Nennen wir die Kinder doch beim Namen

Als nächstes beschäftige ich mich ausführlich mit den Personen. Zwei wichtige Personen habe ich schon genannt und ihnen Rollen zugewiesen. Es geht im Folgenden darum, den Personenkreis zu erweitern und diese Personen lebendig werden zu lassen. Dazu gehören Details wie Namen, Charakterbeschreibungen und die Historie jeder Person. Es ist überaus wichtig, ihnen Leben einzuhauchen und dazu gehören nun einmal auch die Herkunft und die Einflüsse, die einen Menschen prägen. Für mich hat es sich als praktisch erwiesen, eine Art Dossier zu jeder Person zu entwerfen. Dabei erstreckt sich diese Feinarbeit auf Hauptpersonen und wichtigen Nebenfiguren. Alles andere führt zu weit und ist wieder kontraproduktiv. Am Ende entsteht ein eigener Mikrokosmos, der die Grundlage für die Entwicklung der Handlung darstellt. Meine Arbeit beginne ich, indem ich mir einen Kreis an Hauptpersonen überlege. Anfangs sind das drei bis fünf Personen. Nach und nach kommen noch ein paar Hauptpersonen hinzu. In diesem Fall ist es einfach: Im Mittelpunkt steht eine Familie. Also: Mama, Papa, Kinder. Sollen es mehrere Kinder sein? Sohn und Tochter oder nur Töchter? Die Hauptperson soll am Anfang der Erzählung ca. 12 Jahre alt sein. Erfahrungsgemäß sind die ältesten Kinder einer Familie am meisten von Konflikten in der Familie betroffen. Sie fechten viele Konflikte für die jüngeren Kinder aus. Sie sind oft diejenigen, die den Streit der Eltern am ehesten zu spüren bekommen, weil niemand älteres da ist, der sie beschützt und ihnen Rat geben kann. Zumeist haben sie die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister. Also bekommt die Hauptperson ein jüngeres Geschwisterkind an die Seite gestellt. Wir nehmen ein Mädchen, das etwas jünger ist, so etwa sechs bis acht Jahre alt. Die Familie besteht aus einem Vater, Mutter und einer Tochter 12 Jahre alt und einer Tochter acht Jahre alt. Ich modelliere erst einmal diese vier zentralen Figuren und erarbeite mir den Familienkosmos. Die Verbindungen und Vernetzungen zwischen den vier Personen müssen vor dem Schreiben schon deutlich erkennbar sein. Z.B. welche Tochter ist ein Vater- oder Mutterkind? Wie fasst die Mutter ihre Rolle in der Erziehung auf? Ist der Vater mit seiner Position in der Familie glücklich? Wie sieht diese aus? Aber am Anfang steht erst eine ganz banale Angelegenheit: Die Menschen brauchen Namen. Ein heikles Thema. Es gibt durchaus Autoren, die die Namen ihrer Figuren mit einer Symbolik beschweren. Das bekannteste Beispiel: Die Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll. Dazu muss man sagen, dass ich nie ein großer Böll-Fan war. Die meisten deutschen Autoren aus der Nachkriegszeit, egal ob Gruppe 47 oder nicht, langweilen mich auf die eine oder andere Weise. Katharina Blum soll unschuldig und vielleicht sogar etwas naiv klingen, naturnah und rein. Wenn man Angelika Winkler in der Verfilmung sieht, denkt man, dass der Regisseur nicht viel von der Namensgebung gehalten hat. Sie wirkt verstört und gebrochen, anstatt naiv und verletzlich. Mit der Symbolik nehme ich es nicht sonderlich ernst. Es sollten in dem Fall der Familie bodenständige Namen sein. Namen, die typisch zu der Zeit der Geburt der Personen war, verbunden mit einem gewöhnlichen häufig vorkommenden Nachnamen. Dahinter steckt nicht die Überlegung die Namen mit Symbolen oder einer Konnotation aufzuladen. Diese Familie ist nicht aus der Zeit gefallen. Sie soll die Auseinanderentwicklung der sozialen Schichten repräsentieren und deswegen sind es Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die nun einmal nicht Baronin von und zu heißen. Das junge Mädchen wird als Erwachsene für die Ausübung ihres Berufes als Schriftstellerin einen Künstlernamen benutzen, der natürlich abgefahren und interessant klingen muss.

Name der Hauptperson:

Jo (hanna) Sommer Hauptperson Künstlername: Alethea Cumberland

Lu (isa) Sommer Schwester

Olaf Sommer Vater

Kerstin Sommer Mutter

Der Boden, der Dünger und die Saat

 Wie schlägt sich jetzt mein ambivalentes Empfinden für meine Heimat in meinem Text nieder?

Eine Schriftstellerin beschreibt ihre Kindheit in einer Kleinstadt, die in einer ähnlichen Situation wie meine Heimatstadt steckt. Die Stadt bildet den verkeimten Untergrund, auf dem die Probleme einer Familie ungehindert aufblühen können. Ich werde Wetzlar nicht nennen, sondern eine fiktive Stadt erschaffen, die sich in manchen Beschreibungen an Wetzlar anlehnt, aber an anderen Stellen abweicht. Warum dieser Kunstgriff? Ich habe in meinen ersten beiden Romanen genau dieselbe Konstellation gewählt. Ich schrieb über eine Stadt, die ich kenne, die es aber gar nicht gibt. Es gibt mir den Freiraum, manche Umstände auszumalen und zu konstruieren, ohne das zu vergessen, wofür meine Heimatstadt steht. Nehme ich meine Heimatstadt als Symbol, kann ich Akzente setzen und wichtige Elemente überhöhen. Wie ein Maler, der die Farben kräftiger setzt und Lichteinfall überbetont, um auf wichtige Bestandteile seines Gemäldes aufmerksam zu machen.

