Judith Hermann – Aller Liebe Anfang und die Metaebene Teil 1

Judith Hermann treibt die Melancholie in ihren Geschichten vor sich her. Sie ist zwar spürbar und greifbar, allerdings manifestiert sie sich meist nur in der Darstellung des lakonischen Nichthandelns ihrer Figuren, deren Geschichten sich zum Guten wenden könnten, wenn sie doch einfach endlich mal handeln, anstatt zu verharren. Das Glück hinter dem Handeln ist das ewige Versprechen ihrer Geschichten und die Möglichkeit wird zelebriert, bis der Leser entweder eingelullt wird oder vollkommen aggressiv auf den Text reagiert. Leider ist sie für mich eine Autorin, die kaum erträglich ist, weil sie keine Allerweltsliteratur schreiben möchte und sprachlich einem Dilettanten wie mir haushoch überlegen ist. Ihre Sätze ufern nicht ins Endlose aus und die Kraft ihrer Sprache findet sich in Sätzen, deren Inhalt Frau Hermann filetiert wie einen saftigen Schweinebraten. Ich sehe vor meinem geistigen Auge wie sie beim Schreiben das überschüssige Fett von ihren mageren Satzgefügen trennt, wie der Metzger das Fett vom mageren Schnitzel. Da ein Hieb und dort ein Schnitt und übrig bleiben drei maximal fünf Worte, vielleicht gönnt sie sich noch einen Nebensatz.

Auf den ersten Blick könnte man sogar Parallelen zwischen Sartre und Hermann benennen. Der Grundsound der Melancholie, die kurzen Sätze, die alles beinhalten was gesagt werden muss und nicht mehr. Wahrscheinlich haben beide eine Vorliebe für Hemingway, der nun mal als Urvater der modernen coolen Literatur es sich herausgenommen hat, sich an der grammatikalischen Grundformel Subjekt, Prädikat und Objekt fest zu beißen. Trotzdem hat er Texte mit großer Strahlkraft geschrieben. Aber dann endet die Gemeinsamkeit und bei genauerer Überlegung merkt man, dass Sartre aus einer Zeit stammt, als es um mehr ging, als das Abrutschen des Wohlstandskindes von einem Wohlstand in den anderen. Und das ist das Problem an Judith Hermann. Ihre guten Absichten werden zerstört, weil sie für ihre Generation schreibt, die Generation der jetzt dreißig- bis vierzigjährigen, die irgendwie immer unglücklich sind, weil sie ja viel mehr aus ihrem Leben hätten machen können, aber nie gehandelt haben, um ihrem Glück Beine zu machen. Ich gebe es unumwunden zu: Ich gehöre zu denen, die aggressiv beim Lesen werden. Eine Journalistin im Spiegel Kultur hat es letztens in ihrer überschwänglichen Kritik zu „Aller Liebe Anfang“ auf die Geschlechterebene gezogen. Frauen mögen Frau Hermann, Männer hassen sie. Ein klarer Verstoß gegen das AGG und mal davon abgesehen meines Erachtens nicht stimmig. Frau Hermann schreibt keine Frauenliteratur, die Männer auf die Palme bringt, weil Männer dabei schlecht wegkommen. Jeder hat einen individuellen Grund, warum man Literatur mag oder nicht und solange die Autorin der Rezension im Sinne der Falsifikation nicht erst einmal alle Männer dieser Welt das Buch hat lesen lassen und alle Männer allergisch auf Frau Hermann reagieren, bleibt ihre Annahme reine Polemik und genau auf diesen Terrain möchte ich mich nicht bewegen.

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Jean Paul Sartre – Der Ekel und die Metaebene Teil 3

Also kann man behaupten: Wäre der Ekel nur der Roman über die Depression eines Einzelnen und nicht die Beschreibung eines gesellschaftlichen Zustandes in der ein Einzelner hineingeworfen wurde, könnte man es zu recht ein langweiliges und schlechtes Buch nennen. Und letztendlich macht Sartre an Roquentin alles fest, was seine Philosophie ausmacht Nehmen wir folgende Textstelle:“Also, ich war gerade im Park. Die Wurzel des Kastanienbaums bohrte sich in die Erde, genau unter meiner Bank. Ich erinnerte mich nicht mehr, dass das eine Wurzel war. Die Wörter waren verschwunden und mit ihnen die Bedeutung der Dinge, ihre Verwendungsweisen, die schwachen Markierungen, die die Menschen auf ihren Oberflächen eingezeichnet haben. Ich saß da, etwas krumm, den Kopf gesenkt, allein dieser schwarzen und knotigen, ganz und gar rohen Masse gegenüber, die mir angst machte. Und dann habe ich diese Erleuchtung gehabt.

