Dialog mit Johanna Sommer – Therapiestunde

Nowak: „Frau Sommer, darf ich Sie duzen?“

Johanna: „Nein.“

Nowak: “Das ist schade!“

Johanna: “Warum ist ihnen das wichtig?“

Nowak: “Ich stelle die Fragen!“

Johanna: “Das stand nicht in unserem Vertrag!“

Nowak: “Warum ist Ihnen das so wichtig?“

Johanna: “Was vertraglich vereinbart war?“

Nowak: “Das Siezen.“

Johanna: “Weil es die typische Taktik von Männern ist,  um sich einen Vorteil zu verschaffen.“

Nowak: “Wie soll der aussehen?“
Johanna: “Wenn Sie mich duzen, werden sie irgendwann versuchen, zutraulich zu werden und wenn ich nicht aufpasse, habe ich ihre Hand auf meinem Knie.“

Nowak: “Aber die Me-Too-Debatte ist doch in ihrer Gegenwart schon mehr als zehn Jahre her? Die Welt sollte doch weiter sein und solche Missverständnisse zwischen den Geschlechtern gar nicht mehr möglich sein?“

Johanna: “Sie haben echt geglaubt, die Welt wendet sich zum Besseren? Sie haben nicht viel Ahnung von meiner Gegenwart.“

Nowak: “Naja, ich habe sie und ihre Zukunft entworfen.“

Johanna: “Ein Grund mehr sie nicht duzen zu wollen.“
Nowak: “Das müssen sie mir erklären?“
Johanna: “Aus vielerlei Gründen ist es gut, auf Distanz zu seinem Schöpfer zu bleiben.“

 Nowak: “Meinen sie das in religiöser Hinsicht oder spielen sie auf das unterkühlte Verhältnis zu ihrem Vater an?“

Johanna: “Sie sind doch mein Schöpfer, erklären Sie es mir?““

Nowak: “Witzig?!“
Johanna: “Mit Religion hatte ich noch nie etwas am Hut. Es missfällt mir etwas zu glauben. Ich will die Gewissheit der Erkenntnis haben.“

Nowak: “Ist es ihnen in ihrem Leben gelungen, Gewissheit zu erlangen.“

Johanna: “Natürlich nicht. Die Unsicherheit, das Abwägen vermeintlicher Argumente, ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Daraus resultiert mein Streben nach Gewissheit. Wenn ich nicht versucht hätte, Erkenntnisse aus meiner Erfahrung zu schürfen, wäre ich in die Falle der allgemein herrschenden Beliebigkeit getappt.“

Nowak: “Wie ihr Vater?“

Johanna: “Wie die meisten Menschen in meinem näheren Umfeld. Mein Vater war ein besonderes Exemplar Mensch.“

Nowak: “Im negativen Sinne?“
Johanna. “So habe ich das mein Leben lang geglaubt.“

Nowak: “Jetzt nicht mehr?“

Johanna: “Ich war sehr wütend auf meine Eltern und auch auf meine Schwester. Meine Mutter hat uns früh verlassen, mein Vater war immer mit sich selbst beschäftigt und meine Schwester hat mich gehasst. Ich habe lange geglaubt, dass sie gegen mich waren. Deswegen habe ich mich früh entschieden, ein auf mich bezogenes Leben zu führen. Ich habe mich nur um mich gekümmert.“

Nowak: “Das war aber nicht immer so?“

Johanna: “Sie haben Recht. Nach dem Verlust meiner Mutter hatte ich Angst, den Rest meiner Familie auch zu verlieren. Also habe ich alles unternommen, um diese Familie zusammen zu halten.“

Nowak: “Sie waren damals noch ein Kind. Konnten Sie überhaupt etwas dazu beitragen?“

Johanna: “Natürlich nicht. Aber ich habe alles gegeben. Es hat mein ganzes Leben geprägt. Ich hatte die fixe Idee durch Leistung und Anpassung aus meinem Milieu entkommen zu können und dadurch meine Familie beschützen zu können.“

