Indiana Jones ist ein Langweiler !?

  Mir war es wichtig, neben den realistischen Handlungsorten, die Charaktere der Personen vorzuformen. Ich wollte Personen auftreten lassen, die ich vorher kennen gelernt hatte, über deren Innerstes ich mir vorher Gedanken gemacht habe. Gerade bei den Hauptpersonen ist es wichtig, dass mir klar ist, wie sie in den einzelnen Situationen zwangsläufig handeln werden. Welche Handlungsweise passt zu welchem Charakter? Diese Frage war für mich essentiell, weil ich bei früheren Projekten Personen aufgebaut habe und sie dann unglaubwürdig gehandelt und so den Plot und die Metaebene in Verruf gebracht habe. Teilweise habe ich ganze Kapitel umschreiben müssen. Diesen Aufwand wollte ich nicht noch einmal bei der Korrektur eines Textes betreiben. Durch gute Vorarbeit ist dieser Fehler leicht vermeidbar. Um es zu verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, sie schreiben etwas über Indiana Jones, der Inbegriff der Tatkraft, der keine Risiken scheut und keiner Gefahr aus dem Weg geht und sie lassen ihn einfach zu Hause bleiben und stellen dar, dass er als Weichei zu Hause sitzt und sich anstatt um archäologische Rätsel um seine Briefmarkensammlung kümmert. Er sitzt abends gramgebeugt und halbblind bei Kerzenschein und zieht mit einer Pinzette an irgendeiner alten Briefmarke herum, während seine Ehefrau ihn auf der anderen Seite des Tisches sitzend anschnauzt, dass er endlich den Müll herunterbringen soll und er ihr mit weinerliche Stimme entgegnet, dass er Angst habe bei Dunkelheit in den Garten zu gehen. Okay, es würde funktionieren, wenn sie eine Satire über Indiana Jones schreiben wollen, aber das wollen sie nicht. Sie wollen, das Indiana Jones als ihre Figur glaubwürdig ist und sich tummelt, um gefährliche Abenteuer zu bestehen. Wenn sie jetzt wollen, dass Indiana Jones sich aus dem Sessel schält und seine Peitsche schwingt, werden sie passende Formulierungen dafür finden. Allerdings glaubt ihnen das kein Leser mehr. An der Stelle klemmt die Geschichte und egal was sie schreiben, sie können es nicht mehr retten.

In meinem Fall habe ich mir die Freiheit genommen, ca. fünf bis sechs Personen vorzuzeichnen. Es betrifft Personen, die miteinander in Verbindung stehen, die familiär aneinander gebunden sind und alleine dadurch bestimmte Handlungsweisen vorbestimmt sind. Alle anderen Personen, die den Protagonisten an den Stationen der Reise begegnen, habe ich erst im Laufe der Geschichte entwickelt. Ansonsten hätte ich die Geschichte komplett vorschreiben müssen. Dieses Korsett hätte mich persönlich beim Schreiben gehemmt. Die Stationen der Weltreise waren geplant und es war vorgegeben, dass sie am Ausgangsort enden musste. Ein Kapital im hinteren Teil sollte einen phantastischen Teil enthalten. Ich nannte es „Reise zum Mond“ und habe anfangs wirklich gedacht, ich schicke die beiden Protagonisten auf den Mond. Im Nachhinein machte es keinen Sinn. Allerdings schrieb ich eine Art Traumszene, die sich gut in die Handlung eingefügt hat und sie auch voranbringt. Meine Geschichten sollen immer einen irrealen Teil, eine Phantasie, einen Traum, ein Wahnvorstellung enthalten, ohne dass die eigentliche Geschichte aus dem Ruder läuft. Ein kleiner Spleen, der mich in die Nähe mancher postmoderner Autoren bringt, deren Texte oft zwischen Wirklichkeit und Wahn schwanken. Ansonsten ließ ich alles andere offen. Somit habe ich für meine Verhältnisse relativ viel Zeit mit der Vorbereitung verbracht. Irgendwann kam der richtige Moment, um mit dem Schreiben der Geschichte zu beginnen. Ich hielt es nicht mehr aus, fühlte mich gut gerüstet und wollte endlich loslegen.

 

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Toll und jetzt!?

