Exposè

Ein Exposé zu schreiben ist mir immer schwer gefallen. Einerseits, weil es einen Roman auf das wesentlichste reduziert, anderseits, weil ich es immer nach Fertigstellung des Romans geschrieben habe. Ein grundlegender Fehler, den ich mit dem meinem neuen Werk nicht noch einmal machen wollte. Natürlich gibt es einen Unterschied, ob ich ein Exposé schreibe, um die Handlungsstränge zu modellieren oder ob ich mich damit bei einem Verlag bewerben will. In diesem Fall war es dann doch eher eine Bewerbung. Schließlich wollte ich meine schärfste Kritikerin beeindrucken. Ich habe vier Monate daran gefeilt. Erst dann fühlte es sich gut an. Und das ist erst einmal die Diskussionsgrundlage. D.h. nachdem Henni es gelesen hat, werden wir sehen, was davon aufrecht zu erhalten ist. Zwischendurch drängte sich mir die Ansicht auf, ich schreibe einen Agententhriller. Das ist das Problem beim Exposé. Man schreibt reine Handlungsstränge auf und weiß im Endeffekt nicht, wie man es mit Leben erfüllt. Es ist vergleichbar mit einem Drehbuch. Wenn ich Drehbücher von bekannten Filmen lese, denke ich immer, das da was fehlt. Es ist nur das Handlungsgerüst, höchstens noch die Dialogvorgabe. Die Inszenierung passiert an anderer Stelle. Man braucht erst einmal einen Fahrplan. Mein Fahrplan ist jetzt fertig und schlummert auf einem USB-Stick. Ich hoffe, Henni nimmt sich bald die Zeit und liest diese fünf Seiten. Ich freue mich auf ihre Rückmeldung. Es ist das erste Mal bei einem meiner Projekte, das ich bei der Entstehung die Hilfe eines anderen in Anspruch nehme. Ich denke, das zahlt sich aus. Bis sie sich meinem Exposé gewidmet hat, werde ich mich anderer Dinge widmen. Wie z.B. der Entwicklung des Dialogs zwischen Shaw und Cherry-Garrard. Dafür ist viel Vorarbeit nötig. Im Augenblick arbeite ich daran, diese Vorarbeit in ein kleines Zwischenprojekt zu packen und mich von dem ursprünglichen Projekt zu lösen.

 

Wie tief darf das Wasser sein?

 

Ich muss mir Einhalt gebieten und mir eine grundsätzliche Frage stellen. Wie tiefgängig sollte ich Charaktere zeichnen? Wann wirken sie platt, wie Abziehbilder oder Klischees? Ab welchen Punkt bekommen sie Tiefe und wirken realistisch? Wann wirken Figuren überfrachtet und viel zu komplex, so dass ich mich als Autor in ihren Wesensmerkmalen verheddere und ich widersprüchliche Figuren schaffe, die ich selbst nicht mehr verstehe?

 Neben dem Sprachstil finde ich den Aufbau der Charaktere das wichtigstes Element der Gestaltung. Wenn man nicht den richtigen Ton findet, kann sich damit jede gut gemeinte Geschichte versauen.

 Ich habe vor mehr als einem Jahrzehnt einen Kurzgeschichtenzyklus vollendet, der mich heute noch beschäftigt. Ich hatte damals ein Faible für Maler und deren Werke entwickelt. Ich setze mich immer wieder mit anderen Kunstformen auseinander und lasse mich davon inspirieren. Eine Geschichte aus dem Kurzgeschichtenzyklus lag mir besonders am Herzen, weil ich vor ca. zwanzig Jahren ein Gemälde im Musee d´Orsay gesehen habe und ich völlig in dieses Gemälde vernarrt war. Es handelt sich um die Heuernte von Bastien Lepage, einen etwas unbekannteren Naturalisten aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Ich brauchte Jahre um die Geschichte zu entwickeln. Damals gab es im Internet noch nicht viele Informationen über unbekanntere Maler und ich wollte unbedingt wissen, welches malerische Genie und auch welche Persönlichkeit hinter diesem Gemälde standen und daraus einen Plot für eine Kurzgeschichte entwickeln. Alleine dafür hat es Jahre und einige Zufälle gebraucht.

  Bastien Lepage kam aus einer Bauernfamilie und lebte Zeit seines Lebens im Schoß seiner Familie. Er starb mit Mitte dreißig und hatte bis dahin einen gewissen Erfolg als Maler gehabt. Er war wohl ein- oder zweimal auf dem alljährlichen Pariser Salon vertreten gewesen, was damals die wichtigste Anlaufstelle für Maler war, die Erfolg haben wollten. Das Gemälde zeigt seine Schwester, die sich während der Heuernte eine Pause gönnt und man sieht ihr ihre Erschöpfung an, allerdings auch die Entspannung während der verdienten Pause. In ihrem Bauernkleid, mit ihren großen schwarzen Augen, ihren groben Wangenknochen und den dicken schwarzen Augenbrauen wirkte sie sehr ländlich und einfach. Das ganze Sujet strahlt eine kontemplative Ruhe aus.

 Meine Geschichte handelte nun von Julius, der alleine am Waldrand in seinem Elternhaus lebt und nachdem er erfährt, dass er nicht mehr lange leben wird, Rückschau hält. Er vergleicht sich mit Bastian Lepage, den er beneidet für sein einfaches Leben und das ihm Zuneigung seiner Mitmenschen sicher war. Auch Julius ist Künstler und verdient sein Geld mit dem Fotografieren von Tierkadavern, die er im Wald findet und für seine Bilder kunstvoll drapiert. Er ist einsam, hat nur wenig soziale Kontakte und die hat er sich mit seiner menschenverachtenden Art auch noch zerstört. Seine Muse Fanny hat ihn verlassen, nachdem ihr einen wenig glaubwürdigen Heiratsantrag gemacht hat.

