigen und verschrobenen Text im Stile eines Thomas Bernhard nichts anfangen können (das heißt jetzt nicht, dass ich mit meinem Roman in diese Kerbe hauen wollte. Das wäre auch nichts geworden. Wahrscheinlich hätte ich mir dabei einen Finger abgehackt.)
Daher ist es immer gut, wenn mehrere Testleser das Werk begutachten. Es hilft dem Autor, den Eigengeschmack des Lesers aus dem Urteil herauszufiltern und sich auf die Gemeinsamkeiten der einzelnen Gutachten zu konzentrieren. Wenn zwei oder drei Leser die gleichen Themen ansprechen, bemängeln oder auch gut finden, gibt es dem Autor eine gewisse Sicherheit und die Möglichkeit an den Stärken weiter zu arbeiten und die Schwächen auszumerzen.
Ich bin als Autor auf die Ehrlichkeit der Testleser angewiesen. Die Neigung zu Gefälligkeitsurteilen ist sehr menschlich. Man will ja nicht auf jemanden draufhauen, der sich anscheinend viel Mühe gegeben hat. Bei Testlesern aus dem eigenen Freundeskreis habe ich keine guten Erfahrungen gemacht. Oft erlebt man das Hinauszögern der Lektüre, ständiges Herausreden oder plakative Aussagen. Man will ja die Freundschaft nicht gefährden.
„Toller Roman! Klasse Text! Knüller!“
„Was hat dir besonders gut gefallen?“
„Äh, die Handlung.“
„Gell, dass Ende ist sehr gut.“
„Äh, ja natürlich.“
Spätestens bei solchen Aussagen weiß der Autor, dass der Freund oder die Freundin, das Manuskript nur mit der Kneifzange angefasst hat und zwar um es in den Mülleimer zu werfen.
Hier treffen unausgesprochene Befürchtungen und Eitelkeiten aufeinander, die man mit Ehrlichkeit und Offenheit leicht aus der Welt schaffen könnte.
Ich wollte ein ehrliches Urteil und habe es erhalten. Für ein paar Minuten fühlte ich mich in der Sackgasse, in der ich mich schon befand, an die Wand gedrückt. Ich holte tief Luft und hatte das Gefühl, in einer anderen Welt aufzuwachen.
Nachdem ich die schlechten Nachrichten verdaut hatte, führte ich ein langes Gespräch mit meiner Frau. Meine schärfste Kritikerin ist nun einmal mein Guru, mein Krafttier, mein Buddha, Marjorie, die allwissende Müllhalde und die Mutter dreier meiner Kinder in einer Person.
Nachdem sie die Urteile der anderen Testleser mit einem stillen Nicken bestätigte, stellte ich ihr die Fragen aller Fragen:
„Soll ich weiter schreiben? Das bringt doch nichts?“
Sie antwortete weise und klar:
„Viele Leute machen ganz andere Dinge, die nichts bringen und nennen es Hobby. Wenn es dir Spaß und Freude bereitet, schreib weiter.“
Wahrscheinlich sind wir im kapitalistischen Sinne viel zu sehr darauf aus, ein sichtbares Ergebnis zu erzielen. Bücher müssen verlegt werden, verkauft werden und auf Bestsellerlisten landen. Wir schöpfen nicht unsere kreativen Möglichkeiten aus, wenn wir in Ertragskategorien denken.
Ich habe nur kurz nachgedacht und für mich festgestellt, dass ich auch ohne Leser einfach Freude daran habe, in der Sonne an meinem Platz im Garten zu sitzen und an langen Texten zu feilen. Resonanz zu bekommen, egal in welcher Form, hält mein Schreibprozess am Laufen. Also habe ich mich hingesetzt und überlegt, was ich aus der Kritik meiner Testleser für das nächste Projekt mitnehmen kann und habe eine Liste mit Hinweisen notiert, die ich von nun an immer beim Schreiben im Blick haben möchte:

  1. Nicht so viel in eine Geschichte reinpacken. Weniger ist mehr.
  2. Die Glaubwürdigkeit meiner Figuren und ihrer Handlungen im Blick haben.
  3. Der Anfang einer Geschichte muss zum Weiterlesen animieren.
  4. Gute und echte Dialoge und keine indirekte Rede verwenden.
  5. Weniger Adjektive.
  6. Meine Figuren wollen von mir geliebt werden.
  7. Ich hole mir in einem früheren Stadium des Schreibprozesses eine zweite Meinung.

Und so mache ich weiter, bis mir das Talent doch noch auf die Füße fällt (Autsch!)

Du bist so dünn! Hast du Krebs?

Es gibt manchmal Begegnungen mit Menschen, die mich fassungslos und irritiert zurücklassen. Leider ist mir das in letzter Zeit mehrfach passiert.

 Meine Geschichte fängt aber viel früher an:

 Von Natur aus bin ich ein langer dürrer Spargel. Das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Stress, Frust und viel schlechte Laune ließen meinen Bauch heftig anwachsen. Fettes Fleisch, fettige Pommes, fettige Chips und Schokolade dominierten lange Jahre meinen Speiseplan und haben dafür gesorgt, dass ich mir meine Sorgen schönfressen konnte.  

 Dann kamen mit Mitte vierzig die ersten Anzeichen gesundheitlicher Beeinträchtigung. Mein Blutdruck war schon leicht erhöht. Bei körperlicher Anstrengung habe ich übermäßig geschwitzt und nach Luft geschnappt. Dazu kamen undefinierbare Verdauungsprobleme. Dann haben sie mir meine Gallenblase herausoperiert. Das viele Fett überforderte dieses kleine Organ und hatte es beinahe zum Platzen gebracht. Ich wusste, wenn ich jetzt nichts unternehme, schädige ich auch viel wichtigere Organe. Die Aussicht auf ein verkürztes Leben mit vielen Medikamenten und Krankenhausaufenthalten hat bei mir zu einem Sinneswandel geführt.

Ich habe das Joggen für mich entdeckt, meine Ernährung konsequent umgestellt und innerhalb von zwei Jahren 25 Kilo abgenommen. Jetzt bin ich wieder ein schlanker Spargel, fühle mich topfit und vor allem bin ich vollkommen gesund. Die dazugewonnene Lebensqualität hat mich selbst völlig überrascht.

