Reihe 3, Platz 58 und 59 – Tyll

Ähnlich wie Daniel Kehlmanns Roman ist die Theateradaption keine leichte Kost. Geht es doch um nichts mehr oder weniger als den dreißigjährigen Krieg: das kollektive Trauma, das auch heute noch seinen Widerhall in der Wesensschau der Deutschen findet. Um das äußerst anstrengende Thema zu verhandeln, nimmt sich das Stadttheater die Freiheit heraus, dem Zuschauer mehr als drei Stunden seiner wertvollen Zeit zu klauen. Könnte man doch in der gleichen Zeit so viele wichtige Dinge erledigen, anstatt sich lauwarm aufgebrühte Literaturvorlagen, die doch eh schon jeder kennt, als Bühnenbearbeitung anzuschauen. Mit dieser Haltung habe ich meinen gewohnten Platz in Reihe 3 eingenommen und mich gefragt, ob ich vor oder nach der Pause einschlafen werde. Ich habe das Buch voller Aufmerksamkeit gelesen. Herr Kehlmanns Kunst komplexe historische Geschehnisse am Schopfe zu packen und aus mehreren Perspektiven von unten und von oben zu betrachten und mit griffiger Sprache für den Leser zu erhellen, ist schon einzigartig. Nach der Pause hatte ich erwartet, dass die Reihen sich leeren, weil einig von Langeweile geplagte Bürger verärgert den Heimweg angetreten waren. Genauso wenig wie ich eingeschlafen bin, sondern hellwach bis zum Schluss mitgefiebert habe, haben die meisten Zuschauer durchgehalten und die Aufführung mit mehr als braven Applaus goutiert.

Das Buch lebt vom weiten Handlungshorizont, der Unzahl an Personen, die teilweise einen echten historischen Hintergrund haben. Die Theateradaption kann sich nicht allen Handlungssträngen und Anekdoten widmen und konzentriert sich auf zwei Kernelemente. Das ist einmal der Blick auf die einfachen Leute, die eigentlichen Opfer des Krieges, die Bewohner der Städte und Dörfer, die heimgesucht werden von Soldaten und Söldnern verschiedener Kriegsparteien. Das Leben besteht für sie nur aus purer Angst, harter Arbeit und fader Grütze. In dieser Welt wächst Tyll Ulenspiegel als Sohn eines Müllers auf. Schon als Heranwachsender gelingt es ihm zu überleben und jegliche Gefahr zu überwinden. Er entdeckt sein artistisches Talent und als der Vater gehängt wird, weil herumfahrende Jesuiten ihn aufgrund seiner kauzigen Art und seiner Wissbegier für einen Hexer halten, haut er mit der Bäckerstochter Nele ab. Tyll wird zum bemerkenswerten Mythos, zum Überlebenskünstler, der den dreißigjährigen Krieg überdauert.

Ein anderes Kernelement der Handlung drehte sich um den Winterkönig, Friedrich der V. und seine Gemahlin Elisabeth, genannt Liz. Der Winterkönig, der Kurfürst der Pfalz, der sich dazu breitschlagen lässt, die Königskrone der Böhmen anzunehmen und sich damit gegen den deutschen Kaiser stellt, stellt den Ausgangspunkt des dreißigjährigen Krieges dar. Hinter ihm steht seine Ehefrau, eine Stuart, die sich nach ihrer Heimat zurücksehnt. Die kurze Herrschaft über Böhmen endet mit dem Gang ins Exil. Friedrich und Liz gelingt es nicht, den Hofstaat aufrecht zu erhalten und eine angemessene Heimstatt zu finden. Sie weinen dem alten Glanz hinterher und warten darauf, dass der englische König, der Vater von Liz, ihnen mit Truppen zu Hilfe eilt. Aber vorher finden sich Tyll und Nele am Hof des Winterkönigs ein, um sich als Hofnarren anzudienen. Tyll schließt mit dem Winterkönig eine Wette ab, dass er dem Esel das Lesen beibringen könne und Liz ist genervt von der sarkastischen aufdringlichen Art der beiden. Als der Winterkönig zum König Gustav Adolf reist, um sich von ihm helfen zu lassen und dieser ihn abblitzen lässt, stirbt er auf der Rückreise an der Pest. Fortan gilt Liz ganze Kraft der Rehabilitation ihres Mannes, um die alte Kurfürstenwürde zu retten.

Am Ende des Stückes trifft man sich in Osnabrück um den westfälischen Frieden auszuhandeln und den Krieg zu beenden. Liz tritt dort an, um sich in einer verzweifelten Aktion die alte Macht zurückzuholen, um sie an ihre Kinder weiter zu geben. Dort trifft sie auf Tyll, der mittlerweile zum Hofnarr des Kaisers aufgestiegen ist und bietet ihm an, ihn mit nach England zu nehmen, damit er dort in Frieden seine letzten Jahre verbringen kann. Tyll schlägt das Angebot aus.

Esra Schreier als Nele, deren gelungenes Spiel im besonderen Maße sichtbar wird, wenn sie an der Kante der Bühne steht und ihre Mimik sprechen lässt. Tom Wild, der sich als irrer Vater verausgabt, wenn er sich ständig mit dem Gedanken beschäftigt, wann ein Weizenhaufen kein Weizenhaufen mehr ist, wenn man ein Korn nach dem anderen wegnimmt und beim Verschlingen der Henkersmahlzeit erkennen muss, dass er sein ganzes Leben lang gehungert hat und es sich dann lohnt, für eine Hammelkeule mit etwas Salz und einem Hauch von Pfeffer hingerichtet zu werden. David Moorbach als Tyll, der mit lässiger Körperlichkeit den älteren Tyll einsam und zynisch über die Bühne wandeln lässt. Frau Minetti, die ich nicht nimmer gut finde, aber diesmal als Liz glaubhaft ihren verzweifelten Kampf um Anerkennung spielt. Eine kompakte Ensembleleistung, die manchmal gefährdet zu sein scheint, wenn das Groteske, das dem Buch schon innewohnt, ins Alberne abrutschen könnte.

Der Schauspielkunst wird durch das spartanische Bühnenbild viel Raum gegeben. Kein Firlefanz lenkt vom nackten Bühnenraum ab. Das Bühnenbild besteht aus Rampen, die man aus Palletten zusammengebaut hat und die mal auftauchen und im Bühnenboden wieder verschwinden. Die Vorhanghalterungen werden in Bewegung gesetzt, um Chaos oder zur Not auch mal ein Mühlrad darzustellen. Wenn es laut werden soll, fährt ein Blech von der Decke herunter und wird mit Schuhen oder Säcken beworfen. Der Schluss wird zum besonderen Highlight, weil Tyll über den Bühnenausgang ins Freie schreitet. Er verschwindet im grellen Gegenlicht eines Scheinwerfers. Bis auf Liz und Friedrich im kitschigen blauen Kostüm eines Faschingsprinzenpaares, ausgestattet mit blauen Blinkediadem und ähnlichem Tand, bleiben die Kostüme schlicht und einfach und dienen mit simplen und effektvollen Einfällen der Hervorhebung einzelner Charaktereigenschaften (z.B. wird Pirmin durch verdeckte Stelzen übermächtig groß).

