Heureka

Als ich nun die dritte Ebene für meinen Roman über Jo Sommer suchte, fielen mir wieder Cherry-Garrard und George Bernhard Shaw ein. Mein Instinkt als neugieriger Autor sagte mir, dass man diese zwei Geschichte wunderbar miteinander verknüpfen konnte. Warum sollte Jo Sommer nicht ein ähnliches Problem wie ich haben. Sie soll oder will einen Roman über die Südpolexpedition schreiben und verzweifelt an der Umsetzung, weil sie sich nicht befähigt fühlt, mit einem historischen Stoff adäquat umzugehen. Bisher hat sie Fantasyromane geschrieben, wie die Hexen von Iverness und irgendwelche Drachenmumpitz. Es fällt ihr leicht, eine Welt zu erfinden. Die reale Welt zu beschreiben, fällt ihr allerdings schwer.

 Sie lässt ihrer Phantasie freien Lauf und daraus entstehen die Kausalzusammenhänge und sich muss sich nicht mit Kausalzusammenhängen rumschlagen, die einem wirklichen Geschehen entsprechen. Sie sorgt sich, als Autorin an dem historischen Stoff zu scheitern und ihren erreichten Status als Autorin zu verlieren.

 Wie passt nun das Zweigespann Cherry-Garrard und Shaw da rein? Auf dem ersten Blick wohl überhaupt nicht. Und das macht es für mich spannend. Die erste Ebene ist Aletheas Leben in der Zukunft. Sie berichtet über ihr Literaturprojekt, wie sie auf das Thema gekommen ist, ihre Furcht vor dem Versagen, ihre kleine Welt, in der sie als wohlhabende Autorin ihre Marotten und ihre Arroganz pflegt.

 Die zweite Ebene ist das Leben von Jo Sommer, die heutige Gegenwart. Ich werde nach und nach ihr Leben beschreiben. Ihr Vater, der nach dem die Mutter die Familie verlassen hat, in Depressionen verfällt und sich um nichts kümmert. Die Vorgeschichte, die Erbschaft, die dazu führt, dass die Ehe der Eltern auseinanderbricht usw.

 Die dritte Ebene handelt vom den Zwiegesprächen zwischen Cherry-Gerrard und Shaw. Sie treffen sich, um über Cherry-Garrards Buchpläne zu sprechen. Die Gespräche eskalieren immer wieder, weil Shaw mit seinen Zynismus den trägen Cherry-Garrard aus der Reserve locken will und die Unterhaltungen nach seinem Gusto gestalten will. Mal verhört er Cherry-Garrard, mal spielt er den liebevollen alten Knaben, mal den Therapeuten. Erst im Laufe der Debatten gelangen sie zum eigentlichen Kern der Geschichte. Cherry-Garrard, der Edelmann aus reichen Hause, der seine Depression und eines posttraumatische Belastungsstörung wie ein Haustier pflegt, wird von Shaw als Vertreter der reichen Klasse enttarnt, der sich einen Weg sucht, um nie wieder am Leben teilnehmen zu müssen. Während Scott keine Chance hatte, der Realität zu entfliehen, weil er sich sein Leben lang gegen den sozialen Abstieg stemmen musste. Er war Sohn eines Brauereibesitzers, der früh verstarb und der seine Familie kein Vermögen hinterließ, so dass Scott nur die Möglichkeit hatte, durch eine Karriere bei der Marine, für den nötigen Unterhalt der Familie zu sorgen und durch die Teilnahme an solchen Expeditionen seine Chance sah, den nötigen Wohlstand für ein beinahe sorgenfreies Leben zu erwirtschaften. Er war Opfer und Held der Geschichte zugleich, während Cherry-Garrard sich zu Unrecht zum Opfer stilisiert.

