Ein Ausflug – Die Documenta 14 – Teil 1

Kunst ist die Kunst, Selbstverständlichkeiten mit schwarzer Farbe zu übergießen, dabei die Suche nach Transzendenz zu simulieren und  sich in seiner angeblichen Katharsis zu suhlen.  Geh nach Kassel, in die nordhessische Provinz, und erblicke die Welt da draußen, bis sie dir übel hochkommt und dir klar wird, dass nicht Mangel, sondern der Überfluss den Brechreiz erzeugt. Du kannst es ausspeien, ein paar bittere Tränen vergießen, Mitleid heucheln und mit Selbstmitleid verwechseln. Spätestens wenn du mit hundertfünfzig Sachen auf der Autobahn der Heimat entgegenfliehst ist alles vorbei. Von dem Kunstereignis bleibt nichts übrig, außer dieses hohle Gefühl im Bauchraum, dass nach jedem Erbrechen übrig bleibt.

 So war die Documenta 14. Meine zweite Documenta. Die Documenta dreizehn bot mir viel Einfallsreichtum, Momente der Überraschung und Details, die wenigstens ahnen ließen, dass Gegenwartskunst und Humor sich nicht gänzlich ausschließen. Das sage ich nur, um kurz den Kontrast deutlich zu machen.

Feierabendverkehr zum Freitagabend während der Sommerferien auf der A 5 führt spätestens auf der Höhe von Alsfeld zu zähfließenden Zeitabrieb im Stau. Henrike versucht mir zu vermitteln, dass zwar Zeit, aber nicht der Abend verloren ist. Wenn wir um sechs Uhr ankommen, haben wir noch zwei Stunden, um uns auf der Documenta zu tummeln, anschließend etwas zu essen und bei einem Bier den Abend ausklingen zu lassen. Der Unfall, ein Menetekel, ein Zeichen, dass den Reisenden zur Umkehr aufruft. Fahre nicht in die Höhlen des Hades und ziehe keine viertausend Mark ein, wenn du über die Stadtgrenze von Kassel kommst. Man sollte mich nicht falsch verstehen. Meine Ehefrau und ich hatten den größten Spaß. Wir waren das erste Mal seit Jahren länger als zwei Stunden zu zweit ohne Kinder und Verpflichtungen gemeinsam unterwegs. Wir sind ein Paar, das sich nach einer gepflegten Unterhaltung ohne Unterbrechung sehnt und einfach nur gemeinsam Zeit verbringen möchte. Der Umstand eine pathologisch depressive Kunstaustellung zu besuchen, verdirbt uns nicht den Spaß, sondern stachelt unsere gemeinsame Lust an, sich über die gestelzte Ernsthaftigkeit eines Kunstevents lustig zu machen. Und trotzdem geben wir den Kunstmenschen und ihren Objekten und Performances eine Chance. Schließlich suchen wir, wie alle Kunstfreunde, den großen Sinn in den Erzeugnissen der Gegenwartskunst und manchmal läuft es uns kalt den Rücken herunter, weil wir etwas gefunden haben, das uns beide gleichermaßen anspricht und entsprechende fast pathetisch zu nennende Emotionen in uns auslöst. Trotz aller Traurigkeit über die Schlechtigkeit dieses Universums gab es auch das auf Documenta Nr. 14.

Gegen achtzehn Uhr sind wir im Hotel angekommen. Wir sind die Stadtguerilla unter den Touristen, die die Funktionsweise einer Stadt kennt und sich blitzschnell den Gegebenheiten anpassen kann, um nicht aufzufallen. Zwei Punkte gilt es in Erfahrung zu bringen: Wo sind wir und wie kommen wir möglichst schnell mit öffentlichen Verkehrsmitteln an den Ort des Geschehens? Das Hotel liegt unterhalb des Weinbergs am Ende der Karlsaue. Die Straßenbahnstation liegt ungefähr zweihundert Meter vom Hotel entfernt. Dort hält die Tram, die uns mitten in das kleine aber kräftige Herz dieser heimlichen Metropole Nordhessens bringt. Woher ich das weiß? Man fragt einfach an der Rezeption nach. Wenn ich das Handbuch für die Stadttouriguerilla schreiben sollte, wäre dies der Punkt eins.

Um halb sieben sind wir am Friedrichsplatz, dort wo der Pantheon of Books, das Friedericanium, die Documentahalle und unterhalb die Orangerie und die Karlsaue auf uns warten. Die eigentlichen Hotspots der Documenta. Und trotz meinem Geunke über die Documenta 14 kann ich nur sagen, dass den Veranstalter eines gelungen ist: Die Dominanz dieser traditionellen Orte aufzubrechen und die ganze Innenstadt mit Kunst zu bespielen. Die Documenta hat diesmal unzählige Außenstellen zu bieten, den alle ein besonderer Reiz eigen ist. Die Morbidität kahler Betonwände, verlassener Lagerräume, entkernte Gebrauchsbauten, den man mit der Documenta das letzte Aufbäumen ermöglicht, um dann wieder in die Bedeutungslosigkeit oder unter der Abrissbirne zu verschwinden.

