Ihr Anliegen mit der Nr. 94790879 vom 14.08.2021

Meine persönliche Verkehrswende sollte nicht beim Kauf eines Elektroautos enden. Mein langfristiges Ziel ist es, ganz auf den Besitz eines eigenen Autos zu verzichten. Alleine die Herstellung von Autos, egal ob Elektro- oder Verbrenner, ist eine riesige Umweltsauerei. Ich setze also auf den öffentlichen Nahverkehr, gehe kurze Strecken zu Fuß oder fahre mit dem Fahrrad und nutze für den letzten Kilometer ein E-Scooter.

 Ich wohne, wie ich schon öfter erwähnt habe, inmitten der Stadt.  Die meisten Wegstrecken, die ich zurücklege, betreffen meinen Weg zur Arbeitsstelle. Ich arbeite in Aßlar, einem Nachbarort von Wetzlar, der ca. fünf Kilometer von meinem Zuhause entfernt liegt. Aßlar ist eine Kleinstadt und durch die Vororte der Stadt mit Wetzlar direkt verbunden. Man fährt auf geradem Wege durch die zwei Stadtteile Niedergirmes und Hermannstein und ist schon am Zielort. Alle halbe Stunde fährt ein Bus oder Zug von Wetzlar nach Aßlar. Die Buslinie 200, fährt pünktlich um acht am zentralen Busbahnhof ab, der neben den Bahnhof zentral in der Innenstadt liegt. Der Bahnhof ist anderthalb Kilometer von meinem Haus entfernt. Zufälligerweise passt das genau zu meinem Arbeitsbeginn. Um 8.08 Uhr bin ich in Aßlar, 8.12 Uhr bin ich auf der Arbeit. Der Heimweg ist ähnlich komfortabel. Stündlich fährt der Bus zurück nach Wetzlar. Wenn das mal nicht passt, kann ich auf den Zug ausweichen. Na da sollte die persönliche Verkehrswende sich doch flugs umsetzen lassen, oder?

Ich habe ein paar Tage gebraucht, um zu realisieren, was der Verzicht aufs Auto nun für mich bedeutet. Es fühlt sich ein wenig an, als entwöhne man sich von Süßigkeiten. Nie wieder Schokolade! Eine Welt bricht zusammen und der Schmerz ist groß. Aber ich bleibe tapfer, denn mit meiner persönlichen Verkehrswende kann ich dazu beitragen, dass die Welt ein besserer Ort wird. Dazu bedarf es nun einmal erhebliche persönliche Opfer. Ich habe von Leuten gehört, die schon immer mit dem Bus zur Arbeit fahren. Das liegt jenseits meiner Vorstellungskraft. Was sind das bloß für tapfere Zeitgenossen. Um mich von meinem Schmerz abzulenken, habe ich mich der neuen Herausforderung angenommen und sie Generalstabsmäßig geplant. In meinem Kopf habe ich eine Liste geschrieben, um die Operation Busfahren erfolgreich gestalten zu können. Ich habe nichts dem Zufall überlassen.

 Ein paar Tage später war es dann soweit: Ich stehe im Jackett, Hemd und Chinohose (meiner Arbeitskleidung) vor unserem Haus auf der Straße, setze meinen Fahrradhelm auf, kontrolliere, ob er gut sitzt, ziehe mir meinen Rucksack über die Schulter, in die ich eine Mahlzeit, ein Getränk und Lektüre für die Mittagspause gepackt habe, stellte mich auf meinen E-Scooter, mache einen Schulterblick und düse über die Straße in Richtung Bahnhof.

Ich bin Kartoffel durch und durch. Ich gehe immer auf Nummer sicher, habe  immer einen Plan B und ich bin so was von pünktlich. Mir unterlaufen niemals Fehler und wenn, dann sind die anderen Schuld.

Um 7.40 Uhr verlasse ich das Haus und um 7.48 stehe ich an der Bushaltestelle. Der Bus fährt laut Fahrplan um acht Uhr ab. Meinen E-Scooter habe ich zusammengeklappt und trage ihn mit der einen Hand und  in der anderen Hand halte ich das abgezählte Geld für die Tageskarte bereit. Den Fahrradhelm kann ich nicht abziehen. Im Bus kann man sich nicht anschnallen. Da kann der Helm bei Unfällen wenigstens ein wenig Schutz bieten. Um 8.03 Uhr fährt der Bus an die Haltestelle. Ich bin jetzt schon klatschnass geschwitzt und genervt. Wenn 8.00 Uhr auf dem Fahrplan steht, dann hat der verdammte Bus um acht Uhr zu erscheinen.