Das hat mir den Atem geraubt. Nie, vor diesen letzten Tagen, hatte ich geahnt, was das heißt: „existieren“. Ich war wie die anderen, wie jene, die am Meer entlangspazieren, in ihrer Frühjahrsgaderobe. Ich sagte wie sie:“Das Meer ist grün; dieser weiße Punkt da oben, das ist eine Möwe“, aber ich fühlte nicht, dass das existierte, dass die Möwe eine „existierende Möwe“ war; gewöhnlich verbirgt sich die Existenz. Sie ist da, um uns, in uns, sie ist wir, man kann keine zwei Worte sagen, ohne von ihr zu sprechen, und, letzten Endes, berührt man sie nicht. Wenn ich glaubte zu denken, dachte ich im Grunde gar nichts, mein Kopf war leer, oder ich hatte gerade nur ein Wort im Kopf, das Wort „sein“. Oder aber ich dachte…wie soll ich sagen? Ich dachte die Zugehörigkeit, ich sagte mir, dass das Meer zur Klasse der grünen Gegenstände gehörte oder Grün eine der Eigenschaften des Meeres war. Sogar wenn ich die Dinge ansah, war ich meilenweit davon entfern, daran zu denken, dass sie existierten: Sie waren für mich nur Dekor. Ich nahm sie in meine Hände, sie dienten mir als Werkzeuge, ich sah ihre Widerstände voraus. Aber das alles spielte sich an der Oberfläche ab. Wenn man mich gefragt hätte, was die Existenz sei, hätte ich im guten Glauben geantwortet, dass das nichts sei, nichts weiter als eine leere Form, die von außen zu den Dingen hinzuträte, ohne etwas an ihrer Natur zu ändern. Und dann plötzlich: auf einmal war es da, es war klar wie das Licht: Die Existenz hatte sich plötzlich enthüllt. Sie hatte ihre Harmlosigkeit einer abstrakten Kategorie verloren: sie war der eigentliche Teig der Dinge, diese Wurzel war in Existenz eingeknetet. Oder vielmehr, die Wurzel, das Gitter des Parks, die Bank, das spärliche Gras des Rasens, das alles war entschwunden; die Vielfalt der Dinge, ihre Individualität waren nur Schein, Firnis. Dieser Firnis war geschmolzen, zurück blieben monströse und wabbelige Massen, ungeordnet – nackt, von einer erschreckenden und obszönen Nacktheit.“

Hier hat Sartre einen wichtigen Aspekt seiner Philsophie anhand eines Parkbesuches des Herrn Roquentin näher beleuchtet und den Helden seiner Romanes einer Erleuchtung zugeführt, die fast in so etwas wie eine von halluzinierenden Drogen verursachten Höllentrip endet, weil sich die Existenz, das allgegenwärtige Monster, als wabbelige Masse oder Teig, die alles umgibt, nackt und eklig, sich ihm enthüllt. Das Bewusstsein kann niemals identisch mit den Dingen sein. Aus der Sicht eines Menschens, der in den Himmel blickt und denkt, kann das Sein kann sich nur in der Erscheinung andeuten, so bleiben das grüne Meer und die Möwe nur Umschreibungen. Weil er als Für-Sich existiert, aber in Distanz zum Sein lebt, bleibt seine Horizont begrenzt. Diese Spannung zwischen Bewusstsein und Sein bestimmt die grundsätzliche Welterfahrung des Menschen. Am Ende steht die Erkenntnis, dass alles von Zufall getragen ist und der Mensch sich auf nichts anderes verlassen kann, als seine Freiheit, zu der er verurteilt ist, weil es keinen großen Plan gibt, mit dem er seine Handlungen rechtfertigen kann. Er muss in seiner kleinen von willkürlichen Regeln begrenzten Welt Entscheidungen treffen, deren Konsequenz er gar nicht abschätzen kann. Er sollte nicht versuchen, in Untätigkeit zu verharren. Roquentin Anstrengungen sich in der Einöde zu verbergen gehen gründlich schief. Er scheitert an seiner Existenz, weil er nicht handelt. Er ist der Bürger, der Ordnung und Halt sucht und spüren muss, dass es keine Ordnung gibt. Und am Schluss trifft er eine Entscheidung. Für mich das Fazit des Romans und der Sartreschen Philosophie und damit eine Metaebene, die sich wie ein roter Faden durch die melancholische Ansicht einer französischen Hafenstadt

