Reihe 3, Platz 58 und 59: Prinz Friedrich von Homburg von Heinrich von Kleist

Schon wieder ins Theater. Es ist bitterkalt und die Welt wirkt wie schockgefroren. Draußen herrscht eisige Ruhe, auf den Straßen sind wenige Autos, vermummte Fußgänger stapfen im Eiltempo über die glatten Gehwege. Niemand hält sich gerne draußen auf. Wer mutet sich freiwillig an solch einem Abend einen Versbrecher von Kleist über Schlachten, Gehorsam und preußische Tugenden zu?

Wir natürlich, pflichtbewusste Abonnenten, die sich durch die Kälte und das Eis kämpfen, um sich in der dritten Reihe auf viel zu kleinen Sitzen zu drängeln und sich zweieinhalb Stunden mit den fiktiven Ereignissen um die Schlacht von Fehrbellin im Jahre 1675 auseinanderzusetzen.

Die Schlacht hat es gegeben und Prinz Friedrich von Homburg scheint die Schweden damals wirklich vertrieben zu haben. Kleist hat um diese Schlacht und den Prinzen eine Geschichte gewebt, die völlig abwegig zu sein scheint. Denn der Prinz war nur so mutig, weil er beim Apell die Befehle seines Fürsten nicht mitbekommen hat. Er konnte dem Apell nicht folgen. In der Nacht zuvor wurde er beim Schlafwandeln vom eigenen Fürst aufs Korn genommen. Man hat ihm in dem Zustand den Handschuh der Prinzessin Nathalie überlassen und beim Aufwachen erinnert sich an einen Traum, der mit dem Handschuh am Finger irgendwie Wirklichkeit wird. Er ist verwirrt und völlig daneben und kann den Anweisungen nicht folgen. Er gewinnt die Schlacht, wird zum Helden und sein Fürst nimmt ihm den Triumph übel, hatte er doch andere Pläne und lässt ihn zum Tode verurteilen und so gehen die Geschehnisse in Kleistscher Manier hin- und her.

Heinrich von Kleist, ein widerspenstiger Charakter, ein ambivalentes Kind seiner Zeit, hatte immer einen Hang zu Träumen. Die Träume, die er seinen Protagonisten ins Hirn schreibt, werden zu Prophezeiungen, Handlungsanweisungen oder Handlungsbestimmend. Seine Protagonisten sind besessen von ihren Träumen und prallen immer auf die Gegenwart, das festgefahrene Gefüge einer starren Gesellschaft, die nichts mit Träumern anfangen kann.

Was macht man in Gießen aus diesem Brocken klassische Theaterliteratur? Den ersten Teil kann man als Satire auf das Militär und den Adel verstehen. Bunte Figuren, Männer und Frauen in bunten Strümpfen und Turnschuhen verausgaben sich, zeigen ihre Pantomimengesichter, hüpfen bewegungsfreudig über die Bühne, schwirren auf Raketen und Panzerattrappen über die Bühne und erzeugen in dem Publikum das Gefühl einer spritzigen Komödie beizuwohnen.

Wir gingen mit einem Grinsen im Gesicht in die Pause und gönnten uns ein Erfrischungsgetränk und dachten, es ginge in dem gleichen Stil weiter.

Im zweiten Teil der Aufführung wähnte man sich in einem anderen Stück. Die Bühne düster, nebelverhüllt, der Prinz bekommt sein Grab geschaufelt und schaut den Totengräber dabei zu, erst ungläubig und davon überzeugt, dass die Todesstrafe nur eine Finte seines Fürsten ist, um ihn eine Lektion zu erteilen. Als er versteht, dass dieser es ernst meint, kämpft er um sein Leben, um es später aus falsch verstandenem Pflichtgefühl herzugeben.

Am Ende steigt der Prinz in den Himmel, plumpst herunter in sein Grab und findet sich wieder an dem Ort, an dem er einst schlafwandelte. In dem Garten fragt er, ob er träumt.

Die Inszenierung so wechselhaft und spannend, gewinnt dem alten Schinken noch etwas ab. Am Schluss gibt es noch einen Rap über Kriegslust und man bekommt damit noch die Interpretation und die Metaebene für die Gegenwart und die neue Lust am Militär und Krieg als Zuschauer um die Ohren gehauen.

Was für ein wahnsinnig erlebnisreicher und guter Theaterabend!

Reihe 3, Platz 58 und 59: Dumme Jahre von Thomas Freyer

Es ist der Tag vor Heiligabend. Man packt Geschenke ein, stellt den Baum auf, kocht die ersten Gerichte für das Essen am nächsten Tag, macht die letzten Einkäufe und wartet auf die Verwandtschaft und das Christkind. Wir mussten am Abend noch der Reihe 3 im Stadttheater Gießen einen Besuch abstatten. „Dumme Jahre“ wurde geboten, das erste Stück unseres Theaterabonnement in unserer neunzehnten Spielzeit. Am Tag vorher hatte ein psychisch kranker Mann mit seinem Fahrzeug ganz in der Nähe des Theaters  mehrere Menschen verletzt.  Auf dem Weg zum Theater sprechen meine Frau und ich über den Vorfall.  Kurz darauf verliere ich einen Gedanken an die Menschen, die in irgendeiner Art und Weise durch den Täter zufälligerweise in die Sache mit hineingezogen wurden und für die Weihnachten ab sofort mit Schmerz und Leid verbunden ist.  Es mag sich wie Empathie anfühlen, ist aber nur ein Reflex ohne wirkliches Empfinden. Zu oft lässt es diese Gesellschaft zu, dass Kraftfahrzeuge sich in Waffen verwandeln und Menschen Ihnen schutzlos ausgeliefert sind. Es wird in Kauf genommen. Man empört sich über angebliche Zusammenhänge, wie die Herkunft des Fahrers und schnell hat man eine laute Masse an geistigen Brandstifter am Bein, die etwas von Massenvergewaltigungen, Umvolkung und Asylwahnsinn brabbeln. Ich bin erschöpft. Nichts daran berührt meine Erkenntniskraft. Die Tatsachen liegen vor mir, aber sie erreichen mich nicht, ich kann keine Schlüsse daraus ziehen. Meine Frau fragt mich, was ich von dem Theaterabend erwarte. Ich hoffe, dass es irgendeine Szene gibt, die mich zum Heulen bringt. Sie reagiert verwundert. Was soll ich sonst sagen? Ich bin leer. Ein anstrengendes Jahr liegt hinter mir. Viel Stress, wenig Ruhe, die Welt wird immer verrückter, mein Vater ist gestorben, ohne sich mit mir versöhnen zu wollen, kleine gesundheitliche Probleme, es fehlt das Gleichgewicht. Irgendetwas muss mich mal affizieren, aufwecken, anregen, in Unruhe versetzen.

„Dumme Jahre“ dreht sich um die Liebes- und Lebensgeschichte eines ostdeutschen Paares. Wir begleiten Regine und Wolfgang durch den Wandel der Zeiten. Ihre Geschichte beginnt 1968 und endet in der Gegenwart mit Wolfgangs Tod. Regine pflegt ihren demenzkranken Mann und versucht sich zu erinnern. Weil Wolfang sich nicht mehr erinnern kann, lastet die Erinnerung alleine auf ihren Schultern. In Erinnerungsfetzen, kurzen nicht chronologischen Szenen, entsteht ein subjektiver Panoramablick auf ihr Ehe und ihr gemeinsames Familienleben, dass durch die politische Verhältnisse und gesellschaftliche Umbrüche geprägt ist. Das bruchstückhafte Erinnern lässt die Zeitebenen überlappen und die meiste Zeit stehen drei Regines auf der Bühne: die jugendliche Regine, verspielt, etwas naiv, die erwachsene Regine, Mutter, Ehefrau und Arbeiterin, die nach der Wende arbeitslos wird und die alte Frau Regine, die ihre Zeit mit Erinnerungen und der Pflege ihres Mannes verbringt.