Die Stadt beeinflusst wesentlich das Drama um die Hauptperson. Ein scheinbarer Glücksfall für die Familie entpuppt sich als absoluter Alptraum. Der Vater der Hauptperson hat ein Haus in der Peripherie der Stadt geerbt. Vorher die Familie in einer der Vororte zur Miete im sozialen Wohnungsbau gelebt. Der Onkel des Vaters hatte keine eigenen Kinder und lebte alleine. Da die Eltern des Vaters auch schon verstorben waren, ist er der gesetzliche Erbe. Er hatte nicht viel Kontakt zu seinem Onkel, alleine schon, weil er als Einsiedler und Kauz verschrien war. Das Haus liegt an der verkehrsreichsten Stelle in der Stadt, inmitten eines Gewerbegebietes, in der Nähe der Bahnlinie. Es ist in keinem guten Zustand. Der Onkel hat jahrelang an dem Haus herum gewerkelt und es nur noch schlimmer gemacht, als es schon vorher war. Das Erbe erweist sich schnell als Last für die Familie. Die Kinder wachsen an einer vielbefahrene Straße in einem baufälligen Haus auf. Um das Haus auf Vordermann zu bringen, reichen die eigenen finanziellen Mittel nicht aus. Der Vater investiert seine gesamte Kraft in die Modernisierung des Hauses. Er scheitert und verliert nach und nach alles. Seinen Job, seine Ehefrau, sein Traum vom Eigenheim. Das Haus ist in dem Zustand und in der Lage nicht verkäuflich. Wie ein Fluch klebt es an der Familie.

Es gibt solche Ecken in meiner Heimatstadt. Straßenverkehr auf der einen Seite, Zugverkehr auf der anderen Seite und mittendrin noch Gewerbegebiet. Und trotzdem wohnen dort Menschen. Gerade an den Ein- und Ausfallsstraßen der Stadt, die Braunfelser und Altenberger Str. gibt es ausreichend solche Ecken. Wenn man die Stadt kennt, wird der eine oder andere behaupten, dass sei alles kein Problem. Irgendwo muss der Verkehr ja durch, irgendwo muss sich Gewerbe stadtnah ansiedeln können. Das gehört zu einer urbanen Umgebung dazu und in einer Großstadt gibt es viel schlimmere Ecken, wenn dann zum Beispiel noch ein Hafen, Industrie und ein Flughafen hinzukommt. Mag alles sein. Wenn man die besagten Gegenden besucht, ist es kein schöner Anblick, es ist für Kinder keine geeignete Umgebung, insbesondere, wenn es zwei Straßen weiter ruhig und schön ist und man auch die entsprechende Infrastruktur vorfindet, wie Spielplätze usw. Es geht auch eher darum, dass dieses Haus als Erbe einerseits eine Last ist und andererseits zur fixen Idee des Vaters wird, der damit die Familie in den Ruin treibt. Die Umgebung ist nur der Katalysator. Läge das Haus in einer ruhigen Ecke, hätte die Familie es einfach verkaufen können. Es ist aber unverkäuflich, weil niemand neben einer Durchgangsstraße und einer Eisenbahnlinie wohnen will und es außerdem in einem fürchterlichen Zustand ist. Grundsätzlich stellt sich die Frage, inwiefern der Mensch auch innerhalb einer urbanen Umgebung das Anrecht auf eine menschenwürdige Umgebung hat, wirtschaftliche Interessen über die Interessen des Einzelnen stehen und der ständige Verbrauch von Flächen und natürlichen Ressourcen überhaupt in einem Land notwendig sind, dessen Bevölkerung in den nächsten Jahren schrumpfen wird. Das sind Fragen, die mitschwingen und auch ihren Ausdruck im Text finden können, aber nicht unbedingt müssen. Diese Entscheidungen trifft ein Autor an anderer Stelle. Es besteht ständig die Gefahr, den Text damit zu überfrachten. Es soll eine Geschichte entstehen, die aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Problemstellungen wiedergibt, weil diese direkte Auswirkungen auf die handelnden Personen haben.

Randgebiete meiner Heimatstadt Wetzlar – 3 Impressionen

    

Es tut so weh, man mag gar nicht hinschauen

Was hat nun meine Heimat mit der Geschichte zu tun, die ich schreiben will? Die Gegensätze zwischen moderne Industrie und kleinteiliger Architekturhistorie ziehen sich durch die Wohnviertel und machen sich auch zwischen den Menschen breit. In Wetzlar leben viele Leute, die Anteil am gutbürgerlichen Wohlstand in allen seinen Ausprägungen haben, aber es leben dort genauso viele Menschen, die am Rande der Gesellschaft in Armut und sozialer Ausgrenzung ihr Dasein fristen. Die Stadt ist nicht aufgeteilt in arme und reiche Viertel. Vielmehr ist alles vermischt miteinander und die Grenzen fließend. Dort wo die herunter gekommenen Häuser eine gewisse Armut ausstrahlen, kann es in der Nachbarstraße genau umgekehrt sein. Das heißt nicht, dass die Menschen koexistieren, sondern oft verbirgt sich die Armut der Einen hinter dem Wohlstand der Anderen. Die Armut in den Seitenstraßen fällt nicht auf und ist kaum sichtbar, während sich die Reichen hinter hohen Zäunen und Klingeln ohne Namenschilder verstecken. Manchmal erwarte ich ein offenes Gegeneinander.  Da sich aber alle verstecken, kann man den jeweils anderen auch nicht auf die Nerven gehen oder sich von ihm bedrängt oder ausgegrenzt fühlen.