 Der Busfahrer erschrickt, als ich den Bus betrete. Er hat mich nicht erwartet. Ich bin der einzige Fahrgast an diesem Morgen. Er zählt mein Kleingeld nach, gibt mir das Ticket und ich gehe auf meinen Platz. Der Busfahrer brüllt  mir hinterher, dass ich ihm nur ein zwei-Cent anstatt einem fünf-Cent Stück gegeben habe. Das kann nicht sein. Ich habe mein Kleingeld fünfmal nachgezählt. Es lag schon gestern abgezählt auf meinem Nachtisch. Sonst hätte ich nicht schlafen können. Ich bin frustriert und sauer. Dieser Busfahrer hat echt Nerven. Drei Minuten später kommen und dann mir auch noch unterstellen, drei Cent zu wenig bezahlt zu haben. Ich rücke meinen Fahrradhelm zurecht und gehe widerwillig zum Busfahrer. Leider hat er Recht. Ich suche verzweifelt nach einem fünf-Cent-Stück in meinem Geldbeutel und als ich sie finde, gebe ich sie widerwillig her. Es ist 8.05 Uhr, wir fahren endlich los.

Während wir auf der breiten Straße durch die Vororte von Wetzlar rasen, rege ich mich darüber auf, dass ich der einzige Fahrgast bin. Bin ich wirklich der einzige Trottel, der morgens mit dem Bus zur Arbeit fährt? Ich kann mich nicht entspannen, sitze mit aufgezogenem Rucksack auf der Kante meines Sitzes und halte mit den Füßen den E-Scooter fest, der, wenn der Busfahrer die Kurven scharf anfährt, ins Rutschen gerät. Ich bin so froh als der Bus ohne weitere Pannen endlich die Bushaltestelle in Asslar erreicht. Ich vermisse jetzt schon mein klimatisiertes Auto.

 Am nächsten Tag fahre ich wieder mit dem Bus zur Arbeit. Die Aufregung nimmt langsam ab. Routine stellt sich ein und weil ich besonders mutig bin, nehme ich mir am dritten Tag vor, zu Fuß zum Bahnhof zu laufen. Ein wenig Bewegung kann nicht schaden. Allerdings ist der E-Scooter auch die Absicherung für den Fall der Fälle, wen ein Bus mal nicht kommt. Dann kann ich zumindest schnell wieder nach Hause fahren.

Entgegen meiner Kartoffelmentalität habe ich in kurzer Zeit ein gewisses Vertrauen in die Zuverlässigkeit des ÖPNV entwickelt. Mein Vertrauensvorschuss entpuppt sich als absolute Dummheit, denn ich werde auf ganzer Linie von der Linie 200 enttäuscht.

Um 8.02 Uhr ist der Bus immer noch nicht da. Das bin ich ja schon gewohnt. Um 8.03 Uhr beginnt meine Halsader anzuschwellen, denn die Linie 200  fährt die Straße runter, anstatt im Kreisel einzubiegen und die Bushaltestelle anzufahren.

 Der Bus fährt ohne mich! Ich kann es zuerst nicht glauben und erst als ich sehe, dass der Bus die Brücke nach Niedergirmes überquert, lasse ich die fürchterliche Wahrheit an mich heran. Man hat mich verarscht.  Wütend über Tatsache, dass ich meine Absicherung aufgegeben habe und nun nach Hause laufen muss, entschließe ich mich sofort, eine Beschwerde per E-Mail an die Rhein-Main-Verkehrsverbund zu schreiben. Auf dem langen Marsch nach Hause, verbringe ich die Zeit damit die Beschwerde in meinem Kopf zu formulieren.

Am Abend schreibe ich die E-Mail und bekomme, wie es sich gehört in Kartoffelland, eine Nummer zugewiesen: 94790879 Ich lerne sie auswendig.

Ich warte auf die Antwort und drücke fast jede Minute ich auf den Aktualisierungsbutton meines E-Mail Accounts. Ich male mir schon aus, welche Entschuldigungen und Entschädigungen ich für dieses mir angetane Unrecht erhalte.

