Walter Schels/ The Ramen

Ein totgeborenes Kind, in Käseschmiere gehüllt, die Augen fest geschlossen, der Mund offen, zum Schrei geformt, vielleicht im Geburtskanal erstickt.

Ich betrete in Hamburg ein schmales kleines Restaurant: The Ramen in der Rosenstrasse. Ich bin nur ein Tag in der Stadt. Das Restaurant habe ich vorher im Internet ausgesucht. Den Tag Aufenthalt in der Stadt habe ich minutiös vorgeplant. Von elf bis eins Deichtorhallen, von eins bis zwei Elbphilharmonie und um zwei Uhr bis drei Uhr mittags japanische Suppe.

Ich bin emotional aufgewühlt, lasse mir aber nichts anmerken. Meine Rolle als distanzierter Betrachter kann ich nur schwer aufrechterhalten. Warum macht man es mir so schwer und beginnt die Ausstellung mit dem Foto einer Totgeburt?

Das Restaurant ist eng. Es bietet höchstens Sitzplätze für zwanzig Gäste. Der Koch bereitet das Essen vor den Augen der Gäste zu. Man kann der Spülkraft beim Beladen der Spülmaschine zuschauen. Es gibt zwei Tischreihen, die aus zwei getrennten Holzblöcken besteht. Die junge asiatische Bedienung weist mir freundlich meinen Platz zu. An der Wandreihe sitzen ein junger Mann und eine junge Frau. Auf den ersten Blick kann ich sehen, dass sie ein anstrengendes und ernstes Gesprächsthema durchkauen.

Neben dem kleinen Foto der Totgeburt hängt eine Reihe von Fotos mit kräftigen, gesunden Babys, die ihre Lebenskraft in die Welt hinausschreien.

Meine langen Beine unter dem schmalen Holzblock zu klemmen und für meine Jacke einen Ablageplatz zu finden, nimmt viel Zeit in Anspruch. Ich brüte und schwitze über der kleinen Speisekarte. Das Paar neben mir trennt sich gerade. Warum entblößen sie sich und zelebrieren das Ende ihrer Beziehung in der Öffentlichkeit?

Die an die Wand gedruckte Legende sagt: Walter Schels erkenne in den Neugeborenen etwas Greisenhaftes. Man kann nicht wissen, welche Wissen die Säuglinge schon mit in die Welt bringen. Vielleicht sind Neugeborene altkluge Wesen. Ich drehe mich um.

Er arbeitet sich vom Ende der Beziehung her durch einen riesigen Haufen von Verletzungen, die sie ihm zugefügt hat. Ich höre (ohne hinzuschauen), wie sie ihm angestrengt ihre ganze Aufmerksamkeit widmet. Mein Essen ist bestellt. Die junge asiatische Bedienung stellt eine Minz-Limo auf meinem Tischblock ab. Ich kann nicht weghören, verstecke mich hinter dem Display meines Handys und nippe gelegentlich an der Limo.

Auf der gegenüberliegenden Seite dominiert das Foto einer vertrockneten Tulpe. Spröde Vergänglichkeit, die sich bei einer Berührung in blasse, durchsichtige Krümel verwandelt. Die Fotos der Ausstellung strahlen mehr schwarz wie weiß. Kontrastreiche Linien, auch in der Anordnung der Exponate. Es gibt immer ein Gegenüber.

Zwei Gegenüber erläutern im Rahmen einer Supervision ihren professionellen Standpunkt. Der Beginn und das Ende sind die emotionalen Highlights. Wir waren so verliebt ineinander. Ich habe dich so gehasst. Abgeklärt wird das Dazwischen professionell und erwachsen aufgearbeitet. Auf der Zeitschiene rollt der Zug der Effizienz und Wirtschaftlichkeit über den Schmerz hinweg.

