Reihe 3, Platz 58 + 59 – Dantons Tod von Georg Büchner

Bei Büchner trifft das pralle Leben auf Todessehnsucht, gesunder Menschenverstand auf Ideologie und der Alltag auf das große Drama. Auch an diesem Abend lehrt uns Büchner wieder einmal, dass ein Individuum, egal wie fancy und cool sein Nimbus sein möge, keinen Einfluss auf den Ablauf der Geschichte hat,  sondern es von ihr wie der Ertrinkende von der Flut mitgerissen wird.

Ich und meine Frau zwängen uns in Reihe drei an den Zuschauern vorbei und in der Mitte der Reihe lassen wir uns auf unseren abonnierten Plätzen nieder. Ich muss meine langen Beine sortieren und meine Frau schaut noch ein letztes Mal aufs Handy. In diesem Moment findet die glorreiche Rückkehr zur Normalität statt. Nach zweiundeinhalb Jahren Pandemie und zahllosen Einschränkungen und Exilen auf anderen Plätzen im Theater kehren wir befreit von Maske und Abstandsgeboten wieder auf unsere Stammplätze zurück. Für uns ein kleiner Triumph. Aber Büchner lehrt uns ja, sich niemals zu früh zu freuen.

Zum ersten Mal sehen wir ein Stück der neuen Spielzeit. Das Stadttheater hat eine neue Intendantin, deren Handschrift sich erst einmal nur in der schlichten Ausführung von Programmheften erkennen lässt. Bei genauerer Betrachtung  steht sie anscheinend für eine Verjüngung und Modernisierung des Spielbetriebs in Gießen:  neue junge Ensemblemitglieder und Regisseure, mit Migrationshintergrund, fröhlich divers. Bei mir blitzen die Reflexe eines alten und weißen Cis-Mannes auf: Das Neue kann ja nix. Dabei hat man gerade in den letzten Spielzeiten eine gewisse Ermüdung im Stadttheater bemerkt, die sich nicht nur mit den Schwierigkeiten bei der Anpassung des Spielbetriebes an eine Pandemie erklären lässt.    

Wir fragen uns die ganze Zeit, ob wir Dantons Tod nicht schon einmal im Stadttheater gesehen haben. Ich habe ganz bestimmt das Stück im Fernsehen gesehen. Meine Frau behauptet noch zwei Minuten bevor die Aufführung beginnt, Dantons Tod mit mir im Stadttheater gesehen zu haben. Während sie ihren Gedanken laut artikuliert, geht der Vorhang auf und  ihre Worte gehen in einer bedrohlich wirkenden Klanglandschaft unter. Die Darsteller turnen auf einem Gerüst herum, filmen ihre Gesichter mit einer Kamera, deren Bilder wiederum auf einen transparenten Vorhang projiziert werden und zwischen den einzelnen kurzen Textzeilen dröhnen die kargen basslastigen Elektrosounds in den Ohren der Zuschauer. Ein Grummeln klippt als Textur durch den Text und man weiß: Achtung Baby! Drama ist angesagt!!!!

Die Theatermacher haben es schon lange kapiert: kein Zuschauer möchte den langen und ausschweifenden Originaltext hören, sie wollen keine Schauspieler sehen, die in den Gewändern des achtzehnten Jahrhunderts über die Bühne parlieren und phrasieren wie kleine Schauspielgötter. Man muss verknappen, zuspitzen und mit zeitgemäßen Impulsen die Emotionen triggern,. Dazu gehört auch, dass Robespierre Haftbefehl zitieren darf!

Es geht ja um nichts weniger als die Französische Revolution, dieses Monster europäischer Geschichte, das für die Ambivalenz historischer Vorgänge steht: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit trifft auf totalitäre und faschistische Machtstruktur. Freiheitsliebende Revolutionäre treffen auf panische Diktatoren, die von den Gefahren der Freiheit besessen sind. Danton und Robespierre vertreten diese beiden Gegensätze. Danton der Lebemann und Berufsrevolutionär, hochbegabt und den Freunden des Lebens zugewandt gegen Robesspierre, der freudlose Ideologe, der die Revolution sofort beenden will, um die Freiheit einzuhegen, bis sie wie ein Tiger im Zookäfig keine Gefahr mehr für ihn darstellt. Im Hintergrund spielt immer die Wirklichkeit eine Rolle. Jeder, der das Stück sieht, weiß Danton wird sterben und Robespierre ihn nur kurz überleben.

Der Überhang cineastischer Effekte, das Verknappen und Verkürzen der Handlung und des Bühnenbildes, alles Fleisch runter vom Knochen kann ich ertragen und sogar gutheißen.

Etwas missfiel mir an der Inszenierung: die Erzählung der Geschichte erfolgt vom Ende her. Die Hinrichtung, die Szenen im Verließ kommen am Anfang und von dort rollt man die anderen Akte des Stückes vor sich auf wie die Rasenteppich auf dem Spielfeld im Fußballstadion. Das Stück endet lapidar und beiläufig. Als hätte Herr Büchner sich nichts dabei gedacht, sich keinen Spannungsbogen zurechtgelegt. In diesem Kontext erscheint der wuchtige Anfang folgerichtig, ist er doch eigentlich das Ende.

Büchner hat übrigens ein paar Monate in Gießen studiert. Das Haus, in dem er in Gießen logierte, liegt ungefähr zweihundert Meter Luftlinie vom Theater entfernt. Büchner hatte damals die Flucht ergriffen und seine letzten beiden Jahre in Straßburg verbracht, wo er mit nur 23 Jahren verstarb. Was für Leben im Zeitraffer und umso größer erscheinen seine drei Theaterstücke zu sein, die zum Kanon des deutschen Theaters gehören. Da passt es gut, dass die zwei männlichen Hauptdarsteller mit 27 Jahren gerade ihre Schauspielausbildung abgeschlossen haben und  mit ihrem Spiel in Erinnerung bleiben. Gerade wenn beide Ihre Monologe ergreifend und glaubwürdig darstellen und wenn sie die Konturen ihrer widerstrebenden Persönlichkeiten zeichnen, Danton mit seiner nonchalanten Lebensmüdigkeit und Robespierre mit der Scheißangst vor der Freiheit, hinterlassen sie Gänsehaut im Nacken des Zuschauers.

Ergänzt werden Sie durch teilweise gestandene Ensemblemitglieder, die ins gleiche Horn stoßen und zu Recht am Schluss den ausgiebigen Applaus und vereinzelte Bravorufe in Empfang nehmen.

Und was lernen wir aus dem Stück: Die Freiheit muss immer verteidigt werden und zu glauben, dass sie einem nicht genommen werden kann, kann einen bis aufs Schafott bringen.

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