



Wetzlar, die Stadt in der ich und meine Familie leben, ist eine typische deutsche Kleinstadt mit 50000 Einwohnern, eingebettet in der schönen Landschaft zwischen Westerwald und Taunus, mit einer pittoresken Altstadt, grünen Parkoasen am Fluss, einem stattlichen Dom und einer breiten vierspurigen hässlichen Straße, die durch die ganze Stadt führt.
Auch hier wurde nach dem Krieg alles dem Wiederaufbau untergeordnet. Man modernisierte Wetzlar mit viel Beton und Asphalt. Für die Menschen hat es damals Sinn gemacht. Plötzlich waren die engen muffigen Gassen weg, die alten Straßenzüge sanierungsbedürftige kleiner Häuser verschwanden und an deren Stelle traten breite Straßen und moderne Zweckbauten. Man schuf Platz für den Fortschritt und die Verheißungen des Wirtschaftswachstumes.
Wir wissen heute, was daraus geworden ist und man kann der Nachkriegsgeneration keinen Vorwurf machen. Was viel schlimmer wiegt und heute einfach nur noch nervt ist diese Beharrlichkeit und das Unverständnis vieler Menschen und Politiker, die nicht sehen wollen, dass wir unsere Lebensweise auf kommunaler Ebene verändern müssen.
Dazu gehört für mich ganz klar auch die Veränderung unserer Verkehrsinfrastruktur. In Wetzlar gibt es ein städtisches Radwegekonzept, dass jetzt nach und nach umgesetzt wird. Leider ist es ein halbherziges Konzept. Man weiß um die Notwendigkeit einer Verkehrswende, erkennt aber nicht die Notwendigkeit radikaler Veränderungen. Den Autofahrern sollen Zumutungen erspart bleiben. Also macht man hier und dort einen Radstreifen und glaubt, das beruhigt diejenigen, die die Veränderung nicht als Zumutung, sondern als zwingend betrachten.
Das grundsätzliche Problem in Wetzlar besteht darin, dass wir eine vierspurige Ortsdurchfahrt mit Anschluss an eine Bundesstraße haben, aber viele Zubringerstraßen wie Nadelöhre die historischen Pfade in die Stadt nachbilden. Die Verkehrswende könnte da beginnen, wo man an solchen Straßen dem Rad und ÖPNV den Vorrang gibt. Leider verzichtet man darauf. Es geht nicht darum, Autofahrer zu bestrafen oder auszugrenzen, sondern die Attraktivität der ressourcenschonenden Verkehrsmittel zu erhöhen und so möglichst viele Menschen die Nutzung dieser Verkehrsmittel zu erleichtern.
Das Traurige daran ist, das wir eigentlich in Wetzlar sehr stark vom Fahrradtourismus profitieren. Viele Menschen kommen über regionalen Radwege nach Wetzlar, um die Stadt zu besuchen. In der Stadt selbst sind sie als Radfahrer nicht willkommen. Es gibt viele gefährliche Stellen, unklare Regelungen, Radwege die ins Nichts führen, Umwege, die man mit dem Fahrrad in Kauf nehmen muss. Daher wundert es mich, dass die städtische Politik keine weitergehenden Maßnahmen ergreift. Denn wenn einem die wenigen Fahrradverrückten nicht wichtig sind, so hat man doch immer den Tourismus als wachsenden Wirtschaftszweig im Blick.
Aber die wenigen Fahrradverrückten in dieser Stadt machen immer mal gerne auf sich aufmerksam. Am letzten Samstag haben verschiedene Gruppen eine Fahrraddemo veranstaltet, die die Probleme rund um die verfehlte Verkehrspolitik sichtbar machen sollte. Die Dominanz des motorisierten Individualverkehrs sollte wenigstens für ein paar Stunden in den Hintergrund treten.
Eine illustre Kolonne mit ca. 170 Radfahrern fuhr auf den breiten Chausseen der Innenstadt, die für die Demo von der Polizei gesperrt wurden. Meine Frau, unsere drei Kinder und ich gehörten dieser Kolonne an.
Es war ein wunderschönes Gefühl die breite Straße am Karl-Kellner-Ring lang fahren zu können und ein Gespür dafür zu bekommen, wie Ruhe in eine Stadt einkehrt, die ansonsten vom Lärm des motorisierten Individualverkehrs geprägt ist. Eine Stadt ohne Auto ermöglicht eine neue Lebensqualität für alle. Wenn wir kreativ mit der Stadt umgehen, die uns nun einmal so gegeben ist, wie sie momentan ist, können wir gemeinsam viel erreichen. Dabei ist es wichtig, niemanden auszugrenzen, sondern allen Bürgern und Besucher dieser Stadt an den neuen Möglichkeiten teilhaben zu lassen.
Es ist ein langer Prozess, weil in vielen Köpfen ein Umdenken beginnen muss. Wenn wir als Bürger und Radfahrer dieses Stadt auf uns aufmerksam machen, in dem wir Samstagsnachmittags friedlich und gewaltfrei Präsenz zeigen, machen wir Werbung für unser Anliegen, dass eigentlich das Anliegen aller Menschen ist: Einen Lebensraum zu haben, der einem die Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung bietet.
