Ein Ausflug – Die Documenta 14 – Teil 1

Kunst ist die Kunst, Selbstverständlichkeiten mit schwarzer Farbe zu übergießen, dabei die Suche nach Transzendenz zu simulieren und  sich in seiner angeblichen Katharsis zu suhlen.  Geh nach Kassel, in die nordhessische Provinz, und erblicke die Welt da draußen, bis sie dir übel hochkommt und dir klar wird, dass nicht Mangel, sondern der Überfluss den Brechreiz erzeugt. Du kannst es ausspeien, ein paar bittere Tränen vergießen, Mitleid heucheln und mit Selbstmitleid verwechseln. Spätestens wenn du mit hundertfünfzig Sachen auf der Autobahn der Heimat entgegenfliehst ist alles vorbei. Von dem Kunstereignis bleibt nichts übrig, außer dieses hohle Gefühl im Bauchraum, dass nach jedem Erbrechen übrig bleibt.

 So war die Documenta 14. Meine zweite Documenta. Die Documenta dreizehn bot mir viel Einfallsreichtum, Momente der Überraschung und Details, die wenigstens ahnen ließen, dass Gegenwartskunst und Humor sich nicht gänzlich ausschließen. Das sage ich nur, um kurz den Kontrast deutlich zu machen.

Feierabendverkehr zum Freitagabend während der Sommerferien auf der A 5 führt spätestens auf der Höhe von Alsfeld zu zähfließenden Zeitabrieb im Stau. Henrike versucht mir zu vermitteln, dass zwar Zeit, aber nicht der Abend verloren ist. Wenn wir um sechs Uhr ankommen, haben wir noch zwei Stunden, um uns auf der Documenta zu tummeln, anschließend etwas zu essen und bei einem Bier den Abend ausklingen zu lassen. Der Unfall, ein Menetekel, ein Zeichen, dass den Reisenden zur Umkehr aufruft. Fahre nicht in die Höhlen des Hades und ziehe keine viertausend Mark ein, wenn du über die Stadtgrenze von Kassel kommst. Man sollte mich nicht falsch verstehen. Meine Ehefrau und ich hatten den größten Spaß. Wir waren das erste Mal seit Jahren länger als zwei Stunden zu zweit ohne Kinder und Verpflichtungen gemeinsam unterwegs. Wir sind ein Paar, das sich nach einer gepflegten Unterhaltung ohne Unterbrechung sehnt und einfach nur gemeinsam Zeit verbringen möchte. Der Umstand eine pathologisch depressive Kunstaustellung zu besuchen, verdirbt uns nicht den Spaß, sondern stachelt unsere gemeinsame Lust an, sich über die gestelzte Ernsthaftigkeit eines Kunstevents lustig zu machen. Und trotzdem geben wir den Kunstmenschen und ihren Objekten und Performances eine Chance. Schließlich suchen wir, wie alle Kunstfreunde, den großen Sinn in den Erzeugnissen der Gegenwartskunst und manchmal läuft es uns kalt den Rücken herunter, weil wir etwas gefunden haben, das uns beide gleichermaßen anspricht und entsprechende fast pathetisch zu nennende Emotionen in uns auslöst. Trotz aller Traurigkeit über die Schlechtigkeit dieses Universums gab es auch das auf Documenta Nr. 14.

Gegen achtzehn Uhr sind wir im Hotel angekommen. Wir sind die Stadtguerilla unter den Touristen, die die Funktionsweise einer Stadt kennt und sich blitzschnell den Gegebenheiten anpassen kann, um nicht aufzufallen. Zwei Punkte gilt es in Erfahrung zu bringen: Wo sind wir und wie kommen wir möglichst schnell mit öffentlichen Verkehrsmitteln an den Ort des Geschehens? Das Hotel liegt unterhalb des Weinbergs am Ende der Karlsaue. Die Straßenbahnstation liegt ungefähr zweihundert Meter vom Hotel entfernt. Dort hält die Tram, die uns mitten in das kleine aber kräftige Herz dieser heimlichen Metropole Nordhessens bringt. Woher ich das weiß? Man fragt einfach an der Rezeption nach. Wenn ich das Handbuch für die Stadttouriguerilla schreiben sollte, wäre dies der Punkt eins.

