Da reitet er wieder…..

Seit fast einem Jahr habe ich auf meinem Blog nicht mehr über meine literarischen Bemühungen geschrieben. Wahrscheinlich haben sich schon einige Leser gefreut. Gottseidank, er hat es eingesehen und aufgegeben. Aus jeder seiner Zeilen konnte man die schiere Verzweiflung über das eigene Unvermögen herauslesen.

 Ich muss Euch alle enttäuschen. Natürlich feile ich noch oder wieder an dem nächsten großen literarischen Wurf.

 Nach der letzten Blamage habe ich voller Euphorie die Arbeiten zu einem neuen Roman angefangen. Meine Zuversicht kannte kein Halten mehr und als sie es sich gewagt hat mit einem Stück Torte mit fetter Sahne und einer Tasse heißen Kakao sich für die ersten dreißig gelungenen Seiten zu belohnen, wurde sie von meiner wütenden Ernüchterung von hinten angegriffen. Ihr Gesicht landete in dem Stück Torte und meine Ernüchterung hielt ihren Nacken solange im Würgegriff bis sie an der Sahne zu ersticken drohte.

Wie lautete meine geniale Idee für meinen genialen Roman: ich wollte einen Roman über eine Tiefkühltruhe schreiben. Für mich gehört die Tiefkühltruhe zu meiner eigenen Geschichte und steht für mich stellvertretend für die Zeit meiner Kindheit. Die Tiefkühltruhe ist für mich ein Symbol für wahnhaften Konsum, Verschwendung und (da kommt keiner drauf) Kälte!!! Dieses große brummende Ding stand früher bei vielen Familien im Keller, fraß Strom wie ein Nimmersatt und wurde mit Eis und Tiefkühlwaren vollgestopft. Einmal im Jahr musste man die Wanne enteisen und schmiss dabei die Dinge weg, die man vor Jahren mal eingelagert hatte. Dann war die Wanne wieder leer und kurz darauf stand der Eismann oder der Kerl von Bofrost vor der Tür. Sie witterten große Geschäfte, denn die Truhe musste wieder vollgepackt werden.

Die Geschichte einer Kühltruhe ist schnell auserzählt und wird höchstens für eine Kurzgeschichte reichen. Es braucht schon Menschen, die in irgendeiner Beziehung zur Kühltruhe stehen. Und da fangen meine Probleme wieder an. Habe ich mir doch wieder eine dysfunktionale Familie ausgesucht: Gefühlskalte Eltern und einen Sohn, der von seinen Eltern abgelehnt wird. Dieses Setting steht bei mir immer am Anfang und es ist wahrscheinlich meiner eigenen Familiengeschichte geschuldet, dass ich es immer wieder als Ausgangsmaterial nutze. Darin liegt schon einmal der erste große Fehler. Gefühlskalte Menschen, die einer Kühltruhe entsteigen, sind nicht wirklich spannend. Sie sind langweilig, haben nichts zu bieten, außer stumpfsinnige Ahnungslosigkeit.

 Ohne mir weitere Gedanken zu machen, habe ich erst einmal vierzig Seiten geschrieben. Der Sohn ist natürlich selbst Vater und heillos verstrickt in seiner eigenen Herkunftsgeschichte. Daher kann er kein guter Vater und Ehemann sein. Er versucht es und steht immer am eigenen Abgrund. Das gibt einem Autor natürlich gutes Futter: ein Drama jagt das nächste. Es folgt ein wilder Ritt durch das Leben des Protagonisten, jedes Drama erzeugt ein neues Drama, atemlos, schnelle Schnitte, ein unentwirrbarer Knäuel an Konflikten. Allen wird es schwindlig und jeder will wissen, wie die Geschichte weiter geht.

 Wenn ich ein guter Schriftsteller wäre, könnte ich mich für diese wahnsinnig gute Idee bei mir selbst bedanken. Ausgehend von einer Kühltruhe drehen wir einen rasanten Actionfilm. Aber ich bin kein guter Schriftsteller und mit schnellen, rasanten und chaotischen Geschichten heillos überfordert. Nicht mein Protagonist hechelt atemlos durch die Ereignisse und sondern sein Schöpfer. Nun habe ich nach einem dreiviertel Jahr Arbeit an dem Text erkannt, dass ich wieder mal einen Schritt zurückgehen muss. Die rasanten Geschichten sind lahm und inhaltsleer. Der nachvollziehbare Rahmen fehlt (wie immer). Also schreibe ich wieder einmal die Geschichte über die Geschichte, um mir klar zu werden, was ich eigentlich erzählen will und warum dieser Typ so heillos durch sein Leben irrt und diesmal haben die Eltern nicht die schuld…

Am Ende meiner Überlegungen steht die Idee kleine Kurzgeschichten, kurze Szenen, Beschreibungen und Betrachtungen zu verfassen und diese hier zu veröffentlichen. Ihr, meine Blogleser, könnt an der Entwicklung des Romans teilhaben. Dafür hatte ich den Blog irgendwann begonnen. Ich wollte die Arbeit eines Autors (auch wenn er ein Dilettant ist) sichtbar machen und in Austausch mit potentiellen Lesern treten. Daher wird es Zeit, diese Grundidee wieder mit Inhalt zu füllen. Ich freue mich riesig darauf.

Bundesstraße

Letzten Samstagnachmittag fuhr ich auf der vierspurigen schnurgeraden Autostrada zwischen Wetzlar und Gießen. Beim Fahren kann man den Blick über die idyllische Lahnebene schweifen lassen. Der Fluss schlängelt sich hier durch ein Naherholungs- und Naturschutzgebiet. Man kann sich Zeit nehmen. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit liegt bei 100 KM/H. Ich habe wenig Interesse an der Idylle neben der Straße. Ich bin diese Strecke schon tausendmal gefahren. Die Straße führt nicht nur durch das Lahntal, sondern auch durch mein Leben. Auf der linken Fahrspur lasse ich die anderen Fahrzeuge hinter mir.

 Hinter mir rauscht ein schwarzes Geschoß heran. Fast instinktiv spüre ich seine Anwesenheit noch bevor es sich mit Lichthupe ankündigt. Gefühlt einen halben Kilometer entfernt von mir entdecke ich das nervig Lichtsignale emittierende Objekt im Rückspiegel. Warum soll ich die Fahrspur wechseln? Ca. 100 Meter vor mir fährt ein Fahrzeug auf der rechten Spur und ich möchte es gerne überholen. Innerhalb ein paar Sekunden erreicht mich die Bedrohung auf der linken Spur und mir wird ganz anders. Noch bevor es meine Stoßstange berühren kann, wechselt es auf die rechte Spur. Meine Furcht vor dem Auftreffen des unbekannten Objektes gleitet nahtlos über in Wut und störrischem Beharren auf mein Recht.  

 In einer miesen Kurzschlussreaktion gebe ich Gas, um zu dem Fahrzeug auf der rechten Spur aufzuschließen. So macht man die Räume dicht und riskiert einen verheerenden Unfall. Das ist mir völlig egal, denn meine Testikel sind innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde auf die doppelte Größe herangewachsen. Mein ganzes maskulines Bewusstsein verharrt auf dem Gaspedal.

 Ich beschleunige mein kleines Elektroauto, neben mir das rasende Objekt, das ich mittlerweile als schwarzen Golf identifizieren konnte. Nur kurz habe ich die Macht über die Situation, denn der Golf ist schneller und sein Fahrer absolut furchtlos. Kurz bevor wir das Fahrzeug auf der linken Spur erreichen, setzt sich der schwarze Golf vor mich. Der Fahrer scheint keinerlei Nerven zu besitzen. Als ich das erste Mal die Silhouette des Fahrers erahnen kann, legt er eine Vollbremsung hin. Der Bruchteil der Sekunde in der ich der Vollbremsung gewahr werde, entscheidet über Leben und Tod. Ich weiß gar nicht, wie ich schaffe, das Bremspedal bis unten durchzutreten, gleichzeitig zu hupen und zu brüllen:

„Nötigung, du Schwachkopf.“

 Die Angst vor dem Tod muss irgendwie artikuliert werden.

Dem Fahrer des schwarzen Golfes bin ich vollkommen gleichgültig. Er hat mich niedergerungen und kann nun bequem meine wütenden Handbewegungen und Beschimpfungen ignorieren. Ich fahre ihm hinterher, fühle mich gedemütigt und suche einen Weg, mich wieder aufzurichten. Ich notiere mir sein Kennzeichen, überlege ihn anzuzeigen und bedränge ihn durch dichtes Auffahren. Bis zur nächsten Ausfahrt stecken wir in einer Kolonne fest. Auf beiden Spuren fahren die Autos wie auf Schienen. Als ich an der nächsten Ausfahrt abbiege und er auf der B49 bleibt, versuche ich den Fahrer noch einmal in Augenschein zu nehmen. Er bleibt gesichtslos, ein Schatten am Lenkrad. Sein Golf weist eine großflächige Blechwunde auf, die die gesamte Beifahrerseite überzieht. Entweder kann er keine Risiken abschätzen oder seine Wut ist immer größer als seine Angst vor dem Crash.