 Julius Eltern haben sich getrennt als er ein Kind war. Seine Schwester und sein Vater sind in die Stadt gezogen und seine Mutter und er sind im Haus am Waldrand geblieben. In der ursprünglichen Version habe ich die Schwester als verzogene Göre aus der Stadt beschrieben, die sehr egozentrisch agiert und nichts anderes im Kopf hat als sich in irgendeiner Art zu profilieren. Ich habe sehr stark auf den sexuellen Aspekt ihrer pubertären Entwicklung reduziert. Sie stellte eine plumpe Verführerin dar, die Julius in jeglicher Hinsicht den Kopf verdreht. Als seine Mutter stirbt, lässt sie Julius im Regen stehen, da sie das Interesse an ihm verloren hat. Dadurch scheint Julius Schicksal besiegelt zu sein. In einer Kurzgeschichte hat man als Autor nicht viel Raum für tiefschürfende psychologische Analysen. Ich bin also glücklicherweise gezwungen die psychischen Motive der Figuren aufs Nötigste zu reduzieren. Das macht das Schreiben von Kurzgeschichten so interessant. Man pickt sich nur einen Teil der Handlung heraus, man pickt sich auch ein oder zwei Aspekte einer womöglich viel komplexeren Persönlichkeit heraus. An dieser Stelle hat das nicht gereicht, weil die Figuren dadurch zu eindimensional wirkten.

 Leider habe ich immer ein Problem, jemanden zu finden, der sich als Lektor für meine Texte betätigen will. Bevor man einen Text auf die Öffentlichkeit los lässt, sollte jemand mit Sachverstand sich dem Text widmen. Das ist auch eine Angelegenheit des Vertrauens, weil jeder, der einen Text liest, eine Meinung dazu hat, aber wenige können aus einer objektiven Perspektive heraus, die Qualität eines Textes beurteilen.

 Momentan kenne ich eigentlich nur zwei Personen, die ich an meine Texte heran lasse und denen ich das nötige Vertrauen entgegenbringe. Dazu habe ich auch schon zu viele schlechte Erfahrungen mit gutgemeinten Ratschlägen gemacht. Das Spektrum reicht von Ignoranz (ja, ich habe deine Kurzgeschichte gelesen, aber worum es ging, habe ich vergessen) bis zu Besserwisserei (die Geschichte kenne ich schon, die hat doch so´en Typ aus der Schweiz schon mal geschrieben) habe ich alles erlebt. Also überlasse ich das Lektorieren meiner Frau und meinem besten Freund Christian. Beiden vertraue ich ohne Einschränkung, dafür haben sie ein anderes Problem: Sie haben keine Zeit.

 Meine Frau Henrike hat einen ähnlichen hohen Anspruch an literarische Qualität wie ich. Sie hat aber auch teilweise einen anderen Geschmack wie ich. Sie liest anspruchsvollen Mainstream und hat nicht die Neigung zu abstruser Literatur oder Romanen der Weltliteratur. Die Philosophie geht ihr total ab. Sie findet es wahrscheinlich ganz toll, dass ihr Ehemann sich da ein wenig auskennt, aber sie kann damit nicht viel anfangen. Eigentlich stelle ich mir in meinen heimlichen Schriftstellerträumen so meinen Leser vor. Solche Menschen sollen meine Bücher kaufen. Bei Christian ist es völlig anders. Er ist Doktor der Philosophie und schreibt selbst. Zu ihm schaue ich herauf, wenn es um die Philosophie geht. Bei der Literatur haben wir einen ähnlichen Geschmack. Er ist belesener als ich. Das liegt daran, dass er einfach schon immer und überall Bücher liest und wahrscheinlich auch manches einfach nur quer liest, während ich ja einer von denen bin, die Bücher von der ersten bis zur letzten Seite liest, egal wie anstrengend und schlecht es ist. Ich kann nicht aufhören ein Buch zu lesen, bis ich die letzte Seite erreicht habe. Wenn Christian meine Texte liest, sind seine Anmerkung fundiert und die eines Literaten, der also auch genau die Wirkung des Textes auf den Leser allgemein erfassen kann.

 Er hat die Kurzgeschichtensammlung angefangen zu lektorieren und mir bei meinem letzten Besuch, es war ein trüber Herbsttag und wir sind im strömenden Regen durch den Wald gestapft, zu eröffnen, dass bei der Heuernte die Schwester sehr platt getroffen sei und darunter die gesamte Geschichte leide. Es reiche nicht aus, die Schwester als lüsterne Stadtgöre zu zeichnen.

 Die Geschichte habe ich wie gesagt vor langer Zeit begonnen und die Kurzgeschichtensammlung ist ein Flickenwerk. Andere Geschichten habe ich viel später geschrieben. Z.b. die zweite Geschichte ist ca. acht Jahre alt. Ich habe dort zum ersten Mal eine Begebenheit aus meinem Leben verarbeitet. Normalerweise verabscheue ich die autobiographischen Schilderungen von Autoren. In diesem Falle habe ich mich hinreißen lassen und hier wirkte der Text auf Christian wesentlich stringenter und durchdachter.

 Mein Fazit war, dass ich mich doch als Autor weiter entwickelt habe und viele meiner alten Texte dadurch an Qualität verlieren, weil ich bei den Personen nicht wirklich authentische Möglichkeiten der Charakterzüge herausgearbeitet, sondern nur Klischees verwendet habe.

 Also habe ich mich noch einmal, nach langer Zeit, an den Text heran gewagt. Nun ist es nicht mehr von Bedeutung, dass die Schwester in der Stadt groß geworden ist und deswegen sich zu einem bösen Luder gemausert hat. Die Schwester ist nun eine ambivalente Person, die einerseits von ihrem Bruder, dessen einzige Bezugsperson sie zu sein scheint, genervt ist, andererseits aber es auch genießt, Macht über ihn zu haben. Sie verzweifelt an dieser Situation und als die Mutter stirbt, nimmt sie die Gelegenheit wahr, um Julius mitzuteilen, dass sie ihn nicht mehr sehen will und ihn damit auch beschützen möchte, weil er ansonsten nie ein eigenes Leben führen wird. Was Julius daraus macht, kann der geneigte Leser hoffentlich irgendwann mal in einem gebunden Buch oder E-Book nachlesen.