Am übernächsten Tag, ich wollte gerade die nächste Beschwerdemail schreiben, um mich darüber zu beschweren, dass meine Beschwerde nicht rechtzeitig beantwortet wurde, landet die Antwort in meinem Mail-Postfach:

Wir haben die betreffende Fahrt der Linie 200 in unserem Leit- und Informationssystem (LIAS) geprüft. Die Anfahrt der Haltestelle Bahnhof/ZOB erfolgte ordnungsgemäß.

Das betreffende Verkehrsunternehmen teilt in seiner Stellungnahme zum Sachverhalt ebenfalls mit, dass der Fahrer ordnungsgemäß nach der Pause an die Haltestelle gefahren ist und seine Fahrt begonnen hat.

Wir würden uns freuen, wenn wir Sie trotz des unangenehmen Vorfalls auch zukünftig zu unseren Fahrgästen zählen dürften. Hierbei wünschen wir Ihnen gute und problemlose Fahrt.

Mit freundlichen Grüßen

Frechheit! Unverschämtheit! Ich als opferbereiter Bürger werde als Lügner verhöhnt. Natürlich werde ich nie wieder mit Eurem Sauladen irgendwo hin fahren…aber die Verkehrswende…Mein Ärger und Frust über diese fadenscheinige Antwort verhakt sich mit meinem Ansinnen, die Welt durch die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln zu verbessern und führt zu einem widerlichen Disput mit mir selbst.  Was soll ich tun?  Krone zurechtrücken und wieder aufstehen. So einfach gebe ich nicht auf. Wenn ich nicht mehr mit dem Bus fahre, habt ihr Euer Ziel erreicht.

 Gestern Morgen stand ich an der Bushaltestelle und habe erst einmal den Fahrradhelm abgezogen. Die Linie 200 kam pünktlich.

Stadt, Land……Weltuntergang

Vor ein paar Wochen hat mich ein guter Freund besucht. Er wollte schon immer abgeschieden auf dem Land leben. Den Wunsch hat er sich vor ein paar Jahren gemeinsam mit seiner Ehefrau erfüllt. Sie haben sich ein Haus in einem kleinen Ort mit zweihundert Einwohnern gekauft. Die Hauptstraße, eine Buckelpiste mit tiefen Schlaglöchern führt durch das Dorf und endet im Wald. Es gibt dort kein Geschäft, keinen Kindergarten, keine Schule. Der nächste Ort mit nennenswerter Infrastruktur ist fünf Kilometer entfernt und seine Arbeitsstelle und die nächste Stadt ca. 10 Kilometer.

Als ich damals meine jetzige Frau kennen gelernt habe, die jahrelang in einer Großstadt gewohnt hat und nach ihrer Rückkehr in eine mittelgroße Kleinstadt mit 80.000 Einwohnern gezogen war, habe ich das Leben in der Stadt schätzen gelernt. Sie wohnte zur Miete in einer gemütlichen Altbauwohnung inmitten der Innenstadt. Wenn ich bei ihr war, war vieles sehr einfach. Zum Einkaufen, zum Essen ins Restaurant, zum Theaterbesuch ging man einfach um die Ecke.

Wir sind nach zwei Jahren in die Stadt gezogen, in der wir heute noch wohnen. Erst zur Miete, später haben wir uns ein Haus gekauft. Die Stadt hat 50.000 Einwohner und je nachdem in welchem Viertel man wohnt, hat man ähnlich kurze Wege wie in einer Großstadt. Wir hatten sehr viel Glück, dass wir zum richtigen Zeitpunkt ein Haus in einer Nebenstraße in einem recht ruhigen Viertel gefunden haben. Dieses Haus pflegen, schätzen und lieben wir über alles. Es ist das Heim unserer Familie. Zwei Erwachsene, drei Kinder, vier, acht und elf Jahre alt.

Mein Freund und ich saßen bei uns im Garten. Wir haben einen kleinen Gartenschuppen, eine fest gemauerte niedrige Hütte, mit einem Vordach und einem grünen Dach aus Traubenranken. Darunter befindet sich mein Lieblingsplatz. Im Sommer sitze ich dort und schreibe, rauche und unterhalte mich abends bei einem Glas Wein mit meiner Frau. Wenn mein Freund und ich uns gegenseitig besuchen, wälzen wir alle Probleme dieser Welt. Wir kennen uns seit über zwanzig Jahren und wir schätzen die Gesellschaft des anderen ungemein. Unsere Besuche finden ein- zwei Mal im Jahr statt und sind für jeden von uns immer ein Vergnügen.