  Ich habe eine Metaebene! Wunderbar!! Habe ich dadurch eine Geschichte? Nein! Hier beginnt die wirkliche Arbeit. Es gibt auch hier mehrere Ansätze und viele unterschiedliche Herangehensweisen. Im Grunde geht es wie bei jeder handwerklichen Arbeit um die Arbeitsvorbereitung. Die verschiedenen Ansätze unterscheiden sich darin, wie intensiv man vor dem Schreiben der eigentlichen Geschichte durch Recherche, Festlegen der Handlung usw. den Schreibprozess abkürzen will. Manche Autoren stürzen sich mit einer wagen Idee in die Schreibarbeit und legen los, ohne einen konkreten Plan zu haben. Manche haben jahrelange Recherche betrieben und sich um Atmosphäre und Fakten gekümmert, konkrete Handlungsabläufe vorgegeben, alle Personen inklusive Nebenfiguren ausmodelliert und schon Plot inklusive Exposition, Klimax und Ende wie in einem Drehbuch festgelegt, um dann nur noch den Text auszuführen. Beides hat seine Berechtigung und beides führt am Ende zum fertigen Text.

Im Laufe meiner Entwicklung als Autor habe ich mich vom Schreiben aus dem Bewusstseinsstrom heraus verabschiedet und mich zum Autor entwickelt, der eine gewisse Vorarbeit leistet und sich grundsätzlich Gedanken um den Plot macht. Ich schreibe erst den Text, wenn ich das Gefühl habe, die Bausteine des Plots fügen sich zu einem Ganzen zusammen. Früher wiederholte ich unablässig das Mantra, dass recherchierte Geschichten automatisch schlecht sein müssten, weil die Geschichten nur aus einer Aufzählung von Fakten bestehen und dadurch dem Text der Tiefgang fehlt. Ich habe als Beispiel immer die Texte von Tom Glancy angeführt. Aber eigentlich wollte ich nur einen guten Freund ärgern, der ein Fan von Tom Glancy war. Als Retourkutsche hat er alle meine Texte im Vorhinein abgetan mit den Worten: „Das kenne ich doch schon. Das hat ein Anderer vor dir geschrieben.“ Mittlerweile recherchiere ich viel, da ich begriffen habe, dass gute Recherche mir ein Fundament gibt und meine Möglichkeiten erweitert. Ein Beispiel dafür ist mein Roman „Kommt“. In diesem Roman geht es um zwei junge Männer, die um die Welt reisen, um den Vater des einen Protagonisten zu finden. Dabei sollten die zwei Jungs möglichst viele Länder bereisen und nicht nur als Touristen auftreten. Sie sollten Einheimische, die Kontakt mit dem Vater hatten, in ihrer gewohnten Umgebung aufsuchen. Sie bereisten Indien, USA, Russland, Brasilien, Italien usw. Einige der Reiseziele kannte ich aus eigener Anschauung. Die erste Station der Reise spielte in der Toskana, seltsamerweise in der Gegend, die ich 2007 mit meiner Frau durchwanderte. Ein anderer Teil der Reise führte nach Paris, auch dort war ich schon mehrfach. Ein Kapitel behandelte Freiburg und Umgebung. Einige meiner Familienurlaube in den letzten fünfzehn Jahren haben mich in den Schwarzwald geführt. Ich bin aber nicht polyglott genug, um nach Brasilien zu reisen, auch bin ich kein Freund von Kreuzfahrten und ferne Länder wie Indien erschrecken mich eher, als das ich sie bereisen will. Also habe ich Reiseführer gelesen. Möglichst welche, die sich mit den einheimischen Sitten und Bräuchen und nicht mit Ferienclubs auseinandersetzen. Ich habe im Internet bestimmte Reiserouten für Kreuzfahrtschiffe studiert und mich über die Möglichkeiten einer Reise auf einem Frachtschiff informiert. Die Recherche hat insgesamt ca. ein Jahr in Anspruch genommen und ich denke, ich werde insgesamt mit den Philosophiebüchern die ich noch lesen wollte, um gewisse Elemente bestimmter Philosophen in die Geschichte einfügen zu können, ca. 15 bis 20 Bücher gelesen haben. Ich wollte beispielweise das Verhältnis zwischen Heidegger und Adorno auf die Schippe nehmen, weil es in Wirklichkeit ein absolutes Nichtverhältnis zwischen Naziprofessor und emigrierten Juden war und Adorno mit einer gewissen persönlichen Motzhaltung Heidegger auf philosophischer Ebene angegriffen hat und Heidegger zumeist einfach nicht darauf reagiert hat. Also habe ich ungefähr drei Bücher von Adorno gelesen und natürlich ‚Sein und Zeit‘ von Heidegger gelesen und dementsprechend Sekundärliteratur bemüht. Diese ganze Recherche nahm wenig Einfluss auf die Handlung, aber viel Einfluss auf den Handlungsrahmen. Meine roter Faden hat sich dadurch nicht geändert, aber ich konnte dem Text neue interessante Nuancen hinzufügen und musste mir nicht im wahrsten Sinne irgendetwas aus den Fingern saugen. Der Text wirkt hoffentlich plastischer und realistischer und neben dem Spaß, den ich dabei hatte, konnte ich meinen Horizont erweitern.