Jean-Paul Sartre – Der Ekel und die Metaebene Teil 2

Und so geht es die nächsten hundertundachtzig Seiten weiter. Roquentin, ein unsteter Historiker, der sich nach vielen Reisen in die miefige Hafenstadt Bouville geflüchtet hat, um ein Buch über Monsieur Rollebon zu schreiben, der zu Zeiten eines Ludwigs im achtzehnten Jahrhundert als Hofschranze sein Unwesen trieb, beschreibt aus seinem Innersten heraus seine Welt und sein Verhältnis zu ihr und verzweifelt an seinen eigenen Widersprüchen. Es herrscht depressive Melancholie. Allen beschriebenen Personen haftet ein Missvergnügen an. Er beschreibt Personen wie Lucie, die Putzfrau, die die Ehe mit ihrem Mann, einem Alkoholiker, nur erträgt, wie den Autodidakten, über dessen unumstößlichen Humanismus er sich lustig macht und der einen verhängnisvollen Hang zu kleinen Jungs hat, oder Anny, seine vermeintlich große Liebe, deren Leidenschaft für ihn sich in Gefühlskälte verwandelt hat und die ihn beim Wiedersehenstreffen abblitzen lässt. Er geht durch die Ahnenhalle des Ortes und betrachtet die Portraits der lokalen Persönlichkeiten und stellt fest, dass sie nur ihre Pflicht erfüllt haben und daraus ein Recht auf Herrschaft abgeleitet haben. Es gibt keine Mitmenschlichkeit, keine Empathie, nur Gestalten, die seelisch verkrüppelt durch ihre Existenz humpeln. Verkürzte man das Buch darauf, ginge es um einen Misanthropen, der tausend Beweise für die Schlechtigkeit der Menschheit findet und sich in seiner Depression daran ergötzt. Jetzt kommt die Metaebene ins Spiel. Der Titel des Buches war ursprünglich „Melancholia“ und der ganze Hintergrund erinnerte an Dostojewski. Menschen, die sich an ihrem sinnlosen Leben abarbeiten und zum Scheitern verurteilt sind. Der Verleger schlug den Titel „der Ekel“ vor und hatte damit den richtigen Riecher. Der ursprüngliche Titel deutet darauf hin, dass Sartre sich von seiner eigenen Lebenserfahrung bei der Titelsuche hat überrumpeln lassen. Er war Lehrer in einer Hafenstadt und dort völlig fehl am Platz. Er schlug sich deswegen mit heftigen Depressionen herum. Nichts lag ihm ferner, als seine eigene missliche Lage in den Mittelpunkt eines autobiographischen Romanes zu stellen. Er konnte allerdings sehr genau an die eigene Situation anknüpfen, um seine philosophische Grundidee zu verdeutlichen. Sartre war in erster Linie Philosoph und alle seine literarischen Werke dienten seiner Philosophie. Und er war mehr Philosoph als die meisten seiner Zeitgenossen und Weggefährten und Vertreter der sogenannten Existenzphilsophie, die meines Erachtens zu recht immer als Etikett für eine Denkschule war, derer man ansonsten ihrer Vielfältigkeit nicht habhaft wurde. Zwei Beispiele fallen mir dafür ein: Camus war mehr Literat, seine philosophischen Werke sind voller Prosa und weniger bestrebt einer akademischen Philosophie gerecht zu werden. Bergson schien mehr Philosoph zu sein, allerdings haben seine Texte oft eine beinahe esoterische Note. Seine Lebensphilosophie berührte nicht immer die Inhalte der damaligen akademischen Philosophie. Sogar sein Adept Merlau-Ponty, der genauso wie Sartre sich auf Husserl bezog und der seinen Erfolge fast nur im akademischen Bereich der Philosophie hatte, schrieb politische Texte. Zuletzt sei Simone de Beauvoir genannt, die Romanes schrieb, die philosophische Themen aufgriffen (z.B. das Blut der Anderen), sich dennoch in autobiographischen Texten oder politische und feministische Manifeste (das zweite Geschlecht) verlor. Ein ernsthaft theoretisches Philosophiewerk ließ sie vermissen. Es war damals en Vogue mehr engagierter Literat als Philosoph sein zu wollen. Man wollte sein Wissen nicht nutzen, um vollkommen vergeistigt an der gesellschaftlichen Realität vorbei zu denken, sondern gesellschaftliche Missstände benennen und zu deren Behebung beitragen. Man mischte sich ein und letztendlich gelang die Veränderung. Mit Mitteln der Philosophie veränderte man das politische Denken einer ganzen Epoche. (s. z.B. Mai-Unruhen 1968 in Frankreich, die das Ende der De-Gaulle-Ära besiegelte).

