Ich gebe es zu: Weder die Autorin noch ihr Stück waren mir vor diesem Abend ein Begriff. Ich hatte noch am Rande mitbekommen, dass es einen Hollywoodfilm aus den vierziger Jahren mit dem gleichen Titel gibt, in der Bette Davis die Hauptrolle spielt. Ich bildete mir ein, diesen Film gesehen zu haben. Das stimmt allerdings nicht.
Kurz ein Abriss der Handlung: die zwei Brüder, Ben und Oscar Hubbard, und ihre Schwester Regina Giddens haben ein großes Geschäft mit einem Unternehmer aus New York an Land gezogen. Um das Geschäft finanzieren zu können, sind sie auf das Geld von Reginas Ehemann Hermann Giddens angewiesen, der sich, um seine Herzprobleme zu kurieren, seit geraumer Zeit in Zürich aufhält. Es entfacht sich ein Streit zwischen den drei Geschwistern. Denn Regina verlangt, um Herrmann die Finanzierung schmackhaft zu machen, einen größeren Anteil vom Gewinn, den ihre Brüder natürlich nicht freiwillig hergeben wollen. Sie schicken Alexandra, die Tochter von Regina und Hermann los, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Hermann kehrt wieder in den Schoß der Familie zurück und sieht gar nicht ein, das Ansinnen der drei zu unterstützen. Er hat nicht mehr lange zu leben und will vorher noch der Familie seiner Frau eins auswischen. Wichtiger ist ihm, dass er seiner Tochter etwas hinterlassen kann, damit diese sich von der Familie lösen kann. Alexandra soll sich den wirtschaftlichen Interessen der Familie unterordnen und Leo, Oscars Sohn, heiraten. Leo ist Angestellter in Onkel Hermanns Bank und hat mitbekommen, dass dieser Aktien in seinem Schließfach aufbewahrt. Der Gegenwert reicht aus, um das Geschäft zu finanzieren. Er wird von seinem Vater und Onkel überredet, die Aktien „auszuleihen“. Da Hermann nur selten sein Schließfach kontrolliert, gehen sie davon aus, dass ihm der Diebstahl nicht auffällt. Hermann lässt sich das Schließfach nach Hause bringen und bekommt natürlich sofort mit, dass seine Aktien weg sind. Er setzt sein Frau Regina in Kenntnis und will vor seinen Schwagern die Geschichte so drehen, dass Regina hinten runterfällt. Als er einen Herzanfall bekommt, verweigert sich Regina ihrem Mann die lebensrettenden Medikamente zu geben. Hermann stirbt und Regina kann gegenüber ihren Brüdern auftrumpfen. Wenn ihre Brüder ihr keinen größeren Anteil geben, wird sie den Diebstahl der Aktien zur Anzeige bringen. Die Brüder gehen darauf ein. Auf den ersten Blick hat Regina sich an ihren Brüdern gerächt, die nach dem Tod ihres Vaters das gesamte Erbe erhalten hat. Allerdings verliert sie Ihre Tochter, die ihre Durchtriebenheit erkenn und für immer das Haus verläßt.
Lilian Hellman hat nicht nur die großen Themen ihrer Zeit erahnt und beschrieben, sondern hat auch etwas leider Zeitloses geschaffen. Genauso wie am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in der USA scheinen die grenzenlose und ungebändigte Habgier von Unternehmern die Gegenwart zu bestimmen. Die großen Internetkonzerne wie Facebook, Google und Amazon machen sich die Welt zum Untertan, konzentrieren Macht und Kapital auf wenige Personen und zerstören damit mutwillig gewachsene Strukturen und schaffen soziale Ungleichgewichte. Es wird gelogenund betrogen, um auch noch den letzten Cent aus einem Geschäft heraus zu pressen. Der Geschäftspartner wird zum Gegner, der Mitarbeiter zum Lohnsklaven und der Kunde zum Melkvieh. Politische und staatliche Strukturen werden entweder ausgenutzt oder ignoriert. Der Kapitalist steht über allem. Das Stück auf den Spielplan zu setzen, zeugt von dem Willen eines Stadttheaters, eine Position zu akuten Problemen unser Zeit einzunehmen, denn es ist aktueller denn je.