Man wird dem Kehlmann gerecht, wenn man sich als Stadttheater auf das Wesentliche konzentriert. Schwierig ist der schmale Grat, das Groteske im menschlichen Verhalten mit beißenden Humor zu zeigen, um die Abgründe und Dummheiten der Menschen aufzuzeigen und nicht sich auf Albernheiten zu werfen. Natürlich gibt es Längen in dem Stück, was schade, aber kaum zu vermeiden ist. Meines Erachtens hätte sich die Szene um die Hinrichtung des Vaters in einer kürzeren Variante durchaus zu einer angenehmen Verkürzung des Stückes beigetragen, ohne ihm irgendetwas weg zu nehmen.

Am Ende des Abends hatte ich ein ähnliches Gefühl wie bei der Lektüre des Buches. Der dreißigjährige Krieg mag eine monströse Veranstaltung gewesen sein, der heutzutage gerne als Ränkespiel der Mächtigen in den Geschichtsbüchern steht, aber das eigentliche Drama des dreißigjährigen Krieges liegt darin, dass die Herrschaften des Adels und des Klerus mit den einfachen ohnmächtigen wehrlosen Untertanen ein böses Spiel getrieben hat und die Menschen diesem Spiel auf Gedeih und Verderb ausgesetzt waren.

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Capitalista, Baby!

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Schon wieder ins Theater!!!  Und dann noch geschlagene zweieinhalb Stunden am Samstagabend konzentriert dem Geschehen auf der Bühne folgen. Und alles nur für eine Adaption des Romanes „The Fountainhead“ von Ayn Rand. Was tut man sich nicht alles an, wenn man ein Amateur-Theaterkritiker sein will!

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Howard Roark, der sich als genialer Architekt gegen den Mainstream, die Presse und gegen das Mittelmaß durchsetzen will. Er will bei seiner Arbeit keine Kompromisse eingehen und eckt mit seiner kühl und unnahbaren, teilweisen schroffen Verhalten überall an. Es dauert lange bis er seine Genialität anerkannt wird. Als ein Entwurf für eine Sozialsiedlung nicht nach seinen Vorstellungen gebaut wird, zündet er die Siedlung an und kommt vor Gericht. Er hält ein Plädoyer für den uneingeschränkten Individualismus, der die Schöpfungskraft der Menschen voll zur Geltung bringt und verteufelt den Kollektivismus, der nur Schmarotzer bevorzugt.

Was soll das? Ayn Rand ist eine amerikanische Autorin, die als Kind die russische Revolution hautnah erlebte und mit ihrer Familie in die USA auswanderte. Sie war als Drehbuchautorin in Hollywood erfolgreich und schrieb zwei Romane, die zu den meistgelesenen Werken in den USA gehören. Einer dieser Romane ist „The Fountainhead“. Haben sie schon einmal davon gehört? Hier kennt sie niemand. Ayn Rand hat den Dualismus von Individualismus und Kollektivismus bis zum Erbrechen gepredigt und gelebt. Nur der Egoist kann frei von den Zwängen der Gesellschaft mittels der Vernunft große Dinge hervorbringen. Der Kollektivismus bringt Menschen hervor, die ein Leben aus zweiter Hand führen, weil sie von den Errungenschaften des Kollektivs profitieren, ohne eine Leistung dafür zu erbringen. Der Staat muss sich aus allem heraus halten. Sie verpönte staatliche Wohlfahrt und den Altruismus. Frau Rand hatte einen wirklich unheimlich zu nennenden Einfluss auf große Teile der amerikanischen Gesellschaft. Wer Obamacare für eine Ausgeburt des Sozialismus hält, steht in einer Linie mit Frau Rand. Sie ist von den ultrakonservativen Strömungen in den USA vereinnahmt worden und hat viele Schablonen für deren menschenverachtendes Denken geliefert.

Muss man solchen ideologischen Schund auf die Bühne bringen? Ja, muss man. Anfangs kann man den pervertierten Individualismus durchaus gut finden. Roark (Lukas Goldbach) ist als Querdenker erst mal nicht unsympathisch. Sein Gegenstück Peter Keating (dargestellt von Pascal Thomas), ein unfähiger Karrierist, hüpft wie ein kleiner Vollidiot über die Bühne und unternimmt alles, um vom Zuschauer als lächerliche Karikatur wahrgenommen zu werden. Also fühlt man sich erst einmal bestätigt. Möchte man nicht auch ein Teufelskerl wie Roark sein? Ein von Vernunft geprägter schöpferischer Geist? Man kennt so viele Erfinder und Denker, die doch wegen ihrer Kompromisslos- und Rücksichtslosigkeit großartige Dinge erdacht und erschaffen haben.

Zu der Konstellation Roark und Keating gesellt sich die intellektuelle Schönheit Dominique Francon (Anne-Elise Minetti),  die Keating heiratet und Roark verfällt. Zwischen ihr und Roark entspinnt sich ein Kampf um Anziehung und Macht. Zum Panoptikum gesellt sich noch ein Zeitungstycoon, der in Roark einen Wiedergänger sieht, der genauso wie er ruchlos und ohne Kompromisse sich an die Spitze geboxt hat und ein weiterer Zeitungskritiker, der die öffentliche Meinung nutzt, um selbst Macht ausüben zu können.  

Man beobachtet New Yorker Upper-Class-Hühner,  wie sie auf den Rampen des Modells eines Wolkenkratzers ihr Ränkespiel aufführen und findet sie irgendwann lächerlich. Roark ist mit seiner Genialität auch nur Teil eines Systems aus Individualisten, die nichts anderes im Kopf haben als Macht und Befriedigung des eigenen Egos. Als Roark am Ende sein Monolog über die Schöpfer und die Schmarotzer hält, hat er seine eigene Ideologie schon lange verraten. Es mag einen Widerstreit zwischen Individuum und Gesellschaft geben und beides zusammen zu bringen ist die Aufgabe einer demokratisch organisierten Gemeinschaft, deren Anliegen es ist, allen Menschen im Rahmen einer gemeinsamen Übereinkunft Raum zur Entfaltung zu geben. Das Ego gegen die Masse auszuspielen dient als Mittel der Unterdrückung. Die Unterprivilegierten werden zu Schmarotzern degradiert. Ihnen wird jede Entwicklung versagt. Sie dienen den angeblich so genialen Machtmenschen als Rechtfertigung für ihren Machtanspruch. Jeder ideologisch verbrämte Dualismus, der Menschen in Schwarz oder Weiß, Individualisten und Schmarotzer einteilt trägt den Faschismus in seinem Herzen.

