Endspurt

Im Sommer habe ich zum letzten Mal über die Revision meines zweiten Romans berichtet. In einer kleinen Lektion über das Schreiben habe ich mein eigenes Tun reflektiert und mit Ratschlägen an andere weniger geübte Autoren verbunden.

Seit dem ist es auf meinem Blog still geworden, gerade wenn es um mein eigentliches Thema, das Schreiben ging,  habe ich mich in Schweigen gehüllt (vielleicht hätte ich mich lieber in rosafarbene Seidentücher hüllen sollen).

Tja manchmal bekomme ich nicht alles unter einen Hut (so einen hätte ich auch noch aufziehen können, rosa Tücher, schwarzer Hut…), denn ich habe im letzten halben Jahr mein Zeitbudget darauf verwendet, meinen Roman von den Füßen auf den Kopf stellen (im Kopfstand, die rosa Tücher und der schwarze Hut halten sich nicht am Körper, scheiße aber auch). Nachdem ich lange mit einigen Kapiteln gekämpft habe, schreibe ich nun die letzten Seiten des letzten Kapitels.

Im Sommer und Herbst hatte ich noch einige Hürden zu überwinden. Besonders der Herbst war schwer für mich. Ich konnte zum Schreiben nicht mehr an meinem gewohnten Platz draußen im Garten sitzen. Das macht mich jedes Jahr fertig und lässt meine Motivation auf den Nullpunkt sinken. An meinem Stammplatz im Garten habe ich Ruhe, kann mich konzentrieren, bin raus aus dem Familientrubel, kann eine Pfeife oder Zigarre rauchen und einen Kaffee schlürfen. Perfekte Arbeitsbedingungen. Das überarbeitete Kapitel spielte im Sommer und es fiel mir einfach die Stimmung des zu Ende gehenden Sommers auf den Text zu übertragen. Ich war zufrieden mit mir und meiner Arbeit. Ich hatte gerade noch das letzte vorhandene Kapitel aus der ersten Version überarbeiten können und dann wurde es Herbst.

Das nächste Kapitel musste ich vollkommen neu aus dem Boden stampfen. Das Kapitel aus der ersten Version war so schlecht geschrieben, dass ich noch nicht einmal Fragmente für die zweite Version verwenden konnte. Der kalte Herbst zwang mich an meinem Schreibtisch in meinem kleinen Arbeitszimmer und ich hatte keine Idee für das vor mir liegende Kapitel.

Ich ging in Klausur und nahm mir vor zwei Wochen lang an dem Setting zu arbeiten. Ich wusste ja, worum es gehen sollte. In der ersten Version sollten sich jetzt Vater und Sohn gegenüber stehen. Damals entschied sich der Sohn bei seinem Vater zu bleiben. Sein Freund kehrte darauf hin nach Hause zurück. Bei meinen ersten Überlegungen, lange bevor ich an diese Stelle kam, war mir klar, dass das Bullshit war. Der Vater hatte seinem Sohn Unrecht angetan und auf der langen Reise musste der Sohn erkennen, dass er seinem Vater in manchen Dingen ähnlich war, er aber nicht wie sein Vater werden wollte. Also musste in der neuen Version der Sohn am Ende des Kapitels seinem Vater die Gefolgschaft versagen und wieder nach Hause zurückkehren. Das hatte natürlich Konsequenzen für die weitere Handlung im nächsten und letzten Kapitel. Beim Nachdenken fiel mir auf, dass sich für mich völlig neue Möglichkeiten ergaben, um die Handlung zu einer nachvollziehbaren Einheit verschmelzen zu können. Mir wurde klar, dass ich auch das letzte Kapitel vollkommen neu aufziehen musste.

Aber zurück zu meiner Klausur. Wenn mir nichts einfällt, mache ich ein kleines Brainstorming. Ich versuche zuerst zu überlegen, was ich mit dem Kapitel aussagen möchte. Oft helfen mir andere Bezugspunkte, Werke anderer Künstler, die sich schon an einer ähnlichen Thematik versucht haben.

Das Kapitel sollte in einer Art Warroom spielen. Ein Anführer sitzt in einem Raum und spricht mit Personen, die sich weit entfernt an einem anderen Ort befinden. Das Thema Videokonferenz ist allgegenwärtig und man sieht fast täglich in den Nachrichten Politiker, die vor Bildschirmen sitzen und über die Entfernung miteinander konferieren.

Ich saß ein Wochenende lang gelangweilt vor meinem Computerbildschirm, bohrte mir mit dem Bleistift in der Nase herum und hüpfte von einer Pornoseite zur nächsten. Zuerst liebäugelte ich andauernd mit einem ähnlichen Setting wie bei Kubricks Dr. Seltsam. Dort gibt es diese weltberühmte Warroomszene mit Peter Sellars im Rollstuhl als verrückten Wissenschaftler. Witzig aber viel zu altmodisch. Nachdem ich mehrere meiner Hirnwindungen mit meinen Hirnwinden aufgebläht hatte und ich meine Gedanken in Schleifen gelegt hatte, fiel mir ein Kunstwerk der letzten Dokumenta ein, das ich damals als sehr inspirierend empfand.  In einer alten unterirdischen Straßenbahnhaltestelle wurde die Installation von Michel Auder „The Course of Empire“ gezeigt. Es handelte sich um ungeordnet an die Wand gehängte Bildschirme auf denen unzählige verschiedenartige Szenen gezeigt wurden: Abbildungen von Kunstwerken, Filme über Naturkatastrophen, Gewaltszenen, pornographisches Material, Handynachrichten, Texte. Die Szenen schienen in keinem Zusammenhang zu stehen. Michel Auder bezog sich allerdings auf einen Gemäldezyklus von Thomas Cole, der sich wiederum auf einen Gedicht von George Berkeley bezog, das den Aufstieg und Fall eines Imperiums beschrieb.

Die Bezugspunkte gaben mir wieder einen neuen Spielraum. Die Mission des Vaters meiner Romanfigur bestand in der Zerstörung eines Imperiums und die Erschaffung eines neuen Imperiums. Ich zeigte also in dem Kapitel wie der Vater per Videokonferenz mit seinen Untergebenen über die Zerstörung des Imperiums sprach und sie gleichzeitig mit aktuellen Bildern über das Voranschreiten der Zerstörung durch Kriege, Naturkatastrophen und Gewalttaten gegen Mensch und Natur gefüttert wurden. Der Sohn sollte Zeuge dieser Konferenz der Destruktion werden. Der Vater wollte ihn von seiner Mission überzeugen und ihn zu seinem Nachfolger als Koordinator der Zerstörung küren. Der Sohn erschrickt über die Abartigkeit seines Vaters und enttarnt den Irrsinn dahinter, den der Vater schon lange nicht mehr erkennt. Am Schluss lehnt er das Erbe ab und flüchtet vor seinem eigenen Vater.