Wolfgang will sich von Partei und Staat nicht vereinnahmen lassen. Mit seinem kritischen Geist fällt es ihm schwer, sich anzupassen. Nur aus Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern spielt er mit, wird Busfahrer anstatt Orgelbauer und ab uns zu blitzt sein Rebellengeist durch. Regine ist durchdrungen von dem Gedanken, in Ostdeutschland eine bessere Gesellschaft mit aufzubauen und opfert sich als Arbeiterin für die Partei und Sozialismus auf. Nach der Wende verändern sich die Rollen. Wolfgang macht Karriere als Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe, sieht Chancen in den neuen Zeiten und Regine, die lange arbeitslos bleibt, sieht sich als Opfer der Verhältnisse. Man spürt die Liebe und Zuneigung der Beiden zueinander, aber auch die Gegensätze und Brüche. Wolfgang scheint der aktive, weitsichtige und empathische Teil im Beziehungsgeflecht zu sein, während Regine im Laufe der Zeit abstumpft und den Blick für größere Zusammenhänge verliert. In einem spartanischen Bühnenbild,  auf einer leeren Bühne baumeln zwei Plattenbauwände mit kahler Fensteröffnung, entsteht die anekdotenhaften Erinnerung an das Leben einer Familie, eingebettet in der deutschen Historie, die es irgendwie schafft, eine Familie zu bleiben. Das Alltagsdrama wird von engagierten, erfahrenen Schauspielern, die wir immer wieder gerne sehen, glaubhaft vermittelt und gerade Roman Kurtz zeigt seine eigene Klasse, die wir schon seit Jahren sehr schätzen, wenn er in einer Szene einen gestanden lebensfrohen Mann spielt und nach einem kurzen Szenenwechsel sich innerhalb von Sekunden in einen alten gebrechlichen Mann mit zitternden Händen und leeren Blick verwandelt. Das Stück nimmt mich mit und spätestens als Regine ihren demenzkranken Mann im ersten Teil des Stückes ihn in den Arm nimmt, ist es um mich geschehen und ich muss schlucken. Jetzt hat also dieses Stück meine Ansprüche erfüllt? Nur weil man mal einen Kloß im Hals hat, wird man nicht zum Helden des Mitgefühl. Wir sind hier nicht im Kino. Beim Theater geht die Suche nach Antworten tiefer über eine andere Form der Identifikation. Die mittlere Regine, die erschöpfte Arbeiterin, die nichts mehr erkennt und später aus ihrem gewohnten Leben herausfällt, ermöglicht mir eine angemessene Reflektion. Sie hat die Transformation gemeistert, die uns noch bevor steht. Mir fehlt der Blick für das große Ganze. Wie Regine, nimm ich mir nicht mehr die Zeit, hinzuschauen. Ich komme abends erschöpft nach Hause und sehe das Unheil nicht mehr, dass auf uns zukommt. Und das ist vielleicht der Grund, warum wir Menschen, die im Westen groß geworden sind, nicht hochmütig über die Lebensgeschichten von Ostdeutschen hinwegschauen sollten. Vielmehr kann man von ihnen und an ihnen lernen, wie es aussehen könnte, wenn wir aus unserem liebgewonnenen Leben herausfallen müssen, weil die Geschichte sich weiter dreht und es nicht gut mit uns meint. Insofern hat das Theater wieder einmal seine Aufgabe erfüllt.

Reihe 3, Platz 58 und 59: Wintergreen for President von George und Ira Gershwin

Es war der letzte schöne Sommerabend des Jahres. Viele Menschen strömen in die Gießener Innenstadt um ein letztes Mal draußen zu sitzen und die sommerliche Stimmung zu genießen. Wir strömten abgehetzt und genervt in das Gießener Stadttheater. Meine Frau erfüllte ihre Abonnentenpflicht, denn sie hasst Musicals. Ich hätte auch lieber bei einem guten Glas Wein und einem guten Essen meiner Frau tief in ihre blauen Augen geblickt und ihr romantische Floskeln ins Ohr gehaucht, die sie nach fast zwanzig Jahren Beziehung nicht mehr hören kann. Ich bin auch kein Musicalfreund, allerdings mag ich die Musik von Gershwin und ich hatte der Presse entnommen, dass das Stück kurzweilig ist. Für mich ein kleiner Trost, für meine Frau völlig bedeutungslos.

Worum geht es? Ein kruder Kreis aus Geschäftsmännern, Politiker und anderen Gestalten suchen sich einen unbedarften Trottel aus, den sie zu dem Präsidenten der USA machen wollen. Es gibt weder eine Partei, noch ein richtiges Programm. Das Motto der Wahl ist die Liebe, weil damit können alle etwas anfangen. Der Präsidentschaftskandidat soll öffentlichkeitswirksam mit einer Schönheitskönigin verheiratet werden. Der spielt aber nicht mit und verliebt sich in eine Sekretärin, die er anstatt der Schönheitskönigin heiratet. Der Trottel wird gewählt und zieht ins weiße Haus ein. Der Erfolg und die Freude ist nicht von langer Dauer, weil die Schönheitskönigin auf ihr Recht besteht und First Lady werden will. Weil sie französische Vorfahren hat, tritt der französische Botschafter auf den Plan und stellt unverschämte Forderungen. Nach viel und her und der Geburt zweier Karotten, die sich die First Lady nach einer Turboschwangerschaft aus dem Unterleib presst, legt der Präsident seinen Amt freiwillig nieder, um wieder der unbedarfte und unscheinbare Trottel zu werden, der er schon immer war.

Um die Auswahl des Stückes zu rechtfertigen hat man den Text immer wieder mit aktuellen Hinweisen auf die aktuelle Präsidentschaft des tumben Trottels Trump garniert, der leider nicht die Liebe, sondern den Hass als Programm hat. Natürlich fällt es leicht den Bezug zur Gegenwart zu finden, denn auch Trump scheint das Projekt eines Kreises von Leuten zu sein, die von Machtgier getrieben sind. Aber da hören schon meines Erachtens die Gemeinsamkeiten auf. Es gibt keinen Anflug von Faschismus und Autokratie in dem Stück, dass man liebevoll als Farce bezeichnen darf. Es setzt sich nicht damit auseinander, wie Politik funktioniert, sondern verhöhnt nur eine bestimmte Gattung an Politiker, die wohl Anfang der dreißiger Jahre in den USA sich auf Vorteilsnahme, einen ausschweifenden Lebensstil und Korruption spezialisiert hatten und das in einer Zeit, in der das amerikanische Volk unter der großen Depression litt.

Gershwin Musik ist farbenfroh, flott und lebendig und treibt das Stück in seinem Tempo voran. Inhaltlich kann es nicht viel bieten, außer das sich lustig machen über eine politische Kaste. Wahrscheinlich war es für die Zuschauer damals eine befreiender Akt, die Menschen auszulachen von denen sie regiert werden. Außer witziger Revuenummern und ausgefuchster Musikarrangements ist in der Gegenwart nichts mehr vom ursprünglichen Zweck übriggeblieben.

Natürlich kann man dieses Stück in Gießen auf die Bühne bringen. Das Stück wurde wie immer liebevoll inszeniert, mit großartigem Ensemble, stimmigen Bühnenbild und einem fabelhaften Orchester. Aber man sollte es nicht zu sehr als Kommentar zur aktuellen politischen Situation in den USA verstehen, sondern eher als allgemeine Satire auf den Politikbetrieb. Ich hatte meinen Spaß, weil die Songs überragend gut klangen und die Schauspieler alles gegeben haben. Das Gesicht meiner Frau verdunkelte sie während der Vorstellung zusehends und immer wenn eine Szene ihr zu lange dauerte, flüsterte sie leise, dass sie Musicals hasse.

Reihe 3, Platz 58 und 59: die Brücke von Mostar von Igor Memic

Der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien hatte sich Anfang der Neunziger Jahre allmählich in unser Bewusstsein geschlichen. Da das ehemalige Jugoslawien ein beliebtes Reiseland der Deutschen war, ging es anfangs nur um die Frage, ob man noch dort hinfahren könne. Als dann die ersten Urlauber aus dem Urlaub evakuiert werden mussten, weil im ehemaligen Jugoslawien kriegsähnliche Zustände herrschten, war klar, dass sich der schwelende Konflikt zu einem handfesten Bürgerkrieg entwickelte.