 Alle Ebenen stehen zuerst selbstständig nebeneinander. Lange Zeit ist zum Beispiel nicht klar, dass Alethea und Jo ein und dieselbe Person sind. Die Ebenen verknüpfen sich über ihre Aussagen, über die Themen die sie behandeln. In allen drei Ebenen geht es letztendlich um drei verschiedene soziale Systeme, die doch vieles gemeinsam haben: es gibt ein starkes soziales Gefälle zwischen einer kleinen Elite, die sich auf ihrem Wohlstand ausruht und dem großen Rest der Menschheit, die sich knechten muss, um zu überleben. Der soziale Aufstieg ist kaum möglich. Shaw und Alethea Cumberland sind in einer ähnlichen Situation. Beide kommen aus gewöhnlichen Verhältnissen und haben aufgrund ihrer Talente den sozialen Aufstieg unter großen Opfern geschafft. Shaw ist bekennender Sozialist und hat sich politisch engagiert, während Alethea ohne politisches Bewusstsein durch ihr Leben schlängelt. Alethea wird im Laufe des Textes die Verbindung zu Shaw und Cherry-Garrard erkennen und ihr politisches Bewusstsein entdecken. Ihr Buch über die Südpolexpedition entwickelt sich zu einer politischen Kampfschrift. Dazu muss sie auch erkennen, dass sie ihr altes Ich, Jo Sommer, im Laufe ihres Lebens zugunsten ihres Strebens nach Anerkennung verraten hat. Der Text soll davon profitieren, dass sich die anfänglich für sich stehenden Ebenen im weiteren Verlauf verzahnen und zu einer Ebene zusammenwachsen.

 

Nennen wir die Kinder doch beim Namen

Als nächstes beschäftige ich mich ausführlich mit den Personen. Zwei wichtige Personen habe ich schon genannt und ihnen Rollen zugewiesen. Es geht im Folgenden darum, den Personenkreis zu erweitern und diese Personen lebendig werden zu lassen. Dazu gehören Details wie Namen, Charakterbeschreibungen und die Historie jeder Person. Es ist überaus wichtig, ihnen Leben einzuhauchen und dazu gehören nun einmal auch die Herkunft und die Einflüsse, die einen Menschen prägen. Für mich hat es sich als praktisch erwiesen, eine Art Dossier zu jeder Person zu entwerfen. Dabei erstreckt sich diese Feinarbeit auf Hauptpersonen und wichtigen Nebenfiguren. Alles andere führt zu weit und ist wieder kontraproduktiv. Am Ende entsteht ein eigener Mikrokosmos, der die Grundlage für die Entwicklung der Handlung darstellt. Meine Arbeit beginne ich, indem ich mir einen Kreis an Hauptpersonen überlege. Anfangs sind das drei bis fünf Personen. Nach und nach kommen noch ein paar Hauptpersonen hinzu. In diesem Fall ist es einfach: Im Mittelpunkt steht eine Familie. Also: Mama, Papa, Kinder. Sollen es mehrere Kinder sein? Sohn und Tochter oder nur Töchter? Die Hauptperson soll am Anfang der Erzählung ca. 12 Jahre alt sein. Erfahrungsgemäß sind die ältesten Kinder einer Familie am meisten von Konflikten in der Familie betroffen. Sie fechten viele Konflikte für die jüngeren Kinder aus. Sie sind oft diejenigen, die den Streit der Eltern am ehesten zu spüren bekommen, weil niemand älteres da ist, der sie beschützt und ihnen Rat geben kann. Zumeist haben sie die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister. Also bekommt die Hauptperson ein jüngeres Geschwisterkind an die Seite gestellt. Wir nehmen ein Mädchen, das etwas jünger ist, so etwa sechs bis acht Jahre alt. Die Familie besteht aus einem Vater, Mutter und einer Tochter 12 Jahre alt und einer Tochter acht Jahre alt. Ich modelliere erst einmal diese vier zentralen Figuren und erarbeite mir den Familienkosmos. Die Verbindungen und Vernetzungen zwischen den vier Personen müssen vor dem Schreiben schon deutlich erkennbar sein. Z.B. welche Tochter ist ein Vater- oder Mutterkind? Wie fasst die Mutter ihre Rolle in der Erziehung auf? Ist der Vater mit seiner Position in der Familie glücklich? Wie sieht diese aus? Aber am Anfang steht erst eine ganz banale Angelegenheit: Die Menschen brauchen Namen. Ein heikles Thema. Es gibt durchaus Autoren, die die Namen ihrer Figuren mit einer Symbolik beschweren. Das bekannteste Beispiel: Die Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll. Dazu muss man sagen, dass ich nie ein großer Böll-Fan war. Die meisten deutschen Autoren aus der Nachkriegszeit, egal ob Gruppe 47 oder nicht, langweilen mich auf die eine oder andere Weise. Katharina Blum soll unschuldig und vielleicht sogar etwas naiv klingen, naturnah und rein. Wenn man Angelika Winkler in der Verfilmung sieht, denkt man, dass der Regisseur nicht viel von der Namensgebung gehalten hat. Sie wirkt verstört und gebrochen, anstatt naiv und verletzlich. Mit der Symbolik nehme ich es nicht sonderlich ernst. Es sollten in dem Fall der Familie bodenständige Namen sein. Namen, die typisch zu der Zeit der Geburt der Personen war, verbunden mit einem gewöhnlichen häufig vorkommenden Nachnamen. Dahinter steckt nicht die Überlegung die Namen mit Symbolen oder einer Konnotation aufzuladen. Diese Familie ist nicht aus der Zeit gefallen. Sie soll die Auseinanderentwicklung der sozialen Schichten repräsentieren und deswegen sind es Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die nun einmal nicht Baronin von und zu heißen. Das junge Mädchen wird als Erwachsene für die Ausübung ihres Berufes als Schriftstellerin einen Künstlernamen benutzen, der natürlich abgefahren und interessant klingen muss.