Um halb sieben sind wir am Friedrichsplatz, dort wo der Pantheon of Books, das Friedericanium, die Documentahalle und unterhalb die Orangerie und die Karlsaue auf uns warten. Die eigentlichen Hotspots der Documenta. Und trotz meinem Geunke über die Documenta 14 kann ich nur sagen, dass den Veranstalter eines gelungen ist: Die Dominanz dieser traditionellen Orte aufzubrechen und die ganze Innenstadt mit Kunst zu bespielen. Die Documenta hat diesmal unzählige Außenstellen zu bieten, den alle ein besonderer Reiz eigen ist. Die Morbidität kahler Betonwände, verlassener Lagerräume, entkernte Gebrauchsbauten, den man mit der Documenta das letzte Aufbäumen ermöglicht, um dann wieder in die Bedeutungslosigkeit oder unter der Abrissbirne zu verschwinden.

In der Documentahalle findet man abgegriffene alte Klassiker der Gegenwartskunst. In Parterre wird ein bedeutender Teil des Ausstellungsraumes genutzt, um das Werk der Tänzerin Anna Halprin zu würdigen, die mit ihrem Mann Laurin, einem Landschaftsarchitekten, in freier Natur eine Tanzfläche errichtet hat, um für diesen Ort Choreographien zu entwickeln. Allerdings hat ihr Ensemble auch Autos von innen und außen betanzt und sie hat wohl das heilende Tanzen erfunden. Das alles hat sie vor vierzig oder fünfzig Jahren erschaffen. Nebenan sind der Flur und ein Raum einem afrikanischen Musiker gewidmet, dessen Fender Telecaster an der Wand lehnt, als hätte er sie auch vor mehreren Dekaden dort vergessen. Im ersten Stock, über eine schmale Treppe, erreicht man kleine Räume, in denen einem griechischen Komponisten gehuldigt wird. Auch sein Schaffen fand seinen ersten Höhepunkt i siebenten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts. Wir lesen einen langen Artikel, in der er beschreibt, wie schwer es ihm als Komponisten fällt, Stücke ohne Ordnung zu schreiben, für den Zufall zu komponieren, um sich einer Protoperformance zu nähern. Im Hintergrund quillt aus kleinen Lautsprechern das Raunen eines Stimmenchors, der immer wieder in einem primitiven Kollektivschrei gipfelt. In einem großen Raum in Parterre hängen Bilder mit Farbfeldern, die schlampig ausgeführt wirken. Auch eher althergebrachte Mittel der Gegenwartskunst. Wir fotografieren die Farbfelder und überlegen uns, sie nicht zu Hause auf einer Leinwand nachzuahmen. Wir brauchen noch gediegene Kunst für unser Wohnzimmer. Dabei sind wir doch nicht im Ikea und auch nicht im Obi. Man kommt sich aber ein wenig so vor. Wir sind ermattet von so viel Museumsqualität und gehen in den Keller der Documentahalle. Meine Frau fotografiert die Treppenstufen, die hinab in die Tiefe des großen Ausstellungsraumes führen. Sie ist Bauingenieurin und kann sich vom Obi-Ambiente nicht lösen. In der großen Halle widerfährt uns naive Kunst. Eine Rentierzüchterin (Rentiere sind die heimlichen Wappentiere dieser Documenta) hat ein Wandbild genäht und darauf die Geschichte der Sami über gefühlte hundert Meter schmalem Stoffes dargestellt. Das Niveau des Bildes liegt auf Grundschulniveau. Henrike, nicht nur Baufrau, sondern auch in der Freizeit mit der Nähmaschine kreativ, findet das Bild gelungen. Mich erinnert das an eine Handarbeitsausstellung, die bei uns alljährlich in vielen Dorfgemeinschaftshäusern stattfindet. Daneben die Bilder eines afrikanischen Künstlers, die wesentlich professioneller wirken. Er malt auf Jute mit farbigen Sand. Schon etwas anspruchsvoller. Daneben leider eine riesige verfilzte Makramee-ampel. So etwas hat meine Mutter vor ca. 30 Jahren im Kleinformat geschaffen, um darin Blumentöpfe auf dem