Subtil und kaum spürbar für den oberflächlichen Beobachter herrscht in der Stadt ein eisiges Klima. Wer die städtische Politik verfolgt, erlebt eine einheimische Elite, die unter sich bleiben möchte. In ihrer Vetternwirtschaft begünstigen sie sich gegenseitig und sorgen dafür, dass nichts Neues in der Stadt blüht. Ein heimischer Politiker hat Wetzlar überregional in die Schlagzeilen gebracht, weil er als bildungspolitischer Sprecher seiner Fraktion im Landtag eine wichtige Funktion begleitet und auch gerade in dieser Funktion in vielen Dingen eine neutrale Position vertreten sollte, allerdings in seinem Wetzlarer Hassblättchen, dass alle vier Wochen in den Briefkästen liegt, gegen Moslems, Schwule, Linke und Ausländer hetzt. Über genau den gleichen Politiker ist überall in der Stadt zu hören, dass seine politische Meinung die eine Seite ist, aber die andere Seite ist, dass der Hans-Jürgen immer für einen da ist und auch mal in Wiesbaden Gelder für das persönliche Anliegen besorgt. Also Klientelpolitik ohne Vernunft, die nur der Sicherung der eigenen Machtbasis dient. Ein anderes Beispiel: Wir haben seit langer Zeit in Wetzlar ein Leerstandsproblem in der Innenstadt. Der Einzelhandel hat sich fast vollständig aus der ehemaligen Fußgängerzone am Bahnhof zurückgezogen. Ein Problem, dass viele kleinere Städte kennen. Jahrelang hat man nach einer Lösung gesucht, weil auch dieser Teil der Stadt zu versumpfen droht. Eine leere Fußgängerzone mit Säuferkneipen zieht nur fragwürdiges Publikum an. Irgendwann hatte man die kluge Idee, Bürger mit in den gewünschten Veränderungsprozess mit einzubeziehen. Man hat für viel Geld ein Stadtplanungsbüro engagiert, die die Stärken der Stadt herausarbeitete, dem städtischen Magistrat entsprechende Empfehlungen vorlegte und den Beteiligungsprozess mit den Bürgern begleitete. Grundsätzlich ein gute Idee und gut gemeinte Öffnung des Diskurses, da Ideen von externen Experten solch ein Prozess positiv beeinflussen können. Man ist mit den Bürgern durch die Stadt gegangen und hat Lösungen diskutiert. Einige Dinge wurden im Laufe der letzten Jahre umgesetzt, andere Dinge sind noch nicht umgesetzt und stellen sich teilweise als nicht umsetzbar heraus. Trotzdem hat man die Chance ergriffen, etwas grundsätzlich in der Stadt zu ändern. Klar ist, wenn die Stadtplanung auf die Bedürfnisse möglichst vieler Rücksicht nimmt, ist diese Stadt die Stadt aller Bürger und nicht nur die von wenigen. Auffällig war bei diesem Prozess, dass die größten Widerstände von den Hauseigentümern kamen. Also eigentlich den Menschen, denen es daran liegen muss, dass die Stadt für Außenstehende attraktiv ist. Die Vertreterin von Haus und Grund war bekannt dafür, mit ihren nervigen Einwürfen jede neue Idee zu torpedieren. Ich hatte den Eindruck, in den alten Vierteln darf sich nichts ändern, weil man sich ansonsten mit jungen Menschen oder Familien mit mittleren Einkommen auseinander setzen müsste, die durch die Veränderungen die Chance bekommen, in der Innenstadt sesshaft zu werden. Man hat immer nur gejammert, dass man dem Einzelhandel eine Chance geben muss und die alten Einkaufsstraßen Bahnhofstraße und Langgasse wieder für den Einzelhandel attraktiv gestalten sollte. Das sind fromme Wünsche von Menschen, die der Tatsache verschließen, dass der Einzelhandel als Mieter zwar eine kalkulierbare und interessante Einnahmequelle ist, aber der Einzelhandel sich nun einmal seit Jahren aus den Innenstädten zurückzieht, um in Shoppingmalls unabhängige Einkaufswelten zu schaffen, fern ab der Innenstädte. Der Einzelhandel schafft sich dort effiziente Räume, die genau auf die großen Filialketten zugeschnitten sind. Das kleinteilige wird in unserer Ökonomie nicht als gangbarer Weg betrachtet. Man schafft über Expansion und Größenklassen die größtmögliche Abschöpfung des Gewinns. Das ist nicht schön und jeder heult dem Tante Emmaladen nach und trotzdem gehen alle gerne bei Aldi und Rewe einkaufen. Bei den frommen Wünschen und den halbherzigen Willen zur Veränderung ist es leider geblieben. Sinnvolle Ansätze sind wieder für die alten Eliten umgedeutet worden. In der Folge hat man die Hauseigentümer begünstigt, in dem man an der Lahn Häuser mit teuren Eigentumswohnungen hochzieht, die natürlich nur sehr wohlhabende Menschen als Kapitalanlage kaufen, um sie vielleicht selbst zu bewohnen, aber am liebsten zu vermieten und zwar nur zu den entsprechend hohen Mietpreisen. Man schafft so keine Durchmischung in der Stadt, sondern nur die Aufwertung für das entsprechend wohlhabende Publikum, während die mittleren bis unteren Einkommen sich wieder in die teilweise unattraktiven aber preiswerten Randlagen in Niedergirmes oder Dalheim verziehen. Der Leerstand in der Bahnhofsstraße bleibt. Es gab Ideen, aus der Bahnhofstraße und Lahnhof ein Wohnviertel mit der dazugehörigen Infrastruktur zu schaffen. Mit Parks, Schulen und Kindergärten. Man hätte dafür einige Großkapitalisten quasi enteignen müssen, die den Leerstand verwalten, um sich Abschreibungsmöglichkeiten zu bewahren. Seltsamerweise gehören einige der besagten Objekten Immobiliengesellschaften, die an anderer Stelle mit attraktiven Einkaufszentren Gewinne abschöpfen. Die Bürger werden also mehrfach bestraft. Mittlerweile sind die Mietpreise in der Altstadt auf einem fast unbezahlbaren Niveau und der Plan in der Mitte der Stadt, erschwinglichen Wohnraum zu schaffen, um eine Durchmischung zu erreichen, stellt sich als Idee für Idealisten heraus.

Wir verorten uns jetzt mal

Wir sind aber nicht am Ende der Geschichte. Trotzdem ist es schön zu sehen, dass der Anfang ganz logisch zu einem sinnvollen Ende führt und nichts ist besser, als als Autor schon einmal den Gesamtrahmen der Handlung zu kennen. Bevor ich den Rahmen mit Leben fülle, gibt es noch viele Details zu klären. Wir haben die Zeit geklärt und nähern uns jetzt dem Raum, das heißt dem Ort der Handlung. Alle meine Romane haben meine Heimat als Bezugspunkt. Man möge mir daraus den Vorwurf stricken, dass ich nur das mir Bekannte beschreiben kann. Es steckt mehr dahinter. Natürlich fällt es mir leichter die Umgebung, in der ich lebe, zu erfassen und als Autor literarisch zu reproduzieren. Ich lebe in Mittelhessen und habe hier meine Wurzeln. Nur ein kleiner Teil meiner Familie stammt von hier und trotzdem zähle ich mich zu den Eingeborenen. An der Art wie ich Rede kann man meine Herkunft bestens erkennen. Ich spreche diese weiche labberige hessische Sprachtönung, die zwischen nasalen und nuscheligen Lauten über die hart klingenden Buchstaben hinweg huscht. Den örtlichen Dialekt imitiere ich, ohne ihn perfekt sprechen zu können.