Leider habe ich mitgespielt. Es ist so einfach geworden, sich im Recht zu fühlen und sich zum Rächer der eigenen Bedeutungslosigkeit zu erheben. Ob im Internet, im Straßenverkehr, in den Städten, bei Veranstaltungen, der Sog des konturenlosen Schattens, der sich immer beklagt und beschwert, der andere beschimpft und diffamiert, Gewalt androht und ausübt, das Recht auf seiner Seite sieht, wenn er Regeln bricht, ist stärker geworden. Befindet man sich einmal  im Strudel der Unmenschlichkeit und betrachtet den anderen nur als Störfaktor, der aus dem Weg geräumt werden muss, kann man sich ihm nur schwer entziehen.

 Gestern habe ich einen kurzen Videoclip auf Spiegel-Online gesehen. Es zeigt einen großen schwarz gekleideten Kerl, der ein Wahlplakat von einem Mast herunterreißt. Er war nicht alleine. Zwei weitere Personen, auch in schwarz gekleidet, haben arglose Menschen angegriffen, bedroht, beschimpft, Angst und Schrecken verbreitet. Die drei Angreifer fühlten sich im Recht, fanden es unbegreiflich, dass Menschen eine andere Meinung plakatierten und wollten ihr Revier verteidigen. Beim Betrachten des Videos habe ich mich an meine Gefahrensituation auf der Straße erinnert. Wenn Menschen im öffentlichen Raum attackiert werden, weil sie sich politisch engagieren, ist es weitaus dramatischer und in seiner Wirkung folgenreicher als ein Gerangel auf der Bundesstraße. Allerdings geht es um das gleiche Prinzip des Regelbruches und ist verbunden mit einem ähnlichen Empfinden. Die gesellschaftliche Übereinkunft, die Regeln des Straßenverkehrs, die Regeln der politischen Teilhabe, Geschwindigkeitsbegrenzungen, das Recht sich politisch zu engagieren, seine Meinung zu äußern, sich zur Wahl zu stellen, werden durch den Angriff außer Kraft gesetzt, insbesondere wenn der Provokateur ungestraft enteilen kann. Früher waren es nur die Vollidioten, die mit ihren PS unter dem Hintern, die Regeln des Straßenverkehrs ausgehebelt haben. In den letzten Jahren sind viele neue Regelbrüche hinzugekommen und so wie ich mich habe hineinziehen lassen, sind viele Menschen bereit, sich in den Strudel der Unmenschlichkeit zu begeben, ohne zu erahnen, worauf sie sich einlassen.

 Irgendwann haben Brandstifter das Feuer gelegt und anstatt das wir das Feuer gelöscht haben, haben wir es unbeabsichtigt angefacht. So wie ich die Contenance im Straßenverkehr verloren habe, haben weite Teile der Gesellschaft ihre Contenance verloren. In einer kopflosen Gesellschaft werde die Brandstifter ihre Ziele zu erreichen. Sie zündeln an den Grundfesten der Gesellschaft, um Konfusion zu verursachen. Sie wollen die Unsicherheit und Unordnung während des Feuers ausnutzen, um Macht zu erlangen. Der Golffahrer und die Angreifer sind für die Brandstifter das Mittel zum Zweck, sie sind Brandverstärker, die für Konfusion und Unsicherheit sorgen. Wir fühlen uns nicht mehr sicher und reagieren nur noch. Man hat uns in einen Hinterhalt gelockt und wir stehen nun mit dem Rücken zur Wand, verzweifelt, wütend und unfähig, den Ausweg zu erkennen.

 Wir brauchen ein Gegenmittel. Wir müssen uns dem Feuer entziehen und endlich mit den Löscharbeiten beginnen. Kehren wir zurück zur Vernunft, machen wir uns wieder klar, dass eine Gesellschaft nur funktionieren kann, wenn jeder die Regeln einhält und der der sie nicht einhalten will, sanktioniert wird. Dazu braucht es Gelassenheit und den ruhigen Blick. Fahren wir auf die andere Spur, lassen wir die Vollidioten uns ruhig überholen. Irgendwann werden sie in die Leitplanken rasen und sich selbst ad absurdum führen.

Reihe 3, Platz 58 + 59, Neometropolis von Pat To Yan

Nach drei Monaten Theaterpause sind wir wieder auf unsere Plätze in Reihe Drei zurückgekehrt. Unruhig rutsche auf meinem schmalen Sitz hin und her. Das geschäftige Treiben der anderen Theaterbesucher*Innen macht mich nervös. Wir haben eine harte Woche hinter uns, viel Arbeit, wenig Freizeit und heute Nachmittag als Krönung noch der Kindergeburtstag meines neunjährigen Sohnes. Wir sind durch! Zur Ablenkung beuge ich mich über das Programmheft und versuche folgenden Text zu erfassen:

„Thomas Krupas Inszenierung führt mit sensibler Präzision differente Erzählweisen und semiotische Reservoirs zu einer offenen, aber konsistenten Form zusammen – und konterkariert damit, im Geiste von Pat To Yans lyrisch-märchenhaftem Drama, die Suche nach einer klaren Antwort auf die letzte Frage.“ 

Erinnern sie sich noch an die Peanuts? Witziger Comic aus den Siebziger, in dem die Welt aus der Sicht von altklugen Kindern gezeigt wird. Als ich die Rezension der deutschen Bühne im Programmheft las, fühlte ich mich wie Charlie Brown, der der blechernen und verfremdeten Stimme eines Erwachsenen zuhört und nur ahnen kann, was der Erwachsene von ihm will.

Der elfjährige Junge Earnest ist so etwas wie ein Charlie Brown der Gegenwart. Er lebt mit seinem Vater, einer Katze und einer Zimmerpflanze in einem Hochhaus in der Megacity Neometropolis. Er glaubt, das Wetter kontrollieren zu können, während sein Vater als Chefingenieur eines Techkonzerns die Bürger der Stadt kontrolliert. Und genauso wie Charlie Brown versteht er die Welt der Erwachsenen nicht, weiß aber, dass irgendetwas mit Ihnen nicht stimmt. Die Stadt ist von einem riesigen Wald umgeben, von dem man sich schützen muss. Angeblich stammt aus dem Wald eine todbringende Seuche die viele Stadtbewohner hingerafft hat. Earnest Mutter, eine Botanikerin, holte sich im Wald die Seuche und Earnest weiß nicht wirklich, was mit ihr geschehen ist. Als die Katze von Earnest verschwindet, gelangt er auf der Suche nach dem Tier in den Wald.

Ein zeitgenössisches Stück aus dem Baukasten für Theaterautoren. Überall lauern die Referenzen an die Gegenwart: Pandemien, Naturzerstörung, Übermacht von Techkonzernen, die Degradierung des Menschen zum Konsumenten, die Entfremdung von der Realität, autoritäre Regime, die keine Widerspruch zulassen. Der Autor beschwört eine Dialektik zweier Systeme, die auf einer Symbiose zwischen den einzelnen Bestandteilen beruhen, die aber im absoluten Widerspruch zueinander stehen. Auf der einen Seite die Stadt, in der alle Menschen mit einem Gehirninterface ausgestattet sind, miteinander vernetzt werden und nun ihr Heil in der Körperlosigkeit finden, weil ein Gedanke ausreicht, um das Licht und die Kaffeemaschine anzuschalten. Dagegen steht der Wald, der als einzigartiger Organismus existiert, ein pantheistisches Konstrukt, es strotzt vor Kraft und Geheimnissen, eine metaphysisches Paradies für jeden, der sich dem Organismus hingibt und Wurzeln schlägt.

In Gießen versucht man der Geschichte mit unzähligen Sinnesreizen beizukommen. Der Zuschauer wird  überflutet mit Bildern und Klängen. Die Musikerin Lyhre aus Berlin, die im Bühnenhintergrund aus einem großen Moog-Synthesizer bedrohliche Krachlaute herausschraubt, am Klavier die immer gleiche Akkordfolge variiert und mit ihrem verletzlichen hallumhüllten Nymphensopran schmerzvolle Lieder aus sich herauspresst, ist die eigentliche Hauptdarstellerin des Stückes. Die Musik wird illustriert mit überwältigende Fotos aus der Natur und Schauspielern, die sich in eine feststehende Schuhkonstruktion hineinzwängen und sich wiegen und strecken wie Pflanzen in Zeitraffer. Die Schauspielszenen und die Geschichte bilden nur die Übergänge zwischen den Klang- und Bildinstallationen.