Jean-Paul Sartre – der Ekel und die Metaebene Teil 1

Der Ekel von Jean Paul Satre ist für mich ein gelungenes Beispiel einer Geschichte, die von der Metaebene getragen wird. Der Text atmet die philosophischen Anliegen des Schriftstellers Sartre. Er nutzt das fiktive Tagebuch des Historikers Antoine Roquentin, um seinen Thesen Leben einzuhauchen, sie in eine Geschichte hinein zu weben, ohne den Leser zu belehren zu wollen. Als ich mit ungefähr achtzehn Jahren das Buch zum ersten Mal gelesen habe, hat es mich aus den Socken gehauen. Sartres schonungslose Sprache, seine poetischen Ansagen, die dem Leser keine Ausflucht und keine Chance lassen, um ihn mißzuverstehen, haben mich meine Philosophie finden lassen. Ich habe mich wieder gefunden, in der vagen Wahrnehmung einer Empfindung, die auf das Wesentliche in uns verweist. Den Zwiespalt zwischen uns und unserer Umgebung, die andauernde Differenz, zwischen mir, meiner selbst, den anderen und den Dingen konnte ich in den Ausführungen des Herrn Roquentin wiederfinden und wusste, dass diese Empfindung zu denken und zu benennen war, ja sogar in eine Lebensweise eingefügt werden konnte und mir die Chance gab, in Einklang mit mir und meinem Leben zu sein.

Das Buch fängt mit einer verzweifelten Selbstschau an. Monsieur Roquentin will einen Kieselstein über das Wasser hüpfen lassen und in diesem Moment überfällt ihn eine Empfindung, die er nicht versteht und ihn aus der Bahn wirft. Auf der übernächsten Seite löst sich die Empfindung in der Erinnerung zu einer Nichtigkeit auf und Roquentin kann sich selbst beruhigen. Hier ist das Buch ist schon zu Ende? Nein, die wirkliche Geschichte beginnt erst!

Am Montag, den 25.1.1932 wird er konkreter. Die Dinge um ihn herum, alles was er anfasst, bekommt eine neue Bedeutung. Der Andere, der Autodidakt wird zum Fremden. Alles scheinbar vertraute, wird in Frage gestellt. Eine Veränderung, deren Herkunft er nicht bestimmen kann und dann drei Worte als Verweis: Man muss wählen. Der Satz verwirrt. Roquentin stellt nicht fest, ich muss wählen, sondern man muss wählen. Es bleibt einem nichts anderes übrig, die Verwirrung verweist auf den zweifelhaften Zustand der Freiheit hin, die erst einmal im ungefähren des Heideggerschen Man bleibt.

Fortsetzung  folgt….