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Metaebene für Projekt X

Die Metaebene für mein Projekt X beruht auf der Annahme, dass gesellschaftliche Werte in rein dialektischer Form, als reine Gegensätze und Widersprüche konstruiert werden. Es gibt zu jeder positiven Eigenschaft ein negatives Gegenbild. Wir haben uns daran gewöhnt, Menschen in schön und hässlich, arm und reich, gescheitert und erfolgreich einzuteilen. Kategorien, die zuerst nur eine Einschätzung widergeben, die anfänglich nicht unbedingt eine gesellschaftliche Realität darstellt. Daraus ergeben sich verheerende Entwicklungen für die komplexen Vernetzungen zwischen Menschen, die aufgrund eines ständigen Drangs zur Vereinfachung nicht nur nach den simplifizierten Gegensatzpaaren kategorisiert werden, sondern allmählich zur gesellschaftlichen Relevanz und damit zur Realität werden. Der Vereinfachungstrieb hat uns Menschen erfasst und man könnte viele anthropologische Untersuchungen durchführen, um herauszufinden, ob dieser Trieb nicht im Menschen seit je her angelegt ist. Eine Tatsache ist auffällig: viele reden von der Intransparenz der Welt, als sei sie eine Entwicklung der Neuzeit. Dabei wird schnell vergessen, dass die Erkenntniskraft der Menschen schon immer auf ihr kleines Umfeld beschränkt war und es Menschen schwerfällt, über den Tellerrand zu schauen. Es gibt immer nur einige wenige, die mutig und neugierig genug sind, um die Welt außerhalb einer kurzen Reichweite zu entdecken. Ich befürchte, dass es sich um eine Ausrede handelt. Man bleibt in seiner Komfortzone, wenn man nicht hinschauen muss und kann schnell Urteile über Mitmenschen fällen. Haben wir nicht gelernt, dass der erste Eindruck bei der Begegnung mit einem Fremden sich im Folgenden bestätigt? Sie treffen einen fremden Menschen. Sie machen das tagtäglich dutzendfach. Sie gehen in den Supermarkt einkaufen und nehmen die anderen Kunden und die Angestellten des Supermarktes wahr. Wie viele Sekunden brauchen sie, um über jeden dieser Fremden ein Urteil zu fällen? Seien sie ehrlich! Es sind wenige Sekunden. Welche Etiketten kleben sie an die Fremden und welche Eigenschaften gestehen sie aufgrund der Etiketten den Menschen zu? Der guckt aber unfreundlich, man der hat auch so Falten auf der Stirn und die Klamotten, die der anhat, jetzt kauft er auch noch Zigaretten, ganz bestimmt Kettenraucher, wahrscheinlich auch noch Alkoholiker, siehste er hat sich eine Kiste Bier gekauft, ich kaufe mir immer nur einzelne Flaschen, eine ganze Kiste würde bei uns schlecht werden, dieses teigige Gesicht, ganz klar, der hat Probleme, wahrscheinlich schlägt er seine Frau….Wissen sie, ob der Mann nicht vielleicht gerade von der Arbeit kommt, noch seine Arbeitsklamotten trägt und er müde und gereizt ist, weil sein Tag sehr kräfteraubend war und er nur nach Hause will? Den Kasten Bier besorgt er sich für eine Feier, die er am Wochenende ausrichten will. Er hat alte Freunde eingeladen, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat und dies ist momentan seine einzige Freude. Wahrscheinlich wird jeder von den Gästen zwei oder drei Flaschen Bier trinken. Das Rauchen hat er schon vor Jahren aufgegeben. Allerdings gönnt er sich im Kreise seiner Freunde den Genuss, eine paar Zigaretten zu rauchen. Es mag ihm ein angenehmes Gefühl für den Moment geben. Am nächsten Morgen wacht er auf und denkt nicht an die Zigaretten, sondern an seine Frau, die letztes Jahr an Krebs gestorben ist. Er blickt auf die leere Stelle im Ehebett und es überkommt ihn der Schmerz und die Trauer darüber, dass er viel zu früh die Liebe seines Lebens verloren hat…..und sie haben aus dem armen Kerl einen gewalttätigen Säufer gemacht. Aber trösten sie sich: sie denken so, ich denke so und wir finden uns schnell bestätigt. Es gibt nur noch erfolgreiche, wohlhabende, schöne Menschen oder gescheiterte, arme und hässliche Menschen. Dazwischen gibt es recht wenig. Wir gestehen niemanden zu, dass unsere Einschätzung falsch ist und dass er einen Grauton abbildet. Es ist nicht nur so, dass die Durchdringung der Grautöne vermieden wird, es ist auch so, dass Menschen die Grautöne als Teil ihres Daseins ausschließen wollen. Alle streben nach der positiven Seite und bewundern die, die auf der vermeintlich positiven Seite wohnen. Ihnen wird auch nicht mehr die Möglichkeit des Scheiterns eingeräumt. Schauen sie sich Sportler an. Wehe sie werden zweiter oder dritter. Man ist fast beleidigt, wenn der persönliche Held oder die favorisierte Mannschaft verliert und gesteht ihnen nicht zu, das Scheitern zur sportlichen Karriere dazugehört und das aus der Niederlage ein erneuter Erfolg oder eine Läuterung erwachsen kann, die den Sportler zum interessanteren Menschen macht. Ist einmal jemand sozial abgestiegen, ist er abgestempelt und bekommt wenige Chancen zum sozialen Wiederaufstieg. Man ist sozusagen in seine Kaste hinein geboren worden und warum sollte aus einem Jungen mit Migrationshintergrund und mit Eltern, die noch nicht einmal richtig Deutsch können, eines Tages ein erfolgreicher Anwalt werden? Diese Optionen erkennen wir nicht mehr an. Alle Errungenschaften der letzten zweihundert Jahre Aufklärung scheinen sich langsam aufzulösen. Zum Glück gibt es die Grautöne und die Wirklichkeit bietet uns genügend Geschichten und Schicksale an denen man als Autor zeigen kann, dass ein wertvolles Leben, ein gut geführtes Leben von unendlich vielen Faktoren abhängt und es eigentlich nicht im Auge des Betrachters liegt, der leichtfertig sein Urteil fällt, sondern in der Perspektive desjenigen, der das Leben führt. Eine weiterer Aspekt: Wir fällen nicht nur ungerechte Urteile, wir schielen nach den Urteilen der Anderen und richten uns Handeln danach aus. Unser Handeln scheint holzschnittartiger zu werden und vollkommen auf Außenwirkung abgestellt. Wir beobachten und werden beobachtet. Wir legen keinen Wert mehr auf die Betrachtung der eigenen Innerlichkeit, des Selbstbildes. Meine Metaebene bildet einen Hintergrund, der vielfältige Ansatzpunkte bietet und es mir schwer machen wird, die Linie zu halten. Das ist meine Herausforderung und ich bin gespannt, ob ich beim Entwickeln der Geschichte zu jeder Zeit darauf Rücksicht nehme oder unweigerlich ins Ungefähre abschweife.