Ich habe niemals an einem anderen Ort gelebt und natürlich, wenn ich Berlin, Frankfurt oder Köln bin, frage ich mich, ob ich dort besser leben könne. Sogar wenn ich an die Nordsee in den Urlaub fahre, frage ich mich, ob ich nicht lieber am Meer leben sollte, anstatt in diesem verwaschenen Klima zwischen Taunus und Westerwald. Und doch kehre ich jedes Mal in das Lahntal zurück und kann es kaum erwarten den Karlsmunt zu sehen oder unsere Straße, die auf einer Halbinsel zwischen Lahn und Dill liegt. Wenn ich aus meinem Wohnzimmer zwischen die Häuser schaue, kann ich den Wetzlarer Dom sehen und wenn ich die Straße herunter laufe, bin ich an der Lahn und sehe die alte Lahnbrücke. Das ist meine Welt und sie ist nicht immer hübsch anzusehen. Wetzlar ist vom Fluch oder Segen, je nachdem aus welche Perspektive man schaut, betroffen eine Altstadt zu haben, die von modernistischer Industriekultur umringt ist. Es ist bezeichnend, dass das höchste Gebäude in Wetzlar nicht der Dom, sondern einer der Türme von Heidelberg-Cement ist, die dieses Jahr fallen sollen. Vor ein paar Jahren hat man das Betonwerk stillgelegt. Es ist fraglich, ob das die mutwillige Zerstörung eines Denkmals ist oder die Befreiung einer Stadt, die seit mehr als einem Jahrhundert von der Industrie dominiert wird. Und genau dieser Zwiespalt macht für mich als Autor die Stadt und die Gegend interessant. Wunderschöne Ausblicke säumen die Höhen über der Stadt. Bei klarem Wetter habe ich das Gefühl, vor mir liegt ein unberührtes grünes Paradies. Ist man unten in der Stadt, zur besten Stoßzeit, drängeln sich die Autos mit aller Gewalt über den Karl-Kellner-Ring in die Braunfelser Straße hinein. Der Krach ist unerträglich und man wähnt sich in einer Großstadt. Fährt man nach Niedergirmes, liegt links das übermächtige Industriegelände der Firma Buderus und rechts der an vielen Stellen unansehnliche Ortsteil, der seinen negativen Ruf nicht wirklich verdient hat. Biegt man ab, fährt an den Rand des Stadtteils kann über eine steile Auffahrt einer der schönsten Aussichtspunkte der Gegend oben auf dem Simberg erreichen. Dann liegt das Lahntal vor einem und man kann sogar über die Industrietürme hinwegsehen.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen

Unsere Hauptfigur blickt im Alter von vierzig Jahren auf ihr Leben zurück. Ihre Kindheit war geprägt von Lieblosigkeit und Chaos und erst mit dem Erwachsenwerden hat sie sich befreien können. Sie hat den Schmerz der verlorenen Kinder- und Jugendjahre verdrängt. “Ich habe viele Texte über fremde Menschen geschrieben, die ich entweder nicht kannte oder die ich erfunden hatte. Die Geschichten hatten nichts mit meinem Leben gemein. Ich konnte nicht über mein Leben schreiben. Der Schmerz hockte wie ein gefährliches Raubtier im Käfig in mir drin. Hätte ich ihn beim Schreiben heraus gelassen, hätte er mich getötet.“

Weil sie viel Zeit und Kraft in fiktive Welten investiert hat, hat sie ihren Schmerz betäubt können. Sie ist eine erfolgreiche Krimiautorin oder Fantasyautorin. Ihre publizierte Herkunft ist Fiktion. Die Menschen lieben Mitglieder der Elite, die aus gutem und reichem Hause kommen und aus Langeweile Schriftsteller werden. Niemand liebt Versager aus schwierigen Verhältnissen. Das ist das Mantra der Zukunft und kommt aus unserer Gegenwart. Es kommt der Moment an dem sie die Ächtung einer solchen Herkunft nicht mehr aushalten kann. Sie gesteht sich und der Welt die Wahrheit. Sie berichtet über ihre Kindheit und wie sie zur Selbstlüge kam.

Die Gesellschaft liebt erfolgreiche Menschen und in 2029 wird es sich noch verschlimmert haben, weil sich der Graben zwischen Arm und Reich nicht mehr überbrücken lässt. Es wird zwischen 2015 und 2029 Ereignisse gegeben haben, die dazu geführt haben, dass die westlichen Gesellschaften ihre solidarischen Strukturen verloren haben. Es wäre zu einfach an der Stelle zu behaupten, wie die sozialen Mechanismen in dieser Zukunft funktionieren. Bevor ich die Geschichte schreibe, gilt es genau hinzuschauen und das soziale System, ausgehend von der Gegenwart, zu präzisieren. Eine bekannte Autorin bringt den Mut auf und engagiert sich gegen die gesellschaftliche Lüge, die nicht nur sie bestimmt, sondern das Leben aller. Natürlich ist es interessant zu sehen, wie dies von ihrem Umfeld aufgenommen wird und dies kann der Schluss des Romans sein. Im schlimmsten Fall rührt es niemanden und es ändert sich nichts. So wie es nihilistische Autoren wie Houellebecq gerne propagieren. In der Wirklichkeit gibt es keine Superhelden, die Gesellschaften von einem Tag zum anderen zum Besseren ändern. Es gibt nur langwierige Prozesse, die die Menschheit verändern und der Ausgang liegt im Nebel der Geschichte

Herr Houellebecq sitzt auf seiner Wolke und schüttelt die Kissen aus

So und jetzt beginnt ein literarisches Problem. Im vorherigen Blog habe ich meine persönliche politische Meinung dargestellt. Ich will sie nicht referieren und damit meine Leser belehren und langweilen. Ich will im besten Sinne ergründen, wie sich die zweifellos stattgefundenen gesellschaftlichen Veränderungen, gesäubert von meiner subjektiven politischen Meinung, auf ein Leben in Deutschland im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts auswirken konnten und welche weiteren Auswirkungen sie auf die Zukunft haben könnten. Es ist ein Spiel, eine Gedankenexperiment. Die Realität wird Fiktion und Fiktion wird Realität. Jemand erzählt aus der Zukunft über seine persönliche Vergangenheit, die für den Leser fast so greifbar nahe liegt wie die Gegenwart und beschreibt die Transformation seines persönlichen Umfeldes durch die historischen Begebenheiten. Es entsteht eine Spiegelung, ähnlich wenn man sich zwischen zwei Spiegel positioniert und der Eindruck entsteht, dass das eigene Spiegelbild sich bis ins Unendliche vervielfacht. Für mich als Autor bedeutet der Kniff eine große Herausforderung und wenn es funktioniert ein großer Reiz für den Leser. Und leider bin ich nicht der erste, der damit Erfolg hat. Es gibt einen Meister in der Kunst des Erzählens der Geschichte aus der Zukunft heraus. Es ist Herr Michel Houellebecq und man kann von ihm halten, was man will und ihn für einen Unhold halten. Aber an dieser Stelle hat er Größe. Er analysiert die Geschichte und überträgt sie auf seine Protagonisten und treibt seine Spielchen weiter bis in die Zukunft. In Elementarteilchen lässt er schöne Grüße aus der Zukunft verlauten. Geschlechtslose Klone berichten die Geschichte des Wissenschaftlers, der die schöne neue Welt begründet hat. Der Held der Geschichte, gescheitert an seinen Mitmenschen, fast unfähig Emotionen zu empfinden, ist Teil seiner Zeit, die durch einen übertriebenen Individualismus genau das Gegenteil von dem erreicht, was man erreichen wollte. Freiheit wird zum Gefängnis aus Sex, Konsum und Leiden, aus dem die Wissenschaft die Menschen befreit, in dem sie ihm seinen Kern wegnimmt. Ein typisches Spiel von Monsieur Houellebecq. Er lässt sich politisch nicht einordnen und bedient sich vielerlei politischen Klischees, um am Ende alle politisch denkende Menschen ob rechts oder links an der Nase herum zu führen. Er ist das Gegenbild zum engagierten Autor, der sich durch klare politische Positionierung einmischt. Er hält sich heraus, um jeder Seite den Spiegel vor zu halten und bringt so Bewegung in aktuelle gesellschaftliche Diskurse. Er hat es geschafft, metapoltisch zu wirken und politischer Meinungsbildung neue Facetten hinzuzufügen.

