Das Institut, ein Reh und ich

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Leipzig. Ich stehe vor dem Deutschen Literaturinstitut. Leicht gebeugt. Könnte sein vor Kälte oder vor Ehrfurcht. Man hört so viel über diese Kaderschmiede für deutschsprachige Schriftsteller. Angeblich kaufen Verlage die Texte der Absolventen noch bevor sie geschrieben sind. Man hört, dass die Studenten sich die meiste Zeit ihre Texte gegenseitig vorlesen und sie dann munter kritisieren, interpretieren und in einzelne Silben zerlegen. Anschließend darf der Autor in Selbstkritik zerfließen und am Ende fällt der Dozent das endgültige Urteil.  Bachmannwettbewerb jeden Tag. Und man hört, dass es nicht darum geht, das Handwerk zu lernen, sondern es zu verfeinern, indem man begreift, dass Schreiben reine Glaubenssache ist.

„Die zentralen Motive für das Bücherlesen haben sich gegenüber 2008 kaum verändert: Unterhaltung und Entspannung werden von 79 Prozent der Befragten als Lesegrund genannt. Sie betrachten Bücherlesen somit als Freizeitvergnügen und eine Passion.“*

Wenn das Schreiben eine Glaubenssache ist, wie schaffen es dann einige Autoren nach dem Studium so unheimlich erfolgreich zu sein? Ein bestimmter Schriftstellertypus sticht nicht hervor. Das kann man dieser Lehranstalt zu Gute halten. Einerseits hat sie geistige Überflieger, wie Juli Zeh, aus dem Westen, deren Vater Direktor des deutschen Bundestages war und die neben ihrem Jurastudium auch noch nebenbei in Leipzig am deutschen Literaturinstitut ihren Magistertitel erworben hat, aber auch einen Underdog wie Clemens Meyer hervor gebracht,  der aus dem Osten der Republik stammt und der sein Studium für einen kleinen Aufenthalt in einer Jugendarrestanstalt unterbrechen musste. Beide verkaufen ihre Bücher und wahrscheinlich haben auch sie gelernt, dass Literatur eine Glaubenssache ist.

Wie passt das zusammen? Glauben und Verkaufen? Da stehe ich in Leipzig vor dem Literaturinstitut und stelle mir die üblichen Fragen. Meine Frau drückt eher widerwillig auf den Auslöser meiner Handykamera. Weil ich eingedrückt vor dieser Villa stehe und nicht weiß, was ich mit mir anfangen soll, lachen mich meine beiden Töchter aus.

Oben im ersten Stock des Institutes brennt Licht. Hoffentlich sieht mich keiner. Ich will kein Literatur-Groupie sein. Eigentlich will ich dagegen sein. Ich will dieses Institut Scheiße finden und mich darin bestärken, dass der Markt meine Bücher nicht verdient hat. Aber eigentlich will ich  auch da rein, meine Texte vorlesen und ja, freiwillig Selbstkritik üben: „Herr Haslinger, ich weiß, meine Figuren wirken kalt und unnahbar. Sie haben das damals in ihren Romanen wahrlich besser hinbekommen. Aber wissen sie, ich sehe die Menschen so. Für mich sind sie kalt und unnahbar. Entschuldigen Sie!! Wie können wir das Problem lösen? Helfen sie mir!“

Die Fotos sind geknipst. Wir gehen zurück zum Parkplatz. Am Parkplatz entdecke ich an einem Laternenmast einen Sticker mit dem einem Abbild von Adorno und dem Text: “ES GIBT K1 RICHTIGES LIFE IM FALSCHEN.“

Das ist schon verdammt komisch mit den Zufällen. Man kann sie so schön zu Äußerungen des Schicksals umdeuten. Die Bestimmung hat den Sticker an den Mast angebracht, um mir einen Denkanstoß zu verpassen, der mich dazu bringt, meinem Leben eine bedeutsame Wendung zu geben.

Anstatt dramatischer Musik zur Untermalung meiner Denkbewegung, die mich sofort dazu bringt, mein jetziges Leben im Falschen als treusorgender Familienvater und Lohnsklave hinfort zu werfen und ein Leben als freier Mann und Schriftsteller zu beginnen, erklingt das Quietschen meiner Reifen. Schnell weg von hier, bevor mich die Bestimmung noch einholt. Ich schaue in den Rückspiegel und hoffe, dass mein Schicksal und Adorno nicht hinter uns her rennen.

Wir fahren nach Hause. Nach zwei Tagen im bitterkalten und menschenleeren Leipzig beenden wir den Versuch,  sich dem Osten unseres Landes als Touristen zu nähern.

Ich lese gerade diese wundersame Textsammlung von J.P. Sartre über Literatur. Er hat dort geschrieben, dass der Schriftsteller die Inkarnation der Totalität ist. Deswegen erläutere ich Ihnen meine aktuelle Situation, um ihnen daran das Ganze vor Augen zu führen.

Anfang Januar, die sächsische Ebene, überall auf dem flachen Land drehen sich Windspargel, Sturmböen fegen uns fast von der Straße. Fünf Personen, zwei Erwachsenen, drei Kinder, wollen zwei Tage lang die Stadt Leipzig erkunden. Die Frau will ausspannen, etwas anderes sehen, der Mann beschäftigt sich seit Monaten monothematisch mit seiner neuesten Macke: der engagierten Literatur. Wie kann ein Autor mit dem Rührlöffel auf den Topfdeckel hauen und Rabbatz machen. Natürlich ethisch einwandfreien Rabbatz. Nicht so eine Wutscheiße, sondern eher das Gegenteil. Er will sagen, was schief läuft in dieser Republik und Auswege aus diesem Elend aufzeigen. Das Problem ist: Das macht momentan jeder.  Was machen Autoren, wenn sie sich monothematisch verheddern? Sie kaufen eine Menge Bücher und lesen sie. Das mache ich zumindest immer. Ich werde zwar davon schlauer, aber so wirklich, so wirklich….

Das Hostel „Blauer Stern“ am Lindenauer Platz gehört Olivia Sue. An unserem Ankunftstag scheinen wir die ersten Gäste zu sei. Das Hostel ist voll im angesagten Retrostil eingerichtet. Jedes Zimmer ist mit Möbeln aus vergangenen Epochen des zwanzigsten Jahrhunderts eingerichtet. Da die Plastikmöbel aus den Siebzigern, hier das Ehebett in brauner Eiche aus der Vorkriegszeit und dort die Anrichte aus den Fünfzigern. Im Erdgeschoß befindet sich ein großes Wohnzimmer mit einer Küchennische. Das Spielzimmer für alle Gäste: Bücher für die Eltern, Spielzeug für die Kinder, Klaviere und eine Gitarre für die musisch Begabten. An den Wänden kleine Rehköpfe im Jägermeisterstil. Die Rezeption besteht aus einem alten Schreibtisch und einer ausgedienten Schreibmaschine. Olivia Sue schien die Durchgängigkeit des Retrostils am Herzen zu liegen. Die Gäste müssen sich sogar in einer großen Kladde verewigen und die Duschköpfe in den Bädern stammten aus den Sechzigern.

Aber trotz aller Bemühungen der Eigentümerin ihr Konzept umzusetzen und damit ihr eigentliche Profession zu verschleiern, bin ich ihr auf die Schliche gekommen.

„Immer mehr Menschen lesen am liebsten nicht zu dicke Bücher. Der Anteil derer, die lieber Bücher mit weniger als 300 Seiten lesen, hat sich im Vergleich zu 2008 fast verdoppelt.“*

Nikolaikirche, im Herzen Leipzigs: hier war der Ausgangspunkt der friedlichen Revolution, die November 1989 zum Fall der Mauer und ein Jahr später zur Wiedervereinigung Deutschlands geführt hat. Das Innere der Kirche ist im Barockstil gehalten. Ich wundere mich, hatte mir doch meine Erinnerung vorgetäuscht, dass ich irgendwann, irgendwo in Fernsehberichten einen gotischen Kirchenraum gesehen hatte. Der Erinnerung an die damaligen Ereignisse ist nur ein kleiner Raum in einem Seitenschiff gewidmet. Von der Decke hängen Fahnen mit der Darstellung der Ereignisse herunter. Mein jüngster Sohn rennt durch den weißen Stoff hindurch. Die Kirche, der Raum der kollektiven Erinnerung wird zum Spielplatz. Ich bin ergriffen. Es gibt kein anderes historisches Ereignis mit dem ich mich so verbunden fühle. Ich war damals achtzehn und im Fernsehen liefen die Bilder von den Montagsdemonstrationen, die Versammlungen vor dem Gewandhaus, die Reden von Leuten wie Kurt Masur.  Ich konnte das Wunder  nicht begreifen. Die Beschleunigung der Geschichte durch einfache Bürger war wider Erwarten möglich.  Es war verstörend, saß ich doch im warmen und hatte kein Leid zu beklagen. Viele Menschen reagierten mit Unverständnis auf den Freiheitswillen der DDR-Bürger. Man hatte Angst, dass man von diesen Schmuddelbrüdern und -schwestern aus dem Osten etwas weg genommen bekommt.

Neben mir steht eine Frau in meinem Alter und erzählt ihrer Tochter, dass sie damals mit ihren Freunden an den Demonstrationen teilgenommen hatte. Der Vater einer Freundin war Polizist und litt furchtbar unter der Angst, seine Tochter während den Demonstrationen zu begegnen und aufgrund eines Befehls ihr oder ihren Freunden Gewalt zufügen zu müssen. Mir stehen die Tränen in den Augen. Wir haben damals nur abgewartet und dann dieses Land und seine mutigen Bürger einkassiert.

…..Politisches Engagement im Sinne einer Idee ist mir wichtig, und ich finde, das gehört auch zum Amt des Schriftstellers dazu. Das Problem der engagierten Literatur ist allerdings, dass dieser Begriff im 20. Jahrhundert völlig desavouiert worden ist. Es hat sich durchgesetzt, dass politisches Engagement bedeutete: parteipolitisches Engagement. Das ging so von den Autoren, die in die Sowjetunion gereist sind und als Kommunisten zurückgekehrt sind…….Emile Zola, das erste große Exempel für einen politisch engagierten Intellektuellen, war keiner Partei verpflichtet, sondern der Wahrheit, dem Anstand und dem Gewissen. Dieses Rollenbild wurde im 20. Jahrhundert durch die Gleichsetzung von politisch und parteipolitisch unselig verballhornt…. (Interview mit Robert Menasse, Der Spiegel, Ausgabe 2/2018, Seite 111)

Es hat nur eine Generation gebraucht und vierzig Jahre DDR sind im Antlitz dieser Stadt nicht mehr zu erkennen. Hier und da blitzt die sozialistische Plattenbauarchitektur durch und natürlich gibt es die heiligen musealen Orte, die die Geschichte repräsentieren. Aber dies sind leblose Denkmäler, die nur noch Fakten vermitteln und nicht mehr das Aufbruchsgefühl einer Zeit, in der sich alles veränderte.  Es ist so einfach mit den scheinbaren Vorzügen des Kapitalismus diese Welt zu erobern. Wenn man Konsum mit Freiheit gleichsetzt, braucht man die Innenstädte nur mit Kaufgelegenheiten zu zupflastern und dafür zu sorgen, dass die Menschen Geld und Zeit haben, um sich dort möglichst lange aufzuhalten.

Olivia Sue fragt mich, ob alles in unserem Zimmer in Ordnung sei. Ich bin aus unserem Zimmer gekommen und erwische sie, als sie gerade aus einer Abstellkammer ein Kissen und eine Matratze für ein Kinderbett herauszieht. Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Ich antworte gelangweilt, dass alles bestens sei. Die Antwort reicht ihr nicht aus.  Ob es auch nicht zu eng ist? In unserem Zimmer steht zwischen einem Stockbett und einer Wand das Klappbett für unseren Sohn. Weder uns noch unsere Kinder stört es. Ich habe Olivia erst zweimal gesehen. Einmal an dem Abend als wir ankamen. Sie räumte in der Küche einen Kühlschrank aus und begrüßte uns. Und einmal am nächsten Morgen huschte sie kurz durch  den Flur. Jedes Mal trug sie eine Strickmütze. Ihre schulterlangen roten Haare und ihre große Brille beherrschen ihre Erscheinung. Ich nehme an, die Haare sind rot gefärbt. Sie ist schmal, zerbrechlich, wie ein scheues Reh. Es fällt ihr schwer, mit ihren Gästen zu kommunizieren. Ich versuche, meine Antwort freundlicher zu gestalten. „Das ist nicht schlimm. Wir sind viel unterwegs, halten uns wenig in dem Zimmer auf. Wir haben damit gerechnet, dass wir nicht viel Platz haben. Wenn wir unterwegs sind, ist das normal für uns.“ Sie ist sichtlich beunruhigt, vertieft das Gespräch aber nicht, sondern versucht ein hilfloses Lächeln. Es gibt keine weitere Unterhaltung. Sie widmet sich wieder der Kinderbettmatratze und ich gehe weiter.