Nowak: “Können Sie das genauer ausführen.“

Johanna: “Wenn Sie unbedingt darauf bestehen?“

Nowak: “Bitte.“

Johanna: “Wenn ich in der Schule die Klassenbeste war,  verschaffte es mir die nötige Reputation, um das Nachbohren von Lehrern und anderen staatlichen Autoritätspersonen zu vermeiden. Alle sagten: Gutes Mädchen, da ist zu Haus alles in Ordnung.“

Nowak: “Wann kam es zum Bruch?“

Johanna: “Als eine Frau vom Jugendamt zu Besuch kam. Meine Schwester hatte so eine Macke, die sich nicht verbergen ließ. Das plötzliche Abhandenkommen unserer Mutter hat sie traumatisiert. Heute kann ich es benennen. Sie hatte einen selektiven Mutualismus. Sie konnte nur unter gewissen Umständen sprechen. Das fiel natürlich in der Schule auf. Die Lehrer meiner Schwester hatten versucht, meinen Vater zu kontaktieren. Er hat alle Briefe und Anrufe ignoriert und so hat man uns das Jugendamt auf den Hals gehetzt. Ich habe das als Sabotage und Verrat empfunden. Den chaotischen Zustand der Familie vor dem Jugendamt zu verbergen, war mein Dienst an dieser Familie. Danach veränderte sich einiges im Verhältnis zu meiner Schwester. Sie zeigte mir gegenüber offen ihren Abneigung und mein Vater ignorierte mich.“

 Nowak: “Ihr Blick in Bezug auf das Verhalten ihres Vaters und ihrer Schwester hat sich aber mittlerweile geändert?“

Johanna: “Ich glaubte, meine Schwester die Mutter ersetzen zu können. Ich habe ihre Sehnsucht nach ihrer Mutter unterschätzt und sie bevormundet. Mein Vater fehlte die Fähigkeit sich anzupassen. Die verwaltete Welt, die Ordnung einer materialistischen und ökonomisch organisierten Gesellschaft, überforderte ihn. Er war abgestumpft und im Laufe der Jahre wurde er depressiv. Er konnte mir gar nicht helfen, weil er selbst Hilfe brauchte. Aber in dieser Welt gab es keine Hilfe für ihn. Ich wurde der Feind meiner eigenen Sippe, weil ich alles meinem Drang nach Anpassung untergeordnet habe.“

Nowak: “Diese Form der bedingungslosen Anpassung an gesellschaftliche Vorgaben hat ihr weiteres Leben stark beeinflusst?“

Johanna: “Auf jeden Fall. Ich konnte dadurch Erfolg haben.“

Nowak: “Wie schafften Sie das?“

Johanna: “Nach meinem Abitur begann ich zu studieren. Ich zog zu Hause aus. Mein Vater starb kurze Zeit später und meine Schwester war auf eine ähnliche Weise wie meine Mutter plötzlich verschwunden. Es gab also keine Verbindung mehr zu meiner Herkunft.“

Nowak: “Haben Sie nie nach ihrer Schwester gesucht?“

Johanna: “Warum sollte ich nach ihr suchen? Sie verabscheute mich und ich verabscheute sie. Die Auflösung der Verbindung zu meiner Herkunft empfand ich als Erlösung.“