Der Architekt Roark bringt am Ende nur technokratischen Unsinn vor. Er redet darüber, dass derjenige, der das Feuer bringt, anschließend auf dem Scheiterhaufen endete, weil er von seinen Mitmenschen nicht geachtet wurde und diese seinen Erfindungsgeist nicht zu schätzen wusste. Das beleidigte Genie beleidigt alle anderen, weil er sich nicht gewürdigt fühlt.  Hier offenbart sich der ideologisierte Narzissmus der Autorin, die anscheinend eine persönliche Rechnung mit dem Kollektiv offen hatte. Wie traurig und doch allgegenwärtig. Scheinen nicht viele dieser großen Individualisten, die unsere Zeit prägen, die von uns für Ihre Leistungen bewundert werden, menschliche Defizite aufzuweisen. Erinnern wir uns doch zum Beispiel an die peinlichen Auftritte von Mark Zuckerberg, der bei einer Senatsanhörung,  sich eher wie ein trainierter Affe verhielt und damit zur Karikatur der Karikatur wurde?

Für uns war es ein langer kurzweiliger Abend mit der tiefen Erkenntnis,  dass es sich lohnt an das Verbindende zwischen Menschen zu glauben, weil damit erst die Wirkkraft des Einzelnen positiv zur Geltung kommen kann.

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Orlando

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Nach unseren Ausflug in die hinteren Ränge, durften wir endlich an unseren Stammplatz zurückkehren. Wir rutschen an den Menschen vorbei, die mit uns in einer Reihe sitzen. Zuletzt begrüße ich den netten Mann, der jedes Mal direkt neben mir sitzt und immer ein nettes Lächeln für uns übrig hat, während meine Frau ihn konsequent ignoriert. Ich weiß diesmal überhaupt nicht, was mich erwartet. Ich habe in unserer Lokalzeitung eine Rezension gelesen, die eher zurückhaltend war. Der Tenor: Viel Firlefanz, Getue und Geheimniskrämerei auf der Bühne, ohne Sinn und Form. Mit Bedeutung aufgeladene Leerverkäufe von Literatur.

Virginia Woolf, wortgewaltige Ulknudel mit Trauerkloßambitionen, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wichtige und stilprägende Werke moderner Literatur erschaffen hat, war die Autorin des Romans „Orlando“.  Die Hauptfigur liefert mit seinem Namen den Titel für den Roman. Kurz beschrieben geht es auch um das Leben dieser Figur, dessen Geschichte im siebzehnten Jahrhundert als Adliger in Großbritannien beginnt und im zwanzigsten Jahrhundert zur Zeit der Entstehung des Romans endet. Jemand überlebt mehrere Jahrhunderte und bleibt dabei immer ein Schönling Mitte dreißig? Zwischendrin wechselt dasjenige auch noch das Geschlecht? Wie kann so etwas sein? Das ist doch unmöglich? Und wie will man eine solch versponnene und phantastische Geschichte auf die Bühne bringen?  Insbesondere wenn der wortgewaltige Text voller Beschreibungen und Bilder schon den gewöhnlichen Leser überfordert?

Ganz einfach: man reduziert die Geschichte auf ihre Kernelemente und bringt sie in einen anderen Zusammenhang. Es liegt nahe autobiographische Elemente zu integrieren. Schließlich hat Frau Woolf ihren Roman selbst im Untertitel als autobiographisch beschrieben. Fertig ist ein Stück epischen Theaters, das den Roman mehrere zusätzliche Ebenen gibt und ihn in einen aktuellen Kontext bringt.

Das Stück spielt in einem Tonstudio. Die wuchtigen Holzwände begrenzen den Raum und in den Raum sperrt man die Protagonisten ein. Von Zeit zu Zeit senkt sich eine durchsichtige Plastikwand nieder, die wie die Glasscheibe zwischen Regie und Aufnahmeraum ein Gegenüber von Toningenieur und Musikern schafft, die sich zwar sehen, aber nur durch Mikrofone und Verstärkung miteinander reden können. Der Aufnahmeleiter (Tom Wild) spricht Anfangs nur aus dem Off und gibt Anweisungen. Später wird klar, dass der Aufnahmeleiter Leonard Woolf, der Ehemann von Virginia, darstellen soll. Virginia Woolf, dargestellt von Carolin Weber, die für mich einer der stärksten Schauspielerinnen des Ensembles ist, liest ihren eigenen Text ein. Man springt von Textstelle zu Textstelle. Leonard gibt Anweisungen und Virginia gibt alles, um ihren Text durch das Lesen mit Leben zu füllen. Drumherum gibt es einen Musiker, der auf einem Cembalo herumhaut, drei Schauspieler, die anscheinend auch dazu da sind, um Teile des Textes zu rezitieren und eine Tänzerin, die das Gelesene tänzerisch begleitet.

Diese Exposition am Anfang des Stückes irritiert und man fragt sich sehr lange, was das alles soll. Ganz klar: der ungeübte Zuschauer, der kausale Handlungsstränge gewöhnt ist, wird schnell müde und gibt auf. Der Zuschauer, der eine Antwort auf seine Fragen will, bleibt dran und wir am Schluss für seine Beharrlichkeit belohnt.

 

Irgendwann springt der Funke über. Carolin Weber trägt mit viel Leidenschaft Orlandos Geschichte vor. Zwischen den überbordenden Beschreibungen eines seltsamen Lebens spielt sie gemeinsam mit ihrer  Freundin Vita (Paula Schrötter) Ausschnitte aus ihrem intensiven Briefverkehr. Dazu gesellen sich die Tanzeinlagen der Balletttänzerin, die Bewegung in die starre bewegungsfreie Studiokonstellation bringt und die Virginias Innenleben repräsentiert und Harriet, die Erzherzogin, gespielt von Pascal Thomas, der sich immer mehr in die Rolle als Frau begibt. Alles wird garniert mit anderen absonderlichen Ausflügen und findet eine Ende als der Aufnahmeleiter sich immer mehr ins Studiogeschehen einmischt und Virginia, aus Angst, dass ihre geistige Krankheit hervorbrechen könnte, sie bevormundet und ihr die eigene Urteilfähigkeit abspricht. Der Roman tritt in den Hintergrund und das Leben von Virginia Woolf in den Vordergrund. Virginia tauscht die prallen Farben des Lebens gegen die Schattierungen der Dunkelheit. Am Ende des Stückes begeht sie Suizid. Sie tritt auf ein kleines Podest und fährt langsam in den Bühnenboden hinab, aus dem gleichzeitig Luftballons in Form von Fischen hinaufsteigen.

Für ein Stadttheater, das mich in letzter Zeit mit viel zu beliebigen Inszenierungen enttäuscht hat, mag diese Inszenierung eine Herausforderung darstellen. Aber hier hat sich die wirkliche Qualität dieses Ensembles offenbart, dass in seinen guten Momenten sich nicht nur für Experimente öffnet, sondern sie auch angemessen und erfolgreich umsetzt. Im Nachhinein ein kurzweiliger Abend. Zum Glück glaube ich nur mir und nicht den anderen Rezensenten.