Metaebene

Jede Geschichte sollte ihren Anstoß finden, in dem man eine Grundaussage zum Ziel der Geschichte trifft. Eine Metaebene der Geschichte ist absolut wichtig, um mittels einem Überbau dem Text eine Bedeutung und einen roten Faden zu geben. Ansonsten wirken Texte wie lieblos zusammen geschusterte literarische Ergüsse. Das sich im Laufe des Schreibprozesses die Schwerpunkte verschieben und andere Titel, Thesen und Temperamente sich zu der ursprünglichen Grundaussage hinzugesellen versteht sich von selbst und trotzdem sollte man den Ursprung und Grundaussage der Geschichte niemals aus dem Blick verlieren. Leider kommt das oft vor und am Ende des Tages, wenn alles zusammengerechnet und wieder abgezogen wird, bleibt oft ein dummer Rest übrig, der sogar der Grundaussage widersprechen kann. Deswegen sollten manche Autoren lieber zweimal nachdenken, bevor sie weiterschreiben und nur literarischen Auswurf fabrizieren.

Die Metaebene ist zuerst ein tendenziöser Schlag ins Kontor der Befindlichkeiten. Ich wage mich hervor und gehe damit ein Risiko ein. Hier offenbart sich die Gesinnung des Autors, sein Sendungsbewusstsein, das ihn um seine Reputation bringen kann. Vielleicht liege ich schon hier daneben und gebe mein Werk der Lächerlichkeit preis. Die guten Autoren, die echten Schriftsteller, sind an dieser Stelle den billigen Massenschreiberlingen haushoch überlegen. Sie bieten echte Angriffs- und Indentifikationsflächen, je nach Gesinnung des Lesers. Die schlechten Autoren sind schon in diesem frühen Stadium an ihrer Oberflächlichkeit gescheitert und können den Leser höchstens noch unterhalten. Ich kann mich noch erinnern, dass Schriftsteller vor ca. dreißig Jahren bei jeder Gelegenheit an ihrer Grundaussage gemessen wurden und ständig die Frage gestellt bekamen, welche Absicht sie mit ihrem Buch verfolgten. Schriftsteller verwiesen den Frager auf ihr Buch, das sich selbst erklärt und ließen den Frager gegen die Wand prallen. Die Unterhaltungsschreiber fingen an, ihr Buch selbst zu interpretieren. Die Metaebene muss sich selbst erklären, sich auf jeder Seite des Textes offenbaren und sogar den beschränktesten Leser auf die richtige Spur bringen. Der eine wird sich damit voll und ganz identifizieren und der andere wird es verärgert zur Seite legen. Dann hat der Autor alles richtig gemacht. Erst wenn er versucht, jedem Leser und Kritiker mit hübschen Banalitäten einen Gefallen zu erweisen, wird seine Unfähigkeit deutlich. Die Quintessenz der Metaebene heißt also, Risiko lohnt sich. Ich stehe außerhalb, mein Denken wird deutlich, man soll sich daran reiben und im besten Falle sich damit identifizieren. Allerdings: Ein Buch verändert selten die Welt und die Menschen, aber: es kann Pflöcke in das Herz der Finsternis schlagen und dafür sorgen, dass sich in möglichst vielen Hirnwindungen der Leser etwas hängen bleibt.