 

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Judith Hermann – Aller Liebe Anfang und die Metaebene Teil 2

Mit dem Roman „Aller Liebe Anfang“ macht sie sich zum Komplizen der typischen Vertreter meiner und ihrer Generation. Wir sind herangewachsen in dem Bewusstsein, dass jede vorherige Generation einen Schritt voran gemacht haben, viel mehr erreicht hat, als die vorherige Generation. Unsere Eltern haben den maximalen Wohlstand geschaffen oder geliefert bekommen. Mehr war wohl nicht möglich. Aber unsere Eltern wollten, dass wir es besser haben als sie. Sie meinten damit nicht eine bessere Lebensqualität oder Leben ohne Ressourcenverschwendung im Einklang mit der Natur und mit uns selbst. Leider hatten sie die materielle Ebene im Blick. Uns sollte es an nichts fehlen. Uns fehlte es aber an nichts. Wir sollten alle studieren, noch mehr arbeiten als sie, noch größere Häuser und Autos besitzen und nicht nur ihr Vermögen erben, sondern neues Vermögen anhäufen. Dabei waren ihre Autos schon zu schnell und ihre Häuser zu groß und Gelder, die sie angehäuft haben, konnten weder sie noch wir ausgeben. Leider haben einige die Fehleinschätzung ihrer Eltern als Befehl anerkannt. Plötzlich gab es so viele Menschen, die Betriebswirtschaft studierten, bei einer großen Unternehmensberatung arbeiteten und sich allein über Leistung definierten. Seltsamerweise schlugen sie genau die berufliche Karriere ein, um in den Firmen zu arbeiten, die mit ihrer Geschäftsidee den Abstieg der westlichen Industrienationen einläutete. Das Wirtschaftswachstum konnte durch normale wirtschaftliche Tätigkeit nicht mehr ausgebaut werden. Der Unternehmer konnte nur noch schwer seinen Gewinn maximieren. Also drehten die Unternehmensberater an der anderen Schraube und minimierten alle Kosten bis nur noch mageres Fleisch übrigblieb. Sie gingen also mit der Arbeitswelt ähnlich um, wie Frau Hermann mit ihren Sätzen. Arbeitsverdichtung überall und für uns, die in einer Welt des Überflusses hineingeboren wurden, eine schockierende Erfahrung. Es ging nicht mehr aufwärts, sondern im besten Falle seitwärts. Entweder strampelte man sich ab und verzichtete, ganz seine Leistungsmaximierung getrimmt, auf alles Überflüssige, wie Familie, Hobbies und Freunde, um dem Befehl der Eltern zu folgen oder man versuchte sich nicht zu bewegen, um den Verlustschmerz nicht zu spüren. Wer sich nicht bewegte, verzichtete auf Familie, Freunde, Horizonterweiterung und steckte einfach fest, sehr oft subventioniert von dem Vermögen der Eltern. Die Eltern ließen es zu, denn der Bub oder das Mädchen sollten ja nicht leiden müssen, wie sie selbst einst leiden mussten. Natürlich gibt es viele Farben und Schattierungen in den Lebensabläufen meiner Zeitgenossen und bemerkenswert ist, dass es mittlerweile viele gibt, die es verstanden haben, dass monetäres Wachstum keine Bedeutung hat und es wichtiger ist, in einem gesunden Umfeld seine Kinder und die Radieschen im eigenen Garten aufzuziehen. Es ist gerade wieder In geworden, Verantwortung zu übernehmen. Natürlich erschlägt uns die Komplexität der Welt, das Internet, die verfügbaren Informationen, die Zusammenhänge der Globalisierung, die Katastrophen dieser Welt und man konnte uns den bürgerlichen Rückzug ins Private vorwerfen. Wir nehmen es als Herausforderung an, weil viele verstanden haben, dass die Welt vor zwei Generationen viel kaputter war wie heute und es für uns persönlich wesentlich schlimmere Lebensbedingungen geben könnte und wie eher noch etwas abgeben können von unserem Wohlstand, unserer Bildung und unserem Wissen. Wir haben verstanden, dass das Glück bei uns selbst beginnt, wenn wir unser Leben in die Hand nehmen und zufrieden auf das Vorhandene blicken und daraus Kraft für das soziale Zusammenleben schöpfen. Gerade bei jüngeren Menschen zwischen zwanzig und dreißig erlebe ich viele, die eine völlig andere Vorstellung von Leben, Glück und Zufriedenheit haben als wir es hatten. Es geht viel um Erfahrung sammeln und sein Leben zu gestalten und nicht darum, den Führerschein zu machen und Papas Auto kaputt zu fahren und ansonsten zu warten, dass der Bausparvertrag, den Oma einst für abgeschlossen hat, endlich ausbezahlt wird, damit wir uns den Saufurlaub auf Malle leisten können. Frau Hermann könnte genau für unseren Teil unserer Generation schreiben. Für mich und viele meiner Freunde, die noch nie festgesteckt haben, die früh Verantwortung für sich und andere übernommen haben, die nicht hinter ihrer belanglosen Melancholie ihr Unvermögen verstecken. Was wäre sie eine gute Schriftstellerin, die die Zeichen der Zeit erkannt hat. Sie schreibt ohne wirkliche Metaebene in die Hände der Versager aus meiner Generation und gibt ihnen die Rechtfertigung für den Stillstand den sie Leben nennen.