Die Idee habe ich kurz skizziert und mir überlegt, wie der Ort ausschauen könnte, an dem diese Videokonferenz des Grauens stattfinden könnte. Mit dem Setting bin ich in die Planung meines Dialoges zwischen Sohn und Vater gegangen. Der Dialog zwischen beiden ist der Dreh- und Angelpunkt des Kapitels. Am Ende muss stehen, dass der Sohn dem Vater alles vor die Füße wirft und ihm erklärt, dass er verrückt ist. Welche Botschaften wollen die beiden dem anderen überbringen? Welche Gefühle oder alte Verletzungen, welche Weltanschauungen und Traumata spielen eine Rolle? Manche Gefühle werden ausgesprochen, manche Gedanken werden laut gesagt. Eine ähnliche Vorbereitung zu meinem dritten Roman habe ich schon einmal anhand eines Interwievs hier im Blog vorgestellt. Erst als ich das Gefühl hatte, das die Stimmung passte, dass das angespannte Verhältnis zwischen Vater und Sohn deutlich wird, habe ich begonnen eine Handlung grob nieder zu schreiben. Das Kapitel sollte nicht lang sein. Auf der einen Seite ist da der Dialog zwischen Vater und Sohn. Aber die Handlung muss ja auch vorangetrieben werden. Also durfte es keine großen Ausflüge geben. Das Kapitel sollte dicht und griffig wirken. Im Prinzip wie eine Action-Szene im Film. Schnell, kurze Schnitte, wenig Gedöns und Obacht, natürlich stimmig in der Botschaft sein. Ob ich das geschafft habe, kann der geneigte Leser beurteilen, der irgendwann mal den Roman lesen darf. (Hatte ich schon gesagt, dass ich bald Testleser brauche! Interessiert?) Die Arbeit daran hat dann ungefähr sechs Wochen gedauert, von Planung bis Schreiben und Fertigstellung des Kapitels. Allerdings durch mein gezieltes Herangehen habe ich viel Zeit gespart und nach meinem Empfinden ist das Ergebnis wesentlich besser als der erste Versuch, den ich einfach ohne Planung aufs Papier gebracht habe.

Mir fehlen noch ca. zehn Seiten und dann werde ich das letzte Wort meines Romans geschrieben haben. Alle Romanautoren kennen dieses besondere Gefühl, wenn man am Ende eines langen Weges ankommt und nun sich alles wie von selbst zu einem großen und ganzen Werk zusammenfügt. Man hat es geschafft aus einer kleinen Idee einen ganzen Kosmos an Figuren und Geschichten zu erschaffen und das kann einem keiner mehr nehmen.

Es ist egal, ob ich einen Verlag finde oder sogar einen Leser, dieses von mir erschaffene Geschöpf erblickt nun bald das Licht dieser Welt….

Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Erinnya von Clemens J. Setz

 Der letzte Abend in Freiheit: eine seltsame Stimmung zwischen aufgekratzter Leichtigkeit und Depression begleitet uns schon das ganze Wochenende.  Am Montag beginnt der Lockdown light und wir haben zum letzten Mal die Gelegenheit für eine lange Zeit einen lockeren Abend in geselliger Zweisamkeit zu verbringen. Als wir in Giessen ankommen, haben wir das Gefühl, dass alle Menschen, die heute Abend unterwegs sind, sich in einer ähnlichen Gemütsverfassung befinden. Und irgendwie passt das Stück dazu. Denn so uneindeutig wie unsere Empfindungen an diesem Abend sind, so ist das Werk des jungen und hell leuchtenden Stern am Firmament des modernen Dramas durchsetzt von Ambivalenzen und Merkwürdigkeiten. Clemens Johann Setz aus Graz hat seine spleenigen Eigenarten. Aus seinen Texten sprießen willkürlich verkleisterte Wortkonstrukte, deren Bedeutungen nicht zusammenpassen, die sich dem Zuhörer schnell entziehen.  Er erzählt Geschichten mit Bezug zur Gegenwart, verweigert sich aber jeglicher Moralpredigt und Aufruf zur kategorialen Abscheu. Das macht ihn interessant in Zeiten, in denen von Künstlern ständig verlangt wird, eindeutige Position zu beziehen und bestimmte Auswüchse zu verdammen. Er stellt seine Figuren in den Mittelpunkt und betrachtet sie wie ein Psychologe, der seine Figuren verstehen will, ohne sie zu Witzfiguren zu machen.

Worum geht es in Erinnya? Matthias hat psychischen Probleme und trägt einen Kopfhörer, der ihn mit Erinnya verbindet, einem ominösen sozialen Netzwerk, das angeblich aufgrund demokratischer Entscheidungen dem Träger des Kopfhörers Sätze einflüstert. Erinnya hat einen positiven Einfluss auf sein Wohlbefinden und seine Freundin Tina beschließt ihn nach drei Jahren Beziehung ihren Eltern vorzustellen. Tinas Vater betrachtet den netten jungen Mann, der seltsame Sätze absondert und immer den Kopfhörer auf den Kopf hat, mit Argwohn und es kommt zum Konflikt zwischen ihm und seiner Tochter.

Als Zuschauer ist man überwältigt von den vielen Sinneseindrücken, die sich dort auf der Bühne auftürmen. In der Inszenierung und mit dem Bühnenbild hat man sehr darauf geachtet, dass sich die Ereignisse überlagern. Eine Kamera auf der Bühne nimmt das Geschehnis auf der Bühne auf und wirft es an die Rückwand der Bühne, im Vordergrund die aktuelle Szene und Sprechrollen, daneben die Schauspieler ohne Text, die etwas an die Wand malen oder sich sonst wie beschäftigen. Auf der Bühne scheint ein ähnliches durcheinander wie ihm Kopf des Protagonisten zu herrschen, der mittels Erinnya seine letzten psychischen Krisen hinter sich gelassen hat und ein wenig zur Ruhe kommt. Seine Freundin Tina, die sich liebevoll um ihn kümmert und vollkommen von Erinnya überzeugt ist, kommt an ihre Grenzen, als ihr Vater sie ins Kreuzverhör nimmt. Er verurteilt die Abhängigkeit des Freundes seiner Tochter von einem sozialen Netzwerk, hat aber den ganzen Tag über einen Knopf im Ohr hat und schaut sich im Internet Videos an. Niemals wird deutlich, wie Erinnya wirklich funktioniert. Aber alle die mit Errinya in Berührung kommen sind fasziniert und erwarten von dieser mystischen Einflüstermaschine die Lösung all ihrer Probleme. Vielleicht geht es genau darum in dem Stück: Wir sind alle verwirrt, haben die Orientierung verloren und legen alle unsere Hoffnung in ein Spielzeug, dass wir soziale Netzwerke nennen. Aber es führt uns nicht zusammen. Im Gegenteil: Es führt zur Ausgrenzung. Matthias bleibt aufgrund seiner psychischen Probleme der Außenseiter und Erinnya scheint den Abstand zu seiner Umwelt noch zu vergrößern. Am Ende des Stückes wird er wie Lenz in die Natur fliehen, die Menschen hinter sich lassen und nie wieder in Erscheinung treten.