Was kann ich daraus lernen und was heißt das für meine Hauptfigur? Ich sollte nicht politisch Stellung beziehen, indem ich auf Links oder Rechts herum haue und mit meiner Geschichte dumpfe Polemik oder Sozialkitsch erzeuge. Die Realität an sich ist schon ein Widerspruch und gibt mir die Möglichkeit auf sie herab zu schauen, ohne mich auf eine Seite schlagen zu müssen. Die Sozialdemokratie schaffte Ende der Neunziger das gesellschaftliche Klima von dem viele Konservative und Neoliberale Elitendenker lange geträumt haben. Alleine das reicht aus, um sich daneben zu stellen und nicht herum zu heulen, dass es doch früher einmal tolle politische Utopien gab, die unseren Protagonisten jetzt wunderbar geholfen hätten. Wir leben in einem postideologischen Zeitalter, in dem man nicht mehr an den Histomat glauben muss, um ein guter Mensch im politischen Sinne zu sein. Es hat sich gezeigt, dass alle Ideologien sich gegenseitig aufrechnen und das Endergebnis ein Nullsummenspiel ist. Für den Menschen hat das zur Folge, dass er das Opfer seiner eigenen Geschichte ist und niemand da ist, der ihm durch eine positive Utopie Hoffnung gibt. Der Mensch ist auf sich alleine gestellt, ein Einzelkämpfer, der nichts mehr hat, dass ihm Trost geben könnte. Seien wir ehrlich: man kann sich darüber aufregen und daran verzweifeln oder sich selbst vertrauen und sein Leben nach vorne treiben. Der Mensch, der sich kämpferisch gibt, wird Schrammen und Narben davon tragen, aber im Rückblick kann er das Glück empfinden, ein Leben gemeistert zu haben, das die meisten von uns als unerträglich empfunden hätten.

Der Fluch der Berliner Republik

 

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Die Geschichte beginnt im Jahre 1998 und wird von einer Frau erzählt, die am Beginn der Geschichte zwölf Jahre alt ist und die zweitausendfünf mit neunzehn, nach dem Erwerb der Hochschulreife das elterliche Zuhause fluchtartig verläßt. In der Gegenwart ist die Erzählerin ca. 28 Jahre alt. Sie berichtet als dreiundvierzigjährige aus dem Jahre 2029. Warum Vergangenheit und Zukunft in Relation setzen, um auf die Gegenwart Bezug zu nehmen? Nach meiner persönlichen Meinung haben in 1998 einige Ereignisse stattgefunden, die eine zentrale und nachhaltige Bedeutung für unsere Gegenwart und unsere Zukunft haben. Das Jahr markierte das Ende der Kohl-Ära und der Bonner Republik. Menschen wie ich, die aus einem linksliberalen Umfeld kommen, haben sich viel von dem Ende der Kohl-Regierung versprochen. Grundsätzlich misstrauten wir der Errichtung einer Berliner Republik, weil wir Berlin als Hauptstadt aus historischen Gründen ablehnten. Für mich waren die Kohl-Jahre eine Zeit der konservativen Restauration und die Anti-Epoche zu den aufregenden Aufbruchsjahren ab 1968. Wir wurden von einem Menschen regiert, der voller Selbstsucht nur darauf achtete, dass sein Lebenswerk später in den Geschichtsbüchern glorreich gefeiert wird. Er selbst hat den Beginn seiner Regierung mit einer geistig-moralischen Wende verbunden. Dabei bringen Wendungen eher etwas was neuartiges und spannendes hervor. In diesem Fall verherrlichte Herr Kohl die Errungenschaften der miefigen Kriegsgeneration, die sich immer noch an der Oberflächlichkeit der sogenannten Wirtschaftswunderjahre labte. Es roch alles nach Pfälzer Saumagen und entsprechenden Darmwinden. Mit der Bundestagswahl 1998 endete diese Epoche. Mit Herrn Schröder und Herrn Fischer an der Macht hatte der Marsch durch die Institutionen ihr glorreiches Ende gefunden. Die Grünen waren zum ersten Mal an der Regierung der Bundesrepublik Deutschland beteiligt und alleine diese Tatsache hatte eine euphorisierende Wirkung auf uns. Wir verbanden damit die Chance auf eine Änderung der Energiepolitik. Wir erwarteten durch eine nachhaltige und soziale Ordnungspolitik eine grundlegende Änderung der gesamten Ökonomie. Wir hatten folgende Rechnung aufgemacht: Mit dem Atomausstieg wird die Wirtschaft gezwungen, Ökonomie mit ökologisch sinnvollen Handeln zu verbinden und durch ein grundlegende Reform der Sozialsysteme gelingt eine generationsübergreifende Absicherung der sozialen Gerechtigkeit. Her Kohl hätte schon 1982 die sozialen Systeme reformieren müssen. Leider hat er die Sozialkassen, insbesondere die Rentenkasse, benutzt, um andere Löcher zu stopfen oder Geschenke zu verteilen. Zu guter Letzt stand auf unserem Zettel die Umgestaltung der Familienpolitik. Jungen Menschen wie mir sollte die Gründung einer Familie erleichtert werden. Bis Ende der Neunziger hatte man das Gefühl keine Kinder in die Welt setzen zu können, ohne Angst vor Armut haben zu können. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten die Frauen sich bitte schön als Hausfrau betätigen und aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Allerdings sah die Wirklichkeit anders aus. Man brauchte seit der Mitte der Neunziger mindestens zwei Einkommen in einer Familie, um sich nicht völlig vom Wohlstand abzukoppeln, da die Belastungen durch die Wiedervereinigung fast nur durch die Arbeitnehmer geschultert werden sollten. Unsere Rechnungen gingen nicht auf und Erwartungen wurden fast alle enttäuscht. Mit dem Atomkonsens 2000 hatte man mit vielen Kompromissen, die fast wie eine Anbiederung an die Energieunternehmen wirkten, die Abschaltung der AKWs in ferner Zukunft erreicht. Zudem nahm die Koalition aus CDU und FDP diesen Beschluss wieder zurück, um dann nach Fukushima mit einem radikalen Kurswechsel die wirkliche Energiewende einzuleiten, die wahrscheinlich scheitern wird, weil man durch die unzähligen halbherzigen Versuche, die Energiepolitik in den Griff zu bekommen, es versäumt hatte, geeignete Infrastrukturen für diese Energiewende zu schaffen. Die Sozialsysteme wurden nur insoweit reformiert, dass mit den Änderungen die deutsche Wirtschaft zwar wettbewerbsfähiger wurde, allerdings zu Lasten der sozialen Gerechtigkeit. Die Hartzreformen haben einen Keil in die Gesellschaft getrieben. Sozial Schwache wurden stigmatisiert, weil sie generell unter Generalverdacht standen, ihren Zustand selbst herbei geführt zu haben. Die Rente mit siebenundsechzig halte ich persönlich für eine der besseren Ideen der rotgrünen Regierung und seltsamerweise ist dies der Errungenschaft mit der die SPD am meisten hadert. Jetzt haben wir wieder eine Rente mit dreiundsechzig, die komischerweise nicht wirklich den Arbeitern, die sich im Stahlwerk den Buckel krumm gearbeitet haben hilft (das war ja das Lieblingsargument von Frau Nahles), sondern den Schreibtischtätern aus dem Dienstleistungsbereich hilft, die jetzt wieder schneller heimgeschickt werden dürfen, weil man sie nicht mehr braucht. Die Familienpolitik hat Herr Schröder als Gedöns abgetan. Erst Frau von der Leyen, eine Urkonservative mit sieben Kindern, die sich aber als Ärztin trotz vieler Kinder im Beruf durchsetzen konnte und der auch bewusst war, dass sich Normalverdiener keine Kinderfrau leisten können, hat die Familienpolitik in Deutschland modernisiert. Und das soll man noch einmal sagen, Politik kennt keine Ironie. Ganz zu Beginn hat die Schröder-Regierung den Finanzmarkt liberalisiert, weil es in den angloamerikanischen Ländern en Vogue war mit der grenzenlosen Gier der Banker das Wirtschaftswachstum anzufachen. Da Deutschland auch einen Strukturwandel weg von den alten Industrien zu neuen Branchen erlebte und man den Finanzplatz Deutschland für ausländische Investoren interessant gestalten wollte, gab man jeglichen Ordnungsrahmen für Finanzmärkte leichtfertig auf. Mit erheblichen Folgen, wie es sich in der Finanzmarktkrise 2007 gezeigt hat.