Judith Hermann – Aller Liebe Anfang und die Metaebene Teil 1

Judith Hermann treibt die Melancholie in ihren Geschichten vor sich her. Sie ist zwar spürbar und greifbar, allerdings manifestiert sie sich meist nur in der Darstellung des lakonischen Nichthandelns ihrer Figuren, deren Geschichten sich zum Guten wenden könnten, wenn sie doch einfach endlich mal handeln, anstatt zu verharren. Das Glück hinter dem Handeln ist das ewige Versprechen ihrer Geschichten und die Möglichkeit wird zelebriert, bis der Leser entweder eingelullt wird oder vollkommen aggressiv auf den Text reagiert. Leider ist sie für mich eine Autorin, die kaum erträglich ist, weil sie keine Allerweltsliteratur schreiben möchte und sprachlich einem Dilettanten wie mir haushoch überlegen ist. Ihre Sätze ufern nicht ins Endlose aus und die Kraft ihrer Sprache findet sich in Sätzen, deren Inhalt Frau Hermann filetiert wie einen saftigen Schweinebraten. Ich sehe vor meinem geistigen Auge wie sie beim Schreiben das überschüssige Fett von ihren mageren Satzgefügen trennt, wie der Metzger das Fett vom mageren Schnitzel. Da ein Hieb und dort ein Schnitt und übrig bleiben drei maximal fünf Worte, vielleicht gönnt sie sich noch einen Nebensatz.

Auf den ersten Blick könnte man sogar Parallelen zwischen Sartre und Hermann benennen. Der Grundsound der Melancholie, die kurzen Sätze, die alles beinhalten was gesagt werden muss und nicht mehr. Wahrscheinlich haben beide eine Vorliebe für Hemingway, der nun mal als Urvater der modernen coolen Literatur es sich herausgenommen hat, sich an der grammatikalischen Grundformel Subjekt, Prädikat und Objekt fest zu beißen. Trotzdem hat er Texte mit großer Strahlkraft geschrieben. Aber dann endet die Gemeinsamkeit und bei genauerer Überlegung merkt man, dass Sartre aus einer Zeit stammt, als es um mehr ging, als das Abrutschen des Wohlstandskindes von einem Wohlstand in den anderen. Und das ist das Problem an Judith Hermann. Ihre guten Absichten werden zerstört, weil sie für ihre Generation schreibt, die Generation der jetzt dreißig- bis vierzigjährigen, die irgendwie immer unglücklich sind, weil sie ja viel mehr aus ihrem Leben hätten machen können, aber nie gehandelt haben, um ihrem Glück Beine zu machen. Ich gebe es unumwunden zu: Ich gehöre zu denen, die aggressiv beim Lesen werden. Eine Journalistin im Spiegel Kultur hat es letztens in ihrer überschwänglichen Kritik zu „Aller Liebe Anfang“ auf die Geschlechterebene gezogen. Frauen mögen Frau Hermann, Männer hassen sie. Ein klarer Verstoß gegen das AGG und mal davon abgesehen meines Erachtens nicht stimmig. Frau Hermann schreibt keine Frauenliteratur, die Männer auf die Palme bringt, weil Männer dabei schlecht wegkommen. Jeder hat einen individuellen Grund, warum man Literatur mag oder nicht und solange die Autorin der Rezension im Sinne der Falsifikation nicht erst einmal alle Männer dieser Welt das Buch hat lesen lassen und alle Männer allergisch auf Frau Hermann reagieren, bleibt ihre Annahme reine Polemik und genau auf diesen Terrain möchte ich mich nicht bewegen.

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Mein Ursprung in der Schüssel