In der Documentahalle findet man abgegriffene alte Klassiker der Gegenwartskunst. In Parterre wird ein bedeutender Teil des Ausstellungsraumes genutzt, um das Werk der Tänzerin Anna Halprin zu würdigen, die mit ihrem Mann Laurin, einem Landschaftsarchitekten, in freier Natur eine Tanzfläche errichtet hat, um für diesen Ort Choreographien zu entwickeln. Allerdings hat ihr Ensemble auch Autos von innen und außen betanzt und sie hat wohl das heilende Tanzen erfunden. Das alles hat sie vor vierzig oder fünfzig Jahren erschaffen. Nebenan sind der Flur und ein Raum einem afrikanischen Musiker gewidmet, dessen Fender Telecaster an der Wand lehnt, als hätte er sie auch vor mehreren Dekaden dort vergessen. Im ersten Stock, über eine schmale Treppe, erreicht man kleine Räume, in denen einem griechischen Komponisten gehuldigt wird. Auch sein Schaffen fand seinen ersten Höhepunkt i siebenten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts. Wir lesen einen langen Artikel, in der er beschreibt, wie schwer es ihm als Komponisten fällt, Stücke ohne Ordnung zu schreiben, für den Zufall zu komponieren, um sich einer Protoperformance zu nähern. Im Hintergrund quillt aus kleinen Lautsprechern das Raunen eines Stimmenchors, der immer wieder in einem primitiven Kollektivschrei gipfelt. In einem großen Raum in Parterre hängen Bilder mit Farbfeldern, die schlampig ausgeführt wirken. Auch eher althergebrachte Mittel der Gegenwartskunst. Wir fotografieren die Farbfelder und überlegen uns, sie nicht zu Hause auf einer Leinwand nachzuahmen. Wir brauchen noch gediegene Kunst für unser Wohnzimmer. Dabei sind wir doch nicht im Ikea und auch nicht im Obi. Man kommt sich aber ein wenig so vor. Wir sind ermattet von so viel Museumsqualität und gehen in den Keller der Documentahalle. Meine Frau fotografiert die Treppenstufen, die hinab in die Tiefe des großen Ausstellungsraumes führen. Sie ist Bauingenieurin und kann sich vom Obi-Ambiente nicht lösen. In der großen Halle widerfährt uns naive Kunst. Eine Rentierzüchterin (Rentiere sind die heimlichen Wappentiere dieser Documenta) hat ein Wandbild genäht und darauf die Geschichte der Sami über gefühlte hundert Meter schmalem Stoffes dargestellt. Das Niveau des Bildes liegt auf Grundschulniveau. Henrike, nicht nur Baufrau, sondern auch in der Freizeit mit der Nähmaschine kreativ, findet das Bild gelungen. Mich erinnert das an eine Handarbeitsausstellung, die bei uns alljährlich in vielen Dorfgemeinschaftshäusern stattfindet. Daneben die Bilder eines afrikanischen Künstlers, die wesentlich professioneller wirken. Er malt auf Jute mit farbigen Sand. Schon etwas anspruchsvoller. Daneben leider eine riesige verfilzte Makramee-ampel. So etwas hat meine Mutter vor ca. 30 Jahren im Kleinformat geschaffen, um darin Blumentöpfe auf dem Balkon meines Elternhauses aufzuhängen. Doch wieder Kunsthandwerk für Amateure. Daneben hängen die Teile eines Flüchtlingsbootes. Einer der wenigen Objekte in diesem Raum mit aktuellem Bezug zur Zeitgeschichte. Der Künstler hat das Wrackteil mit rostigen Harfensaiten bespannt und kommt ab und zu mal vorbei, um auf dieser Harfe zu spielen. Henrike möchte gerne an den Saiten rumfummeln und hören, wie sie klingen. Inmitten der Halle eine schiefe Ebene aus Holz. Der nachempfundene Boden eines Pariser Theater. Dazu erfolgt der Hinweis, dass dies kein Kunstwerk sei. Okay, hatten wir fast vermutet, da die meisten Objekte in dieser Halle wenig mit Kunst zu tun haben. Am Ende des Saales eine künstlerische Würdigung des Indigo. Blau gefärbte Kleidungsstücke hängen von der Decke und darunter diverse Indigopflanzen. Indigo ist Kulturen übergreifend ein wichtiger Farbstoff gewesen. Daran soll das Ensemble erinnern. Mich erinnert es nur an die verzweifelten Versuche vieler bastelnder Hausfrauen in den achtziger Jahren mit gewachsten Stoffstücken den esoterischen Kampf gegen ihr langweiliges Hausmütterchendasein aufzunehmen.  Dahinter ein Raum mit Fotos und einem Film, der mich überhaupt nicht interessiert. Viel interessanter ist es, dass die Angestellten der Documenta den Hintereingang aufstehen lassen haben und sie dort in einem kargen Hinterhof auf einem Flecken Gras stehend ihrer Tabaksucht nachkommen. Ich will schon dort rausgehen. Allerdings haben wir noch den Folterkeller der Documentahalle vergessen. Es geht noch tiefer runter. Und eigentlich soll dort eine Performance stattfinden, die nur Erwachsene sehen dürfen, die aber im Livestream im Internet übertragen wird (machen die das von der Documenta dann auch wie bei den Pornos? Sind sie 18. drücken sie auf das grüne Schaltfeld und kommen weiter. Sind sie minderjährig drücken sie auf das rote Schaltfeld und sie sind draußen.) Die Künstler machen eine Pause und wir entkommen irgendetwas höllisch Aufregendem. Wir gehen wieder hoch und unterhalb der Parterreplattform gibt es noch einen Ausstellungsraum. Wir betreten ihn und ups! Erinnern sie sich noch an die vielen Filmamateure, die mit dem Medium Video so wunderbare Filmwerke schaffen konnten, indem sie Videokassetten mit langweiligen Livebildern ihrer Familienfeiern gefüllt haben. Die Bilder rauschen, dazwischen magnetische Entladungen, die als Streifen das Bild stören usw. Genauso solche Filme zeigt man hier. Große Videokunst aus vergangenen Tagen. Ist dies am Ende das Documentamuseum? Haben wir uns verirrt? Noch mehr alte Kunst im Raum hätte uns fast davon abgebracht weiter zu schauen. Denn in der letzten Ecke gab es noch eine neue Videoinstallation. Tänzer, die in Folie ein- und ausgepackt werden, die dabei sich unterhalten und rauchen. Wir gehen raus und flüchten die Mahlertreppe herunter, um zur Orangerie zu gelangen. Dort sehen wir einen Film mit Mönchen, die in einer Kirche Lieder auf Kirchenslawisch singen. Ich bin wirklich sehr belesen und habe schon von vielen Dingen gehört. What the fuck means Kirchenslawisch. Wir flüchten wieder, geraten in eine Hochzeitsgesellschaft und überlegen kurz, ob das eine Perfomance ist. Schließlich finden wir den Ausweg in die Karlsaue und betrachten angestrengt die Blutmühle. Der südamerikanische Künstler hat eine Silbermühle aus seiner Heimat nachgebaut. In den Anden hat man diese Mühlen errichtet und wegen des Standortes in luftiger Höhe konnte die Mühle nur von indigenen Personal betrieben werden. Die Leute wurden ziemlich ausgebeutet. Soll das wohl bedeuten.

Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit von Thomas de Padova- Eine Buchempfehlung

Heute möchte ich ein Buch vorstellen, dass mich in vielerlei Hinsicht fasziniert hat. Es geht um das Buch „Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit“ von Thomas de Padova.