 Menschen, die mich längere Zeit nicht gesehen haben, haben mich auf die Veränderung meines Erscheinungsbildes angesprochen. Durchaus neugierig hat man mich gefragt und sich mit mir gefreut, dass ich mich gut und gesund fühle. Da waren viele schöne Gespräche dabei, die Zustimmung hat mich motiviert und bestärkt, manche Bewunderung hat mir geschmeichelt.

 Dann gab es aber andere Menschen, die ich sehr lange kenne und die mich auch längere Zeit nicht gesehen hatten und die Gespräche mit dem Satz angefangen haben:

„Du bist so dünn, hast du Krebs?“

Ich war völlig perplex. Sie hatten mich aus der Ferne beobachtet und seltsame Schlüsse gezogen. Wenn ich Ihnen erklärt habe, dass ich völlig gesund sei und den Grund für meine Gewichtsabnahme dargelegt habe, schienen sie fast enttäuscht zu sein.

„Du bist wirklich nicht krank?“

Wie kommt aus solchen Gesprächen wieder heraus? Am besten man wechselt das Thema und redet über das Wetter.

Manchmal tummele ich mich im Internet und schreibe dort mit wildfremden Menschen. Ich bezeichne mich selbst als Menschenfreund, der gerne etwas über andere Menschen erfährt, andere Perspektiven kennenlernen möchte und es nicht verstehen kann, dass viele Menschen gerade im Internet Streit suchen, um ihre schlechte Laune an anderen auszulassen.

 Einmal habe ich mit einem Mann geschrieben, in meinem Alter, sehr nett und höflich und plötzlich ohne Anlass bewertete er ein Foto von mir.

„Bist ganz schön dünn. Siehst ungesund aus.“

Weil er nett zu sein schien, erzählte ich ihm alles über meinen Werdegang. Auch beim Lesen von Texten, kann man anscheinend nicht zuhören, denn er antwortete mit:

„Aber du siehst schlecht aus.“
Ich habe es noch einmal versucht, und ihm erzählt, wie gut ich mich fühle und das es keinen Grund gibt, sich Sorgen um mich zu machen. Ich bin beim Schreiben immer sehr bedacht, freundlich zu bleiben. Schließlich lauern anscheinend alle im Internet und warten nur auf den Moment, in dem sie Beef anfangen können. Wahrscheinlich hatte ich mir, ohne es zu ahnen, ein solches Exemplar eingefangen, denn er reagierte auf meine Ausführungen mit einer ziemlich zornigen und plumpen Antwort.

„Du kannst mir meine Meinung nicht nehmen. Wenn ich sage, dass du ungesund aussiehst, dann hast du das gefälligst zu akzeptieren.“

Ein Aspekt der modernen Kommunikation hatte ich natürlich schmählich vergessen: Das Pochen auf die Meinungsfreiheit. Es impliziert für viele das Recht, alles sagen zu dürfen, auch wenn es verletzend oder dumm oder sogar Beides ist. Wer Meinungen austauscht, verlässt schnell den Debattenpfad. Er begibt sich in eine Dynamik, die nur zum sogenannten Canceln führen kann. Weil unsere Meinungen diametral gegenüberstehen müssen wir uns hassen und nachdem wir uns angebrüllt und beschimpft haben, drücken wir auf Ignorieren und haben es uns richtig gezeigt.

 Man hat ja dann schnell Erklärungen, warum Kommunikation heutzutage manchmal so schwierig ist. Soziale Netzwerke, die allgemeine Verrohung der Gesellschaft, der schwierige politische Diskurs, die Spaltung der Gesellschaft…

 Solche Schlagwörter und Allgemeinplätze können nicht erklären, warum Kommunikation mit manchen Menschen einen merkwürdigen Verlauf nimmt. Vielleicht bedarf es auch keiner Erklärung. Der Andere ist die Hölle, hat ja mal Sarte gesagt und das wird ja oft in solchen Zusammenhängen zitiert, aber vielleicht hätte Sartre auch noch hinzufügen sollen, dass die Anderen immer auch wir selbst sind und wir selbst die Hölle für andere sind.

 Wir können manchmal nicht über unseren Schatten springen, weil nun einmal eigenständige und eigensinnige Einheiten sind. Die Schatten sind allerdings kürzer, die Räume in denen wir uns bewegen, sind enger geworden. Die Versprechungen des Internetzeitalters, dass die Welt zu uns nach Hause kommt, verknüpft mit der Möglichkeit des globalen Austausches von Waren und Dienstleistungen haben uns überfordert. Die meisten von uns waren vorher einfache Dorfmenschen. Übrigens leben auch viel Städter nur in ihrem Viertel und verlassen selten die ausgetretenen Pfade des Alltags. Unsere einzigen Bezugspunkte orientierten sich an der Kirchturmspitze in der Dorfmitte. Nun kommt die Welt zu uns und wir haben nicht nur unsere Bezugspunkte verloren. Man sieht einfach, wer wir wirklich sind. Nicht die netten Wilden aus dem Nirgendwo, die freundlichen Eingeborenen aus irgendeinem abgelegenen Kuhkaff, die hippen, legeren Metropolenhopper, Bergekletterer, Deichhocker, Waldschrate, Inselgemüse und Dialektmurmler, sondern bösartige und missgünstige Individuen, die nur darauf warten, anderen auf die Fresse zu hauen….

Bück dich hoch

Am letzten Samstag war ich mit meiner Frau und zwei meiner Kinder auf dem Auftritt der Band Deichkind in der Frankfurter Festhalle. Für meinen achtjährigen Sohn und meine zwölfjährige Tochter war es das erste Konzertvergnügen dieser Art. Seit ein paar Jahren begleiten mich die Songs von Deichkind. Mir gefällt die Art, wie sie den Gemütszustand meiner Generation kommentieren und ironisch gebrochen widerspiegeln.

 Deichkind hat als Band schon einige Jahre auf dem Buckel und daher auch verschiedene Schaffensphasen kreieren dürfen. Angefangen haben sie als typische Deutschrap-Band der Neunziger Jahre. Später gab es einen Umbruch in der Band und nach einer schlimmen Phase mit ulkigen Partylieder und Saufhymnen, die sie mit Stampfbeats, tiefen Grummelbässen und hellen Technosounds unterlegt haben, entwickelte sich die Band zu einem Gesamtkunstwerk mit wilden Bühneninszenierungen, grotesken Texten und Kostümen und sehr einfallsreichen Videos. Die Bühnenshow von Deichkind ist legendär. Wer dabei still sitzen bleibt, um den Flow der Reime zu analysieren, hat den Schuss nicht gehört.