 

Yeah!!! Es hat geklappt!!

Am Freitag ist die Anthologie des Schreibwettbewerbs „Feldversuch“ erschienen. Im Frühjahr hatte epubli aufgerufen Kurzgeschichten zum Thema „Feldversuch“ einzureichen. Was ich gemacht habe. Ich bin eigentlich nicht der Autor, der nach solchen Schreibwettbewerben giert. Aber diesmal hat mich das Thema gereizt. Und es hat sich für mich gelohnt. Ich gehöre zu den 25 Gewinnern, die in der Anthologie veröffentlicht wurden. Die Anthologie gibt es als E-Book für 2,99 EUR.

Anthologie Schreibwettbewerb Feldversuch

Nennen wir die Kinder doch beim Namen

Als nächstes beschäftige ich mich ausführlich mit den Personen. Zwei wichtige Personen habe ich schon genannt und ihnen Rollen zugewiesen. Es geht im Folgenden darum, den Personenkreis zu erweitern und diese Personen lebendig werden zu lassen. Dazu gehören Details wie Namen, Charakterbeschreibungen und die Historie jeder Person. Es ist überaus wichtig, ihnen Leben einzuhauchen und dazu gehören nun einmal auch die Herkunft und die Einflüsse, die einen Menschen prägen. Für mich hat es sich als praktisch erwiesen, eine Art Dossier zu jeder Person zu entwerfen. Dabei erstreckt sich diese Feinarbeit auf Hauptpersonen und wichtigen Nebenfiguren. Alles andere führt zu weit und ist wieder kontraproduktiv. Am Ende entsteht ein eigener Mikrokosmos, der die Grundlage für die Entwicklung der Handlung darstellt. Meine Arbeit beginne ich, indem ich mir einen Kreis an Hauptpersonen überlege. Anfangs sind das drei bis fünf Personen. Nach und nach kommen noch ein paar Hauptpersonen hinzu. In diesem Fall ist es einfach: Im Mittelpunkt steht eine Familie. Also: Mama, Papa, Kinder. Sollen es mehrere Kinder sein? Sohn und Tochter oder nur Töchter? Die Hauptperson soll am Anfang der Erzählung ca. 12 Jahre alt sein. Erfahrungsgemäß sind die ältesten Kinder einer Familie am meisten von Konflikten in der Familie betroffen. Sie fechten viele Konflikte für die jüngeren Kinder aus. Sie sind oft diejenigen, die den Streit der Eltern am ehesten zu spüren bekommen, weil niemand älteres da ist, der sie beschützt und ihnen Rat geben kann. Zumeist haben sie die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister. Also bekommt die Hauptperson ein jüngeres Geschwisterkind an die Seite gestellt. Wir nehmen ein Mädchen, das etwas jünger ist, so etwa sechs bis acht Jahre alt. Die Familie besteht aus einem Vater, Mutter und einer Tochter 12 Jahre alt und einer Tochter acht Jahre alt. Ich modelliere erst einmal diese vier zentralen Figuren und erarbeite mir den Familienkosmos. Die Verbindungen und Vernetzungen zwischen den vier Personen müssen vor dem Schreiben schon deutlich erkennbar sein. Z.B. welche Tochter ist ein Vater- oder Mutterkind? Wie fasst die Mutter ihre Rolle in der Erziehung auf? Ist der Vater mit seiner Position in der Familie glücklich? Wie sieht diese aus? Aber am Anfang steht erst eine ganz banale Angelegenheit: Die Menschen brauchen Namen. Ein heikles Thema. Es gibt durchaus Autoren, die die Namen ihrer Figuren mit einer Symbolik beschweren. Das bekannteste Beispiel: Die Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll. Dazu muss man sagen, dass ich nie ein großer Böll-Fan war. Die meisten deutschen Autoren aus der Nachkriegszeit, egal ob Gruppe 47 oder nicht, langweilen mich auf die eine oder andere Weise. Katharina Blum soll unschuldig und vielleicht sogar etwas naiv klingen, naturnah und rein. Wenn man Angelika Winkler in der Verfilmung sieht, denkt man, dass der Regisseur nicht viel von der Namensgebung gehalten hat. Sie wirkt verstört und gebrochen, anstatt naiv und verletzlich. Mit der Symbolik nehme ich es nicht sonderlich ernst. Es sollten in dem Fall der Familie bodenständige Namen sein. Namen, die typisch zu der Zeit der Geburt der Personen war, verbunden mit einem gewöhnlichen häufig vorkommenden Nachnamen. Dahinter steckt nicht die Überlegung die Namen mit Symbolen oder einer Konnotation aufzuladen. Diese Familie ist nicht aus der Zeit gefallen. Sie soll die Auseinanderentwicklung der sozialen Schichten repräsentieren und deswegen sind es Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die nun einmal nicht Baronin von und zu heißen. Das junge Mädchen wird als Erwachsene für die Ausübung ihres Berufes als Schriftstellerin einen Künstlernamen benutzen, der natürlich abgefahren und interessant klingen muss.

Name der Hauptperson:

Jo (hanna) Sommer Hauptperson Künstlername: Alethea Cumberland

Lu (isa) Sommer Schwester

Olaf Sommer Vater

Kerstin Sommer Mutter

Der Boden, der Dünger und die Saat

 Wie schlägt sich jetzt mein ambivalentes Empfinden für meine Heimat in meinem Text nieder?