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Die kleinen Füchse von Lillian Hellman

Ich gebe es zu: Weder die Autorin noch ihr Stück waren mir vor diesem Abend ein Begriff. Ich hatte noch am Rande mitbekommen, dass es einen Hollywoodfilm aus den vierziger Jahren mit dem gleichen Titel gibt, in der Bette Davis die Hauptrolle spielt. Ich bildete mir ein, diesen Film gesehen zu haben. Das stimmt allerdings nicht.

Kurz ein Abriss der Handlung: die zwei Brüder, Ben und Oscar Hubbard, und ihre Schwester Regina Giddens haben ein großes Geschäft mit einem Unternehmer aus New York an Land gezogen. Um das Geschäft finanzieren zu können, sind sie auf das Geld von Reginas Ehemann Hermann Giddens angewiesen, der sich, um seine Herzprobleme zu kurieren, seit geraumer Zeit in Zürich aufhält. Es entfacht sich ein Streit zwischen den drei Geschwistern. Denn Regina verlangt, um Herrmann die Finanzierung schmackhaft zu machen, einen größeren Anteil vom Gewinn, den ihre Brüder natürlich nicht freiwillig hergeben wollen. Sie schicken Alexandra, die Tochter von Regina und Hermann los, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Hermann kehrt wieder in den Schoß der Familie zurück und sieht gar nicht ein, das Ansinnen der drei zu unterstützen. Er hat nicht mehr lange zu leben und will vorher noch der Familie seiner Frau eins auswischen. Wichtiger ist ihm, dass er seiner Tochter etwas hinterlassen kann, damit diese sich von der Familie lösen kann. Alexandra soll sich den wirtschaftlichen Interessen der Familie unterordnen  und Leo, Oscars Sohn, heiraten. Leo ist Angestellter in Onkel Hermanns Bank und hat mitbekommen, dass dieser Aktien in seinem Schließfach aufbewahrt. Der Gegenwert reicht aus, um das Geschäft zu finanzieren. Er wird von seinem Vater und Onkel überredet, die Aktien „auszuleihen“. Da Hermann nur selten sein Schließfach kontrolliert, gehen sie davon aus, dass ihm der Diebstahl nicht auffällt. Hermann lässt sich das Schließfach nach Hause bringen und bekommt natürlich sofort mit, dass seine Aktien weg sind. Er setzt sein Frau Regina in Kenntnis und will vor seinen Schwagern die Geschichte so drehen, dass Regina hinten runterfällt. Als er einen Herzanfall bekommt, verweigert sich Regina ihrem Mann die lebensrettenden Medikamente zu geben. Hermann stirbt und Regina kann gegenüber ihren Brüdern auftrumpfen. Wenn ihre Brüder ihr keinen größeren Anteil geben, wird sie den Diebstahl der Aktien zur Anzeige bringen. Die Brüder gehen darauf ein. Auf den ersten Blick hat Regina sich an ihren Brüdern gerächt, die nach dem Tod ihres Vaters das gesamte Erbe erhalten hat. Allerdings verliert sie Ihre Tochter, die ihre Durchtriebenheit erkenn  und für immer das Haus verläßt.

Lilian Hellman hat nicht nur die großen Themen ihrer Zeit erahnt und beschrieben, sondern hat auch etwas leider Zeitloses geschaffen. Genauso wie am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in der USA scheinen die grenzenlose und ungebändigte Habgier von Unternehmern die Gegenwart zu bestimmen. Die großen Internetkonzerne wie Facebook, Google und Amazon machen sich die Welt zum Untertan, konzentrieren Macht und Kapital auf wenige Personen und zerstören damit mutwillig gewachsene Strukturen und schaffen soziale Ungleichgewichte. Es wird gelogenund betrogen, um auch noch den letzten Cent aus einem Geschäft heraus zu pressen. Der Geschäftspartner wird zum Gegner, der Mitarbeiter zum Lohnsklaven und der Kunde zum Melkvieh. Politische  und staatliche Strukturen werden entweder ausgenutzt oder ignoriert. Der Kapitalist steht über allem.  Das Stück auf den Spielplan zu setzen, zeugt von dem Willen eines Stadttheaters, eine Position zu akuten Problemen unser Zeit einzunehmen, denn es ist aktueller denn je.

Die großen Probleme einer Gesellschaft werden auf den kleinen Kosmos einer Familie reduziert, die von ihrer Habgier getrieben keine Rücksicht auf das eigene Blut nimmt und menschliche Beziehungen nur auf ihren wirtschaftlichen Nutzen beschränkt werden. Trotzdem Lilian Hellmann hat ihren Charakteren eine Vielschichtigkeit angedeihen lassen, die absolut nötig ist, um aus diesem Stück mehr als eine platte Abrechnung mit dem amerikanischen Kapitalismus zu machen. Jede Figur hat ihre Brüche und dort wo man als Zuschauer den Figuren Sympathie zukommen lassen will, sorgt Lilian Hellmann im Laufe des Stückes dafür, dass man diese schnell in Frage stellt. Die Figur Birdie, die Ehefrau von Oscar, bildet hierfür das exemplarische Beispiel. Birdie ist eine traurige Person, die unter der Herrschsucht ihres Mannes leidet und erst spät verstanden hat, dass Oscar sie nur aus taktischen Gründen geheiratet hat. Birdies Familie gehörten Ländereien und ein Schloss. Sie stellen den alten Geldadel dar, der mit Abscheu auf solche Kaufleute wie die Hubbards herunter schauten. Oscar und sein Bruder wollten deren Respekt und Wohlstand, also haben sie sich deren Eigentum unter den Nagel gerissen.  Oscar hat die Tochter der Familie geheiratet, um endlich Zugriff auf die Ländereien und das Schloss zu haben. Birdie ist verzweifelt, sehnt sich nach dem alten Leben zurück. Sie versucht sich bei ihrem Mann immer wieder anzubiedern, hofft, dass er sie erhört und den alten Sitz ihrer Familie wieder aufbaut. Ihr Mann lässt sie immer wieder abblitzen. Sie hat in der Mitte des Stückes einen emotionalen Ausbruch, der niemanden kalt lässt, danach verblasst sie und man wird als Zuschauer das Gefühl nicht los, dass sie einfach zu schwach ist, um sich selbst aus ihre Lage zu befreien. Umgekehrt verhält es sich mit Regina, die zwar genauso wie ihre Brüder raffgierig und intrigant ist, aber eigentlich darunter leidet, dass ihre Brüder von ihrem Vater bevorzugt wurden und sie alles geerbt haben, während sie leer ausging.  Die Ambivalenz der Personen gibt dem Stück die Tiefe und Wahrhaftigkeit, die es braucht, um das Thema für den Zuschauer begreiflich zu machen. Die Menschen sind einerseits Opfer ihrer Familiengeschichte, sind aber andererseits verpflichtet sich dem zu stellen und die Folgen ihres Handelns abzuschätzen. Es gilt nicht nur den geschäftlichen Erfolg zu erreichen, sondern auch die negativen Konsequenzen für die anderen zu betrachten und zu mindern. Reichtum nicht auf Kosten der Gemeinschaft zu erwerben ist das große Thema des Stückes und zeigt sich in dem Ausspruch von Hermann, der den Geschwistern Hubbard vorwirft, dass mit ihrem raffgierigen Handeln und ihren Geschäfte Land und Leute kaputt machen.