  In der Pause stehen meine Frau und ich vor dem Theater.  Es ist an diesem Novemberabend warm wie im Frühling und alle Krisen dieser Zeit scheinen über uns hereinzubrechen: die Pandemie, der Klimawandel, der Trumpismus (es waren schließlich noch zwei Tage bis zur US-Wahl). Wir waren beeindruckt von diesem Abend, dem Stück, der Gegenwart, unserem Leben, das so sanft dahingleitet und nur vordergründig dieser ganzen Melange aus Gefahr und Krise trotzt. Wir fühlen uns fremd in einer Welt, in der Erinnya den Menschen die Sätze vorgibt und fangen an wirres Zeugs zu reden.  Wir beschließen am Ende der Pause einfach daran zu glauben, dass unser Leben einfach nur schön ist, auch ohne Erinnya.

Gitarrenheld

1987 – Ich war 16 Jahre alt und wollte unbedingt ein Gitarrenheld werden. Zu der Zeit spielte ich eine alte Squier Strat mit verbogenen Halsstab, riesigen Bünden und viel zu rauen Griffbrett, auf dem kein Mensch schnelle Licks spielen konnte. Ich besaß einen Verstärker, einen Transistor-Amp, der keine wirklich überzeugende Sägeverzerrung zustande brachte. Dazu besaß ich ein Ibanez Chorus Pedal, dass die künstlich klingende Verzerrung zumindest etwas fetter und breiter klingen ließ.

Seit 1984, also dem Jahr, als Apple den Macintosh auf den Markt brachte, man über George Orwells Zukunftsvisionen und ob sie nun Wahrheit geworden waren, diskutierte und Van Halens gleichnamige Platte mit einem rauchenden Engel auf dem Cover herauskam, geisterte Van Halen in meiner Welt herum.

Ich kann nicht behaupten, dass ich mich bis dahin ernsthaft mit Van Halen auseinandergesetzt  hatte. Ich kannte ihren größten Hit „Jump“, den man damals nicht aus dem Weg gehen konnte. Ein Jahr später erschien „Live is Life“ von Opus. Weil beide Songs einem bei jeder Gelegenheit ins Gehör gedrückt wurden, am besten noch nacheinander, habe ich sie damals ungerechtfertigter Weise miteinander in Verbindung gebracht. Teenager neigen zur totalen Ignoranz. Mir fehlte das musikalische Feingespür, um zu merken, dass Jump durchaus mehr zu bieten hatte, als dieses oberflächliche Lied einer Volksfestband  aus Österreich, die aus fast nur einer Textzeile bestand und diese auch noch in schlechtem Englisch vorgetragen wurde.

 Meine Einstellung und Ignoranz verwandelte sich 1987 in totale Begeisterung als das Folgealbum 5150 herauskam und mein Bruder das Konzert-Video „Live without a Net“ anschleppte. Damals war Video der heiße Scheiß. Der Videorecorder erweiterte das Spektrum an möglichen Medienerfahrungen. Schließlich gab es bis zu diesem Zeitpunkt nur drei Programme im Fernsehen. Die neuen privaten Fernsehsender waren noch nicht in allen Haushalten angekommen. Wenn ich mir heute die Bildqualität von damals anschaue, kann ich gar nicht glauben, dass das damals alles so aufregend war. Aber schon beim ersten Anschauen war ich vollkommen angefixt von dieser Band.

Dazu muss man wissen, dass der erste Sänger David Lee Roth nach dem großen Erfolg die Band verlassen hatte und mit Sammy Hagar als neuer Sänger die Band deutlich an Qualität gewann. Roth war ein Showman, konnte nicht wirklich gut singen, viele Texte waren flach und im schlimmsten Fall sexistisch. Hagar hatte eine prägnante Rockstimme und war selbst ein hervorragender Gitarrist. Die Texte drehten sich hauptsächlich immer noch um die Beziehung zum anderen Geschlecht, schürften aber nicht nur an der Oberfläche, sondern vermittelten nachvollziehbare Sehnsüchte.

Und nun stand die Band auf der Bühne in New Haven (der Running Gag war, dass die Band den Ort für das Konzert in New Halen umbenannte) und wusste ihre Qualitäten auszuspielen. Mit wahnwitziger Spiel- und Bewegungsfreude wurde die ganze Bühne ausgenutzt, alle Register des musikalischen Könnens wurde gezogen (Alle Instrumentalisten bekamen ihr eigenen Solopart) und Eddie Van Halen, Michael Anthony und Samy Hagar inszenierten sich als kongeniale Bühnenfreaks, den es riesigen Spaß bereitete, die Leute zu unterhalten. Natürlich beeindruckte mich das Gitarrenspiel von Eddie nachhaltig und obwohl es heute Gitarristen gibt, die ihm technisch und auch in der Ausdrucksweise überlegen sind, begeistert mich sein Art Gitarre spielen immer wieder aufs Neue.  Ich kann auch heute noch, nach über dreißig Jahren, mit großen Augen vor dem Bildschirm sitzen und mich voll und ganz in seine Riffs und Solis vertiefen. Wenn ich Eddie van Halen zuhöre ist das für mich vergleichbar mit einer Meditation. Es geht durch und durch und ich fühle mich mit etwas verbunden, dass größer ist als ich. Natürlich gibt es noch andere Musik, mit der ich mich verbunden fühle und die ich regelrecht versinken kann. Es war einfach das erste Mal, dass eine einzelne Person mit einem Instrument diese Wirkung bei mir erzeugen konnte.

Was faszinierte mich damals und auch heute noch an Eddie? Die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit mit der er seine Kunst beherrschte. In einem Gitarrenmagazin hat man ihn mal sinngemäß gefragt, wie er denn auf die tolle Gitarrengimmicks gekommen sei. Er antwortete, dass er den ganzen Tag auf der Gitarre „herumnudelte“ und dann ganz automatisch zu seinen Einfällen kam. Eddie van Halen war einfach ein Musikverrückter, dem anscheinend nichts anderes als seine Gitarrenkunst interessierte. Für mich als Sechzehnjähriger war das eine Ansage: wenn du ein Gitarrenheld werden willst, brauchst du dich nur den ganzen Tag mit deiner Gitarre zu beschäftigen und alles passiert ganz automatisch.

 Die folgenden Jahre habe ich jeden Tag bis zu acht Stunden Gitarre geübt. Die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit eines Eddie van Halen hat sich bei mir nie eingestellt. Ich habe es erst gar nicht versucht, Eddie Van Halen zu imitieren. Ich habe mir andere Vorbilder ausgesucht, die ich leichter erreichen konnte. Im gleichen Jahr habe ich die „Master of Puppets“ von Metallica für mich entdeckt. Ich wurde ein leidenschaftlicher Kirk-Hammet-Imitator, dessen Spielweise eine ähnliche Wirkung wie die von Eddie auf mich hatte. Seine melodiösen Linien, die schnellen Licks, später durchsetzt mit Tapping-Passage schienen die etwas moderne Version der Techniken zu sein, die Eddie Van Halen erfunden hatte. Gerade die Riffs und Solis der „Justice for all“-Phase konnte ich teilweise perfekt nachspielen. Trotzdem wurde ich nie der Gitarrenheld, der ich sein wollte. Ich spiele heute noch gerne Gitarre. Die schnellen Solis habe ich nicht mehr in den Fingern und doch klingt meine frühe Leidenschaft für Van Halen immer wieder durch.

