Roman drei – willkommen in der Eiswüste

Bildergebnis für McMurdo-Sund

Mein ursprünglicher Anlass für den Blog, war es die Entstehung meines Romans „der letzte Mensch“ zu dokumentieren. Seit fast anderthalb Jahren habe ich an dieser Stelle nichts mehr dazu geschrieben. (In die Tonne kloppen…., Dialog mit Johanna Sommer – Leben in der Zukunft Dialog mit Johanna Sommer – Therapiestunde)

Nun da ich endlich mit Roman Zwo fertig bin und mein private Lektorin sich um alle möglichen Dinge aber nicht um meinen Roman kümmert,  kehre ich wieder zu meinem ursprünglichen Romanprojekt zurück.

Wie weit war das Projekt gediehen?  Grundsätzlich sollte der Roman aus drei Teilen bestehen. Der erste Teil handelt von der Protagonistin Johanna Sommer, die aus der Zukunft heraus, ihr Kindheit und Jugend beschreibt. Der erste Teil endet mit dem Abschied von ihrem Vater. Johanna hat das Abitur abgeschlossen und verlässt für ihr Studium das ungeliebte Elternhaus.

Im zweiten Teil geht es darum, das Johanna Sommer mit ca. vierzig Jahren in die Antarktis geht, um dort ihren langgehegten Plan zu verwirklichen, einen Roman über Scotts letzte Südpolexpedition zu schreiben. Sie hat die Absicht mit ihrem Roman, die Welt zu verändern. Eine größenwahnsinnige Absicht und fixe Idee, die sie nur mit einer Prophezeiung untermauern kann, die ihr Johanna von Orleans in ihrer Jugend im Traum überbracht hat.

Der Inhalt des dritten Teils bleibt mein kleines Geheimnis. Um ihn werde ich mich kümmern, wenn ich den zweiten Teil abgeschlossen habe.

Den ersten Teil habe ich mehrfach überarbeitet. Mit 212 Normseiten ist er mir immer noch zu lang. Ich wollte wieder dreihundert bis dreihundertfünfzig Normseiten für den Roman verwenden und Teil eins und zwei sollten ungefähr gleich lang sein. Der dritte Teil soll nicht länger als 20 bis 30 Seiten sein.  Also stehe ich wieder vor der Frage: wie dick darf der Schinken denn sein? Der Metzger sagt: darf es ein bisschen mehr sein. Der Autor und sein privates Lektorat sagen: So viel fettes Fleisch sorgt nur für Übergewicht und Bluthochdruck.

Ich schreibe total gerne und wenn ich Thomas Pynchon wäre, könnte ich auf die Seitenzahl einen Scheiß geben. Aber ich bin nicht Thomas Pynchon. Bei einem Umfang von 350 Seiten kann ich gut den Überblick behalten. Aber ich kürze den ersten Teil vorerst nicht. Wenn das Gesamtprojekt steht, werde ich mich darum noch einmal kümmern. Mir bleiben also ca. 150 Normseiten für den zweiten Teil.

Ich hatte den zweiten Teil schon einmal begonnen und habe inmitten der Arbeiten festgestellt, dass er in Richtung Räuberpistole abgleitet. Um den zweiten Teil überhaupt schreiben zu können, habe ich es als wichtig erachtet, mich mit der Vorgeschichte auseinander zu setzen. Warum ist Johanna Sommer in der Zukunft so wie sie ist, mit all ihren Marotten und Widersprüchen? Der Leser soll Johanne kennenlernen und sich mit ihr identifizieren können, bevor er ihr in die Antarktis folgt.

Nun sitze ich seit einer Woche vor einem Blatt weißem Papier. Der schrecklichste Moment, den es für einen Autor gibt. Ich könnte es mir einfach machen und Johanna Sommer kann jetzt drei Wochen in einem Hotel sitzen und an einem Romanmanuskript schreiben. Ha, ich habe sie beim Gähnen erwischt! Nicht schlimm, ich muss auch gähnen. Das will kein Mensch lesen.