Name der Hauptperson:

Jo (hanna) Sommer Hauptperson Künstlername: Alethea Cumberland

Lu (isa) Sommer Schwester

Olaf Sommer Vater

Kerstin Sommer Mutter

Es tut so weh, man mag gar nicht hinschauen

Was hat nun meine Heimat mit der Geschichte zu tun, die ich schreiben will? Die Gegensätze zwischen moderne Industrie und kleinteiliger Architekturhistorie ziehen sich durch die Wohnviertel und machen sich auch zwischen den Menschen breit. In Wetzlar leben viele Leute, die Anteil am gutbürgerlichen Wohlstand in allen seinen Ausprägungen haben, aber es leben dort genauso viele Menschen, die am Rande der Gesellschaft in Armut und sozialer Ausgrenzung ihr Dasein fristen. Die Stadt ist nicht aufgeteilt in arme und reiche Viertel. Vielmehr ist alles vermischt miteinander und die Grenzen fließend. Dort wo die herunter gekommenen Häuser eine gewisse Armut ausstrahlen, kann es in der Nachbarstraße genau umgekehrt sein. Das heißt nicht, dass die Menschen koexistieren, sondern oft verbirgt sich die Armut der Einen hinter dem Wohlstand der Anderen. Die Armut in den Seitenstraßen fällt nicht auf und ist kaum sichtbar, während sich die Reichen hinter hohen Zäunen und Klingeln ohne Namenschilder verstecken. Manchmal erwarte ich ein offenes Gegeneinander.  Da sich aber alle verstecken, kann man den jeweils anderen auch nicht auf die Nerven gehen oder sich von ihm bedrängt oder ausgegrenzt fühlen.