Vielleicht ist es auch gut, kein Gitarrenheld zu sein. Denn leider war Eddie auch ein Beispiel für die Schattenseiten der Musikbesessenheit. Drogen, Kettenrauchen, kaputte Ehe, seltsame Projekte, ständige Querelen in der Band, Erfolglosigkeit, körperlicher Verfall, Krankheit, früher Tod: das übliche Drama eines Rockmusikers. Als außenstehender Fan konnte man seine Persönlichkeit konnte nicht erfassen und auch seine Leiden blieben verborgen. Der Mensch Eddie van Halen blieb immer ein Rätsel. Er war der typische Rockstar der Achtziger. Damals machte man Party und beschäftigte sich nicht mit sich selbst. Letztendlich hat es dazu geführt, dass er nun mit 65 viel zu früh die Gitarre für immer zu Seite gelegt hat und ich nun einem meiner frühen Helden nachtrauern muss.

Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Lenz

Zum ersten Mal  bin ich in der taT-Studiobühne, der Nebenbühne des Gießener Stadttheaters. Hier arbeitet sich heute Abend Christian Fries, der alte Haudegen,  an der Novelle Lenz von Georg Büchner ab. Christian Fries gehörte für ein paar Jahre zum Gießener Schauspielensemble und kehrt für Gastspiele immer wieder mal nach Gießen zurück.  Das taT ist der Schauplatz kleinerer Inszenierungen, ab und zu mal mit experimentellen Anspruch, ein leerer Würfel mit schwarzen Wänden, pandemiebedingt mit wenigen Stühlen, die im Raum verteilt sind. Christian Fries hat viel Fläche zur Verfügung, die er gar nicht nutzen muss. Das Reclamheftchen mit dem Lenz-Text liegt irgendwo auf dem Boden, ein Sessel in der Ecke, Mikro, das ist das Bühnenbild.

Der Text Lenz handelt, eingebettet in unzähligen Naturbeschreibungen, von dem psychisch kranken Schriftsteller Lenz, der in einem abgelegenen Bergdorf bei dem Pfarrer Oberlin unterkommt und dort endgültig seinem Wahnsinn verfällt.  Lenz nimmt am Tage am Leben teil hat und verliert sich nachts in seinen Ängsten und Phantasien. Lenz bekommt Besuch von seinem Freund Kaufmann, der ihn dazu überreden will, nach Hause zurück zu kehren. Als Oberlin und Kaufmann eine Reise in die Schweiz unternehmen, begleitet Lenz sie ein Stück und kommt auf den Rückweg in ein anderes Bergdorf. Dort kommt er bei einer Familie unter, deren Tochter an Fieber leidet und kurz darauf stirbt. Lenz fühlt sich verantwortlich, will das Mädchen ins Leben zurückholen. Zwischenzeitlich kehrt Oberlin aus der Schweiz zurück und Lenz phantasiert in seiner Gegenwart, dass er seine Geliebte umgebracht hat. In Folge versucht sich Lenz aus dem Fenster zu stürzen und wird am Schluss im apathischen Zustand nach Straßburg gebracht.

Wie kann sich ein Schauspieler dem Stück nähern? Es geht ja ums Irresein, um emotionale Ausbrüche und Zusammenbrüche, das kann man als Schauspieler reproduzieren, in dem man mit pathetischer Mimik und Gestik das Irresein nachspielt oder man macht es wie Christian Fries, der sich reduktionistisch mit dem Text auseinandersetzt.

Wer Christian Fries schon einmal erlebt hat, hätte ihm das pathetische Zetern und atemlose Verlieren in den Wahnsinn eh nicht abgenommen. Herr Fries ist in seiner Tonlage nicht fliesend dynamisch, sondern leise, normal oder laut. Das macht ihn sympathisch, weil er erst gar nicht versucht, sich in seiner Rolle hinein zu verkriechen. Er steht auf der Bühne, bewegt sich kaum, verwendet wenige Gesten, nur an einige Stellen untermalt er mit seinen Händen den Text, seine Stimme leise, leiernd rezitierend, lässt er am Zuschauer vorbeihuschen. Man muss genau zuhören, um den Inhalt zu verstehen. Manchmal setzt er einen Blockflötenkopf ein, um Übergänge zu schaffen oder Stimmungen zu verdeutlichen (z. B. zu Beginn ahmt er den Wind nach, der durchs Gebirge bläst).

Tief im Text steckt Büchners Sicht der Dinge. Er lässt sie im Gespräch zwischen Lenz und Kaufmann aufblitzen, als Lenz gegen den Idealismus wettert: „Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht, wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen; unser einziges Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist. Das Gefühl, daß, was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen.“

Damit widerspricht er den seine Gegenwart bestimmende Strömungen. Wo Romantik und Idealismus nach Verklärung und Überhöhung streben, setzt er auf Realismus.

Und genau diesen Ton trifft Fries mit seiner Schauspielkunst. Es geht ums Zuhören und wahrnehmen und nicht um Überhöhung. Kurz zusammengefasst: Das wohltuende Gegenprogramm zum Musical, dass einen Popstar zum Außerirdischen hochstilisiert und damit das Theater an den Zeitgeist verrät.  

Nicht Reihe 3, Platz 58 und 59 – Lazarus

Das blöde Virus hat uns die halbe Theatersaison geklaut. Wir waren Anfang März das letzte Mal im Theater und in der neuen Saison werden die Stücke nachgeholt, die wir Abonnenten verpasst haben. Mal abgesehen von der etwas schrägen Kommunikation per E-Mail (äh? Was? Ich verstehe nix!) hat sich der Verwaltungsapparat unseres Lieblingstheaters gut um uns gekümmert. Auf Nachfrage hat man uns das Procedere erläutert und uns gleich Karten für Nachholtermine zur Verfügung gestellt.

Ein paar Tage vor der Aufführung habe ich eine Mail mit Anweisungen bekommen: “Unten sehen Sie den Bereich, in dem sie sich einen Platz aussuchen müssen.“ Ich schaue auf das Ende der Mail und es taucht ein grüner Balken auf. Darin in schwarzen Buchstaben: „links grün.“

Wie haben die Kenntnis von meiner politische Gesinnung erlangen können? Ich wollte noch in Theater nachschauen, ob es für die entgegengesetzte politische Überzeugung einen „rechts braun“- Abschnitt gab, habe es aber leider vergessen.

Wir nahmen im zugewiesenen Bereich Platz und begrüßten mit einem lauen Winken das Paar, das sonst direkt neben uns sitzt und nun zwei Plätze zwischen uns und ihnen lassen musste. Wir hatten mehr Platz und Beinfreiheit. Die Türen zum Innenraum blieben während der Vorstellung auf. Es kam frische Luft in die ansonsten muffige Bude, in der oft die Luft steht, als wäre der Innenraum seit der ersten Vorstellung im Jahr 1907 nicht gelüftet worden. Masken tragen während der gesamten Vorstellung, auf den Wein in der Pause zu verzichten, das sind schon harte Einschränkungen für den Bildungsbürger. Aber da wir auch sonst keine Jammerlappen sind, freuen wir uns einfach darauf, wieder am Kulturleben teilnehmen zu können. Denn das hat uns wirklich gefehlt.