Indiana Jones ist ein Langweiler !?

  Mir war es wichtig, neben den realistischen Handlungsorten, die Charaktere der Personen vorzuformen. Ich wollte Personen auftreten lassen, die ich vorher kennen gelernt hatte, über deren Innerstes ich mir vorher Gedanken gemacht habe. Gerade bei den Hauptpersonen ist es wichtig, dass mir klar ist, wie sie in den einzelnen Situationen zwangsläufig handeln werden. Welche Handlungsweise passt zu welchem Charakter? Diese Frage war für mich essentiell, weil ich bei früheren Projekten Personen aufgebaut habe und sie dann unglaubwürdig gehandelt und so den Plot und die Metaebene in Verruf gebracht habe. Teilweise habe ich ganze Kapitel umschreiben müssen. Diesen Aufwand wollte ich nicht noch einmal bei der Korrektur eines Textes betreiben. Durch gute Vorarbeit ist dieser Fehler leicht vermeidbar. Um es zu verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, sie schreiben etwas über Indiana Jones, der Inbegriff der Tatkraft, der keine Risiken scheut und keiner Gefahr aus dem Weg geht und sie lassen ihn einfach zu Hause bleiben und stellen dar, dass er als Weichei zu Hause sitzt und sich anstatt um archäologische Rätsel um seine Briefmarkensammlung kümmert. Er sitzt abends gramgebeugt und halbblind bei Kerzenschein und zieht mit einer Pinzette an irgendeiner alten Briefmarke herum, während seine Ehefrau ihn auf der anderen Seite des Tisches sitzend anschnauzt, dass er endlich den Müll herunterbringen soll und er ihr mit weinerliche Stimme entgegnet, dass er Angst habe bei Dunkelheit in den Garten zu gehen. Okay, es würde funktionieren, wenn sie eine Satire über Indiana Jones schreiben wollen, aber das wollen sie nicht. Sie wollen, das Indiana Jones als ihre Figur glaubwürdig ist und sich tummelt, um gefährliche Abenteuer zu bestehen. Wenn sie jetzt wollen, dass Indiana Jones sich aus dem Sessel schält und seine Peitsche schwingt, werden sie passende Formulierungen dafür finden. Allerdings glaubt ihnen das kein Leser mehr. An der Stelle klemmt die Geschichte und egal was sie schreiben, sie können es nicht mehr retten.

In meinem Fall habe ich mir die Freiheit genommen, ca. fünf bis sechs Personen vorzuzeichnen. Es betrifft Personen, die miteinander in Verbindung stehen, die familiär aneinander gebunden sind und alleine dadurch bestimmte Handlungsweisen vorbestimmt sind. Alle anderen Personen, die den Protagonisten an den Stationen der Reise begegnen, habe ich erst im Laufe der Geschichte entwickelt. Ansonsten hätte ich die Geschichte komplett vorschreiben müssen. Dieses Korsett hätte mich persönlich beim Schreiben gehemmt. Die Stationen der Weltreise waren geplant und es war vorgegeben, dass sie am Ausgangsort enden musste. Ein Kapital im hinteren Teil sollte einen phantastischen Teil enthalten. Ich nannte es „Reise zum Mond“ und habe anfangs wirklich gedacht, ich schicke die beiden Protagonisten auf den Mond. Im Nachhinein machte es keinen Sinn. Allerdings schrieb ich eine Art Traumszene, die sich gut in die Handlung eingefügt hat und sie auch voranbringt. Meine Geschichten sollen immer einen irrealen Teil, eine Phantasie, einen Traum, ein Wahnvorstellung enthalten, ohne dass die eigentliche Geschichte aus dem Ruder läuft. Ein kleiner Spleen, der mich in die Nähe mancher postmoderner Autoren bringt, deren Texte oft zwischen Wirklichkeit und Wahn schwanken. Ansonsten ließ ich alles andere offen. Somit habe ich für meine Verhältnisse relativ viel Zeit mit der Vorbereitung verbracht. Irgendwann kam der richtige Moment, um mit dem Schreiben der Geschichte zu beginnen. Ich hielt es nicht mehr aus, fühlte mich gut gerüstet und wollte endlich loslegen.