Ich langweile mich. Mein Frau und die Kinder spielen Gesellschaftsspiele. Sartre ist mir zu anstrengend. Dieser ganze Mallarmè-Text ist voller Spitzfindigkeiten. Es geht um das letzte Gedicht von Mallarmè: Der Wurf des Würfels schafft den Zufall niemals ab. Mir schwirrt der Kopf. Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie das Schicksal und Adorno meine Zukunft verhandeln. Stéphane Mallarmé übte den Beruf des Lehrers aus. Er lebte in der Provinz und hasste seinen Beruf. Seine Gedichte sind verschachtelte Konvolute aus Symbolen, Andeutungen, verwoben und üppig wie die großen musikalischen Werke seiner Zeit.  Seine Zeit und auch sein Werk waren von der Erkenntnis geprägt, dass der Mensch sein Bezugssystem verloren habe, da er nun die Existenz Gottes verneinte. Nicht mehr aus Gottes Herrlichkeit sondern aus dem Nichts soll das Schöne entstehen. Ich stutze. Halte ich doch eine Ausgabe des Spiegels in der Hand. Unter dem Tisch liegt ein ganzer Haufen von abgegriffenen Spiegel-Ausgabe. Auf dem Adresskleber steht: Olivia Sue meinem Reh. Ein Mensch, der mit ihr in irgendeiner Weise verbunden ist, hat ihr das Abo geschenkt. Wie reizend! Wie merkwürdig! Olivia ist umgeben von einer Wolke aus reizenden Merkwürdigkeiten. Sie kann den Beruf des Hoteliers nicht erlernt haben. Sie kommt von einem anderen Planeten, nicht vom Hotel- und Gastättengewerbeplaneten.

…er lehnte seine Epoche ab, aber er bewahrte sie als einen Übergang, als einen Tunnel.

(J.P. Sartre über Stèphane Malarmè im Interwiev mit Madelein Chapsal, 1960)

Wieder zuhause angekommen, recherchiere ich. Olivia Sue ist gelernte Schauspielerin, gehörte zum Ensemble eines Theaters im Westen. Das Ensemble wurde verkleinert und einige Schauspieler wurden entlassen. In dem Bericht der Lokalzeitung über die Verkleinerung des Ensembles ist die Rede davon, dass einige Schauspieler nun etwas ganz anderes machen möchten. Als Beispiel ist Olivia Sue aufgeführt, die ein Hostel in Leipzig übernahm.

Tja so funktioniert die Welt. Man hat die Würfel in der hohlen Hand und schüttelt sie hin und her. Dann lässt man sie fallen, sieht das Ergebnis und schreibt es dem Zufall zu. Als Kind habe ich mir oft eingebildet, ich könne beim Kniffel das Ergebnis des Würfelwurfs durch meine Schüttelbewegungen beeinflussen. Ich habe lieber noch einmal geschüttelt, bevor ich die Würfel ihrer Bestimmung übergeben habe. Aber wo beginnen nun wirklich die Bestimmung, Zufall und mein Handeln? Die Grenzen sind fließend. Wir haben mehr Möglichkeiten, unsere Zukunft zu bestimmen, als es uns lieb ist. Es gehört anscheinend viel unverschämter Mut dazu, die Würfel in die Hand zu nehmen und alles dafür zu tun, dass sie fallen. Sonst geht das Spiel nicht weiter.

Wenn die Literatur nicht alles ist, ist sie nicht der Mühe wert. Das will ich mit `Engagement` sagen. Sie vertrocknet umgehend, wenn man sie auf die Unschuld, auf Lieder reduziert. Wenn jeder niedergeschriebene Satz nicht auf allen Ebenen des Menschen und der Gesellschaft widerklingt, bedeutet er nichts. Die Literatur einer Epoche ist die durch ihre Literatur verdaute Epoche.  (J.P. Sartre im Interview mit Madelein Chapsal, 1960)

*Quelle: Studie „Buchkäufer und -leser 2015. Profile, Motive, Einstellungen“ (Oktober 2015), im Auftrag des Börsenverein des Deutschen Buchhandels durch das SINUS-Institut und die GfK SE durchgeführt

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Reihe 3, Platz 58 und 59 – Teil 2

IMG_2150Erst Jahre später, nach der Geburt meiner großen Kinder und nach dem Ende meiner ersten Ehe, lernte ich jemanden kennen, der die Leidenschaft für das Theater mit mir teilte. Henrike war keine Unbekannte. Doch hielt sie sich jahrelang im Hintergrund. Zwischendurch war sie nach München ausgewandert. Kurz bevor sie meine Bühne betrat, war sie wieder in ihre alte Heimat gezogen. Sie lebte mitten in der Innenstadt von Gießen, nur einen Steinwurf vom Theater entfernt. Über einen gemeinsamen Freund kam wieder ein Kontakt zustande. Wir hatten uns über den Winter und Sommer immer wieder am Wochenende mit anderen gemeinsamen Bekannten getroffen und die Abende in Kneipen und Lokalen in Gießen und Marburg verbracht. Im Sommer trafen wir uns ohne Freunde. Zwischen uns entstand schnell eine Vertrautheit und Direktheit, die ich noch bei keinem anderen Menschen erlebt hatte. Henrike war das Gegenbild zu den Zombies auf dem Sofa. Man konnte mit ihr gemeinsam Dinge gedanklich durchdringen. Wir redeten und diskutierten, rauchten Rillos und tranken, stellten fest, dass wir beide seit Jahren den Spiegel jede Woche von vorne bis hinten lasen (sie von vorne nach hinten und ich von hinten nach vorne. Mittwochs treffen wir uns meistens in der Mitte des Heftes) und dass wir uns gleichermaßen zu Literatur und Theater hingezogen fühlten. Ich habe lange gedacht, dass wir eine rein intellektuelle Beziehung haben und habe gar nicht merken wollen, dass Henrike mehr in mir als einen netten Gesprächspartner sah. Ich fühlte mich ihr nahe. Mein Instinktsystem war allerdings auf zickige und anstrengende Frauen ausgerichtet. Eine krasse Fehlschaltung in meinem Hirn, die mich eine vollkommen psychisch deformierte Frau hat heiraten lassen. Mir hat mal eine Frau gesagt, dass sie sich immer in Typen verliebt, die sie schlecht behandeln, weil sie es verdient hätte. Ihr war vollkommen bewusst, dass ihr Verhalten krank war und doch hat sie sich immer diese brutalen Idioten ausgesucht. Ich war nicht viel besser. Ich wartete auf die nächste Katastrophe von Frau, um sie zu heiraten. Henrike blieb hartnäckig und Anfang Dezember hatte ich mich unsterblich in diese kleine Frau verliebt. Danach folgten Jahre mit Schmetterlingen im Bauch und auch heute noch kann ich keinen Tag ohne ihre Gegenwart auskommen. Ich habe am Anfang darauf gewartet, dass dieses Gefühl der Vertrautheit aufhört und die Beziehung zu einer Anhäufung von Ritualen und Gewohnheiten verkommt. Ich war misstrauisch. Ich hatte keine anderen Erfahrungswerte und war fast enttäuscht, dass ich nicht aufhören konnte, mich geborgen und aufgehoben zu fühlen.  Mit dem Beginn unserer Beziehung etablierten wir regelmäßige Theaterabende. Zu dem Zeitpunkt war die jetzige Intendantin des Stadttheater Gießens noch nicht lange in Amt und Würde und es schien ein neuer Wind im Theaterbau am Berliner Platz zu wehen. Frau Miville hatte damals ein Händchen für Inszenierungen, die das Theaterpublikum in Gießen aufmischte. Sie hatte in ihrem Schauspielensemble interessante Charakterköpfe zusammengebracht, mit denen man im Stande war, mehr als das übliche Standardrepertoire zu reproduzieren. In unserer ersten Spielzeit als Abonnenten gab man „der Balkon“ von Jean Genet. Ein selten gespieltes und radikales Stück, mit dem man Aufmerksamkeit erregen konnte. Es gab einen Haufen Scheiße (Wahrscheinlich aus Nougat), der von einer Prostituierte in das Gesicht eines Freiers gedrückt wurde. Es gab eine blutige und nackte Leiche, die sich ungefähr ein Stunde mit verzehrten Gesicht in einem Rednerpult aus Plexiglas zu Schau stellte. Es gab Revolution und viel Chaos auf der Bühne. Ein Teil des Publikums war aufgebracht. Weil man ja schließlich ins Theater ging, um keine Überraschungen zu erleben, verließ man in der Pause wutentbrannt das Theater. Der Rest blieb und feierte am Ende der Aufführung frenetisch den Mut eines Ensembles, das dieses merkwürdige Stück Theater mit Verve und Engagement auf die Bühne gebracht hatte. Ab da waren wir Fans des Stadttheaters und sind es bis heute, auch wenn viele interessante Mitglieder das Ensemble verlassen haben und man mittlerweile eher gefällige Inszenierungen erlebt. Die örtliche Nähe des Theaters hat uns den Besuch erleichtert. Manchmal sind wir fünf Minuten vor Beginn der Vorstellung losgelaufen, um noch rechtzeitig vor Schließung der Türen in den Zuschauerraum zu gelangen. In dieser Zeit haben wir Sonntagsmorgen nach dem Frühstück häufig die Gelegenheit genutzt und die Einführungsmatinee zu den neuen Stücken besucht. Für uns eine wichtige Möglichkeit geistige Nahrung für unsere unzähligen Gespräche zu erhalten und Schauspieler in der Auseinandersetzung mit den Stück  außerhalb ihrer Rollen erleben können. Manchmal hat man die Schauspieler beim Einkaufen in der Stadt gesehen. Damit war immer ein seltsames Empfinden verbunden, weil man sie vielleicht am Tag vorher auf der Bühne erlebt hat. Eine Zeitlang haben wir auch den Weg nach Frankfurt nicht gescheut, um die Vorstellungen des Frankfurter Schauspiels zu sehen. Henni hatte mir damals Karten für eine Aufführung des Rimini-Protokolls geschenkt, die dort im kleinen Haus „das Kapital“ inszeniert haben. Ein phänomenales Erlebnis einer damals noch vollkommen neuen Art, Stücke auf die Bühne zu bringen. Ein weiteres Highlight sollte die Aufführung von Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ sein. Das Stück hatte mich damals in seinen Bann gezogen, da ich mich zu der Zeit viel mit der Geschichte der RAF beschäftigt habe. Allerdings fiel die Inszenierung zu den populären Inszenierungen in Hamburg und München vollkommen ab. Wir haben  noch einige andere Stücke in Frankfurt gesehen, uns am Großstadttheater erfreut und trotzdem sind wir immer wieder nach Gießen zurückgekehrt.  Vor ca. elf Jahren hat Henrike die Idee gehabt, dass wir uns doch ein Theaterabonnement leisten sollten. Sie hatte sich damals ausgiebig informiert, welche Möglichkeiten wir haben und an der Theaterkasse zufällig den richtigen Zeitpunkt erwischt, um sich die Plätze 58 und 59 in Reihe drei zu sichern. Wir waren plötzlich stolze Theaterabobesitzer und sind es geblieben. Ein Jahr später sind wir nach Wetzlar gezogen, in den folgenden Jahren sind unsere drei Kinder auf die Welt gekommen. Wir sind unseren Plätzen in Reihe drei treu geblieben und haben nur wenige Aufführungen verpasst. Heute Vormittag waren wir zum ersten Mal mit allen Kindern zu einer Aufführung. Jule, unsere älteste Tochter, hat im Sommer zwei Eintrittskarten für das Weihnachtsstück gewonnen. Ich hoffe, dass meine Kinder etwas von unserer Leidenschaft fürs Theater mitbekommen und vielleicht lernen, das mein kein Konsumzombie sein muss, sondern dass es viele Wege gibt, sich mit der Welt auseinander zu setzen.  Was hat das jetzt mit meiner Liebe zum Leben zu tun? Von meiner Jugend an, bis zu meinem fünfunddreißigsten Lebensjahr, habe ich mich immer bedroht gefühlt. Es war schwer, den Angstangeboten zu widerstehen, sich nicht dem Weltschmerz hinzugeben. Im Theater gibt es viele Momente der Verzweiflung, aber auch Momente der Erlösung und der Befreiung. Theater heißt die Katharsis zu spielen, sich auf die Möglichkeiten der eigenen Existenz vorzubereiten.  Das Unmittelbare des Theaters ist mehr als eine Übung. Das Drama macht die Extreme des Lebens deutlich und vermittelt die Erfahrung einer Dialektik, die der eigenen Lebenserfahrung am nächsten kommt.  Im Gegensatz zu den Medien Fernsehen und Film, die Traumwelten fern der Wirklichkeit erschaffen, eher Trost vermitteln und ein einlullendes Phlegma erzeugen können, die uns apathisch werden lässt. Ich habe gelitten und den Schmerz erlebt, aber ich habe mir mein Leben angeeignet, so wie ich es im Theater bei vielen Protagonisten erlebt habe. Dadurch ist mein Leben reich an Erfahrungen und Erlebnissen, die mir für immer verborgen geblieben wären, wenn ich keinen Widerstand geleistet hätte und immer noch auf dem Sofa läge, um die nächste Tüte Chips zu öffnen und nach der Fernbedienung zu greifen.