Falls ich es noch nicht gesagt habe: Ich finde Musicals schrecklich. Ich wiederhole es gerne: Musicals sind eine Zumutung. Auch Lazarus, obwohl es von dem wahrscheinlich einzigen Außerirdischen handelt, der es jemals zum Rockstar gebracht hat, ist grauenvoll langweilig.

Das ich dieses Musical nicht mag,  liegt nicht an David Bowie und seinem Werk, das hier über zweieinhalb Stunden ausgebreitet wird und für das ich mich immer leise habe begeistern können.  David Bowie war ab den Siebzigern im Rock und Pop eine stilbildende Macht, die auch immer mehr Sensibilität und Intellektualität versprach, als all die anderen Pop- und Rockikonen der letzten vierzig Jahre.

Es liegt auch nicht an der Story, die sie um die Lieder herumgestrickt haben. Man liefert die Fortsetzung des Filmes, in dem Bowie in seiner ersten großen Filmrolle reüssierte: der Mann, der auf die Erde fiel. Er spielte einen Außerirdischen, der auf der Erde hängen bleibt, sich verliebt, seine Liebe wieder verliert, als reicher Unternehmer eine Rakete bauen will, die ihn zurück nach Hause bringt und dabei scheitert. Im Musical sitzt der Außerirdische in seiner Wohnung, kann nicht altern, kann nicht nach Hause, trauert seiner alten Liebe nach und vertreibt sich die Zeit, mit dem übermäßigen Genuss von Gin. Lazarus kann nicht sterben, er ist zur Wiederauferstehung verdammt. Das ist doch schon die wichtigste Botschaft des Musicals. Herr Bowie kann nicht sterben, er ist der ewige Außerirdische der Popkultur.

 Auch die dargebotene Leistung der Schauspieler ist nicht der Grund für mein Unbehagen. Manchmal ist es etwas verwirrend, wenn man bemerkt, dass die Schauspielerin in den Filmeinspielungen gar nicht mehr zum Ensemble gehört und durch eine andere Schauspielerin ersetzt wurde. Auch kann man nicht erwarten, dass irgendein Schauspieler den Gesang von Herrn Bowie perfekt imitieren kann. Es mag der Funke nicht überspringen. Auf der Bühne macht man Rambazamba aber unten im Zuschauerraum herrscht Stille. Rockmusik lebt nun mal von der Interaktion zwischen Band und Zuhörer. Deswegen kann die Leistung des Schauspielensembles schon mal nur solide wirken und mich nicht vom Hocker hauen.

Es liegt schon einmal gar nicht an der musikalischen Leistung der Band, die im Hintergrund agiert. Alle Stücke werden fehlerlos dargeboten, manche zu überraschenden Versionen arrangiert. Alles klingt gut, aber auch nicht einzigartig. Interpretationen auf Profiniveau, fast schon zu schön, um mit den schrillen Originalversionen mithalten zu können.  

Ja und auch das Bühnenbild ist wie immer fantastisch. Aber mit Filmeinspielungen irgendwie einen oben drauf setzen, wird von der Institution Theater einfach überstrapaziert.

Mein persönlicher und vollkommen subjektiver Geschmack mäkelt an diesem Stück herum, weil es als Musical daher kommt. Die Theater verkaufen sich unter Wert, wenn sie dieser albernen Mode folgen und mit Rock- oder Popsongs ganze Inszenierungen füllen. Das Theater lebt doch von der Kraft der Sprache, vom der Präsenz der Schauspieler und nicht von musikalischen Darbietungen, die vielleicht als Beiwerk einer Inszenierung dienen können. Ich hoffe, die Mode der inszenierten Rockkonzerte geht bald an uns vorbei und wir kehren wieder zu den Wurzeln des Schauspiels zurück.

Der Staat – ein Missverständnis?

Die Demonstranten, die in letzter Zeit gegen die Pandemiemaßnahmen der Regierung auf die Straße gegangen sind, egal welche Beweggründe sie vorgebracht haben, eint alle das mangelnde Verständnis für Politik und die Funktionsweise eines modernen Staatswesens.

Dieser Umstand erschreckt mich fast mehr als die Tatsache, dass die üblichen Verdächtigen aus der rechten Szene die Proteste unterwandern und für sich nutzen.

Im Prinzip heißt es, dass viele Menschen in unserem Land die Grundlagen für unser Zusammenleben nicht kennen oder nicht anerkennen. Der Gesellschaftsvertrag bröckelt.

Wenn man vom Typus Empörer absieht, der sich zur schweigenden Mehrheit zählt, aber dabei brüllend verkündet, dass man nach dem Umsturz aufpassen muss, weil man dann als erster am nächsten Baum aufgeknüpft wird, haben viele Menschen ihre individuellen Ängste vor individueller Einschränkung als Grund für ihren Protest vorgebracht.

Man hört Aussagen wie ich habe Angst um meine Freiheit, nicht, ich habe Angst um die Freiheit aller Menschen, die in Deutschland leben oder ich darf nicht mehr sagen, was ich denke, nicht die allgemeine Meinungsfreiheit ist in Gefahr oder ich fühle mich nicht ernstgenommen von der Politik und nicht die Politik nimmt die Belange der Bürger im Allgemeinen nicht mehr ernst. Solche Aussagen beinhalten immer eine Abgrenzung, die genau in das Schema vom falschen Staatsverständnis passt.

Worauf begründet sich der moderne Staat? Darauf, dass wir alle auf einen kleinen Teil unserer individuellen Freiheit verzichten. Dafür erhalten wir im besten Fall soziale Sicherheit, Schutz für unser Leib und Leben, unumstößliche Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Bewegungsfreiheit, Wahlfreiheit Recht auf Entfaltung usw. und wenn es gut läuft, ein gewisses Maß an Wohlstand. Dieses Rechte erhalten grundsätzlich alle Menschen, die innerhalb der Grenzen unseres Staates leben. Alle Menschen sind vor dem Gesetz und vor dem Staat gleich. Um dem Staat die Erfüllung seiner Aufgaben zu ermöglichen, haben alle Bürger die gleichen Pflichten: Sich an Gesetze halten, Steuern zahlen usw.

Dieses unheimlich komplexe Modell hat sich über die Jahrhunderte entwickelt und ist zum Garant für eine größtmögliche Freiheit einer möglichst großen Anzahl von Menschen geworden. Dass es dabei zu Verwerfungen und fast unmöglich zu lösenden Problemen kommt, ist unvermeidlich. Daher ist jede Gesellschaft auf Kompromissfähigkeit im Rahmen eines ausgleichenden Diskurses angewiesen. Daher hat sich das Modell unabhängiger Kontroll- und Regulierungsinstanzen in den letzten Jahrzehnten bewährt. Wenn die Politik bei Problemen untätig bleibt, gibt es für jeden Bürger die Möglichkeit sein Anliegen durch die von der Politik unabhängigen Instanzen vorzubringen.

Damit dieser Staat handlungsfähig ist, geben wir einerseits ein kleines Stück unserer Freiheit und unterwerfen uns alle in einem gewissen Maße der Staatsgewalt (Trotzdem geht alle Gewalt vom Volke aus). Dadurch wird die pure Anarchie verhindert. Wer auf seine individuelle Freiheit pocht und durch die Staatsgewalt nicht in seine Grenzen gewiesen wird, wird irgendwann zum Mittel der Selbstverteidigung greifen und alle werden sich irgendwann gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Eine Szene, die vielleicht stellvertretend für dieses Missverständnis steht, ist mir im Gedächtnis geblieben und gab mir den Anstoß für meine Überlegungen.