Nowak: “Okay, wie ging es weiter?“

Johanna: “Ich hoffte mir durch das Studium eine akademische Grundlage zu schaffen und die nötigen Kontakte zu knüpfen, um als Schriftstellerin arbeiten zu können. Ich war auf einen guten Weg, veröffentlichte erste Texte, hielt Lesungen, gewann unbedeutende Autorenpreise und arbeitete erstmals an längeren Texten. Ich war eine mustergültige Studentin, absolvierte Prüfungen mit Bestnoten und war der Liebling meiner Professoren. Es sah gut aus. Ich hatte mich auf eine Karriere im Literaturbetrieb eingestellt. Ich war bereit, ein Teil der Kulturindustrie zu werden. Mein größter Traum, der mich seit meiner Kindheit begleitete, wurde Wirklichkeit. Dann kam für mich völlig unvorhergesehen ein gesellschaftlicher Umbruch, der meine Pläne zunichtemachte. Die politischen Veränderungen in unserem Land nahmen mir alle Chancen auf einen Aufstieg. Die politische Klasse war nach jahrelangen Kampf bereit, die Demokratie aufzugeben. Man war müde geworden und angeekelt von dem ganzen Schmutz der die letzten Jahre hochgespült wurde. Man gab der individuellen Freiheit die Schuld und viele Menschen waren bereit, sie aufzugeben. Sie versprachen sich davon Ruhe und Frieden. Wie so oft in totalitären Systemen waren die Intellektuellen und Akademiker die ersten Opfer. Von einem auf den anderen Tag musste ich das Studium aufgeben.“

Nowak: “Wer hat sich den so etwas ausgedacht?“

Johanna: “Sie haben doch den Roman geschrieben. Sie waren das.“

Nowak: “Klingt jetzt nach Vorwurf.“

Johanna: “Klar hätten sie auch einen schönen Roman über Freundschaft, Zuneigung und Liebe schreiben können. Dann ginge es mir jetzt besser.“

Nowak: “Puh. Das tut mir leid.“

Johanna: “Sie hatten ganz bestimmt ihre Gründe.“

Nowak: “Soll ich mich jetzt erklären?“

Johanna: “Da wir sozusagen Kollegen sind, empfehle ich ihnen, es zu lassen. Autoren, die erklären, warum sie etwas geschrieben haben, sind meistens keine guten Schriftsteller.“

Nowak: “Können Sie es erklären?“

Johanna: “Ich vermute mal, sie sind ein kleiner Pessimist und erwarten immer die schlimmste Wendung.“

Nowak: “Manchmal ja. Allerdings glaube ich auch daran, dass der Mensch an sich alles zu einem guten Ende bringen kann. Sonst wäre jede Form des künstlerischen Ausdrucks sinnlos.“

Johanna: “Machen sie mir keine falschen Hoffnungen. Ich erwarte kein gutes Ende für mich.“

Nowak: “Jetzt sind sie der Pessimist.“

Johanna: “Das haben sie mir zugeschrieben.“

Nowak: “Genauso wie ich, können sie einer solchen Welt, in der der einzelne entmündigt wird, nichts abgewinnen.“

Johanna: “Es hat lange gebraucht, bis ich verstanden habe, was eigentlich passiert war. Schließlich musste ich für mir mein Leben nochmals erkämpfen.“

Nowak: “Sie waren es immerhin gewohnt. War ihre Kindheit und Jugend doch schon ein Kampf.“
Johanna: “Das hat mich aber nicht zu einem besseren Menschen gemacht. Im Gegenteil: ich wurde ein wichtiges Teil dieser erbärmlichen Idee vom entmündigten Menschen, der freiwillig alle Möglichkeiten zur Entfaltung aufgegeben hatte.  

Nowak: “Erzählen Sie weiter. Was kam nach dem abrupten Ende ihrer akademischen Bemühungen?“

Johanna: “Wollen Sie dem Leser wirklich alles verraten?“

Nowak: “Warum nicht?“

Johanna: “Weil dann keiner mehr das Buch liest.“

Nowak: “Wer liest schon meine Bücher?“

Johanna: “Sie sind scheußlich!! Da unterscheiden wir uns.“

Nowak: “Na wenn sie über die Handlung nicht sprechen wollen, dann lassen sie uns doch etwas über den Hintergründe zu ihrem Aufenthalt am McMurdo-Sund kommen.

Johanna: “Sie nehmen doch schon wieder einen Teil der Handlung vorweg!“

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