Sehr positiv überrascht hat mich die Leistung des Ensembles. Für mich war es die beste Inszenierung dieser Saison. Carolin Weber als Regina, Roman Kurtz als Hermann, die alten Recken des Ensembles, haben ihr gewohntes Niveau gezeigt. Ewa Rataij als Birdie hat mit ihrem emotionalen Anklage für Gänsehautmomente gesorgt. Zwischendurch war mir zum Heulen zu mute, weil diese Frau brüllt und heult und man als Zuschauer ihre Verzweiflung spürt. Thomas Wild als Ben passte in seinen darstellerischen Möglichkeiten in die Rolle. Insbesondere in Rollen, wo große Gesten und machohaftes Agieren gefragt ist, kann er glänzen.  Sogar Pascal Thomas, den ich für einen der schwächeren Darsteller innerhalb des Ensembles halte, gelang es die Arroganz des neureichen Oscars, der eigentlich mit der Dominanz seines Bruders nicht klar kommt, hinreichend zu spielen. Positiv zu werten kann ich auch den Kniff Susan Abdulmajid als Safa eine Hausangestellte zu präsentieren, die mit naiver Spielfreude arabische Elemente in die Inszenierung bringt und somit auch zu Aktualisierung des Stückes beiträgt.

 

Reihe 3, Platz 58 und 59 – die schmutzigen Hände von Jean-Paul Sartre

Vorneweg will ich erwähnen, dass ich mich auf die Inszenierung des Stückes im Stadttheater Gießen sehr gefreut habe. Das ich nach der Vorstellung enttäuscht bin, liegt an meiner Befangenheit. Bei einem Theaterstück von Sartre lege ich die Qualitätslatte besonders hoch, denn Sartre ist einer der Helden meiner Jugend.  Da ist die Enttäuschung schon fast vorprogrammiert.

Ich will dem Ensemble am Stadttheater nicht unterstellen, dass sie sich nicht ausreichend mit Sartre auseinandergesetzt haben. Dafür sind sie hoffentlich Profis genug. Aber wie immer im Theater gibt es nun einmal unterschiedliche Sichtweisen über was und wie man es auf die Bühne bringt. Das macht das Theater ja so spannend.

Es ist wie bei jedem Musikstück: man hat Abermillionen Möglichkeiten der Interpretation und alle können handwerklich perfekt umgesetzt sein. Trotzdem, je nach Perspektive, wird man die Interpretation hassen.

Aber zuerst die Handlung:

Das Stück spielt in einem fiktiven Staat namens Illyrien. Hugo, ein bürgerlicher Intellektueller, der mit seiner Herkunft gebrochen hat, um in die Partei einzutreten, will sich bewähren und nimmt den Auftrag an, den Parteifunktionär Hoederer zu töten, weil dieser sich mit den Feinden der Parteien versöhnen will, um einen Bürgerkrieg zu verhindern und einen Krieg zu beenden. Er wird der Sekretär von Hoederer und zieht mit seiner Frau Jessica zu Hoederer. Hugo, der darunter leidet, aufgrund seiner Herkunft von anderen Parteigenossen nicht ernst genommen zu werden, nimmt sich vor, den Mordauftrag schnell zu erledigen. Allerdings fasziniert ihn die Persönlichkeit Hoederers, der entgegen der Parteidoktrin etwas Neues versucht und doch nichts anderes bewirken will, als das die Partei die Macht im Staate erhält. Er erlebt, wie Hoederer sich mit den Feinden der Partei trifft und er mit ihnen verhandelt und sie dazu bringt, sich mit der verhassten Partei zu verbünden. Die Zeit drängt und seine Parteigenossen werden ungeduldig. Jessica gibt Hoederer den Hinweis, dass Hugo ihn umbringen möchte und Hoederer kann ihn vorerst von dem Plan abbringen. Kurz darauf bringt Hugo Hoederer doch um, als er ihn mit seiner Frau Jessica in flagranti erwischt. Er begeht also keinen politischen Mord, sondern ein Mord aus Eifersucht. Nach drei Jahren kommt er aus dem Gefängnis und will sich der Partei wieder anschließen. Olga erhält den Auftrag, Hugo auf dessen Nutzbarkeit und Ehrlichkeit zu überprüfen. Er erzählt die Geschichte des Mordes und am Ende berichtet ihm Olga, dass die Partei den Plan von Hoederer umsetzt und mit den ehemals verfeindeten anderen Parteien des Landes eine Einheitsregierung bildet. Daraufhin lässt sich Hugo erschießen.

Man kann das Stück unter vielen Gesichtspunkten betrachten. Ist es ein politisches Stück? Geht es um Sartres Philosophie? Geht es um die Zerrissenheit eines Menschen, der mit seiner Herkunft hadert und seine Rettung in einer Ideologie findet, die ihm zum Mörder macht?

In der Inszenierung des Stadttheaters Gießen hat man ganz klar einen Schwerpunkt gesetzt, der das Stück aus den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts in die Gegenwart hieven soll. An diesem Freitagabend ging es um den Gegensatz zwischen Leidenschaft für das politische Handeln,  dessen einziger Zweck es sein könnte, Menschen fernab jeglicher Ideologie an einen Tisch zu bringen, um praktische Lösungen für Probleme zu finden und der ideologischen Erstarrung einer politischen Theorie, die nur den Machterhalt dient und jedes einzelne Individuum, dass sich dieser Ideologie anvertraut hat, in sein Verderben stürzt.

Um den Schwerpunkt heraus arbeiten zu können, hat man das Stück deutlich gekürzt und um alle Hinweise gebracht, die sich auf den ursprünglichen historischen Zusammenhang beziehen. Man hat Hugo um seinen Decknamen Raskolnikoff betrogen und die UdSSR aus dem Stück gestrichen. Vielleicht wäre der eine oder andere Zuschauer über die Verweise auf Dostojewskis  Antihelden irritiert gewesen und auch der Bezug zur alten Sowjetunion mag für viele Zuschauer nicht relevant sein. Für mich hat es sich angefühlt, als habe man dem Stück die Haut abgezogen. Dostojewski spielt im Existenzialismus eine gewichtige Rolle, weil er viele Themen rund um Moral, Sinnlosigkeit und Absurdität schon vorweg genommen und in literarische Texte gepackt hat. Dostojewskis Werke waren für Autoren wie Sartre eine wichtige Inspiration, da er durchweg zwischen Literatur und Philosophie hin und herpendelte und am Beispiel von Dostojewski durchaus erleben konnte, dass die Verbindung von Literatur und Philosophie lohnenswert war. Raskolnikoff, die Hauptfigur von Schuld und Sühne, begeht einen Mord und begründet ihn mit einer selbstgestrickten Ideologie, die den Menschen einer Wertigkeit zuordnet. Daher kann er als Vorbild für Hugo dienen. Wer ist nützlich für die Gesellschaft? Daraus wird: Wer ist nützlich für die Partei?  Der Rückgriff auf die UdSSR hätte noch einmal deutlich gemacht, dass Sartre den Stalinismus als den Bezugspunkt für die Partei sieht, für die Hugo und Hoederer arbeiten. Es hätte die Spielräume deutlich werden lassen, in der die Protagonisten handeln können. Die werden kleiner, wenn man den großen Führer Stalin im Hintergrund wirken lässt.