Über Umwegen kamen wir auf das Thema Klimawandel. Mein Freund berichtete mir, dass seine älteste Tochter mit elf schon ein Handy habe. Als Eltern mit klarem Erziehungsauftrag murrten wir hörbar auf. Unsere Tochter bekommt erst mit vierzehn Jahren ein eigenes Handy. Wir erlauben ihr nur die kontrollierte Nutzung sozialer Medien. Er hat sich umgehend gerechtfertigt. Schließlich fahre nur der Schulbus nach Hause und ein Linienbus fahre nur ein- bis zweimal am Tag. Das heißt, wenn bei seiner Tochter Unterricht ausfällt oder irgendetwas in der Schule dazwischen kommt und sie den Bus verpasst, muss sie abgeholt werden. Bei uns ist das kein Problem. Wenn ein Bus nicht fährt oder meine Tochter den Bus verpasst, wartet sie einfach auf den Linienbus, der alle halbe Stunde fährt oder läuft nach Hause. Die Schule ist zwar in einem anderen Stadtteil, aber auf dem halben Weg liegt der Bahnhof und spätestens dort kann sie in den Bus einsteigen.

Schnell waren wir bei dem Thema Mobilität. Mein Freund und seine Familie sind auf Autos angewiesen. Es gibt wenige Möglichkeiten flexibel öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Meine Frau hat als Landesbedienstete sogar ein kostenloses Jahresticket für den ÖPNV und fährt jeden Morgen mit dem Zug in die Nachbarstadt und sie hat nachmittags wenig Schwierigkeiten pünktlich in die Kita zu kommen, um meinen Sohn abzuholen. Unsere beiden Töchter haben alle Jahrestickets für den ÖPNV (kostet 365 EUR pro Jahr) und kommen so auch flexibel zu allen möglichen Zeiten zur Schule und nach Hause. Es ging noch weiter. Wir kamen dann auf das Thema Müllvermeidung. Wir haben einen Bioladen in der Stadt, der Unverpackt anbietet und in der Nachbarstadt (in die wir am Wochenende mit dem Ticket meiner Frau kostenlos mit dem Zug fahren können) einen Unverpacktladen. D.h. wir können mit wenig Aufwand einen Großteil des Verpackungsmülls einsparen. Die gängigen Nahrungsmittel wie Nudeln, Reis, Müsli holen wir unverpackt und auch Reinigungsmittel, Pflegemittel bekommen wir unverpackt. Den gelben Sack nutzen wir seit Jahren nicht mehr. Ich habe gerade nach vier Wochen unsere schwarze Tonne vor die Tür gestellt und sie war nur zu einem Drittel gefüllt. Als wir noch nicht an Verpackungsmüll gespart haben, war die Tonne jedes Mal bis oben hin voll. Mein Freund geht in einen Rewe im Nachbarort und kann dort vielleicht Obst und Gemüse in mitgebrachte Taschen und Behältnisse verstauen und seinen gesamten Einkauf vielleicht in einen Korb stopfen. Wenn er aber dort an die Metzgertheke geht und darum bittet, dass die Wurst in ein mitgebrachtes Behältnis gepackt wird, wird er mit Kopfschütteln abgewiesen. Auch das ist bei uns möglich, weil es genug Leute in der Stadt gibt, die das von ihren Metzgern verlangen und die, um die Kunden nicht zu verlieren, auf den Wunsch eingehen. Einen Unverpacktladen gibt es bei meinem Freund eventuell in der nächsten Großstadt, die ungefähr fünfzig Kilometer entfernt ist. Mangels Öffentlicher Verkehrsmittel wird er da mit dem Auto hinfahren müssen, also kann er es sich gleich sparen und nur darauf hoffen, dass sein Supermarkt im Nachbarort irgendwann mal den Schuss gehört hat. Ich kann alle Strecken in der Stadt mit dem Fahrrad fahren. Die Radwege bei uns sind nicht optimal, aber wir haben welche. Wenn mein Freund in den nächsten Ort fahren will, muss er auf vielen Umwegen durch den Wald fahren oder auf einer Landstraße. Einen Radweg gibt es nicht. Er ist wegen der Natur aufs Land gezogen und für ihn ist es selbstverständlich für den Erhalt der derselben etwas zu tun. Er sieht in den Anstrengungen für Umwelt- und Klimaschutz ein Gewinn für seine Lebensqualität. Aber er hat weniger Möglichkeiten im Alltag aktiv Umwelt- und Klimaschutz zu betreiben.