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Teil 1

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Inhaber eines Theaterabonnements zu sein, bedeutet für mich mehr als nur in regelmäßigen Abständen einer kulturellen Veranstaltung beizuwohnen. Für mich ist es der Ausdruck meiner Liebe zum Theater, der Liebe zu meiner Frau und letztendlich, kaum zu glauben, der Liebe zum meinem Leben. Das Theater hat meine Liebe nie erwidert, meine Frau hat mich geliebt, als ich noch gar nichts von ihrer Zuneigung ahnte und mein Leben? Manchmal verschränkt es die Arme, um mich von sich fern zu halten und manchmal öffnet es seine Arme, um mich zu beschützen oder an sich zu drücken.

Aufgewachsen in den Achtzigern, sozialisiert auf dem Dorf, bin ich in meiner Kindheit und Jugend mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber kulturellen Ausdrucksformen jenseits von Fernsehen und Kino konfrontiert worden. Menschliche Kreativität wurde von meiner Umgebung nur akzeptiert, wenn sie im Rahmen einer massentauglichen Kommerzialisierung stattfand. Bücher kaufte man nur beim Bertelsmann-Buchclub, Musik wurde nur gehört, wenn sie im Radio lief und in der Hitparade gelistet wurde, ansonsten flimmerten die Schenkelklopfer des Komödienstadels oder Ohnsorgtheaters über den Bildschirm. Alles andere fand nicht statt und wurde behandelt wie nutzloser Dreck. Man wollte unterhalten werden. Wenn man den ganzen Tag hart gearbeitet hat und sich noch um den Haushalt, den Garten, die Autowäsche, die Fußballbundesliga und die Kinder gekümmert hatte, war man so erschöpft. Man wollte nicht nachdenken oder mit unangenehmen Dingen konfrontiert werden. Ab meinem vierzehnten oder fünfzehnten Lebensjahr entdeckte ich, dass die Erwachsenen und auch viele Gleichaltrige sich in ihrem Alltag auf den Konsum beschränkten. Man verbrachte den Tag mit dem Verbrauch und nicht mit dem Erschaffen. Es war einfacher sich gedankenlos hin zu geben, anstatt es mit seinem Denken zu durchdringen. In meiner Umgebung herrschte Leere und Ahnungslosigkeit. Ich blickte in puppenhafte starre Gesichter, sah unzufriedene und kranke Menschen, die jeglichen Komfort hatten, aber nichts mehr empfinden konnten. Sie hatten alle aufgehört, Fragen zu stellen. Sie wollten nichts mehr wissen, hatten alle Neugier aufgegeben und warteten morgens nur noch darauf, dass es bald Abend wird und sie sich vor die Glotze hocken konnten. Ich entdeckte den Widerspruch hinter den sie ihre Menschlichkeit verbargen. Wandelnde Zombieanomalien des menschlichen Bewusstseins, stillgelegte Denkreaktoren, die die Chipstüte nicht mehr zur Seite legen konnten, die Fernbedienung fest umklammert hielten und sich nie wieder vom Sofa erheben wollten.

Ihnen fehlte jeglicher Antrieb zum Widerstand. Damals hatte man Angst vor Anarchie. Kreativität wurde als Angriff auf eine scheinbar ewig gültige Ordnung verstanden. Dabei braucht die Welt den Widerstand. Jegliche vermeintliche sichere Ordnung muss in Frage gestellt werden. Denn jede These braucht eine Antithese. Nur so kann es ein Voranschreiten der Zeit und der Menschen geben. Der Prozess  des Erschaffens beinhaltet den Widerstand gegen eine Ordnung. Nur gegen das Alte kann das Neue entstehen. Ich habe in meiner Jugend begonnen, intuitiv nach Ausdrucksformen geistigen Widerstands zu suchen. Meine seelische Gesundheit war in Gefahr und viele Jahre habe ich damit verbracht, gegen eine Erkrankung meiner Psyche anzukämpfen. Ich konnte mich nur davor retten, indem ich angefangen habe, Dinge mit meinem Denken zu durchdringen. Dabei half die Musik, dazu kam die Literatur, die Philosophie und zu guter Letzt als Krönung das Theater. Ich erlebte das Theater als Gegenbild zu meiner emotionsarmen Umgebung, in der man dazu neigte, Gefühle und Empfindungen bei sich zu behalten und nicht mit Mitmenschen zu teilen. Im Theater gibt es Figuren, die aus sich herausgehen, die Emotionen zur Schau stellen, sie durchleben, sie begreifbar machen. Sehr früh fixierte ich mich auf Stücke von Bert Brecht. Das epische Theater steht nicht für die große Dramatik. Bei Brecht dreht sich alles um einfache Menschen, die Widerstand leisten, die Moral bewahren, egal wie aussichtslos ihre Situation und wie amoralisch ihre Umwelt ist. Auch in meiner Umgebung war Moral etwas für die Kirche und dort ging man nicht mehr hin. Widerstand  gegen die Umstände war zwecklos. Da hätte man die Sportschau verpassen müssen. Meine ersten Erfahrungen mit dem großen Emotionstheater machte ich mit einer damals sehr populären Inszenierung von „Käthchen von Heilbronn“, später sah ich im Stadttheater Gießen „Gespenster“ von Ibsen und fand bei Ibsen die Darstellung einer Welt, wie ich sie kannte. Es wurde verheimlicht, gelogen und unterdrückt. Die alte Ordnung war nur noch Fassade und musste unter allen Umständen verteidigt werden. Der Schluss des Stückes als Frau Alving erkennen muss, dass ihr Sohn an Paralyse erkrankt ist, er bald in geistige Umnachtung fallen wird und er nur noch von der Sonne stammelt, hat mich tagelang beschäftigt. Es wurde wenig gesprochen, aber die Schauspieler drückten mit all ihnen zu Verfügung stehenden Mitteln die Verzweiflung von Mutter und Sohn aus, die Verzweiflung über die Endgültigkeit des Verderbens, dass sie erwarten wird, die Verzweiflung darüber, dass ihnen die Lüge des Vaters und Ehemann viele Jahre ihres Lebens geraubt haben und es keine Erlösung für sie gibt. Solche Theaterstücke haben mich gerettet und mir geholfen, meinen Verstand zu bewahren. Ich habe erlebt, dass es dort außerhalb meines Dorfes eine Welt gibt, die viel spannender und interessanter ist und nicht weit entfernt liegt. In Gießen, fünfzehn Kilometer von meinem Heimatdorf entfernt, gab und gibt es ein Stadttheater, in dem viele der Stücke gezeigt wurden, die mich inspiriert und mir Kraft gegeben haben. Ich saß in den viel zu engen roten Sesseln und verlor mich in dieser anderen Welt, um danach meine Welt neu denken zu können. Leider hatte ich niemanden, der diese Leidenschaft teilte. Meine Freunde und meine Gefährtinnen dieser Jahre hat keinen Sinn für die emotionsgeladene Gewalt von inszenierten Geschichten, die von ein paar Menschen zwischen drei Wänden auf einer Bühne zum Leben erweckt wurden. Da es nicht aus Hollywood kam, es kein Popcorn gab und nicht leicht konsumierbar war, hatte es keine Bedeutung für sie. Aber das Theater war voll und in den Sitzreihen gab es ausreichend andere Menschen, die  wie ich eine ähnliche Zuneigung zum Theater pflegten.

Buchmesse Frankfurt – 5 Bücher für meine Wunschliste

Noch immer steht das bedruckte, als langweilig verschriene, analoge Papier im Mittelpunkt einer Buchmesse. In Szene gesetzte farbige Pappdeckel mit schicken Layouts animieren mich zum Hinlangen und Schmökern. Hier die fünf Bücher, die ein starkes Verlangen nach Lektüre derselben in mir ausgelöst haben. Ich muss sie lesen und deswegen landen sie auf meine Wunschliste.

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Marc-Uwe Kling kenne ich als Verfasser der Kanguru-Chroniken. Saukomische und teilweise abstruse Geschichten um ein sprechendes Kommunisten-Beuteltier. Er bekommt ganz bestimmt niemals den deutschen Buchpreis, aber dass er es wagt, eine Zukunftsroman zu schreiben mit hoffentlich dem gleichen Humor wie die Känguru–Chroniken, macht ihn wahrscheinlich nicht nur für mich interessant.

Herr Kehlmanns letzter Roman „Du hättest gehen sollen“ war ein kleiner Spätstarter. Obwohl schon bei der letzten Buchmesse präsentiert, hat man ihn erst Anfang des Jahres so richtig wahrgenommen. Ein schmaler Band mit einer Gruselgeschichte, die weitab von der üblichen Kehlmannprosa gezeigt hat, welche literarische Klasse der Mann zu bieten hat, wenn er kann und will. Sein neuer Roman „Tyll“ hat schon vor der Buchmesse vom Spiegel eine sehr lobende und Verkaufszahlen fördernde Rezension erhalten. Leider hat mich diese Werbemaßnahme auch angespitzt. Ich muss das Ding lesen.

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Herr Leggewie schreibt gerne und viel über aktuelle politische Themen. Er macht es sehr wissenschaftlich und fern ab jeglicher Schwarz-Weiß Polemik und daher finde ich ihn sehr lesenswert, gerade für Menschen, die ansonsten sich nicht gerne mit Politikwissenschaften und Soziologie auseinandersetzen.

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Herr Kubrick war nicht nur ein Regiegott, sondern auch ein akribischer Dokumentarist seines eigenen Schaffens. Nur Filmenthusiasten werden sich solch einem Werk hingeben. Um so schöner, dass der Taschen-Verlag es gewagt hat, sich diesem Nischending in einer Veröffentlichung zu widmen.

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Man mag es fast nicht glauben: Aber es gibt Menschen, die ihre Naziideologie ausleben, als habe das dritte Reich niemals aufgehört zu existieren. Frau Benneckenstein ist in einer solchen Familie groß geworden und schildert in diesem Buch das Leben als kleines blondes Nazimädel, dass sich als Erwachsene von der Familie und ihrer Nazisekte lösen konnte.

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Buchmesse Frankfurt – bei zweiten Mal tut es nicht mehr weh – 3. Teil

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 Frau Nefe, Frau Mayer, Herr Minkmar

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VR für Bücherwürmer

Henni und die beiden Mädchen kamen heran geeilt und liefen quasi ohne anzuhalten zum Arte-Stand. Ich schlürfte erst einmal in aller Ruhe meinen heißen Kaffee. Eigentlich war die Buchmesse hier für mich vorbei. Die meisten Veranstaltungen auf meiner Liste hatte ich verpasst. Meine Füße taten mir weh, ich hatte Hunger und war müde. Der letzte Schluck Kaffee schien besonders viel Koffein zu beinhalten. Ich raffte mich auf und fand neue Energie für den zweiten Teil des Buchmessetages. Ich irrte zum Arte-Stand. Meine Familie war schon weiter geeilt. Kurz blieb ich stehen. Ein etwas aufgeregter Moderator brüllte eine Geschichte über Theo Sarrazin heraus, die er damit endete, dass er lustvoll Theo Sarrazin als Arschloch bezeichnete. Mag ja sein, dass es ein Arschloch ist, aber muss man ihn in der Öffentlichkeit als solches bezeichnen? Die Rechten aller Prägung scheinen nicht nur das rote Tuch, sondern auch der inoffizielle braune Faden dieser Buchmesse zu sein. Ein paar Meter weiter am Dumontstand finde ich meine Familie wieder. Dort liegt der neue Hollebeque aus. Ich will das Buch anfassen und durchblättern und bemerke, dass alle Exemplare noch eingepackt sind. Entweder man will Neugierde schüren und aus dem Inhalt ein Geheimnis machen oder irgendein Praktikant hat vergessen beim Auslegen der Bücher die Folie zu entfernen.

Eigentlich wollte ich zur Leseinsel der unabhängigen Verlage, die sich in 4.1 befindet. Allerdings wird dort auch nur gebrüllt. Auf der Leseinsel versucht jemand zu erklären, wie die Rechten (brauner Faden) Werbung für sich vereinnahmen. Der Referent am Nachbarstand kann auch nur brüllend seinen Vortrag halten und so entsteht an der Leseinsel ein komisches Bild: Ein junger, schicker und schillernde Typ, der lässig und geschmeidig halb auf seinem Stuhl liegt, brüllt in sein Mikro, um den Nachbarn zu übertönen. So etwas halten meine Nerven nicht aus.