Ich schildere noch einmal kurz das Setting für den zweiten Teil:

Die Welt ist in der Zukunft eine andere (Nein, nicht die neue Weltordnung und keine Reptilienmenschen und keine Elite, die kleine Kinder im Keller einer Pizzeria quält) Es ist nun einmal die Hochzeit der Dystopien und im Gegensatz zu den paranoiden Wutbürgen kann man als Autor immer noch die klassische ernst gemeinte Projektion der Gegenwart in die Zukunft betreiben, um die Aufmerksamkeit der Leser zu bekommen. Die Gesellschaftsordnung, wie wir sie kennen, wird es nicht mehr geben. Nach den Jahren des Chaos und der Unordnung sehnt man sich nach Ruhe und hat deswegen die Macht den Algorithmen überlassen. Zumindest nach außen hin. Im Prinzip ist es nur die digitale Version des Gottesstaates. Jegliche Macht überlässt man Gott. Da er aber nun einmal nicht direkt zu den Menschen spricht, haben die Menschen die Macht, die sich als Stellvertreter Gottes auf Erden verstehen. Es geht um Legitimation von Politik. Die Gefahr besteht in unserer Gegenwart, dass sie wegbricht. Die Demokratie wird als Katastrophe empfunden und daher sucht man nach anderen politischen Systemen. In der Zukunft wird der digitale Staat dem Menschen alles abnehmen und die Menschen geben gerne ihre Freiheit her, um vermeintlich in Ruhe leben zu können. 

Johanna Sommer wollte immer Schriftstellerin werden und ist nur Ghostwriterin geworden. Sie ist Teil des Systems geworden, indem sie oberflächliche Geschichten für einen Staat schreibt, der mit diesen Geschichten die Bürger ablenken will. Johanna hat immer davon geträumt, über Scotts Südpolexpedition zu schreiben. Sie ist fasziniert von der Antarktis und von der Person Robert Falcon Scott. Leider ist die Antarktis nicht mehr der unbekannte Kontinent, den Scott bei seinen Expeditionen erforschen wollte. Der Mensch konnte die Antarktis nie vollständig erobern. Aber alleine schon der Klimawandel hat die Antarktis zugesetzt. Außer Forschungsstationen gibt es keine menschlichen Siedlungen dort, auch nicht in der Zukunft. Es wird immer ein menschenfeindlicher Ort bleiben. Allerdings gibt es in der Zukunft Touristen in der Antarktis. Nachdem sie alle den Mount Everest bestiegen haben, wollen Sie bis zum Südpol rennen. Daher gibt es ein Hotel im MC-Murdo-Sund. Der MCMurdo-Sund war der Ausgangspunkt für Scotts Expeditionen und soll auch für Johanna der Ausgangspunkt sein, um ihren Roman zu schreiben. Sie ist dorthin geflüchtet, weil ihr der Staat nicht die Möglichkeit gibt, etwas anderes als den Müll zu schreiben, den sie sonst schreiben muss. Im Prinzip wird alles, was nicht vom Staat und den Algorithmen initiiert wird als staatsschädigend empfunden. Jede Abweichung von den Vorgaben führt zur sozialen Ächtung oder zu einer Bestrafung.

Jetzt sitzt sie da in ihrem Hotelzimmer und will schreiben…was soll aber da spannendes passieren? Meines Erachtens ist es ganz einfach. Der Staat und ihrem Leben in diesem Staat kann sie nicht entkommen. Auch in der Antarktis wird sie mit ihren Dämonen und deren Stellvertretern kämpfen müssen.

Aber wie soll man das möglichst spannend und mit dem entsprechenden Tiefgang erzählen? Diese Frage stelle ich meinem geneigten Publikum. Ich habe natürlich ein paar Ideen, aber ich möchte mich auch gerne mal inspirieren lassen. Wer also eine Idee hat, möge sie mir in die Kommentare schreiben. Ich nehme alle Hinweise auf und freue mich auf eine lebhafte Diskussion.