Zu dieser willkürlichen Kürzung gesellt sich eine teilweise nicht durchdachte Prägung der Darsteller auf die Rollen. Was vielleicht daran liegen mag, dass die schauspielerischen Fähigkeiten bei dem einen oder anderen Darsteller nicht ausreichen, um die Charaktere auszuspielen.

Maximilian Schmidt als Hugo hat seine Sache gut gemacht. Man spürt sein Schwanken zwischen Zweifel und Festhalten an einer Ideologie. Er will sich nicht von seinem Überzeugungen abbringen lassen. Er hat einen hohen Preis bezahlt, in dem er die Brücken zu seinem alten Leben abgebrochen hat und nun bleibt ihm nichts anderes übrig als sich im neuen Leben zu bewähren. In der Begegnung mit Hoederer scheint ihm bewusst zu werden, dass auch dieses neue Leben im nicht gibt, was er gesucht hat. Lukas Goldbach als Hoederer wirkt flach und ohne Tiefe. Ihm fehlt das Charisma eines politischen Aktivisten, der trotz seinem Kampf für seine Überzeugungen machtbewusst agiert und Hugo auf seine Seite ziehen will. Er agiert ängstlich und verletzlich. Man hat ihn in Existenzialistenklamotten gesteckt und ihm eine dicke Hornbrille aufgesetzt, um aus ihm einen Kommunisten mit Herz zu machen. In seiner Darstellung lässt er Hoederer zum Revolutionsonkel verkommen, der über rhetorische Fähigkeiten und eine sanfte Überzeugungskraft verfügt. Reicht das aus, um den gewählten Schwerpunkt sichtbar zu machen? Interessanter wäre es gewesen, neben der Ambivalenz der Person Hugo, die Ambivalenz der Person Hoederer zu setzen, der  sein Charisma und seinen Machtwillen nutzt, um seine politischen Ziele durch zu setzen und dabei durchaus wirkt, als ginge er über Leichen. Aber vielleicht wollte man zeigen, dass die sanfte Tour im politischen Geschäft momentan angebracht wäre. Tut mir leid, dann hat man das falsche Stück ausgewählt. Wer sich auf Sartre einlässt, bekommt immer die volle Packung an Ambivalenz, die atemberaubende Dramatik des existenzialistischen Denken, die volle Wucht des Scheiterns, wenn Hugo zum Beispiel seinen Mord als Mord ohne Mörder bezeichnet und seiner Verantwortung für sein Handeln dem Zufall oder dem Schicksal übergibt.

Scheinbar kann man sich in der Provinz an solchen Stücken überheben. Trotzdem sollte man es nicht unterlassen, Stücke mit politische Prägnanz auf die Bühne zu bringen. Nur so kann ein Stadttheater einen Beitrag zur aktuellen Debatte rund um Politikverdrossenheit und aufkeimenden Populismus leisten.  Für das Gelingen reicht es, wenn man die Stücke in ihrem ursprünglichen Rahmen lässt. Gerade Sartre bietet viele Möglichkeiten zur Reflektion über die aktuelle politische Entwicklung an, da durch sein philosophisches Denken politische Theorie und Praxis zusammenkommen. Er ist ein Repräsentant einer Zeit, in der Gewalt und Hass in der politischen Auseinandersetzung noch Alltag waren. Sartre hat immer Wege aus dem Dilemma eines ideologischen Denkens gesucht, dass den Menschen zwar Halt geben kann, ihnen aber auch die eigene Verleugnung abnötigt.

 