 Erst dann lernten wir, das Jugoslawien nur existiert hatte, weil der kalte Krieg, der Sozialismus und Tito es zusammengehalten haben und wir lernten, dass es keine Jugoslawen, sondern nur Kroaten, Slowenen, Bosnier, Kosovo-Albaner, Montenegriner und Mazedonier gab. Der langgehegte Hass auf die jeweils andere ethnische Gruppe ging auf die Schlacht ums Amselfeld im Jahre 1389 zurück. Bis dato kannten wir das Amselfeld nur als Bezeichnung für einen billigen und süffigen Rotwein und hätten uns nie vorstellen können, dass dort auf dem Amselfeld die Rechtfertigung für einen Bürgerkrieg in der Gegenwart begründet wurde.

 Als sich die Flamme des Hasses entzündete und zu einem Feuerinferno entwickelte, schienen die Protagonisten des Stückes „Die Brücke von Mostar“ wie wir ahnungslosen Mitteleuropäer ähnlich überrascht und ahnungslos zu sein, obwohl sie inmitten des Brandgebietes aufwuchsen.

 Emina betritt in einem mit roten Stoffrosen bestickten schwarzen Mantel die Bühne. Sie zieht einen riesigen Sack hinter sich her, rollt einen Teppich aus und beginnt ihre und die Geschichte ihrer Freunde zu erzählen.

 Das Stück beginnt Ende der Achtziger in Mostar. Mina, Leila und Sasha, lebensfrohe Jugendliche, denen amerikanische Popmusik und ausgelassenes Feiern wichtiger als alles andere ist, beobachten den alljährlichen Sprungwettbewerb von der alten Brücke, die die Namensgeberin und das Herz der Stadt Mostar ist. Sie lernen Mili kennen, der aus Dubrovnik in die Geburtsstadt seiner Mutter zurückgekehrt ist und der genauso wie die drei anderen von seiner jugendlichen Lebensfreude beseelt ist. Beim Sprung von der Brücke blamiert er sich zwar, gewinnt aber das Herz von Mina.

 Dann schleicht sich langsam aber unaufhörlich die Zwietracht in ihr Leben. Erst sind es nur Diskussionen um die Nachbarn und ihre Religion, später beginnt ein Kampf um alltägliche Dinge, die man nicht mehr in Geschäften kaufen kann, dann wird die Stadt geteilt in einen muslimischen und christlichen Teil, man muss sich entscheiden, ob jenseits oder diesseits der Brücke wohnen will, später marodieren Soldaten und Milizen durch die Stadt, bringen Zivilisten um, legen die Stadt in Schutt und Asche. Die vier Freunde versuchen sich gegen ihr Umfeld zu stemmen, handeln solidarisch und leben das Gegenmodell zum blinden Hass, der ihre Stadt in ein Kriegsgebiet verwandelt hat.

 Und trotz aller Bemühungen die Freundschaft und Zuneigung zu erhalten, können sie sich dem Konflikt um sich herum nicht entziehen. Als Leilas Mutter nach einem Hausbrand verschwindet und später wieder auftaucht, versucht Sasha, der als Soldat seinen Dienst verrichtet, sie zu ihrer Mutter zu bringen, dabei wird Leila getötet. Dann dringen Soldaten in Minas und Milis Wohnung ein. Mina entkommt nur knapp, weiß aber nicht, was mit Mili geschehen ist. Sie erreicht die Brücke, die zum gleichen Zeitpunkt in die Luft gesprengt wird.

 Die schwangere Mina kann sich retten, findet später Mili in einem Lazarett, der aber bald darauf stirbt. Sie zieht ihr Kind alleine groß, trifft später Sasha, der an dem Krieg, dem Tod von Leila und seinem verpfuschten Leben verzweifelt und sich kurz darauf umbringt.

 Es bleibt nur noch Mina übrig, die als Emina, ihre älteres Ich, die Geschichte erzählt.

 Außer einem Gerüst, das im vorderen Teil der Bühne in die Höhe schießt, gibt es kein Bühnenbild. Die Inszenierung lebt alleine von der gefühlsstarken und lebendigen Darstellung der Schauspieler. Emina ist Teil ihrer Erzählung, Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen miteinander und wenn die Emina mit Mina vor dem Gerüst am Ende tanzt, weiß man das nicht alles vergebens war und ihr die Erinnerung an ihre Freunde und ihr lebensfrohe Jugend hilft, ihr eigene Geschichte zu verstehen und zu ertragen.

 Selten hat mich eine Inszenierung in Gießen so emotional berührt. Nach der Pause gelang es mir kaum, die Tränen zurückzuhalten. Wir haben quasi mit den Protagonisten auf der Bühne mitgeheult. Aber wir sind in einer komfortablen Lage und mitheulen bei Filmen oder Theaterstücken sollte nicht nur dazu dienen, seine Emotionen, die man im Alltag ja oft eher kontrollieren muss, freien Lauf zu lassen. Empathie für Schauspieler aufzubringen, die eine tragische Situation simulieren, ist für friedensverwöhnte Mitteleuropäer eine leichte Übung. Man muss aufpassen, dass man den Hass, der direkt an der nächsten Ecke auf einen wartet, nicht in sein Herz und Gehirn hineinlässt. Dazu reicht es nicht, in Theatern zu heulen. Dazu braucht es Wachsamkeit, Mut und eine Lebensfreude, die die vier jungen Menschen in Mostar Ende der Achtziger zusammengeschweißt hat. Falls man aus diesem Stück so etwas wie eine Moral oder Lehre ziehen möchte, dann vielleicht: lass dir deine Lebensfreude und deine Freunde nicht von dem Hass der anderen nehmen.