Die großen Probleme einer Gesellschaft werden auf den kleinen Kosmos einer Familie reduziert, die von ihrer Habgier getrieben keine Rücksicht auf das eigene Blut nimmt und menschliche Beziehungen nur auf ihren wirtschaftlichen Nutzen beschränkt werden. Trotzdem Lilian Hellmann hat ihren Charakteren eine Vielschichtigkeit angedeihen lassen, die absolut nötig ist, um aus diesem Stück mehr als eine platte Abrechnung mit dem amerikanischen Kapitalismus zu machen. Jede Figur hat ihre Brüche und dort wo man als Zuschauer den Figuren Sympathie zukommen lassen will, sorgt Lilian Hellmann im Laufe des Stückes dafür, dass man diese schnell in Frage stellt. Die Figur Birdie, die Ehefrau von Oscar, bildet hierfür das exemplarische Beispiel. Birdie ist eine traurige Person, die unter der Herrschsucht ihres Mannes leidet und erst spät verstanden hat, dass Oscar sie nur aus taktischen Gründen geheiratet hat. Birdies Familie gehörten Ländereien und ein Schloss. Sie stellen den alten Geldadel dar, der mit Abscheu auf solche Kaufleute wie die Hubbards herunter schauten. Oscar und sein Bruder wollten deren Respekt und Wohlstand, also haben sie sich deren Eigentum unter den Nagel gerissen. Oscar hat die Tochter der Familie geheiratet, um endlich Zugriff auf die Ländereien und das Schloss zu haben. Birdie ist verzweifelt, sehnt sich nach dem alten Leben zurück. Sie versucht sich bei ihrem Mann immer wieder anzubiedern, hofft, dass er sie erhört und den alten Sitz ihrer Familie wieder aufbaut. Ihr Mann lässt sie immer wieder abblitzen. Sie hat in der Mitte des Stückes einen emotionalen Ausbruch, der niemanden kalt lässt, danach verblasst sie und man wird als Zuschauer das Gefühl nicht los, dass sie einfach zu schwach ist, um sich selbst aus ihre Lage zu befreien. Umgekehrt verhält es sich mit Regina, die zwar genauso wie ihre Brüder raffgierig und intrigant ist, aber eigentlich darunter leidet, dass ihre Brüder von ihrem Vater bevorzugt wurden und sie alles geerbt haben, während sie leer ausging. Die Ambivalenz der Personen gibt dem Stück die Tiefe und Wahrhaftigkeit, die es braucht, um das Thema für den Zuschauer begreiflich zu machen. Die Menschen sind einerseits Opfer ihrer Familiengeschichte, sind aber andererseits verpflichtet sich dem zu stellen und die Folgen ihres Handelns abzuschätzen. Es gilt nicht nur den geschäftlichen Erfolg zu erreichen, sondern auch die negativen Konsequenzen für die anderen zu betrachten und zu mindern. Reichtum nicht auf Kosten der Gemeinschaft zu erwerben ist das große Thema des Stückes und zeigt sich in dem Ausspruch von Hermann, der den Geschwistern Hubbard vorwirft, dass mit ihrem raffgierigen Handeln und ihren Geschäfte Land und Leute kaputt machen.
Sehr positiv überrascht hat mich die Leistung des Ensembles. Für mich war es die beste Inszenierung dieser Saison. Carolin Weber als Regina, Roman Kurtz als Hermann, die alten Recken des Ensembles, haben ihr gewohntes Niveau gezeigt. Ewa Rataij als Birdie hat mit ihrem emotionalen Anklage für Gänsehautmomente gesorgt. Zwischendurch war mir zum Heulen zu mute, weil diese Frau brüllt und heult und man als Zuschauer ihre Verzweiflung spürt. Thomas Wild als Ben passte in seinen darstellerischen Möglichkeiten in die Rolle. Insbesondere in Rollen, wo große Gesten und machohaftes Agieren gefragt ist, kann er glänzen. Sogar Pascal Thomas, den ich für einen der schwächeren Darsteller innerhalb des Ensembles halte, gelang es die Arroganz des neureichen Oscars, der eigentlich mit der Dominanz seines Bruders nicht klar kommt, hinreichend zu spielen. Positiv zu werten kann ich auch den Kniff Susan Abdulmajid als Safa eine Hausangestellte zu präsentieren, die mit naiver Spielfreude arabische Elemente in die Inszenierung bringt und somit auch zu Aktualisierung des Stückes beiträgt.