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Teil 2

IMG_2150Erst Jahre später, nach der Geburt meiner großen Kinder und nach dem Ende meiner ersten Ehe, lernte ich jemanden kennen, der die Leidenschaft für das Theater mit mir teilte. Henrike war keine Unbekannte. Doch hielt sie sich jahrelang im Hintergrund. Zwischendurch war sie nach München ausgewandert. Kurz bevor sie meine Bühne betrat, war sie wieder in ihre alte Heimat gezogen. Sie lebte mitten in der Innenstadt von Gießen, nur einen Steinwurf vom Theater entfernt. Über einen gemeinsamen Freund kam wieder ein Kontakt zustande. Wir hatten uns über den Winter und Sommer immer wieder am Wochenende mit anderen gemeinsamen Bekannten getroffen und die Abende in Kneipen und Lokalen in Gießen und Marburg verbracht. Im Sommer trafen wir uns ohne Freunde. Zwischen uns entstand schnell eine Vertrautheit und Direktheit, die ich noch bei keinem anderen Menschen erlebt hatte. Henrike war das Gegenbild zu den Zombies auf dem Sofa. Man konnte mit ihr gemeinsam Dinge gedanklich durchdringen. Wir redeten und diskutierten, rauchten Rillos und tranken, stellten fest, dass wir beide seit Jahren den Spiegel jede Woche von vorne bis hinten lasen (sie von vorne nach hinten und ich von hinten nach vorne. Mittwochs treffen wir uns meistens in der Mitte des Heftes) und dass wir uns gleichermaßen zu Literatur und Theater hingezogen fühlten. Ich habe lange gedacht, dass wir eine rein intellektuelle Beziehung haben und habe gar nicht merken wollen, dass Henrike mehr in mir als einen netten Gesprächspartner sah. Ich fühlte mich ihr nahe. Mein Instinktsystem war allerdings auf zickige und anstrengende Frauen ausgerichtet. Eine krasse Fehlschaltung in meinem Hirn, die mich eine vollkommen psychisch deformierte Frau hat heiraten lassen. Mir hat mal eine Frau gesagt, dass sie sich immer in Typen verliebt, die sie schlecht behandeln, weil sie es verdient hätte. Ihr war vollkommen bewusst, dass ihr Verhalten krank war und doch hat sie sich immer diese brutalen Idioten ausgesucht. Ich war nicht viel besser. Ich wartete auf die nächste Katastrophe von Frau, um sie zu heiraten. Henrike blieb hartnäckig und Anfang Dezember hatte ich mich unsterblich in diese kleine Frau verliebt. Danach folgten Jahre mit Schmetterlingen im Bauch und auch heute noch kann ich keinen Tag ohne ihre Gegenwart auskommen. Ich habe am Anfang darauf gewartet, dass dieses Gefühl der Vertrautheit aufhört und die Beziehung zu einer Anhäufung von Ritualen und Gewohnheiten verkommt. Ich war misstrauisch. Ich hatte keine anderen Erfahrungswerte und war fast enttäuscht, dass ich nicht aufhören konnte, mich geborgen und aufgehoben zu fühlen.  Mit dem Beginn unserer Beziehung etablierten wir regelmäßige Theaterabende. Zu dem Zeitpunkt war die jetzige Intendantin des Stadttheater Gießens noch nicht lange in Amt und Würde und es schien ein neuer Wind im Theaterbau am Berliner Platz zu wehen. Frau Miville hatte damals ein Händchen für Inszenierungen, die das Theaterpublikum in Gießen aufmischte. Sie hatte in ihrem Schauspielensemble interessante Charakterköpfe zusammengebracht, mit denen man im Stande war, mehr als das übliche Standardrepertoire zu reproduzieren. In unserer ersten Spielzeit als Abonnenten gab man „der Balkon“ von Jean Genet. Ein selten gespieltes und radikales Stück, mit dem man Aufmerksamkeit erregen konnte. Es gab einen Haufen Scheiße (Wahrscheinlich aus Nougat), der von einer Prostituierte in das Gesicht eines Freiers gedrückt wurde. Es gab eine blutige und nackte Leiche, die sich ungefähr ein Stunde mit verzehrten Gesicht in einem Rednerpult aus Plexiglas zu Schau stellte. Es gab Revolution und viel Chaos auf der Bühne. Ein Teil des Publikums war aufgebracht. Weil man ja schließlich ins Theater ging, um keine Überraschungen zu erleben, verließ man in der Pause wutentbrannt das Theater. Der Rest blieb und feierte am Ende der Aufführung frenetisch den Mut eines Ensembles, das dieses merkwürdige Stück Theater mit Verve und Engagement auf die Bühne gebracht hatte. Ab da waren wir Fans des Stadttheaters und sind es bis heute, auch wenn viele interessante Mitglieder das Ensemble verlassen haben und man mittlerweile eher gefällige Inszenierungen erlebt. Die örtliche Nähe des Theaters hat uns den Besuch erleichtert. Manchmal sind wir fünf Minuten vor Beginn der Vorstellung losgelaufen, um noch rechtzeitig vor Schließung der Türen in den Zuschauerraum zu gelangen. In dieser Zeit haben wir Sonntagsmorgen nach dem Frühstück häufig die Gelegenheit genutzt und die Einführungsmatinee zu den neuen Stücken besucht. Für uns eine wichtige Möglichkeit geistige Nahrung für unsere unzähligen Gespräche zu erhalten und Schauspieler in der Auseinandersetzung mit den Stück  außerhalb ihrer Rollen erleben können. Manchmal hat man die Schauspieler beim Einkaufen in der Stadt gesehen. Damit war immer ein seltsames Empfinden verbunden, weil man sie vielleicht am Tag vorher auf der Bühne erlebt hat. Eine Zeitlang haben wir auch den Weg nach Frankfurt nicht gescheut, um die Vorstellungen des Frankfurter Schauspiels zu sehen. Henni hatte mir damals Karten für eine Aufführung des Rimini-Protokolls geschenkt, die dort im kleinen Haus „das Kapital“ inszeniert haben. Ein phänomenales Erlebnis einer damals noch vollkommen neuen Art, Stücke auf die Bühne zu bringen. Ein weiteres Highlight sollte die Aufführung von Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ sein. Das Stück hatte mich damals in seinen Bann gezogen, da ich mich zu der Zeit viel mit der Geschichte der RAF beschäftigt habe. Allerdings fiel die Inszenierung zu den populären Inszenierungen in Hamburg und München vollkommen ab. Wir haben  noch einige andere Stücke in Frankfurt gesehen, uns am Großstadttheater erfreut und trotzdem sind wir immer wieder nach Gießen zurückgekehrt.  Vor ca. elf Jahren hat Henrike die Idee gehabt, dass wir uns doch ein Theaterabonnement leisten sollten. Sie hatte sich damals ausgiebig informiert, welche Möglichkeiten wir haben und an der Theaterkasse zufällig den richtigen Zeitpunkt erwischt, um sich die Plätze 58 und 59 in Reihe drei zu sichern. Wir waren plötzlich stolze Theaterabobesitzer und sind es geblieben. Ein Jahr später sind wir nach Wetzlar gezogen, in den folgenden Jahren sind unsere drei Kinder auf die Welt gekommen. Wir sind unseren Plätzen in Reihe drei treu geblieben und haben nur wenige Aufführungen verpasst. Heute Vormittag waren wir zum ersten Mal mit allen Kindern zu einer Aufführung. Jule, unsere älteste Tochter, hat im Sommer zwei Eintrittskarten für das Weihnachtsstück gewonnen. Ich hoffe, dass meine Kinder etwas von unserer Leidenschaft fürs Theater mitbekommen und vielleicht lernen, das mein kein Konsumzombie sein muss, sondern dass es viele Wege gibt, sich mit der Welt auseinander zu setzen.  Was hat das jetzt mit meiner Liebe zum Leben zu tun? Von meiner Jugend an, bis zu meinem fünfunddreißigsten Lebensjahr, habe ich mich immer bedroht gefühlt. Es war schwer, den Angstangeboten zu widerstehen, sich nicht dem Weltschmerz hinzugeben. Im Theater gibt es viele Momente der Verzweiflung, aber auch Momente der Erlösung und der Befreiung. Theater heißt die Katharsis zu spielen, sich auf die Möglichkeiten der eigenen Existenz vorzubereiten.  Das Unmittelbare des Theaters ist mehr als eine Übung. Das Drama macht die Extreme des Lebens deutlich und vermittelt die Erfahrung einer Dialektik, die der eigenen Lebenserfahrung am nächsten kommt.  Im Gegensatz zu den Medien Fernsehen und Film, die Traumwelten fern der Wirklichkeit erschaffen, eher Trost vermitteln und ein einlullendes Phlegma erzeugen können, die uns apathisch werden lässt. Ich habe gelitten und den Schmerz erlebt, aber ich habe mir mein Leben angeeignet, so wie ich es im Theater bei vielen Protagonisten erlebt habe. Dadurch ist mein Leben reich an Erfahrungen und Erlebnissen, die mir für immer verborgen geblieben wären, wenn ich keinen Widerstand geleistet hätte und immer noch auf dem Sofa läge, um die nächste Tüte Chips zu öffnen und nach der Fernbedienung zu greifen.

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Teil 1

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Inhaber eines Theaterabonnements zu sein, bedeutet für mich mehr als nur in regelmäßigen Abständen einer kulturellen Veranstaltung beizuwohnen. Für mich ist es der Ausdruck meiner Liebe zum Theater, der Liebe zu meiner Frau und letztendlich, kaum zu glauben, der Liebe zum meinem Leben. Das Theater hat meine Liebe nie erwidert, meine Frau hat mich geliebt, als ich noch gar nichts von ihrer Zuneigung ahnte und mein Leben? Manchmal verschränkt es die Arme, um mich von sich fern zu halten und manchmal öffnet es seine Arme, um mich zu beschützen oder an sich zu drücken.