Die Dialektik zwischen Natur und Mensch soll aufgehoben werden. Darauf hat der Autor keine Antwort (auch wenn die Rezension der deutschen Bühne etwas anderes vermuten lässt) und er macht es sich einfach: er lässt alles offen. Der elfjährige hat am Schluss im Wald den Geist seiner Mutter gefunden und ist ihrem Schöpfer begegnet, der alle ausgestorbenen Arten wieder erwecken kann, sein Vater ist ihm in den Wald gefolgt, gibt sich schnell als geläuterter Homo Faber, der nur Gutes wollte und dann stehen sie alle gemeinsam auf der Bühne und der elfjährige spricht den letzten altklugen Satz, der auch von Charlie Brown stammen könnte:
„Dann müssen wir alles noch einmal neu denken.“

Ist ja nett gemeint, aber Freitagabends um 22 Uhr konnten wir die Welt nicht neu denken. Eigentlich konnten wir gar keinen Gedanken mehr fassen. Wir sind noch zur Videokonferenz mit dem Autor gegangen, der sich auf einer großen Leinwand zeigte und zusammen mit dem Regisseur und Ensemblemitgliedern, sich den Fragen des Publikums stellte und auch das war so surreal und anstrengend wie der ganze Abend. Aber vielleicht lag es auch nur an unserer Erschöpfung und dem Wein, den wir getrunken hatten.

Ich will am Schluss gar nicht meckern. Die kreative Inszenierung mit hervorragenden Einfällen, passender musikalischer Untermalung und einer soliden Ensembleleistung war besser als meine Stimmung an diesem Abend. Und doch haben sie mich diesmal nicht abgeholt.

Eintreten/ Austreten

Am Freitag bekam ich Post von Ver.di . Ich bin jetzt Gewerkschaftsmitglied. Unboxing Ver.di: in einem silbernen Umschlag, aufwändig gestylt, so wie es heute üblich ist. Auch Gewerkschaften haben heutzutage anscheinend Marketingabteilungen:

Die katholische Kirche hat sich auch bei mir gemeldet. Ein Kaplan der Domgemeinde in Wetzlar hat mich nett angeschrieben und meinen Austritt bedauert. Er wünscht sich ein Gespräch mit mir, um meine Beweggründe zu erfahren. Der Brief liegt sein drei Monaten auf meinem Schreibtisch und ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Einerseits finde ich es gut, wenn eine Person sich die Zeit nimmt und einen Brief losschickt (den er wahrscheinlich als Formbrief bei jedem Austritt benutzt), andererseits fühle ich eine noch größere Entfremdung, wenn ich diesen Brief lese, weil mir diese Gemeinde nichts bedeutet und ich vor meinem Austritt auch dieser Gemeinde nichts bedeutet habe. Ein großes Missverständnis, die katholische Kirche und ich!

Nie wieder ist jetzt

Seit ich mich mit Politik beschäftige, als seit fast vierzig Jahren, wird dieses Land regelmäßig von rechtsextremen und völkischen Populisten und Antidemokraten in die Zange genommen.

 Die rechtsextremen Hetzer und Demagogen führten ohne Unterlass ihr schäbiges Drama aus Empörung und ätzendem Hass auf. Zu schrill, zu offensiv und mit offensichtlichen Reminiszenzen an den Faschismus des dritten Reiches erreichten sie in der Vergangenheit nur die Altgestrigen und ein paar Protestwähler. Nach ein paar Erfolgen bei Kommunal- oder Landtagswahlen verschwanden sie bald wieder in der Versenkung,

 Seit dem letzten Aufflammen rechter Umtriebe in den Neunzigern schien rechtsextremes Gedankengut nur noch für durchgeknallte Springerstiefel- und Glatzenträger attraktiv zu sein. Auch wenn drei NSU-Terroristen fast zwanzig Jahre unbehelligt mordend durch die Lande ziehen konnten, gab es den einen breiten Konsens darüber, dass völkisches Gedankengut weder gesellschafts- noch mehrheitsfähig war.

 Allerdings gor im Gedärm der Republik die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, in der das Patriachat noch die Oberhand hatte und mit einer gottgegebenen Arroganz den Rest der Menschheit mies behandeln durfte. Nach einem langen Zersetzungsprozess im Dünndarm konnte der Schließmuskel unserer Nation den gewaltigen Dünnpfiff nicht mehr halten. Und so ergoss sich die braune Soße über das Land und nannte sich die Alternative für Deutschland.

 Und nach zehn Jahren, in denen diese Partei keine Gelegenheit ausgelassen hat, um den öffentlichen Diskurs an sich zu reißen und mit ihrem einen Thema zu bestimmen, schienen sie fast am Ziel angelangt zu sein.

  Wie alle Populisten haben die seriös auftretenden Funktionäre  ängstliche und überforderte Menschen angesprochen und hinter sich versammelt. Man hat sie plappern, keifen, schimpfen und diffamieren lassen und nicht nur ihre Fans, sondern auch ihre Gegner haben sich von Ihnen beeindrucken lassen. Dabei hat man einfach vergessen, dass die Angelegenheiten der Menschen schon immer komplex und widersprüchlich und einem stetigen Wandel unterworfen waren. Weil sich die Welt tagtäglich weiterdreht, müssen alte Vereinbarungen wieder neu verhandelt werden. Kriege, Pandemien, Inflation, Transformationsprozesse und Rezessionen hat es schon immer gegeben.  Ein bestimmter Anteil der Menschen reagiert mit Angst und Schrecken auf historische Brüche. Verunsicherte Menschen stellen die perfekten Opfer für Populisten dar. Um ihren persönlichen Schmerz zu lindern, sind sie bereit, irrational zu handeln. Für das Gefühl der Sicherheit lassen sie sich gerne belügen und betrügen. Sie wollen einfach glauben, dass es jemand gibt, der die Welt wieder heile machen kann.

 Auffällig ist für mich, dass die Erzählungen der Populisten bei vielen Menschen verfangen, die sich vorher nie mit Politik auseinander gesetzt haben. Viele Bürger haben eine verzerrte Vorstellung von der Leistungsfähigkeit staatlicher Institutionen. Mir sind viele Menschen begegnet, die sich niemals eingebracht haben, die nie die Tagesschau geschaut haben, niemals eine Tageszeitung gelesen haben, die nie wählen gegangen sind, mir aber genau erklären können, was in diesem Land falsch läuft. Beim Zuhören spürt man schnell, dass es nur um sie und ihre eigenen Ansprüche geht. Viele Menschen denken nicht an das Gemeinwohl und was der kleinste gemeinsame Nenner für alle sein sollte. Errungenschaften der Sozialpolitik wie Mindestlohn und Bürgergeld schrecken Sie ab. Solche Wohltaten der Gesellschaft sind nur ihrer Ansicht da, um missbraucht zu werden. Sie selbst sehen sich als Opfer staatlicher Willkür, weil der Staat ihnen etwas wegnimmt und es anderen gibt. Es ist die gleichen Sorte Mensch, die keine Steuern zahlen will, aber über die Schlaglöcher motzt. Gingen frühere Gesellschaftstheorien nicht davon aus, dass der Bürger seinem Willen den Allgemeinwillen unterordnet, um von der Allgemeinheit Schutz zu bekommen und in Freiheit leben zu können? Man könnte fast annehmen, dass für viele Menschen der Gesellschaftsvertrag nie existiert hat.

 Wenn alte Gewohnheiten und Besitzstände in Frage gestellt werden, sei es die Macht, die Bequemlichkeit, den qualmenden Verbrenner oder das Schnitzel, werfen die Populisten ihre Netze aus. Die beharrliche Leugnung der Wirklichkeit, die vom einer Umwelt- und Klimakatastrophe, ungerecht verteiltem Wohlstand und daraus resultierenden Fluchtbewegungen dominiert wird, kann man nur mit einem gemeinsamen Feindbild aufrechterhalten. Viele Menschen, die sich selbst höchstens als konservativ aber nicht als rechts- rechtsextrem bezeichnen, teilen mit der AFD und dem rechten Milieu die Feindbilder: selbstbewusste Frauen, queere Menschen, Migranten, junge Menschen, die sich für den Schutz der Umwelt einsetzen usw. Ob sie jetzt oder später die AFD wählen ist egal, aber sie stellen Wählerpotential für Populisten dar. Solange die Diskurse am Brodeln sind, trifft man alle in den sozialen Medien an und lässt sie munter zu einer einzigen Bubble verschmelzen. Schon kann eine Partei alle, die ihre Überzeugungen teilen, in dem Glauben bestärken, entweder in der Mehrheit zu sein oder Opfer der gegenwärtigen Mehrheitsgesellschaft zu sein, die von den Mächtigen gegen sie aufgehetzt wird. Man kann sich gegenseitig in diesem Status bestätigen und sich bestärken. Plötzlich ist man ein Held, ein Märtyrer, der nichts anderes macht, als von der heimischen Couch aus als Soldat im Meinungskrieg für die gerechte Sache zu kämpfen.