Reihe 3, Platz 58+59: Die Orestie von Aischylos 

Nach der Festtagsvöllerei, die uns träge hat werden lassen, verlangt unser Abo, das wir aus dem Hause gehen, um im Stadttheater Giessen die zweitausendfünfhundert Jahre alte in der antiken Welt eingebettete Tragödie über Rachsucht und blinden Hass zu konsumieren. Wir haben in den letzten Tagen so viel in uns hineingestopft, warum sollen wir uns dann einem altbackenen Stück zuwenden, in dem Götter auf die Menschen herabschauen und sie herumschubsen. Wir leben doch zum Glück in einer Welt, in der Götter keinen Zugriff auf uns haben. Da kann das so kurz nach Weihnachten im Theater keine Stimmung aufkommen, oder? Die Zusammenfassung der blutrünstigen Handlung: Agamemnon, der Herrscher über Mykene und Anführer der Griechen im Kampf um Troja, opferte seine Tochter Iphigenie, um weiter nach Troja segeln zu können (Wie wir in Goethes Stück „Iphigenie auf Tauris“ gelernt haben, hat er sie gar nicht getötet, sondern nach Tauris geschickt, aber das spielt hier gar keine Rolle). Seine Frau Klytaimestra ist deshalb stinkesauer. Während der langen Abwesenheit ihres Ehemannes beginnt sie eine Affäre mit  Aigisthos. Agamemnon kehrt nach zehn Jahren als Sieger aus dem trojanischen Krieg zurück und Klytaimestra tötet sogleich ihren Gatten. Worauf hin ihr Sohn Orest, den sie kurz vor der Rückkehr seines Vaters weggeschickt hatte, wieder nach Hause kommt, um sie und ihren Liebhaber zu killen. Daraufhin werden die Erynnen (die Rachegöttinnen) zu den Eumeniden (die Wohlgesinnten – der eine oder andere erinnert sich vielleicht an den gleichnamigen Roman von Jonathan Littell, der sich auf die Orestie bezieht). Aber wie sich Rachegöttinnen in die Wohlgesinnten verwandeln können, überfordert meinen in Fett und Alkohol ertränkten Geist. Ausnahmsweise waren wir sehr früh im Theater, kauerten gähnend in den roten Sesseln und warteten auf die Darstellung zahlreicher widerwärtiger Morde unter Verwandten. Das karge Bühnenbild bestand aus einer großen Leinwand, die über die ganze Breite der reichte und so die Bühne verkleinerte und zwei Leinwände an den Seiten.  Zuerst betrat Lyhre die Bühne, die schon in der letzten Spielzeit bei Neometropolis die Inszenierung mit ihrer Musik erweitert hatte. Iphigenie betritt die Bühne und erzählt die Vorgeschichte, emotional sehr aufgeladen und einer hektischen Choreographie folgend. Mit dem Wächter, der an einem Spiegeltisch sitzend berichtet, dass er jahrelang Nachts auf die Feuersignale warten musste, die das Ende Trojas verkünden und nun in dieser Nacht das Signal am Himmel erschienen ist, beginnt das eigentliche Stück und das Drama nimmt seinen Lauf. Zum ersten Mal kommen die beiden Leinwände zum Einsatz. Das Spiegelbild des Wächters wird auf die Leinwände übertragen und man ist ganz nah an dem mimischen Spiel des Schauspielers dran.  Dieser Effekt wird im Verlauf des Abends noch öfter zum Tragen kommen. Zwei Kameras auf der Bühne nehmen die Schauspieler auf und Ihr großes Abbild erscheint auf den großen Leinwänden und vervielfacht und vertieft ihr Spiel. Leider hat man ein kleines Latenzproblem und man hört die Stimmen der Schauspieler, sieht aber auf dem Bildschirm nur zeitverzögert wie sich die Lippen zu den Worten bewegen.  Zweimal werden große 3-D-Installationen auf die Leinwände geworfen. Während Klytaimestra ihren Monolog hält, folgt man dem Flug zwischen den Hochhäusern einer fiktiven Stadt und während Agamemnon mit geschundenem und nacktem Oberkörper sich seiner Taten rühmt, steht er inmitten einem dreidimensionalen Abbild eines Autotunnels. Der Chor, ein typisches Stilmittel der griechischen Tragödie, der ja immer so etwas wie die Stimme des Volkes darstellt wird nur von Roman Kurtz als alter weiser Mann dargestellt.  Die Schauspieler sind in Hochform, bis auf Amina Eisner, die die Kassandra gibt und immer wieder beim Text stolpert und ins Stocken gerät. Vielleicht nicht ihr bester Tag und ganz bestimmt gibt es einen Grund dafür. Frau Minetti als wütende und zornige Klytaimestra, die schon lange den Pfad der Vernunft hinter sich gelassen hat, bestimmt den ersten Teil im Wechselspiel mit dem Chor. Ihre Präsenz und ihre Unerbittlichkeit nehmen schon den Rachefuror vorweg und als Agamemnon der geschundene Held müde und erschöpft nach Hause kommt, wird er gleich von Klytaimestra in die Enge getrieben, gedemütigt und schließlich gemeuchelt. Und so geht der erste Teil des Schauspiels recht geschmeidig und wider Erwarten kurzweilig vorüber.  Die Verknappung des Bühnenbildes, die Songs, in denen es um Unterwerfung, Blut und Tod geht, die Bildeffekte und das engagierte Spiel der Darsteller lassen das Stück in der Gegenwart ankommen. Es werden Interpretationsspielräume geöffnet, die uns nicht nur erschauern lässt, sondern auch zum Nachdenken bringen. Man ist bewegt von der Frage, ob diese Kette von Gewaltakten jemals unterbrochen werden kann. Die gekränkte Eitelkeit, der eigene Ehrgeiz, seinen Nachbarn zu besiegen, um als Held in die Geschichte einzugehen, rechtfertigt jedes Opfer, auch den Tod der eigenen Tochter und wenn die Mutter aus Rachsucht über den Vater richtet, ist das ein Akt der Selbstjustiz, die jegliche Rechtstaatlichkeit verhöhnt. Die Beispiele aus der Gegenwart kann man jeden Tag in den Nachrichten nachvollziehen und die Götter waren auch schon bei den alten Griechen nichts anderes als die dumme Entschuldigung für Missetaten. Es sind Menschen, die Menschenrechte ignorieren und Menschen meucheln andere Menschen. Dafür brauchen sie keine Götter. Dann endet der erste Teil und ich muss erst einmal tief durchatmen. Unsere Reihe 3 und die zwei Reihen vor uns waren gut besetzt. Nach der Pause sitzt links neben uns niemand mehr. Auch vor uns haben sich die Reihen gelichtet. Wir fragen uns, ob da der ein oder andere die Gelegenheit genutzt hat, um nebenan auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Platz sich mit Glühwein die Welt schön zu saufen. Der Inhalt des Stückes mag einem eskapistisch handeln lassen. Aber die Inszenierung ist alles andere als zum Weglaufen. Teil zwei und drei der Geschichte fallen deutlich zum ersten Teil ab. Orest und Elektra sinnieren über die Rache an ihrer Mutter und bringen sie und ihren Geliebten, der von David Gaviria irritierenderweise als narzisstische Andy Warhol-Kopie gespielt wird, um die Ecke und am Schluss tauchen alle Toten auf und sitzen im dritten Teil über Orest zu Gericht. Hier hat man sich das ganze Götter- und Tempelgedöns  gespart und eher in einen Diskurs über Rache, Vergebung, Recht und Freiheit investiert. Die zahlreichen Stimmen der Schauspieler verhandeln die Dinge der Menschen, ob sie nun Rachegöttinnen, Wohlgesinnte, Athene oder sonst wen darstellen hat keine Bedeutung. Am Ende wird Orest freigesprochen und verspricht seinen Nachbarn nicht mehr anzugreifen oder sich mit ihm zu streiten. Das Stück ist unvermittelt zu Ende. Die Zuschauer brauchen eine Weile, bis sie es merken und mit ihren Handflächen frenetischen Applaus erzeugen. Ein wohlverdienter Applaus…

Reihe 3, Platz 58+59: Fifty Degrees of Now nach Motiven aus „Das Ministerium für die Zukunft“ von Kim Stanley Robinson

Die Serie „Almania“ von und mit Phil Laude mag man nicht als feinsinnige Reflektion unserer Gegenwart betrachten. Es ist nun mal nur eine ARD-Serie, geschrieben und entworfen von jemanden, der in seinem früheren Leben die deutsche You-Tube-Comedy quasi erfunden hat. Das kann man mit den Anstrengungen akademisch ausgebildeter Theaterprofis nicht vergleichen, die Tag für Tag die Welt zwischen die drei Wände einer Bühne pressen. Und doch kann man beim Verfolgen der Serie viel über uns und unsere Gegenwart erfahren. Die Schülerin Annika, Jungaktivistin und sowas wie das wandelnde woke Gewissen in Ihrer Klasse, entwickelt plötzlich Sympathie für den rechtsdrehenden Hausmeister Schröder. Er präsentiert ihr in seiner Prepper-Bastelstube selbstgezogene Gurken, die er mit seiner persönlichen Fußnägelernte düngt. Alles nachhaltig und ressourcenschonend. Plötzlich sprechen sie eine Sprache. Als missverstandene und einsame Menschen, die von ihrer Umgebung für ihren pessimistischen Blick auf die Zukunft verachtet werden, verstehen sie sich prächtig. Bis zu dem Moment als sie sich gegenseitig den Grund für die große anstehende Veränderung nennen und Annika den Klimawandel mit großer Geste aus dem Hut zaubert und Herr Schröder etwas von Ausländern brummelt. In dem Moment verwandelt sich Annikas Sympathie wieder in Abscheu und sie rennt weg.

 Links und rechts der Mitte scheint es eine gewisse Lust am Weltuntergang zu geben. In der Mitte ist man eher genervt. Aber auch die Mitte franst immer mehr aus. Eine Tatsache, die viele Politiker anscheinend nicht wahrhaben wollen. Aber das ist ein anderes Thema. Ich resigniere, wenn ich zum dritten Mal in einer Spielzeit im Gießener Stadttheater ein Stück über den Weltuntergang präsentiert bekomme. Es erzeugt bei mir eine gewisse Müdigkeit und Erschöpfung bei mir. Die Situation der Menschheit gibt im Moment wenig Anlass für Freudentaumel. Aber wann war das schon einmal anders. Das Ende zu zelebrieren bringt uns nicht weiter. Gerade weil es in der Mitte der Gesellschaft einfach viele ignorante Zeitgenossen gibt, die jede Veränderung mit Murren hinnehmen und sich in Trägheit üben, in der Hoffnung, dass der Spuk bald vorbei ist und man weiterhin sein Schnitzel essen, sein Verbrenner fahren und jedes Jahr mit dem Flugzeug in ferne exotische Länder fliegen kann.