Aufgewachsen in den Achtzigern, sozialisiert auf dem Dorf, bin ich in meiner Kindheit und Jugend mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber kulturellen Ausdrucksformen jenseits von Fernsehen und Kino konfrontiert worden. Menschliche Kreativität wurde von meiner Umgebung nur akzeptiert, wenn sie im Rahmen einer massentauglichen Kommerzialisierung stattfand. Bücher kaufte man nur beim Bertelsmann-Buchclub, Musik wurde nur gehört, wenn sie im Radio lief und in der Hitparade gelistet wurde, ansonsten flimmerten die Schenkelklopfer des Komödienstadels oder Ohnsorgtheaters über den Bildschirm. Alles andere fand nicht statt und wurde behandelt wie nutzloser Dreck. Man wollte unterhalten werden. Wenn man den ganzen Tag hart gearbeitet hat und sich noch um den Haushalt, den Garten, die Autowäsche, die Fußballbundesliga und die Kinder gekümmert hatte, war man so erschöpft. Man wollte nicht nachdenken oder mit unangenehmen Dingen konfrontiert werden. Ab meinem vierzehnten oder fünfzehnten Lebensjahr entdeckte ich, dass die Erwachsenen und auch viele Gleichaltrige sich in ihrem Alltag auf den Konsum beschränkten. Man verbrachte den Tag mit dem Verbrauch und nicht mit dem Erschaffen. Es war einfacher sich gedankenlos hin zu geben, anstatt es mit seinem Denken zu durchdringen. In meiner Umgebung herrschte Leere und Ahnungslosigkeit. Ich blickte in puppenhafte starre Gesichter, sah unzufriedene und kranke Menschen, die jeglichen Komfort hatten, aber nichts mehr empfinden konnten. Sie hatten alle aufgehört, Fragen zu stellen. Sie wollten nichts mehr wissen, hatten alle Neugier aufgegeben und warteten morgens nur noch darauf, dass es bald Abend wird und sie sich vor die Glotze hocken konnten. Ich entdeckte den Widerspruch hinter den sie ihre Menschlichkeit verbargen. Wandelnde Zombieanomalien des menschlichen Bewusstseins, stillgelegte Denkreaktoren, die die Chipstüte nicht mehr zur Seite legen konnten, die Fernbedienung fest umklammert hielten und sich nie wieder vom Sofa erheben wollten.

Ihnen fehlte jeglicher Antrieb zum Widerstand. Damals hatte man Angst vor Anarchie. Kreativität wurde als Angriff auf eine scheinbar ewig gültige Ordnung verstanden. Dabei braucht die Welt den Widerstand. Jegliche vermeintliche sichere Ordnung muss in Frage gestellt werden. Denn jede These braucht eine Antithese. Nur so kann es ein Voranschreiten der Zeit und der Menschen geben. Der Prozess  des Erschaffens beinhaltet den Widerstand gegen eine Ordnung. Nur gegen das Alte kann das Neue entstehen. Ich habe in meiner Jugend begonnen, intuitiv nach Ausdrucksformen geistigen Widerstands zu suchen. Meine seelische Gesundheit war in Gefahr und viele Jahre habe ich damit verbracht, gegen eine Erkrankung meiner Psyche anzukämpfen. Ich konnte mich nur davor retten, indem ich angefangen habe, Dinge mit meinem Denken zu durchdringen. Dabei half die Musik, dazu kam die Literatur, die Philosophie und zu guter Letzt als Krönung das Theater. Ich erlebte das Theater als Gegenbild zu meiner emotionsarmen Umgebung, in der man dazu neigte, Gefühle und Empfindungen bei sich zu behalten und nicht mit Mitmenschen zu teilen. Im Theater gibt es Figuren, die aus sich herausgehen, die Emotionen zur Schau stellen, sie durchleben, sie begreifbar machen. Sehr früh fixierte ich mich auf Stücke von Bert Brecht. Das epische Theater steht nicht für die große Dramatik. Bei Brecht dreht sich alles um einfache Menschen, die Widerstand leisten, die Moral bewahren, egal wie aussichtslos ihre Situation und wie amoralisch ihre Umwelt ist. Auch in meiner Umgebung war Moral etwas für die Kirche und dort ging man nicht mehr hin. Widerstand  gegen die Umstände war zwecklos. Da hätte man die Sportschau verpassen müssen. Meine ersten Erfahrungen mit dem großen Emotionstheater machte ich mit einer damals sehr populären Inszenierung von „Käthchen von Heilbronn“, später sah ich im Stadttheater Gießen „Gespenster“ von Ibsen und fand bei Ibsen die Darstellung einer Welt, wie ich sie kannte. Es wurde verheimlicht, gelogen und unterdrückt. Die alte Ordnung war nur noch Fassade und musste unter allen Umständen verteidigt werden. Der Schluss des Stückes als Frau Alving erkennen muss, dass ihr Sohn an Paralyse erkrankt ist, er bald in geistige Umnachtung fallen wird und er nur noch von der Sonne stammelt, hat mich tagelang beschäftigt. Es wurde wenig gesprochen, aber die Schauspieler drückten mit all ihnen zu Verfügung stehenden Mitteln die Verzweiflung von Mutter und Sohn aus, die Verzweiflung über die Endgültigkeit des Verderbens, dass sie erwarten wird, die Verzweiflung darüber, dass ihnen die Lüge des Vaters und Ehemann viele Jahre ihres Lebens geraubt haben und es keine Erlösung für sie gibt. Solche Theaterstücke haben mich gerettet und mir geholfen, meinen Verstand zu bewahren. Ich habe erlebt, dass es dort außerhalb meines Dorfes eine Welt gibt, die viel spannender und interessanter ist und nicht weit entfernt liegt. In Gießen, fünfzehn Kilometer von meinem Heimatdorf entfernt, gab und gibt es ein Stadttheater, in dem viele der Stücke gezeigt wurden, die mich inspiriert und mir Kraft gegeben haben. Ich saß in den viel zu engen roten Sesseln und verlor mich in dieser anderen Welt, um danach meine Welt neu denken zu können. Leider hatte ich niemanden, der diese Leidenschaft teilte. Meine Freunde und meine Gefährtinnen dieser Jahre hat keinen Sinn für die emotionsgeladene Gewalt von inszenierten Geschichten, die von ein paar Menschen zwischen drei Wänden auf einer Bühne zum Leben erweckt wurden. Da es nicht aus Hollywood kam, es kein Popcorn gab und nicht leicht konsumierbar war, hatte es keine Bedeutung für sie. Aber das Theater war voll und in den Sitzreihen gab es ausreichend andere Menschen, die  wie ich eine ähnliche Zuneigung zum Theater pflegten.