Subtil und kaum spürbar für den oberflächlichen Beobachter herrscht in der Stadt ein eisiges Klima. Wer die städtische Politik verfolgt, erlebt eine einheimische Elite, die unter sich bleiben möchte. In ihrer Vetternwirtschaft begünstigen sie sich gegenseitig und sorgen dafür, dass nichts Neues in der Stadt blüht. Ein heimischer Politiker hat Wetzlar überregional in die Schlagzeilen gebracht, weil er als bildungspolitischer Sprecher seiner Fraktion im Landtag eine wichtige Funktion begleitet und auch gerade in dieser Funktion in vielen Dingen eine neutrale Position vertreten sollte, allerdings in seinem Wetzlarer Hassblättchen, dass alle vier Wochen in den Briefkästen liegt, gegen Moslems, Schwule, Linke und Ausländer hetzt. Über genau den gleichen Politiker ist überall in der Stadt zu hören, dass seine politische Meinung die eine Seite ist, aber die andere Seite ist, dass der Hans-Jürgen immer für einen da ist und auch mal in Wiesbaden Gelder für das persönliche Anliegen besorgt. Also Klientelpolitik ohne Vernunft, die nur der Sicherung der eigenen Machtbasis dient. Ein anderes Beispiel: Wir haben seit langer Zeit in Wetzlar ein Leerstandsproblem in der Innenstadt. Der Einzelhandel hat sich fast vollständig aus der ehemaligen Fußgängerzone am Bahnhof zurückgezogen. Ein Problem, dass viele kleinere Städte kennen. Jahrelang hat man nach einer Lösung gesucht, weil auch dieser Teil der Stadt zu versumpfen droht. Eine leere Fußgängerzone mit Säuferkneipen zieht nur fragwürdiges Publikum an. Irgendwann hatte man die kluge Idee, Bürger mit in den gewünschten Veränderungsprozess mit einzubeziehen. Man hat für viel Geld ein Stadtplanungsbüro engagiert, die die Stärken der Stadt herausarbeitete, dem städtischen Magistrat entsprechende Empfehlungen vorlegte und den Beteiligungsprozess mit den Bürgern begleitete. Grundsätzlich ein gute Idee und gut gemeinte Öffnung des Diskurses, da Ideen von externen Experten solch ein Prozess positiv beeinflussen können. Man ist mit den Bürgern durch die Stadt gegangen und hat Lösungen diskutiert. Einige Dinge wurden im Laufe der letzten Jahre umgesetzt, andere Dinge sind noch nicht umgesetzt und stellen sich teilweise als nicht umsetzbar heraus. Trotzdem hat man die Chance ergriffen, etwas grundsätzlich in der Stadt zu ändern. Klar ist, wenn die Stadtplanung auf die Bedürfnisse möglichst vieler Rücksicht nimmt, ist diese Stadt die Stadt aller Bürger und nicht nur die von wenigen. Auffällig war bei diesem Prozess, dass die größten Widerstände von den Hauseigentümern kamen. Also eigentlich den Menschen, denen es daran liegen muss, dass die Stadt für Außenstehende attraktiv ist. Die Vertreterin von Haus und Grund war bekannt dafür, mit ihren nervigen Einwürfen jede neue Idee zu torpedieren. Ich hatte den Eindruck, in den alten Vierteln darf sich nichts ändern, weil man sich ansonsten mit jungen Menschen oder Familien mit mittleren Einkommen auseinander setzen müsste, die durch die Veränderungen die Chance bekommen, in der Innenstadt sesshaft zu werden. Man hat immer nur gejammert, dass man dem Einzelhandel eine Chance geben muss und die alten Einkaufsstraßen Bahnhofstraße und Langgasse wieder für den Einzelhandel attraktiv gestalten sollte. Das sind fromme Wünsche von Menschen, die der Tatsache verschließen, dass der Einzelhandel als Mieter zwar eine kalkulierbare und interessante Einnahmequelle ist, aber der Einzelhandel sich nun einmal seit Jahren aus den Innenstädten zurückzieht, um in Shoppingmalls unabhängige Einkaufswelten zu schaffen, fern ab der Innenstädte. Der Einzelhandel schafft sich dort effiziente Räume, die genau auf die großen Filialketten zugeschnitten sind. Das kleinteilige wird in unserer Ökonomie nicht als gangbarer Weg betrachtet. Man schafft über Expansion und Größenklassen die größtmögliche Abschöpfung des Gewinns. Das ist nicht schön und jeder heult dem Tante Emmaladen nach und trotzdem gehen alle gerne bei Aldi und Rewe einkaufen. Bei den frommen Wünschen und den halbherzigen Willen zur Veränderung ist es leider geblieben. Sinnvolle Ansätze sind wieder für die alten Eliten umgedeutet worden. In der Folge hat man die Hauseigentümer begünstigt, in dem man an der Lahn Häuser mit teuren Eigentumswohnungen hochzieht, die natürlich nur sehr wohlhabende Menschen als Kapitalanlage kaufen, um sie vielleicht selbst zu bewohnen, aber am liebsten zu vermieten und zwar nur zu den entsprechend hohen Mietpreisen. Man schafft so keine Durchmischung in der Stadt, sondern nur die Aufwertung für das entsprechend wohlhabende Publikum, während die mittleren bis unteren Einkommen sich wieder in die teilweise unattraktiven aber preiswerten Randlagen in Niedergirmes oder Dalheim verziehen. Der Leerstand in der Bahnhofsstraße bleibt. Es gab Ideen, aus der Bahnhofstraße und Lahnhof ein Wohnviertel mit der dazugehörigen Infrastruktur zu schaffen. Mit Parks, Schulen und Kindergärten. Man hätte dafür einige Großkapitalisten quasi enteignen müssen, die den Leerstand verwalten, um sich Abschreibungsmöglichkeiten zu bewahren. Seltsamerweise gehören einige der besagten Objekten Immobiliengesellschaften, die an anderer Stelle mit attraktiven Einkaufszentren Gewinne abschöpfen. Die Bürger werden also mehrfach bestraft. Mittlerweile sind die Mietpreise in der Altstadt auf einem fast unbezahlbaren Niveau und der Plan in der Mitte der Stadt, erschwinglichen Wohnraum zu schaffen, um eine Durchmischung zu erreichen, stellt sich als Idee für Idealisten heraus.