 

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Toll und jetzt!?

  Ich habe eine Metaebene! Wunderbar!! Habe ich dadurch eine Geschichte? Nein! Hier beginnt die wirkliche Arbeit. Es gibt auch hier mehrere Ansätze und viele unterschiedliche Herangehensweisen. Im Grunde geht es wie bei jeder handwerklichen Arbeit um die Arbeitsvorbereitung. Die verschiedenen Ansätze unterscheiden sich darin, wie intensiv man vor dem Schreiben der eigentlichen Geschichte durch Recherche, Festlegen der Handlung usw. den Schreibprozess abkürzen will. Manche Autoren stürzen sich mit einer wagen Idee in die Schreibarbeit und legen los, ohne einen konkreten Plan zu haben. Manche haben jahrelange Recherche betrieben und sich um Atmosphäre und Fakten gekümmert, konkrete Handlungsabläufe vorgegeben, alle Personen inklusive Nebenfiguren ausmodelliert und schon Plot inklusive Exposition, Klimax und Ende wie in einem Drehbuch festgelegt, um dann nur noch den Text auszuführen. Beides hat seine Berechtigung und beides führt am Ende zum fertigen Text.

Im Laufe meiner Entwicklung als Autor habe ich mich vom Schreiben aus dem Bewusstseinsstrom heraus verabschiedet und mich zum Autor entwickelt, der eine gewisse Vorarbeit leistet und sich grundsätzlich Gedanken um den Plot macht. Ich schreibe erst den Text, wenn ich das Gefühl habe, die Bausteine des Plots fügen sich zu einem Ganzen zusammen. Früher wiederholte ich unablässig das Mantra, dass recherchierte Geschichten automatisch schlecht sein müssten, weil die Geschichten nur aus einer Aufzählung von Fakten bestehen und dadurch dem Text der Tiefgang fehlt. Ich habe als Beispiel immer die Texte von Tom Glancy angeführt. Aber eigentlich wollte ich nur einen guten Freund ärgern, der ein Fan von Tom Glancy war. Als Retourkutsche hat er alle meine Texte im Vorhinein abgetan mit den Worten: „Das kenne ich doch schon. Das hat ein Anderer vor dir geschrieben.“ Mittlerweile recherchiere ich viel, da ich begriffen habe, dass gute Recherche mir ein Fundament gibt und meine Möglichkeiten erweitert. Ein Beispiel dafür ist mein Roman „Kommt“. In diesem Roman geht es um zwei junge Männer, die um die Welt reisen, um den Vater des einen Protagonisten zu finden. Dabei sollten die zwei Jungs möglichst viele Länder bereisen und nicht nur als Touristen auftreten. Sie sollten Einheimische, die Kontakt mit dem Vater hatten, in ihrer gewohnten Umgebung aufsuchen. Sie bereisten Indien, USA, Russland, Brasilien, Italien usw. Einige der Reiseziele kannte ich aus eigener Anschauung. Die erste Station der Reise spielte in der Toskana, seltsamerweise in der Gegend, die ich 2007 mit meiner Frau durchwanderte. Ein anderer Teil der Reise führte nach Paris, auch dort war ich schon mehrfach. Ein Kapitel behandelte Freiburg und Umgebung. Einige meiner Familienurlaube in den letzten fünfzehn Jahren haben mich in den Schwarzwald geführt. Ich bin aber nicht polyglott genug, um nach Brasilien zu reisen, auch bin ich kein Freund von Kreuzfahrten und ferne Länder wie Indien erschrecken mich eher, als das ich sie bereisen will. Also habe ich Reiseführer gelesen. Möglichst welche, die sich mit den einheimischen Sitten und Bräuchen und nicht mit Ferienclubs auseinandersetzen. Ich habe im Internet bestimmte Reiserouten für Kreuzfahrtschiffe studiert und mich über die Möglichkeiten einer Reise auf einem Frachtschiff informiert. Die Recherche hat insgesamt ca. ein Jahr in Anspruch genommen und ich denke, ich werde insgesamt mit den Philosophiebüchern die ich noch lesen wollte, um gewisse Elemente bestimmter Philosophen in die Geschichte einfügen zu können, ca. 15 bis 20 Bücher gelesen haben. Ich wollte beispielweise das Verhältnis zwischen Heidegger und Adorno auf die Schippe nehmen, weil es in Wirklichkeit ein absolutes Nichtverhältnis zwischen Naziprofessor und emigrierten Juden war und Adorno mit einer gewissen persönlichen Motzhaltung Heidegger auf philosophischer Ebene angegriffen hat und Heidegger zumeist einfach nicht darauf reagiert hat. Also habe ich ungefähr drei Bücher von Adorno gelesen und natürlich ‚Sein und Zeit‘ von Heidegger gelesen und dementsprechend Sekundärliteratur bemüht. Diese ganze Recherche nahm wenig Einfluss auf die Handlung, aber viel Einfluss auf den Handlungsrahmen. Meine roter Faden hat sich dadurch nicht geändert, aber ich konnte dem Text neue interessante Nuancen hinzufügen und musste mir nicht im wahrsten Sinne irgendetwas aus den Fingern saugen. Der Text wirkt hoffentlich plastischer und realistischer und neben dem Spaß, den ich dabei hatte, konnte ich meinen Horizont erweitern.