Viele von uns leben in einem engen Zeitkorsett. Jede Sekunde zählt. Unsere Tage und Nächte sind verplant. Unsere Terminkalender sind voll. Wir werden an der Tugend Pünktlichkeit im Privat- und Berufsleben gemessen. Wir halten ständig Zeitabläufe fest und die Nutzung digitaler Medien kettet uns noch mehr an die Benennung von Zeit. Wer heute ein Foto macht, erfährt noch Jahre später, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit er auf den Auslöser gedrückt hat. Genug Zeitgenossen zählen ihre Schritte, zeichnen ihren Schlaf auf, dokumentieren ihre Laufstrecken und unterlegen alles mit einem ewigen Zeitstrahl.

Das ist die Gegenwart. Thomas de Padova zeigt uns mit seinem Text, dass das Einteilen des Tagesablaufes in Zeiteinheiten eine noch relativ junge Kulturtechnik ist. In der Epoche von Newton und Leibniz, also vor ca. 300 Jahren, wurden die ersten Uhren erfunden, die nicht nur Minuten, sondern auch Sekunden anzeigten. Es gab damals die ersten Taschenuhren, die teuer aber für viele schon bezahlbar waren. Man  hatte damals mit Pendeluhren ein im Alltag verfügbares Zeitmessinstrument erschaffen, das aber im Laufe der Jahre immer wieder verfeinert werden musste. Ein großes Problem war, dass die Uhren niemals genau gingen. Man wollte sie z.B. für die Navigation auf hoher See verwenden. Allerdings liefen die Uhren zu ungenau. Somit war ständig die Gefahr gegeben, dass es zu schwerwiegenden Navigationsfehlern kam. Uhrenmacher waren damals angesehene Spezialisten, die sich nicht nur auf ihr Handwerk verstanden, sondern selbst wissenschaftlich tätig waren. Trotz größter Präzision konnte man das Problem der nachgehenden Uhren lange Zeit nicht lösen. Mit der Erfindung dieser Uhren gewannen Zeitabläufe auf einmal an gesellschaftlicher Bedeutung und somit beschleunigte sich das Leben. Hier beginnt die Ökonomisierung des Wirtschaftslebens. Ohne eine exakte Messung der Zeit  wäre die industrielle Revolution nicht möglich gewesen.

 Newton und Leibniz waren zwei Schlüsselfiguren ihrer Zeit und konträre Persönlichkeiten. Newton war ein Eigenbrötler und jemand, der seine Ideen für sich behielt. Leibniz dagegen war extrovertiert, kontaktfreudig und konnte auch keine seiner unzähligen Ideen lange für sich behalten. Beide hatten eine genaue Vorstellung von Zeit. Für Newton gab es eine absolute Zeit, die überall gültig war, während Leibniz Zeit immer im Zusammenhang mit Raum dachte und davon ausging, dass Zeit in Bezug zum Raum immer etwas Relatives ist. Newton hat wohl einen größeren Einfluss auf die Zeitideologie der nächsten drei Jahrhunderte gehabt. Denn viele Menschen sehen heute Zeit als etwas Absolutes. Die Uhr scheint im Hintergrund immer gleichmäßig zu ticken und uns voran zu treiben. Hätten wir auf Leibniz gehört, wären wir im Umgang mit unserem Zeitmanagement wahrscheinlich etwas gelassener.

Thomas de Padova hangelt sich an den Biographien der beiden Wissenschaftler entlang. Er zeigt die Herkunft, das Leben beider, die Schnittpunkte, die dann auch irgendwann zu einem Wissenschaftsstreit führten. Er erklärt Leibniz philosophischen Betrachtungen zu Zeit, Raum und Kausalzusammenhängen und erklärt Newtons mathematischen Entdeckungen, die heute noch teilweise ihre Gültigkeit haben. Thomas de Padova macht bei allen seinen Ausführungen eine gute Figur. Für den Laien verständlich, macht er die Zusammenhänge deutlich. Der Leser sollte positiv bemerken, dass er nicht nur gut recherchiert hat, sondern auch an eine lesenswerte und unterhaltsame Struktur des Buches gedacht hat. Und genau hier hat er seine Zielgruppe gefunden: den Leser, der wie der kleine Mann von Ricola immer fragt: Wer hat`s erfunden?

Mir hat das Buch den Anstoß gegeben, wieder darüber nachzudenken, welche Auswirkungen diese „Erfindung“ der Zeit auf unser alltägliches Leben hat. Die Zeit an sich wurde ja nicht vom Menschen erfunden. Allerdings haben die Menschen ihr Verständnis von Zeit genutzt, um ihr Leben zu verändern. Leider nicht immer zum Guten.

Insofern kann ich allen das Buch empfehlen, die sich auf allen Ebenen mit diesem Thema auseinandersetzen und dabei noch unterhalten werden wollen.

Thomas de Padova: Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit
ISBN: 978-3-492-05483-6
 

Wer verdaut schon gerne Kohl?

Wir haben von 1982 bis 1998 an einer Überdosis Kohl leiden müssen, die unseren politischen Verdauungstrakt sehr stark in Mitleidenschaft gezogen hat. Der unangenehme Fäulnisgestank, der die bei der Verdauung von kohlartigem Gemüse entstandenen Gase beim Entweichen aus dem Enddarm begleitet, ist die einzige Assoziation, die ich persönlich mit der Regierungszeit von Helmut Kohl in Verbindung bringen kann.

Ich will nicht pietätlos sein und einem frisch Verstorbenen, der sich nicht mehr wehren kann, mit meinen Bösartigkeiten Unrecht angedeihen lassen. Allerdings war es schon vorgestern Abend nach dem Bekanntwerden des Todes von Helmut Kohl sehr offensichtlich, dass alle darum bemüht waren, seine unbestreitbaren Verdienste um die deutsche Einheit und Europäischer Einigung besonders in den Vordergrund zu stellen. Wahrscheinlich muss das so sein, wenn eine berühmte Politikerpersönlichkeit das Zeitliche segnet. Mir persönlich war es zu viel und ich habe zwischendurch wieder dieses unangenehme Darmreißen verspürt, das mich meine ganze Jugend hindurch begleitet hat.