 Die blaue Pest hat mittlerweile eine Relevanz erreicht, die viele Bürger hat glauben lassen, dass sie uns spätestens nach den Landtagswahlen im Sommer hinraffen wird.

 Die wirkliche Mehrheitsgesellschaft ist endlich aufgewacht. Vielleicht zu spät! Das konspirative Treffen einiger Rechtsideologen, die sich in gediegener Kulisse über die Ausweisung deutscher Staatsbürger unterhalten hat, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Anders kann ich es mir nicht vorstellen, denn wir haben in den letzten Jahren so viele Angriffe auf unsere Demokratie erlebt und nicht sonderlich gezuckt. Aber jetzt sind wir endlich wieder alle Antifaschisten und vereinen uns hinter dem Artikel eins des Grundgesetzes.

 Meine Familie und ich haben in den letzten zwei Wochen an zwei Demonstrationen gegen die AFD teilgenommen. Wir sind nicht zum ersten Mal auf Demonstrationen gegen rechte Umtriebe gewesen und im Privatleben sind wir es gewohnt, Stellung gegen rechtes Gedankengut zu beziehen. Leider mussten wir in den letzten Jahren immer wieder feststellen, dass die AFD-Thesen auch bei manchen Menschen in unserem weiteren Umfeld salonfähig geworden sind. Ich habe diese Leute immer reden lassen, sie höchstens gemieden oder ignoriert.

 Und ich gebe zu, hinter jungen Menschen herzulaufen, die eine Fahne schwenken und Alerta, Alerta, Antifaschista rufen, gibt mir ein gutes Gefühl. Ich wähne mich auf der richtigen Seite. Es ist ein trügerisches Gefühl. Vor drei Wochen haben sich in Gießen 13000 Menschen versammelt und letzte Woche in Wetzlar 5500 Menschen. Die sehr emotionalen Redebeiträge in Wetzlar auf der Bühne haben viele Demonstranten nachdenklich gestimmt. Aber solche Demonstrationen können die Situation nicht retten. Sie dienen höchstens der Selbstbeschwichtigung. Man vergewissert sich gegenseitig, dass eine große Mehrheit der Menschen nicht in einer antidemokratischen Gesellschaft leben möchte, die nur auf Angst und Ausgrenzung beruht. Und trotzdem müssen wir uns fragen, wie wir die Demokratie wieder für Menschen attraktiv machen können, die schon fast verloren sind, weil sie zwar im gleichen Land aber in einer ganz anderen Welt leben. Die oben beschriebenen Typen oder Gruppen werden sich nicht von Demonstrationen beeindrucken lassen. Im schlimmsten Fall sehen sich bestätigt und bestärkt und drehen erst recht auf. Der positive Effekt, die die Demonstrationen zweifellos hatten, wird schnell verpuffen, wenn nicht alle gesellschaftlichen Kräfte, sich hinter dem Grundgesetz, den Menschenrechten und der Demokratie versammeln und endlich ein positives Gegenbild zu der schlechtlaunigen und bräsigen völkischen Ideologie zeichnen. Wenn wir das nicht schaffen, wird bald nie wieder jetzt sein. 

Stillleben Deutschland III: Der Weihnachtsbaum

Weg ist er, der Weihnachtsbaum! Am 6. Januar wurde das profane Nadelgewächs seines Amtes als Weihnachtssymbol enthoben. Von seinem Schmuck befreit hat man ihn aus dem Fenster geworfen. Der 6. Januar als Ende des Weihnachtsfestes mag etwas mit Tradierung zu tun haben, aber leider verliert nicht nur der Baum aufgrund der trockenen Raumluft viele Nadeln, sondern wir verlieren langsam die Lust an allem, was man mit Weihnachten verbindet.

Den letzten Glühwein hat man getrunken, die letzte Kopfschmerztablette ist gelutscht, die mit Geschenkpapier vollgefüllte blaue Tonne wurde abgeholt, das letzte Stück Braten vom Heiligabend hat man gerade in die schwarze Tonne geworfen, es lag schwer im Kühlschrank und hätte noch schwerer in irgendeinem Magen gelegen und die alkoholgeschwängerten Nächte, in denen man sich mit seiner Verwandtschaft, die man nur einmal Jahr sieht, in den Armen gelegen hat, sind schon wieder vergessen. Man rennt wieder los, geht in Geschäfte, macht Geschäfte, hasst den Mitmenschen, ist frustriert, weil alles so ist, wie es ist und leidet an seiner Unfähigkeit, dem Leben etwas positives abzugewinnen.

Seien wir ehrlich zu uns selbst: Weihnachten ist der in jeder dunklen Jahreszeit wiedergeborene fromme Wunsch, dem Alltag zu entfliehen. Plötzlich ist der anhaltende Überfluss an Dingen und Emotionen für etwas anderes gut, als damit Profit zu erwirtschaften. Wir beschenken uns gegenseitig, essen und trinken gemeinsam, lachen und singen und sind für drei Tage frohlockende Engel der Gemütlichkeit, die ab und zu mal besoffen über einen Haufen Geschenkpapier stolpern oder rülpsend und furzend auf der Couch einschlafen.

Ein schönes Leben für drei Tage und dann geht der Stress wieder von vorne los. Weihnachten ist wie der Sommerurlaub eine systemimmanente Fluchtmöglichkeit, die uns die Gesellschaft als Ventil gelassen hat, um unsere Funktionsfähigkeit als Glied in der Kette des monströsen und kräftezehrenden Wirtschaftsbetriebes zu erhalten.

Der Pessimismus hat kurz Pause und danach kehrt er schnell wieder zurück. Vor der Krise ist nach der Krise und eigentlich ist immer Krise.

Am 6. Januar reibt man sich die Augen und merkt, alles ist so wie immer. Der arme Baum muss die Konsequenzen tragen und wird entsorgt. Und nächstes Jahr muss wieder ein anderer Baum als Weihnachtssymbol herhalten und so geht das immer weiter…..

Austreten – Eintreten / Teil drei

 Nachdem ich bei der Musterung als wehrtauglich eingestuft wurde, hätte ich nach der Ausbildung meinen Wehrdienst antreten müssen. Schon vor der Ausbildung hatte ich den Entschluss gefasst, zu verweigern. Anfang der Neunziger Jahre hat man schon mit wenig Aufwand den Kriegsdienst verweigern können. Man musste einen Aufsatz einreichen, in welchem man seine Gründe für die Verweigerung darlegte. Es gab ausreichend Vorlagen, die die geforderten Formulierungen enthielten und die in der Szene der angehenden Kriegsdienstverweigerer zirkulierten.  Man berief sich auf sein Gewissen, das einem untersagte, eine Waffe gegen andere Menschen zu richten. In diesem Falle war das Gewissen eine eigene Persönlichkeit, die den jungen potentiellen Rekruten quasi paralysierte, wenn er mit einer Waffe auf einen anderen Soldaten zielen wollte. Eine Verweigerung aus anderen Gründen war möglich, aber nicht gewünscht. In der stockkonservativen Welt der atomaren Abschreckung kam es nicht gut, wenn man aus weltanschaulichen Gründen verweigerte. Das war den Gremien zu kompliziert. Einmal im Leben hatte man die Chance in einem nonkonformistischen Akt der Gesellschaft den Stinkefinger zu zeigen und dann musste man doch wieder opportun sein und schön brav den Anforderungen der Gesellschaft gerecht werden.

 Anstatt meinem Gewissen etwas abzuverlangen, was es gar nicht leisten konnte, hätte ich mich viel lieber offiziell dem Soldatentum verweigert. Ich wollte keine Uniform überstreifen, irgendwelche stumpfen Befehle ausführen und den letzten Rest meines menschlichen Verstandes bei jeder Gelegenheit in billigen Flaschenbier ertränken. Das war nicht meine Welt: Kameradschaft, Herumbrüllen, Korpsgeist, im Schlamm kriechen. Ich war ja eher ein Feingeist, sensibel und schüchtern.

 Ich wollte der Bundeswehr mich nicht zumuten. Da gab es genug Altersgenossen, die viel besser dort aufgehoben waren, weil sie sich mit nackten Oberkörper grunzend im Schlamm und Testosteron wälzen und dabei den Helden spielen wollten.

 Aber ich schrieb brav den Aufsatz und schickte ihn weg.

 Meine Anerkennung kam und bald darauf der „Einberufungsbefehl“ zum Zivildienst und ich musste mir eine Stelle suchen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Plätze für Zivildienstleistende rar. Da mein Bruder zwei Jahre vorher schon eine Stelle als Gemeindezivi in der katholischen Kirche ergattert hatte, habe ich mich beim Bistum Limburg beworben. Man hat mir die Stelle gegeben und im Sommer 1993 konnte ich in der katholischen Gemeinde St. Walburgis in Niedergirmes meinen Zivildienst antreten.

