Reihe 3, Platz 58 und 59 – Teil 2

IMG_2150Erst Jahre später, nach der Geburt meiner großen Kinder und nach dem Ende meiner ersten Ehe, lernte ich jemanden kennen, der die Leidenschaft für das Theater mit mir teilte. Henrike war keine Unbekannte. Doch hielt sie sich jahrelang im Hintergrund. Zwischendurch war sie nach München ausgewandert. Kurz bevor sie meine Bühne betrat, war sie wieder in ihre alte Heimat gezogen. Sie lebte mitten in der Innenstadt von Gießen, nur einen Steinwurf vom Theater entfernt. Über einen gemeinsamen Freund kam wieder ein Kontakt zustande. Wir hatten uns über den Winter und Sommer immer wieder am Wochenende mit anderen gemeinsamen Bekannten getroffen und die Abende in Kneipen und Lokalen in Gießen und Marburg verbracht. Im Sommer trafen wir uns ohne Freunde. Zwischen uns entstand schnell eine Vertrautheit und Direktheit, die ich noch bei keinem anderen Menschen erlebt hatte. Henrike war das Gegenbild zu den Zombies auf dem Sofa. Man konnte mit ihr gemeinsam Dinge gedanklich durchdringen. Wir redeten und diskutierten, rauchten Rillos und tranken, stellten fest, dass wir beide seit Jahren den Spiegel jede Woche von vorne bis hinten lasen (sie von vorne nach hinten und ich von hinten nach vorne. Mittwochs treffen wir uns meistens in der Mitte des Heftes) und dass wir uns gleichermaßen zu Literatur und Theater hingezogen fühlten. Ich habe lange gedacht, dass wir eine rein intellektuelle Beziehung haben und habe gar nicht merken wollen, dass Henrike mehr in mir als einen netten Gesprächspartner sah. Ich fühlte mich ihr nahe. Mein Instinktsystem war allerdings auf zickige und anstrengende Frauen ausgerichtet. Eine krasse Fehlschaltung in meinem Hirn, die mich eine vollkommen psychisch deformierte Frau hat heiraten lassen. Mir hat mal eine Frau gesagt, dass sie sich immer in Typen verliebt, die sie schlecht behandeln, weil sie es verdient hätte. Ihr war vollkommen bewusst, dass ihr Verhalten krank war und doch hat sie sich immer diese brutalen Idioten ausgesucht. Ich war nicht viel besser. Ich wartete auf die nächste Katastrophe von Frau, um sie zu heiraten. Henrike blieb hartnäckig und Anfang Dezember hatte ich mich unsterblich in diese kleine Frau verliebt. Danach folgten Jahre mit Schmetterlingen im Bauch und auch heute noch kann ich keinen Tag ohne ihre Gegenwart auskommen. Ich habe am Anfang darauf gewartet, dass dieses Gefühl der Vertrautheit aufhört und die Beziehung zu einer Anhäufung von Ritualen und Gewohnheiten verkommt. Ich war misstrauisch. Ich hatte keine anderen Erfahrungswerte und war fast enttäuscht, dass ich nicht aufhören konnte, mich geborgen und aufgehoben zu fühlen.  Mit dem Beginn unserer Beziehung etablierten wir regelmäßige Theaterabende. Zu dem Zeitpunkt war die jetzige Intendantin des Stadttheater Gießens noch nicht lange in Amt und Würde und es schien ein neuer Wind im Theaterbau am Berliner Platz zu wehen. Frau Miville hatte damals ein Händchen für Inszenierungen, die das Theaterpublikum in Gießen aufmischte. Sie hatte in ihrem Schauspielensemble interessante Charakterköpfe zusammengebracht, mit denen man im Stande war, mehr als das übliche Standardrepertoire zu reproduzieren. In unserer ersten Spielzeit als Abonnenten gab man „der Balkon“ von Jean Genet. Ein selten gespieltes und radikales Stück, mit dem man Aufmerksamkeit erregen konnte. Es gab einen Haufen Scheiße (Wahrscheinlich aus Nougat), der von einer Prostituierte in das Gesicht eines Freiers gedrückt wurde. Es gab eine blutige und nackte Leiche, die sich ungefähr ein Stunde mit verzehrten Gesicht in einem Rednerpult aus Plexiglas zu Schau stellte. Es gab Revolution und viel Chaos auf der Bühne. Ein Teil des Publikums war aufgebracht. Weil man ja schließlich ins Theater ging, um keine Überraschungen zu erleben, verließ man in der Pause wutentbrannt das Theater. Der Rest blieb und feierte am Ende der Aufführung frenetisch den Mut eines Ensembles, das dieses merkwürdige Stück Theater mit Verve und Engagement auf die Bühne gebracht hatte. Ab