8 Gedanken zu “Roman drei – willkommen in der Eiswüste

  1. Gestern hatte ich eine erschöpfende Diskussion mit einem Sohn darüber, ob diese Staatsform in Zukunft gewünscht sein wird. In allen Aspekten halte ich das für brandgefährlich. Das aber nur nebenbei.
    Bestrafungen in einem solchen Staat der totalen Kontrolle können von der Verweigerung von Zugkarten, Verbot eigener Fahrzeuge, Abstellung der Versorgung, Sperrung des Internets und Zugangs zu Informationen sowie Sperrung des Zugangs zu Finanzmitteln ja alles sein. Daher ist die Frage, ist deine Hauptperson bereits auffällig geworden? Dann bliebe ihr nur die Flucht zu Fuß. Oder war sie klug genug, unauffällig zu bleiben und sich im Rahmen eines Urlaus abzusetzen? Aber auch dann kann sie nicht allzu lange im Hotel bleiben, muss also eine Art Unterschlupf finden. Oder eine Untergrundbewegung,die es in ähnlichen Systemen immer gibt.
    Wenn der Mensch nur noch kontrollierbares, austauschbares Bauteil für Wirtschaftswachstum ist, zum Einen durch Konsumieren, zum Anderen durch Produzieren und ohne jede Individualität, wer würde sich trauen, das geplante Buch zu lesen? Existiert auch dort eine Art Darknet? Welches Ziel wird damit verfolgt? Soll ein Umdenken bewirkt werden?
    Wie sind die Bildungsorte organisiert, gibt es Ausgrenzungen, Berufsverbote? Werden fertige Denkmodelle auswendig gelernt? Welche Berufe existieren überhaupt noch? Ganz wichtig zur dauerhaften Ruhigstellung einer solchen Gesellschaft sind Spiele, auch um Aggressionen abzubauen. Möglichst mit Abstimmungen, um die Illusion von eigerner Kontrolle aufrecht zu halten.
    So, das war`s, was mir so spontan eingefallen ist. Vielleicht bringt es dir ja was.

    • Vielen Dank für deine Gedanken! Auf jeden Fall bringen sie mir etwas. Es ist schon einmal eine Bestätigung für meinen Ansatz. Ich finde es auch brandgefährlich, die Demokratie in Frage zu stellen. Ganz bestimmt muss sie sich weiter entwickeln. Aber seit Jahren bemerke ich Tendenzen, die Teilhabe am politischen Geschehen als Last zu betrachten. Man will Ruhe haben. Man will sich um nichts kümmern müssen. Totalitarismus wird als Befreiung empfunden. Das ist der Grundgedanke meiner Geschichte: Was ist, wenn wir die Demokratie freiwillig aufgeben, weil wir sie als Last empfinden? Was machen die Menschen dann? Wer passt sich an? Wer hat einen Vorteil? Wer wird abgehängt? Wer hat das Nachsehen? Genau die Themen, die du genannt hast, habe ich für meine Figur auch angedacht. Glaubt sie nur selbst, dass das Buch die Menschen aufrütteln wird? Wird sie vielleicht zwischen die Fronten des Staates und einer Opposition kommen (die in jedem totalitären Staat vorkommt). Beide Seiten werden sie versuchen, zu Instrumentalisieren. Sie wird sich Verbündete suchen müssen, die ihr bei der Flucht helfen.
      Woran ich auch gedacht habe, ist das Brot und Spiele-Thema. Das es mit Abstimmung zu tun haben muss, als Ersatzhandlung für Wahlen, bin ich noch nicht drauf gekommen. Das ist eine Klasse Idee!!! Und eines steht fest: sie wird es niemals schaffen, ein Buch zu schreiben. Ihr Vorhaben wird kläglich scheitern. Alle wollen ihr ein Buch entreißen, dass sie gar nicht gibt!

  2. Brrrr … Dystophien sind immer so ein Thema für sich … :-/
    Früher hab ich sie verschlungen, da fielen auch Geschichten wie „Wir“, „Die Schule der Arbeitslosen“ oder die üblichen Klassiker drein.

    Es ist aber in deinem Fall tatsächlich die Frage nach dem Hintergrund. Eine gute Geschichte braucht ihren Raum und diesen gezwungen abzukürzen oder aufzublasen ist einer Story nicht unbedingt dienlich. Ein Festlegen auf eine bestimmte Seitenzahl ist vielleicht hilfreich, aber überleg dir, ob es wirklich sinnvoll ist, dich darauf zu „verbeißen“.

    Kommen wir zur Schreiberin.
    Sie ist in ihrem Hotelzimmer, sitzt vor einem leeren Blatt und denkt nach. Steht auf, setzt sich wieder nieder, steht wieder auf. Holt sich etwas zu trinken und zweifelt an sich selbst. So geht es doch vielen.
    Ihre Gedanken kreisen…
    Will sie wirklich schreiben oder oberflächlich bleiben? Will sie wirklich, dann schreibt sie, von tatsächlich veröffentlichen war nicht die Rede. Vielleicht sieht sie draußen einen Schatten und läuft dem nach, bis sie erkennt, dass ER es ist, über den sie schreiben möchte, quasi Robert Falcon Scott.