Sehr früh in meiner Kindheit begann meine Liaison mit der Literatur. Bücher waren immer Teil meines Lebens. Kaum hatte das ich Lesen erlernt, wollte ich nicht nur einzelne Geschichte lesen, sondern mich durch die ganze Schwarte kämpfen. Ich lag in meinem Bett, den Kopf auf der Bettkante, das Buch auf dem Boden. Angenehm auf den Bauch liegend habe ich mich in den Geschichten verloren. Zur gleichen Zeit hat sich bei mir auch ein starker Hang zum Träumen entwickelt. Ich habe mir vor dem Einschlafen, meine eigene Parallelwelt in meinen Gedanken geschaffen und bin dabei friedlich eingeschlafen. Die Bücher waren meine Tagträume. Beim Lesen konnte ich alle meine Ängste von mir wegschieben und ich habe verdammt viel Angst vor vielen Dingen gehabt. Das ist mein Ursprung in der Schüssel. Ich lebte in ständiger Furcht vor Katastrophen. Ich könnte es auf meine Erziehung schieben. Meine Mutter neigte zum überdramatisieren und mein Vater war ein absoluter Pessimist. Vieles, was für meine Altersgenossen ganz normal war, wurde mir mit dem Hinweis verwehrt, es könne mir etwas schlimmes passieren. Die Herkunft meiner Ängste zu ergründen, führt in die tiefsten Schichten meines Wesens und ich könnte damit einen eigenen Blog füllen. Ich kann mich nur erinnern, dass ich als Dreijähriger in einem Kirmesflieger saß, der für mein Alter mehr als geeignet war, in dem kleinen Flieger aufstand und wie am Spieß geschrien habe, dass ich sofort runter wolle. Meine Mutter hat immer voller Stolz erzählt, dass ich der einzige Junge gewesen sei, der so ängstlich reagiert habe.    Meine Eltern schienen übertriebene Furcht für einen besonders wertvollen Charakterzug zu halten. Was dazu geführt hat, dass ich viele Jahre sehr gehemmt und eingeschüchtert gelebt habe und ich erst mit Mitte dreißig verstanden habe, dass mir die Welt offen steht. Aber auch das ist eine andere Geschichte. Auf jeden Fall war die Weltenflucht in erfundene Geschichten meine einzige Rettung. Ich wollte selbst schreiben und Geschichten erzählen. Als Achtjähriger habe ich ein Deutschheft mit einer Agentengeschichte geschrieben, die sich an einen Fernsehfilm anlehnte, der am Abend vorher lief. Der Film muss mich so in seinen Bann gezogen haben, dass ich unbedingt eine ähnliche Geschichte schreiben wollte. Irgendwelche Spielzeugautos, Legofiguren, Sandkastenbaustellen habe ich mit einer selbst erzählten Geschichte versehen. Ich habe im Sandkasten Städte gebaut, Dynastien errichtet und wieder vernichtet, wieder aufgebaut und dabei habe ich sehr zum Leid meiner Umwelt laut berichtet, was in der Stadt alles passiert sei. Ab der vierten Klasse habe ich angefangen dicke Romane zu wälzen. Es gab einen Autor dessen Bücher mich damals süchtig gemacht haben und dessen große Romane damals total angesagt waren. Michael Ende hat mit „Momo“ gezeigt, dass man Kinderbücher nicht nur spannend erzählen kann, sondern auch einen hohen literarischen Anspruch damit verbinden kann. Ich war elf, als die „unendliche Geschichte veröffentlicht“ wurde und ich habe dieses Buch verschlungen. Danach konzentrierte ich auf die gewaltigen Werke ab fünfhundert Seiten, die meine Altersgenossen nach zehn Seiten weggelegt hätten. Diese dicken Schinken fand ich in dem Bücherschrank meiner Eltern, die alle aus dem Bertelsmann Buchclub stammen. Aber Bertelsmann hat ja zum Glück nicht nur die Trivialschinken von Simmel, M.L. Fischer, Willi Heinrich und Uta Danella, sondern auch die Klassiker der Weltliteratur verlegt. Und seltsamerweise hatten meine Eltern „Schuld und Sühne“ im Schrank stehen. Mit Dostojewski fing meine Reise in die Philosophie an. „Schuld und Sühne“ hat mich fasziniert, weil so viele grundsätzliche Themen in eine packende Geschichte gepackt wurden und mich zum Nachdenken angeregt haben. Mittlerweile war ich vierzehn