 Das erste Exemplar begegnete mir und meiner Frau schon beim Parken vor dem Theater. Mein kleines Elektroauto parkte ich pflichtbewusst auf einer Parkfläche am Rand einer Nebenstraße, korrigierte sogar mehrfach die Parkposition, um ja im weißen Raster der Parkfläche zu bleiben und in der engen Straße genug Platz für alle Verkehrsteilnehmer zu lassen. Mein Frau und ich stiegen aus, gingen um die Ecke und sahen ein Paar aus ihrem schwarzen furchteinflößenden SUV aussteigen, den sie im absoluten Parkverbot halb auf der Straße, halb auf den Bürgersteig abgestellt hatten. Es war ihnen egal, dass sie ein Verkehrshindernis darstellen. Erschreckenderweise rannten sie auch zum Theater. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Menschen dasselbe Theaterstück wie wir besuchten.

 Beim Betreten wurden wir überrascht von der Umgestaltung des Innenraums. Eine weiße Wand verkleinerte den Zuschauerraum. Auf der Bühne hatte man eine Tribüne mit Sitzplätzen errichtet. Im erhöhten Orchestergraben hatte man die Szenerie eines Konferenzraumes aufgebaut: Tisch, Sitzgelegenheiten, Verpflegung, Kaffee, ein Wasserspender.

 Nebel wallen über die Bühne und die Köpfe der Zuschauer hinweg. Das Stück begann. Wie bei einer antiken Tragödie berichtet der Schauspielerchor über die Geschehnisse. In Indien kam es zu einem Hitzekatastrophe. An einem Tag starben 20 Million Menschen. Die Weltgemeinschaft beschloss, endlich Konsequenzen aus dem Ereignis zu ziehen und gründete ein Ministerium der Zukunft: einne globale Organisation, die Wissenschaftler und Experten vereint. Sie haben die Aufgabe,  Maßnahmen zu Reduktion des CO2 Ausstoßes verbindlich auf den Weg zu bringen. Mein Gesicht schläft ein. Sechs WissenschaftlerInnen unter der Führung von Mary (der ehemaligen irischen Außenministerin) treffen sich zum Montagsmeeting und diskutieren ausführlich über den Sinn von Montagsmeetings, Geoengineering, das Artensterben, die ungleiche Verteilung von Wohlstand. Das ist also jetzt das verschissene Stück über den Weltuntergang? Experten retten im Montagsmeeting die Welt? Mein Kopf verliert seine Spannung und fällt auf meinen Brustkorb. Tiefschlaf!

 Erst als Frank, der einzige Überlebende des Unglückes in Indien, Mary als Geisel nimmt und sie davon überzeugt versucht, dass Reden alleine nichts bringt und man unter Umständen Gewalt anwenden muss, um die Welt retten zu können.

 Ab diesem Moment bleibe ich wach und verfolge die Geschichte. Plötzlich hebt sich bei mir die Stimmung wie bei Annika, als Schröder ihr seine Fußnägel und die Gurken präsentiert. Frank gespielt von David Gaviria, der schon bei früheren Inszenierungen mit seinem glaubwürdigen Spiel überzeugen konnte, wird zur Inspiration für Mary. Weil er wohl doch einmal selbst Gewalt ausgeübt hat, buchtet man ihn ein. Mary, die ihn im Gefängnis besucht und ihn beschützt, sorgt für seine Resozialisierung.

 In der Pause wünsche ich mir für manche Zeitgenossen auch mal so einen Frank, der sie kräftig in die Mangel nimmt und wachrüttelt. Einige Zuschauer rannten aus dem Gebäude, zündeten sich Zigaretten an und beschwerten sich raunend, dass sie das mit dem Klimawandel langsam nicht mehr hören können.

 Nach der Pause wandelt sich das Stück in ein Plädoyer für den technischen Fortschritt und den Kapitalismus, der die Heilung bringt. Nach jahrelanger Überzeugungsarbeit schafft es Mary einzelne Notenbanken von der Einführung des Carbon Coin zu überzeugen. Eine Kryptowährung, die dann erzeugt wird, wenn eine Tonne C02 eliminiert wird. Unternehmen werden für die Vermeidung und Reduzierung von Co2 Emissionen belohnt. Das scheint die Lösung zu bringen, denn nach Jahrzehnten mühevoller Überzeugungsarbeit, gehen die Emissionen zurück, das Artensterben hört auf, die Natur erholt sich allmählich und die Welt ist gerettet. Das Stück endet mit einer frohen Botschaft. Wir verlassen das Theater und für uns bleibt die Frage ob die Rettung der Welt wirklich mit den althergebrachten Mitteln des technischen Fortschrittes und des Kapitalismus erreicht werden kann? Hat uns das mächtige Duo der Wohlstandserzeugung nicht erst in diese Lage gebracht? Sind die SUV-Fahrer, die maulenden Zigarettenpausensuchtis und die reichen Bonzen mit den Privatjets noch an einer Veränderung ihres Verhaltens interessiert, wenn man ihnen Rettung durch den Carbon Coin und Geoengineering verspricht? Vielleicht fehlt vielen Menschen genau diese Hoffnung. Die düsteren Weltuntergangsszenarien zeigen keinen Ausweg. Es steht doch eigentlich schon fest, dass wir verloren sind. Das Stück beantwortet diese Frage nicht und vielleicht ist es auch gut so. Wo Fragen unbeantwortet bleiben, wird man nicht aufhören, nach Antworten zu suchen.

Reihe 3, Platz 58 + 59, Neometropolis von Pat To Yan

Nach drei Monaten Theaterpause sind wir wieder auf unsere Plätze in Reihe Drei zurückgekehrt. Unruhig rutsche auf meinem schmalen Sitz hin und her. Das geschäftige Treiben der anderen Theaterbesucher*Innen macht mich nervös. Wir haben eine harte Woche hinter uns, viel Arbeit, wenig Freizeit und heute Nachmittag als Krönung noch der Kindergeburtstag meines neunjährigen Sohnes. Wir sind durch! Zur Ablenkung beuge ich mich über das Programmheft und versuche folgenden Text zu erfassen:

„Thomas Krupas Inszenierung führt mit sensibler Präzision differente Erzählweisen und semiotische Reservoirs zu einer offenen, aber konsistenten Form zusammen – und konterkariert damit, im Geiste von Pat To Yans lyrisch-märchenhaftem Drama, die Suche nach einer klaren Antwort auf die letzte Frage.“ 

Erinnern sie sich noch an die Peanuts? Witziger Comic aus den Siebziger, in dem die Welt aus der Sicht von altklugen Kindern gezeigt wird. Als ich die Rezension der deutschen Bühne im Programmheft las, fühlte ich mich wie Charlie Brown, der der blechernen und verfremdeten Stimme eines Erwachsenen zuhört und nur ahnen kann, was der Erwachsene von ihm will.

Der elfjährige Junge Earnest ist so etwas wie ein Charlie Brown der Gegenwart. Er lebt mit seinem Vater, einer Katze und einer Zimmerpflanze in einem Hochhaus in der Megacity Neometropolis. Er glaubt, das Wetter kontrollieren zu können, während sein Vater als Chefingenieur eines Techkonzerns die Bürger der Stadt kontrolliert. Und genauso wie Charlie Brown versteht er die Welt der Erwachsenen nicht, weiß aber, dass irgendetwas mit Ihnen nicht stimmt. Die Stadt ist von einem riesigen Wald umgeben, von dem man sich schützen muss. Angeblich stammt aus dem Wald eine todbringende Seuche die viele Stadtbewohner hingerafft hat. Earnest Mutter, eine Botanikerin, holte sich im Wald die Seuche und Earnest weiß nicht wirklich, was mit ihr geschehen ist. Als die Katze von Earnest verschwindet, gelangt er auf der Suche nach dem Tier in den Wald.