Es war eine der ersten Demonstrationen gegen den Umgang der Regierung mit der Pandemiesituation, die in Berlin auf der Wiese vor dem Reichstag stattgefunden hat. Während der ersten Welle der Pandemie hat man Demonstrationen zugelassen, wenn die Anzahl der Demonstrierenden begrenzt war und die Demonstranten strikt die Abstandsregelungen eingehalten haben. Damals ging die Polizei gegen Demonstranten vor, die sich als absolut renitent gezeigt haben und hat diese aus der kleinen Menge mit Gewalt herausgezerrt. Teilweise stürzten sich mehrere Polizisten auf einen Demonstranten, um ihn aus der Menge zu entfernen. Einen Stück weiter hat ein Fernsehteam die Menschen nach ihrer Meinung gefragt. Eine Frau, die das Verhalten der Polizei beobachtet hat, zeigte sich sehr bestürzt. Die Frau war mit ihrer heranwachsenden Tochter auf die Demo gegangen und hatte alles andere erwartet, als Polizisten, die die vorgegebenen Regeln durchgesetzt haben. Man sollte sich nicht von Äußerlichkeiten täuschen lassen, aber alles was die Frau von sich gegeben hatte, wie sie gekleidet war und wie sich gegeben hat, ließ darauf schließen, dass sie noch nie eine Demonstration besucht hat und normalerweise eher der Typ ist, der sich lieber auf Tupperpartys tummelt. Vielleicht hat sie erwartet, dass die Polizei ihr die neusten bunten Plastikschüsseln präsentiert und nicht Menschen vom Platz zerrt. Sie griff sich ans Herz und stammelte, dass sie sich niemals habe vorstellen können, wie die Polizei gegen friedliche Demonstranten vorgeht.

 Ich war selbst mehrfach auf Demos. Für mich sind Demonstrationen so etwas wie heilige Prozessionen der Demokratie. Es ist ein gesellschaftliches Ritual mit fest verteilten Rollen. Da ist nun einmal der friedliche Demonstrant, der sich an die Regeln hält und seine politische Haltung innerhalb einer Gruppe zum Ausdruck bringt. Auf der anderen Seite stehen die gewaltbereiten Demonstranten, die mit Absicht die Regeln verletzen, um Unruhe zu stiften. Dazu kommen die Polizisten, die die Staatsgewalt repräsentieren und sich dementsprechend zum Teil mit archaischen und militärischen Habitus gerieren.  Sie schützen die friedlichen Demonstranten, die ihre Meinung zum Ausdruck bringen und üben die Gewalt des Staates gegen Demonstranten, die mit Absicht die Regeln verletzten.

Diese Frau hat ganz klar den Ablauf der heiligen Prozession der Demokratie nicht verstanden. Jemand, der demonstriert und renitent gegen die Regeln verstößt, erwartet eine heftige Reaktion der Staatsgewalt. Die Provokation gehört dazu, um entweder den Ablauf zu stören oder sich als Opfer darstellen zu können.

Davon zu unterscheiden, ist meiner Ansicht nach, das durch das Grundgesetz abgesicherte Widerstandrecht, wenn z.B. der Staat oder die Vertreter seiner Organe, aber auch jede Privatperson, die Verfassungsordnung zu beseitigen versucht.

Darauf scheinen sich auch viele der Demonstranten berufen zu wollen. Sie vergessen aber, dass unsere Staatsorgane im Rahmen der Pandemie nicht grundsätzlich die Verfassungsrechte angreifen oder aussetzen, sondern nur mit besonderen Regeln im geringen Maße für den Zeitraum der Pandemie einschränken. Jeder kann demonstrieren, allerdings mit Maske und Abstand.

Aber genau das führt zurück zu meinem Ausgangspunkt. Man will den modernen Staat nicht anerkennen oder hat ein falsches Verständnis von Staat und kann im besten Falle für unpolitische Menschen, die sich plötzlich angesprochen fühlen, die Opferrolle herausholen.

Und dann kommen noch vegane Köche um die Ecke, die genau wissen, dass sie nur an jeden Satz dran hängen müssen „das ist doch klar! Das musste doch wissen!“ und ihre absurden Ansichten und Handlungen rechtfertigen zu können.

Eine echte Gefahr für unsere Demokratie sind nicht diese üblichen Querschläger, sondern Menschen wie diese Frau, die eine Demonstration mit einer Tupperparty verwechselt hat. Wenn wir diesen Menschen in Zukunft nicht mehr vermitteln können, was innerhalb des modernen Staates angemessen ist und was nicht und welche Vorteile sie auch Zukunft genießen kann, wenn sie nur ein kleines bisschen Freiheit abgibt, müssen wir uns wirklich um unsere Freiheit sorgen. 

Waves – das Leben ist ein verdammter Terrence Malick-Film

Meine Frau und ich waren am Samstag im Kino Traumstern in Lich. Ein Programmkino in der Provinz ist etwas Besonderes. Das Kino Traumstern gibt es schon lange, hat sogar einige Preise gewonnen und gehört meines Erachtens zu den kulturellen Attraktionen in unserer Gegend. Wir fahren im Sommer gerne dorthin, weil es die einzige Möglichkeit für uns ist, herausfordernde Intellektuellenfilme im Kino zu sehen. Wir reden gerne nach dem Film über das was wir gesehen haben. Manchmal könnte man sogar meinen, dass das Reden über anstrengende und kluge Dinge der Kleister unserer Beziehung ist. Wir sind keine geistigen Überflieger, aber interessiert am intellektuellen Austausch, am gemeinsamen Denkprozess. Das macht uns Spaß und bereitet uns Freude. Man kann uns vorhalten, wir seien fürchterliche Langweiler, weil wir alles sezieren und den Dingen so die Seele nehmen. Das stimmt nicht. Wir lassen uns gerne von Filmen überwältigen. Film überträgt Emotionen auf den Zuschauer. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass gute Filme das Herz des Zuschauers berühren müssen.

 Wenn das als Maßstab nimmt, ist Waves ein guter Film. Er ist voller Dramatik, Empathie, Liebe und Nähe zu den Figuren. Man kann sich von den Bildern, von der Handlung und von den Personen überwältigen lassen und kommt in den Kinohimmel.

Woher kommt das? Der Regisseur Trey Edwards Shults hat bei Terrence Malik gelernt (er hat bei drei seiner Film als Praktikant mitgearbeitet). Das Positive aus Mallicks Filmen, die Nähe zu den Figuren, die Subjektivität, die Kraft der Bilder hat er sich angeeignet und die negative Seiten der manchmal etwas trögen und zähen Mallick-Filme hat er hinter sich gelassen. Mallick verliert sich gerne in schöne Naturszenen und inneren Flüsterdialogen. Das ersetzt Shults klugerweise durch eine gut durchdachte Handlung.

 Der Film teilt sich in zwei Teile. Man könnte den ersten Teil die Überschrift Schuld geben und dem zwei Teil könnte man mit Heilung überschreiben.