 Niedergirmes hat sich in den letzten hundertfünfzig Jahren vom kleinen Dorf in der Nähe von Wetzlar zum klassischen Arbeitervorort entwickelt. Viele Gastarbeiter hatten sich dort angesiedelt und sich neben der Ursprungsbevölkerung etabliert. Der Stadtteil hatte damals einen sehr schlechten Ruf, der z.T. auf  rassistischen Vorurteile gegenüber Gastarbeiter beruhte. Neben diesen zwei Bevölkerungsgruppen gab es noch eine starke Gruppe der Flüchtlinge, die nach dem zweiten Weltkrieg nach Wetzlar kamen, zumeist aus Schlesien, Spätaussiedler aus Polen inbegriffen. Dazu kamen in den Neunziger Jahren neue Flüchtlinge aus der Türkei, Jugoslawien, Afrika und Asien. Die Flüchtlinge lebten im wahrsten Sinne am Rande der Gesellschaft. Ihre Unterkünfte befanden sich zwischen verkehrsreichen Ausfallstraßen und dem Buderuswerken. Niemand nahm Notiz von den Flüchtlingen. Sie lebten in abbruchreifen Häusern, in denen ansonsten niemand mehr wohnen wollte.

 Meine Aufgaben als Gemeindezivi waren sehr vielfältig. Ich sollte mich um ältere Gemeindemitglieder kümmern, sie zu Hause besuchte, ihnen Gesellschaft leisten oder mit ihnen einkaufen gehen.

 Die Arbeit mit Flüchtlingen war relativ neu hinzugekommen und umfasste Besuche der Flüchtlingsunterkünfte, Unterstützung der Flüchtlinge im Alltag, bei Behördengängen und ähnlichem. Die Flüchtlingsarbeit war in der Gemeinde umstritten. Bischof Kamphaus, der mich ein paar Jahre zuvor gefirmt hatte, war mittlerweile zu einer der wenigen kritischen Stimmen innerhalb der katholischen Amtskirche herangewachsen. Zu diesem Zeitpunkt waren deutsche Bischöfe konservative Erfüllungsgehilfen des Stellvertreter Gottes auf Erden. Bischof Kampfhaus war eine Ausnahme. Kamphaus war z.B. der einzige Bischof in Deutschland, der die Beratung von abtreibungswilligen Schwangeren entgegen der Anweisung vom Papst weiter durchführen ließ.

 Zu dieser Zeit war die Stimmung gegenüber Flüchtlingen sehr aufgeheizt. Für viele Menschen und auch Politiker war Flüchtlinge keine Menschen die Schutz brauchten, sondern Asylanten, die in die Sozialsysteme einwanderten und ihren Status als Flüchtlinge missbrauchten, um die Deutschen und ihren tollen Sozialstaat auszunutzen. Damals brauchte es keine AFD, um die Stimmung anzuheizen. Rassismus war Staatsräson. In Hessen gab es CDU-Politiker wie Manfred Kanther (der zu der Zeit Bundesinnenminister war), die Positionen einnahmen, die heute von der AFD vertreten werden. Sogar die SPD hat sich damals nicht mit Ruhm bekleckert, denn als es darum ging, den Asylanten endlich in Schranken zu weisen, in denen man sie schlechter stellte als einen „deutschen“ Sozialhilfeempfänger, stimmte die SPD im Bundestag für das Asylbewerberleistungsgesetz.

 Diese Stimmung gegen Flüchtlinge beherrschte auch den Diskurs innerhalb der katholischen Gemeinde in Niedergirmes. Es gab viele Gemeindemitglieder, die diese Arbeit mit Nichtchristen als unnötig betrachteten und das obwohl viele dieser Menschen selbst die Ausgrenzung als Flüchtling eine Generation früher erlebt hatten. Von dieser Seite bekam ich immer wieder Druck. Dazu kam, dass mein Vorgesetzter, der Priester der Gemeinde, ein ehemaliger Militärpfarrer war.

 Das erste Gespräch mit ihm begann mit der Frage, ob ich wisse, dass er Militärpfarrer gewesen sei. Nach einer kurzen Pause fügte er noch hinzu, dass ich mir ja dann vorstellen könne, was er von mir und meiner Tätigkeit hielte.

 Also hatte ich den Bischof auf meiner Seite und seinen Angestellten und seine Gemeinde gegen mich. Ich war jung, naiv und nahm diese Ablehnung sehr persönlich. Später habe ich begriffen, dass Engagement heißt, im Sturm gegen den Wind anzurennen. Wenn man etwas bewegen will, muss man sich sein Freunde und Feinde erst einmal verdienen.

 Ich habe in der Gemeinde sehr liebe Menschen gefunden, die mich unterstützt haben und die dafür gesorgt haben, dass ich mich auch über weite Strecken sehr wohl fühlen durfte. Ich bin vielen interessanten Menschen begegnet. Ich habe durch diese Arbeit viel über mich und den Menschen an sich gelernt. Die Betreuung durch das Bistum Limburg war einmalig. Es gab jeden Monat ein Treffen der Gemeindezivis, wir hatten zwei wunderbare Seminarwochen und dort habe ich echte Freunde gefunden. Ein Freund aus dieser Zeit ist mir bis heute geblieben. Christian war damals Zivi in Dillenburg und hat nach dem Zivildienst Philosophie, Mathematik und ich glaube Theologie in Siegen studiert und in Philosophie promoviert. Wir sehen uns heute noch mindestens einmal im Jahr und wir haben neben der Philosophie die Leidenschaft für Literatur, das Rauchen von Pfeifen und Zigarren miteinander gepflegt und alleine schon wegen dieser Freundschaft möchte ich die Zeit als Zivildienstleistender nicht missen.

   Durch diese Erfahrung hat sich meine Haltung zur katholischen Kirche zum Positiven geändert. Auch wenn es viel Gegenwind gab, habe ich doch viele Menschen kennengelernt, die weniger die Kirche als Ort gesehen haben, an welchem sie ihren Glauben ausleben können, sondern als gesellschaftliche Institution, die Schwächeren, ungeachtet ihrer Herkunft und ihrer Religion, Unterstützung und Hilfe anbietet. Diese Menschen rückten für mich in den Vordergrund und ließen mich fast dreißig Jahre lang an einen gesellschaftlichen Nutzen der Kirche glauben.

 Die Zeit verging schnell. Ich heiratete eine Katholikin, bekam mit ihr zwei Kinder, die wir taufen ließen. Die Ehe scheiterte und es kam zur Scheidung. Dann lernte ich meine jetzige Frau kennen, die ungetauft ist und noch nie einer Kirche angehört hat. Ich selbst bezeichnete mich mittlerweile als Agnostiker, der die Existenz Gottes nicht als Maßstab für sittliches Handeln sieht, sondern versucht, ein richtiges Leben im falschen zu führen. Obwohl meine Frau und ich in solchen Dingen ähnlich ticken, gibt es zwischen uns beiden einen großen Unterschied. Ich bin nun einmal in der katholischen Kirche groß geworden und hänge mehr an ihren Ritualen, als ich mir eingestehen will. Eine gesetzliche Scheidung hat in der Kirche keine Wirkung und sie straft mich mit Ausschluss von den Sakramenten. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diesen armseligen und lächerlichen Anachronismus ernst nehme. Die Kirche schließt Menschen aus, die einen Spagat zwischen Religion und weltlichem Leben hinbekommen wollen. Ich habe mich dem widersetzt, indem ich trotzdem zur Kommunion gegangen bin. Seltsamerweise habe ich mich danach unendlich schlecht gefühlt. Ich habe dann darüber Witze gemacht. Wenn ich die Hostie in den Mund nähme, träfe mich vielleicht der Zorn Gottes in Form eines Blitzes, der mich dann niederstreckt. Die frühe Begegnung mit den Riten der Kirche hat mich mehr beeinflusst als mir lieb war. Dieses miese Gefühl habe ich viele Jahre mit mir herumgeschleppt und jeder, der mich gefragt hat, warum gerade ich noch in der katholischen Kirche bin, bekam zur Antwort, dass ich nun einmal katholisch erzogen sei und ich im Zivildienst eine lebensnahe Kirche erlebt habe. Ich habe auch immer von Bischof Kamphaus und seinem Engagement geschwärmt. Meine Hoffnung war, dass dieser Typus Mensch irgendwann in der katholische zu Macht gelangt, um sie zu reformieren.

