Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Lenz

Zum ersten Mal  bin ich in der taT-Studiobühne, der Nebenbühne des Gießener Stadttheaters. Hier arbeitet sich heute Abend Christian Fries, der alte Haudegen,  an der Novelle Lenz von Georg Büchner ab. Christian Fries gehörte für ein paar Jahre zum Gießener Schauspielensemble und kehrt für Gastspiele immer wieder mal nach Gießen zurück.  Das taT ist der Schauplatz kleinerer Inszenierungen, ab und zu mal mit experimentellen Anspruch, ein leerer Würfel mit schwarzen Wänden, pandemiebedingt mit wenigen Stühlen, die im Raum verteilt sind. Christian Fries hat viel Fläche zur Verfügung, die er gar nicht nutzen muss. Das Reclamheftchen mit dem Lenz-Text liegt irgendwo auf dem Boden, ein Sessel in der Ecke, Mikro, das ist das Bühnenbild.

Der Text Lenz handelt, eingebettet in unzähligen Naturbeschreibungen, von dem psychisch kranken Schriftsteller Lenz, der in einem abgelegenen Bergdorf bei dem Pfarrer Oberlin unterkommt und dort endgültig seinem Wahnsinn verfällt.  Lenz nimmt am Tage am Leben teil hat und verliert sich nachts in seinen Ängsten und Phantasien. Lenz bekommt Besuch von seinem Freund Kaufmann, der ihn dazu überreden will, nach Hause zurück zu kehren. Als Oberlin und Kaufmann eine Reise in die Schweiz unternehmen, begleitet Lenz sie ein Stück und kommt auf den Rückweg in ein anderes Bergdorf. Dort kommt er bei einer Familie unter, deren Tochter an Fieber leidet und kurz darauf stirbt. Lenz fühlt sich verantwortlich, will das Mädchen ins Leben zurückholen. Zwischenzeitlich kehrt Oberlin aus der Schweiz zurück und Lenz phantasiert in seiner Gegenwart, dass er seine Geliebte umgebracht hat. In Folge versucht sich Lenz aus dem Fenster zu stürzen und wird am Schluss im apathischen Zustand nach Straßburg gebracht.

Wie kann sich ein Schauspieler dem Stück nähern? Es geht ja ums Irresein, um emotionale Ausbrüche und Zusammenbrüche, das kann man als Schauspieler reproduzieren, in dem man mit pathetischer Mimik und Gestik das Irresein nachspielt oder man macht es wie Christian Fries, der sich reduktionistisch mit dem Text auseinandersetzt.

Wer Christian Fries schon einmal erlebt hat, hätte ihm das pathetische Zetern und atemlose Verlieren in den Wahnsinn eh nicht abgenommen. Herr Fries ist in seiner Tonlage nicht fliesend dynamisch, sondern leise, normal oder laut. Das macht ihn sympathisch, weil er erst gar nicht versucht, sich in seiner Rolle hinein zu verkriechen. Er steht auf der Bühne, bewegt sich kaum, verwendet wenige Gesten, nur an einige Stellen untermalt er mit seinen Händen den Text, seine Stimme leise, leiernd rezitierend, lässt er am Zuschauer vorbeihuschen. Man muss genau zuhören, um den Inhalt zu verstehen. Manchmal setzt er einen Blockflötenkopf ein, um Übergänge zu schaffen oder Stimmungen zu verdeutlichen (z. B. zu Beginn ahmt er den Wind nach, der durchs Gebirge bläst).

Tief im Text steckt Büchners Sicht der Dinge. Er lässt sie im Gespräch zwischen Lenz und Kaufmann aufblitzen, als Lenz gegen den Idealismus wettert: „Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht, wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen; unser einziges Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist. Das Gefühl, daß, was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen.“

Damit widerspricht er den seine Gegenwart bestimmende Strömungen. Wo Romantik und Idealismus nach Verklärung und Überhöhung streben, setzt er auf Realismus.

Und genau diesen Ton trifft Fries mit seiner Schauspielkunst. Es geht ums Zuhören und wahrnehmen und nicht um Überhöhung. Kurz zusammengefasst: Das wohltuende Gegenprogramm zum Musical, dass einen Popstar zum Außerirdischen hochstilisiert und damit das Theater an den Zeitgeist verrät.  

Ein Gedanke zu “Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Lenz

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