da waren wir Fans des Stadttheaters und sind es bis heute, auch wenn viele interessante Mitglieder das Ensemble verlassen haben und man mittlerweile eher gefällige Inszenierungen erlebt. Die örtliche Nähe des Theaters hat uns den Besuch erleichtert. Manchmal sind wir fünf Minuten vor Beginn der Vorstellung losgelaufen, um noch rechtzeitig vor Schließung der Türen in den Zuschauerraum zu gelangen. In dieser Zeit haben wir Sonntagsmorgen nach dem Frühstück häufig die Gelegenheit genutzt und die Einführungsmatinee zu den neuen Stücken besucht. Für uns eine wichtige Möglichkeit geistige Nahrung für unsere unzähligen Gespräche zu erhalten und Schauspieler in der Auseinandersetzung mit den Stück  außerhalb ihrer Rollen erleben können. Manchmal hat man die Schauspieler beim Einkaufen in der Stadt gesehen. Damit war immer ein seltsames Empfinden verbunden, weil man sie vielleicht am Tag vorher auf der Bühne erlebt hat. Eine Zeitlang haben wir auch den Weg nach Frankfurt nicht gescheut, um die Vorstellungen des Frankfurter Schauspiels zu sehen. Henni hatte mir damals Karten für eine Aufführung des Rimini-Protokolls geschenkt, die dort im kleinen Haus „das Kapital“ inszeniert haben. Ein phänomenales Erlebnis einer damals noch vollkommen neuen Art, Stücke auf die Bühne zu bringen. Ein weiteres Highlight sollte die Aufführung von Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ sein. Das Stück hatte mich damals in seinen Bann gezogen, da ich mich zu der Zeit viel mit der Geschichte der RAF beschäftigt habe. Allerdings fiel die Inszenierung zu den populären Inszenierungen in Hamburg und München vollkommen ab. Wir haben  noch einige andere Stücke in Frankfurt gesehen, uns am Großstadttheater erfreut und trotzdem sind wir immer wieder nach Gießen zurückgekehrt.  Vor ca. elf Jahren hat Henrike die Idee gehabt, dass wir uns doch ein Theaterabonnement leisten sollten. Sie hatte sich damals ausgiebig informiert, welche Möglichkeiten wir haben und an der Theaterkasse zufällig den richtigen Zeitpunkt erwischt, um sich die Plätze 58 und 59 in Reihe drei zu sichern. Wir waren plötzlich stolze Theaterabobesitzer und sind es geblieben. Ein Jahr später sind wir nach Wetzlar gezogen, in den folgenden Jahren sind unsere drei Kinder auf die Welt gekommen. Wir sind unseren Plätzen in Reihe drei treu geblieben und haben nur wenige Aufführungen verpasst. Heute Vormittag waren wir zum ersten Mal mit allen Kindern zu einer Aufführung. Jule, unsere älteste Tochter, hat im Sommer zwei Eintrittskarten für das Weihnachtsstück gewonnen. Ich hoffe, dass meine Kinder etwas von unserer Leidenschaft fürs Theater mitbekommen und vielleicht lernen, das mein kein Konsumzombie sein muss, sondern dass es viele Wege gibt, sich mit der Welt auseinander zu setzen.  Was hat das jetzt mit meiner Liebe zum Leben zu tun? Von meiner Jugend an, bis zu meinem fünfunddreißigsten Lebensjahr, habe ich mich immer bedroht gefühlt. Es war schwer, den Angstangeboten zu widerstehen, sich nicht dem Weltschmerz hinzugeben. Im Theater gibt es viele Momente der Verzweiflung, aber auch Momente der Erlösung und der Befreiung. Theater heißt die Katharsis zu spielen, sich auf die Möglichkeiten der eigenen Existenz vorzubereiten.  Das Unmittelbare des Theaters ist mehr als eine Übung. Das Drama macht die Extreme des Lebens deutlich und vermittelt die Erfahrung einer Dialektik, die der eigenen Lebenserfahrung am nächsten kommt.  Im Gegensatz zu den Medien Fernsehen und Film, die Traumwelten fern der Wirklichkeit erschaffen, eher Trost vermitteln und ein einlullendes Phlegma erzeugen können, die uns apathisch werden lässt. Ich habe gelitten und den Schmerz erlebt, aber ich habe mir mein Leben angeeignet, so wie ich es im Theater bei vielen Protagonisten erlebt habe. Dadurch ist mein Leben reich an Erfahrungen und Erlebnissen, die mir für immer verborgen geblieben wären, wenn ich keinen Widerstand geleistet hätte und immer noch auf dem Sofa läge, um die nächste Tüte Chips zu öffnen und nach der Fernbedienung zu greifen.