Mein Ursprung in der Schüssel

Sehr früh in meiner Kindheit begann meine Liaison mit der Literatur. Bücher waren immer Teil meines Lebens. Kaum hatte das ich Lesen erlernt, wollte ich nicht nur einzelne Geschichte lesen, sondern mich durch die ganze Schwarte kämpfen. Ich lag in meinem Bett, den Kopf auf der Bettkante, das Buch auf dem Boden. Angenehm auf den Bauch liegend habe ich mich in den Geschichten verloren. Zur gleichen Zeit hat sich bei mir auch ein starker Hang zum Träumen entwickelt. Ich habe mir vor dem Einschlafen, meine eigene Parallelwelt in meinen Gedanken geschaffen und bin dabei friedlich eingeschlafen. Die Bücher waren meine Tagträume. Beim Lesen konnte ich alle meine Ängste von mir wegschieben und ich habe verdammt viel Angst vor vielen Dingen gehabt. Das ist mein Ursprung in der Schüssel. Ich lebte in ständiger Furcht vor Katastrophen. Ich könnte es auf meine Erziehung schieben. Meine Mutter neigte zum überdramatisieren und mein Vater war ein absoluter Pessimist. Vieles, was für meine Altersgenossen ganz normal war, wurde mir mit dem Hinweis verwehrt, es könne mir etwas schlimmes passieren. Die Herkunft meiner Ängste zu ergründen, führt in die tiefsten Schichten meines Wesens und ich könnte damit einen eigenen Blog füllen. Ich kann mich nur erinnern, dass ich als Dreijähriger in einem Kirmesflieger saß, der für mein Alter mehr als geeignet war, in dem kleinen Flieger aufstand und wie am Spieß geschrien habe, dass ich sofort runter wolle. Meine Mutter hat immer voller Stolz erzählt, dass ich der einzige Junge gewesen sei, der so ängstlich reagiert habe.    Meine Eltern schienen übertriebene Furcht für einen besonders wertvollen Charakterzug zu halten. Was dazu geführt hat, dass ich viele Jahre sehr gehemmt und eingeschüchtert gelebt habe und ich erst mit Mitte dreißig verstanden habe, dass mir die Welt offen steht. Aber auch das ist eine andere Geschichte. Auf jeden Fall war die Weltenflucht in erfundene Geschichten meine einzige Rettung. Ich wollte selbst schreiben und Geschichten erzählen. Als Achtjähriger habe ich ein Deutschheft mit einer Agentengeschichte geschrieben, die sich an einen Fernsehfilm anlehnte, der am Abend vorher lief. Der Film muss mich so in seinen Bann gezogen haben, dass ich unbedingt eine ähnliche Geschichte schreiben wollte. Irgendwelche Spielzeugautos, Legofiguren, Sandkastenbaustellen habe ich mit einer selbst erzählten Geschichte versehen. Ich habe im Sandkasten Städte gebaut, Dynastien errichtet und wieder vernichtet, wieder aufgebaut und dabei habe ich sehr zum Leid meiner Umwelt laut berichtet, was in der Stadt alles passiert sei. Ab der vierten Klasse habe ich angefangen dicke Romane zu wälzen. Es gab einen Autor dessen Bücher mich damals süchtig gemacht haben und dessen große Romane damals total angesagt waren. Michael Ende hat mit „Momo“ gezeigt, dass man Kinderbücher nicht nur spannend erzählen kann, sondern auch einen hohen literarischen Anspruch damit verbinden kann. Ich war elf, als die „unendliche Geschichte veröffentlicht“ wurde und ich habe dieses Buch verschlungen. Danach konzentrierte ich auf die gewaltigen Werke ab fünfhundert Seiten, die meine Altersgenossen nach zehn Seiten weggelegt hätten. Diese dicken Schinken fand ich in dem Bücherschrank meiner Eltern, die alle aus dem Bertelsmann Buchclub stammen. Aber Bertelsmann hat ja zum Glück nicht nur die Trivialschinken von Simmel, M.L. Fischer, Willi Heinrich und Uta Danella, sondern auch die Klassiker der Weltliteratur verlegt. Und seltsamerweise hatten meine Eltern „Schuld und Sühne“ im Schrank stehen. Mit Dostojewski fing meine Reise in die Philosophie an. „Schuld und Sühne“ hat mich fasziniert, weil so viele grundsätzliche Themen in eine packende Geschichte gepackt wurden und mich zum Nachdenken angeregt haben. Mittlerweile