Balkon meines Elternhauses aufzuhängen. Doch wieder Kunsthandwerk für Amateure. Daneben hängen die Teile eines Flüchtlingsbootes. Einer der wenigen Objekte in diesem Raum mit aktuellem Bezug zur Zeitgeschichte. Der Künstler hat das Wrackteil mit rostigen Harfensaiten bespannt und kommt ab und zu mal vorbei, um auf dieser Harfe zu spielen. Henrike möchte gerne an den Saiten rumfummeln und hören, wie sie klingen. Inmitten der Halle eine schiefe Ebene aus Holz. Der nachempfundene Boden eines Pariser Theater. Dazu erfolgt der Hinweis, dass dies kein Kunstwerk sei. Okay, hatten wir fast vermutet, da die meisten Objekte in dieser Halle wenig mit Kunst zu tun haben. Am Ende des Saales eine künstlerische Würdigung des Indigo. Blau gefärbte Kleidungsstücke hängen von der Decke und darunter diverse Indigopflanzen. Indigo ist Kulturen übergreifend ein wichtiger Farbstoff gewesen. Daran soll das Ensemble erinnern. Mich erinnert es nur an die verzweifelten Versuche vieler bastelnder Hausfrauen in den achtziger Jahren mit gewachsten Stoffstücken den esoterischen Kampf gegen ihr langweiliges Hausmütterchendasein aufzunehmen.  Dahinter ein Raum mit Fotos und einem Film, der mich überhaupt nicht interessiert. Viel interessanter ist es, dass die Angestellten der Documenta den Hintereingang aufstehen lassen haben und sie dort in einem kargen Hinterhof auf einem Flecken Gras stehend ihrer Tabaksucht nachkommen. Ich will schon dort rausgehen. Allerdings haben wir noch den Folterkeller der Documentahalle vergessen. Es geht noch tiefer runter. Und eigentlich soll dort eine Performance stattfinden, die nur Erwachsene sehen dürfen, die aber im Livestream im Internet übertragen wird (machen die das von der Documenta dann auch wie bei den Pornos? Sind sie 18. drücken sie auf das grüne Schaltfeld und kommen weiter. Sind sie minderjährig drücken sie auf das rote Schaltfeld und sie sind draußen.) Die Künstler machen eine Pause und wir entkommen irgendetwas höllisch Aufregendem. Wir gehen wieder hoch und unterhalb der Parterreplattform gibt es noch einen Ausstellungsraum. Wir betreten ihn und ups! Erinnern sie sich noch an die vielen Filmamateure, die mit dem Medium Video so wunderbare Filmwerke schaffen konnten, indem sie Videokassetten mit langweiligen Livebildern ihrer Familienfeiern gefüllt haben. Die Bilder rauschen, dazwischen magnetische Entladungen, die als Streifen das Bild stören usw. Genauso solche Filme zeigt man hier. Große Videokunst aus vergangenen Tagen. Ist dies am Ende das Documentamuseum? Haben wir uns verirrt? Noch mehr alte Kunst im Raum hätte uns fast davon abgebracht weiter zu schauen. Denn in der letzten Ecke gab es noch eine neue Videoinstallation. Tänzer, die in Folie ein- und ausgepackt werden, die dabei sich unterhalten und rauchen. Wir gehen raus und flüchten die Mahlertreppe herunter, um zur Orangerie zu gelangen. Dort sehen wir einen Film mit Mönchen, die in einer Kirche Lieder auf Kirchenslawisch singen. Ich bin wirklich sehr belesen und habe schon von vielen Dingen gehört. What the fuck means Kirchenslawisch. Wir flüchten wieder, geraten in eine Hochzeitsgesellschaft und überlegen kurz, ob das eine Perfomance ist. Schließlich finden wir den Ausweg in die Karlsaue und betrachten angestrengt die Blutmühle. Der südamerikanische Künstler hat eine Silbermühle aus seiner Heimat nachgebaut. In den Anden hat man diese Mühlen errichtet und wegen des Standortes in luftiger Höhe konnte die Mühle nur von indigenen Personal betrieben werden. Die Leute wurden ziemlich ausgebeutet. Soll das wohl bedeuten.