Ich bin 1971 ohne politisches Bewusstsein zur Welt gekommen. Mit elf meldete sich mein politisches Empfinden zum ersten Mal zu Wort, als Helmut Schmidt im Bundestag das Misstrauensvotum verlor und ziemlich geknickt auf Helmut Kohl zulief, um ihn als fairer Verlierer zu gratulieren. Schon damals fand ich diese maliziöse Grinsen, den leicht geneigten überdimensionalen Schädel auf dem Körper eines Riesens, furcht- und ekelerregend. Ich konnte Helmut Kohl Erscheinung nichts abgewinnen und mittlerweile weiß ich, mit welcher Chuzpe und grobschlächtiger Netzwerkarbeit Helmut Kohl zur Macht kam. Erst hatte er Strauß geschickt abserviert,  indem er ihm den Vortritt als Kanzlerkandidat lies. Was schon von großer Bedeutung war, da Strauß im Weben von Intrigen die eindeutige Nummer eins im politischen Betrieb der Sechziger und Siebziger Jahre war (Noch vor Herbert Wehner). Dann hatte Kohl allmählich die FDP auf seine Seite gezogen, die es leid waren mit den Sozis zu regieren. Er schien damals einfach nur fett zu grinsen, weil er nun der Kanzler Kohl war, der alle übers Ohr gehauen hatte.

Bei den Nachrufen werden viele biographische Stationen pflichtschuldig abgeschritten und auch die Niederlagen Kohls kamen zur Sprache. Insbesondere die Spendenaffäre als das Ereignis, dass Helmut Kohl endgültig aus dem politischen Leben katapultierte, fand Raum in den Nachrufen. Natürlich frei nach dem Motto: da war er schon durch und wusste nicht mehr, was er tat. Damit waren das Vergehen und der Abgang auf Mindestmaß zurechtgestutzt. Allerdings hatte man, aus welchem Grund auch immer, den Beginn seiner Kanzlerschaft auf das Misstrauensvotum reduziert und vergessen die Wende zu erwähnen.

Ein Begriff, der bis zur Wiedervereinigung in Verbindung mit Kohl zu einem geflügelten Unwort wurde (ähnlich wie Birne). Ich musste als Elfjähriger verdauen, das dieser Mann seiner ganzen Nation erklärte, dass eine geistig-moralische Wende erforderlich sei und man jetzt endlich mal mit dem ganzen modernen Quatsch aufhören solle und sich auf die guten alten Werte besinnen müsse. Helmut Kohl hat es sehr verquast ausgedrückt, was aber damals üblich war. Politikersprache erschien nicht nur mir damals als rhetorisch aufwendiges Gerede um den heißen Brei. Trotzdem verstand ich sofort, dass Langeweile zur Staatsraison werden solle und alles was von der vorgegebenen Norm abwich nun nicht mehr im Politikbetrieb stattfinden sollte. Alle Errungenschaften der Achtundsechziger, der politische Diskurs um die Zukunft eines Volkes, das schwer an seiner Vergangenheit zu tragen hatte, eines gewissen intellektuellen Anspruch innerhalb der politischen Klasse stand auf dem Spiel. Adenauer winkte mit seiner gruseligen Skeletthand aus seinem Grab. Dabei hatte man Kohl vielleicht etwas anderes zutrauen können. Schließlich war er als Ministerpräsident in seinem Land durchaus als Reformer und junger Wilder des Konservatismus bekannt geworden. Doch die Verbundenheit mit dem Vorbild Adenauer und dessen praktizierten Provinzialismus war anscheinend stärker.

Damit begannen für uns die Qualen. Ab sofort wirkte die Politik der herrschenden Klasse tröge und auf beiden Seiten des politischen Spektrums tummelten sich plötzlich Politrüpel aus der Provinz, die auf neue gesellschaftlichen Strömungen mit tumber Ignoranz reagierten (denken wir nur an Holger Börner und seinem Dachlattenauspruch). Wie schön mögen die Zeiten gewesen sein, als mit Willi Brandt und Helmut Schmidt intellektuelle Schöngeister an der Macht waren, denen es gelungen war, die meisten Bürger mit auf die Reise zu nehmen, die die wichtigen und großen Themen, die über alles schwebten angepackt haben (Brandts Ostannäherung) und sich im Krisenmanagement bewährt haben (Schmidt und der heiße Herbst 1977). Und der dicke Kohl stand nur händchenhaltend mit Mitterand auf einem Soldatenfriedhof und angeblich wollte man dort eine Erbfeindschaft beerdigen, die es für uns junge Menschen schon lange nicht mehr gab. Dabei schaute er nicht wirklich staatstragend, sondern wie ein Technokrat, der jetzt einen notwendigen Termin abarbeitet. Wie viel beeindruckender war da Brandts Kniefall, der die Demut vor Opfern und der Geschichte ausdrücken sollte.

Schon damals war klar, dass Deutschland dringend seine Sozial- und Wirtschaftssysteme reformieren muss. Man brachte nichts zustande und außer das Herr Blüm sagen musste, dass die Rente sicher sei und somit für alle Zeiten unveränderbar den Menschen die Vollabsicherung brachte. Familienpolitik fand nicht statt. Immer wenn es brenzlig wurde, erhöhte man das Kindergeld (leider auch ein Mechanismus, den sich die Nachfolgeregierung zu Nutze machte) oder verschob Frau Süssmuth, die vielleicht frischen Wind in die Familienpolitik bringen wollte, in ein Amt, in dem sie nichts mehr bewirken konnte. Kurzum die Regierungszeit von Helmut Kohl bestand aus nichts anderem als den Versuchen seine Macht auf Dauer zu sichern.