 In den letzten Jahren ist viel passiert, aber die Katholische Kirche trotzt allen Reformen. Wir haben einen deutschen Papst bekommen, der noch konservativer war als sein konservativer Vorgänger. Bischof Kamphaus hat man durch einen geltungssüchtigen und scheinfrommen Bischof ersetzt, der viel Geld für Dienstwagen und eine Residenz ausgegeben hat und dann auch schnell wieder gehen musste. Der fürchterliche Missbrauch vieler Kinder und Jugendlichen durch Priester kam ans Tageslicht und damit die Erkenntnis, dass die katholische Kirche ein eigener Staat im Staat ist, der aber gerne die weltlichen Kirchensteuern und Subventionen vom säkularen Staat kassiert.

 Aber auch das habe ich jahrelang beobachtet und daraus keine Konsequenzen gezogen. Im Gegenteil: ich habe die Gemeinschaft der katholischen Christen noch verteidigt, weil ich mich an die Hoffnung auf Reformen klammerte. Als ich zum ersten Mal vom synodalen Weg gehört hatte und dem Ansinnen einiger deutscher Bischöfe bedeutsame Reformen in der Kirche anzustoßen, habe ich gedacht, dass jetzt eine Veränderung kommt, die mein Beharrlichkeit rechtfertigt. Man hat lange und viel miteinander diskutiert und in Rom hat man die Bemühungen einfach abgetan. Man will keine zweite evangelische Kirche sein. Die katholische Amtskirche möchte der exklusive Club alter Männer im Rock bleiben, die ihre unverständlichen Riten bis zum Ende aller Zeiten pflegen wollen, entgegen den Menschen und ihre Belange.

 Dann war ich dieses Jahr auf einer Gewerkschaftsveranstaltung zum 1. Mai und musste erleben, wie Rechte von AFD, NPD und Querdenkern die Redner niedergebrüllt haben. Man konnte sich nur schwer dem Hass und der Hetze entziehen. Wir haben uns machtlos gefühlt.

 Das hat in mir einen Denkprozess angestoßen. Warum unterstützte ich einen menschenverachtenden, undemokratischen Club wie die katholische Kirche, wenn auf der anderen Seite unsere Demokratie und ihre Vertreter von undemokratischen Schreihälsen in Frage gestellt werden. Dann stand der Entschluss fest: nach zweiundfünfzig Jahren verlasse ich die katholische Kirche und trete in die Verdi ein…wahrscheinlich viel zu spät…aber hoffentlich noch rechtzeitig.

Austreten – Eintreten / Teil zwei

Während der nächsten Jahre hielt ich mich von katholischen Messen fern und während der Pubertät weitete sich mein Horizont. Es gab bei uns im Ort eine große evangelische Gemeinde. Die evangelische Kirche vermittelte eine zeitgemäße und lockere Haltung zum christlichen Glauben. Es gab Pfarrer und Pfarrerinnen, die auch noch eine Familie hatten, coole Jugendbetreuter und Konfirmationsfreizeiten, die eher Klassenfahrten glichen. Viele meiner Altersgenossen hatten ein entspanntes Verhältnis zur Religion. Die Konfirmation war eher der Tag des ersten Vollsuffs als der Tag der religiösen Erweckung.

  Zwischen dem dreizehnten und siebzehnten Lebensjahr gab es für uns Jungs nur drei Themen: Fußball, Alkohol und Mädchen. Man traf sich mit Freunden auf den Spielplatz, um sich bei Flaschenbier gegenseitig die Säcke vollzumachen. Mitte der Achtziger schien auch das Leben der Erwachsenen nur aus Arbeit und Konsum zu bestehen. In dieser Welt war wenig Platz für die großen Fragen. Über Politik und Religion sprach man selten. Es waren wilde Zeiten: Aids, Tschernobyl, Startbahn West, Nato-Doppelbeschluss, Kalter Krieg, Hunger in Äthiopien. Alle das schien auf einem anderen Planeten stattzufinden. Falls unsere Eltern mit anderen Erwachsenen über das Weltgeschehen sprachen, dann in kleinen konspirativen von Zigarettenrauchnebel umwobenen Zirkeln, bei einem frisch gezapften Bier, beim Sport und in der Kneipe.

 Meine Eltern sind misstrauische und unsichere Persönlichkeiten, deren Gläser eher halb  leer als halb voll sind. Ihnen ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein zuzuschreiben, wäre zu weit gegriffen. Aber sie hatten eine konkrete Vorstellung vom mündigen Bürger, der sich gefälligst mit Politik auseinander zu setzen hatte. Aufgrund ihrer Bildungshistorie war es auch nicht zu erwarten, dass es Ihnen einfach fiel, sich komplexes Hintergrundwissen über das Weltgeschehen anzueignen. Mein Vater ging nach acht Jahren Volksschule in die Lehre und meine Mutter hatte nach der mittleren Reife eine kaufmännische Ausbildung gemacht. Sie waren nicht in der Lage als zur Verfügung stehenden Informationsquellen anzuzapfen, aber sie vermittelten mir, dass man mit wachen Blick die Geschehnisse in der Welt wahrnehmen muss. Meine Eltern schauten abends die Nachrichten im Fernsehen, lasen morgens beim Frühstück die Tageszeitung, im Hintergrund liefen im Radio die Nachrichten. Meine Eltern lasen zudem den Stern und später auch den Spiegel.  

 Zum Erwachsenwerden gehörte bei uns in der Familie die politische Diskussion am Küchentisch. Je älter ich wurde, je mehr ich meine eigene politische Meinung entwickelte und artikulieren konnte, desto hitziger wurden die Debatten am Küchentisch. Mein Vater hätte sich nie einer politischen Richtung zugeordnet. Er wusste, was er nicht sein wollte: Rechts. Meine Eltern sind Demokraten durch und durch und sie hätten es nie geduldet, wenn ich rechte Tendenzen gezeigt hätte. Meine linken Tendenzen konnte sie aushalten, aber nur unter Schmerzen. Die Sozis waren nur geduldet. Sie nahmen es der SPD übel, dass sie gerne ihnen, die hart für ihren Wohlstand arbeiten mussten, Geld durch Steuererhöhungen wegnahmen, um es für soziale Wohltaten zu verwenden. Dort beim Mittagessen, am Frühstückstisch in der Diskussion mit meinem Vater, habe ich gelernt zu diskutieren, andere Perspektiven anzuerkennen oder meine Meinung mit Argumenten zu untermauern. Ab dem neunten Schuljahr entwickelte ich mich zum Klugscheißer. Ich wollte jede Debatte gewinnen. Also eignete ich mir Wissen an, versuchte historische Kontexte zu erfassen, sie einzuordnen und zu vergleichen. Ich habe bei meinen Eltern gesehen, dass sie zwar intuitiv sich eine Meinung bilden konnten, aber sehr leicht zu manipulieren waren. Für meine Generation war der Erwerb von Wissen kein Luxus mehr. Politische Bildung war ab der achten Klasse Teil des Schulunterrichtes. Leider haben nicht alle meine Altersgenossen ihren Vorteil erkannt. Das Ideal der Aufklärung hatte sich in den siebziger und achtziger Jahren vollkommen entfaltet, wurde aber gleichzeitig vom Ideal des Kapitalismus überstrahlt. Für viele meiner Altersgenossen stand der zügellose Konsum im Vordergrund und Wissen war nur etwas für picklige und hässliche Spinner. Man kokettierte gerne mit seiner Unwissenheit und stempelte Menschen, die freiwillig in ihrer Freizeit Bücher lasen, als Langweiler ab.

 In unserer Schule gab es doch einige Lehrer, die in den späten Sechzigern, frühen Siebzigern studiert hatten und an denen die Studentenbewegung nicht spurlos vorbeigegangen war. Mein Deutschlehrer war so ein Mensch: ein Hüne, der stets schwarze Rollkragenpullis, lange fettige Haare und einen Rauschebart trug. Er war streng, zynisch und elitär. Aber immer darauf bedacht in großen Zusammenhängen zu denken. Ich hatte keine guten Noten in Deutsch, blühte trotzdem völlig bei ihm auf. Dieser Lehrer wurde zu meinem großen Vorbild, da er anscheinend alle existierenden Bücher gelesen und verstanden hatte und ein Charisma besaß, das nicht nur mich inspirierte

 Spätestens beim Übergang zur Oberstufe hatte ich Blut geleckt. Ab der elften Klasse war ich Stammgast in der Schulbibliothek und begann philosophische Texte zu lesen. In vielen Dingen war ich Autodidakt. Ich war verdammt schüchtern und unfähig, mir jemanden zu suchen, der mir etwas beibringen konnte. Ich weiß nicht mehr, wie ich an Camus geraten war und ich weiß auch nicht mehr, warum ich glaubte, „Das Sein und das Nichts“ von Sartre lesen zu müssen. In der elften Klasse habe ich mich anfangs noch mit Descartes und Rosseau auseinander gesetzt. Es kann aber auch sein, dass ich damals schon Karl Jaspers gelesen hatte, der mir mit der „Philosophie der Weltanschauungen“ den Weg gewiesen hat und das ich über ihn an die Existenzialisten geraten war.