oder fünfzehn und ich hatte einen Deutschlehrer, der ein absoluter Literaturfreak war. Ein großer ungewaschener Kerl mit langen Haaren und Hippiebart, der uns offenbarte, dass er jedes Wochenende zwei Bücher las. Ich war inspiriert und obwohl ich bei ihm nie über eine drei minus hinauskam, hat der Mann wie ein Katalysator auf meine Lesewut gewirkt. Ich fing an, Brecht zu lesen, dann alles von Max Frisch und irgendwann las ich Sarte „Die Kindheit eines Chefs“ und dann Camus „der Fremde“ und dann war ich bei der Philosophie angelangt. Inzwischen machte ich Abitur und eigentlich wusste ich nicht, welchen Beruf ich ergreifen sollte. Ich hatte eine Zeit lang mit einem Studium der angewandten Theaterwissenschaften und Germanistik geliebäugelt. Schließlich hatte ich meine ersten Theaterstücke und Kurzgeschichten, sogar meinen ersten Roman geschrieben. Meine damaligen Werke waren völlig unbeholfen und ohne jegliche Struktur, aber ich schrieb. Und dann kam meine Angst in Quere. Meine Literaturwut gab mir zwar die Möglichkeit vor meinen Ängsten zu flüchten. Allerdings habe ich sie nicht bekämpft. Die Weltenflucht gab mir die Möglichkeit mich zu verkriechen, ohne an meiner Persönlichkeit oder meinem Selbstbewusstsein zu arbeiten. Also verließ mich der Mut und ich begann, sehr zur Freude meiner ängstlichen Eltern, eine Berufsausbildung bei der Sparkasse, also ein sicherer und krisenfeste Stelle im öffentlichen Dienst. Ich arbeite in dem Beruf erfolgreich und ich bestreite damit meinen Lebensunterhalt. Mittlerweile hängt mein Herz daran. Aber hätte ich damals anstatt mich in die Literatur zu flüchten, an mir gearbeitet, mir Mut angeeignet und wäre meinem Herz, meinen Bedürfnissen, anstatt meiner Angst gefolgt, sähe mein Leben heute vollkommen anders aus. Ich habe in meinem bürgerlichen Beruf viel über mich gelernt und habe mich als Person sehr stark weiter entwickelt. Vielleicht wäre ich, hätte ich das Studium angefangen, schnell gescheitert, weil ich aus meiner Persönlichkeit heraus keine eigene Kreativität hätte entwickeln können. Insofern bin ich mit mir im Reinen. Über Jahre hat sich natürlich meine Herangehensweise an das Schreiben stark verändert. Ich erlebe das Schreiben nicht als Weltenflucht. Ich stehe mitten im Leben, übernehme meine Verantwortung für mich und meine Familie und habe die meisten meiner Ängste überwunden. Ich fahre immer noch nicht gerne mit Karussellen jeglicher Art und ab und zu kommt mir meine Höhenangst in die Quere. Mein Anliegen Geschichten zu erzählen, hat sich in den letzten Jahren nicht verändert. Ich betrachte die Welt, sehe viele offene Fragen, gesellschaftliche Entwicklungen und nutze sie, um sie in meinen Geschichten zu reflektieren. Ich bin da bei mir und der Gegenwart geblieben. Ich kann nichts beschreiben was vollkommen aus meiner Welt ist und das nicht im weitesten Sinne im meinem Erfahrungsbereich liegt. Geschichten über Elfen und Trolle, Vampire und Serienkiller sind mir zuwider. Trotzdem liebe ich die Abstraktion. Man soll sich beim Lesen nicht die Fragen stellen, ob ich vielleicht nur meine Erlebnisse wiedergebe. Ich schreibe nicht autobiographisch, dafür ist mein Leben wieder zu langweilig. Außerdem habe ich eine Neigung zur zynischen Verfremdung. In den letzten Jahren habe ich eine zierliche Begeisterung für David Foster Wallace und Thomas Pynchon entwickelt. Ich glaube dass in meinem Stil leichte Anklänge von ihnen zu finden sind, ohne dass ich mich ausgiebig mit ihnen auseinander gesetzt habe. Für die Etikette auf ihrer Schublade dürfen sie sich mit dem Begriff postmoderner Realismus begnügen. Mit mehr kann ich nicht dienen und wahrscheinlich fällt gleich die Literaturpolizei über mich her und nimmt mich fest. Ich habe gehört, dass Pynchon-Experten sehr militant auftreten können.