Wir verorten uns jetzt mal

Wir sind aber nicht am Ende der Geschichte. Trotzdem ist es schön zu sehen, dass der Anfang ganz logisch zu einem sinnvollen Ende führt und nichts ist besser, als als Autor schon einmal den Gesamtrahmen der Handlung zu kennen. Bevor ich den Rahmen mit Leben fülle, gibt es noch viele Details zu klären. Wir haben die Zeit geklärt und nähern uns jetzt dem Raum, das heißt dem Ort der Handlung. Alle meine Romane haben meine Heimat als Bezugspunkt. Man möge mir daraus den Vorwurf stricken, dass ich nur das mir Bekannte beschreiben kann. Es steckt mehr dahinter. Natürlich fällt es mir leichter die Umgebung, in der ich lebe, zu erfassen und als Autor literarisch zu reproduzieren. Ich lebe in Mittelhessen und habe hier meine Wurzeln. Nur ein kleiner Teil meiner Familie stammt von hier und trotzdem zähle ich mich zu den Eingeborenen. An der Art wie ich Rede kann man meine Herkunft bestens erkennen. Ich spreche diese weiche labberige hessische Sprachtönung, die zwischen nasalen und nuscheligen Lauten über die hart klingenden Buchstaben hinweg huscht. Den örtlichen Dialekt imitiere ich, ohne ihn perfekt sprechen zu können.

Ich habe niemals an einem anderen Ort gelebt und natürlich, wenn ich Berlin, Frankfurt oder Köln bin, frage ich mich, ob ich dort besser leben könne. Sogar wenn ich an die Nordsee in den Urlaub fahre, frage ich mich, ob ich nicht lieber am Meer leben sollte, anstatt in diesem verwaschenen Klima zwischen Taunus und Westerwald. Und doch kehre ich jedes Mal in das Lahntal zurück und kann es kaum erwarten den Karlsmunt zu sehen oder unsere Straße, die auf einer Halbinsel zwischen Lahn und Dill liegt. Wenn ich aus meinem Wohnzimmer zwischen die Häuser schaue, kann ich den Wetzlarer Dom sehen und wenn ich die Straße herunter laufe, bin ich an der Lahn und sehe die alte Lahnbrücke. Das ist meine Welt und sie ist nicht immer hübsch anzusehen. Wetzlar ist vom Fluch oder Segen, je nachdem aus welche Perspektive man schaut, betroffen eine Altstadt zu haben, die von modernistischer Industriekultur umringt ist. Es ist bezeichnend, dass das höchste Gebäude in Wetzlar nicht der Dom, sondern einer der Türme von Heidelberg-Cement ist, die dieses Jahr fallen sollen. Vor ein paar Jahren hat man das Betonwerk stillgelegt. Es ist fraglich, ob das die mutwillige Zerstörung eines Denkmals ist oder die Befreiung einer Stadt, die seit mehr als einem Jahrhundert von der Industrie dominiert wird. Und genau dieser Zwiespalt macht für mich als Autor die Stadt und die Gegend interessant. Wunderschöne Ausblicke säumen die Höhen über der Stadt. Bei klarem Wetter habe ich das Gefühl, vor mir liegt ein unberührtes grünes Paradies. Ist man unten in der Stadt, zur besten Stoßzeit, drängeln sich die Autos mit aller Gewalt über den Karl-Kellner-Ring in die Braunfelser Straße hinein. Der Krach ist unerträglich und man wähnt sich in einer Großstadt. Fährt man nach Niedergirmes, liegt links das übermächtige Industriegelände der Firma Buderus und rechts der an vielen Stellen unansehnliche Ortsteil, der seinen negativen Ruf nicht wirklich verdient hat. Biegt man ab, fährt an den Rand des Stadtteils kann über eine steile Auffahrt einer der schönsten Aussichtspunkte der Gegend oben auf dem Simberg erreichen. Dann liegt das Lahntal vor einem und man kann sogar über die Industrietürme hinwegsehen.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen

Unsere Hauptfigur blickt im Alter von vierzig Jahren auf ihr Leben zurück. Ihre Kindheit war geprägt von Lieblosigkeit und Chaos und erst mit dem Erwachsenwerden hat sie sich befreien können. Sie hat den Schmerz der verlorenen Kinder- und Jugendjahre verdrängt. “Ich habe viele Texte über fremde Menschen geschrieben, die ich entweder nicht kannte oder die ich erfunden hatte. Die Geschichten hatten nichts mit meinem Leben gemein. Ich konnte nicht über mein Leben schreiben. Der Schmerz hockte wie ein gefährliches Raubtier im Käfig in mir drin. Hätte ich ihn beim Schreiben heraus gelassen, hätte er mich getötet.“

Weil sie viel Zeit und Kraft in fiktive Welten investiert hat, hat sie ihren Schmerz betäubt können. Sie ist eine erfolgreiche Krimiautorin oder Fantasyautorin. Ihre publizierte Herkunft ist Fiktion. Die Menschen lieben Mitglieder der Elite, die aus gutem und reichem Hause kommen und aus Langeweile Schriftsteller werden. Niemand liebt Versager aus schwierigen Verhältnissen. Das ist das Mantra der Zukunft und kommt aus unserer Gegenwart. Es kommt der Moment an dem sie die Ächtung einer solchen Herkunft nicht mehr aushalten kann. Sie gesteht sich und der Welt die Wahrheit. Sie berichtet über ihre Kindheit und wie sie zur Selbstlüge kam.