Als die Mauer fiel war Herr Kohl schon auf dem absteigenden Ast. Es war eigentlich abzusehen, dass er bei der nächsten Bundestagswahl abgewählt werden würde. Es keimte bei mir Hoffnung auf, dass dieses Schauspiel bald ein Ende nahm. 1989 war die deutsche Wirtschaft nach einer seltsamen Boomphase, deren Ende sich andeutete, da die klassische Preis-Lohn-Spirale sich im Höchsttempo um sich selbst drehte (Zinsen um die zehn Prozent für Baufinanzierungen, Inflationsraten und Lohnabschlüsse in ähnlicher Höhe). Jedes Jahr gab es neue Privilegien zu verteilen (die fünfunddreißig-Stunden-Woche in der Metallbranche, in manch anderen Branche sprach man über das mittlerweile 14. und 15. Gehalt, im öffentlichen Dienst bekam zwei Tage Urlaub zusätzlich usw.). Man wälzte sich im Wohlstand und erkaufte ihn sich teuer mit Modernisierungsstau und hohen Lohnnebenkosten. Siechende Branchen (Stahlindustrie, Bergbau) wurden gerne mit Subventionen unterstützt und Strukturwandel ließ man nur langsam zu. Ressourcenschonung war tabu und eher verfemt, Atomkraft galt als billige und saubere Energie (für die Konservativen war Tschernobyl nicht existent. Man sah und roch ja die Radioaktivität nicht. Also war alles in bester Ordnung). Alles war dem Streben untergeordnet, Herrn Kohl und der CDU auf alle Zeiten die Macht zu erhalten. Und das machte junge Menschen wie mich natürlich unruhig. Ich war 1989 in der dreizehnten Klasse und musste mich mit meiner Zukunft in einem Land auseinandersetzen, dass die Zukunft als Fortsetzung der Vergangenheit betrachtete. Und jetzt riss dieses Menetekel Kohl die Geschichte an sich und wollte mit aller Gewalt die Einheit Deutschlands erreichen, obwohl er nichts dazu beigetragen hatte. Denn den eigentlichen Umsturz der sozialistischen Winterschlafregierung der DDR hatte das Volk betrieben und nach meiner Ansicht sollte das Volk dort die Früchte ihrer eigenen Revolution ernten, indem sie einen neuen Staat aufbauen können, der von einem basisdemokratischen Verständnis von Politik geprägt sein konnte. Nicht mehr Parteien, sondern Bürgerbewegungen sollten nach meiner Ansicht einen Staat regieren und das hätte doch gut funktionieren können. Kohl war schneller und hat alles in Gang gesetzt und mit Versprechungen die dortigen Politiker und das Volk betört. Dabei hatte er ein paar Jahre vorher noch das andere Deutschland mit Milliardenkrediten künstlich am Leben gehalten. Warum sollte er jetzt der Heilsbringer sein?

Im Nachhinein muss man Kohl und seinem Beharren auf der deutschen Einheit, seinem Verhandlungsgeschick und seinen Netzwerkkünsten größten Respekt zollen. Was ansonsten innenpolitisch zu seinem Machterhalt gedient hat, hat er einmal im Leben zu etwas Positiven genutzt. Und wahrscheinlich ging es ihm wirklich darum, Deutschland in seiner Einheit als das Vorbild für ein geeintes Europas zu etablieren und somit den Frieden und die Freiheit in Europa für Jahrzehnte zu sichern. Bald darauf war die Geschichte beendet und es gab ein Jahrzehnt in dem alles danach aussah, als könne es so etwas wie Weltfrieden geben. Kohl hat dazu einen deutlichen Beitrag geleistet und sich um die Auflösung des starren Blockdenkens aus den Zeiten des kalten Krieges verdient gemacht. Allerdings zu dem Preis, dass ich ihn noch weitere acht Jahre als Kanzler ertragen musste. Aber ganz ehrlich: dilettantische Bürgerbewegungen, die zumeist als Amateure, Hasardeure und per Zufall in den Politikbetrieb gerieten, hätten mit einem neuen ostdeutschen Staat nichts anstellen können und der Bezug zur großen Idee eines geeinten Europas hätte sie überfordert, weil sie nur mit dem wirtschaftlichen Überleben beschäftigt gewesen wären.

Meine Vorbehalte gegenüber diesen Jahren der Kohl-Regierung sind geblieben und niemand wird sie mir ausreden können. Trotzdem haben sie mich auch positiv geprägt. Ich habe in der Beobachtung des politischen Tagesgeschäftes gelernt, politisch zu denken, Politik zu hinterfragen, die Bedeutung einer differenzierten und ausgewogene Meinung, die zu meiner Wertewelt passt, zu schätzen gelernt, weil es das einzige Mittel ist, um sich nicht einer wildgewordenen Herde anzuschließen, die sich mit aller Gewalt die Deutungshoheit über ein Thema aneignen möchte. Ich habe gelernt, wie wichtig ein politischer Diskurs ist, der auch eine Gegenmeinung, solange sie ausgewogen und differenziert ist, akzeptiert. Ich habe gelernt, dass Demokratie die einzige Form eines Herrschaftssystems ist, die größtmögliche Freiheit und Vielfalt zulässt und dass man dieses Gut nicht fahrlässig aufgeben sollte. Und ich habe gelernt, dass Pragmatismus in der Politik oft die einzige Chance ist, die Macht der Ideologien aufzubrechen. Nämlich nichts anderes hat Kohl während der Wiedervereinigung gemacht. Ohne Rücksicht auf ideologische Vorbehalte alle Beteiligen betört und mit einbezogen, Kompromisse gesucht und verhandelt. Somit war er in dieser Phase das Vorbild für einen Politikstil, den ich auch in der aktuellen Situation als wegweisend halte. Starke positive Charaktere (in dieser Zeit war Kohl positiv in seiner Projektion des Friedens für ein geeintes Deutschland und Europa), die sich gegen negative Ideologien stemmen und allen Miesmachern mit konkretem Handeln zeigen, dass sie nichts anzubieten haben, außer Hass und Vorurteile.

Somit muss man den Phänomen Helmut Kohl gegenüber konstatieren, dass es durchaus zwei Seiten hat und das es im Rahmen einer Demokratie geschehen ist, die sich in ihren Grundsätze nicht aufgibt, sondern trotz allem vielen Beteiligten die Möglichkeit gibt, eine Gesellschaft zu gestalten. Denn wenn Kohl sich in seinem Machterhaltungstrieb gegen die bundesrepublikanische Demokratie gewendet hätte, was niemals jemand ihm hätte unterstellen dürfen, wäre es nicht möglich gewesen, dass eine politische Partei wie die Grünen sich genau in dieser Zeit als Gegenbild zu dem politischen Muff des Konservatismus als neue Alternative etabliert haben und wieviel Spaß wäre uns entgangen, wenn z.B. ein Joschka Fischer sich nicht innerhalb der Demokratie vom Turnschuhminister zum Vizekanzler hätte hochdienen können.