Nebenan ein anderer Raum, ein anderes Thema, Polyptychen: Geschlechterwandlungen von Mann zu Frau und Frau zu Mann. Ein Mann mit nacktem Oberkörper, dem auf dem nächsten Bild unter seinem männlichen Antlitz Brüste gewachsen sind. Im nächsten Schritt kann man es keinem Geschlecht zuordnen. Letztendlich ist der Mann zur Frau geworden. Ich bin verblüfft. Es fühlt sich so selbstverständlich und natürlich an.

Mit meinen Essstäbchen versuche ich glitschige Wantans im Suppentümpel einzufangen. Ich hatte andere Ziele in meinem Leben. Deshalb hat sich das mit uns nicht richtig angefühlt. Ich konnte dir so niemals gerecht werden. Ich habe meine neue Arbeitsstelle angenommen und dich nicht mit einbezogen. Ich war so fokussiert auf die Herausforderung. Da bist du untergegangen. Endlich habe ich einen Wantan gefangen und stopfe ihn ungeschickt in meinen Mund. Er ist viel zu heiß. Ich spucke ihn wieder aus. Das Fischen nimmt kein Ende.

Polaroids aus den siebziger Jahren. Probebilder aus einem Casting für Playboymodels. Ausnahmsweise in Farbe. Unscheinbare unscharfe Frauenkörper, mit Striemen am Bauch, Flecken an Armen und Beinen, schlecht frisiert und flachen Brüsten. Es könnten auch Bilder von Gewaltopfer sein. Der Fotograf dokumentiert ihre Verletzungen.

Ich treffe bewusst die Entscheidung, Ramen zu mögen und schlürfe die Schüssel lustvoll aus. Für einen Moment vergesse ich das Paar neben mir. Sie produzieren in einer Endlosschleife immer die gleichen Sätze. Als zitierten sie ein Buch über Kommunikationstechniken. Das verwaltete Grauen der Rücksichtnahme. Sie versuchen hinter den sorgfältig gewählten Worten ihre wahre Abscheu zu verbergen.

Eine Fotoserie todgeweihter Menschen. Einmal lebendig und einmal tot. Ein Kleinkind: lebendig mit einem Schlauch, der ihm aus dem linken Nasenloch hängt und tot als friedvolle Puppe. Ich schlucke meine Trauer hinunter und schaue weg.

Die junge Frau steht auf und geht zur Toilette. Diese Veränderung nehme ich sofort war. Der Kerl sitzt nun alleine da. Am liebsten möchte ich ihm sagen, dass die vielen Worte nichts bringen und er lieber abhauen soll, ohne zu bezahlen. Das hätte eine zugleich verheerende und beschleunigende und befreiende Wirkung auf den Trennungsprozess.

Schels hat unzählige Portraitfotos von Prominenten geschossen. Sein Ansinnen ist es, hinter die Maske der Prominenz zu schauen und den Menschen so zu zeigen, wie er ist. Dafür hat er oft die Menschen warten lassen, bis sie müde waren und keine Kraft mehr besaßen, um ihr Fotogesicht  aufrecht halten zu können.

Sie kommt von der Toilette. Ich sehe sie zum ersten Mal. Ich erblicke eine schöne junge Dame mit langen Maronenhaar, die einen langen seidenraschelnden Rock trägt. Sie wankt, strauchelt, fällt fast hin. Erschöpft gibt sie ihre angestrengte Zurückhaltung auf. Ihre Erscheinung offenbart für eine Sekunde die Traurigkeit über den Verlust der Liebe, von der sie sich viel erhofft hatte. Für sie fällt eine Welt in sich zusammen. Sie sieht vor sich die vielen Jahre mit ihm, die schönen Erlebnisse, Reisen, Feste, Theaterbesuche, ein eigenes Zuhause und ihre gemeinsamen Kinder, die niemals existieren werden. Er verharrt stumm auf seinem Platz. Es zerreißt mein Herz wie der Anblick der toten Kinder. Es ist zwei Uhr fünfundfünfzig. Ich muss weiter und verlange nach der Rechnung.

 

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