Erst Jahre später, nach der Geburt meiner großen Kinder und nach dem Ende meiner ersten Ehe, lernte ich jemanden kennen, der die Leidenschaft für das Theater mit mir teilte. Henrike war keine Unbekannte. Doch hielt sie sich jahrelang im Hintergrund. Zwischendurch war sie nach München ausgewandert. Kurz bevor sie meine Bühne betrat, war sie wieder in ihre alte Heimat gezogen. Sie lebte mitten in der Innenstadt von Gießen, nur einen Steinwurf vom Theater entfernt. Über einen gemeinsamen Freund kam wieder ein Kontakt zustande. Wir hatten uns über den Winter und Sommer immer wieder am Wochenende mit anderen gemeinsamen Bekannten getroffen und die Abende in Kneipen und Lokalen in Gießen und Marburg verbracht. Im Sommer trafen wir uns ohne Freunde. Zwischen uns entstand schnell eine Vertrautheit und Direktheit, die ich noch bei keinem anderen Menschen erlebt hatte. Henrike war das Gegenbild zu den Zombies auf dem Sofa. Man konnte mit ihr gemeinsam Dinge gedanklich durchdringen. Wir redeten und diskutierten, rauchten Rillos und tranken, stellten fest, dass wir beide seit Jahren den Spiegel jede Woche von vorne bis hinten lasen (sie von vorne nach hinten und ich von hinten nach vorne. Mittwochs treffen wir uns meistens in der Mitte des Heftes) und dass wir uns gleichermaßen zu Literatur und Theater hingezogen fühlten. Ich habe lange gedacht, dass wir eine rein intellektuelle Beziehung haben und habe gar nicht merken wollen, dass Henrike mehr in mir als einen netten Gesprächspartner sah. Ich fühlte mich ihr nahe. Mein Instinktsystem war allerdings auf zickige und anstrengende Frauen ausgerichtet. Eine krasse Fehlschaltung in meinem Hirn, die mich eine vollkommen psychisch deformierte Frau hat heiraten lassen. Mir hat mal eine Frau gesagt, dass sie sich immer in Typen verliebt, die sie schlecht behandeln, weil sie es verdient hätte. Ihr war vollkommen bewusst, dass ihr Verhalten krank war und doch hat sie sich immer diese brutalen Idioten ausgesucht. Ich war nicht viel besser. Ich wartete auf die nächste Katastrophe von Frau, um sie zu heiraten. Henrike blieb hartnäckig und Anfang Dezember hatte ich mich unsterblich in diese kleine Frau verliebt. Danach folgten Jahre mit Schmetterlingen im Bauch und auch heute noch kann ich keinen Tag ohne ihre Gegenwart auskommen. Ich habe am Anfang darauf gewartet, dass dieses Gefühl der Vertrautheit aufhört und die Beziehung zu einer Anhäufung von Ritualen und Gewohnheiten verkommt. Ich war misstrauisch. Ich hatte keine anderen Erfahrungswerte und war fast enttäuscht, dass ich nicht aufhören konnte, mich geborgen und aufgehoben zu fühlen. Mit dem Beginn unserer Beziehung etablierten wir regelmäßige Theaterabende. Zu dem Zeitpunkt war die jetzige Intendantin des Stadttheater Gießens noch nicht lange in Amt und Würde und es schien ein neuer Wind im Theaterbau am Berliner Platz zu wehen. Frau Miville hatte damals ein Händchen für Inszenierungen, die das Theaterpublikum in Gießen aufmischte. Sie hatte in ihrem Schauspielensemble interessante Charakterköpfe zusammengebracht, mit denen man im Stande war, mehr als das übliche Standardrepertoire zu reproduzieren. In unserer ersten Spielzeit als Abonnenten gab man „der Balkon“ von Jean Genet. Ein selten gespieltes und radikales Stück, mit dem man Aufmerksamkeit erregen konnte. Es gab einen Haufen Scheiße (Wahrscheinlich aus Nougat), der von einer Prostituierte in das Gesicht eines Freiers gedrückt wurde. Es gab eine blutige und nackte Leiche, die sich ungefähr ein Stunde mit verzehrten Gesicht in einem Rednerpult aus Plexiglas zu Schau stellte. Es gab Revolution und viel Chaos auf der Bühne. Ein Teil des Publikums war aufgebracht. Weil man ja schließlich ins Theater ging, um keine Überraschungen zu erleben, verließ man in der Pause wutentbrannt das Theater. Der Rest blieb und feierte am Ende der Aufführung frenetisch den Mut eines Ensembles, das dieses merkwürdige Stück Theater mit Verve und Engagement auf die Bühne gebracht hatte. Ab da waren wir Fans des