Im ersten Teil wird Tyler und seine Familie gezeigt, die ein modernes Hyperleben führen. In überdrehten grellen Bildern wird das Leben einer Familie gezeigt, die alles dem persönlichen Erfolg  und sozialen Status unterordnet. Tyler hat einen muskulösen Ringerkörper und eine übertrieben hübsche Freundin, er macht den ganzen Tag Sport, rennt frühmorgens schon los, trainiert für seine Ringerwettkämpfe, lernt brav auch noch spätabends für die Schule und kann auch noch perfekt Pianoballaden auf dem Flügel spielen. Er und seine Familie (Sein Vater, seine Schwester, seine Stiefmutter) wohnen in einem riesigen Anwesen. Tyler fährt ein Auto, das so groß und robust wie ein Panzer wirkt und ihn beim Fahren wie eine Rüstung umhüllt. Sein Vater treibt ihn gnadenlos zu Höchstleistungen an und Junior entwickelt sich zu  kaltschnäuzigen und arroganten Kraftprotz. Eines Tages bricht das Unglück über die Familie herein. Tylers vorgezeichneter Erfolgsweg gerät durch eine Sportverletzung in Gefahr und seine Freundin wird von ihm schwanger. Beides verheimlicht er vor seiner Familie, insbesondere vor seinem Vater. Heimlich schluckt er Schmerzmittel, wird immer aggressiver, ausfälliger, haltloser, und depressiver. Am Schluss des ersten Teiles schlägt er während eines Streites seine schwangere Freundin auf einer Party so zu Boden, dass sie stirbt.  Er wird zu dreißig Jahren Gefängnis verurteilt. Die Familie zerbricht an dem Verbrechen des Sohnes.  Hier könnte der Film nach einer Stunde fast zu Ende sein. Jetzt beginnt allerdings der zweite Teil, die Geschichte des Heilungsprozesses. Tylers Schwester Emely, die bisher nur eine Nebenrolle gespielt hat, gerät in den Fokus der Handlung. Sie beobachtet den Zerfall ihrer eigenen Familie und zieht sich ratlos zurück. Zufälligerweise lernt sie Luke kennen, einen jungen Mann, der mit seiner Mutter alleine lebt. Seine Mutter hat sich von seinem Vater, einem gewalttätigen Säufer, getrennt.  Luke ist ein liebenswürdiger und offener junger Mann, der genau das Gegenteil von Emelys Vater darstellt.  Mit der Liebe zu dem jungen Mann entwickelt sich etwas, das zu einem Heilungsprozess führt, der so intim und lebensecht wirkt, wie man es sich kaum besser in einer dramatischen Handlung vorstellen kann. Es kommt zu einem glücklichen Ende, das wahrhaftig wirkt und nicht wie das übliche Hollywood-Happyend. Gerade der zweite Teil, klug und einfühlsam erzählt, legt den Fokus weniger auf Bilder als auf Dialoge. Man beobachtet Menschen beim Reden, wie sie sich offenbaren, ihre Fehler eingestehen, um Vergebung bitten und sich dadurch näher kommen. Die Kamera sucht das Wahrhaftige in den Gesichtern und lässt den Dialogen freien Lauf. Dadurch wird der Film zu einem Gesamtkunstwerk, der so vieles beinhaltet und eigentlich nichts anderes behauptet, als das Menschen durch Begegnung und Reden in der Lage sind, ihre Probleme zu lösen und die Lösung nicht darin liegt, sich hinter Wohlstand, Erfolg und Status zu verstecken.

Die Verkehrswende findet hier nicht statt

Wetzlar, die Stadt in der ich und meine Familie leben, ist eine typische deutsche Kleinstadt mit 50000 Einwohnern, eingebettet in der schönen Landschaft zwischen Westerwald und Taunus, mit einer pittoresken Altstadt, grünen Parkoasen am Fluss, einem stattlichen Dom und einer breiten vierspurigen hässlichen Straße, die durch die ganze Stadt führt.

Auch hier wurde nach dem Krieg alles dem Wiederaufbau untergeordnet. Man modernisierte Wetzlar mit viel Beton und Asphalt. Für die Menschen hat es damals Sinn gemacht. Plötzlich waren die engen muffigen Gassen weg, die alten Straßenzüge sanierungsbedürftige kleiner Häuser verschwanden und an deren Stelle traten breite Straßen und moderne Zweckbauten. Man schuf Platz für den Fortschritt und die Verheißungen des Wirtschaftswachstumes.

Wir wissen heute, was daraus geworden ist und man kann der Nachkriegsgeneration keinen Vorwurf machen. Was viel schlimmer wiegt und heute einfach nur noch nervt ist diese Beharrlichkeit und das Unverständnis vieler Menschen und Politiker, die nicht sehen wollen, dass wir unsere Lebensweise auf kommunaler Ebene verändern müssen.

Dazu gehört für mich ganz klar auch die Veränderung unserer Verkehrsinfrastruktur. In Wetzlar gibt es ein städtisches Radwegekonzept, dass jetzt nach und nach umgesetzt wird. Leider ist es ein halbherziges Konzept. Man weiß um die Notwendigkeit einer Verkehrswende,  erkennt aber nicht die Notwendigkeit radikaler Veränderungen. Den Autofahrern sollen Zumutungen erspart bleiben. Also macht man hier und dort einen Radstreifen und glaubt, das beruhigt diejenigen, die die Veränderung nicht als Zumutung, sondern als zwingend betrachten.

Das grundsätzliche Problem in Wetzlar besteht darin, dass wir eine vierspurige Ortsdurchfahrt mit Anschluss an eine Bundesstraße haben, aber viele Zubringerstraßen wie Nadelöhre die historischen Pfade in die Stadt nachbilden. Die Verkehrswende könnte da beginnen, wo man an solchen Straßen dem Rad und ÖPNV den Vorrang gibt. Leider verzichtet man darauf. Es geht nicht darum, Autofahrer zu bestrafen oder auszugrenzen, sondern die Attraktivität der ressourcenschonenden Verkehrsmittel zu erhöhen und so möglichst viele Menschen die Nutzung dieser Verkehrsmittel zu erleichtern.

Das Traurige daran ist, das wir eigentlich in Wetzlar sehr stark vom Fahrradtourismus profitieren. Viele Menschen kommen über regionalen Radwege nach Wetzlar, um die Stadt zu besuchen. In der Stadt selbst sind sie als Radfahrer nicht willkommen. Es gibt viele gefährliche Stellen, unklare Regelungen, Radwege die ins Nichts führen, Umwege, die man mit dem Fahrrad in Kauf nehmen muss. Daher wundert es mich, dass die städtische Politik keine weitergehenden Maßnahmen ergreift. Denn wenn einem die wenigen Fahrradverrückten nicht wichtig sind, so hat man doch immer den Tourismus als wachsenden Wirtschaftszweig im Blick.

Aber die wenigen Fahrradverrückten in dieser Stadt machen immer mal gerne auf sich aufmerksam. Am letzten Samstag haben verschiedene Gruppen eine Fahrraddemo veranstaltet,  die die Probleme rund um die verfehlte Verkehrspolitik sichtbar machen sollte. Die Dominanz des motorisierten Individualverkehrs sollte wenigstens für ein paar Stunden in den Hintergrund treten.