Wir denken, dass es in 4.1 nichts mehr entdecken gibt und finden im letzten Gang die Arts+-Ausstellung. Hier präsentieren sich der TASCHEN-Verlag, andere Kunstbuchverlage und Künstler. Dort finde ich einen Band über Stanley Kubricks Archiv, dass ich mir unbedingt kaufen sollte. Um die Ecke stehen in einer Reihe Kinderautomaten, kleine Autos und Motorräder. Auf den Geräten sitzen Erwachsene, die alle eine Virtual-Reality-Brille tragen. Meine beiden großen Töchter wollen in die virtuelle Welt tauschen. Sie sitzen auf den Automaten, verdrehen die Köpfe, wackeln unruhig hin und her und meine kleine Tochter winkt ins Nichts. Menschen mit VR-Brillen sehen aus wie blinde Idioten, die avantgardistische Tänze belgischer Choreographen aufführen. Meine Töchter sind ganz begeistert. Sie waren für kurze Zeit in Amsterdam und haben von einer Kracht aus das Ufer beobachtet.

Zurück in der wirklichen Realität machen wir uns auf den Weg zum Frankreich-Pavillon. Meine Frau hatte in Ebay-Kleinanzeigen ein altes Bett und unseren alten Kinderwagen verkauft. Sie hat uns versprochen, dass wir den Verkaufserlös gut investieren. Im Frankreich-Pavillon sollte es eine Brasserie geben und der Gedanke war es, dort in hoffentlich ruhiger Umgebung französische Backwaren und einen Kaffee zu genießen. Leider war da nicht viel. Es gab belegte Baguettes (z.B. mit eine Pastete von Stopfleberenten, wäh!), Suppe und Eclairs. Wir bestellten zwei Stück. Dazu gab es starken cafe américain.  Der Pavillon des Gastgeberlandes befindet sich immer in der zweiten Etage des Forums. Letztes Jahr war der Saal abgedunkelt und an der eigentlichen Fensterfront hatte man einen Blick vom niederländischen Strand auf die Nordsee imaginiert. Der Frankreich-Pavillon dagegen ist lichterfüllt. Man hat unzählige Holzregale als Wände aufgebaut und präsentiert dazwischen unzählige Themen rund um die französische Literatur. In den Regalen stellte man abertausende Bände französischer Literatur zu Verfügung, die zum Stöbern einladen sollten. Weil es zwischen den Holzregalen sehr eng war, haben wir uns hinter der Bar an der Fensterfront postiert. Jule hatte sich einen Barhocker geschnappt und etwas abseits von uns ihren Eclairs gefuttert. Ich ging auf den Balkon, um die Sonne zu genießen und auf den Platz zu schauen, der inmitten der Messehallen liegt.  Vor dem Signierzelt stapelten sich die Menschen. Dort unten in dem Signierzelt saß eine amerikanische Bestsellerautorin, um im Akkord ihre Schmachtschinken abzuzeichnen. Ich ging wieder rein und kaum hatte ich den letzten Schluck Kaffee getrunken, beauftragte mich meine Frau unseren jüngsten auf die Toilette zu bugsieren, um ihn eine neue Windel zu verpassen.  Eine Sekunde später hatte ich alle drei Kinder am Jackenzipfel hängen. Das mag in anderen Hallen kein Problem sein, weil es dort auf jeder Ebene mindestens vier oder fünf Toiletten gibt. Im Forum gibt es allerdings nur einen Aufzug und eine Toilette, die sich im Keller befindet. Es dauert gefühlt eine halbe Ewigkeit bis man diese erreicht. Als wir zurückkamen, gab es vor dem Pavillon auch eine erhebliche Menschenansammlung. Ein französischer Autor, der mir nicht bekannt war, hatte die Aufgabe seinem hauptsächlich weiblichen Publikum seinen Namen in ihre Buchexemplare zu kritzeln. Mittlerweile fand ich die Buchmesse sehr anstrengend. Insbesondere da Henni sich ein wenig in den Pavillon verloren hatte und nicht mehr rausfinden wollte. Aufgrund ihrer guten Französischkenntnisse konnte sie die ganzen Inschriften, Tafeln und Filmvorführungen verstehen. Ich dagegen war einfach ständig drei Kinder am Suchen, die mehr oder minder ziellos durch die Regalgänge irrten.

Als ich sie endlich aus dem Labyrinth heraus  an dem französischen Autor und seiner Kundschaft vorbei geführt hatte, liefen wir in die Halle 3.1. Es war schon nach vier und die Haale leerten sich allmählich. Wir schlenderten durch den Rohwolt-Stand. Es ist ein ziemliches sinnloses Unterfangen vom Verlagspersonal so etwas wie ein Lächeln zu erhalten. Das ist gelebte Arroganz der Kreativen und darin sollte man sie nur bestärken. Von weitem den neuen Roman von Daniel Kehlmann, der wie letztes Jahr eher in der Präsentation verschwindet. Man hat ja noch genug andere Bestseller.

Um siebzehn Uhr beginnt unser letzter Event. Auf dem kleinen Podium des Spiegelverlags wird das Buch der drei Journalistinnen Elke Schmitter, Christiane Grefe und Susanne Mayer „Was tun – Demokratie versteht sich nicht von selbst“ verhandelt. Frau Grefe und Frau Mayer sind vor Ort und werden von Nils Minkmar, Spiegel-Redakteur, interviewt. Die beiden Damen haben eine engagierte Haltung zur Demokratie und ihre Begeisterung für die Demokratie spornt an. Insbesondere sind sie der Kontrapunkt der Geschehnisse, die fast zur gleichen Zeit in der gleichen Messehalle ein paar Gänge weiter für Aufregung gesorgt haben. Aber davon haben wir während unseres Aufenthaltes auf der Buchmesse nichts mitbekommen. Erst auf dem Rückweg habe ich die Schlagzeile vernommen, dass Herr Höcke ein paar Meter seinen Auftritt hatte und es zum Eklat kam (hoffentlich hat er wieder erzählt, dass wir wieder alle männlicher werden müssen. Lächerlich geht’s nimmer). Frau Sargnagel hatte übrigens recht: Am nächsten Tag hat sich Herr Höcke beschwert, dass die anwesenden Sicherheitskräfte ihn nicht genügend vor den linken Aktivisten geschützt hätte. Wenn das mal keine Inszenierung als Opfer ist! Frau Mayer, eine wohl sehr erfahrene Journalistin, die sich wunderbar mit Handfläche auf dem Brustkorb echauffieren kann, hat eine Faible für Großbritannien. Sie berichtet über den Brexit und das dies der Auslöser für das Buch gewesen sei. In Großbritannien habe die rechte Boulevardpresse des Herrn Murdoch jahrelang offensiv Stimmung gegen Europa gemacht. Die Politiker sahen sich entweder gezwungen, sich dem Thema zu widmen, um die Wähler nicht zu verlieren oder sie haben die Situation schamlos ausgenutzt haben, um sich zu profilieren (Sie zielte insbesondere auf Boris Johnson ab). Sie war überrascht, wie viele Menschen in ihrem Umfeld, die ansonsten an Politik interessiert sind, das Geschehnis um den Brexit abgetan haben oder auch es gar nicht realisiert haben, was dort geschehen sei. Frau Nefe lächelte ab und zu mal in unsere Richtung und betrachtete unseren Sohn, den ich mit meinem Iphone für ein Augenblick ablenken konnte (er drückt und schiebt mit den Fingern und freut sich, wenn er nach mehrfacher Falscheingabe meines Codes mein Handy deaktiviert hat). Dann legt sie los und erzählt über ihren Anteil an dem Buch. Sie ist weitaus zurückhaltender und wirkt nur Anfangs weniger kämpferisch als Frau Mayer. In dem Buch hat sie einen Aufsatz über Parteien geschrieben. Es ging ihr darum, deutlich zu machen, dass Parteien kein Auslaufmodell sind, sondern eine wichtige Funktion innerhalb unseres bewährten parlamentarischen Systems haben und nicht das Problem die Parteien an sich sind, sondern dass diese Organisationen oft nicht wissen, wie sie Menschen für sich begeistern können. Deswegen ruft sie dazu auf, dass man sich aktiv in Parteien engagieren soll. „Suchen sie sich die Partei, mit deren Zielen sie sich am ehesten identifizieren können!“, ruft sie aus und ich denke nach. Ich könnte zu den Grünen gehen. Kann ich mich am meisten mit identifizieren. Allerdings haben die in den letzten zwei Jahren bei Brückenlauf in Wetzlar jedes Mal als Verpflegung (für eine Strecke von 2 Kilometer) Wasser in Plastikbechern verteilt und die leeren Plastikbecher lagen dann in der letzten Runde überall verteilt auf dem Kopfsteinpflaster der Altstadt verteilt. Da habe ich mich wahnsinnig darüber aufgeregt. Wie kann man sich als ökologisch orientierte Partei bei einer der seltenen sichtbaren Auftritte in der Stadt mit der Verteilung von Plastikbechern profilieren wollen? Mein Sohn reicht mir mein Handy und ich muss es wieder entsperren, sonst wird er ungeduldig. Der Vortrag ist nach einer halben Stunde vorbei und wir machen uns auf dem Heimweg. Wir irren noch ein wenig durch die mittlerweile leere Halle. Viele Aussteller packen zusammen. Viele Stände sind schon nicht mehr besetzt. Meine Kinder lassen sich am Lego-Stand noch mit einem Lego-Ninja fotografieren und danach entwischen wir durch den Ausgang Ost, fahren mit dem Bus zum völlig entvölkerten Parkhaus und sind innerhalb von zehn Minuten auf der Autobahn. Meine Frau bestellt noch eine Pizza auf der Heimfahrt. Irgendwie müssen wir ja unsere Ebay-Einkommen geschickt investieren. Wir fahren in die Dämmerung und meine Frau zieht Fazit: “Naja, weiß nicht!“

Damit ist alles gesagt. Es beschreibt nicht nur unseren erschöpften Zustand, sondern auch den Zustand eines Landes, das sich politisch gerade in die falsche Richtung bewegt. Und leider wurde die Buchmesse nicht nur von einem braunen Faden umwoben, sondern man merkt, dass sich viele Autoren und Journalisten an dem Thema abarbeiten und den politischen Diskurs suchen, aber an der Lust zum Krawall und destruktiven Provokation der rechten Brandstifter verzweifeln.

So fahren wir auf der A5, hungrig und desillusioniert, in die Zukunft…bis zur nächsten Buchmesse.

Buchmesse Frankfurt – bei zweiten Mal tut es nicht mehr weh – 2. Teil

Also blieb mir nichts anderes übrig als zum Arena-Stand zu eilen und mich für meine mittlere große Tochter Jule an die Signierschlange zu stellen. Die Autorinnen von Lotta Leben haben im Lesezelt eine Lesung bis zwölf abgehalten und sollten um zwölf am Arena-Stand ihre Signierstunde beginnen. Wie kann das bitte funktionieren? Deswegen sollte ich schon einmal einen Platz für meine Tochter sichern, die kurz nach zwölf mit einem Lotta-Leben-Band in der Hand angerannt kam. Erst dachte ich, dass ich weit hinten in der Schlange stand. Als ich mich um zehn nach zwölf umdrehte, war die Schlange ca. fünfzig Meter lang und immer noch am Wachsen. Der Publikumsdruck in Halle drei nimmt um die Mittagszeit zu. Kein Ort für Leute mit Angst vor Menschenmassen. Frau Panthamüller, die Textschreiberin des Autorenteams um Lotta-Leben blieb ganz gelassen und schrieb jedem eine Widmung ins Buch und Frau Kohl, die Illustratorin im Team, malte rund um ihre Signatur Sternchen und Katzen oder Vögel.  Die armen Eltern am Ende der Reihe!!! Die Buchmesse war wohl für diese Menschen gelaufen. Es ist äußerst nett von diesen Autorinnen sich in dieser Weise mit ihren Autogrammen zu beschäftigen und gerade Frau Panthamüller hat noch das eine oder andere Wort mit den Kindern gewechselt. Allerdings wird so aus einer Signierstunde ein Signiernachmittag. Als Jule freudestrahlend ihr signiertes Buch entgegennahm, verliefen wir uns zwischen den weißen Bücherregalen auf dem Arenastand und auch ich musste mich zusammenreißen, um nicht zwischen diesen vielen Kindern mit Lottalebenbänden in den Händen klaustrophobische Angstzustände zu bekommen. Als ich meine Frau und meine beiden anderen Kinder wiederfand, eilten wir aus der Halle hinaus ins Freie.

Wir hetzten durch den Ausgang und am Eingang stapelten eine Horde schwarz gekleideter junger Menschen, die vom Sicherheitspersonal am Eintreten der Halle gehindert worden. Zuerst habe ich gedacht, die Halle sei überfüllt. Allerdings sahen diese jungen Menschen nicht wie die üblichen Buchmessenbesucher aus. Ich hatte eher den Eindruck, sie warteten auf den Einlass zu einem Heavy-Metal-Konzert. Erst später wurde mir klar, dass es sich um die Demonstranten handelte, die am Nachmittag am Stand des rechten Verlages Antaios den Auftritt von Herrn Höcke verhindern wollten.