    **
    Es ist die Frage, wie du den Roman tatsächlich anlegen würdest und wohin du die Geschichte treibst.

    Vom Bauch heraus, wäre es eine interessante Idee diese Charaktere zu verknüpfen, quasi die „Mauer“ zu den Zeiten zu durchbrechen.
    Du könntest beispielsweise auch eine Verbindung herstellen, indem ein Nachfahre von Scott im Hotel arbeitet.

    Natürlich gibt es immer Möglichkeiten, ABER wissen wir wirklich, was alles unter dem Eis verborgen ruht? Vielleicht ist es ein Wesen, das lange schlief und jetzt in ihren Kopf eindringt und sie damit mit ihm verbindet, weil es ihn ebenso einst sondierte?

    Just-my-5-cent … 😉

    • Wow das ist total interessant, welche Ideen die Leser meines Blogs entwickeln! Vielen Dank für diese Inspiration. Ich gebe dir Recht: eine straffe Festlegung auf die Anzahl der Seiten macht keinen Sinn. Eine Richtlinie zu haben, finde ich schon wichtig. Wie du schon erkannt hast, die Geschichte braucht Raum und die Herausforderung besteht darin, dass rechte Maß zu finden.
      Ich bin schon ein wenig vernarrt in Dystopien. Ich denke sie helfen uns, die Gegenwart besser einzuordnen. Dystopien machen oft nichts anderes als aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu spiegeln und zu projizieren. Daher sind Dystopien meines Erachtens mehr der Gegenwart und des Realismus verpflichtet als der Zukunft. Im Prinzip war mein Ansinnen von Anfang an, ein Roman zu schreiben der Stellung zu gesellschaftlichen Entwicklungen nimmt. Was erwächst zum Beispiel aus sozialer Ungerechtigkeit, Undurchlässigkeit sozialer Klassen, Politikverdrossenheit usw. und zwar aus der Sicht von Betroffenen. Ich finde deine Idee, dass sich etwas unter dem Eis verbirgt, sehr interessant. Aber eher als Metapher und Bild und nicht im Sinne einer Fantasstory.
      Und ob du es glaubst oder nicht, die Verbindung mit der Vergangenheit, dass sie die Gegenwart durchdringt, hatte ich auch. Allerdings nicht in dem dann ein Nachfahre von Scott oder er selbst auftaucht. Das ist mir fast zu einfach. Scott soll ein Schatten bleiben, ein unnahbarer Mythos. Aber es wird im dritten Teil der Geschichte eine Verbindung geben, in dem Menschen, die ihn persönlich gekannt haben, Auskunft über ihn geben und somit eine Verbindung zu der Gegenwart meiner Geschichte herstellen.

      • Dystopien sind per se eine ausgesprochen spannende Sache 🙂

        Schreib deinen Hintergedanken – überleg dir aber auch, in welche Hauptrichtung du wirklich gehen möchtest.
        Konzentrierst du dich mehr auf die Figur, wird der Hintergrund mitunter verblassen, aber nicht verlorengehen.

        Warum sollte ich dir das nicht glauben? Lies deinen Text mit „fremden“ Augen, es schimmert durch 😉
        Ich mag historische Themen und von daher bietet sich das so wundervoll an.

        Wir leben in einer Ära, wo Eis schmilzt und weniger wird – und wir wissen alle, Eis konserviert. Was also liegt näher als so ein Gedanke? Übrigens find ich die Idee mit den Polen super – als Winterkind ist es wundervoll über Schnee und Eis zu lesen 🙂

        Alles in allem klingt es nach einer guten Idee – schreib sie!

      • Danke für deine Gedanken. Seltsamerweise ist mir jetzt erst aufgefallen, wie gut das Thema Antarktis in die Zeit passt… welch wunderbare Metapher: beim Schmelzen des Eises wird etwas verborgenes freigelegt… werde ich auf jeden Fall nutzen. Mittlerweile bin ich übrigens wirklich beim Schreiben angelangt und habe das Planen abgeschlossen.

      • das klingt doch einmal richtig gut 😉

        und hey – ich glaub, das Ergebnis wird richtig gut werden

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