Eine Schriftstellerin beschreibt ihre Kindheit in einer Kleinstadt, die in einer ähnlichen Situation wie meine Heimatstadt steckt. Die Stadt bildet den verkeimten Untergrund, auf dem die Probleme einer Familie ungehindert aufblühen können. Ich werde Wetzlar nicht nennen, sondern eine fiktive Stadt erschaffen, die sich in manchen Beschreibungen an Wetzlar anlehnt, aber an anderen Stellen abweicht. Warum dieser Kunstgriff? Ich habe in meinen ersten beiden Romanen genau dieselbe Konstellation gewählt. Ich schrieb über eine Stadt, die ich kenne, die es aber gar nicht gibt. Es gibt mir den Freiraum, manche Umstände auszumalen und zu konstruieren, ohne das zu vergessen, wofür meine Heimatstadt steht. Nehme ich meine Heimatstadt als Symbol, kann ich Akzente setzen und wichtige Elemente überhöhen. Wie ein Maler, der die Farben kräftiger setzt und Lichteinfall überbetont, um auf wichtige Bestandteile seines Gemäldes aufmerksam zu machen.

Die Stadt beeinflusst wesentlich das Drama um die Hauptperson. Ein scheinbarer Glücksfall für die Familie entpuppt sich als absoluter Alptraum. Der Vater der Hauptperson hat ein Haus in der Peripherie der Stadt geerbt. Vorher die Familie in einer der Vororte zur Miete im sozialen Wohnungsbau gelebt. Der Onkel des Vaters hatte keine eigenen Kinder und lebte alleine. Da die Eltern des Vaters auch schon verstorben waren, ist er der gesetzliche Erbe. Er hatte nicht viel Kontakt zu seinem Onkel, alleine schon, weil er als Einsiedler und Kauz verschrien war. Das Haus liegt an der verkehrsreichsten Stelle in der Stadt, inmitten eines Gewerbegebietes, in der Nähe der Bahnlinie. Es ist in keinem guten Zustand. Der Onkel hat jahrelang an dem Haus herum gewerkelt und es nur noch schlimmer gemacht, als es schon vorher war. Das Erbe erweist sich schnell als Last für die Familie. Die Kinder wachsen an einer vielbefahrene Straße in einem baufälligen Haus auf. Um das Haus auf Vordermann zu bringen, reichen die eigenen finanziellen Mittel nicht aus. Der Vater investiert seine gesamte Kraft in die Modernisierung des Hauses. Er scheitert und verliert nach und nach alles. Seinen Job, seine Ehefrau, sein Traum vom Eigenheim. Das Haus ist in dem Zustand und in der Lage nicht verkäuflich. Wie ein Fluch klebt es an der Familie.

Es gibt solche Ecken in meiner Heimatstadt. Straßenverkehr auf der einen Seite, Zugverkehr auf der anderen Seite und mittendrin noch Gewerbegebiet. Und trotzdem wohnen dort Menschen. Gerade an den Ein- und Ausfallsstraßen der Stadt, die Braunfelser und Altenberger Str. gibt es ausreichend solche Ecken. Wenn man die Stadt kennt, wird der eine oder andere behaupten, dass sei alles kein Problem. Irgendwo muss der Verkehr ja durch, irgendwo muss sich Gewerbe stadtnah ansiedeln können. Das gehört zu einer urbanen Umgebung dazu und in einer Großstadt gibt es viel schlimmere Ecken, wenn dann zum Beispiel noch ein Hafen, Industrie und ein Flughafen hinzukommt. Mag alles sein. Wenn man die besagten Gegenden besucht, ist es kein schöner Anblick, es ist für Kinder keine geeignete Umgebung, insbesondere, wenn es zwei Straßen weiter ruhig und schön ist und man auch die entsprechende Infrastruktur vorfindet, wie Spielplätze usw. Es geht auch eher darum, dass dieses Haus als Erbe einerseits eine Last ist und andererseits zur fixen Idee des Vaters wird, der damit die Familie in den Ruin treibt. Die Umgebung ist nur der Katalysator. Läge das Haus in einer ruhigen Ecke, hätte die Familie es einfach verkaufen können. Es ist aber unverkäuflich, weil niemand neben einer Durchgangsstraße und einer Eisenbahnlinie wohnen will und es außerdem in einem fürchterlichen Zustand ist. Grundsätzlich stellt sich die Frage, inwiefern der Mensch auch innerhalb einer urbanen Umgebung das Anrecht auf eine menschenwürdige Umgebung hat, wirtschaftliche Interessen über die Interessen des Einzelnen stehen und der ständige Verbrauch von Flächen und natürlichen Ressourcen überhaupt in einem Land notwendig sind, dessen Bevölkerung in den nächsten Jahren schrumpfen wird. Das sind Fragen, die mitschwingen und auch ihren Ausdruck im Text finden können, aber nicht unbedingt müssen. Diese Entscheidungen trifft ein Autor an anderer Stelle. Es besteht ständig die Gefahr, den Text damit zu überfrachten. Es soll eine Geschichte entstehen, die aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Problemstellungen wiedergibt, weil diese direkte Auswirkungen auf die handelnden Personen haben.

Randgebiete meiner Heimatstadt Wetzlar – 3 Impressionen

    

Wir verorten uns jetzt mal

Wir sind aber nicht am Ende der Geschichte. Trotzdem ist es schön zu sehen, dass der Anfang ganz logisch zu einem sinnvollen Ende führt und nichts ist besser, als als Autor schon einmal den Gesamtrahmen der Handlung zu kennen. Bevor ich den Rahmen mit Leben fülle, gibt es noch viele Details zu klären. Wir haben die Zeit geklärt und nähern uns jetzt dem Raum, das heißt dem Ort der Handlung. Alle meine Romane haben meine Heimat als Bezugspunkt. Man möge mir daraus den Vorwurf stricken, dass ich nur das mir Bekannte beschreiben kann. Es steckt mehr dahinter. Natürlich fällt es mir leichter die Umgebung, in der ich lebe, zu erfassen und als Autor literarisch zu reproduzieren. Ich lebe in Mittelhessen und habe hier meine Wurzeln. Nur ein kleiner Teil meiner Familie stammt von hier und trotzdem zähle ich mich zu den Eingeborenen. An der Art wie ich Rede kann man meine Herkunft bestens erkennen. Ich spreche diese weiche labberige hessische Sprachtönung, die zwischen nasalen und nuscheligen Lauten über die hart klingenden Buchstaben hinweg huscht. Den örtlichen Dialekt imitiere ich, ohne ihn perfekt sprechen zu können.