Ursprung in der Schüssel

Schriftsteller haben einen gewaltigen Sprung in der Schüssel. Generell ohne Ausnahme sind ernsthafte Autoren keine Menschen, die in geordnete Denkbahnen um ihren Gehirnplaneten kreisen. Irgendwie sind sie alle als Kind auf ihren Kopf gefallen und haben auch nach Jahrzehnten noch gewaltige Phantomschmerzen. Sie sind sie nicht heile zu machen und im schlimmsten Falle kultivieren sie noch ihren Sprung in der Schüssel. Auch Wohlstand, Anerkennung und Nobelpreise reichen nicht aus, um die Scherben ihres Daseins zusammen zu kitten. Melancholie, Agonie, Neurosen und ein ständig verzweifeltes Seufzen und Ächzen zeichnen das Gemütsbefinden eines Schriftstellers aus. Viele Autoren kompensieren ihren Sprung in dem sie Sendungsbewusstsein entwickeln. Man hat eine Message und möchte in seinen Texten darauf hinweisen, wie die Welt funktioniert und meistens funktioniert sie nicht. Sie gerieren sich als schlechtes Gewissen der Menschheit und betreiben Selbsttherapie indem sie ständig Weisheiten aussondern, die zwar gehört werden, aber nicht wirklich dazu führen, dass sich etwas ändert.