Ich werde früh wach, recke und strecke mich, stehe auf und schiebe den Vorhang in unserem Schlafzimmer zur Seite. Draußen scheint die Sonne, keine Wolke am Himmel, ich höre die Vögel singen und betrachte voller Vorfreude auf den Tag die bunte Blütenpracht in unserem Garten. Ich seufze leise. Ich habe selten ein Ostersonntag erlebt, der so friedlich beginnt. Was ist denn das? Was sucht dieses graue Tier mit langen Ohren auf unserer Wiese? Um Gottes Willen, das ist der Osterhase! Das kann nicht wahr sein! Sogar mein fünfjähriger Sohn glaubt nicht mehr an den Osterhasen. Eindeutig, er ist es! Er trägt auf seinem Rücken einen großen Korb. Er kommt kaum voran. Sein Hoppeln gleicht eher einem Humpeln. Das soll der Osterhase sein?! Ab und zu bleibt er stehen, zieht sich missmutig den Korb vom Rücken und lässt ein Schokoladenei auf den Boden fallen. Naja, er hat viel zu tun, hat wahrscheinlich in den letzten Tagen Sonderschichten geschoben. Ist halt eben ein Saisongeschäft. Er trägt an den Händen Plastikhandschuhe, an denen er nervös herumnestelt. In Zeiten lästiger Pandemien durchaus vernünftig. Er zieht sich wieder den Korb auf und schleppt sich ein paar Meter weiter. Er bleibt wieder stehen. Ich schaue auf die Uhr. So wird er nie fertig. Er hat ja Lieferzeiten einzuhalten. Heute Mittag müssen die Eier, Schokoladen und Geschenke verteilt sein. Wieder zieht er den Korb von seinen Schultern und stellt ihn neben sich. Der wird sich doch nicht ins Gras legen und sich ausruhen. Jetzt fällt mir auch auf, dass er einen Mundschutz trägt. Sogar eine FFP-Maske Klasse 3. Wo er die wohl her hat? Naja diese Osterhasen haben ganz bestimmt gute Beziehungen zu den Chinesen. Die produzieren das ja alles. Er wühlt in seinen Korb und holt ein Geschenkpäckchen hervor. Meine Tochter hat sich ein Buch gewünscht. Braves Kind, sie liest viel. Sie soll später Wirtschaftsanwältin, Controllerin oder Unternehmensberaterin werden. Solange sie nicht in die Pflege oder ins Krankenhaus geht, da verdient man ja nix, ist alles in Ordnung. Der Osterhase nimmt sich viel Zeit und begutachtet das Päckchen. Er soll es endlich hinlegen. Ich glaube nicht, dass es zu seinem Aufgabengebiet gehört, über Geschenke zu sinnieren. Ich schaue auf meine Uhr und werde ungeduldig. Was ist das denn für ein blöder Osterhase? Überhaupt keine Arbeitsmoral! Wahrscheinlich arbeitet er an seinem Burnout! Ist auch nur eine Ausrede für faule Tiere. Kein Wunder, das die Wirtschaft brach liegt, wenn sogar schon der Osterhase einen Hänger hat. Der sollte schließlich ein gutes Vorbild sein. Unser Land braucht in dieser schweren Zeit mutige Osterhasen, die anpacken können. Wir können uns keinen traurigen Osterhasen leisten. Er nimmt das Päckchen und schleudert es mit seiner letzten Kraft in die Baumkrone des Apfelbaums. Der Äste wackeln und der Baum verliert einen Teil seiner Blütenpracht. Es reicht ja schon, dass man sich ständig mit diesen unfähigen Paketboten herumärgern muss. Verdammt, jetzt kann ich ihn mir nicht mal zur Brust nehmen. Social distancing ist jetzt das oberste Gebot. Da hat der blöde Hase nochmal Glück gehabt! Ich muss mal im Internet schauen. Da gibt es ganz bestimmt eine Seite, wo man sich über Osterhasen beschweren kann. Frechheit! Ostern ist auch nicht mehr das, was es mal war! Was man sich heutzutage von den Dienstleistern alles gefallen lassen muss! Die haben wirklich nicht mehr als Mindestlohn verdient! Der Osterhase scheint mein lautloses Schimpfen zu hören. Er dreht sich zu mir um. Der dämliche Osterhase, er hat mich gesehen! Er erhebt seine linke Plastikpfote und winkt mir zu! Was soll das denn jetzt? Damit kannst du blödes Vieh dich auch nicht mehr retten! Beschwerde ist draußen! Dann reißt er seine Maske von seiner Schnauze und grinst wie Satan höchstpersönlich. Scheiße, der ist auch noch verrückt und wahrscheinlich gewalttätig. Ich ziehe den Vorhang wieder zu und verstecke mich instinktiv unter der Fensterbank. Meine Frau wird wach, sieht mich hinter dem Fenster hocken, hört mich fluchen und fragt, was geschehen ist. „Da draußen ist ein vollkommen durchgeknallter manisch-depressiver Osterhase! Sie raunzt mich an. Ich solle weiter schlafen und nachts nicht immer diese Zombieserie auf Netflix gucken. Was für ein scheiß Ostersonntag!