Wir schlenderten zur Openstage. Die Autorin „die Schule der magischen Tiere“ Margit Auer kam auf die Bühne und hielt ihre Lesung ab. Meine Tochter Jule war vollkommen begeistert, während ich mich zu Tode langweilte. Ich bekam langsam Hunger und machte mich auf zu den Imbissständen, die allerdings dermaßen überlaufen waren, dass ich lieber hungrig blieb.

Während meine Frau und die Kinder bei der Lesung blieben, schlenderte ich wieder in die Halle drei an den Stand des Spiegels und wartete auf Frau Sargnagel. Ich weiß nicht viel über Frau Sargnagel, nur dass sie sich mit Gott und der Welt anlegt, insbesondere mit allen Rechten dieser Welt und dass sie das viel geliebte Bad-Girl der Literaturszene ist. Sie wurde von Stand zu Stand gereicht. Ich hätte an dem Tag mindestens dreimal die Chance gehabt, ein Interview mit ihr erleben zu dürfen. Da ich als Spiegelabonnement große Sympathien für die Spiegelleute hege und davon ausging, dass dort die intelligenteren Frage gestellt werden (Spiegel-Leser wissen mehr (ein Werbespruch, der solche Klugscheißer wie mich in ihrer Funktion als Leser besonders adeln)) hatte ich mir dieses Gespräch ausgesucht. Die Moderatorin des Spiegels eine Frau Thöne vom Spiegel-Online ist jung, noch aufgeregt und hatte deshalb ihre Startschwierigkeiten. Frau Sargnagel machte es ihr anfangs nicht leicht, denn sie schien wenig Lust zu verspüren, sich durch Fragen aus der Reserve locken zu lassen. Frau Sargnagel erinnert mich an eine Oberstufenschülerin, die oft den Unterricht schwänzt und meistens mit ihrer Clique kettenrauchend auf dem Schulhof steht und dabei möglichst wirken möchte. Diese kleine kompakte Frau sitzt in ihrem Wintermantel auf der Bühne, trägt ihre obligatorische Baskenmütze auf dem Kopf und scheint trotzdem zu frieren. Die rotgeschminkten Lippen und die weggeschminkten Ränder um die Augen können den Eindruck nicht verhindern, dass sie trotz ihrer jungen Jahre unzählige Packen Zigaretten weggeraucht und einige Kasten Bier während ihrer unzähligen durchwachten Nächte weggesoffen hat. Sie lebt und das macht sie zwischen den vielen glattgebügelten Verlagsautoren zu einer sympathischen Erscheinung. Irgendwann während des Gespräches taut sie auf und findet sich in ihrem Element als zynische Provokateurin wieder. Sie erzählt mit wienerischen Akzent von ihrem Engagement in einer Burschenschaft, die natürlich nur aus Frauen besteht und die momentan darum kämpft das Männerwahlrecht abzuschaffen. Sie grinst, bekommt Lust darauf die bürgerliche Lebensweise satirisch zu spiegeln und erzählt davon, dass in einer komplexen Welt Verunsicherung herrscht und man sich in einer solchen Burschenschaft doch aufgehoben fühlen kann. Sie wären ja auch offen für diese armen Männer, die doch auch ein Zuhause brauchen. Politisch interessant finde ich ihre Aussagen bezüglich der Rechten. Sie selbst weiß nicht, ob sie deren Aussagen lieber unkommentiert lassen solle oder durch Gegenrede sie eher aufwertet. Sicher ist sie sich nur, dass die Rechten als Opfer darstellen, als wären sie eine unterdrückte Randgruppe. Viele der Rechten hätten machtvolle Positionen und seien gesellschaftlich etabliert. Man müsse ihnen Einhalt bieten und zeigen, dass sie kein Recht zur Opferhaltung haben. Diese Meinung kann ich nur teilen und alleine schon wegen dieser Haltung hat es sich gelohnt, Frau Sargnagel zuzuhören. Meine Frau war mit den Kindern kurz da. Sie konnte mit Frau Sargnagel nichts anfangen und machte sich weiter. Sie überließ mir allerdings unseren zweieinhalbjährigen Sohn und seinen Buggy. Henri hatte natürlich auch nichts übrig für Frau Sargnagel und versuchte alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, in dem er den Buggy hin und herschob und laut vor sich her plapperte.

Nach dem Interwiev machte ich mich auf die Suche nach dem Rest meiner Familie. Wir wollten uns in der Halle 4.1 treffen. Allerdings war der Rest der Familie erst einmal in der Halle 3.2 gelandet und ich musste warten. Wenigstens hatte ich die Chance auf einen Kaffee und Ruhe, denn in der Halle 4.1 gab es ausreichend Sitzplätze und eine Saftbar, an der man für drei Euro einen einigermaßen trinkbaren Milchkaffee im Pappbecher bekam.

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Frau Sargnagel beim Spiegel

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Lotta Leben-Signierstunde

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Massenandrang

 

Buchmesse Frankfurt – bei zweiten Mal tut es nicht mehr weh – 1. Teil

Ende September während eines entspannten Fernsehabends auf dem Sofa hat meine Frau zum ersten Mal das Wort Buchmesse in den Mund genommen. Ich bin sofort zusammen gezuckt. Schweiß trat auf meine Stirn, Schnappatmung kam auf, ich griff mir ans Herz. Wie bei einer allergischen Reaktion überkamen mich körperliche Symptome, die ich darauf zurückführte, dass ich immer noch nichts vorzuweisen haben und immer noch als Besucher und nicht als Autor auf die Buchmesse gehen muss.  Seit dem letzten Jahr ist nichts passiert. Die vielen Hoffnungen und Anregungen, die ich dort mitgenommen habe, haben zu keiner Verhaltensänderung geführt. Außer zwei Kurzgeschichten, die von einer Literaturzeitschrift abgelehnt wurden und einen dritten Versuch meinen dritten Roman zu beginnen (das war es dann mit alle guten Dingen…) habe ich literarisch nichts auf die Beine gestellt. Also muss ich schon wieder als miesepetriger Kulturpessimist auf die Buchmesse fahren. Yeah, die Rolle habe ich so oft in meinem Leben gespielt, sollte also kein Problem sein. Als die Herzschmerzen nachließen und der kalte Schweiß von meiner Stirn gewischt war, jubelte ich vor Freude: Endlich kann ich mich wieder als ungewolltes und ungeliebtes Kind über meinen Vater Literaturbetrieb und meine Mutter Verlagswelt genüsslich herziehen. Meine Frau hat mich gleich gebremst. „Nein, mein Schatz, die können auch nichts dafür, dass du kein Autor geworden bist. Da bist schon selbst dran schuld. Also verdirb mir und den Kindern nicht den Tag.“  Meiner Frau den Tag zu verderben, hätte Konsequenzen zur Folge gehabt, die ich nicht tragen wollte. Also habe ich mich ganz brav auf die Buchmesse vorbereitet. Ich habe den Veranstaltungskalender durchforstet und mir  sehr aufwendig auf der Homepage der Buchmesse erstellen eine Liste gebastelt(man braucht ein Account, muss sich durch eine hochkomplexe Suchroutine wurschteln und hat am Schluss auf dem Papier in Schriftgröße 0,5 eine Wunschliste mit Veranstaltungen, die alle gleichzeitig stattfinden) Meine Frau hat sich einen kleinen Zettel geschrieben, mit den Veranstaltungen, die sie und meine Kinder besuchen wollten. Eigentlich hatten wir die Absicht vor der Abfahrt am Frühstückstisch die Listen abzugleichen. Da wir aber zu spät aufgestanden waren, haben wir erst im Auto bei Tempo hundertsechzig eine Übereinkunft über den Verlauf des Tages ausbaldowert.

Im Allgemeinen hatten wir uns diesmal gut auf den Tag vorbereitet. Wir hatten uns vorgenommen, auf Lesungen und Vorträgen zu konzentrieren und die Zeit zwischendurch mit den Besuchen von Ständen zu füllen. Mittlerweile kenne ich auch die Motivation vieler Buchmessenbesucher. Es geht ihnen nicht um Literatur, den Lieblingsautor oder -Verlag, sondern um die unzähligen Giveaways, die man an vielen Ständen ergattern kann. Überall gibt es Tüten und Taschen, Aufkleber, Leseproben bis hin zu kostenlosen kleinen warmen Mahlzeiten im Kochbuchbereich. Man kann den ganzen Tag vertrödeln, ohne auch nur ein Buch in die Hand genommen zu haben.Ich verzichtete gerne auf Geschenke und stand lieber in der Ecke am Stand des Arena-Verlages, passte auf den Buggy unseres jüngsten Sohnes auf und hörte gegenüber beim wesentlich kleineren Buchheim-Verlag Haroon Gordon zu. Die Lesung hatte ich auch auf meiner Liste, hatte sie allerdings schnell wieder gestrichen, da ich nicht unter Zeitdruck geraten wollte. Haroon Gordon las aus seinem Debüt „Palast aus Sand und Staub“. Am Anfang seines Vortrages belagerten ca. zwanzig Personen den schmalen Gang zwischen Buchheim-Verlag und Arena-Verlag. Am Ende seines Vortrages blieben nur noch ein kleine unscheinbare Frau, ich und mein Buggy übrig. Dabei hatte der Text durchaus einen poetischen Klang, der sehr gut zur Geschichte passte. Ich konnte nicht verstehen, warum alle Zuhörer wegeilten. Irgendwie tat mir Herr Gordon leid. Er hatte ein gutes Buch geschrieben und niemand interessierte es.

Während meine Frau, die beiden Mädchen und mein kleiner Sohn sich auf den Weg zu der ersten Lesung machten (die Signierstunde der Conni-Autorin) machte ich mich auf den Weg zum Stand von Amazon. Ich schritt durch die engen Reihen, vorbei an den verspielt mondänen Messebauten einiger Großverlage und erreichte den Gang K. Der Bereich ist geprägt von Kleinverlagen, Mangahändlern, mit denen ich gar nichts anfangen kann und der Self-Publisher-Area. Die Self-Publisher scheinen immer noch die Schmuddelkinder des Buchhandels zu sein. Amazon hat mittlerweile einen eigenen Verlag für Self-Publisher. Also scheint hier eine Menge Geld auf der Straße zu liegen. Ich höre dem Autorengespräch dreier Amazon-Autoren zu.  Wenn man der Website von Michael Meisheit, einer der drei Autoren am Stand, glaubt, hat er von seinem ersten E-Book 300.000 Einheiten verkauft. Also wächst da eine nicht zu unterschätzende Marktmacht heran. Herr Meisheit hinterließ bei mir den Eindruck per se ein Profi zu sein, der sein Handwerk versteht. In den letzten zwanzig Jahren hat er hauptsächlich Drehbücher für die Lindenstraße geschrieben. Mittlerweile hat er den Job aufgegeben und schreibt nur noch E-Books. Herr Meisheit ist ein Jahr jünger als ich und hat auch vom Äußeren her eher den Eindruck vermittelt, ein echter Kreativer zu sein. Seine rötlichen Haare stehen ihm als lockige Tolle auf der Stirn, zu seinem weißen Freizeithemd trägt er goldene Manschettenknöpfe. Er ist Individualist mit teigigem Doppelkinnansatz und hatte vielleicht auch keine Lust mehr bei einer Anstalt des öffentlichen Rechts zu arbeiten. Die zwei anderen Autoren kamen eher dem Vorurteil nahe, dass ich über viele Self-Publisher hege und pflege. Sie wirken, als seien sie eher zufällig zum Schreiben gekommen. Entweder haben sie sich ein unausgegorenes Sendungsbewusstsein oder irgendjemand in der Verwandtschaft hat behauptet, das Formulieren schöner Weihnachtskarten ausreiche, um gute Romane zu verfassen. Klaus Seibel, der mir grundlegend sympathisch vorkam, war in seinem früheren Leben Pastor und schreibt seit 2013 Science-Fiction-Romane. Die Frau des Trios, Elke Bergsma schreibt Ostfriesenkrimis und ist mir alleine deswegen schon unsympathisch (das Genre Regionalkrimi bereitet mir generell Übelkeit. Wenn ich bei irgendjemand Regionalkrimis auf dem Tisch liegen sehe, renne ich sofort auf die Toilette). Auch ihr Auftreten ist norddeutsch burschikos.  Wenn sie  den Mund aufmacht, haben ihre Gesprächspartner Angst in den Augen. Dann gibt es noch einen Moderator von Amazon, der die ganze Zeit stehen muss, während die drei bequem in ihren Sesseln hocken.  Die Zuschauer machen es sich auf kleinen Papphockern bequem, ein übrigens sehr weit verbreitetes Sitzmittel für Zuhörer an vielen Ständen. Ich sitze mittendrin und erst mitten in der Diskussion merke ich, dass rechts vor mir eine junge Frau sitzt, der genau auf der Nasenspitze, auf dem äußersten Punkt ihres spitzen Nasenkliffs, eine Warze wächst. Ich bin kurz irritiert. Ansonsten viel junges und weibliches Publikum. Ich stelle mir vor, dass die sich alle als Autorinnen versuchen und schon ihre Fantasy-Märchen-Horror-Gothic-Thriller-Manuskript in der Schublade liegen haben. Die Warzenfrau schreibt ganz bestimmt Liebesromane und hat sich schon ein Pseudonym zugelegt, damit ihre Warze nie aufs Cover muss.