 Der Song „Bück dich hoch“, der bei den Auftritten mit einem Bürostuhlballet inszeniert wird, karikiert den Zwang zur Selbstaufgabe in der Arbeitswelt. Der Song stammt aus dem Jahre 2012 und als ich damals den Song rauf und runter gehört habe, fand ich in den Textzeilen viele Analogien zu meinem Job. Bei einigen Führungskräfte galt damals die Selbstaufgabe für das Unternehmen als unbedingte Notwendigkeit. Familie, Freunde, Hobby alles nur Ablenkung, die einem vom Pfad des Erfolges abbringen.

„Du brauchst Konkurrenz, keine Friends. Do your fucking Job till the end.“

Gerade diese Textzeile entsprach der damaligen Haltung in meiner Branche. Wir hatten gerade Finanzkrise und Eurokrise hinter uns und glaubten immer noch, ein Herzinfarkt ist eine Trophäe und der Burn-Out ein Zeichen von Schwäche. Ich kannte Führungskräfte, die Untergebenen den Abbau von Überstunden untersagten, weil sie ja nur siebzig Überstunden hatten. Nur die Harten kommen in den Garten. Überstunden kannst du abfeiern, wenn du auf dem Friedhof liegst.

 Als die Bürostuhlarmada ihre Pirouetten auf der Bühne drehten musste ich kurz innehalten. Ein paar Tage vorher hatte ich ein dienstliches Seminar besucht. Der Zeitgeist der Totalaufgabe für die Arbeit ist mittlerweile einem angeblichen positiven Mindset von der Work-Life-Balance gewichen und mein Arbeitgeber versucht alles, um die traurige Vergangenheit der fehlgeleiteten Leistungsanreize vergessen zu machen und doch scheint diese Vergangenheit immer noch präsent zu sein.

 Ein großes Thema, wie wahrscheinlich in fast allen Unternehmen, ist der Fachkräftemangel und die Diskussion wie wir junge Menschen für unseren Beruf begeistern können. Und dann kam der Satz, über den ich mich noch an dem Samstag während des DK-Konzertes aufregen konnte:

„Die jungen Leute wollen ja nicht mehr arbeiten. Die wollen nur noch die vier-Tage-Woche und ansonsten ihrem Vergnügen nachgehen.“

Ich bin immer überrascht, dass Mensch schnell das Lebensgefühl ihrer Jugend vergessen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als ich mit neunzehn Jahren meine Ausbildung begonnen habe. Jeden Tag auf die Arbeit zu rennen und das die nächsten fünfundvierzig Jahre machte mir eine Heidenangst. Am Beginn meiner Ausbildung habe ich in den ersten Wochen abends zu Hause gesessen und mir gedacht, dass ich am nächsten Tag nicht mehr hingehe. Nicht, weil mir die Arbeit nicht gefallen hätte, sondern weil die Arbeit mich einfach überfordert hatte. Ich musste mir ein anderes Auftreten, ein anderes Verhalten anerziehen, viele neue Regeln lernen, immer freundlich und nett bleiben und musste mich an das starre Korsett der betrieblichen Abläufe gewöhnen. Als junger Mensch will man nicht ins Hamsterrad. Man macht es, weil es die Eltern wollen, weil man Geld verdienen will, weil man sich etwas im Leben aufbauen und erreichen will. Irgendwann gewöhnt man sich dran und man bekommt Routine, schläft sich aus, schüttelt sich und macht weiter. Ich war ein guter Azubi, meine Kollegen mochten mich und ich kam besser mit den Kunden klar, als manch altgedienter Kollege.

 Während dem Seminar habe zu dieser Diskussion nichts beitragen wollen. Ich wollte die unsägliche Meinungsäußerung einiger Kollegen nicht mit Gegenargumenten unnötig in die Länge ziehen. Aber es half nichts. Zwei oder drei Kollegen haben sich gegenseitig aufgeschaukelt.

 Immer wieder: die jungen Leute wollen keine Leistung bringen, die wollen nur Vorteile genießen usw.

 Ich träumte ich in eine andere Gegenwart, in der ich mich feierlich erheben wollte, um eine pathetische Ansprache zu halten:

„Sind wir denn unseren Kindern gute Vorbilder gewesen? Wir waren Sklaven des Leistungswillens. Der Erfolg oder das was wir dafür gehalten haben, hat uns krank gemacht. Worauf beruhen den unser Wohlstand und unsere Freiheit? Auf unserem eigenen Unglück und dem Unglück anderer Menschen! Wir haben uns selbst das Glück versagt, um jedes Jahr dreimal in den Urlaub fliegen zu können, alle zwei Jahre ein größeres Auto fahren zu können und dem Nachbarn nicht einmal das Schwarze unter den Fingernägeln zu gönnen. Was hinterlassen wir unseren Kindern? Eine kaputte Infrastruktur, eine kaputte Welt, eine kaputte Demokratie und kaputte Menschen. Wir sind die Monster, nicht unsere Kinder!“

 Ich hatte in der anderen Welt schon eine Arschbacke in der Luft und einen Zeigefinger gen Himmel gereckt, um auf mich aufmerksam zu machen und dann hat mich der Anblick der verhärmten und mitleidlosen Mienen meiner Kollegen wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt.

 Während Deichkind auf der Bühne tobte und ich mich verschwitzt und melancholisch an dem Moment in dem Seminar erinnerte, warf ich einen Blick auf meine beiden Kinder, die beiden staunend dem Spektakel in der Festhalle beiwohnten und war mir sicher, dass sie auf meine Kollegen nicht hören und einen anderen Weg beschreiten werden.

Sandro Zanetti – Literarisches Schreiben

Auf der letzten Buchmesse habe ich Sandro Zanettis kleines Meisterwerk „Literarisches Schreiben“ am Stand des Reclam Verlages gekauft. Mit dem aufschlussreichen Buch nähert er sich der Arbeit eines Autors auf mehreren Ebenen. Tiefgründig und spannend zugleich seziert er den Schreibvorgang als solches. Auf dem theoretischen Fundament der Literaturwissenschaft erfolgt die feinsinnige Auseinandersetzung mit dem Schreiben von Literatur. Ich will nicht alle von ihm beschriebenen Aspekte des Schreibens nachvollziehen, sondern eher auf die Bereiche eingehen, die ich aus eigener Erfahrung bewerten kann.