Ein zeitgenössisches Stück aus dem Baukasten für Theaterautoren. Überall lauern die Referenzen an die Gegenwart: Pandemien, Naturzerstörung, Übermacht von Techkonzernen, die Degradierung des Menschen zum Konsumenten, die Entfremdung von der Realität, autoritäre Regime, die keine Widerspruch zulassen. Der Autor beschwört eine Dialektik zweier Systeme, die auf einer Symbiose zwischen den einzelnen Bestandteilen beruhen, die aber im absoluten Widerspruch zueinander stehen. Auf der einen Seite die Stadt, in der alle Menschen mit einem Gehirninterface ausgestattet sind, miteinander vernetzt werden und nun ihr Heil in der Körperlosigkeit finden, weil ein Gedanke ausreicht, um das Licht und die Kaffeemaschine anzuschalten. Dagegen steht der Wald, der als einzigartiger Organismus existiert, ein pantheistisches Konstrukt, es strotzt vor Kraft und Geheimnissen, eine metaphysisches Paradies für jeden, der sich dem Organismus hingibt und Wurzeln schlägt.

In Gießen versucht man der Geschichte mit unzähligen Sinnesreizen beizukommen. Der Zuschauer wird  überflutet mit Bildern und Klängen. Die Musikerin Lyhre aus Berlin, die im Bühnenhintergrund aus einem großen Moog-Synthesizer bedrohliche Krachlaute herausschraubt, am Klavier die immer gleiche Akkordfolge variiert und mit ihrem verletzlichen hallumhüllten Nymphensopran schmerzvolle Lieder aus sich herauspresst, ist die eigentliche Hauptdarstellerin des Stückes. Die Musik wird illustriert mit überwältigende Fotos aus der Natur und Schauspielern, die sich in eine feststehende Schuhkonstruktion hineinzwängen und sich wiegen und strecken wie Pflanzen in Zeitraffer. Die Schauspielszenen und die Geschichte bilden nur die Übergänge zwischen den Klang- und Bildinstallationen.

Die Dialektik zwischen Natur und Mensch soll aufgehoben werden. Darauf hat der Autor keine Antwort (auch wenn die Rezension der deutschen Bühne etwas anderes vermuten lässt) und er macht es sich einfach: er lässt alles offen. Der elfjährige hat am Schluss im Wald den Geist seiner Mutter gefunden und ist ihrem Schöpfer begegnet, der alle ausgestorbenen Arten wieder erwecken kann, sein Vater ist ihm in den Wald gefolgt, gibt sich schnell als geläuterter Homo Faber, der nur Gutes wollte und dann stehen sie alle gemeinsam auf der Bühne und der elfjährige spricht den letzten altklugen Satz, der auch von Charlie Brown stammen könnte:
„Dann müssen wir alles noch einmal neu denken.“

Ist ja nett gemeint, aber Freitagabends um 22 Uhr konnten wir die Welt nicht neu denken. Eigentlich konnten wir gar keinen Gedanken mehr fassen. Wir sind noch zur Videokonferenz mit dem Autor gegangen, der sich auf einer großen Leinwand zeigte und zusammen mit dem Regisseur und Ensemblemitgliedern, sich den Fragen des Publikums stellte und auch das war so surreal und anstrengend wie der ganze Abend. Aber vielleicht lag es auch nur an unserer Erschöpfung und dem Wein, den wir getrunken hatten.

Ich will am Schluss gar nicht meckern. Die kreative Inszenierung mit hervorragenden Einfällen, passender musikalischer Untermalung und einer soliden Ensembleleistung war besser als meine Stimmung an diesem Abend. Und doch haben sie mich diesmal nicht abgeholt.

Reihe 3, Platz 9 + 10 Der Totentanz von August Strindberg

Der Höhepunkt unseres Theaterjahrs: der Besuch einer Aufführung am Berliner Ensemble. In den letzten Jahren standen unsere Kinder an erster Stelle und der Besuch von kulturellen Veranstaltungen war immer an die Frage geknüpft, ob wir eine Betreuungsmöglichkeit finden. Wenn wir auf Städtetour gingen, gab es keine Betreuungsmöglichkeiten. Endlich sind unsere Kinder alt genug und sie konnten mal eine Stunde alleine im Hotel verbringen. Also haben wir für unseren diesjährigen Kurztrip nach Berlin den Besuch einer Theatervorstellung ohne Kinder eingeplant.

 Natürlich wollte ich mir als alter Brechtfan unbedingt eine Theatervorstellung im BE anschauen. Das alte Theater am Schiffbauerdamm ist seit 1954 Spielstätte des Berliner Ensembles, das 1949 von Bert Brecht und Helene Weigel gegründet wurde. Der Bau, am Ende des 19. Jahrhunderts errichtet, nimmt im Innenraum viele Stilelemente des Barock auf und wirkt  mit dem Stuckornamenten und den vielen Gipsputten leicht überladen. An den Seiten kleben zahlreiche Logen wie Schwalbennester. Der Zuschauerraum scheint keine große Bedeutung zu haben, denn er liegt eng zwischen den Logenwänden. Man kann sich kaum vorstellen, dass Brecht dieses altmodisch vorbürgerliche Interieur mit seiner spartanischen Theaterkunst in Verbindung bringen konnte, die sich dazu doch oft um sozial benachteilige Menschen drehte.

 Mir war egal, welches Stück an dem Abend geboten wurde. Mir war wichtig, einmal im Leben in diesen heiligen Hallen zu sitzen und ein wenig von der legendären und mittlerweile etwas abgegriffenen Brechtaura abzubekommen.

 Man konnte erst vier Wochen vor Beginn der Vorstellung Karten online kaufen. Also habe ich am Beginn des Vorverkaufs vor dem Computer gesessen und  peinlich darauf geachtet wie in unserem Wohnzimmertheater in Gießen in Reihe 3 in der Mitte Plätze zu bekommen. Der Bourgeois ist ein Gewohnheitstier und deswegen immer vom Aussterben bedroht.

 Es stand der Totentanz von August Strindberg auf dem Spielplan. Ich hatte mich nicht vorbereitet und wollte unbelastet den Theaterabend genießen. Eine viertel Stunde vor Beginn der Vorstellung saßen wir auf unseren Plätzen und meine Frau löcherte mich mit Fragen zum Stück und der Inszenierung. Ich verdrehte die Augen und begann wild auf meinem Handy herum zu tippen.

 Der Totentanz ist ein typischer Strindberg. Das Ehepaar Edgar und Alice leben seit einer gefühlten Ewigkeit auf einer Quarantäneinsel alleine in einem Festungsturm und gehen sich gegenseitig auf die Nerven. Dargestellt werden Edgar und Alice von einem echten Ehepaar, Marc Oliver Schulze und Claude de Demo. Wir machen Witze über Herrn Schulze, der schon in Alarm für Cobra 11 mitgespielt hat. Na das kann ja was werden, Alarm für Cobra 11 im Berliner Ensemble. Und der Regisseur hat sich mit dem Bühnenbild an der Serie Lost orientiert. Haben wir nicht geschaut, das hat ja jeder geschaut. Der Bourgeois wird an seiner eigenen Arroganz ersticken.