Auf die Zukunft projiziert, hoffe ich, dass wir als Demokraten, egal welcher politischen Richtung wir angehören,  uns genau diesen Spielraum lassen, um immer wieder unserer Gesellschaft die Möglichkeit zur Erneuerung und zur Entwicklung zu geben.

Exposè

Ein Exposé zu schreiben ist mir immer schwer gefallen. Einerseits, weil es einen Roman auf das wesentlichste reduziert, anderseits, weil ich es immer nach Fertigstellung des Romans geschrieben habe. Ein grundlegender Fehler, den ich mit dem meinem neuen Werk nicht noch einmal machen wollte. Natürlich gibt es einen Unterschied, ob ich ein Exposé schreibe, um die Handlungsstränge zu modellieren oder ob ich mich damit bei einem Verlag bewerben will. In diesem Fall war es dann doch eher eine Bewerbung. Schließlich wollte ich meine schärfste Kritikerin beeindrucken. Ich habe vier Monate daran gefeilt. Erst dann fühlte es sich gut an. Und das ist erst einmal die Diskussionsgrundlage. D.h. nachdem Henni es gelesen hat, werden wir sehen, was davon aufrecht zu erhalten ist. Zwischendurch drängte sich mir die Ansicht auf, ich schreibe einen Agententhriller. Das ist das Problem beim Exposé. Man schreibt reine Handlungsstränge auf und weiß im Endeffekt nicht, wie man es mit Leben erfüllt. Es ist vergleichbar mit einem Drehbuch. Wenn ich Drehbücher von bekannten Filmen lese, denke ich immer, das da was fehlt. Es ist nur das Handlungsgerüst, höchstens noch die Dialogvorgabe. Die Inszenierung passiert an anderer Stelle. Man braucht erst einmal einen Fahrplan. Mein Fahrplan ist jetzt fertig und schlummert auf einem USB-Stick. Ich hoffe, Henni nimmt sich bald die Zeit und liest diese fünf Seiten. Ich freue mich auf ihre Rückmeldung. Es ist das erste Mal bei einem meiner Projekte, das ich bei der Entstehung die Hilfe eines anderen in Anspruch nehme. Ich denke, das zahlt sich aus. Bis sie sich meinem Exposé gewidmet hat, werde ich mich anderer Dinge widmen. Wie z.B. der Entwicklung des Dialogs zwischen Shaw und Cherry-Garrard. Dafür ist viel Vorarbeit nötig. Im Augenblick arbeite ich daran, diese Vorarbeit in ein kleines Zwischenprojekt zu packen und mich von dem ursprünglichen Projekt zu lösen.

 

Wie, du weißt nicht, wie die Geschichte weiter geht!?

Nachdem Henni meine dritte Version gelesen hatte, entstand eine neue Diskussion. Ich konnte Henni nicht wirklich erklären, worum es in der Geschichte eigentlich ging. Ich konnte ihr nicht plausibel die Zusammenhänge zwischen Figuren und ihren Taten erläutern.

Literarischen Sinn ergibt sich nur, wenn eine handelnde Person ein Motiv für ihr Handeln hat und literarisch interessant wird es erst, wenn mehrere handelnde Personen mit verschiedenen  Motiven aufeinandertreffen. Und lesbar wird es erst, wenn es eine eindeutige Kausalkette gibt, die niemals abreißt. Viele schlechte Texte scheitern nicht an fehlenden sprachlichen Mitteln, sondern an mangelnder Kohärenz in ihren Kausalketten. 

Henni hat mich ertappt. Z.B. konnte ich nicht erklären, warum Alethea ein Roman über Scott schreiben will. Klar habe ich mir ein Motiv konstruiert. Sofia hat ihr es nahegelegt einen historischen Roman zu schreiben, um im Subtext eine politische Botschaft zu schreiben. Was für ein Quark. Alethea hat noch nie einen historischen Roman geschrieben. Ihre Leser erwarten von ihr Fantasygeschichten. Ihre Auftraggeber, eine staatliche Stelle, wird ihr das nicht erlauben, weil sie Angst hätten, dass sie daran scheitert, weil sie um die Fähigkeit ihrer Autorin wissen. Gleichzeitig braucht Alethea den Erfolg, um in der sozialen Hierarchie aufsteigen zu können. Sie kann es sich nicht leisten, auf eigene Faust ihren Stil zu ändern. Sie ist auf Gedeih und Verderb auf das Wohlwollen der staatlichen Stellen angewiesen und hat gar keinen Freiraum, um Sofias blöden Ideen zu folgen.

 Ich habe die ursprüngliche Idee meiner Frau vorgestellt und sie hat mir meine Kausalkette sofort zerlegt und gezeigt, dass sie in das Nichts einer schlechten Geschichte führt. Ich spürte, was mir fehlt: Ein Exposé. Ich musste mir erst einmal selbst klar machen, wohin meine Geschichte führt. Die Handlungsstränge mussten logisch sein und klar die Motive der handelnden Personen erkennen lassen. Mit einem Exposé ist das möglich. Vor allem kann ich die Kausalketten immer wieder bearbeiten. Wenn ich einen Roman schreibe und ich stelle mittendrin fest, dass es dringenden Änderungsbedarf gibt, kann man das Ruder kaum noch herumreißen.

 

Spielverderber

Zwei Wochen im Sommer haben wir in der Toskana verbracht. Inmitten einer träumerischen Landschaft, sanften Hügeln, milden Gelbtönen von Ocker bis Sand, flirrendem Sonnenlicht, mittelalterliche Ansichten und Weinberge bis an den Horizont. Die meiste Zeit des Tages haben wir inmitten einer stillen Waldidylle auf einer überdachten Terrasse unseres Ferienhauses verbracht. Die Ruhe habe ich genutzt, um weiter an meinem Roman zu arbeiten. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr weiter zu kommen und habe das erste Kapitel Henni zum Lesen gegeben. Meine Frau hat ein ambivalentes Verhältnis zum meinem literarischen Schaffen. Gerade am Anfang unserer Beziehung schien es mir, als übe die Tatsache, dass sie einen Kerl kennt, der nicht nur ein Buch liest, sondern auch welche schreibt, einen gewissen Reiz auf sie aus. Damals hatten wir in jeder freien Minute eine Buch oder eine Zeitung in der Hand. Es gibt Fotos aus unserer Anfangszeiten, wo wir beide still versunken in unserer Lektüre am Frühstückstisch sitzen. Das ist echte Liebe. Und da fangen ja immer die Probleme an. Schreiben kostet Zeit. Autoren sind Eigenbrötler und wenn sie Schreiben, wollen sie dabei nicht gestört werden. Also musste Henni meine mürrischen Abweisungen in meinen Arbeitsphasen ertragen. Sie wurde zum Opfer meiner egomanischen Schreiborgien. Leider war das Ergebnis nicht so, dass sie das hätte verschmerzen können. Wäre es mein Beruf und ich könnte damit die Familie ernähren, wäre ihr meine Abwesenheit während meiner Anwesenheit am Laptop egal. Leider ist es immer ein für alle Seiten unbefriedigendes Hobby geblieben. Deswegen ist es schwer, von ihr Anerkennung zu bekommen. Das letzte Lob erhielt ich von ihr, als meine Kurzgeschichte in der epubli-Anthologie erschienen war. Euphorie sah übrigens anders aus.