 Von Anfang an zerstört er die Idee des Schreibens als lineare Tätigkeit. Er nennt es Schreibprozess und wer sich in der Fachsprache der Betriebswirtschaft verheddert hat, kennt den Prozess als festgelegte Struktur, die den Ablauf einer Tätigkeit bis ins kleinste Detail vorgibt. Eine Abweichung vom Prozess ist in der Betriebswirtschaft nicht gerne gesehen. Der Schreibprozess ist genau das Gegenteil. Man mag als Autor ein Ziel formulieren und Ideen produzieren. Der Weg zum Ziel ist aber keineswegs gradlinig, wird oft unterbrochen, verzweigt sich auf andere Wege und unter Umständen erreicht man nie sein Ziel. Während des Schreibprozesses plagt den Autor immer wieder die Differenz zwischen Idee und Ausführung. Mit Zanettis Vorstellung vom Schreibprozess kann ich mich sehr gut identifizieren. Gerade Autoren, die ihre ersten längeren Texte schreiben und vorher „durchdacht“ haben, werden überrascht sein, wie sehr ihre Ergebnisse von den ursprünglichen Ideen abweichen. Am Anfang leidet man unter dem Anblick eines weißen Blattes Papier, das gefüllt werden will. Ist es einmal beschrieben, stellt man fest, dass viele Sätze nichts mit der ersten glorreichen Idee gemein haben. Die Kunst beim Schreiben besteht darin, vieles zuzulassen, von dem der erfolgsorientierte Mitteleuropäer gerne die Finger lassen möchte. Zanetti zählt das Nichtschreiben explizit zum Schreibprozess. Also das Abstandnehmen, das Beobachten der Welt außerhalb des Textes, das weitschweifende Sinnieren, das Experimentieren usw.

 Am meisten hat mich seine Rubrik „Möglichkeiten: Schreibprojekte von Achleitner bis Zola“ überrascht. Zanetti stellt experimentelle Texte vor, die sich dem Geschichtenerzählen zur Belustigung eines großen Publikums verweigern. Damit öffnet er für mich ganz neue Horizonte. In meiner momentanen Situation, in der ich nicht mehr glaube, als Autor einen nennenswerte Relevanz zu erreichen, ist es äußerst hilfreich zu wissen, das Literatur mehr ist, als nur das Erstellen dicker Bücher, die auf Bestsellerlisten landen müssen. Autoren, die literarische Texte schreiben, werden nicht durch die Zuneigung eines hypothetisch vorhandenen Publikums angetrieben. Es ist ihnen eigentlich scheißegal, ob sie gelesen werden. Der Schreibprozess bleibt selbstreferentiell. Die Veröffentlichung ist vom Schreibprozess vollkommen losgelöst.

 Ich selbst habe meine Romane an ein Publikum ausgerichtet und bin völlig gescheitert. Für meinen zweiten Roman habe ich Testleser gesucht und gefunden und musste schmerzhaft erkennen: niemand will meine Texte lesen. Vor ein paar Wochen gab es ein oder zwei verzweifelte Tage, an denen ich ernsthaft überlegt habe, das Schreiben zu lassen.

 Meine Frau hat es wieder mal auf den Punkt gebracht. Wenn du wirklich schreiben willst, ist es egal, ob du gelesen wirst. Wenn das Schreiben an sich dich selig macht, dann zählt das alleine und nicht, ob du Leser findest. Vielleicht ist es nur ein Hobby, aber wie jedes Hobby kann es erfüllend sein. Zanetti bezieht sich auf Barthes, der vom Schreiben wollen sprach. Ein unbedingtes Begehren, reicht dem Autor voll und ganz und wenn dieses Wollen und Begehren vorhanden ist, darf sich gerne als Autor betrachten.

Hierzu ein im Buch zitierter Brief von R.M. Rilke an den Dichter Franz Xaver Kappus:

„Sie fragen, ob Ihre Verse gut sind. Sie fragen mich. Sie haben vorher andere gefragt. Sie senden sie an Zeitschriften. Sie vergleichen sie mit anderen Gedichten, und Sie beunruhigen sich, wenn gewisse Redaktionen Ihre Versuche ablehnen. Nun (da Sie mir gestattet haben, Ihnen zu raten) bitte ich Sie, das alles aufzugeben. Sie sehen nach außen, und das vor allem dürften Sie jetzt nicht tun. Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben.
Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen ich muß dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie Ihr Leben nach dieser Notwendigkeit; Ihr Leben bis hinein in seine gleichgültigste und geringste Stunde muß ein Zeichen und Zeugnis werden diesem Drange. Dann nähern Sie sich der Natur. Dann versuchen Sie, wie ein erster Mensch, zu sagen, was Sie sehen und erleben und lieben und verlieren.“

Ich werde weiter schreiben. Mir bleibt gar nichts anderes übrig: Warum soll ich sein lassen, wenn es mir ein großes Vergnügen bereitet.

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Der Staat gegen Fritz Bauer Schauspiel nach dem Film von Lars Kraume

Der Staat gegen Fritz Bauer ist unser letztes Stück in dieser Spielzeit. Damit endet dieses Jahr unser Abonnement. Wir haben den Film gesehen. Endlich mal keine schwere Kost. Denn wir kennen die Handlung und es wird keine Überraschung geben. Am heutigen Abend wird es keine komplizierten Verse, verschachtelte Handlungen oder emotionales Geplärre geben. Ideal für einen Freitagabend. Die Woche war wieder anstrengend, viele Termine, viel Arbeit, wenig Pause, die Geschehnisse der Woche haben sich zwar aufgedrängt, aber es war noch keine Zeit, sie zu reflektieren. Wir sind ausnahmsweise früh dran, reservieren uns ein Tisch und zwei Gläser Wein für die Pause. Ich lese meiner Frau einen Tweet von Micky Beisenherz vor. Es geht um die Sprache der Bild. Nur nicht nachlassen Bild, schreibt Beisenherz und meint es natürlich ironisch. Nach Heiz-Polizei und Energie-Stasi drängen sich noch weitere Wortschöpfungen mit den die Bild die Empörung über die Grünen und Robert Habeck anheizen könne. Beisenherz schlägt Worte vor wie: Fernwärme-Faschisten, Thermo-Taliban und Gebäude-Energie-Gestapo. Besonders gut hat mir das Wortkompott Jute-Junta gefallen. Wir verschlucken unser Lachen. Und dann noch die Sache mit den Klima-Klebern, da wir schon bei den Wortschöpfungen der Bild sind, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind. Zwei Tage zuvor gab es in Bayern und Berlin Razzien gegen Mitglieder der letzten Generation. Teile des politischen Establishments möchten gerne die jungen Aktivisten, die einfach nur wollen, dass der Staat und die Gesellschaft endlich handeln, als Kriminelle brandmarken. Angeblich haben die Politiker eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich, die die Aktionen der letzten Generation nicht gutheißen, obwohl die letzte Generation weder Verfassung- noch demokratiefeindliche Ziele verfolgt, sie transparent und offen kommunizieren und sich dem gewaltlosen Widerstand verschrieben haben.