Ich habe niemals an einem anderen Ort gelebt und natürlich, wenn ich Berlin, Frankfurt oder Köln bin, frage ich mich, ob ich dort besser leben könne. Sogar wenn ich an die Nordsee in den Urlaub fahre, frage ich mich, ob ich nicht lieber am Meer leben sollte, anstatt in diesem verwaschenen Klima zwischen Taunus und Westerwald. Und doch kehre ich jedes Mal in das Lahntal zurück und kann es kaum erwarten den Karlsmunt zu sehen oder unsere Straße, die auf einer Halbinsel zwischen Lahn und Dill liegt. Wenn ich aus meinem Wohnzimmer zwischen die Häuser schaue, kann ich den Wetzlarer Dom sehen und wenn ich die Straße herunter laufe, bin ich an der Lahn und sehe die alte Lahnbrücke. Das ist meine Welt und sie ist nicht immer hübsch anzusehen. Wetzlar ist vom Fluch oder Segen, je nachdem aus welche Perspektive man schaut, betroffen eine Altstadt zu haben, die von modernistischer Industriekultur umringt ist. Es ist bezeichnend, dass das höchste Gebäude in Wetzlar nicht der Dom, sondern einer der Türme von Heidelberg-Cement ist, die dieses Jahr fallen sollen. Vor ein paar Jahren hat man das Betonwerk stillgelegt. Es ist fraglich, ob das die mutwillige Zerstörung eines Denkmals ist oder die Befreiung einer Stadt, die seit mehr als einem Jahrhundert von der Industrie dominiert wird. Und genau dieser Zwiespalt macht für mich als Autor die Stadt und die Gegend interessant. Wunderschöne Ausblicke säumen die Höhen über der Stadt. Bei klarem Wetter habe ich das Gefühl, vor mir liegt ein unberührtes grünes Paradies. Ist man unten in der Stadt, zur besten Stoßzeit, drängeln sich die Autos mit aller Gewalt über den Karl-Kellner-Ring in die Braunfelser Straße hinein. Der Krach ist unerträglich und man wähnt sich in einer Großstadt. Fährt man nach Niedergirmes, liegt links das übermächtige Industriegelände der Firma Buderus und rechts der an vielen Stellen unansehnliche Ortsteil, der seinen negativen Ruf nicht wirklich verdient hat. Biegt man ab, fährt an den Rand des Stadtteils kann über eine steile Auffahrt einer der schönsten Aussichtspunkte der Gegend oben auf dem Simberg erreichen. Dann liegt das Lahntal vor einem und man kann sogar über die Industrietürme hinwegsehen.

Herr Houellebecq sitzt auf seiner Wolke und schüttelt die Kissen aus

So und jetzt beginnt ein literarisches Problem. Im vorherigen Blog habe ich meine persönliche politische Meinung dargestellt. Ich will sie nicht referieren und damit meine Leser belehren und langweilen. Ich will im besten Sinne ergründen, wie sich die zweifellos stattgefundenen gesellschaftlichen Veränderungen, gesäubert von meiner subjektiven politischen Meinung, auf ein Leben in Deutschland im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts auswirken konnten und welche weiteren Auswirkungen sie auf die Zukunft haben könnten. Es ist ein Spiel, eine Gedankenexperiment. Die Realität wird Fiktion und Fiktion wird Realität. Jemand erzählt aus der Zukunft über seine persönliche Vergangenheit, die für den Leser fast so greifbar nahe liegt wie die Gegenwart und beschreibt die Transformation seines persönlichen Umfeldes durch die historischen Begebenheiten. Es entsteht eine Spiegelung, ähnlich wenn man sich zwischen zwei Spiegel positioniert und der Eindruck entsteht, dass das eigene Spiegelbild sich bis ins Unendliche vervielfacht. Für mich als Autor bedeutet der Kniff eine große Herausforderung und wenn es funktioniert ein großer Reiz für den Leser. Und leider bin ich nicht der erste, der damit Erfolg hat. Es gibt einen Meister in der Kunst des Erzählens der Geschichte aus der Zukunft heraus. Es ist Herr Michel Houellebecq und man kann von ihm halten, was man will und ihn für einen Unhold halten. Aber an dieser Stelle hat er Größe. Er analysiert die Geschichte und überträgt sie auf seine Protagonisten und treibt seine Spielchen weiter bis in die Zukunft. In Elementarteilchen lässt er schöne Grüße aus der Zukunft verlauten. Geschlechtslose Klone berichten die Geschichte des Wissenschaftlers, der die schöne neue Welt begründet hat. Der Held der Geschichte, gescheitert an seinen Mitmenschen, fast unfähig Emotionen zu empfinden, ist Teil seiner Zeit, die durch einen übertriebenen Individualismus genau das Gegenteil von dem erreicht, was man erreichen wollte. Freiheit wird zum Gefängnis aus Sex, Konsum und Leiden, aus dem die Wissenschaft die Menschen befreit, in dem sie ihm seinen Kern wegnimmt. Ein typisches Spiel von Monsieur Houellebecq. Er lässt sich politisch nicht einordnen und bedient sich vielerlei politischen Klischees, um am Ende alle politisch denkende Menschen ob rechts oder links an der Nase herum zu führen. Er ist das Gegenbild zum engagierten Autor, der sich durch klare politische Positionierung einmischt. Er hält sich heraus, um jeder Seite den Spiegel vor zu halten und bringt so Bewegung in aktuelle gesellschaftliche Diskurse. Er hat es geschafft, metapoltisch zu wirken und politischer Meinungsbildung neue Facetten hinzuzufügen.