Eine illustre Kolonne mit ca. 170 Radfahrern fuhr auf den breiten Chausseen der Innenstadt, die für die Demo von der Polizei gesperrt wurden. Meine Frau, unsere drei Kinder und ich gehörten dieser Kolonne an.

 Es war ein wunderschönes Gefühl die breite Straße am Karl-Kellner-Ring lang fahren zu können und ein Gespür dafür zu bekommen, wie Ruhe in eine Stadt einkehrt, die ansonsten vom Lärm des motorisierten Individualverkehrs geprägt ist. Eine Stadt ohne Auto ermöglicht eine neue Lebensqualität für alle. Wenn wir kreativ mit der Stadt umgehen, die uns nun einmal so gegeben ist, wie sie momentan ist, können wir gemeinsam viel erreichen. Dabei ist es wichtig, niemanden auszugrenzen, sondern allen Bürgern und Besucher dieser Stadt an den neuen Möglichkeiten teilhaben zu lassen.

Es ist ein langer Prozess, weil in vielen Köpfen ein Umdenken beginnen muss. Wenn wir als Bürger und Radfahrer dieses Stadt auf uns aufmerksam machen, in dem wir Samstagsnachmittags friedlich und gewaltfrei Präsenz zeigen, machen wir Werbung für unser Anliegen, dass eigentlich das Anliegen aller Menschen ist: Einen Lebensraum zu haben, der einem die Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung bietet.

Wie schreibt man einen Bestseller in zehn Tagen? Teil 2

Anschließend habe ich mich dem Kapitel gewidmet, das zur Bearbeitung anstand. Ich habe erst einmal versucht zu klären, worum es in dem Kapitel gehen soll. Dabei kam ein Motto zustande: Manchmal muss man die Dunkelheit ertragen, um die Wahrheit darin verbergen zu können.

In dem Kapitel geht es um die Reise zweier blinder Passagiere auf einem Containerschiff. Um nach Indien zu kommen, haben sie sich in einem Container einsperren lassen. Mein Protagonist und sein Freund reisen um die Welt, um den Vater des Freundes zu finden. Die beiden haben ein Geheimnis, das sie einander kettet. Die Freundschaft ist reine Fassade und die Beziehung besteht darin, dass sich beide gegenseitig benutzen oder demütigen, da jeder den anderen für die missliche Lage verantwortlich macht. Und jetzt sitzen sie in einem dunklen Container fest. Der Freund hat eine Stirnlampe und hockt auf den Vorräten. Mein Protagonist hat furchtbare Angst, die Überfahrt nicht zu überleben. Außerdem fürchtet er sich wahnsinnig vor der Dunkelheit.

Ich hatte erhebliche Probleme diese Situation zu beschreiben. Die alte Version war Teil eines sehr langen, verschachtelten Kapitels. Das Thema Angst vor der Dunkelheit, Angst vor der Enttarnung, Angst vor dem besten Freund ging in den vielen Teilaspekten mehrerer Geschichten unter. Dabei stellte sich der Gebrauch der indirekten Rede als absolutes Hindernis heraus. Einer der ersten Überlegung war es, dieses eine Kapitel in direkter Rede zu verfassen, um den besonderen Charakter des Kapitels zu betonen und andererseits den beiden Freunden einen echten Dialog zu ermöglichen.

In allen anderen Kapiteln nutze ich die indirekte Rede, um die subjektive Sicht des Ich-Erzählers, meines Protagonistens, noch zu verstärken. Im Containerkapitel sollte die Gegenposition des Freundes sichtbar werden, sie sollte aus der dunklen Ecke der Subjektivität ans Tageslicht gezerrt werden.

Das ganze Buch über wird wenig geredet. Der Protagonist und sein Freund sprechen nicht viel miteinander. Sie schweigen sich an. Der eine misstraut dem anderen. Im Container müssen sie sich auf sich gegenseitig verlassen können. Um überleben zu können, müssen sie miteinander reden. Mein Held kann die Dunkelheit nur ertragen, weil ihm die Stimme seines Freundes aus der Einsamkeit herausreißt. Der Einsatz der indirekten Rede hätte in dieser Situation nur gestört.

 Also habe ich als zweiten Schritt einen Übungsdialog geschrieben. Einen ziemlich langen und ausführlichen Dialog über fast zwanzig Normseiten. Ich habe sie sich gegenseitig Fragen stellen lassen, jeder konnte seine Ängste und seine Wut formulieren. Sie konnten die Reise bis zu dem Stadium rekapitulieren und sich die Bälle zuspielen.

Beim Schreiben des Dialoges kam der Spaß am Text wieder. Ich hatte die Monotonie der vorherigen Kapitel durchbrochen, weil ich mich nicht mehr an meinen straffen Formalismus gehalten habe.

Mit dem Übungsdialog bekam ich die Chance meine zwei Hauptfiguren neu zu entdecken. Bisher gab der Protagonist als Ich-Erzähler das Bild seines Freundes vor. Er hat in sein Handeln und seine Worte etwas hineininterpretiert (gerade durch die indirekte Rede). Ich selbst als Autor wusste nicht mehr, wie der Freund wirklich tickt.

Der Leser kann meiner Freude am Schreiben hoffentlich folgen. Sollte er doch eine Vielschichtigkeit und Tiefe bei den Hauptpersonen erkennen, die vorher durch die Subjektivität nicht unbedingt erkennbar war.

Als ich den Dialog fertig hatte, hatte ich parallel aus den späteren Kapiteln viele Traumsequenzen herausgeschnitten. Die Träume waren abscheulich dumm, törichte Schnipsel einer wenig glaubhaften Psyche. Eine Traumsequenz fand ich aber sehr passend. Sprachlich war sie viel zu überfrachtet mit Beschreibungen und am Ende mit dummen brutalen Ausführungen, die höchstens als Effekthascherei durchgingen.  Der Traum spielte in einem Freibad. Ich fand in dem Element Wasser eine Verbindung zwischen Freibad und der Fahrt auf einem Containerschiff. Ich stellte die Traumszene am Schluss, konnte sie mir doch helfen, den Dialog genau dorthin zu treiben. Am Anfang ist der Dialog sehr klar und nach und nach weicht er ins Wahnhafte aus. Meinem Protagonisten ist nicht mehr klar, ob er schläft oder wach ist und ob er wirklich noch mit seinem Freund redet. Das Kapitel endet mit einem Knall und lässt dadurch viel Raum zum Anknüpfen (bei Fernsehserien spricht man, glaube ich, von Cliffhängern.)

Nun habe ich den Beginn für die alles entscheidenden letzten Kapitel geschrieben und kann von dort aus den Text auf das alles bestimmende Ereignis als Höhepunkt zuspitzen.

Also liebe AutorInnen, nicht aufgeben, zur Seite treten und sich eine Übung überlegen, um den Bewegungsablauf zu trainieren. Einen Roman absolviert man wie einen Marathon. Man trainiert und trainiert, feilt an der Technik und der Ausdauer und irgendwann läuft man mühelos die ganze Strecke.