 Wir diskutieren und stellen fest, dass uns die Situation sehr stark an einige Ereignisse in der bundesrepublikanische Vergangenheit erinnert: Angefangen bei der Spiegel-Affäre, den Studentenprotesten Ende der Sechziger Jahre, bis hin zu der Kriminalisierung von RAF-Sympathisanten in Siebziger Jahren und weiter gedacht, bis zur NSU und zum Aufstieg der Rechten in den letzten zehn Jahren. Immer geht es darum, dass Politiker meinen sich durch Härte profilieren zu müssen und sich als Opfer junge Aktivisten aus dem linken Politikspektrum aussuchen, während man rechte Spießgesellen schützt, deren Taten verharmlost oder sogar nachäfft.

 Und schon sind wir bei Fritz Bauer: der mutige Generalstaatsanwalt jüdischer Herkunft, Atheist, Sozialist, wahrscheinlich homosexuell, in der Nazizeit verfolgt, war in den fünfziger und sechziger Jahre scheinbar einer der wenigen, die das Verharren ehemalige Nationalsozialisten in Schlüsselpositionen nicht ertragen konnten und Verbrecher wie Eichmann und Konsorten gedeckt haben.

 Eine der zentralen Themen in dem Stück ist die Frage, ob Fritz Bauer sich des Landesverrates schuldig macht, wenn er dem Mossad Informationen über den Aufenthaltsort von Eichmann gibt. Fritz Bauer lebt in der ständigen Angst, kriminalisiert zu werden, entweder als Landesverräter oder Homosexueller. Er trotz standhaft allen Kollegen und Politikern, die die Vergangenheit auf sich ruhen lassen wollen. Wir wissen wie die Geschichte ausgeht. Eichmann wird in Argentinien vom Mossad einkassiert und in Israel zum Tode verurteilt und hingerichtet. Damals hat der deutsche Staat keinen Auslieferungsantrag gestellt, angeblich um die beginnende Aussöhnung mit Israel nicht zu gefährden. Eine Chance, die deutsche Vergangenheit aufzuarbeiten war damit vertan. Erst ein paar Jahre später konnte mit den von Bauer initiierten Auschwitzprozessen die Lawine losgetreten werden, die der jungen Generation zum ersten Mal vor Augen führte, in welche Verbrechen ihre Eltern direkt oder indirekt verstrickt waren. Junge Menschen begannen unbequeme Fragen zu stellen und ein paar Jahre später führte es zu den Studentenprotesten und auch hier wissen wir, wie die Geschichte ausging.

 Die Aktivisten der letzten Generation mit Fritz Bauer auf eine Stufe stellen, kann nicht mein Ansinnen sein. Die Herausforderungen sind andere und auch die Vorgeschichte ist eine andere. Aber damals wie heute geht es darum, dass Politiker aus Gründen des Machterhalts oder weil sie hoffen, mit Empörung Wähler aus sich zu ziehen, keine Veränderungen zulassen und diejenigen, die nötige Veränderung anstoßen mit ungerechtfertigten Mitteln aus dem Spiel kicken wollen und dafür bereit sind, den Rechtsstaat zu missbrauchen. Hier der Landesverrat, da die kriminelle Vereinigung, schwerwiegende Straftatbestände, die für Spione und die Mafia gedacht sind und nicht für ehrenwerte Staatsanwälte und politische Aktivisten.

 Ein wichtiger Satz von Fritz Bauer, der mehrmals in dem Stück fällt, lautet: Beuge dich niemals der Tyrannei.

 Eine Überschrift wie in Stein gemeißelt. Standhaft zu bleiben kostet Lebenskraft und Zuversicht, im schlimmsten Fall das Leben. Es ist so schwer zu glauben, dass wir in einem demokratischen Land wie Deutschland, das dem Einzelnen die Einhaltung hoher rechtsstaatlicher Standards verspricht, auf der Hut sein müssen, damit die Tyrannei nicht wieder Teil des Tagesgeschäftes wird.

 Die Inszenierung und Schauspieler waren übrigens hervorragend und es war keine leichte Kost. Im Gegenteil, ein beeindruckender und bedrückender Abend, der mich zum Nachdenken angeregt hat. So soll Theater sein, aber das habe ich an dieser Stelle schon öfter geschrieben….

Stillleben Deutschland II: Der Immobilienaushang

Wir brauchen alle ein Zuhause, einen Ort an dem wir jederzeit zurückkehren können, der uns Schutz und Geborgenheit bietet. Ein Großteil der Menschen verspürt in sich die Sehnsucht nach einem von der Natur abgeschirmten Raum. Wir sind Teil der Natur und doch möchten wir nicht in ihr leben. Es muss immer eine Grenze zwischen uns und der Wildnis geben, die so unkontrollierbar und furchterregend ist, weil sie unserer Vernunft und unserem Verständnis von der Welt nicht folgen will. Und wenn wir die Natur an uns heranlassen, bauen wir einen Zaun um sie herum, zähmen sie und nennen sie Garten.

 Wir Menschen haben aus Steinen, Beton und Asphalt eine Welt in der Welt erschaffen. Wir leben in Dörfern und Städten, verwaltete und geordnete Strukturen und besitzen Immobilien, unbewegliche Güter, bestehend aus Gebäuden, Gärten, Freisitzen, Garagen, Außensaunen, Swimming-Pools, Mahnmale einer verkrusteten Zivilisation, die wenig Spielraum für etwas Neues zulässt.  

 Diese Strukturen sind nur scheinbar unveränderlich. Sind sie doch immer gefährdet. Die vereiterten Wunden der Vergangenheit schmerzen unaufhörlich und prägen unser verkrampftes Verhältnis zum Besitz. Wir krallen uns gerne an Dingen fest, horten und hamstern, teilen nicht gerne und leben in ständiger Angst, Hab und Gut von einem auf den anderen Tag zu verlieren.

Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt, verbraten mehr natürliche Ressourcen als ganze Kontinente. Eine bedeutende Anzahl an Menschen erlebt einen Wohlstand, den man kaum ermessen kann. Gerade, weil sie so viel besitzen, schwelt in ihnen die Angst, dass das alles morgen verloren sein kann und man wieder nackt und schutzlos der Wildnis ausgeliefert ist.

 Der Immobilienaushang mag so harmlos wirken, hängt doch in jeder Stadt im Schaufenster eines ebenerdigen Büros, die Angebote eines Maklers, der Häuser verkaufen will. Aber er ist Ausdruck unserer Verlorenheit, die uns alle in Angst und Schrecken versetzt, wenn jemand wieder einmal eine Krise nahen sieht. Immobilienaushang und Krise sind im Gespinst kollektiver Ängste fest miteinander verwoben.

Und wie sehr das Betrachten eines Immobilienaushangs mit verworrenen und tiefen Emotionen verbunden sein kann, zeigt die Reaktion auf ein Interview mit Anton Hofreiter von den Grünen im Jahr 2021. Er sprach nur darüber, dass Einfamilienhäuser viel Fläche, viele Baustoffe und viel Energie benötigen und zur Zersiedelung beitragen. Er sprach die Wahrheit aus und kassierte einen höllischen Shitstorm, der nur dazu diente die Grünen wieder einmal als Verbotspartei darzustellen. Aber wer wird sich über einen vermeintlichen Angriff eines Grünen-Politikers auf das Herz des deutschen Selbstverständnisses, den Ausdruck seiner Bodenständigkeit so echauffieren? Wahrscheinlich nicht die junge Familie, die jeden Cent zusammenkratzen muss, um über die Runden zu kommen, obwohl beide ganztags arbeiten gehen und den Traum von der eigenen Immobilien schon lange aufgegeben haben, weil sie weder Eigenkapital zusammensparen können, noch bei einer Bank einen Kredit für solch ein schönes Einfamilienhaus im Neubaugebiet erhalten werden. Auch nicht die alleinerziehende Mutter, die mit ihrem Bürgergeld noch nicht einmal sicher ist, ob sie die Nebenkosten für ihre Mietwohnung bezahlen kann. Und auch nicht der Rentner, der Angst haben muss seine günstige Mietwohnung zu verlieren, weil irgendein Investor das Haus von seinem Vermieter gekauft hat.

Er hat die Menschen mit seiner Aussage getroffen, die mit ihren Nasen am Immobilienaushang kleben und sich überlegen, ob es nicht Sinn macht, sich noch eine zweite- oder dritte Immobilie zu kaufen, um mit einer Immobilie das ganze Vermögen zu sichern, dass man über Jahrzehnte gehamstert und angehäuft hat. Ein Dach über dem Kopf reicht vielen nicht mehr aus. Sie brauchen die Mehrzahl und egal unter wieviel Dächern sie ihre Angst verbergen, es wird niemals ausreichen, so tief sind ihre Wunden. Es sind die Menschen, die einsam zu Hause in ihrem schuldenfreien Eigenheim im Warmen sitzen und sich Abends am Fernseher die schreckliche Welt ins Wohnzimmer holen und beim Betrachten der Krisen dieser Welt schon lange verlernt haben, Mitleid zu zeigen, sondern sich immer die Frage stellen, welche Auswirkungen die Krisen auf sie und ihr Eigentum hat. Der Immobilienaushang ist ihr kleines Trostpflaster. So lange sie sich noch dort tummeln können, ist ihre sichere Welt der Immobilien noch vorhanden und nicht sie, sondern die anderen verlieren ihr Eigentum, ihre Heimat und ihr Leben.

Reihe 3, Platz 9 + 10 Der Totentanz von August Strindberg

Der Höhepunkt unseres Theaterjahrs: der Besuch einer Aufführung am Berliner Ensemble. In den letzten Jahren standen unsere Kinder an erster Stelle und der Besuch von kulturellen Veranstaltungen war immer an die Frage geknüpft, ob wir eine Betreuungsmöglichkeit finden. Wenn wir auf Städtetour gingen, gab es keine Betreuungsmöglichkeiten. Endlich sind unsere Kinder alt genug und sie konnten mal eine Stunde alleine im Hotel verbringen. Also haben wir für unseren diesjährigen Kurztrip nach Berlin den Besuch einer Theatervorstellung ohne Kinder eingeplant.

 Natürlich wollte ich mir als alter Brechtfan unbedingt eine Theatervorstellung im BE anschauen. Das alte Theater am Schiffbauerdamm ist seit 1954 Spielstätte des Berliner Ensembles, das 1949 von Bert Brecht und Helene Weigel gegründet wurde. Der Bau, am Ende des 19. Jahrhunderts errichtet, nimmt im Innenraum viele Stilelemente des Barock auf und wirkt  mit dem Stuckornamenten und den vielen Gipsputten leicht überladen. An den Seiten kleben zahlreiche Logen wie Schwalbennester. Der Zuschauerraum scheint keine große Bedeutung zu haben, denn er liegt eng zwischen den Logenwänden. Man kann sich kaum vorstellen, dass Brecht dieses altmodisch vorbürgerliche Interieur mit seiner spartanischen Theaterkunst in Verbindung bringen konnte, die sich dazu doch oft um sozial benachteilige Menschen drehte.

 Mir war egal, welches Stück an dem Abend geboten wurde. Mir war wichtig, einmal im Leben in diesen heiligen Hallen zu sitzen und ein wenig von der legendären und mittlerweile etwas abgegriffenen Brechtaura abzubekommen.

 Man konnte erst vier Wochen vor Beginn der Vorstellung Karten online kaufen. Also habe ich am Beginn des Vorverkaufs vor dem Computer gesessen und  peinlich darauf geachtet wie in unserem Wohnzimmertheater in Gießen in Reihe 3 in der Mitte Plätze zu bekommen. Der Bourgeois ist ein Gewohnheitstier und deswegen immer vom Aussterben bedroht.

 Es stand der Totentanz von August Strindberg auf dem Spielplan. Ich hatte mich nicht vorbereitet und wollte unbelastet den Theaterabend genießen. Eine viertel Stunde vor Beginn der Vorstellung saßen wir auf unseren Plätzen und meine Frau löcherte mich mit Fragen zum Stück und der Inszenierung. Ich verdrehte die Augen und begann wild auf meinem Handy herum zu tippen.