Was kann ich daraus lernen und was heißt das für meine Hauptfigur? Ich sollte nicht politisch Stellung beziehen, indem ich auf Links oder Rechts herum haue und mit meiner Geschichte dumpfe Polemik oder Sozialkitsch erzeuge. Die Realität an sich ist schon ein Widerspruch und gibt mir die Möglichkeit auf sie herab zu schauen, ohne mich auf eine Seite schlagen zu müssen. Die Sozialdemokratie schaffte Ende der Neunziger das gesellschaftliche Klima von dem viele Konservative und Neoliberale Elitendenker lange geträumt haben. Alleine das reicht aus, um sich daneben zu stellen und nicht herum zu heulen, dass es doch früher einmal tolle politische Utopien gab, die unseren Protagonisten jetzt wunderbar geholfen hätten. Wir leben in einem postideologischen Zeitalter, in dem man nicht mehr an den Histomat glauben muss, um ein guter Mensch im politischen Sinne zu sein. Es hat sich gezeigt, dass alle Ideologien sich gegenseitig aufrechnen und das Endergebnis ein Nullsummenspiel ist. Für den Menschen hat das zur Folge, dass er das Opfer seiner eigenen Geschichte ist und niemand da ist, der ihm durch eine positive Utopie Hoffnung gibt. Der Mensch ist auf sich alleine gestellt, ein Einzelkämpfer, der nichts mehr hat, dass ihm Trost geben könnte. Seien wir ehrlich: man kann sich darüber aufregen und daran verzweifeln oder sich selbst vertrauen und sein Leben nach vorne treiben. Der Mensch, der sich kämpferisch gibt, wird Schrammen und Narben davon tragen, aber im Rückblick kann er das Glück empfinden, ein Leben gemeistert zu haben, das die meisten von uns als unerträglich empfunden hätten.

Der Fluch der Berliner Republik

 

Die Geschichte beginnt im Jahre 1998 und wird von einer Frau erzählt, die am Beginn der Geschichte zwölf Jahre alt ist und die zweitausendfünf mit neunzehn, nach dem Erwerb der Hochschulreife das elterliche Zuhause fluchtartig verläßt. In der Gegenwart ist die Erzählerin ca. 28 Jahre alt. Sie berichtet als dreiundvierzigjährige aus dem Jahre 2029. Warum Vergangenheit und Zukunft in Relation setzen, um auf die Gegenwart Bezug zu nehmen? Nach meiner persönlichen Meinung haben in 1998 einige Ereignisse stattgefunden, die eine zentrale und nachhaltige Bedeutung für unsere Gegenwart und unsere Zukunft haben. Das Jahr markierte das Ende der Kohl-Ära und der Bonner Republik. Menschen wie ich, die aus einem linksliberalen Umfeld kommen, haben sich viel von dem Ende der Kohl-Regierung versprochen. Grundsätzlich misstrauten wir der Errichtung einer Berliner Republik, weil wir Berlin als Hauptstadt aus historischen Gründen ablehnten. Für mich waren die Kohl-Jahre eine Zeit der konservativen Restauration und die Anti-Epoche zu den aufregenden Aufbruchsjahren ab 1968. Wir wurden von einem Menschen regiert, der voller Selbstsucht nur darauf achtete, dass sein Lebenswerk später in den Geschichtsbüchern glorreich gefeiert wird. Er selbst hat den Beginn seiner Regierung mit einer geistig-moralischen Wende verbunden. Dabei bringen Wendungen eher etwas was neuartiges und spannendes hervor. In diesem Fall verherrlichte Herr Kohl die Errungenschaften der miefigen Kriegsgeneration, die sich immer noch an der Oberflächlichkeit der sogenannten Wirtschaftswunderjahre labte. Es roch alles nach Pfälzer Saumagen und entsprechenden Darmwinden. Mit der Bundestagswahl 1998 endete diese Epoche. Mit Herrn Schröder und Herrn Fischer an der Macht hatte der Marsch durch die Institutionen ihr glorreiches Ende gefunden. Die Grünen waren zum ersten Mal an der Regierung der Bundesrepublik Deutschland beteiligt und alleine diese Tatsache hatte eine euphorisierende Wirkung auf uns. Wir verbanden damit die Chance auf eine Änderung der Energiepolitik. Wir erwarteten durch eine nachhaltige und soziale Ordnungspolitik eine grundlegende Änderung der gesamten Ökonomie. Wir hatten folgende Rechnung aufgemacht: Mit dem Atomausstieg wird die Wirtschaft gezwungen, Ökonomie mit ökologisch sinnvollen Handeln zu verbinden und durch ein grundlegende Reform der Sozialsysteme gelingt eine generationsübergreifende Absicherung der sozialen Gerechtigkeit. Her Kohl hätte schon 1982 die sozialen Systeme reformieren müssen. Leider hat er die Sozialkassen, insbesondere die Rentenkasse, benutzt, um andere Löcher zu stopfen oder Geschenke zu verteilen. Zu guter Letzt stand auf unserem Zettel die Umgestaltung der Familienpolitik. Jungen Menschen wie mir sollte die Gründung einer Familie erleichtert werden. Bis Ende der Neunziger hatte man das Gefühl keine Kinder in die Welt setzen zu können, ohne Angst vor Armut haben zu können. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten die Frauen sich bitte schön als Hausfrau betätigen und aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Allerdings sah die Wirklichkeit anders aus. Man brauchte seit der Mitte der Neunziger mindestens zwei Einkommen in einer Familie, um sich nicht völlig vom Wohlstand abzukoppeln, da die Belastungen durch die Wiedervereinigung fast nur durch die Arbeitnehmer geschultert werden sollten. Unsere Rechnungen gingen nicht auf und Erwartungen wurden fast alle enttäuscht. Mit dem Atomkonsens 2000 hatte man mit vielen Kompromissen, die fast wie eine Anbiederung an die Energieunternehmen wirkten, die Abschaltung der AKWs in ferner Zukunft erreicht. Zudem nahm die Koalition aus CDU und FDP diesen Beschluss wieder zurück, um dann nach Fukushima mit einem radikalen Kurswechsel die wirkliche Energiewende einzuleiten, die wahrscheinlich scheitern wird, weil man durch die unzähligen halbherzigen Versuche, die Energiepolitik in den Griff zu bekommen, es versäumt hatte, geeignete Infrastrukturen für diese Energiewende zu schaffen. Die Sozialsysteme wurden nur insoweit reformiert, dass mit den Änderungen die deutsche Wirtschaft zwar wettbewerbsfähiger wurde, allerdings zu Lasten der sozialen Gerechtigkeit. Die Hartzreformen haben einen Keil in die Gesellschaft getrieben. Sozial Schwache wurden stigmatisiert, weil sie generell unter Generalverdacht standen, ihren Zustand selbst herbei geführt zu haben. Die Rente mit siebenundsechzig halte ich persönlich für eine der besseren Ideen der rotgrünen Regierung und seltsamerweise ist dies der Errungenschaft mit der die SPD am meisten hadert. Jetzt haben wir wieder eine Rente mit dreiundsechzig, die komischerweise nicht wirklich den Arbeitern, die sich im Stahlwerk den Buckel krumm gearbeitet haben hilft (das war ja das Lieblingsargument von Frau Nahles), sondern den Schreibtischtätern aus dem Dienstleistungsbereich hilft, die jetzt wieder schneller heimgeschickt werden dürfen, weil man sie nicht mehr braucht. Die Familienpolitik hat Herr Schröder als Gedöns abgetan. Erst Frau von der Leyen, eine Urkonservative mit sieben Kindern, die sich aber als Ärztin trotz vieler Kinder im Beruf durchsetzen konnte und der auch bewusst war, dass sich Normalverdiener keine Kinderfrau leisten können, hat die Familienpolitik in Deutschland modernisiert. Und das soll man noch einmal sagen, Politik kennt keine Ironie. Ganz zu Beginn hat die Schröder-Regierung den Finanzmarkt liberalisiert, weil es in den angloamerikanischen Ländern en Vogue war mit der grenzenlosen Gier der Banker das Wirtschaftswachstum anzufachen. Da Deutschland auch einen Strukturwandel weg von den alten Industrien zu neuen Branchen erlebte und man den Finanzplatz Deutschland für ausländische Investoren interessant gestalten wollte, gab man jeglichen Ordnungsrahmen für Finanzmärkte leichtfertig auf. Mit erheblichen Folgen, wie es sich in der Finanzmarktkrise 2007 gezeigt hat.