 Während der ganzen Schulzeit besuchte ich den katholischen Religionsunterricht. Ich hatte dort immer gute Noten und viele Themen haben mich auch interessiert. Schon damals hat man sich im Unterricht mit den anderen Weltreligionen auseinander gesetzt. Das fand ich äußerst spannend, hatte ich doch während meiner Kindheit in der Kirche vermittelt bekommen, dass der Katholizismus den einzig wahren Glauben darstellte. Schließlich hat Gott ja den Christen seine Botschaft verkündet und nicht den anderen. Im säkularen Religionsunterricht lernte ich genau das Gegenteil. Alle Religionen waren gleichwertig. Die Wahrheit an sich gab es nicht. Die Existenz Gottes war wissenschaftlich nicht beweisbar. Glauben war relativ und Religion versuchte nur einen Rahmen für den Glauben an einen oder mehrere Götter zu geben.

 In der zwölften Klasse übernahm ein Lehrer den Religionsunterricht, der mich die nächsten Jahre sehr stark beeinflusste. Wie ich später erfuhr, wollte er in seinen jungen Jahren Priester werden, hatte aber Schwierigkeiten mit dem Zölibat, lernte seine Frau kennen, zog mir ihr drei Kinder auf und wurde Religionslehrer. Er war der erste Mensch mit dem ich leidenschaftlich über Religion und Philosophie diskutieren konnte. Er empfahl mir Hans Küngs „Existiert Gott?“ zu lesen. Das Buch hatte ich verschlungen. Zu der Zeit gehörten auch die verschiedenen Philosophierichtungen zum Lehrplan in Religion. Ich hielt mich für einen Experten auf dem Gebiet. Obwohl mein Wissen aus heutiger Sicht eher als laienhaft zu bezeichnen war, hatte ich mir mit meinen vorlauten Wortbeiträgen die Aufmerksamkeit meines Lehrers bekommen. Ich kam auch nachdem Unterricht mit ihm ins Gespräch. Bis zum Abitur und darüber hinaus gab es mehrere private Treffen, die nur dazu dienten, sich über Religion, Kirche und Philosophie auszutauschen. Ich fühlte mich in dieser Zeit phantastisch. Ich blühte sozial wie intellektuell auf und hatte meine Bestimmung gefunden. Ich war der nervende Klugscheißer, der stundenlang über ein Thema referieren konnte, dabei eine Zigarre rauchte, seine Nase in eine Menge edlen Whiskey tunkte und aufgeputscht von seinen eigenen Thesen die Welt durchdrang.

 Mein mündliches Abitur legte ich im Fach Religion ab. Ich sollte den Freiheitsbegriff im Christentum und im Existenzialismus vergleichen. Ich hatte mich einigermaßen tapfer geschlagen und bekam zwölf Punkte. Damals merkte ich schon, dass mein Autodidaktentum mich schnell an meine Grenzen brachte und da ich finanziell unabhängig von meinen Eltern sein wollte, begann ich nach dem Abitur anstatt eines geisteswissenschaftlichen Studiums eine Ausbildung bei der ortsansässigen Sparkasse.

 Ich hätte gewarnt sein sollen, als mein Vater mich dafür lobte, dass ich doch jetzt so eine tolle Ausbildungsstelle bekommen hätte.

Austreten – Eintreten / Teil eins

Ich habe es getan: Ich bin aus der katholischen Kirche ausgetreten. Mit einer einfachen Unterschrift auf einem Tablet habe ich meine Mitgliedschaft bei diesem Verein beendet. Ich hätte nicht erwartet, dass es mir letztendlich doch so einfach fällt.

 In meinem Umfeld gibt es einige Menschen, die keinerlei Beziehung zu einer Religionsgemeinschaft haben, andere sind einer Religionsgemeinschaft angehörig, ohne die Religion auszuüben und wiederum andere haben einen engen Bezug zu ihrer Religion.

 Ich gehöre zu keiner dieser Gruppen. Mein Verhältnis zur Religion war seit meiner Kindheit nie eindeutig, eher verschwommen, schwer zu umschreiben, voller Ambivalenzen.

 Obwohl meine Eltern wenig Bezug zur katholischen Kirche haben, bin ich katholisch erzogen worden. In der Generation meiner Eltern hatte die Zugehörigkeit zu einer christlichen Religion noch eine andere Bedeutung. Sie war Zeichen von Zugehörigkeit und diente viel stärker der sozialen Kontrolle. Meine Mutter ist Protestantin. Hier in Mittelhessen ist die evangelische Kirche seit Jahrhunderten die mitgliederstärkste Religionsgemeinschaft. Erst nach dem Krieg mit der Ankunft vieler Flüchtlinge aus dem Osten (Schlesier und Sudetendeutsche) bekamen die kleinen katholischen Gemeinden starken Zuwachs. In Wetzlar gibt es alleine vier katholische Kirchen, die nach dem zweiten Weltkrieg gebaut wurden (St. Markus, St. Walburgis, St. Bonifatius, St. Elisabeth). Mein Vater ist Sudetendeutscher und katholisch. Meine Eltern haben in den späten sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts geheiratet und laut der Familienlegende war die Heirat aufgrund der Herkunft meines Vaters nicht unumstritten. In der Regel stimmen Priester einer Eheschließung nur zu, wenn man verspricht, die Kinder aus der Ehe im katholischen Glauben zu erziehen. Meine Eltern hätten sich an das Versprechen nicht halten müssen. Aus irgendeinem Grunde haben sie sich verpflichtet gefühlt und so wurde ich katholisch getauft, ging ich mit acht Jahren in den Kommunionsunterricht und musste 1981 am weißen Sonntag zum ersten Mal vom Leib Christi naschen. Ich habe noch sehr deutliche Erinnerungen an diese Zeit. Erst einmal war der Kommunionsunterricht wider Erwarten sehr lehrreich. Ich hatte zum ersten Mal Kontakt mit der christlichen Lehre und den Geschichten aus dem neuen Testament. Wir hatten einmal in der Woche Unterricht bei einem Ehepaar, das bei uns in der Straße wohnte, liebevoll mit uns umging und darauf achtete, uns die Inhalte kindgerecht näher zu bringen. Ende der Siebziger Jahr war das nicht selbstverständlich, schließlich galt die katholische Kirche schon immer als konservative und rückwärtsgewandte Institution. Die Widersprüche zwischen Außenwirkung und innere Haltung erkannte ich schon früh. Die Gemeinde St. Markus war relativ jung und man hatte gerade ein neues modernes Gotteshaus errichtet. Ein schicker niedriger Bau, ohne Kirchturm und mit viel Sichtbeton. Der Priester dagegen war ein eigensinniger, distanzierter und emotionsloser Hirte, der bei der Messe mit dem Zeigefinger seine Schäfchen abzählte. Ihm war es sehr wichtig, dass ihm keines seiner Schäfchen abhandenkam. Schließlich waren die Verlockungen der Moderne zu groß. Die Schäfchen waren nicht frei von Sünde und konnten jederzeit den Versuchungen erliegen.

 Im Kommunionsunterricht lernte ich früh, dass in der christlichen Lehre der Begriff der Nächstenliebe eine zentrale Bedeutung hatte. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus war ein Vorbild, selbstlos, ohne Allüren, ein einfacher Mensch, der sich um die sozial Schwachen kümmerte und selbst nur der Sohn eines Zimmermanns war. Dagegen stand der Prunk und die Hierarchie in der Amtskirche, alte Männer im Rock, die mit alten Ritualen und Dogmen die Gläubigen an die Kirche zu fesseln versuchten. Die Messe am Sonntag dauerte bis zu zweieinhalb Stunden, davon verbrachte man fast die Hälfte auf Knien und in Büßerhaltung. Die Predigt, die ganzen Sprüche und Formeln klagen hohl und unverständlich. Ich hatte die Messe als eine Veranstaltung des schlechten Gewissens erlebt. Als armer, schwacher Mensch, musste man jede Sekunde seines Lebens auf der Hut vor sich selbst sein. Daher hatte ich auch unheimlich Angst vor der ersten Beichte. Wer ein Sakrament erhält, muss vorher beichten. Ein zehnjähriger, der erklären muss, dass er unkeusche Gedanken hat, seine Eltern nicht ehrt und lügt und betrügt, wenn er die Hausaufgaben nicht macht, kann sich nicht frei fühlen und ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln.

 Die Feier meiner Erstkommunion war für mich die Hölle, ich war unsicher, fühlte mich verloren und sie endete damit, dass ich Windpocken bekam. Während meine Familie und meine Verwandten feierten, lag ich im Bett und wurde von Fieberträumen geplagt.