Die Gesellschaft liebt erfolgreiche Menschen und in 2029 wird es sich noch verschlimmert haben, weil sich der Graben zwischen Arm und Reich nicht mehr überbrücken lässt. Es wird zwischen 2015 und 2029 Ereignisse gegeben haben, die dazu geführt haben, dass die westlichen Gesellschaften ihre solidarischen Strukturen verloren haben. Es wäre zu einfach an der Stelle zu behaupten, wie die sozialen Mechanismen in dieser Zukunft funktionieren. Bevor ich die Geschichte schreibe, gilt es genau hinzuschauen und das soziale System, ausgehend von der Gegenwart, zu präzisieren. Eine bekannte Autorin bringt den Mut auf und engagiert sich gegen die gesellschaftliche Lüge, die nicht nur sie bestimmt, sondern das Leben aller. Natürlich ist es interessant zu sehen, wie dies von ihrem Umfeld aufgenommen wird und dies kann der Schluss des Romans sein. Im schlimmsten Fall rührt es niemanden und es ändert sich nichts. So wie es nihilistische Autoren wie Houellebecq gerne propagieren. In der Wirklichkeit gibt es keine Superhelden, die Gesellschaften von einem Tag zum anderen zum Besseren ändern. Es gibt nur langwierige Prozesse, die die Menschheit verändern und der Ausgang liegt im Nebel der Geschichte

Herr Houellebecq sitzt auf seiner Wolke und schüttelt die Kissen aus

So und jetzt beginnt ein literarisches Problem. Im vorherigen Blog habe ich meine persönliche politische Meinung dargestellt. Ich will sie nicht referieren und damit meine Leser belehren und langweilen. Ich will im besten Sinne ergründen, wie sich die zweifellos stattgefundenen gesellschaftlichen Veränderungen, gesäubert von meiner subjektiven politischen Meinung, auf ein Leben in Deutschland im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts auswirken konnten und welche weiteren Auswirkungen sie auf die Zukunft haben könnten. Es ist ein Spiel, eine Gedankenexperiment. Die Realität wird Fiktion und Fiktion wird Realität. Jemand erzählt aus der Zukunft über seine persönliche Vergangenheit, die für den Leser fast so greifbar nahe liegt wie die Gegenwart und beschreibt die Transformation seines persönlichen Umfeldes durch die historischen Begebenheiten. Es entsteht eine Spiegelung, ähnlich wenn man sich zwischen zwei Spiegel positioniert und der Eindruck entsteht, dass das eigene Spiegelbild sich bis ins Unendliche vervielfacht. Für mich als Autor bedeutet der Kniff eine große Herausforderung und wenn es funktioniert ein großer Reiz für den Leser. Und leider bin ich nicht der erste, der damit Erfolg hat. Es gibt einen Meister in der Kunst des Erzählens der Geschichte aus der Zukunft heraus. Es ist Herr Michel Houellebecq und man kann von ihm halten, was man will und ihn für einen Unhold halten. Aber an dieser Stelle hat er Größe. Er analysiert die Geschichte und überträgt sie auf seine Protagonisten und treibt seine Spielchen weiter bis in die Zukunft. In Elementarteilchen lässt er schöne Grüße aus der Zukunft verlauten. Geschlechtslose Klone berichten die Geschichte des Wissenschaftlers, der die schöne neue Welt begründet hat. Der Held der Geschichte, gescheitert an seinen Mitmenschen, fast unfähig Emotionen zu empfinden, ist Teil seiner Zeit, die durch einen übertriebenen Individualismus genau das Gegenteil von dem erreicht, was man erreichen wollte. Freiheit wird zum Gefängnis aus Sex, Konsum und Leiden, aus dem die Wissenschaft die Menschen befreit, in dem sie ihm seinen Kern wegnimmt. Ein typisches Spiel von Monsieur Houellebecq. Er lässt sich politisch nicht einordnen und bedient sich vielerlei politischen Klischees, um am Ende alle politisch denkende Menschen ob rechts oder links an der Nase herum zu führen. Er ist das Gegenbild zum engagierten Autor, der sich durch klare politische Positionierung einmischt. Er hält sich heraus, um jeder Seite den Spiegel vor zu halten und bringt so Bewegung in aktuelle gesellschaftliche Diskurse. Er hat es geschafft, metapoltisch zu wirken und politischer Meinungsbildung neue Facetten hinzuzufügen.