Mein Ursprung in der Schüssel

Sehr früh in meiner Kindheit begann meine Liaison mit der Literatur. Bücher waren immer Teil meines Lebens. Kaum hatte das ich Lesen erlernt, wollte ich nicht nur einzelne Geschichte lesen, sondern mich durch die ganze Schwarte kämpfen. Ich lag in meinem Bett, den Kopf auf der Bettkante, das Buch auf dem Boden. Angenehm auf den Bauch liegend habe ich mich in den Geschichten verloren. Zur gleichen Zeit hat sich bei mir auch ein starker Hang zum Träumen entwickelt. Ich habe mir vor dem Einschlafen, meine eigene Parallelwelt in meinen Gedanken geschaffen und bin dabei friedlich eingeschlafen. Die Bücher waren meine Tagträume. Beim Lesen konnte ich alle meine Ängste von mir wegschieben und ich habe verdammt viel Angst vor vielen Dingen gehabt. Das ist mein Ursprung in der Schüssel. Ich lebte in ständiger Furcht vor Katastrophen. Ich könnte es auf meine Erziehung schieben. Meine Mutter neigte zum überdramatisieren und mein Vater war ein absoluter Pessimist. Vieles, was für meine Altersgenossen ganz normal war, wurde mir mit dem Hinweis verwehrt, es könne mir etwas schlimmes passieren. Die Herkunft meiner Ängste zu ergründen, führt in die tiefsten Schichten meines Wesens und ich könnte damit einen eigenen Blog füllen. Ich kann mich nur erinnern, dass ich als Dreijähriger in einem Kirmesflieger saß, der für mein Alter mehr als geeignet war, in dem kleinen Flieger aufstand und wie am Spieß geschrien habe, dass ich sofort runter wolle. Meine Mutter hat immer voller Stolz erzählt, dass ich der einzige Junge gewesen sei, der so ängstlich reagiert habe.    Meine Eltern schienen übertriebene Furcht für einen besonders wertvollen Charakterzug zu halten. Was dazu geführt hat, dass ich viele Jahre sehr gehemmt und eingeschüchtert gelebt habe und ich erst mit Mitte dreißig verstanden habe, dass mir die Welt offen steht. Aber auch das ist eine andere Geschichte. Auf jeden Fall war die Weltenflucht in erfundene Geschichten meine einzige Rettung. Ich wollte selbst schreiben und Geschichten erzählen. Als Achtjähriger habe ich ein Deutschheft mit einer Agentengeschichte geschrieben, die sich an einen Fernsehfilm anlehnte, der am Abend vorher lief. Der Film muss mich so in seinen Bann gezogen haben, dass ich unbedingt eine ähnliche Geschichte schreiben wollte. Irgendwelche Spielzeugautos, Legofiguren, Sandkastenbaustellen habe ich mit einer selbst erzählten Geschichte versehen. Ich habe im Sandkasten Städte gebaut, Dynastien errichtet und wieder vernichtet, wieder aufgebaut und dabei habe ich sehr zum Leid meiner Umwelt laut berichtet, was in der Stadt alles passiert sei. Ab der vierten Klasse habe ich angefangen dicke Romane zu wälzen. Es gab einen Autor dessen Bücher mich damals süchtig gemacht haben und dessen große Romane damals total angesagt waren. Michael Ende hat mit „Momo“ gezeigt, dass man Kinderbücher nicht nur spannend erzählen kann, sondern auch einen hohen literarischen Anspruch damit verbinden kann. Ich war elf, als die „unendliche Geschichte veröffentlicht“ wurde und ich habe dieses Buch verschlungen. Danach konzentrierte ich auf die gewaltigen Werke ab fünfhundert Seiten, die meine Altersgenossen nach zehn Seiten weggelegt hätten. Diese dicken Schinken fand ich in dem Bücherschrank meiner Eltern, die alle aus dem Bertelsmann Buchclub stammen. Aber Bertelsmann hat ja zum Glück nicht nur die Trivialschinken von Simmel, M.L. Fischer, Willi Heinrich und Uta Danella, sondern auch die Klassiker der Weltliteratur verlegt. Und seltsamerweise hatten meine Eltern „Schuld und Sühne“ im Schrank stehen. Mit Dostojewski fing meine Reise in die Philosophie an. „Schuld und Sühne“ hat mich fasziniert, weil so viele grundsätzliche Themen in eine packende Geschichte gepackt wurden und mich zum Nachdenken angeregt haben. Mittlerweile