Inhaltlich fand ich das Autorengespräch sehr informativ. Jeder der drei AutorInnen schilderte seinen Arbeitsalltag, sprach darüber welche Tätigkeiten er selbst übernimmt und welche er outgesourct hat und wie sie Social Media nutzen. Man kann auch ohne Verlag von der Schreiberei leben, allerdings braucht man eine hohe Schlagzahl. Frau Bergsma z.B. veröffentlicht alle drei Monate einen Roman. Man sollte gut vernetzt sein und sich gut in den digitalen Medien auskennen. Man fungiert selbst wie ein kleiner Verlag, kann aber nicht alles selbst machen. Man braucht z.B. ein professionelles Lektorat. Frau Bergsma hatte sogar eine Werbeagentur beauftragt. Man braucht einen Steuerberater oder jemand, der die Buchhaltung macht. Man geht also unter Umständen ein großes finanzielles Risiko ein. Zeitmanagement ist wichtig als Self-Publisher, gerade aufgrund der hohen Schlagzahl. Schließlich muss man schon rechtzeitig den Lektoren ankündigen, wann sie etwas zu korrigieren haben und man nennt z.T. früh Veröffentlichungstermine, um die Fans bei Laune zu halten und muss diese auch halten. Herr Meisheit gab noch den wichtigen Tipp, dass man alles dafür tun muss, das am Veröffentlichungstag viel verkauft wird, weil man nur so mit den Titeln sichtbar wirdNach einer dreiviertel Stunde war alles vorbei. Ich schlenderte noch zu der Bühne des Lektorenverbandes. Der Vortrag drehte sich um Kinder und Jugendbücher und nebenan hielt ein junger Mann im Anzug einen Vortrag über Sachbücher. 

Schamwand

Der Wutbürger entleert seinen Hass im öffentlichen Raum. Auf der rechten Seite des politischen Spektrums schiebt man jeden Tag die Grenze des Unsagbaren ein Stückchen weiter. Die Brandstifter pinkeln ihre Hakenkreuze wieder in den Schnee und markieren im Namen einer schmerzvollen Vergangenheit ihr Revier, das weiter reicht als ein paar sächsische Weiler an irgendeiner EU-Außengrenze. Es wird wieder schick, seine Mitmenschen zu verunglimpfen, Minderheiten den Tod zu wünschen und Jagd auf seine politischen Gegner zu machen. Zur selben Zeit geschieht die Entgrenzung des menschlichen Leibes und Geistes in vielfältiger nie dagewesener Weise. Menschen gehen mit ihren Autos eine Symbiose ein. Nerds verwachsen mit ihren Laptops, um Teil einer Mensch-Maschine-Konstruktion zu werden. Freizeitakrobaten tanzen ohne Sicherung auf Kranauslegern in luftiger Höhe herum und das elektronische Auge der Gopro-Kamera überträgt ihre Perspektive als lustige Liaison mit Tod ins Internet. Getränkehersteller, die aus Bullenhoden die Energie für eine ganze Generation abzapfen und junge Menschen dafür bezahlen, dass sie mit Kinderrädern über die felsigen Abhänge des Hochgebirges stürzen. SachbearbeiterInnen mit Familienanhang inszenieren auf Pornoseiten den Dauergangbang, um durch Kommentare, virtuelle Sternchen und Geschenke sich die Wertschätzung sexsüchtiger Überständer hart zu erarbeiten.es Es scheint als erfahre das Individuum nur noch Aufmerksamkeit, wenn es ständig Grenzen und Tabus hinter sich lässt.

Blicken wir in die Vergangenheit zurück, sollte es eine nachvollziehbare Erklärung für dieses Verhalten geben. Für den Fortschritt der letzten zwei Jahrhunderte schien es wichtig zu sein, den Einzelnen und dessen Befreiung und Ermächtigung in den Mittelpunt sozialer und politischer Anstrengungen zu stellen. Um den Arbeiter, den Angestellten, dem Bürger die Entfaltung seines Selbst zu ermöglichen und dadurch alle Kräfte für den Fortschritt und das allgemeine Wachstum zu mobilisieren, war es notwendig alle bis dahin geltenden Normen in Frage zu stellen. Denn die Abhängigkeitsverhältnisse einer Präbürgerlichen Gesellschaft basierten darauf, mittels überlieferter Gewohnheiten und Grenzen die Herrschaftsverhältnisse zu manifestieren

Unser Bild vom Fortschritt, beruht auf Materialismus und einer positivistischen Einstellung. Viele Wirtschaftstheorien und politische Theorien reduzieren den Menschen auf sein wirtschaftliches Handeln, der mittels dem Austausch von Waren und der Eigentumsverhältnisse von Produktionsmitteln und Kapital die gesellschaftliche Verhältnisse und somit auch den Fortschritt bestimmt. Technologische Entwicklung und Wirtschaftswachstum ist in vielerlei Hinsicht zum goldenen Kalb geworden, dem die durch tradierte Tabus initiierte Schamhaftigkeit der Menschen nur im Weg steht.

Eine durchaus zweckmäßige und für das Neunzehnte und Zwanzigste Jahrhundert praktikable Verfahrensweise. Erst durch die Organisierung eines Fortschrittes und einem stetigen Wachstum ist es möglich gewesen, eine moderne Wissensgesellschaft zu formen, die der Mehrheit der Menschen einen Wohlstand ermöglicht, die ihn auf der anderen Seite den Freiraum zur eigenen Selbstverwirklichung gibt.

Viele gesellschaftliche Tabus mussten fallen, vieles musste der Schamhaftigkeit entrissen werden und viele Entwicklungen wurden befeuert von der Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg. Ob es die Bekämpfung der Rassentrennung in den USA, das Einstehen für Rechte von Frauen und Minderheiten war, im Hintergrund stand immer auch die Erschließung neuer Käuferschichten und Etablierung neuer Produkte. Auch aktuell können wir das sehr gut beobachten. In dieser Woche hat China eine Mindestquote für Elektroautos eingeführt. Das geschieht in China ganz bestimmt nicht, weil die kommunistische Staatsführung nun ihrem Staatskapitalismus eine grüne Färbung geben möchte. Man hat erkannt, dass man, um das Wirtschaftswachstum auf gleichem Niveau zu halten, sich neu positionieren muss, neue Produkte braucht, die im Westen nachgefragt werden, die die Folgekosten der Umweltschäden durch Individualverkehr verringern und das man so die Konkurrenz vor sich her treiben kann. Die deutschen Autokonzerne sehen plötzlich sehr altbacken aus. Jahrzehntelang hatten diese auf große schwere Autos gesetzt, die gekauft wurden, weil das anscheinend ausreichte, um den wirtschaftlichen Erfolg für die nächsten Jahre zu garantieren. Man hat sich selbst überlebt und befindet sich im letzten Gefecht um die Macht auf den globalen Märkten. Ein weiteres aktuelles Beispiel aus Saudi-Arabien: Man erlaubt Frauen das Autofahren. Ein bisher undenkbares Vorgehen. Allerdings beruht diese Entscheidung nicht aus der Einsicht, dass Frauen per se die gleichen Rechte wie Männer haben und die religiöse Grundlage für das Verbot den allgemeinen Menschenrechten widerspricht. Im Vordergrund für die Aufhebung des Verbotes stand der wirtschaftliche Strukturwandel in Saudi-Arabien weg von der Ölproduktion hin zu Dienstleistungs-, Wissensgesellschaft. Frauen werden in Saudi-Arabien als Arbeitskräfte benötigt werden und dafür ist Mobilität unabdingbar.

Also was spricht dagegen, gesellschaftlichen Fortschritt mit Wirtschaftswachstum zu verknüpfen?

Diese Frage rührt an den Grundfesten der Menschlichkeit. Denn dahinter steht die große Frage nach dem Menschen an sich. Was macht den Menschen aus? Wir werden uns alle einig sein, dass der Mensch mehr ist, als seine ökonomische Funktion als Konsument oder Produzent oder gar als Ware, denn das passiert gerade wenn Menschen sich im Internet exponieren. Ob Bibi in ihrem Beautypalace vor der Kamera sich Creme ins Gesicht schmiert, die sie „zufälligerweise“ in der Drogerie erstanden hat, die Hausfrau, die vor der Webcam für Geld masturbiert oder der Student, der für Uber für ein geringes Entgelt Menschen durch die Gegen fährt; Menschen verwandeln sich in ein Produkt und reduzieren sich in mannigfaltiger Weise auf ihren Marktwert. Die Konsequenz liegt ganz klar auf der Hand: Der Mensch an sich entwertet sich durch die diese Reduktion. Er wird handelbar und erhält den Status einer Sache.

Wir haben es übertrieben. Der Sieg des Kapitalismus über alle anderen Wirtschaftssystemen  hat dazu geführt, das wir aufgehört haben, diesem System etwas entgegen setzen zu wollen. Wir haben zugelassen, dass Schamlosigkeit und Rücksichtslosigkeit die Triebfeder jeglichen Handelns ist. Spätestens die Digitalisierung wird dazu führen, dass wir, ohne die Frage nach dem Menschen an sich zu stellen, uns auflösen und im virtuellen Raum verschwinden. Übrig bleiben werden die von Adorno beschworenen lieblosen Stümpfe, leere Hüllen menschlichen Daseins. Die eingangs beschriebenen Phänomene legen ganz klar die klaffenden und eitrigen Wunden offen, die wir uns durch die Fokussierung auf ökonomischen Rationalismus zugefügt haben.

Das kaum begreifliche am Menschen scheint seine Fähigkeit zu sein, intuitiv die Gegenbewegung einzuleiten. Er steht nackt im öffentlichen Raum, begibt sich in einen abstrusen Wettbewerb der Schamlosigkeit. Man steigt in Bäder aus Kakerlaken und Scheiße, plappert arglos über seine Schönheits-OP`s, verbringt die Zeit mit Offenbarungen über sein Intimleben, protzt mit Reichtum und körperlichen Vorteilen. Gleichzeitig geht er auf die öffentliche Toilette und versteckt sich beim Pinkeln hinter einer Schamwand.

Sie haben richtig gehört: Schamwand. Die offizielle Bezeichnung der Trennwand, die mittlerweile in fast jeder öffentlichen Männertoilette, den Uriniervorgang des Mannes beschützt und einer der intimsten Vorgänge des Mannes in der Öffentlichkeit den Blicken seiner männlichen Artgenossen entzieht.

Bis vor ca. zwanzig Jahren schien es kein Problem zu sein, sein Geschlechtsteil in der öffentlichen Toilette zu entblößen, um sich unter den Blicken der Artgenossen genüsslich zu entleeren. Klar gab es vereinzelt Exemplare die in Gegenwart anderer Männer kein Wasser lassen konnten. Aber das blieb die Ausnahme. Gerade an den oft vorhandenen Pinkelrinnen traf sich eine Bruderschaft der Stehpinkler, um sich der eigenen Männlichkeit hinzugeben. Ein Blick nach links und einer nach rechts und man hatte die Chance auf den direkten Schwanzvergleich. Wenn noch Alkohol im Spiel war und man teilweise einige Minuten brauchte, um die Blase leer zu bekommen, hat man den Abend mit seinem Pinkelnachbar Revue passieren lassen und sich gemeinsam überlegt, welches weibliche Wesen man heute Abend gerne flachlegen wolle. Am Schluss hat man sich auf die Schultern geklopft und sich alles Gute gewünscht und hat dann das Fleischpaket erst wieder in die Hose gestopft. Angenehme Schamlosigkeit, die trotz allem im Verborgenen einer öffentlichen Männertoilette blieb. Keine Kamera, keine Fremden, man war unter sich. Seltsam, dass mittlerweile die meisten öffentlichen Pissoirs mit Schamwänden versehen sind und die Pinkelrinne quasi ausgestorben ist.  In den heutigen Zeiten absoluter Schamlosigkeit sollte man erwarten, dass das maskuline Verhalten an der Pinkelrinne doch vollkommen in die Zeit passt.

Diese Gegenbewegung im Kleinen scheint notwendig zu sein, um uns wenigstens an einer Stelle im öffentlichen Raum uns die Intimität wieder zu geben, die wir Menschen benötigen, um im Getöse der Marktschreier und Selbstentblößer sich auf uns selbst zu besinnen. Eventuell taugt die Schamwand als Symbol für die Notwendigkeit, sich auf den Kern des Menschseins zu konzentrieren und dazu gehört Kontemplation im abgegrenzten Raum.