 Mit zwölf Jahren habe ich das nächste Sakrament erhalten: die Firmung. Wieder gab es Unterricht und in Vorbereitung zum Sakrament die obligatorische Beichte. Seit Jahren erduldete ich nun die langweiligen Messen, das falsche Pathos, die gesalbten und heiligen Bewegungsabläufe, einstudiert und einzementiert in die Ordnung einer Amtskirche, die wenig Spielraum für Abweichung zulässt. Ich hoffte mit der Firmung von der Verpflichtung, Sonntagsmessen besuchen zu müssen, befreit zu werden. Ich konnte die Messdiener, Ihr Gebimmel, ihre gewichtigen Schritte, ihre Verbeugungen, ihr stundenlanges Verharren auf den Knien und das arrogante, ausdruckslose Gesicht des Priesters, das Erheben der Hostie, das Nippen am Kelch, das unheimlich affektierte Abtupfen seiner Lippen nach dem Genuss des Blutes Christi, das Weihrauchgedöns und seine unheimlich tristen und von Phrasen durchseuchten Predigten nicht mehr länger ertragen. Ich sehnte mich nach dem Tag der Firmung, weil es meine letzte Messe sein sollte und ich bald jeden Sonntagmorgen ausschlafen konnte.

 Die Firmung war bei weitem nicht so feierlich wie die Erstkommunion. Es wurden nicht alle Verwandten vorgeladen, keine großen Geschenke verteilt und man erwartete nicht, dass wir uns in dunkle Samtanzüge oder weiße Spitzenkleidchen zwängten.

 Die Firmung wird vom Bischof vorgenommen. In unserem Falle war das Bischof Franz Kamphaus. Wetzlar gehört zum Bistum Limburg. Der Dom in Limburg an der Lahn ist vielen Menschen außerhalb Hessens bekannt, weil er bis 1992 auf der Rückseite des 1000 DM-Scheines zu sehen war. Franz Kamphaus hatte sein Amt noch nicht lange inne und viele haben ihn damals in der der Messe als sehr zugewandt und freundlich erlebt. Er schien frischen Wind in das Bistum zu bringen und die Gemeindemitglieder schienen erleichtert zu sein, dass er menschlich und nahbar wirkte. Der frische Hauch der durch den Kirchraum wehte und den Weihrauchmief vertrieb, nahmen sogar wir Firmlinge wahr.

 Trotzdem war für mich mit der Firmung die Angelegenheit erledigt. Ich wollte nichts mehr mit dieser Zwangsgemeinschaft der Christen zu tun haben.

Reihe 3, Platz 58 + 59, Woyzeck von Georg Büchner

Wir haben es eilig und betreten das Theater kurz bevor die Türen geschlossen werden. Wir haben erst ziemlich spät mitbekommen, das Vorstellungen am Sonntag schon um 18.00 Uhr beginnen. Wie immer drängeln wir uns durch die Sitzreihe und machen uns bei unseren Nachbarn unbeliebt.

 Unsere Sitznachbarin begrüßt uns freundlich zur neuen Spielzeit. Wir sitzen schon einige Jahre nebeneinander und stellen fest, dass wir schon seit 2006 Besitzer des Platzes 58 und 59 sind und unsere Nachbarn kurz nach uns ein Abonnement ergattert haben. Wir sind also schon fest verwoben mit der Institution Stadttheater und so wie man Beamter auf Lebenszeit wird, wird man in der öffentlichen Einrichtung Stadttheater auch Abonnent auf Lebenszeit.

 Stücke wie „Woyzeck“, ein Klassiker des deutschen Theaters, oft aufgeführt, verfilmt und auch gelegentlich mal durch den Kakao gezogen, reizen mich wenig. Die Story kennt jeder: der Soldat Franz Woyzeck versucht sich, seine Freundin Marie und ihr gemeinsames uneheliches Kind finanziell über Wasser zu halten, in dem er seinen Sold durch Frondienste für seine Vorgesetzten und als Versuchskarnickel für einen Arzt aufbessert. Dann tritt der Tambourmajor in Erscheinung, ein eitler Frauenheld, und verführt Marie. Als Woyzeck von ihrem Verhältnis erfährt, meuchelt er Marie bei einem Abendspaziergang am See, der Mond blutrot am Horizont…

 Georg Büchner hat in seinen 23 ihm zur Verfügung stehenden Lebensjahren nur wenige literarische Werke produzier, war er doch nebenbei noch Revoluzzer und angehender Arzt. Alles was wir von ihm kennen, besteht aus wenigen Grundzutaten. Es gibt immer ein unausweichliches Schicksal, dass durch das soziale Umfeld bestimmt wird und immer zur Katastrophe führt. Die Natur ist der bedrohliche Begleiter und Urgrund des Wahnsinns.

 Büchner hat seine Werke im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts zu Papier gebracht und bereitet vieles vor, was ein paar Jahrzehnte später total angesagt sein wird.

 Aber die Zukunft der Moderne ist ja schon wieder Vergangenheit und auch die Postmoderne ist schon irgendwie vorbei. Also was liegt nahe: Wir machen aus dem Stück ein Musical.

 Oh Gott, nicht schon wieder!! In den Spielzeiten davor haben wir einige Inszenierungen erlebt, die durch Gesang und Musik eine Erweiterung erlebt haben. Aber Woyzeck als Musical? Die Idee ist nicht neu und wurde 2000 in Kopenhagen uraufgeführt. Kein geringerer als Tom Waits hat zusammen mit seiner Ehefrau Kathleen Breenan die Musik und Texte geschrieben und das Konzept zur Inszenierung stammt von der Theaterikone Robert Wilson.

 Ich bin schon seit 1985 ein heimlicher Tom-Waits-Verehrer. „Rain Dogs“ sein Album, mit dem er endgültig seinen Durchbruch in Deutschland schaffte, faszinierte mich damals. Die Art wie dort Musik zelebriert wurde, die schräge Instrumentierung mit Marimba und Tuba und einer hellen aufdringlichen Jazz-Gitarre, die sich mit chromatischen Singlenotes durch die Arrangements knödelt, die raue Stimme, die je nach Song, fies bösartig aber auch melancholisch, fast zärtlich klingen konnte, war einzigartig und entsprach damals keinem gängigen Genre. Ich war gerade auf den Thrash-Metal-Trip und es fiel mir schwer, meine Zuneigung zu Tom Waits öffentlich auszuleben. Aber wenn ich in einer gewissen melancholischen und leicht depressiven Stimmung bin, verliere ich mich nur zu gerne in den Songs von Tom Waits.

 Tom Waits hat die Songs aus dem Stück „Woyzeck“ unter dem Titel „Blood Money“ aufgenommen. Die Aufnahme sollte man sich anhören. Sie klingt kein bisschen nach Musical. Tom Waits räuspert und grunzt sich durch die bissigen und zynischen Texte. Gerade am Titelstück „Misery`s the river of the world“ kann man gut erkennen, wie Waits das Theaterstück verstanden haben will.

„If there’s one thing you can say about mankind. There’s nothing kind about man. You can drive out nature with a pitchfork. But it always comes roaring back again.“

 Hat man in Gießen die Botschaft umgesetzt? Ich glaube schon. Das Bühnenbild wie immer schlicht: Am Ende einer treppenförmigen Terrasse hat man die Band positioniert. Sie thronte über dem Publikum, schemenhaft konnte man die Musiker erkennen. Die Instrumentierung wurde vom Original übernommen. Die Schauspieler klebten mit unterschiedlichen Intensitäten an ihren Rollen. Am einen Ende des Spektrums der wehleidige Hauptmann als Karikatur vorgetragen, ähnlich wie der Doktor, Franz Woyzeck am anderen Ende, sehr intensiv allmählich dem Wahnsinn verfallend.

 Woyzeck existiert in seiner Urform nur als Fragment. Wahrscheinlich schreit es deswegen nach Erweiterungen und mit den Songs und der Musik wurde dem Fragment neue Aspekte hinzugefügt, die die Grundaussage verstärken.

  Als ganz nebenbei der Satz fiel, “Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“, lief es mir kalt den Rücken herunter. Für mich ist dieser Satz der wichtigste in dem ganzen Stück. Jede Figur in dem Stück macht sich schuldig und man fragt sich die ganze Zeit, nach dem Warum. Es gibt keine Erlösung für Niemanden. Daher ist der Pessimismus mit dem die Musik dem Stück beikommen möchte nur folgerichtig und eher erhellend.

 Alles in Allem ein intensiver Theaterabend, der einem noch die letzte Zuversicht genommen, gerade wenn man bedenkt, dass wir die Aufführung am 15.10. besucht haben und eine Woche vorher die Hamas in Israel gewütet hat. Schwere Zeiten, wie immer und Franz Woyzeck ist ein Soldat und kein Mensch…