Stadt, Land……Weltuntergang

Vor ein paar Wochen hat mich ein guter Freund besucht. Er wollte schon immer abgeschieden auf dem Land leben. Den Wunsch hat er sich vor ein paar Jahren gemeinsam mit seiner Ehefrau erfüllt. Sie haben sich ein Haus in einem kleinen Ort mit zweihundert Einwohnern gekauft. Die Hauptstraße, eine Buckelpiste mit tiefen Schlaglöchern führt durch das Dorf und endet im Wald. Es gibt dort kein Geschäft, keinen Kindergarten, keine Schule. Der nächste Ort mit nennenswerter Infrastruktur ist fünf Kilometer entfernt und seine Arbeitsstelle und die nächste Stadt ca. 10 Kilometer.

Als ich damals meine jetzige Frau kennen gelernt habe, die jahrelang in einer Großstadt gewohnt hat und nach ihrer Rückkehr in eine mittelgroße Kleinstadt mit 80.000 Einwohnern gezogen war, habe ich das Leben in der Stadt schätzen gelernt. Sie wohnte zur Miete in einer gemütlichen Altbauwohnung inmitten der Innenstadt. Wenn ich bei ihr war, war vieles sehr einfach. Zum Einkaufen, zum Essen ins Restaurant, zum Theaterbesuch ging man einfach um die Ecke.

Wir sind nach zwei Jahren in die Stadt gezogen, in der wir heute noch wohnen. Erst zur Miete, später haben wir uns ein Haus gekauft. Die Stadt hat 50.000 Einwohner und je nachdem in welchem Viertel man wohnt, hat man ähnlich kurze Wege wie in einer Großstadt. Wir hatten sehr viel Glück, dass wir zum richtigen Zeitpunkt ein Haus in einer Nebenstraße in einem recht ruhigen Viertel gefunden haben. Dieses Haus pflegen, schätzen und lieben wir über alles. Es ist das Heim unserer Familie. Zwei Erwachsene, drei Kinder, vier, acht und elf Jahre alt.

Mein Freund und ich saßen bei uns im Garten. Wir haben einen kleinen Gartenschuppen, eine fest gemauerte niedrige Hütte, mit einem Vordach und einem grünen Dach aus Traubenranken. Darunter befindet sich mein Lieblingsplatz. Im Sommer sitze ich dort und schreibe, rauche und unterhalte mich abends bei einem Glas Wein mit meiner Frau. Wenn mein Freund und ich uns gegenseitig besuchen, wälzen wir alle Probleme dieser Welt. Wir kennen uns seit über zwanzig Jahren und wir schätzen die Gesellschaft des anderen ungemein. Unsere Besuche finden ein- zwei Mal im Jahr statt und sind für jeden von uns immer ein Vergnügen.

Über Umwegen kamen wir auf das Thema Klimawandel. Mein Freund berichtete mir, dass seine älteste Tochter mit elf schon ein Handy habe. Als Eltern mit klarem Erziehungsauftrag murrten wir hörbar auf. Unsere Tochter bekommt erst mit vierzehn Jahren ein eigenes Handy. Wir erlauben ihr nur die kontrollierte Nutzung sozialer Medien. Er hat sich umgehend gerechtfertigt. Schließlich fahre nur der Schulbus nach Hause und ein Linienbus fahre nur ein- bis zweimal am Tag. Das heißt, wenn bei seiner Tochter Unterricht ausfällt oder irgendetwas in der Schule dazwischen kommt und sie den Bus verpasst, muss sie abgeholt werden. Bei uns ist das kein Problem. Wenn ein Bus nicht fährt oder meine Tochter den Bus verpasst, wartet sie einfach auf den Linienbus, der alle halbe Stunde fährt oder läuft nach Hause. Die Schule ist zwar in einem anderen Stadtteil, aber auf dem halben Weg liegt der Bahnhof und spätestens dort kann sie in den Bus einsteigen.

Schnell waren wir bei dem Thema Mobilität. Mein Freund und seine Familie sind auf Autos angewiesen. Es gibt wenige Möglichkeiten flexibel öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Meine Frau hat als Landesbedienstete sogar ein kostenloses Jahresticket für den ÖPNV und fährt jeden Morgen mit dem Zug in die Nachbarstadt und sie hat nachmittags wenig Schwierigkeiten pünktlich in die Kita zu kommen, um meinen Sohn abzuholen. Unsere beiden Töchter haben alle Jahrestickets für den ÖPNV (kostet 365 EUR pro Jahr) und kommen so auch flexibel zu allen möglichen Zeiten zur Schule und nach Hause. Es ging noch weiter. Wir kamen dann auf das Thema Müllvermeidung. Wir haben einen Bioladen in der Stadt, der Unverpackt anbietet und in der Nachbarstadt (in die wir am Wochenende mit dem Ticket meiner Frau kostenlos mit dem Zug fahren können) einen Unverpacktladen. D.h. wir können mit wenig Aufwand einen Großteil des Verpackungsmülls einsparen. Die gängigen Nahrungsmittel wie Nudeln, Reis, Müsli holen wir unverpackt und auch Reinigungsmittel, Pflegemittel bekommen wir unverpackt. Den gelben Sack nutzen wir seit Jahren nicht mehr. Ich habe gerade nach vier Wochen unsere schwarze Tonne vor die Tür gestellt und sie war nur zu einem Drittel gefüllt. Als wir noch nicht an Verpackungsmüll gespart haben, war die Tonne jedes Mal bis oben hin voll. Mein Freund geht in einen Rewe im Nachbarort und kann dort vielleicht Obst und Gemüse in mitgebrachte Taschen und Behältnisse verstauen und seinen gesamten Einkauf vielleicht in einen Korb stopfen. Wenn er aber dort an die Metzgertheke geht und darum bittet, dass die Wurst in ein mitgebrachtes Behältnis gepackt wird, wird er mit Kopfschütteln abgewiesen. Auch das ist bei uns möglich, weil es genug Leute in der Stadt gibt, die das von ihren Metzgern verlangen und die, um die Kunden nicht zu verlieren, auf den Wunsch eingehen. Einen Unverpacktladen gibt es bei meinem Freund eventuell in der nächsten Großstadt, die ungefähr fünfzig Kilometer entfernt ist. Mangels Öffentlicher Verkehrsmittel wird er da mit dem Auto hinfahren müssen, also kann er es sich gleich sparen und nur darauf hoffen, dass sein Supermarkt im Nachbarort irgendwann mal den Schuss gehört hat. Ich kann alle Strecken in der Stadt mit dem Fahrrad fahren. Die Radwege bei uns sind nicht optimal, aber wir haben welche. Wenn mein Freund in den nächsten Ort fahren will, muss er auf vielen Umwegen durch den Wald fahren oder auf einer Landstraße. Einen Radweg gibt es nicht. Er ist wegen der Natur aufs Land gezogen und für ihn ist es selbstverständlich für den Erhalt der derselben etwas zu tun. Er sieht in den Anstrengungen für Umwelt- und Klimaschutz ein Gewinn für seine Lebensqualität. Aber er hat weniger Möglichkeiten im Alltag aktiv Umwelt- und Klimaschutz zu betreiben.