Scham kann heute zweierlei Funktionen haben: Sie kann einerseits Menschen wieder zusammenbringen. Klar war die Konditionierung auf gewisse Tabus, die Scham auslösten, ein Mittel der Unterdrückung. Doch positiv betrachtet kann der Wunsch nach Schamhaftigkeit einen  gesellschaftlichen Diskurs über die Definition von Grenzen anstoßen. Man kann gemeinsam heraus fingen, ab welchem Moment die öffentliche Entgrenzung zur sozialen Last wird. Wenn die Grenzzäune in den Köpfen wieder funktionieren und man Schamhaftigkeit als positive Tugend akzeptiert, entfaltet die zweite Funktion ihre Wirkung: die Menschen finden Räume, in denen sie zur Ruhe kommen und die Komplexität ihres Daseins erkennen und sich damit auseinandersetzen. Somit wird den Selbstdarstellern, Narzissten und destruktiven Brüllaffen die Grundlage entzogen. Sie treten in den Hintergrund und verlieren an Bedeutung.

Meine Ausführungen können nur kurze Schlaglichter auf unsere Zeit werfen und meine Lösung für unsere Probleme ist nur kurz angerissen. Aber grundsätzlich brauchen wir mehr Schamwände, um die Zukunft für die Menschheit positiv gestalten zu können, denn ansonsten werden wir uns selbst wie gedankenlose Lemminge in den Abgrund stürzen.

Ein Ausflug – Die Documenta 14 – Teil 3

Das war es dann mit der Neuen Neuen Galerie. Wenn man durch den Treppenflur hinausgelangt, kommt an Büros der Diakonie vorbei. Hier betreut man unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Böse Zungen können jetzt behaupten, dass dieser Weg nur dazu dient, um doch etwas mehr aktuellen Zeitbezug in die Documenta zu bringen. So als Deckmäntelchen für die viele alte Gegenwartskunst, die man auch an diesem Standort der Documenta vorgefunden hat. Die Neue Neue Galerie wird trotzdem ihrer Funktion als heimlicher Hauptort der Documenta gerecht.

Weiter geht’s. Wir laufen in das Univiertel und nehmen somit den falschen Weg. Wir wollen zur Gottschalk-Halle. Das schöne Wetter ist entschwunden. Mittlerweile regnet es und als wir an der Halle ankommen, schüttet es aus allen Kübeln. Die Installation in der ehemaligen Versand- und Packhalle wirkt fast wie eine realsatirische Inszenierung moderner Kunst. Vielleicht sind wir auch zu einfältig, um den tieferen Sinn zu verstehen. Es soll angeblich um Flucht und Vertreibung gehen, aber überall in der düsteren Halle liegen Geldhaufen herum und dazu liegen Plakate aus, die Geschichten über Münzen erzählen. Dazu erklingen verfremdete Geräusche einer Akustikgitarre und eines anderen unidentifizierbaren Saiteninstrumentes. Henrike inspiziert die Geldhaufen und stellt fest, dass das Geld nicht befestigt ist. Wir könnten uns also einfach die Säcke vollmachen. Wir bleiben nur kurz, denn bald hört es auf zu regnen. Wir laufen weiter und geraten ins Niemandsland und auf die holländische Straße. Am Halitplatz (nach dem getöteten jungen Mann aus dem Internetcafe benannt, dass in der Nähe des Platzes lag) wollen wir wieder in die Straßenbahn steigen, um zum Hauptbahnhof zu laufen. Wir sprechen über den Verfassungsschutz und seine unrühmliche Rolle in der NSU-Affäre. Wir stellen gemeinsam fest, dass die Sache stinkt und der Verfassungsschutz wohl Kontakt zur NSU haben musste. Wahrscheinlich haben sie die drei Mitglieder der NSU falsch eingeschätzt und dachten, dass sie diese für ihre Zwecke benutzen können und wahrscheinlich war es umgekehrt. Um das zu vertuschen, hat man die Geschichte um den Verfassungsschutzmann im Internetcafe absichtlich herunter gespielt. Eine Theorie, die für uns erschreckend einleuchtend klingt. Aber wie es immer mit den Langhüten und Spionen ist, sie sind undurchschaubar und haben etwas Gefahrbringendes an sich. Mich erinnert es an den Kennedymord. Auch hier vermutet man, dass Geheimdienste involviert waren. Aber man kann es nicht beweisen. Aber wir wollen nicht zu linken Verschwörungstheoretikern werden und messen dem Ganzen nur eine Singularität zu, in der Hoffnung, dass es in Zukunft nicht an der Tagesordnung sein wird, dass der Staat sich selbst aushebelt.

Wir reisen mit der Straßenbahn zur Kurt-Schumacher-Straße. Die Kurt-Schumacher-Straße liegt am Rand der Innenstadt. Schon von weitem sieht man ein ziemlich abgefucktes Bürogebäude und die dazugehörigen Glaspavillons. Gegenüber liegen Backsteinmietskasernen. Zuerst trifft der Blick auf verrammelte Türen, eingeschlagene Fenster und Wandschmierereien. Die Pavillons stellen kleine Vorbauten dar, die als Läden genutzt wurden und nun leer stehen. Auch hier ein Rentiergedächtnisraum und in einem anderen Pavillons die abwesende Seifenmacherin, mit der man doch gerne über Produktionsmittel spräche und die auch hier hübsch aufgestapelt ihrer schwarze Seife hinterließ. In einem dritten Ausstellungspavillon die selbstgebrannten Metallknödel, die es schon in der Neue Neue Galerie gab. Das ist das Problem dieser Documenta. Nichtssagende Elemente depressiv gestimmter Gegenwartskunst werden bis zum Erbrechen zelebriert und damit die interessanten Themen überblendet. Im Hintergrund der Pavillons hat man eine syrische Bäckerei nachempfunden, die Ende der Achtziger im Laufe des syrisch-libanesischen Krieges zerstört wurde. Der Sohn des Bäckers erzählt die Geschichte der Bäckerei in einer Wandinschrift und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass in Syrien die Assad-Familie schon immer gerne Kriege vom Zaun gebrochen hat und die Bevölkerung einem ständigen Zerstörungstrauma ausgesetzt ist.

Wir fahren zum Mauerstraße, besorgen uns im Rewe etwas zu essen, gehen in die Passage und ich hole mir asiatisches Fastfood. Henrike zieht weiter zum Documentashop auf dem Friedrichsplatz und ich hole mir einen zweiten Kaffee im Starbucks. Im Documentashop ist die Hölle los. Es ist mittlerweile Mittag und die Ausstellungsorte haben sich mit Menschen gefüllt. Das Wetter ist wieder besser geworden. Die Sonne scheint warm, feuchte Luft steigt vom Boden auf. Henrike kauft ein Plakat. Ich brauche ein Zeugnis meines Besuchs und für die Kinder benötigen wir ein paar Mitbringsel.

Auf zur vorletzten Station. Vor dem Hauptbahnhof steht ein Container, in dem sich der Abgang zu einem ehemaligen unterirdischen Bahnsteig befindet. Unten angekommen packt mich der Hunger und knabbere ein paar meiner mitgebrachten Erdnüsse. In einem Raum gibt es eine Videoinstallation, die eine Schulklasse zeigt, die von ihrem Lehrer frontal beschallt wird. Irgendeiner Schüler gibt ein aufmüpfigen Satz von sich und ein anderer Schüle fühlt sich dazu berufen, in auflehnender Pose Widerworte zu geben. Plötzlich stehen alle Jugendliche auf ihren Stühlen, bewerfen den Lehrer mit Büchern und brüllen ihn an. Als das Getöse fast unerträglich ist, fängt der Film wieder von vorne an. Ich bin so in dem Film versunken, dass ich nicht merke, wie mich eine Documentaangestellte am Ellbogen packt. Ich schrecke auf. Ich darf hier nichts essen. Henrike lacht mich aus. Ist mir wirklich unangenehm. Um der Peinlichkeit zu entfliehen, gehen wir über die stillgelegte Rolltreppe hinab zum Bahnsteig. Dort ist im hinteren Bereich eines der bekannteren Werke der Documenta zu finden. Auf einigen Bildschirmen werden verschiedene Filme und Bilder gezeigt. Auf einem rezitiert man Sätze zum Thema der Sklaverei. Ein anderer Bildschirm dient dazu militärische Szenen zu zeigen. Mittendrin Texte aus den Sozialen Medien. Ganz oben rechts Jeff Koons und Cicollina beim Geschlechtsverkehr. Wir schauen uns das ein paar Minuten an und die vielen Bildschirmen und die zahllosen Bilder verwirren mich. Ich beschließe, es mir einfach zu machen und schaue auf den Bildschirm in der oberen Ecke. Man zeigt dort noch andere pornographische Häppchen. Henrike erzählt mir später, dass auf einem anderen Bildschirm widerliche Gewaltszenen gezeigt wurde. Ich habe sie nicht wahrgenommen. Pornos haben so etwas Beruhigendes.

In der Mitte des Bahnsteiges steht ein Nomadenzelt. Ein Künstler ist quer durch Europa gereist, um andere Künstler und Musiker zu treffen, um einfachen Menschen zu begegnen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Darüber hat er einen Film gedreht, der in diesem Zelt gezeigt wird. Mehr gibt es nicht zu bestaunen, außer Plakatwände, die zuletzt in 2005 mit ZDF-Werbung bestückt wurden (mit dem zweiten sieht man besser). Wir können den Gleisen folgen und verlassen so den Bahnsteig. Draußen empfängt uns ein Banner auf Griechisch. Ein unerwartetes Kunstwerk. Im ersten Weltkrieg haben Deutsche griechische Soldaten, deren Status unklar war (man behandelte sie wie Gäste, aber eigentlich waren es Kriegsgefangene) nach Görlitz gebracht und dort in einem Lager interniert. Die Soldaten hatten trotzdem die Möglichkeit sich frei in Görlitz zu bewegen und wurden wie Gäste behandelt. Aber nach Hause ließ man sie nicht. Das Banner ist dem Banner empfunden, dass vor dem Lager in Görlitz stand und Besucher willkommen heißen sollte. Wir gehen ein Stück den Gleisen entlang und landen auf einem Platz im Nirgendwo. Unweit des Nirgendwo finden wir eine Bushaltestelle, die uns wieder in die Innenstadt gebracht hat.

Die letzte Station lag an der schönen Aussicht, eine kleine Promenade, die Friedrichsplatz und Grimmwelt verbindet. Allerdings bildete sich vor der Neuen Galerie eine unmöglich lange Schlange, der wir uns nicht anschließen wollten. Wir hatten noch eine Stunde Zeit und wollten sie nicht mit Warterei verbringen.

Wir liefen zur Grimmwelt und beschlossen spontan dort hinein zu gehen. Henrike gab ihre Tasche ab. Der junge Mann im Gaderobencontainer war äußerst unfreundlich. Er würdigte uns keines Wortes und Blickes und auch andere Besucher strafte er mit Nichtbeachtung. Wie eine Maschine packte er die Taschen und suchte für sie einen Platz. Henrike vermutete, dass der Junge taubstumm sei oder der Teil einer äußerst ausgefuchsten Perfomance. Oh je, auch hier, alter Trödelkram. Die Seiten eines Szenenbuchs, alle einzeln in Glaskästen zur Schau gestellt.  Kinderbücher eine Jüdin, die sich Tom nannte, weil sie ein Identitätsproblem hatte, die mit Sigmund Freud verwandt war und sich in den dreißiger Jahren das Leben nahm, kurz nach dem sich ihr Mann umgebracht hatte. Der Grund: Geldprobleme. Seufz, ist das alles traurig. In einem anderen Kontext, hätte mich die Lebensgeschichte dieser Frau interessiert. Ansonsten spüre ich den Mangel am Sauerstoff in diesen Räumen und muss gähnen.

Wir gehen zum Museum für Sepulkralkunst. Im Garten des Museums liegt besagter Schwurstein. Wir machen uns einen Spaß und heben beide den Stein hoch. Henrike will sich unbedingt mit ihm fotografieren lassen. Danach atmen wir noch einmal tief durch, gehen über den Weinberg zurück zum Hotel und fahren heim.

Hier bin ich nun auf der Flucht vor der Darstellung einer tieftraurigen Gegenwart, die beeinflusst wird von einer tieftraurigen Vergangenheit und es ist mir jetzt klar vor Augen: Die Zukunft wird nicht besser. Warum nicht den Wagen in die Leitplanken lenken? Dann wäre alles vorbei. Aber dann könnte ich auch die Documenta 15 nicht besuchen, um mich am alten und neuen Leid der Gegenwartskunst zu laben.

Aber im Ernst: Kassel ist der richtige Ort für solch ein Ereignis. Ein übersichtlicher Platz mit vielen Facetten. Eine Großstadt mit ihren prallen Sehenswürdigkeiten kann den Betrachter von dem Blick auf die Kunst ablenken.  Die verschiedenen Ausstellungsorte haben die verschiedenen Facetten der Stadt sichtbar gemacht. Barockgebäude, Bauhaushalle, alte Fabrikgebäude, modernistische abgenutzte Gebrauchsgebäude, Wiesen, Parks und Weinberge, alte Bahnstationen,  zentrale Einkaufsstätten, alles vertreten was diese Stadt ausmacht und was die Provinz trotz allem Gelaber von der ach so tollen Urbanität,  so interessant macht. Aber bitte liebe Kuratoren: Das nächste Mal mehr Spaß und Freude am Dasein zeigen und nicht so viel alten Trödelkram aus der Urzeit der Gegenwartskunst zeigen. Dann bleiben wir Freunde und ich und Henrike kommen wieder.

