Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Lazarus

Das blöde Virus hat uns die halbe Theatersaison geklaut. Wir waren Anfang März das letzte Mal im Theater und in der neuen Saison werden die Stücke nachgeholt, die wir Abonnenten verpasst haben. Mal abgesehen von der etwas schrägen Kommunikation per E-Mail (äh? Was? Ich verstehe nix!) hat sich der Verwaltungsapparat unseres Lieblingstheaters gut um uns gekümmert. Auf Nachfrage hat man uns das Procedere erläutert und uns gleich Karten für Nachholtermine zur Verfügung gestellt.

Ein paar Tage vor der Aufführung habe ich eine Mail mit Anweisungen bekommen: “Unten sehen Sie den Bereich, in dem sie sich einen Platz aussuchen müssen.“ Ich schaue auf das Ende der Mail und es taucht ein grüner Balken auf. Darin in schwarzen Buchstaben: „links grün.“

Wie haben die Kenntnis von meiner politische Gesinnung erlangen können? Ich wollte noch in Theater nachschauen, ob es für die entgegengesetzte politische Überzeugung einen „rechts braun“- Abschnitt gab, habe es aber leider vergessen.

Wir nahmen im zugewiesenen Bereich Platz und begrüßten mit einem lauen Winken das Paar, das sonst direkt neben uns sitzt und nun zwei Plätze zwischen uns und ihnen lassen musste. Wir hatten mehr Platz und Beinfreiheit. Die Türen zum Innenraum blieben während der Vorstellung auf. Es kam frische Luft in die ansonsten muffige Bude, in der oft die Luft steht, als wäre der Innenraum seit der ersten Vorstellung im Jahr 1907 nicht gelüftet worden. Masken tragen während der gesamten Vorstellung, auf den Wein in der Pause zu verzichten, das sind schon harte Einschränkungen für den Bildungsbürger. Aber da wir auch sonst keine Jammerlappen sind, freuen wir uns einfach darauf, wieder am Kulturleben teilnehmen zu können. Denn das hat uns wirklich gefehlt.

Falls ich es noch nicht gesagt habe: Ich finde Musicals schrecklich. Ich wiederhole es gerne: Musicals sind eine Zumutung. Auch Lazarus, obwohl es von dem wahrscheinlich einzigen Außerirdischen handelt, der es jemals zum Rockstar gebracht hat, ist grauenvoll langweilig.

Das ich dieses Musical nicht mag,  liegt nicht an David Bowie und seinem Werk, das hier über zweieinhalb Stunden ausgebreitet wird und für das ich mich immer leise habe begeistern können.  David Bowie war ab den Siebzigern im Rock und Pop eine stilbildende Macht, die auch immer mehr Sensibilität und Intellektualität versprach, als all die anderen Pop- und Rockikonen der letzten vierzig Jahre.

Es liegt auch nicht an der Story, die sie um die Lieder herumgestrickt haben. Man liefert die Fortsetzung des Filmes, in dem Bowie in seiner ersten großen Filmrolle reüssierte: der Mann, der auf die Erde fiel. Er spielte einen Außerirdischen, der auf der Erde hängen bleibt, sich verliebt, seine Liebe wieder verliert, als reicher Unternehmer eine Rakete bauen will, die ihn zurück nach Hause bringt und dabei scheitert. Im Musical sitzt der Außerirdische in seiner Wohnung, kann nicht altern, kann nicht nach Hause, trauert seiner alten Liebe nach und vertreibt sich die Zeit, mit dem übermäßigen Genuss von Gin. Lazarus kann nicht sterben, er ist zur Wiederauferstehung verdammt. Das ist doch schon die wichtigste Botschaft des Musicals. Herr Bowie kann nicht sterben, er ist der ewige Außerirdische der Popkultur.

 Auch die dargebotene Leistung der Schauspieler ist nicht der Grund für mein Unbehagen. Manchmal ist es etwas verwirrend, wenn man bemerkt, dass die Schauspielerin in den Filmeinspielungen gar nicht mehr zum Ensemble gehört und durch eine andere Schauspielerin ersetzt wurde. Auch kann man nicht erwarten, dass irgendein Schauspieler den Gesang von Herrn Bowie perfekt imitieren kann. Es mag der Funke nicht überspringen. Auf der Bühne macht man Rambazamba aber unten im Zuschauerraum herrscht Stille. Rockmusik lebt nun mal von der Interaktion zwischen Band und Zuhörer. Deswegen kann die Leistung des Schauspielensembles schon mal nur solide wirken und mich nicht vom Hocker hauen.

Es liegt schon einmal gar nicht an der musikalischen Leistung der Band, die im Hintergrund agiert. Alle Stücke werden fehlerlos dargeboten, manche zu überraschenden Versionen arrangiert. Alles klingt gut, aber auch nicht einzigartig. Interpretationen auf Profiniveau, fast schon zu schön, um mit den schrillen Originalversionen mithalten zu können.  