 Kurz nach 18 Uhr ging das Licht aus und der Vorhang hob sich. Die Anfangsszene zeigte Alice, die mit dem Rücken zu Publikum gewandt, auf einem Friseurstuhl schlief und in ihrer Hand ein Rasiermesser hielt. Sie kam langsam zu sich und begann genüsslich mit hörbaren Kratzgeräuschen ihr in die Luft gestreckten Beinen mit dem Rasiermesser zu traktieren. Edgar ein schlaksiger und ungepflegter Bursche mit grauen, schütterem Haar und missgünstiger Miene betrat die Szene durch eine Schleuse, wie man sie aus Weltraumfilmen kennt. Der erste Dialog bestand aus den üblichen Floskeln alter Ehepaare und ging nahtlos in den ersten Streit über. Es ging um Enttäuschung, Einsamkeit, gegenseitigem Misstrauen und der Erkenntnis, dass man sich jeden Tag die gleichen Vorwürfe macht. Kurt, ein alter Freund des Paares, der auf der Insel vor kurzem angekommen war, um dort ein Amt zu übernehmen betrat das Bühnenbild durch die Schleuse und wurde sofort in das übertriebene Spiel der Eheleute miteinbezogen. Kurt, aufgeräumt und stabil im Auftreten, gab dem Zuschauer die Hoffnung, dass er den beiden Einhalt bot und sie vielleicht von ihrem Unglück befreien könnte. Aber auch Kurt ist eine gebrochene Figur und hat etwas zu verbergen. Spät stellte sich heraus, dass er Alice verfallen ist und sich für alte Wunden, die ihm Kurt vor langer Zeit zugefügt hatte, rächen will. Irgendwann rannten drei Karikaturen ihrer selbst auf der Bühne herum und wussten nicht mehr, was tiefer Ernst war oder aus reiner Gemeinheit und Missgunst dem Anderen an Kopf geworfen wurde. Am Schluss haben Edgar und Alice Kurt um die Ecke gebracht und für einen Moment schienen sie gemeinsam glücklich zu sein. Erschöpft und seltsam glücklich warteten sie auf ihr nächstes Opfer.

 Man kann die Inszenierung als bitterböse Klamotte lesen. Kay Voges, der Regisseur, fand in Strindberg eine Verwandtschaft zu Becketts Endspiel und Sartres geschlossene Gesellschaft. Manchmal entdeckte man als Zuschauer an sich die gleiche Verwirrung, die einem beim Betrachten eines Beckett-Stückes überfällt. Alles ist todernst, aber doch irgendwie gar nicht so gemeint. Das widersprüchliche des Absurden gilt es auszuhalten. Zudem glitzerte hinter dem bösartigen Spiel das „die Hölle sind die anderen“ durch. Man hat sich eingeschlossen und will den Turm ja gar nicht verlassen.

 Nach anderthalb Stunden kurzweiligem Vergnügen verließen der Bourgeois und seine Ehefrau die heiligen Hallen. Anschließend stand er neben der Statue des sitzenden Bertholt Brecht auf dem Bertholt-Brecht-Platz und macht einen Selfie. Er spürte kurz ein Ziehen in seinem Nacken. Es ist die Erkenntnis, dass auch er zuweilen das Lamentieren und Proklamieren seines Ärgers nutzt, um sich seine Zeit zu vertreiben, der Bourgeois, der widerliche!

Reihe 3, Platz 58 und 59 – Mädchenschule von Nona Fernández

Wetzlar. März 2023. Ca. 20 Personen bilden einen Kreis und lauschen schweigend einem Redner, der seine formelhaften Beschuldigungen herunterleiert. Er spricht mit monotoner Stimme über das gemeinsame Bündnis der Mächtigen und der Presse, die das Volk für dumm verkaufen wollen und das ja mit Corona alles so gekommen ist, wie man es erwartet hat. Etwas abseits passen zwei Polizisten auf. Sie haben nicht viel zu tun und unterhalten sich feixend. Die Querdenker, Coronaleugner oder wie sie sich selbst oft bezeichnen Selbstdenker, feiern immer noch jede Woche in unserer Stadt ihre Messe des selbstgemachten Blödsinns. Die Gruppe hat sich im Laufe der letzten Monate eine eigene Halbwertszeit gegeben. Es nehmen immer weniger Personen teil, aber sie geben einfach nicht auf. Heute Abend haben sie sich am Ende der Fußgängerzone positioniert und weil wir den kürzesten Weg durch den Kreis der Blöden nehmen müssen, nehme ich meine Frau an die Hand und schiebe meine Kinder vor mich her. Mit gesenkten Haupt schleichen wir durch den Kreis und versuchen sie zu ignorieren. Meine Frau kann sich nur schwer zusammenreißen und als wir den Kreis verlassen, sagt sie zu mir: „Ich bleibe ruhig, obwohl es mir schwer fällt, aber du hast immer gesagt, eine Demokratie muss auch die Gegner der Demokratie aushalten können.“

Stadttheater Giessen. März 23. Aufführung Mädchenschule. Der Lehrer nimmt Tabletten gegen seine Angst. Die Ängste verschwinden, aber damit auch jegliche andere Empfindung. Er dreht sich als Rädchen in einer bürokratischen Maschinerie und seine einzige Aufgabe ist, rechtzeitig Zensuren zu verteilen.  Das taube Glück der Angstfreiheit ist nur Fassade und führt in eine Sackgasse. Also setzt er die Tabletten ab, die Ängste kommen wieder und er will sich lieber dem Wahnsinn stellen als gar nichts zu spüren. In seinem leeren Klassenraum trifft er auf drei Schülerinnen, die von sich behaupten kurz vor dem Abitur zu  stehen, vor fünf Monaten die Schule besetzt und nachdem die Besetzung eskalierte und ein Polizist umgebracht wurde, sich im Keller der Schule versteckt zu haben. Der Lehrer hat noch nie etwas von einer Besetzung der Schule gehört. Außerdem sehen die Frauen, obwohl sie Schuluniformen tragen, nicht mehr wie Schülerinnen, sondern wie Frauen mittleren Alters aus. Der Reiz des Stückes, das in Chile zur jeweiligen Gegenwart spielt, liegt darin, dass die Widersprüche lange ungeklärt bleiben, daraus eine magische Spannung entsteht und sie am Ende zu einem passenden Bild zusammengefügt werden. Dabei spielen Zeitebenen, die ineinander verrutschen eine große Rolle und die Relativität des Augenblicks spült das zeitlose Thema des Kampfes gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit nach oben. Die Autorin stellt die Frage nach autoritären Machtstrukturen und ihre Wirkung auf das Individuum. Chile, das sich bis heute trotz der gefestigten Demokratie immer noch an den Überbleibseln der Militärdiktatur abarbeiten muss, ist der geeignete Hintergrund für die Klärung dieser Frage.  Dieselben Schreckensfiguren scheinen immer noch das Sagen zu haben, obwohl schon so lange Zeit vergangen ist. Der Lehrer und die Schülerinnen leiden unter denselben Autoritäten. Während die Schülerinnen den Weg des bedingungslosen Widerstandes beschreiten und den Untergrund vor der Unfreiheit wählen, geht der Lehrer den Weg der Anpassung und geht beinahe zugrunde. Die Frauen sind lebensfrohe, mutige Kämpferinnen, der Lehrer versteckt sich hinter seinem Pflichtgefühl. Im Laufe des Stückes versteht der Lehrer, dass er den falschen Weg eingeschlagen hat. Am Ende zählt nicht die Verantwortung der Erwachsenen, die darin besteht nur zu funktionieren und die Umstände nicht zu hinterfragen, sondern die Verantwortung für eine bessere Zukunft.  Die Frauen kämpften für die Demokratie, weil sie damit die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft für alle verbinden. Als Zuschauer kann man die Kraft des Aufbegehrens spüren. Die Schülerinnen, überzeugen gespielt von drei erfahrenen Ensemblemitgliederinnen, agieren ruhelos, kraftvoll und reiben sich an dem Hochgefühl der Revolution auf. Rebellion ist Schwerstarbeit, lebensbedrohlich und gleichzeitig beglückend. Das Ziel, Gerechtigkeit für alle, mag unerreichbar sein, aber der Kampf lohnt sich trotz der vielen Entbehrungen, weil es bedeutet, ganz nahe bei sich selbst zu sein und darüber sogar die Zeit zu vergessen.

Ich fühle mich an unsere Gegenwart erinnert und unseren Umgang mit zivilen Ungehorsam.  Eine freie und offene Gesellschaft sollte den zivilen Ungehorsam, der auf die bessere Zukunft für alle abzielt, als heilendes Korrektiv betrachtet. Da wo der zivilen Gehorsam auf die Zerstörung der freien und demokratisch organisierten Gesellschaften zugunsten einer autoritären Ideologie abzielt, sollte die Demokratie wehrhaft sein. Nach dem gelungenen Theaterabend habe ich lange darüber nachgedacht. Wenn ich Menschen, die sich auf der Straße festkleben, mit Gewalt begegne, nur weil sie den Ablauf des Verkehrs stören und sie sofort als Terroristen beschimpfe, dagegen aber jahrelang Reichsbürger und ähnliche Demokratiefeinde gewähren lasse und Rechtsextremisten den Weg bis in unsere Parlamenten bahne, muss ich mir die Frage als Bürger gefallen lassen, ob bei uns nicht auch allmählich alle Ebenen verrutschen und wir nicht mehr erkennen, ob es um die Freiheit aller geht oder um das Machtbegehren einzelner  Gruppen, die sich in der Minderheit befinden.