 Jetzt hatte sie mein erstes Kapitel gelesen und abends, es war schon die Sonne hinter den Hügeln verschwunden, äußerte sie ihre vernichtende Kritik. Meine Romane seien unlesbar. Sie seien nach ihrer Ansicht viel zu aufwändig erzählt. Man könne der Geschichte nicht folgen. Ich erklärte viel zu viel. Der Leser brauche viele Leerstellen, die seine Phantasie anregen und nicht ständig psychologische Ausführungen, warum einer etwas mache. Ich könne meine Romane eigentlich verbrennen. Sie seien absolut sinnbefreit. Aber meine Kurzgeschichten seien sehr gut. Ich solle entweder nur Kurzgeschichten schreiben oder Romane, die wie meine Kurzgeschichten sind. Nach der Kritik trank ich mein Glas Chianti sehr schnell aus und formulierte angefressen meine Gegenkritik. Menschen, die selbst einen hohen intellektuellen Anspruch an sich haben (dabei ist es egal, ob sie ihn erfüllen können oder nicht) reagieren bei der leisesten Kritik wie eine beleidigte Leberwurst und versuchen den Kritiker jegliche Kenntnis der Materie abzusprechen. Meine Frau ist an der Stelle ziemlich mitleidslos. Es prallt alles an ihr ab. Sie lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. Also müsste ich nach dem Genuss einer halben Flasche Wein begreifen, dass ich selbst eine Flasche bin. Ich war ziemlich beleidigt und reagierte die nächsten Tage sehr eingedrückt, bis ich begriff, dass sie es gut mit mir meinte und nur das Beste aus mir heraus holen wollte. Ich nahm mir ihre Kritik zu Herzen und schrieb innerhalb weniger Tage die dritte Version des ersten Kapitels. Ich ging mit ihr Abschnitt für Abschnitt durch und sie fand es akzeptabel. Ich hatte mich auf die wesentlichen Elemente der Erzählung konzentriert und alles Überflüssige mit der Löschtaste aus meinem Roman heraus gekickt. Unter der Prämisse, dass der Leser neugierig werden soll, weil er nur Andeutungen erhält, habe ich meine sehr ausschweifenden Ausführungen über den Ökostaat und dessen Struktur herausgeworfen. Auch habe ich den langatmigen Abschnitt über Aletheas Entwicklung zur Schriftstellerin entfernt. Darin waren auch Äußerungen über die Geschehnisse, die zur Entstehung der Gesellschaftsform führten, enthalten. Ich habe viel Platz verwendet, um zu erzählen, wie Alethea mit der offiziell nicht existenten Madenopposition in Berührung kommt. Diesen Teil werden ich noch einmal aufarbeiten müssen. Dabei ist die Begegnung von elementarer Bedeutung, denn sie ist Teil der Dramaturgie. Allerdings sollte ich es nicht wie eine Räuberpistole schreiben. Auch beim letzten Teil, den Besuch bei Sofia, werde ich mir noch etwas einfallen lassen müssen, um es in den Rahmen der Geschichte besser einpassen zu können.  

 

Prognose

Die Prognose

 

Dunkelheit

zieht durch die Wohnstuben.

Die letzten Jahre meiner Jugend

verlieren sich in Finsternis.

Viel schwerer

als der Verlust meiner Jugend,

wiegt das Gewicht der Prognose.

Die Prognose der Geschichte,

die besagt,

das sich alles zum Schlechten wendet,

und nichts zum Guten

 

Katastrophen finden ihren Anfang

in beiläufigen Handlungen.

Der Wettermann kündigt den Sturm an

und niemand sucht Schutz,

sondern verliert sich in den Geschäften des Alltags.

Erst wenn der Winter

in die Herzen deiner Liebsten einzieht,

ihre Antlitze zu Stein gefrieren,

ihre Münder sich verschließen,

ihre Blicke sich senken,

Erfüllt sich die Prognose

und wird zur Prophezeiung.

 

Doch dann ist es für alle zu spät.

 

 

Neuanfang

Ich habe von nochmals ca. 35 Seiten geschrieben. Das erste Kapitel ist damit grundsätzlich in einer ersten verwertbaren Form abgeschlossen. Die in den vorherigen Beiträgen dargestellten Kritikpunkte konnte ich zum großen Teil in das neue erste Kapitel einarbeiten. Ich denke, dass ich einen besseren Ton gefunden habe, um Alethea über sich sprechen zu lassen. Sie als Ich-Erzählerin berichten zu lassen, fühlt sich für mich sehr gut an, obwohl ich anfangs immer wieder in eine  andere  Perspektive zurück gefallen bin. Mittlerweile verstehe ich sie, kann ihr zuhören, nehme die Fäden auf, wie sie sie vorgibt. Alleine durch ihre Beschreibungen finde ich Anknüpfungspunkte, um die Story voran zu treiben. Auch die anderen Figuren, Dr. Malinowski und Sofia haben jetzt mehr Substanz. Damit sind die ersten Schritte zu einem kompletten Roman gemacht und trotzdem bleibt das erste Kapitel nur eine Arbeitsvorlage. Ich habe wie ein Bildhauer die ersten überschüssigen Stellen aus dem Felsen herausgehauen und habe trotzdem nicht mehr als eine Form heraus gearbeitet, die mir die Möglichkeit gibt, mich zu orientieren.