Was kann ich daraus lernen und was heißt das für meine Hauptfigur? Ich sollte nicht politisch Stellung beziehen, indem ich auf Links oder Rechts herum haue und mit meiner Geschichte dumpfe Polemik oder Sozialkitsch erzeuge. Die Realität an sich ist schon ein Widerspruch und gibt mir die Möglichkeit auf sie herab zu schauen, ohne mich auf eine Seite schlagen zu müssen. Die Sozialdemokratie schaffte Ende der Neunziger das gesellschaftliche Klima von dem viele Konservative und Neoliberale Elitendenker lange geträumt haben. Alleine das reicht aus, um sich daneben zu stellen und nicht herum zu heulen, dass es doch früher einmal tolle politische Utopien gab, die unseren Protagonisten jetzt wunderbar geholfen hätten. Wir leben in einem postideologischen Zeitalter, in dem man nicht mehr an den Histomat glauben muss, um ein guter Mensch im politischen Sinne zu sein. Es hat sich gezeigt, dass alle Ideologien sich gegenseitig aufrechnen und das Endergebnis ein Nullsummenspiel ist. Für den Menschen hat das zur Folge, dass er das Opfer seiner eigenen Geschichte ist und niemand da ist, der ihm durch eine positive Utopie Hoffnung gibt. Der Mensch ist auf sich alleine gestellt, ein Einzelkämpfer, der nichts mehr hat, dass ihm Trost geben könnte. Seien wir ehrlich: man kann sich darüber aufregen und daran verzweifeln oder sich selbst vertrauen und sein Leben nach vorne treiben. Der Mensch, der sich kämpferisch gibt, wird Schrammen und Narben davon tragen, aber im Rückblick kann er das Glück empfinden, ein Leben gemeistert zu haben, das die meisten von uns als unerträglich empfunden hätten.

Der Fluch der Berliner Republik

 