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Teil 1

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Inhaber eines Theaterabonnements zu sein, bedeutet für mich mehr als nur in regelmäßigen Abständen einer kulturellen Veranstaltung beizuwohnen. Für mich ist es der Ausdruck meiner Liebe zum Theater, der Liebe zu meiner Frau und letztendlich, kaum zu glauben, der Liebe zum meinem Leben. Das Theater hat meine Liebe nie erwidert, meine Frau hat mich geliebt, als ich noch gar nichts von ihrer Zuneigung ahnte und mein Leben? Manchmal verschränkt es die Arme, um mich von sich fern zu halten und manchmal öffnet es seine Arme, um mich zu beschützen oder an sich zu drücken.

Aufgewachsen in den Achtzigern, sozialisiert auf dem Dorf, bin ich in meiner Kindheit und Jugend mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber kulturellen Ausdrucksformen jenseits von Fernsehen und Kino konfrontiert worden. Menschliche Kreativität wurde von meiner Umgebung nur akzeptiert, wenn sie im Rahmen einer massentauglichen Kommerzialisierung stattfand. Bücher kaufte man nur beim Bertelsmann-Buchclub, Musik wurde nur gehört, wenn sie im Radio lief und in der Hitparade gelistet wurde, ansonsten flimmerten die Schenkelklopfer des Komödienstadels oder Ohnsorgtheaters über den Bildschirm. Alles andere fand nicht statt und wurde behandelt wie nutzloser Dreck. Man wollte unterhalten werden. Wenn man den ganzen Tag hart gearbeitet hat und sich noch um den Haushalt, den Garten, die Autowäsche, die Fußballbundesliga und die Kinder gekümmert hatte, war man so erschöpft. Man wollte nicht nachdenken oder mit unangenehmen Dingen konfrontiert werden. Ab meinem vierzehnten oder fünfzehnten Lebensjahr entdeckte ich, dass die Erwachsenen und auch viele Gleichaltrige sich in ihrem Alltag auf den Konsum beschränkten. Man verbrachte den Tag mit dem Verbrauch und nicht mit dem Erschaffen. Es war einfacher sich gedankenlos hin zu geben, anstatt es mit seinem Denken zu durchdringen. In meiner Umgebung herrschte Leere und Ahnungslosigkeit. Ich blickte in puppenhafte starre Gesichter, sah unzufriedene und kranke Menschen, die jeglichen Komfort hatten, aber nichts mehr empfinden konnten. Sie hatten alle aufgehört, Fragen zu stellen. Sie wollten nichts mehr wissen, hatten alle Neugier aufgegeben und warteten morgens nur noch darauf, dass es bald Abend wird und sie sich vor die Glotze hocken konnten. Ich entdeckte den Widerspruch hinter den sie ihre Menschlichkeit verbargen. Wandelnde Zombieanomalien des menschlichen Bewusstseins, stillgelegte Denkreaktoren, die die Chipstüte nicht mehr zur Seite legen konnten, die Fernbedienung fest umklammert hielten und sich nie wieder vom Sofa erheben wollten.