war ich vierzehn oder fünfzehn und ich hatte einen Deutschlehrer, der ein absoluter Literaturfreak war. Ein großer ungewaschener Kerl mit langen Haaren und Hippiebart, der uns offenbarte, dass er jedes Wochenende zwei Bücher las. Ich war inspiriert und obwohl ich bei ihm nie über eine drei minus hinauskam, hat der Mann wie ein Katalysator auf meine Lesewut gewirkt. Ich fing an, Brecht zu lesen, dann alles von Max Frisch und irgendwann las ich Sarte „Die Kindheit eines Chefs“ und dann Camus „der Fremde“ und dann war ich bei der Philosophie angelangt. Inzwischen machte ich Abitur und eigentlich wusste ich nicht, welchen Beruf ich ergreifen sollte. Ich hatte eine Zeit lang mit einem Studium der angewandten Theaterwissenschaften und Germanistik geliebäugelt. Schließlich hatte ich meine ersten Theaterstücke und Kurzgeschichten, sogar meinen ersten Roman geschrieben. Meine damaligen Werke waren völlig unbeholfen und ohne jegliche Struktur, aber ich schrieb. Und dann kam meine Angst in Quere. Meine Literaturwut gab mir zwar die Möglichkeit vor meinen Ängsten zu flüchten. Allerdings habe ich sie nicht bekämpft. Die Weltenflucht gab mir die Möglichkeit mich zu verkriechen, ohne an meiner Persönlichkeit oder meinem Selbstbewusstsein zu arbeiten. Also verließ mich der Mut und ich begann, sehr zur Freude meiner ängstlichen Eltern, eine Berufsausbildung bei der Sparkasse, also ein sicherer und krisenfeste Stelle im öffentlichen Dienst. Ich arbeite in dem Beruf erfolgreich und ich bestreite damit meinen Lebensunterhalt. Mittlerweile hängt mein Herz daran. Aber hätte ich damals anstatt mich in die Literatur zu flüchten, an mir gearbeitet, mir Mut angeeignet und wäre meinem Herz, meinen Bedürfnissen, anstatt meiner Angst gefolgt, sähe mein Leben heute vollkommen anders aus. Ich habe in meinem bürgerlichen Beruf viel über mich gelernt und habe mich als Person sehr stark weiter entwickelt. Vielleicht wäre ich, hätte ich das Studium angefangen, schnell gescheitert, weil ich aus meiner Persönlichkeit heraus keine eigene Kreativität hätte entwickeln können. Insofern bin ich mit mir im Reinen. Über Jahre hat sich natürlich meine Herangehensweise an das Schreiben stark verändert. Ich erlebe das Schreiben nicht als Weltenflucht. Ich stehe mitten im Leben, übernehme meine Verantwortung für mich und meine Familie und habe die meisten meiner Ängste überwunden. Ich fahre immer noch nicht gerne mit Karussellen jeglicher Art und ab und zu kommt mir meine Höhenangst in die Quere. Mein Anliegen Geschichten zu erzählen, hat sich in den letzten Jahren nicht verändert. Ich betrachte die Welt, sehe viele offene Fragen, gesellschaftliche Entwicklungen und nutze sie, um sie in meinen Geschichten zu reflektieren. Ich bin da bei mir und der Gegenwart geblieben. Ich kann nichts beschreiben was vollkommen aus meiner Welt ist und das nicht im weitesten Sinne im meinem Erfahrungsbereich liegt. Geschichten über Elfen und Trolle, Vampire und Serienkiller sind mir zuwider. Trotzdem liebe ich die Abstraktion. Man soll sich beim Lesen nicht die Fragen stellen, ob ich vielleicht nur meine Erlebnisse wiedergebe. Ich schreibe nicht autobiographisch, dafür ist mein Leben wieder zu langweilig. Außerdem habe ich eine Neigung zur zynischen Verfremdung. In den letzten Jahren habe ich eine zierliche Begeisterung für David Foster Wallace und Thomas Pynchon entwickelt. Ich glaube dass in meinem Stil leichte Anklänge von ihnen zu finden sind, ohne dass ich mich ausgiebig mit ihnen auseinander gesetzt habe. Für die Etikette auf ihrer Schublade dürfen sie sich mit dem Begriff postmoderner Realismus begnügen. Mit mehr kann ich nicht dienen und wahrscheinlich fällt gleich die Literaturpolizei über mich her und nimmt mich fest. Ich habe gehört, dass Pynchon-Experten sehr militant auftreten können.