Stadttheaters und sind es bis heute, auch wenn viele interessante Mitglieder das Ensemble verlassen haben und man mittlerweile eher gefällige Inszenierungen erlebt. Die örtliche Nähe des Theaters hat uns den Besuch erleichtert. Manchmal sind wir fünf Minuten vor Beginn der Vorstellung losgelaufen, um noch rechtzeitig vor Schließung der Türen in den Zuschauerraum zu gelangen. In dieser Zeit haben wir Sonntagsmorgen nach dem Frühstück häufig die Gelegenheit genutzt und die Einführungsmatinee zu den neuen Stücken besucht. Für uns eine wichtige Möglichkeit geistige Nahrung für unsere unzähligen Gespräche zu erhalten und Schauspieler in der Auseinandersetzung mit den Stück außerhalb ihrer Rollen erleben können. Manchmal hat man die Schauspieler beim Einkaufen in der Stadt gesehen. Damit war immer ein seltsames Empfinden verbunden, weil man sie vielleicht am Tag vorher auf der Bühne erlebt hat. Eine Zeitlang haben wir auch den Weg nach Frankfurt nicht gescheut, um die Vorstellungen des Frankfurter Schauspiels zu sehen. Henni hatte mir damals Karten für eine Aufführung des Rimini-Protokolls geschenkt, die dort im kleinen Haus „das Kapital“ inszeniert haben. Ein phänomenales Erlebnis einer damals noch vollkommen neuen Art, Stücke auf die Bühne zu bringen. Ein weiteres Highlight sollte die Aufführung von Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ sein. Das Stück hatte mich damals in seinen Bann gezogen, da ich mich zu der Zeit viel mit der Geschichte der RAF beschäftigt habe. Allerdings fiel die Inszenierung zu den populären Inszenierungen in Hamburg und München vollkommen ab. Wir haben noch einige andere Stücke in Frankfurt gesehen, uns am Großstadttheater erfreut und trotzdem sind wir immer wieder nach Gießen zurückgekehrt. Vor ca. elf Jahren hat Henrike die Idee gehabt, dass wir uns doch ein Theaterabonnement leisten sollten. Sie hatte sich damals ausgiebig informiert, welche Möglichkeiten wir haben und an der Theaterkasse zufällig den richtigen Zeitpunkt erwischt, um sich die Plätze 58 und 59 in Reihe drei zu sichern. Wir waren plötzlich stolze Theaterabobesitzer und sind es geblieben. Ein Jahr später sind wir nach Wetzlar gezogen, in den folgenden Jahren sind unsere drei Kinder auf die Welt gekommen. Wir sind unseren Plätzen in Reihe drei treu geblieben und haben nur wenige Aufführungen verpasst. Heute Vormittag waren wir zum ersten Mal mit allen Kindern zu einer Aufführung. Jule, unsere älteste Tochter, hat im Sommer zwei Eintrittskarten für das Weihnachtsstück gewonnen. Ich hoffe, dass meine Kinder etwas von unserer Leidenschaft fürs Theater mitbekommen und vielleicht lernen, das mein kein Konsumzombie sein muss, sondern dass es viele Wege gibt, sich mit der Welt auseinander zu setzen. Was hat das jetzt mit meiner Liebe zum Leben zu tun? Von meiner Jugend an, bis zu meinem fünfunddreißigsten Lebensjahr, habe ich mich immer bedroht gefühlt. Es war schwer, den Angstangeboten zu widerstehen, sich nicht dem Weltschmerz hinzugeben. Im Theater gibt es viele Momente der Verzweiflung, aber auch Momente der Erlösung und der Befreiung. Theater heißt die Katharsis zu spielen, sich auf die Möglichkeiten der eigenen Existenz vorzubereiten. Das Unmittelbare des Theaters ist mehr als eine Übung. Das Drama macht die Extreme des Lebens deutlich und vermittelt die Erfahrung einer Dialektik, die der eigenen Lebenserfahrung am nächsten kommt. Im Gegensatz zu den Medien Fernsehen und Film, die Traumwelten fern der Wirklichkeit erschaffen, eher Trost vermitteln und ein einlullendes Phlegma erzeugen können, die uns apathisch werden lässt. Ich habe gelitten und den Schmerz erlebt, aber ich habe mir mein Leben angeeignet, so wie ich es im Theater bei vielen Protagonisten erlebt habe. Dadurch ist mein Leben reich an Erfahrungen und Erlebnissen, die mir für immer verborgen geblieben wären, wenn ich keinen Widerstand geleistet hätte und immer noch auf dem Sofa läge, um die nächste Tüte Chips zu öffnen und nach der Fernbedienung zu greifen. 