war ich vierzehn oder fünfzehn und ich hatte einen Deutschlehrer, der ein absoluter Literaturfreak war. Ein großer ungewaschener Kerl mit langen Haaren und Hippiebart, der uns offenbarte, dass er jedes Wochenende zwei Bücher las. Ich war inspiriert und obwohl ich bei ihm nie über eine drei minus hinauskam, hat der Mann wie ein Katalysator auf meine Lesewut gewirkt. Ich fing an, Brecht zu lesen, dann alles von Max Frisch und irgendwann las ich Sarte „Die Kindheit eines Chefs“ und dann Camus „der Fremde“ und dann war ich bei der Philosophie angelangt. Inzwischen machte ich Abitur und eigentlich wusste ich nicht, welchen Beruf ich ergreifen sollte. Ich hatte eine Zeit lang mit einem Studium der angewandten Theaterwissenschaften und Germanistik geliebäugelt. Schließlich hatte ich meine ersten Theaterstücke und Kurzgeschichten, sogar meinen ersten Roman geschrieben. Meine damaligen Werke waren völlig unbeholfen und ohne jegliche Struktur, aber ich schrieb. Und dann kam meine Angst in Quere. Meine Literaturwut gab mir zwar die Möglichkeit vor meinen Ängsten zu flüchten. Allerdings habe ich sie nicht bekämpft. Die Weltenflucht gab mir die Möglichkeit mich zu verkriechen, ohne an meiner Persönlichkeit oder meinem Selbstbewusstsein zu arbeiten. Also verließ mich der Mut und ich begann, sehr zur Freude meiner ängstlichen Eltern, eine Berufsausbildung bei der Sparkasse, also ein sicherer und krisenfeste Stelle im öffentlichen Dienst. Ich arbeite in dem Beruf erfolgreich und ich bestreite damit meinen Lebensunterhalt. Mittlerweile hängt mein Herz daran. Aber hätte ich damals anstatt mich in die Literatur zu flüchten, an mir gearbeitet, mir Mut angeeignet und wäre meinem Herz, meinen Bedürfnissen, anstatt meiner Angst gefolgt, sähe mein Leben heute vollkommen anders aus. Ich habe in meinem bürgerlichen Beruf viel über mich gelernt und habe mich als Person sehr stark weiter entwickelt. Vielleicht wäre ich, hätte ich das Studium angefangen, schnell gescheitert, weil ich aus meiner Persönlichkeit heraus keine eigene Kreativität hätte entwickeln können. Insofern bin ich mit mir im Reinen. Über Jahre hat sich natürlich meine Herangehensweise an das Schreiben stark verändert. Ich erlebe das Schreiben nicht als Weltenflucht. Ich stehe mitten im Leben, übernehme meine Verantwortung für mich und meine Familie und habe die meisten meiner Ängste überwunden. Ich fahre immer noch nicht gerne mit Karussellen jeglicher Art und ab und zu kommt mir meine Höhenangst in die Quere. Mein Anliegen Geschichten zu erzählen, hat sich in den letzten Jahren nicht verändert. Ich betrachte die Welt, sehe viele offene Fragen, gesellschaftliche Entwicklungen und nutze sie, um sie in meinen Geschichten zu reflektieren. Ich bin da bei mir und der Gegenwart geblieben. Ich kann nichts beschreiben was vollkommen aus meiner Welt ist und das nicht im weitesten Sinne im meinem Erfahrungsbereich liegt. Geschichten über Elfen und Trolle, Vampire und Serienkiller sind mir zuwider. Trotzdem liebe ich die Abstraktion. Man soll sich beim Lesen nicht die Fragen stellen, ob ich vielleicht nur meine Erlebnisse wiedergebe. Ich schreibe nicht autobiographisch, dafür ist mein Leben wieder zu langweilig. Außerdem habe ich eine Neigung zur zynischen Verfremdung. In den letzten Jahren habe ich eine zierliche Begeisterung für David Foster Wallace und Thomas Pynchon entwickelt. Ich glaube dass in meinem Stil leichte Anklänge von ihnen zu finden sind, ohne dass ich mich ausgiebig mit ihnen auseinander gesetzt habe. Für die Etikette auf ihrer Schublade dürfen sie sich mit dem Begriff postmoderner Realismus begnügen. Mit mehr kann ich nicht dienen und wahrscheinlich fällt gleich die Literaturpolizei über mich her und nimmt mich fest. Ich habe gehört, dass Pynchon-Experten sehr militant auftreten können.