Ja, wir müssen die Feinde der Demokratie aushalten, auch wenn sie die Demokratie missbrauchen. Bei den Querdenkern hatten wir Glück, die Pandemie ist vorbei, die Menschen haben andere Sorgen und viele der esoterisch veranlagten Selbstdenker haben sich wieder in ihre Schmollwinkel verzogen, um sich neue fantastische Märchen auszudenken, die sie für die Wirklichkeit halten. Aber das heißt noch lange nicht, dass die Gefahr vorbei ist. Der Abend im Theater hat mich auf den Boden der Tatsache zurückgeholt. Wir dürfen niemals müde werden, wir dürfen niemals den Kampf für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aufgeben. Wir sind Menschen in der Revolte, egal ob es uns gefällt oder nicht. Die Veränderung ist unser Freund, sie hält uns am Leben. Die Stagnation und das Verharren in alten Verhaltensweisen ist unser Feind, dem wir jeden Tag trotzen müssen.

Reihe 3, Platz 58 + 59 – Dantons Tod von Georg Büchner

Bei Büchner trifft das pralle Leben auf Todessehnsucht, gesunder Menschenverstand auf Ideologie und der Alltag auf das große Drama. Auch an diesem Abend lehrt uns Büchner wieder einmal, dass ein Individuum, egal wie fancy und cool sein Nimbus sein möge, keinen Einfluss auf den Ablauf der Geschichte hat,  sondern es von ihr wie der Ertrinkende von der Flut mitgerissen wird.

Ich und meine Frau zwängen uns in Reihe drei an den Zuschauern vorbei und in der Mitte der Reihe lassen wir uns auf unseren abonnierten Plätzen nieder. Ich muss meine langen Beine sortieren und meine Frau schaut noch ein letztes Mal aufs Handy. In diesem Moment findet die glorreiche Rückkehr zur Normalität statt. Nach zweiundeinhalb Jahren Pandemie und zahllosen Einschränkungen und Exilen auf anderen Plätzen im Theater kehren wir befreit von Maske und Abstandsgeboten wieder auf unsere Stammplätze zurück. Für uns ein kleiner Triumph. Aber Büchner lehrt uns ja, sich niemals zu früh zu freuen.

Zum ersten Mal sehen wir ein Stück der neuen Spielzeit. Das Stadttheater hat eine neue Intendantin, deren Handschrift sich erst einmal nur in der schlichten Ausführung von Programmheften erkennen lässt. Bei genauerer Betrachtung  steht sie anscheinend für eine Verjüngung und Modernisierung des Spielbetriebs in Gießen:  neue junge Ensemblemitglieder und Regisseure, mit Migrationshintergrund, fröhlich divers. Bei mir blitzen die Reflexe eines alten und weißen Cis-Mannes auf: Das Neue kann ja nix. Dabei hat man gerade in den letzten Spielzeiten eine gewisse Ermüdung im Stadttheater bemerkt, die sich nicht nur mit den Schwierigkeiten bei der Anpassung des Spielbetriebes an eine Pandemie erklären lässt.    

Wir fragen uns die ganze Zeit, ob wir Dantons Tod nicht schon einmal im Stadttheater gesehen haben. Ich habe ganz bestimmt das Stück im Fernsehen gesehen. Meine Frau behauptet noch zwei Minuten bevor die Aufführung beginnt, Dantons Tod mit mir im Stadttheater gesehen zu haben. Während sie ihren Gedanken laut artikuliert, geht der Vorhang auf und  ihre Worte gehen in einer bedrohlich wirkenden Klanglandschaft unter. Die Darsteller turnen auf einem Gerüst herum, filmen ihre Gesichter mit einer Kamera, deren Bilder wiederum auf einen transparenten Vorhang projiziert werden und zwischen den einzelnen kurzen Textzeilen dröhnen die kargen basslastigen Elektrosounds in den Ohren der Zuschauer. Ein Grummeln klippt als Textur durch den Text und man weiß: Achtung Baby! Drama ist angesagt!!!!

Die Theatermacher haben es schon lange kapiert: kein Zuschauer möchte den langen und ausschweifenden Originaltext hören, sie wollen keine Schauspieler sehen, die in den Gewändern des achtzehnten Jahrhunderts über die Bühne parlieren und phrasieren wie kleine Schauspielgötter. Man muss verknappen, zuspitzen und mit zeitgemäßen Impulsen die Emotionen triggern,. Dazu gehört auch, dass Robespierre Haftbefehl zitieren darf!

Es geht ja um nichts weniger als die Französische Revolution, dieses Monster europäischer Geschichte, das für die Ambivalenz historischer Vorgänge steht: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit trifft auf totalitäre und faschistische Machtstruktur. Freiheitsliebende Revolutionäre treffen auf panische Diktatoren, die von den Gefahren der Freiheit besessen sind. Danton und Robespierre vertreten diese beiden Gegensätze. Danton der Lebemann und Berufsrevolutionär, hochbegabt und den Freunden des Lebens zugewandt gegen Robesspierre, der freudlose Ideologe, der die Revolution sofort beenden will, um die Freiheit einzuhegen, bis sie wie ein Tiger im Zookäfig keine Gefahr mehr für ihn darstellt. Im Hintergrund spielt immer die Wirklichkeit eine Rolle. Jeder, der das Stück sieht, weiß Danton wird sterben und Robespierre ihn nur kurz überleben.

Der Überhang cineastischer Effekte, das Verknappen und Verkürzen der Handlung und des Bühnenbildes, alles Fleisch runter vom Knochen kann ich ertragen und sogar gutheißen.

Etwas missfiel mir an der Inszenierung: die Erzählung der Geschichte erfolgt vom Ende her. Die Hinrichtung, die Szenen im Verließ kommen am Anfang und von dort rollt man die anderen Akte des Stückes vor sich auf wie die Rasenteppich auf dem Spielfeld im Fußballstadion. Das Stück endet lapidar und beiläufig. Als hätte Herr Büchner sich nichts dabei gedacht, sich keinen Spannungsbogen zurechtgelegt. In diesem Kontext erscheint der wuchtige Anfang folgerichtig, ist er doch eigentlich das Ende.

Büchner hat übrigens ein paar Monate in Gießen studiert. Das Haus, in dem er in Gießen logierte, liegt ungefähr zweihundert Meter Luftlinie vom Theater entfernt. Büchner hatte damals die Flucht ergriffen und seine letzten beiden Jahre in Straßburg verbracht, wo er mit nur 23 Jahren verstarb. Was für Leben im Zeitraffer und umso größer erscheinen seine drei Theaterstücke zu sein, die zum Kanon des deutschen Theaters gehören. Da passt es gut, dass die zwei männlichen Hauptdarsteller mit 27 Jahren gerade ihre Schauspielausbildung abgeschlossen haben und  mit ihrem Spiel in Erinnerung bleiben. Gerade wenn beide Ihre Monologe ergreifend und glaubwürdig darstellen und wenn sie die Konturen ihrer widerstrebenden Persönlichkeiten zeichnen, Danton mit seiner nonchalanten Lebensmüdigkeit und Robespierre mit der Scheißangst vor der Freiheit, hinterlassen sie Gänsehaut im Nacken des Zuschauers.

Ergänzt werden Sie durch teilweise gestandene Ensemblemitglieder, die ins gleiche Horn stoßen und zu Recht am Schluss den ausgiebigen Applaus und vereinzelte Bravorufe in Empfang nehmen.

Und was lernen wir aus dem Stück: Die Freiheit muss immer verteidigt werden und zu glauben, dass sie einem nicht genommen werden kann, kann einen bis aufs Schafott bringen.