Ihnen fehlte jeglicher Antrieb zum Widerstand. Damals hatte man Angst vor Anarchie. Kreativität wurde als Angriff auf eine scheinbar ewig gültige Ordnung verstanden. Dabei braucht die Welt den Widerstand. Jegliche vermeintliche sichere Ordnung muss in Frage gestellt werden. Denn jede These braucht eine Antithese. Nur so kann es ein Voranschreiten der Zeit und der Menschen geben. Der Prozess  des Erschaffens beinhaltet den Widerstand gegen eine Ordnung. Nur gegen das Alte kann das Neue entstehen. Ich habe in meiner Jugend begonnen, intuitiv nach Ausdrucksformen geistigen Widerstands zu suchen. Meine seelische Gesundheit war in Gefahr und viele Jahre habe ich damit verbracht, gegen eine Erkrankung meiner Psyche anzukämpfen. Ich konnte mich nur davor retten, indem ich angefangen habe, Dinge mit meinem Denken zu durchdringen. Dabei half die Musik, dazu kam die Literatur, die Philosophie und zu guter Letzt als Krönung das Theater. Ich erlebte das Theater als Gegenbild zu meiner emotionsarmen Umgebung, in der man dazu neigte, Gefühle und Empfindungen bei sich zu behalten und nicht mit Mitmenschen zu teilen. Im Theater gibt es Figuren, die aus sich herausgehen, die Emotionen zur Schau stellen, sie durchleben, sie begreifbar machen. Sehr früh fixierte ich mich auf Stücke von Bert Brecht. Das epische Theater steht nicht für die große Dramatik. Bei Brecht dreht sich alles um einfache Menschen, die Widerstand leisten, die Moral bewahren, egal wie aussichtslos ihre Situation und wie amoralisch ihre Umwelt ist. Auch in meiner Umgebung war Moral etwas für die Kirche und dort ging man nicht mehr hin. Widerstand  gegen die Umstände war zwecklos. Da hätte man die Sportschau verpassen müssen. Meine ersten Erfahrungen mit dem großen Emotionstheater machte ich mit einer damals sehr populären Inszenierung von „Käthchen von Heilbronn“, später sah ich im Stadttheater Gießen „Gespenster“ von Ibsen und fand bei Ibsen die Darstellung einer Welt, wie ich sie kannte. Es wurde verheimlicht, gelogen und unterdrückt. Die alte Ordnung war nur noch Fassade und musste unter allen Umständen verteidigt werden. Der Schluss des Stückes als Frau Alving erkennen muss, dass ihr Sohn an Paralyse erkrankt ist, er bald in geistige Umnachtung fallen wird und er nur noch von der Sonne stammelt, hat mich tagelang beschäftigt. Es wurde wenig gesprochen, aber die Schauspieler drückten mit all ihnen zu Verfügung stehenden Mitteln die Verzweiflung von Mutter und Sohn aus, die Verzweiflung über die Endgültigkeit des Verderbens, dass sie erwarten wird, die Verzweiflung darüber, dass ihnen die Lüge des Vaters und Ehemann viele Jahre ihres Lebens geraubt haben und es keine Erlösung für sie gibt. Solche Theaterstücke haben mich gerettet und mir geholfen, meinen Verstand zu bewahren. Ich habe erlebt, dass es dort außerhalb meines Dorfes eine Welt gibt, die viel spannender und interessanter ist und nicht weit entfernt liegt. In Gießen, fünfzehn Kilometer von meinem Heimatdorf entfernt, gab und gibt es ein Stadttheater, in dem viele der Stücke gezeigt wurden, die mich inspiriert und mir Kraft gegeben haben. Ich saß in den viel zu engen roten Sesseln und verlor mich in dieser anderen Welt, um danach meine Welt neu denken zu können. Leider hatte ich niemanden, der diese Leidenschaft teilte. Meine Freunde und meine Gefährtinnen dieser Jahre hat keinen Sinn für die emotionsgeladene Gewalt von inszenierten Geschichten, die von ein paar Menschen zwischen drei Wänden auf einer Bühne zum Leben erweckt wurden. Da es nicht aus Hollywood kam, es kein Popcorn gab und nicht leicht konsumierbar war, hatte es keine Bedeutung für sie. Aber das Theater war voll und in den Sitzreihen gab es ausreichend andere Menschen, die  wie ich eine ähnliche Zuneigung zum Theater pflegten.