Nach diesem Sommertag im Garten hat sich mir eine Frage aufgedrängt. Gibt es auch beim Umweltschutz ein neues gesellschaftliches Ungleichgewicht?

In den letzten Jahren hat sich die bundesrepublikanische Gesellschaft in vielen Bereichen auseinander bewegt: Ob links oder rechts, oben oder unten, Ost oder West, Stadt oder Land. Auch bei Umweltthemen öffnen sich die Gräben, die immer unüberwindbarer erscheinen, weil sie mit den anderen Gegensätzen korrespondieren. Wer in der Stadt lebt, sich vegetarisch oder vegan ernährt, mit dem Fahrrad fährt oder den Bus nutzt, der kurze Wege hat, hat es leicht auf solche Menschen wie meinen Freund hinabzuschauen, der gerne auf dem Land lebt, gerade weil er ein Interesse an der Natur und der Umwelt hat, aber auf das Auto angewiesen ist und nun einmal sich nicht den Luxus gönnen kann, in den Bioladen um die Ecke zu gehen.

Viele gesellschaftlich relevante Probleme wurden in den letzten Jahren von großen Teilen der Gesellschaft erfolgreich verdrängt. Die Überflussgesellschaft, die es gewohnt ist, von der Ausbeutung von Ressourcen und weniger entwickelten Ecken dieser Welt zu profitieren, hat erfolgreich jede Herausforderung zur Bedrohung des eigenen Lebensstandards uminterpretiert. Dabei bringt das Wegsehen die wirkliche Bedrohung hervor. Aus Trägheit und Desinteresse hat man jegliche Vorschläge zur Veränderung von Verhaltensweisen erfolgreich niedergeschrien. Wenn ich in Facebook die vielen hasserfüllten Beiträge von eigentlich friedlichen Mitmenschen lese, die sich höllisch über Greta Thunberg und politisch aktive Schüler aufregen und die mittels Statistiken aus der Bildzeitung beweisen wollen, dass Deutschland ja eh nichts ändern kann, da wir Deutschen nur ein Prozent der Weltbevölkerung stellen und China aufgrund der vielen Chinesen viel eher in der Pflicht ist, etwas gegen den Klimawandel zu tun, weiß ich, dass diese Menschen glauben, wirklich etwas zu verlieren, wenn sie ihr Verhalten ändern, indem sie anstatt mit dem SUV zum Bäcker zu fahren, die hundert Meter einfach mal laufen. Für sie geht es nur um den Statusverlust und nicht um die Frage nach der Veränderung unserer Lebensweise zugunsten unseres Planeten und uns selbst.

Die Haltung, die von der Weltanschauung, dass der Kapitalismus durch die Produktion des permanenten Überfluss anscheinend die Unsterblichkeit der eigenen Art garantiert, geprägt ist, treibt die Gesellschaft noch weiter auseinander. Wir müssen uns eigentlich über die Gräben hinweg die Hand reichen und uns überlegen, wie wir in Zukunft unsere Gesellschaft organisieren wollen, um jedem Bürger zu ermöglichen, dass er seinen Beitrag zur Ressourcenschonung leisten kann. Leider sind die Stimmen der Konservativen, die unter Bewahrung, das Vermeiden von Veränderung verstehen, viel zu grell und zu laut, um im Rahmen einer politischen Willensbildung die vollständige Veränderung aller Infrastrukturen zu erreichen. Das aktuelle Klimapaket der Bundesregierung bringt dies leider zum Ausdruck. Man will keine Wende, sondern nur Symbolpolitik, die die eine Seite beruhigt und die andere Seite bestätigt, die aber nichts zusammenbringt.

Dabei könnte es so einfach sein. Wir sitzen am Tisch im Garten und reden miteinander. Wir hören dem anderen zu, zeigen Verständnis für seine Situation und werben für Verständnis für unsere Situation. Dann kommt das Einverständnis über gemeinsame Ziele. Weil niemand will wirklich, dass diese Welt zugrunde geht. Das klingt romantisch, aber was im Kleinen funktioniert, könnte eventuell auch im Großen funktionieren.