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7 Gedanken zu “Ein Ausflug – Die Documenta 14 – Teil 1

  1. Jede Gesellschaft kriegt die Kunst vorgesetzt die sie verdient. Sie spiegelt die Verhältnisse. (Abwandlung bekannter Sätze.)

    • Mein Verhältnis zur bildenden Kunst ist durchaus ambivalent. Da gibt es viel Licht und Schatten. Ähnlich wie bei der Literatur und auch bei der Musik werden einem oft nur der Schatten als Licht verkauft. Solche Veranstaltungen wie die Documenta haben durchaus ihre Berechtigung. Das wir eine solche Kunstausstellung in Deutschland haben, die für jeden leicht zugänglich ist, spricht für unseren Umgang mit Kultur. Allerdings kommt man sich dort manchmal vor, als handele es sich um ein Welterklärungsidyll ohne Folgen. Man schaut, goutiert und verschwindet wieder in seinen Alltag. Es gibt dort wenig von großer Relevanz, dass Denkmuster wirklich durchbrechen kann und da gebe ich dir recht: anscheinend haben wir es nicht besser verdient.

      • Na das ist ja interessant…damals war die Documenta ganz bestimmt eher ein Ereignis als heute…Dann habe ich das richtig verstanden? Du bist in Kassel aufgewachsen? Gab es da nicht mehr Berührungspunkte zur Documenta? Grüße und nochmals Danke für den Zuspruch Matthias

      • Dass das ein Ereignis war, das kann man wohl so sagen. Das mit der Bekanntschaft zur documenta war in den 70ern. Ich bin nicht in Kassel aufgewachsen, nicht mal in der Stadt aus der wir kamen. Der eine Kumpel hatte gerade ein Auto zur Verfügung. Aufgewachsen bin ich etwa 250 km weiter westlich. Ich hatte bis dahin noch nie was von der documenta gehört. Und Kassel sagte mir auch nichts. Den Joseph Beuys, das war der einzige Name den ich kannte.
        Viele Grüße auch an dich, mick.

  2. Schöner Verriss, sehr gekonnt geschrieben – meinen herzlichen Dank für den Einblick. Habe die Documenta nicht besucht, aber interessiert die Berichte verfolgt. Scheint wirklich weniger künstlerisch als arg moralisch zu sein … Dennoch würden mich natürlich die positiven Beispiele interessieren – was hat Euch denn „… beide gleichermaßen angesprochen“?
    Liebe Grüße!

    • Vielen Dank für das Kompliment!!! Es ist natürlich ein subjektiver Einblick. Viele der Kunstwerken haben eine krampfhaft moralische Note. Das ist bei der vorherigen Documenta vollkommen anders gewesen. Es gab mehr spielerische Ansätze und auch ironische Verweise auf die Gegenwart. Die Documenta ist immer einen Besuch wert. Alleine, das es sie in dieser Form gibt, ist bewundernswert. Was hat uns angesprochen? Wenn du den zweiten und dritten Teil meines Berichtes gelesen haben wirst (stelle ich heute und morgen in meinem Blog zur Verfügung) sollte sich die Frage von selbst beantworten. Wenn nicht, frag mich gerne noch einmal…freue mich immer gerne über jede Rückmeldung. Auch von mir Liebe Grüße!

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