Die Geschichte beginnt im Jahre 1998 und wird von einer Frau erzählt, die am Beginn der Geschichte zwölf Jahre alt ist und die zweitausendfünf mit neunzehn, nach dem Erwerb der Hochschulreife das elterliche Zuhause fluchtartig verläßt. In der Gegenwart ist die Erzählerin ca. 28 Jahre alt. Sie berichtet als dreiundvierzigjährige aus dem Jahre 2029. Warum Vergangenheit und Zukunft in Relation setzen, um auf die Gegenwart Bezug zu nehmen? Nach meiner persönlichen Meinung haben in 1998 einige Ereignisse stattgefunden, die eine zentrale und nachhaltige Bedeutung für unsere Gegenwart und unsere Zukunft haben. Das Jahr markierte das Ende der Kohl-Ära und der Bonner Republik. Menschen wie ich, die aus einem linksliberalen Umfeld kommen, haben sich viel von dem Ende der Kohl-Regierung versprochen. Grundsätzlich misstrauten wir der Errichtung einer Berliner Republik, weil wir Berlin als Hauptstadt aus historischen Gründen ablehnten. Für mich waren die Kohl-Jahre eine Zeit der konservativen Restauration und die Anti-Epoche zu den aufregenden Aufbruchsjahren ab 1968. Wir wurden von einem Menschen regiert, der voller Selbstsucht nur darauf achtete, dass sein Lebenswerk später in den Geschichtsbüchern glorreich gefeiert wird. Er selbst hat den Beginn seiner Regierung mit einer geistig-moralischen Wende verbunden. Dabei bringen Wendungen eher etwas was neuartiges und spannendes hervor. In diesem Fall verherrlichte Herr Kohl die Errungenschaften der miefigen Kriegsgeneration, die sich immer noch an der Oberflächlichkeit der sogenannten Wirtschaftswunderjahre labte. Es roch alles nach Pfälzer Saumagen und entsprechenden Darmwinden. Mit der Bundestagswahl 1998 endete diese Epoche. Mit Herrn Schröder und Herrn Fischer an der Macht hatte der Marsch durch die Institutionen ihr glorreiches Ende gefunden. Die Grünen waren zum ersten Mal an der Regierung der Bundesrepublik Deutschland beteiligt und alleine diese Tatsache hatte eine euphorisierende Wirkung auf uns. Wir verbanden damit die Chance auf eine Änderung der Energiepolitik. Wir erwarteten durch eine nachhaltige und soziale Ordnungspolitik eine grundlegende Änderung der gesamten Ökonomie. Wir hatten folgende Rechnung aufgemacht: Mit dem Atomausstieg wird die Wirtschaft gezwungen, Ökonomie mit ökologisch sinnvollen Handeln zu verbinden und durch ein grundlegende Reform der Sozialsysteme gelingt eine generationsübergreifende Absicherung der sozialen Gerechtigkeit. Her Kohl hätte schon 1982 die sozialen Systeme reformieren müssen. Leider hat er die Sozialkassen, insbesondere die Rentenkasse, benutzt, um andere Löcher zu stopfen oder Geschenke zu verteilen. Zu guter Letzt stand auf unserem Zettel die Umgestaltung der Familienpolitik. Jungen Menschen wie mir sollte die Gründung einer Familie erleichtert werden. Bis Ende der Neunziger hatte man das Gefühl keine Kinder in die Welt setzen zu können, ohne Angst vor Armut haben zu können. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten die Frauen sich bitte schön als Hausfrau betätigen und aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Allerdings sah die Wirklichkeit anders aus. Man brauchte seit der Mitte der Neunziger mindestens zwei Einkommen in einer Familie, um sich nicht völlig vom Wohlstand abzukoppeln, da die Belastungen durch die Wiedervereinigung fast nur durch die Arbeitnehmer geschultert werden sollten. Unsere Rechnungen gingen nicht auf und Erwartungen wurden fast alle enttäuscht. Mit dem Atomkonsens 2000 hatte man mit vielen Kompromissen, die fast wie eine Anbiederung an die Energieunternehmen wirkten, die Abschaltung der AKWs in ferner Zukunft erreicht. Zudem nahm die Koalition aus CDU und FDP diesen Beschluss wieder zurück, um dann nach Fukushima mit einem radikalen Kurswechsel die wirkliche Energiewende einzuleiten, die wahrscheinlich scheitern wird, weil man durch die unzähligen halbherzigen Versuche, die Energiepolitik in den Griff zu bekommen, es versäumt hatte, geeignete Infrastrukturen für diese Energiewende zu schaffen. Die Sozialsysteme wurden nur insoweit reformiert, dass mit den Änderungen die deutsche Wirtschaft zwar wettbewerbsfähiger wurde, allerdings zu Lasten der sozialen Gerechtigkeit. Die Hartzreformen haben einen Keil in die Gesellschaft getrieben. Sozial Schwache wurden stigmatisiert, weil sie generell unter Generalverdacht standen, ihren Zustand selbst herbei geführt zu haben. Die Rente mit siebenundsechzig halte ich persönlich für eine der besseren Ideen der rotgrünen Regierung und seltsamerweise ist dies der Errungenschaft mit der die SPD am meisten hadert. Jetzt haben wir wieder eine Rente mit dreiundsechzig, die komischerweise nicht wirklich den Arbeitern, die sich im Stahlwerk den Buckel krumm gearbeitet haben hilft (das war ja das Lieblingsargument von Frau Nahles), sondern den Schreibtischtätern aus dem Dienstleistungsbereich hilft, die jetzt wieder schneller heimgeschickt werden dürfen, weil man sie nicht mehr braucht. Die Familienpolitik hat Herr Schröder als Gedöns abgetan. Erst Frau von der Leyen, eine Urkonservative mit sieben Kindern, die sich aber als Ärztin trotz vieler Kinder im Beruf durchsetzen konnte und der auch bewusst war, dass sich Normalverdiener keine Kinderfrau leisten können, hat die Familienpolitik in Deutschland modernisiert. Und das soll man noch einmal sagen, Politik kennt keine Ironie. Ganz zu Beginn hat die Schröder-Regierung den Finanzmarkt liberalisiert, weil es in den angloamerikanischen Ländern en Vogue war mit der grenzenlosen Gier der Banker das Wirtschaftswachstum anzufachen. Da Deutschland auch einen Strukturwandel weg von den alten Industrien zu neuen Branchen erlebte und man den Finanzplatz Deutschland für ausländische Investoren interessant gestalten wollte, gab man jeglichen Ordnungsrahmen für Finanzmärkte leichtfertig auf. Mit erheblichen Folgen, wie es sich in der Finanzmarktkrise 2007 gezeigt hat.