 Der Totentanz ist ein typischer Strindberg. Das Ehepaar Edgar und Alice leben seit einer gefühlten Ewigkeit auf einer Quarantäneinsel alleine in einem Festungsturm und gehen sich gegenseitig auf die Nerven. Dargestellt werden Edgar und Alice von einem echten Ehepaar, Marc Oliver Schulze und Claude de Demo. Wir machen Witze über Herrn Schulze, der schon in Alarm für Cobra 11 mitgespielt hat. Na das kann ja was werden, Alarm für Cobra 11 im Berliner Ensemble. Und der Regisseur hat sich mit dem Bühnenbild an der Serie Lost orientiert. Haben wir nicht geschaut, das hat ja jeder geschaut. Der Bourgeois wird an seiner eigenen Arroganz ersticken.

 Kurz nach 18 Uhr ging das Licht aus und der Vorhang hob sich. Die Anfangsszene zeigte Alice, die mit dem Rücken zu Publikum gewandt, auf einem Friseurstuhl schlief und in ihrer Hand ein Rasiermesser hielt. Sie kam langsam zu sich und begann genüsslich mit hörbaren Kratzgeräuschen ihr in die Luft gestreckten Beinen mit dem Rasiermesser zu traktieren. Edgar ein schlaksiger und ungepflegter Bursche mit grauen, schütterem Haar und missgünstiger Miene betrat die Szene durch eine Schleuse, wie man sie aus Weltraumfilmen kennt. Der erste Dialog bestand aus den üblichen Floskeln alter Ehepaare und ging nahtlos in den ersten Streit über. Es ging um Enttäuschung, Einsamkeit, gegenseitigem Misstrauen und der Erkenntnis, dass man sich jeden Tag die gleichen Vorwürfe macht. Kurt, ein alter Freund des Paares, der auf der Insel vor kurzem angekommen war, um dort ein Amt zu übernehmen betrat das Bühnenbild durch die Schleuse und wurde sofort in das übertriebene Spiel der Eheleute miteinbezogen. Kurt, aufgeräumt und stabil im Auftreten, gab dem Zuschauer die Hoffnung, dass er den beiden Einhalt bot und sie vielleicht von ihrem Unglück befreien könnte. Aber auch Kurt ist eine gebrochene Figur und hat etwas zu verbergen. Spät stellte sich heraus, dass er Alice verfallen ist und sich für alte Wunden, die ihm Kurt vor langer Zeit zugefügt hatte, rächen will. Irgendwann rannten drei Karikaturen ihrer selbst auf der Bühne herum und wussten nicht mehr, was tiefer Ernst war oder aus reiner Gemeinheit und Missgunst dem Anderen an Kopf geworfen wurde. Am Schluss haben Edgar und Alice Kurt um die Ecke gebracht und für einen Moment schienen sie gemeinsam glücklich zu sein. Erschöpft und seltsam glücklich warteten sie auf ihr nächstes Opfer.

 Man kann die Inszenierung als bitterböse Klamotte lesen. Kay Voges, der Regisseur, fand in Strindberg eine Verwandtschaft zu Becketts Endspiel und Sartres geschlossene Gesellschaft. Manchmal entdeckte man als Zuschauer an sich die gleiche Verwirrung, die einem beim Betrachten eines Beckett-Stückes überfällt. Alles ist todernst, aber doch irgendwie gar nicht so gemeint. Das widersprüchliche des Absurden gilt es auszuhalten. Zudem glitzerte hinter dem bösartigen Spiel das „die Hölle sind die anderen“ durch. Man hat sich eingeschlossen und will den Turm ja gar nicht verlassen.

 Nach anderthalb Stunden kurzweiligem Vergnügen verließen der Bourgeois und seine Ehefrau die heiligen Hallen. Anschließend stand er neben der Statue des sitzenden Bertholt Brecht auf dem Bertholt-Brecht-Platz und macht einen Selfie. Er spürte kurz ein Ziehen in seinem Nacken. Es ist die Erkenntnis, dass auch er zuweilen das Lamentieren und Proklamieren seines Ärgers nutzt, um sich seine Zeit zu vertreiben, der Bourgeois, der widerliche!

Der erste und der letzte Mensch

Mein Roman drei trägt den Titel „der letzte Mensch“. Eine Reminiszenz an Albert Camus und seinem letzten Roman „der erste Mensch“. Camus kam vor der Fertigstellung des Buches 1960 bei einem Autounfall ums Leben kam und das ca. 160 Seiten lange Fragment wurde erst 1995 veröffentlicht.

 Ich bin seit meiner Jugend ein Camus-Fan. „Der Mythos von Sisyphos“ und auch „Mensch in der Revolte“ haben mein Art zu Denken maßgeblich geprägt. Ich habe die meisten seiner literarischen Werke wie „Der Fremde“, „die Pest“ usw. schon als junger Erwachsener gelesen. Der „erste Mensch“ war erschienen als meine Camus-Phase schon hinter mir lag. Bei der Konzeption von Roman drei, der die Geschichte einer sozialen Aufsteigerin, die sich bei ihrem Aufstieg korrumpiert, nachzeichnet, kam mir Camus wieder in den Sinn. Der Titel „der letzte Mensch“ ist einer der ersten Entscheidungen, die ich getroffen und auch nie wieder in Frage gestellt habe. Ich habe meinem Roman den Titel gegeben, ohne „der erste Mensch“ gelesen zu haben. Er im letzten Winter habe ich die Lektüre nachgeholt.  

 Camus schreibt über seine eigene Herkunft, seine Jugend in Algier und den Beginn seines Aufstieges, der in der Verleihung des Nobelpreises 1957 gipfelte. Camus kam aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater war früh verstorben. Seine Mutter beschreibt er wenig liebevoll als einfältige, intellektuell sehr eingeschränkte Person, die kein Interesse an Dingen außerhalb ihres Blickfeldes hatte. Den Titel „der erste Mensch“ bezieht sich auf Camus Werdegang, weil er der erste Mensch in seiner Familie sein konnte, also der erste der sich ohne soziale Einschränkungen frei entfalten konnte.