Nach diesem Sommertag im Garten hat sich mir eine Frage aufgedrängt. Gibt es auch beim Umweltschutz ein neues gesellschaftliches Ungleichgewicht?

In den letzten Jahren hat sich die bundesrepublikanische Gesellschaft in vielen Bereichen auseinander bewegt: Ob links oder rechts, oben oder unten, Ost oder West, Stadt oder Land. Auch bei Umweltthemen öffnen sich die Gräben, die immer unüberwindbarer erscheinen, weil sie mit den anderen Gegensätzen korrespondieren. Wer in der Stadt lebt, sich vegetarisch oder vegan ernährt, mit dem Fahrrad fährt oder den Bus nutzt, der kurze Wege hat, hat es leicht auf solche Menschen wie meinen Freund hinabzuschauen, der gerne auf dem Land lebt, gerade weil er ein Interesse an der Natur und der Umwelt hat, aber auf das Auto angewiesen ist und nun einmal sich nicht den Luxus gönnen kann, in den Bioladen um die Ecke zu gehen.

Viele gesellschaftlich relevante Probleme wurden in den letzten Jahren von großen Teilen der Gesellschaft erfolgreich verdrängt. Die Überflussgesellschaft, die es gewohnt ist, von der Ausbeutung von Ressourcen und weniger entwickelten Ecken dieser Welt zu profitieren, hat erfolgreich jede Herausforderung zur Bedrohung des eigenen Lebensstandards uminterpretiert. Dabei bringt das Wegsehen die wirkliche Bedrohung hervor. Aus Trägheit und Desinteresse hat man jegliche Vorschläge zur Veränderung von Verhaltensweisen erfolgreich niedergeschrien. Wenn ich in Facebook die vielen hasserfüllten Beiträge von eigentlich friedlichen Mitmenschen lese, die sich höllisch über Greta Thunberg und politisch aktive Schüler aufregen und die mittels Statistiken aus der Bildzeitung beweisen wollen, dass Deutschland ja eh nichts ändern kann, da wir Deutschen nur ein Prozent der Weltbevölkerung stellen und China aufgrund der vielen Chinesen viel eher in der Pflicht ist, etwas gegen den Klimawandel zu tun, weiß ich, dass diese Menschen glauben, wirklich etwas zu verlieren, wenn sie ihr Verhalten ändern, indem sie anstatt mit dem SUV zum Bäcker zu fahren, die hundert Meter einfach mal laufen. Für sie geht es nur um den Statusverlust und nicht um die Frage nach der Veränderung unserer Lebensweise zugunsten unseres Planeten und uns selbst.

Die Haltung, die von der Weltanschauung, dass der Kapitalismus durch die Produktion des permanenten Überfluss anscheinend die Unsterblichkeit der eigenen Art garantiert, geprägt ist, treibt die Gesellschaft noch weiter auseinander. Wir müssen uns eigentlich über die Gräben hinweg die Hand reichen und uns überlegen, wie wir in Zukunft unsere Gesellschaft organisieren wollen, um jedem Bürger zu ermöglichen, dass er seinen Beitrag zur Ressourcenschonung leisten kann. Leider sind die Stimmen der Konservativen, die unter Bewahrung, das Vermeiden von Veränderung verstehen, viel zu grell und zu laut, um im Rahmen einer politischen Willensbildung die vollständige Veränderung aller Infrastrukturen zu erreichen. Das aktuelle Klimapaket der Bundesregierung bringt dies leider zum Ausdruck. Man will keine Wende, sondern nur Symbolpolitik, die die eine Seite beruhigt und die andere Seite bestätigt, die aber nichts zusammenbringt.

Dabei könnte es so einfach sein. Wir sitzen am Tisch im Garten und reden miteinander. Wir hören dem anderen zu, zeigen Verständnis für seine Situation und werben für Verständnis für unsere Situation. Dann kommt das Einverständnis über gemeinsame Ziele. Weil niemand will wirklich, dass diese Welt zugrunde geht. Das klingt romantisch, aber was im Kleinen funktioniert, könnte eventuell auch im Großen funktionieren.

Ein Gedanke zu “Stadt, Land……Weltuntergang

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