Ursprung in der Schüssel

Schriftsteller haben einen gewaltigen Sprung in der Schüssel. Generell ohne Ausnahme sind ernsthafte Autoren keine Menschen, die in geordnete Denkbahnen um ihren Gehirnplaneten kreisen. Irgendwie sind sie alle als Kind auf ihren Kopf gefallen und haben auch nach Jahrzehnten noch gewaltige Phantomschmerzen. Sie sind sie nicht heile zu machen und im schlimmsten Falle kultivieren sie noch ihren Sprung in der Schüssel. Auch Wohlstand, Anerkennung und Nobelpreise reichen nicht aus, um die Scherben ihres Daseins zusammen zu kitten. Melancholie, Agonie, Neurosen und ein ständig verzweifeltes Seufzen und Ächzen zeichnen das Gemütsbefinden eines Schriftstellers aus. Viele Autoren kompensieren ihren Sprung in dem sie Sendungsbewusstsein entwickeln. Man hat eine Message und möchte in seinen Texten darauf hinweisen, wie die Welt funktioniert und meistens funktioniert sie nicht. Sie gerieren sich als schlechtes Gewissen der Menschheit und betreiben Selbsttherapie indem sie ständig Weisheiten aussondern, die zwar gehört werden, aber nicht wirklich dazu führen, dass sich etwas ändert.

Einleitung

Die Fähigkeit Geschichten zu erzählen, gehört zu den erstaunlichsten Ausdrucksformen des menschlichen Geistes. Scheinbar aus dem Nichts entstehen Personen, Orte, Geschehnisse, die sich im Rahmen einer willkürlich gewählten Ästhetik zu einem eigenen Kosmos zusammenfügen.

Wie vieles, was uns umgibt, scheint die Fülle unserer Einfälle schier unendlich zu sein. Tausende Spielarten und Variationen ermöglichen ein praktisch jederzeit in jeder Ausprägung verfügbares Gut, das wenn es als Ware verstanden wird, seinen individuellen Wert rasch verliert.

Der Autor fabriziert, der Verleger bringt die Ware vom Produzenten zum Leser und der Leser konsumiert, die eine Hand am Buch, die andere Hand in der Chipstüte. Auf dem Weg vom Schreiber zum Leser geht der gute Geschmack, die Leidenschaft und das Herz der Geschichte verloren. Der Autor brennt nicht mehr für seine Geschichte, die er erzählen möchte, sondern schreibt sie, um den unstillbaren Hunger nach leicht verdaulicher Ware zu befriedigen. Eines sollte ich klarstellen: Ich liebe verlegte Bücher und hätte es nie einen mutigen Menschen gegeben, der meinen Lieblingsautoren vervielfältigt hätte, wäre ich heute ein armer Tropf und ich lese durchaus auch Autoren, die noch am Leben sind und halte mich nicht nur an die Toten.

Trotzdem wird seit Jahren Literatur, genauso wie viele andere kulturelle Ausdrucksformen, einer marktwirtschaftlichen Normierung unterworfen. Literatur passt sich dem Markt an. Man schafft Bedürfnisse, die nur durch gewisse Arten von Literatur gestillt werden können. Es gibt anscheinende immer mehr Literatur. Irgendwie können alle schreiben und wollen schreiben und ihren literarischen Auswurf umgehend veröffentlichen. Die digitale Technik macht es möglich. Zudem finden sich viele platte Trivialitäten in den seriösen Verlagsprogrammen wieder. Hauptsache Lustig und spannend oder mit viel Blut oder mit Vampiren oder mit Serienmördern. Trends, die sich abnutzen, Texte, die beliebig werden. Genauso, wie man T-Shirts in Bangladesh für ein paar Cent herstellen lässt und die bunten Lappen günstig aber mit hohen Margen als individuelles Kleidungsstück am besten mit Biosiegel verramscht, verramschen viele ihre Literatur, um mit aller Gewalt möglichst vielen Leser ein kurzweiliges Vergnügen zu verschaffen.

Ich will niemand den Spaß verderben. Bitte habt Spaß! Ich trage auch T-Shirts aus sonstwo, die mich neunneunundneunzig gekostet haben. Nur leider habe ich keinen Spaß, wenn ich in Buchläden die Titel lese. Deswegen breche ich eine Lanze für das Geschichtenerzählen. Die Leidenschaft, das Moment des Entdeckens, wenn einem wieder ein Detail einfällt, das sich so wunderbar in die Handlung fügt und doch so lebensecht wirkt, als wäre es dem Nachbarn wirklich gestern passiert. Deswegen schreibe ich diesen Blog. Ich will, dass Sie als Leser sehen, wie Literatur entsteht und mit welche Liebe und Zuneigung für ihre Geschichten die Autoren schreiben… Genießt es!!! Und habt Spaß!!