 Warum also mein Titel „der letzte Mensch“? Meine Geschichte ist die Geschichte einer Regression. Johanna Sommer kommt aus einer Familie, die zerfällt, weil sie sich schnell aufgibt. Alle Menschen in ihrem Umfeld sind emotionsarm und phlegmatisch. Es wird sich nichts ändern und wenn dann zum Schlechten. Johanna versucht aus diesem Kreislauf auszubrechen, indem sie Bildung als Wettbewerb begreift und als sie endlich für ihre Anstrengungen belohnt werden soll, verändert sich die ganze Welt um sie herum. Von einem Tag auf den anderen etabliert sich eine starre Klassengesellschaft. Anstatt Widerstand zu leisten, passt sich Johanna an. Mit der Anpassung kommt der soziale Aufstieg in einer autoritären Hierarchie. Durch ihre Kindheit und Jugend geschädigt erkennt sie erst spät, dass sie mit ihrem Aufstieg sich und anderen Schaden zufügt und sie am Ende tief fallen wird. Sie kann sich nur retten, indem sie sich opfert. Am Ende, einsam und verloren in einer Eiswüste, nimmt sie ihr Schicksal an und erklärt sich zum letzten Menschen.

 Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der mich bei der Lektüre des Romans „der erste Mensch“ fasziniert hat. Das fragmentarische und unfertige des Textes gibt dem Leser ein die Möglichkeit den Schriftsteller bei der Arbeit zuzuschauen. In der mir vorliegenden Ausgabe von 1996 hat man Ungenauigkeiten belassen. Der Text wurde nicht korrigiert oder gerade gebogen. Man hat ihn sogar um die Notizen des Autors ergänzt. Als Camus starb, hatte er  anscheinend erst die Hälfte seines Textes geschrieben. In seinen Notizen, in der er die gesamte Handlung skizziert hatte, erkennt man noch die Lücken. Dem Leser fallen sofort Fehler im Plot auf. Er schreibt am Anfang von einem Geschwisterkind und zwei Sätze weiter beschreibt er ein Einzelkind usw. Während des Schreibprozesses scheint der Unterschied zwischen großen Autoren und Amateuren doch gering zu sein. Schlagen sich doch alle mit den gleichen Problemen herum….

Der Marktschreier

Vor Ostern gelang es mir, das Exposee für Roman Zwo fertig zu stellen. Ich habe sechs Wochen lang an einem Klappentext und ein inhaltliche Zusammenfassung meines des Textes gearbeitet. Diese Art der „Bewerbung“  führt bei mir zur reichlichen Absonderung von Angstschweiß. Es gibt nur wenige Tätigkeiten, die ich noch mehr hasse (z.B. das Ausdrücken von Mitessern an Nasenflügeln).

  Um mich inspirieren zu lassen, habe ich  in den alten Dateien nachgeforscht und festgestellt, dass ich schon einmal vor fast zehn Jahren für den Ursprungstext ein Exposee verfasst und an Literaturagenten verschickt hatte. Ohne Erfolg! Ich las das alte Exposee. Damals benötigte ich Massen an Wörtern, um nichts auszudrücken. Ich schrieb ausschweifende Schachtelsätze, die den Leser überforderten und nicht den Kern der Geschichte sichtbar werden ließen. Ich dachte weder an das Fachpublikum, das meinen Roman beurteilen, noch an die Leser, der unbedingt das Ende der Geschichte erfahren sollte.

 Die Erkenntnis mehr als zehn Jahre mit diesem Projekt verbracht zu haben, hat mich auf den Boden der Realität geprügelt.  Wenn man blutend auf der Straße liegt, jeden einzelnen Knochen im Körper spürt und der Kopf dröhnt, sollte man lieber aufstehen. Ansonsten bleibt man für immer liegen.

 Ich traf die richtige Entscheidung, als ich mir die Mühe machte, den Roman zu überarbeiten, das ganze überschüssige Material zu entfernen und mich auf einen Spannungsbogen zu konzentrieren. Die hohe Kunst der Literatur besteht nicht darin, seine Leser zu langweilen. Autoren können nicht in ihren Turmzimmern sitzen und warten, bis sie jemand dort oben herausholt. Es ist immer die Mühe wert, weiter zu machen, wenn es schwierig wird und an seinen Fähigkeiten zu arbeiten. In dieser Situation lohnt es sich nicht, die Schuld den anderen zu geben. Der Autor ist alleine verantwortlich für die Qualität seines Textes.

 Wenn der Roman doch gut ist, sollte es einem Autor nicht schwer fallen, ein gutes Exposee zu schreiben, oder? Nicht jeder Autor beherrscht die Kunst des Marketings in eigener Sache. Ich habe genau deswegen lange mit dem Exposee gehadert. Ich traue mir nicht zu, Menschen für meine Literatur zu begeistern. Ich bin viel zu selbstkritisch und empfinde es als peinlich, mit meinen Fähigkeiten hausieren zu gehen. Ich hasse es, wie ein Marktschreier meine Ware anzupreisen. Anscheinend gehört es zur Tätigkeit des Autors dazu, eine Rampensau zu sein. Und Plumps bin ich doch wieder der grantige Schreiberling im Turmzimmer, der ich nicht sein will.

….ach, ich drehe mich im Kreis! Das passt ja wie die Faust aufs Auge zum Titel meines Romans:  „der ewige Kreislauf“.  Egal, mein Exposee ist fertig und ich habe es hinaus in die Welt gesendet.

 Anbei stelle ich den Klappentext zur allgemeinen Beurteilung zur Verfügung und wer will, kann auch gerne das Exposee zum Lesen bekommen und meine Damen und Herren und nun kommt noch die Sensation des Tages hinzu, sie bekommen von mir nicht nur einen Klappentext und ein Exposee, jetzt hören Sie genau hin, so eine Angebot bekommen sie nicht alle Tage, stellen sie die Lauscher auf: ICH SUCHE AUCH NOCH TESTLESER! Wer will kann kostenfrei den ganzen Roman lesen und sich dazu auslassen. Na meine Damen und Herren, das ist doch ein Angebot, das kann man sich nicht entgehen lassen….nun der Klappentext zu „der ewige Kreislauf“ als kleine Kostprobe:

Ole und Simon, zwei Freunde, ein Geheimnis. Simon will das Geheimnis hinter sich lassen, Ole will es bewahren.  Der Konflikt zwischen den beiden Endzwanzigern eskaliert als Simon sich auf die Suche nach seinem Vater begibt. Simons narzisstischer Vater, der sich für den Gestalter einer neuen Welt hält, hat überall auf der Welt seine Spuren hinterlassen. Ole und Simon begegnen kaputten Typen, den Simons Vater übel mitgespielt hat. Auf ihrer Reise über mehrere Kontinente finden sie Simons Vater und geben ihr Geheimnis preis. Für sie gibt es aber keine Erlösung, denn sie müssen erkennen, dass sie dem ewigen Kreislauf aus Lügen, Geheimnissen und Verbrechen nicht mehr entkommen können….