Documenta 14 – Teil 2

 Wir haben Hunger und gehen zurück in die Stadt. Oben an der Grimmwelt betrachten wir noch das Marmorzelt. Meine Frau hat heute ihren Tag der Tabubrüche und setzt sich frecherweise in dieses Zelt. Wenn sich jeder da reinsetzt….. Eine schöne und originelle Arbeit denken wir, haben aber bei so viel rückwärtsgewandter Kunstbetrachtung unser Empfinden für Gegenwartskunst verloren. Wir ziehen weiter in Richtung Weinberg. Der Biergarten unterhalb der Grimmwelt ist ein netter und freundlicher Platz. Hier kann man verweilen und über das Leid der Welt nachdenken oder einfach vergessen und die Aussicht genießen. Nach einem Radeberger (Henrike nennt es Brechreizbier, weil es industrielle Massenware ist und dementsprechend eintönig schmeckt) und Kartoffelsalat aus dem Eimer (Ein Essen für zwei zum Preis von insgesamt neunzehn Euro! Ein Schnäppchen angesichts horrender Preise am Kunstmarkt und beim Caterer in der Documentahalle) schleichen wir im Halbdunkel den Weinberg herunter und wagen einen Spaziergang durch die Karlsaue. Schließlich dämmert es nur und die Dunkelheit scheint noch weit in der Ferne zu liegen. Anderthalb Stunden und fünf Kilometer weiter sind wir schlauer und um halb elf kommen wir vollkommen geschafft in unserem Hotelzimmer an.

Ein frühes Erwachen am Samstagmorgen eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten auf dem Spielfeld der Kunst. Jetzt geht alles schnell. Anziehen, Packen, auschecken. Punkt halb neun stehen wir an der Straßenbahnhaltestelle. Der Tag beginnt mit Sonnenschein. Im Laufe des Vormittags soll es regnen. Der Friedrichsplatz ist menschenleer. Vor dem Pantheons of Books steht ganz verloren das Wachpersonal. Die Sonne erhebt sich allmählich am Horizont. Sonnenlicht kriecht langsam über die Karlsaue und der Strahlenkranz der Morgensonne ergießt sein kräftiges Licht über den Platz. Idylle, die uns gefällt. Wir sitzen beim Bäcker um die Ecke und haben das Frühstücksangebot für vier Euro fünfzig vor uns stehen. Ein Pott Kaffee, zwei Brötchen, ein Croissant, Käse, Wurst, Marmelade. Die Kunst in der Provinz hat ganz klar ihre Vorzüge. Henrike hat sehr gut geschlafen, ist ausgeruht und hat einen Plan für den Tag erarbeitet. Henrike erkennt sofort die Möglichkeiten, die sich bieten. Ich bin dagegen oft orientierungs- und ahnungslos. Ich hole mir einen Kaffee im Starbucks am Königsplatz und schon begegnen wir dem ersten und für mich einer der beeindrucktesten Kunstwerkes dieser Documenta. Der Obelisk aus Beton ragt schlicht aus dem Platz hervor. Der Künstler hat für dieses Werk den Arnold-Bode-Preis erhalten. Also auch die Kunstwelt hat die Qualität des Werkes erkannt. In vier Sprachen ist dort das Bibelzitat „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ verewigt. Auf jeder Seite eine Sprache: Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch. Ein einfaches und tiefsinniges Statement zum Flüchtlingsthema. Die Sprache wirkt trennend und nicht vereinend. Henrike gibt eine Bewertung als Bauingenieuren ab: geschliffener Beton Nr. B irgendwas. Schön, Schön. Wir ziehen weiter. Da haben wir wenigstens etwas mit Zeitbezug erlebt und nicht nur Zeugnisse eines goldenen Zeitalters der Kunst, als man noch alles einfach billig zusammenkleistern konnte. Zurück zum Friedrichsplatz und dem Pantheon of Books. Eigentlich eine gute Idee: Bücher, die irgendwann einmal verboten waren, zu sammeln und in einem tempelartigen Monument zu würdigen. Aber leider auch alt. Denn die Künstlerin hatte das gleiche Kunstwerk in Argentinien zur Zeit der Militärdiktatur errichtet und dieses Kunstereignis nur wiederholt. Ganz ehrlich: es ist mutiger und von größerer Relevanz in einer Diktatur so etwas zu versuchen. Dreißig Jahre später in Deutschland, einem Land, in denen Bücher und die Freiheit des Wortes einen größtmöglichen Stellenwert zukommt, verkommt das Werk zu einem Freizeithappening für Buchliebhaber, die die doppelten Exemplare ihrer Brechtsammlung an die Ausstellungsmacher gegeben haben, damit diese sie in Folie packen und an die Stahlgestelle pappen. Wir ziehen weiter zu den Betonröhren vor der Documentahalle, die ein Künstler zusammen mit Designstudenten der Kasseler Uni gestaltet hat. Auch ein Statement zur einen Welt, in der alle ihren Platz finden sollen. Einer der besseren Objekte der Documenta. Henrike hat von der Firma, die die Betonröhren hergestellt hat, eine Postkarte bekommen. Diese Firma nutzt die Herstellung der besonderen Röhren als Werbung und berichtet auf der Postkarte von einem Betriebsausflug zur Documenta, um die Erschaffung eines Kunstwerkes durch eine profane Firma für Baumaterial zu feiern. Sympathisch oder eher typisch kapitalistische  Propaganda, um die künstlerische Auseinandersetzung mit den Folgen eines entfesselten Kaptalismus zu entwürdigen? Ich weiß es nicht. Ist mir eigentlich auch egal.

Pünktlich um zehn öffnen die Ausstellungsorte der Documenta. Wir eilen per Straßenbahn zur Neue Neue Galerie. Die neue Hauptpost wurde leer geräumt und mit größtenteils echter Gegenwartskunst gefüllt. Wenn man in den ersten großen Raum im Erdgeschoß kommt, wird man mit einem Wandgemälde konfrontiert, dass sich erst beim näherer Betrachtung erschließt. Man sieht wütende Kängurus, die kleine Atomraketen in der Hand halten und alle Sonnenbrillen tragen, in Reih und Glied stehen. Das sieht originell und farbenfroh aus und versprüht einen gewissen Humor. Daneben erzählt der Künstler die Eroberung Australiens durch die Menschheit. Viel Text, naive Bilder, die nicht mehr ganz so kunstvoll aussehen, wie die Känguru-Armee. Daneben ein Vorhang aus Rentierschädeln (ich sagte ja, die heimlichen Maskottchen der Documenta 14 sind die Rentiere). Das Kunstwerk spricht mich überhaupt nicht an und auf der Rückseite des Australiengemäldes hat jemand eine Videoinstallation angebracht, die mich auch nicht anspricht. Eine alte Plakatwand, die einst an der Baustelle des Humboldt-Forums in Berlin hing und eine Ausstellung mit großformatigen Portraits beworben hat, hat der Künstler mit Videos von anderen Gesichtern überlagert und dabei ertönen Klänge und gesprochene Satzkonglomerate. Ich betrachte es eine Weile und kann nichts daran finden. Dahinter liegen mehrere Laderampen für LKW`s. Man hat die Tore heruntergelassen und in den Räumen Kunst untergebracht. Dort finde ich zwei Werke, die mich besonders beeindrucken und zwei Dinge, die leider typisch für diese Documenta sind. Ein humorvolles und ironisches Werk finde ich besonders gelungen und von dieser Sorte hätte ich mir ein paar mehr auf der Documenta gewünscht. Ein Künstler hat einer Nachahmung des Schwursteines an dem das Urteil für Sokrates vollzogen wurde quer durch Europa auf Reisen geschickt und verschiedene Stationen des Steines im Bild festgehalten und kommentiert. Der Stein ist als Nachahmung federleicht und kann von einer Person herumgeschleppt werden. Dieser Stein soll am Ende der Documenta auf dem Thing-Platz in Kassel begraben werden. Hierbei wird erklärt, was es mit Thing-Plätzen auf sich hat. Die Nazis haben Thingplätze errichtet, um ihrer Mystifizierung der germanischen Kultur zu frönen. Alle diese Plätze wurden altgriechischen Theaterplätzen nach empfunden (die Berliner Waldbühne diente ursprünglich als Thing-Platz). Dort wurden Mysterienspiele von normalen Bürgern aufgeführt. Thing ist etymologisch natürlich mit dem englischen Wort für Ding verwandt und hier stellt der Künstler auch einen Bezug her. Der Schwurstein liegt für die Dauer der Documenta vor dem Museum für Sepulkralkunst und kann dort begutachtet werden. Wir entschließen uns, am Ende des Tages dem Stein noch einen Besuch abzustatten. Außerdem gibt es einen Raum, der den Mord an Halit Yozgat durch die NSU behandelt. Der junge Mann wurde 2006 in seinem Internetcafé kaltblütig erschossen. Während des Mordes saß ein Angestellter des hessischen Verfassungsschutzes im Internetcafé an einem Computer, um dort auf einer Datingseite sein Profil abzufragen. Um die Rolle dieses Mannes geht es in einer Dokumentation. Eine Gruppe für Forensische Architektur hat versucht, anhand einer Nachstellung des Raumes und der Situation, heraus zu finden, was der Mann vom Verfassungsschutz vom Mordgeschehen gesehen haben könnte und kommt zu dem Schluss, dass der Mann bei der Darstellung seiner Anwesenheit nicht die Wahrheit gesagt haben kann. Mir hat dieser Teil der Doumenta die Tränen in die Augen getrieben und dieses eine Mal war ich wirklich betroffen. Ein ahnungsloser Bürger dieses Landes wird einfach umgebracht. Eine Familie wird auseinandergerissen, erfährt Misstrauen anstatt Mitgefühl und der Staat scheint irgendwie in der Sache die Wahrheit zu kennen und hält sie zurück. Es läuft mir kalt den Rücken runter. Ich halte viel vom deutschen Staatswesen und ich glaube, dass der Rechtsstaat bei uns nicht nur eine hohle Phrase ist und trotzdem gibt es dort Stellen, die Teil des Staatswesen sind und durch ihr Handeln den Staat und die Bürger, die vom Staat beschützt werden sollen, unterwandern.  Zwei Werke, die mir nicht gefallen haben: irgendwelche schwarzen selbstgebrannten Metallknödel, die in weißen Plastiksäcken vor sich her schimmeln und eine Künstlerin, die schwarze Seifer herstellt und deren Produkte man kaufen darf, wenn man sich mit ihr über die Produktionsbedingungen im Allgemeinen austauscht. Hätte vielleicht sogar gerne gemacht. Aber die Frau war nicht da. Nur ihre schwarze Seife stand schön gestapelt im Raum herum. Im ersten Stock hat die fiktive Firma Yugoexport einen Verkaufsraum. Man konnte Turnschuh kaufen, die man anziehen sollte, wenn man nicht auf der Arbeit ist, um den Träger daran zu erinnern, dass er nicht auf der Arbeit ist. Nett gemeinte Aussage und die Turnschuhe lagen nichtssagend in Pappkartons und Angestellte dieses vermeintlichen Unternehmens konnte man danach fragen. Die Angestellten sahen so aus, wie sich Landpomeranzen wie ich eine bin, sich Künstler vorstellen. Dünne, wohlgeformte Menschen mit glatten Gesichtern, die wie Elfen durch den Raum wandeln. Tut mir leid, ich bin auch nur ein Mensch mit Vorurteilen. Dort haben wir uns nicht lange aufgehalten. Im nächsten Raum lag ein Pinker Teppich, der mit Geräuschen beschallt wurde. Ich mochte den Teppich. Trotz der aggressiven Farbe hat er eine beruhigende Wirkung gehabt. Dahinter Kunst aus der ehemaligen DDR. Eine Angestellte der Kunstadministration der DDR hatte wohl aus lauter Langeweile mit ihrer Büroschreibmaschine Kunst geschaffen. Eine wirklich interessante Idee. Diese Kunst hatte sie nach der Wende weiter geführt und die Bilder sahen so aus, wie die Postkarten, die man heutzutage in schicken Hipsterläden kaufen kann. Daneben an einer Wand Fotos eines Künstlers, der die dörfliche Einöde rund um Magdeburg zum Thema gemacht hat. Schlichte, gut komponierte Fotos, langweiliger Straßenzüge. Henrike war begeistert. Hatte sie doch den Eindruck die abgebildeten Straßen zu kennen. Ihre Eltern hatten in dieser Gegend mit ihr und ihren Brüdern des öfteren den Sommerurlaub verbracht. „Stell dir vor, wir haben Ferien in der DDR gemacht. Das erklärt doch einiges, oder?“