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Metaebene für Projekt X

Die Metaebene für mein Projekt X beruht auf der Annahme, dass gesellschaftliche Werte in rein dialektischer Form, als reine Gegensätze und Widersprüche konstruiert werden. Es gibt zu jeder positiven Eigenschaft ein negatives Gegenbild. Wir haben uns daran gewöhnt, Menschen in schön und hässlich, arm und reich, gescheitert und erfolgreich einzuteilen. Kategorien, die zuerst nur eine Einschätzung widergeben, die anfänglich nicht unbedingt eine gesellschaftliche Realität darstellt. Daraus ergeben sich verheerende Entwicklungen für die komplexen Vernetzungen zwischen Menschen, die aufgrund eines ständigen Drangs zur Vereinfachung nicht nur nach den simplifizierten Gegensatzpaaren kategorisiert werden, sondern allmählich zur gesellschaftlichen Relevanz und damit zur Realität werden. Der Vereinfachungstrieb hat uns Menschen erfasst und man könnte viele anthropologische Untersuchungen durchführen, um herauszufinden, ob dieser Trieb nicht im Menschen seit je her angelegt ist. Eine Tatsache ist auffällig: viele reden von der Intransparenz der Welt, als sei sie eine Entwicklung der Neuzeit. Dabei wird schnell vergessen, dass die Erkenntniskraft der Menschen schon immer auf ihr kleines Umfeld beschränkt war und es Menschen schwerfällt, über den Tellerrand zu schauen. Es gibt immer nur einige wenige, die mutig und neugierig genug sind, um die Welt außerhalb einer kurzen Reichweite zu entdecken. Ich befürchte, dass es sich um eine Ausrede handelt. Man bleibt in seiner Komfortzone, wenn man nicht hinschauen muss und kann schnell Urteile über Mitmenschen fällen. Haben wir nicht gelernt, dass der erste Eindruck bei der Begegnung mit einem Fremden sich im Folgenden bestätigt? Sie treffen einen fremden Menschen. Sie machen das tagtäglich dutzendfach. Sie gehen in den Supermarkt einkaufen und nehmen die anderen Kunden und die Angestellten des Supermarktes wahr. Wie viele Sekunden brauchen sie, um über jeden dieser Fremden ein Urteil zu fällen? Seien sie ehrlich! Es sind wenige Sekunden. Welche Etiketten kleben sie an die Fremden und welche Eigenschaften gestehen sie aufgrund der Etiketten den Menschen zu? Der guckt aber unfreundlich, man der hat auch so Falten auf der Stirn und die Klamotten, die der anhat, jetzt kauft er auch noch Zigaretten, ganz bestimmt Kettenraucher, wahrscheinlich auch noch Alkoholiker, siehste er hat sich eine Kiste Bier gekauft, ich kaufe mir immer nur einzelne Flaschen, eine ganze Kiste würde bei uns schlecht werden, dieses teigige Gesicht, ganz klar, der hat Probleme, wahrscheinlich schlägt er seine Frau….Wissen sie, ob der Mann nicht vielleicht gerade von der Arbeit kommt, noch seine Arbeitsklamotten trägt und er müde und gereizt ist, weil sein Tag sehr kräfteraubend war und er nur nach Hause will? Den Kasten Bier besorgt er sich für eine Feier, die er am Wochenende ausrichten will. Er hat alte Freunde eingeladen, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat und dies ist momentan seine einzige Freude. Wahrscheinlich wird jeder von den Gästen zwei oder drei Flaschen Bier trinken. Das Rauchen hat er schon vor Jahren aufgegeben. Allerdings gönnt er sich im Kreise seiner Freunde den Genuss, eine paar Zigaretten zu rauchen. Es mag ihm ein angenehmes Gefühl für den Moment geben. Am nächsten Morgen wacht er auf und denkt nicht an die Zigaretten, sondern an seine Frau, die letztes Jahr an Krebs gestorben ist. Er blickt auf die leere Stelle im Ehebett und es überkommt ihn der Schmerz und die Trauer darüber, dass er viel zu früh die Liebe seines Lebens verloren hat…..und sie haben aus dem armen Kerl einen gewalttätigen Säufer gemacht. Aber trösten sie sich: sie denken so, ich denke so und wir finden uns schnell bestätigt. Es gibt nur noch erfolgreiche, wohlhabende, schöne Menschen oder gescheiterte, arme und hässliche Menschen. Dazwischen gibt es recht wenig. Wir gestehen niemanden zu, dass unsere Einschätzung falsch ist und dass er einen Grauton abbildet. Es ist nicht nur so, dass die Durchdringung der Grautöne vermieden wird, es ist auch so, dass Menschen die Grautöne als Teil ihres Daseins ausschließen wollen. Alle streben nach der positiven Seite und bewundern die, die auf der vermeintlich positiven Seite wohnen. Ihnen wird auch nicht mehr die Möglichkeit des Scheiterns eingeräumt. Schauen sie sich Sportler an. Wehe sie werden zweiter oder dritter. Man ist fast beleidigt, wenn der persönliche Held oder die favorisierte Mannschaft verliert und gesteht ihnen nicht zu, das Scheitern zur sportlichen Karriere dazugehört und das aus der Niederlage ein erneuter Erfolg oder eine Läuterung erwachsen kann, die den Sportler zum interessanteren Menschen macht. Ist einmal jemand sozial abgestiegen, ist er abgestempelt und bekommt wenige Chancen zum sozialen Wiederaufstieg. Man ist sozusagen in seine Kaste hinein geboren worden und warum sollte aus einem Jungen mit Migrationshintergrund und mit Eltern, die noch nicht einmal richtig Deutsch können, eines Tages ein erfolgreicher Anwalt werden? Diese Optionen erkennen wir nicht mehr an. Alle Errungenschaften der letzten zweihundert Jahre Aufklärung scheinen sich langsam aufzulösen. Zum Glück gibt es die Grautöne und die Wirklichkeit bietet uns genügend Geschichten und Schicksale an denen man als Autor zeigen kann, dass ein wertvolles Leben, ein gut geführtes Leben von unendlich vielen Faktoren abhängt und es eigentlich nicht im Auge des Betrachters liegt, der leichtfertig sein Urteil fällt, sondern in der Perspektive desjenigen, der das Leben führt. Eine weiterer Aspekt: Wir fällen nicht nur ungerechte Urteile, wir schielen nach den Urteilen der Anderen und richten uns Handeln danach aus. Unser Handeln scheint holzschnittartiger zu werden und vollkommen auf Außenwirkung abgestellt. Wir beobachten und werden beobachtet. Wir legen keinen Wert mehr auf die Betrachtung der eigenen Innerlichkeit, des Selbstbildes. Meine Metaebene bildet einen Hintergrund, der vielfältige Ansatzpunkte bietet und es mir schwer machen wird, die Linie zu halten. Das ist meine Herausforderung und ich bin gespannt, ob ich beim Entwickeln der Geschichte zu jeder Zeit darauf Rücksicht nehme oder unweigerlich ins Ungefähre abschweife.

 

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