Ja und auch das Bühnenbild ist wie immer fantastisch. Aber mit Filmeinspielungen irgendwie einen oben drauf setzen, wird von der Institution Theater einfach überstrapaziert.

Mein persönlicher und vollkommen subjektiver Geschmack mäkelt an diesem Stück herum, weil es als Musical daher kommt. Die Theater verkaufen sich unter Wert, wenn sie dieser albernen Mode folgen und mit Rock- oder Popsongs ganze Inszenierungen füllen. Das Theater lebt doch von der Kraft der Sprache, vom der Präsenz der Schauspieler und nicht von musikalischen Darbietungen, die vielleicht als Beiwerk einer Inszenierung dienen können. Ich hoffe, die Mode der inszenierten Rockkonzerte geht bald an uns vorbei und wir kehren wieder zu den Wurzeln des Schauspiels zurück.

4 Gedanken zu “Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Lazarus

  1. Musicals sind mir auch ein Graus. Sie kommen meist so pseudo-klassisch daher und fordern eine Bedeutung, die ihnen nicht zusteht. Zwei Ausnahmen gibt es für mich, die m. E. ihren künstlerischen Anspruch erfüllen: West Side Story und Porgy and Bess.
    Der Mensch braucht Kunst zum Überleben seiner Menschlichkeit und es ist bedauerlich, wenn wie in diesem Jahr, der Zugang so eingeschränkt ist. Man muss sie sich nach Hause holen, was nicht das Gleiche ist, aber besser als nix.
    Uns hat das Corona-Geschehen ebenfalls massiv ausgebremst, da mein Mann als selbständiger Projektleiter seit April keine seiner Rechnungen bezahlt bekam. Damit stehen wir nicht allein und es ist echt übel. Doch Gottlob hab ich mein Beamten-Einkommen, sonst wäre es trotz Gemüsegarten bös ausgegangen. Berechtigte Hoffnungen lassen uns jedoch planen, im kommenden Jahr – bei der Jahreszeit möchte ich mich nicht festlegen – wieder am öffentlichen kulturellen Leben teilnehmen zu können.

    • West-Side-Story und auch Porgy und Bess sind schon außergewöhnlich und ich weiß gar nicht, ob man sie dem Genre Musical zuordnen sollte. Ich bin persönlich sehr dankbar, dass wir wieder die Möglichkeit haben ins Theater und Kino zu gehen. Die nötigen Hygienemaßnahmen finde ich überhaupt nicht schlimm. Hauptsache wieder kulturelles Leben haben!! Wie du schon sagst: der Mensch braucht die Kunst. Wir sind sehr privilegiert, was diese Pandemie angeht. Meine Frau und ich arbeiten im öffentlichen Dienst und sind bisher von fast allen Widrigkeiten verschont geblieben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was es heißt, einfach von einem Tag auf den anderen auf sein Einkommen oder einen großen Teil seines Einkommens verzichten zu müssen und ich kann vollkommen verstehen, wenn man dann erst mal keine Lust auf Kultur hat. Aber auch die Kulturschaffenden sind die Leidtragenden dieser Pandemie. Hoffe für dich und deinen Mann, dass nächstes Jahr alles wieder gut ist und du ohne Sorgen Kultur genießen kannst.

  2. Dankeschön für die guten Wünsche. Über uns persönlich machen wir uns keine Sorgen, denn irgendwie geht es immer weiter. Es gibt immer wieder bessere Zeiten. Wir haben ein Dach über dem Kopf, verhungern und verdursten nicht. Das muss für einige Zeit eben reichen. Vielmehr möchte ich in einigen Bereichen des Lebens von Bedauern sprechen. Wir gingen davon aus, evtl. bis zum Ende des Jahres auf Ersparnisse zurückgreifen zu müssen, vielleicht auch Dinge zu verkaufen, die wir nicht unbedingt benötigen, also schränken wir uns dementsprechend ein. Es gibt berechtigte Hoffnungen, noch Zahlungen für geleistete Arbeit zu erhalten. Gottlob sind unsere Kinder erwachsen und können ihr Leben bestreiten. Das Bewusstsein, dass es weder absolute Sicherheit noch Kontrolle gibt, lässt auf Veränderungen recht gelassen reagieren.
    Meine Sorge gilt den jungen Künstlern und kleinen Unternehmen, die noch keine Ersparnisse hatten und um ihre gesamte Existenz bangen müssen. Sie gilt auch der gesellschaftlichen Entwicklung hin zu Verrohung, Gegeneinander, Extremismus und der Einschränkung künstlerischen Ausdrucks.

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