 

 

Falsch angefangen

Ich habe 32 Normseiten geschrieben. Zum ersten Mal schreibe ich von Anfang an im Normseitenformat. Somit kann ich den Umfang des Romans abschätzen. Ich will keinen Wälzer schreiben. Mein erster Roman gestaltete sich zu ausufernd und weil ich damals kein Ende fand, lege ich mir seither eine Selbstbeschränkung von maximal dreihundert bis vierhundert Normseiten auf. Fünfhundert oder mehr Seiten kann ich nicht im Zaum halten. Zudem hat das Auswirkung auf die Vermarktung. Selten werden Debüts mit tausend Seiten verlegt. Diese Selbstbeschränkung hilft mir auch in sprachlicher Hinsicht. Ich muss mir eine Sprachweise überlegen, die sinnvoll verknappt.

 Ich hatte ja bei meiner Untersuchung der Sprachstile herausgefunden, dass ein Icherzähler auf subjektive Art und Weise die Geschichte schildert. Für die Ebene der Zukunft passt das hervorragend. Für die anderen Ebenen nutze ich einen allwissenden Erzähler, der eine Objektivität vortäuscht, die nicht wirklich gegeben ist. Somit wird auch die Trennung der Ebene am Anfang deutlich. Der Leser soll glauben, dass es um drei verschiedene Geschichten geht, die keine Berührungspunkte haben.

 Nach 32 Normseiten habe ich festgestellt, dass ich weder aus der Ich- noch aus einer subjektiven Perspektive heraus geschrieben habe. Ich kann noch einmal von vorne anfangen. Ich mag den Text auch nicht lesen, weil er mir schmerzlich klar macht, dass ich die richtige Sprache noch nicht gefunden habe.

Hier ein Beispiel:

Wenn ihr nichts einfällt und sie unter Druck steht, glaubt sie zu verstehen, wie sich ihr Vater sein ganzes Leben lang gefühlt haben muss. Für sie sind es kurze Phasen. In zwei Minuten spätestens werden mindestens drei kluge Ideen aus ihrem Hirn sprühen. Deswegen wollte sie Autorin werden. Sie war angewiesen auf die Veränderung, auf die Aufgaben, die man ihr stellt. Sie konnte ihre Klugheit anwenden und wie einen Brunnen neu anzapfen. Sie wusste, dass der Brunnen versiegt, wenn sie ihn nicht ständig anzapft. Sie wusste aber auch, dass der Grundwasserspiegel sich spätestens nach einem Dürrejahr senkte und den Brunnen für immer trocken legte. 

 Wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich ausgedörrt. Es gab keinen Regen mehr, keine Niederschläge auf Papier. Nur Ideen voller Esprit, keine Geschichten mehr. Sie tröstete sich damit, dass wenn der eine Brunnen versiegte, sie einfach einen neuen bohrten könnte.

 

Das klingt weder geschmeidig, noch schlüssig. Die Bilder sind unpassend. Die Sätze sind zu voluminös und beschreiben fast nichts. Dabei muss durch Sprache und Textgestaltung zum Ausdruck gebracht werden, dass der Druck, der auf Alethea lastet, sie fast zerreißt. Sie sitzt einsam und hilflos in der Einöde und weiß nicht, wie sie ihr Vorhaben umsetzen soll, obwohl   ihre gesamte Existenz mit dem Vorhaben verknüpft ist.

Der Inhalt des ersten Kapitels

Soll ich mich jetzt darüber auslassen, wie wichtig das erste Kapitel für den Erfolg eines Romans ist? Diesen Allgemeinplatz kann ich ohne weiteres unter den Tisch fallen lassen. Wer liest ein Buch weiter, wenn der Anfang öde und langweilig ist? Niemand! Und trotzdem setzen viele Autoren im ersten Kapitel zum schriftstellerischen Selbstmord an. Meines Erachtens muss das erste Kapitel einen griffigen Einstieg in die Geschichte bieten. Man darf sich nicht lange mit verbalen Ausschweifungen aufhalten. Der Leser soll erst einmal verstehen, worum es überhaupt geht. Er möchte die Hauptpersonen kennenlernen und ihr Probleme, dass man in dem Buch behandeln will. Der Leser wird sich tödlich langweilen, wenn ich am Anfang das ganze Pulver verschieße und er am Ende des Kapitels schon das Ende des Buches erahnt. Man kann den Roman mit einer Explosion oder heftigen Paukenschlägen beginnen oder man schleicht sich allmählich an das Thema heran, wie eine Wildkatze an seine Beute. Trotzdem müssen am Ende die Hühner gesattelt sein, mit denen man in den Sonnenuntergang reiten möchte.

Wie sieht mein erstes Kapitel aus? Alethea Cumberland hat es in das Luxushotel in der Antarktis verschlagen. Wir erfahren, dass sie eine bekannte Schriftstellerin ist, die mit Fantasyromanen populär geworden ist. Sie soll im staatlichen Auftrag ein Buch über Scotts Südpolexpedition schreiben und ahnt, dass sie daran scheitern wird. Ich mache den Lesern mit der Gesellschaftsordnung der Zukunft bekannt und beschreibe Aletheas gesellschaftliche Stellung als Emporkömmling. Alethea erfährt erst am Morgen nach der Ankunft, dass sie der einzige Gast im Hotel ist. Beim Frühstück stellt sich ihr Dr. Malinowski vor. Er ist der Hoteldirektor und lebt seit fünfundzwanzig Jahren in der Forschungsstation. Er versucht Alethea zu unterhalten und sie bei Laune zu halten. Sie besuchen gemeinsam Scotts Hütte und Alethea berichtet ihm, welchen Auftrag sie hat. Malinowski ist begeistert, weil er die Geschehnisse um Scott sehr genau studiert hat und bietet ihr seine Hilfe an. Im Rückblick gewähre ich dem Leser Einblick in die Vorgeschichte zu Aletheas Aufenthalt am Südpol. Vorher ist sie zweimal einem Anführer der Madenopposition begegnet, der sie aufgefordert hat, sich am politischen Umsturz zu beteiligen. Zudem hat ihre älteste und einzige Freundin

Sofia dazu aufgefordert, auf die Avancen der Opposition einzugehen. Denn sie hat als berühmte Schriftstellerin eine politische Verantwortung. Um sie zu bestärken, schenkt sie ihr eine Autobiographie von George Bernhard Shaw.