Judith Hermann – Aller Liebe Anfang und die Metaebene Teil 2

Mit dem Roman „Aller Liebe Anfang“ macht sie sich zum Komplizen der typischen Vertreter meiner und ihrer Generation. Wir sind herangewachsen in dem Bewusstsein, dass jede vorherige Generation einen Schritt voran gemacht haben, viel mehr erreicht hat, als die vorherige Generation. Unsere Eltern haben den maximalen Wohlstand geschaffen oder geliefert bekommen. Mehr war wohl nicht möglich. Aber unsere Eltern wollten, dass wir es besser haben als sie. Sie meinten damit nicht eine bessere Lebensqualität oder Leben ohne Ressourcenverschwendung im Einklang mit der Natur und mit uns selbst. Leider hatten sie die materielle Ebene im Blick. Uns sollte es an nichts fehlen. Uns fehlte es aber an nichts. Wir sollten alle studieren, noch mehr arbeiten als sie, noch größere Häuser und Autos besitzen und nicht nur ihr Vermögen erben, sondern neues Vermögen anhäufen. Dabei waren ihre Autos schon zu schnell und ihre Häuser zu groß und Gelder, die sie angehäuft haben, konnten weder sie noch wir ausgeben. Leider haben einige die Fehleinschätzung ihrer Eltern als Befehl anerkannt. Plötzlich gab es so viele Menschen, die Betriebswirtschaft studierten, bei einer großen Unternehmensberatung arbeiteten und sich allein über Leistung definierten. Seltsamerweise schlugen sie genau die berufliche Karriere ein, um in den Firmen zu arbeiten, die mit ihrer Geschäftsidee den Abstieg der westlichen Industrienationen einläutete. Das Wirtschaftswachstum konnte durch normale wirtschaftliche Tätigkeit nicht mehr ausgebaut werden. Der Unternehmer konnte nur noch schwer seinen Gewinn maximieren. Also drehten die Unternehmensberater an der anderen Schraube und minimierten alle Kosten bis nur noch mageres Fleisch übrigblieb. Sie gingen also mit der Arbeitswelt ähnlich um, wie Frau Hermann mit ihren Sätzen. Arbeitsverdichtung überall und für uns, die in einer Welt des Überflusses hineingeboren wurden, eine schockierende Erfahrung. Es ging nicht mehr aufwärts, sondern im besten Falle seitwärts. Entweder strampelte man sich ab und verzichtete, ganz seine Leistungsmaximierung getrimmt, auf alles Überflüssige, wie Familie, Hobbies und Freunde, um dem Befehl der Eltern zu folgen oder man versuchte sich nicht zu bewegen, um den Verlustschmerz nicht zu spüren. Wer sich nicht bewegte, verzichtete auf Familie, Freunde, Horizonterweiterung und steckte einfach fest, sehr oft subventioniert von dem Vermögen der Eltern. Die Eltern ließen es zu, denn der Bub oder das Mädchen sollten ja nicht leiden müssen, wie sie selbst einst leiden mussten. Natürlich gibt es viele Farben und Schattierungen in den Lebensabläufen meiner Zeitgenossen und bemerkenswert ist, dass es mittlerweile viele gibt, die es verstanden haben, dass monetäres Wachstum keine Bedeutung hat und es wichtiger ist, in einem gesunden Umfeld seine Kinder und die Radieschen im eigenen Garten aufzuziehen. Es ist gerade wieder In geworden, Verantwortung zu übernehmen. Natürlich erschlägt uns die Komplexität der Welt, das Internet, die verfügbaren Informationen, die Zusammenhänge der Globalisierung, die Katastrophen dieser Welt und man konnte uns den bürgerlichen Rückzug ins Private vorwerfen. Wir nehmen es als Herausforderung an, weil viele verstanden haben, dass die Welt vor zwei Generationen viel kaputter war wie heute und es für uns persönlich wesentlich schlimmere Lebensbedingungen geben könnte und wie eher noch etwas abgeben können von unserem Wohlstand, unserer Bildung und unserem Wissen. Wir haben verstanden, dass das Glück bei uns selbst beginnt, wenn wir unser Leben in die Hand nehmen und zufrieden auf das Vorhandene blicken und daraus Kraft für das soziale Zusammenleben schöpfen. Gerade bei jüngeren Menschen zwischen zwanzig und dreißig erlebe ich viele, die eine völlig andere Vorstellung von Leben, Glück und Zufriedenheit haben als wir es hatten. Es geht viel um Erfahrung sammeln und sein Leben zu gestalten und nicht darum, den Führerschein zu machen und Papas Auto kaputt zu fahren und ansonsten zu warten, dass der Bausparvertrag, den Oma einst für abgeschlossen hat, endlich ausbezahlt wird, damit wir uns den Saufurlaub auf Malle leisten können. Frau Hermann könnte genau für unseren Teil unserer Generation schreiben. Für mich und viele meiner Freunde, die noch nie festgesteckt haben, die früh Verantwortung für sich und andere übernommen haben, die nicht hinter ihrer belanglosen Melancholie ihr Unvermögen verstecken. Was wäre sie eine gute Schriftstellerin, die die Zeichen der Zeit erkannt hat. Sie schreibt ohne wirkliche Metaebene in die Hände der Versager aus meiner Generation und gibt ihnen die Rechtfertigung für den Stillstand den sie Leben nennen.

Judith Hermann – Aller Liebe Anfang und die Metaebene Teil 1

Judith Hermann treibt die Melancholie in ihren Geschichten vor sich her. Sie ist zwar spürbar und greifbar, allerdings manifestiert sie sich meist nur in der Darstellung des lakonischen Nichthandelns ihrer Figuren, deren Geschichten sich zum Guten wenden könnten, wenn sie doch einfach endlich mal handeln, anstatt zu verharren. Das Glück hinter dem Handeln ist das ewige Versprechen ihrer Geschichten und die Möglichkeit wird zelebriert, bis der Leser entweder eingelullt wird oder vollkommen aggressiv auf den Text reagiert. Leider ist sie für mich eine Autorin, die kaum erträglich ist, weil sie keine Allerweltsliteratur schreiben möchte und sprachlich einem Dilettanten wie mir haushoch überlegen ist. Ihre Sätze ufern nicht ins Endlose aus und die Kraft ihrer Sprache findet sich in Sätzen, deren Inhalt Frau Hermann filetiert wie einen saftigen Schweinebraten. Ich sehe vor meinem geistigen Auge wie sie beim Schreiben das überschüssige Fett von ihren mageren Satzgefügen trennt, wie der Metzger das Fett vom mageren Schnitzel. Da ein Hieb und dort ein Schnitt und übrig bleiben drei maximal fünf Worte, vielleicht gönnt sie sich noch einen Nebensatz.

Auf den ersten Blick könnte man sogar Parallelen zwischen Sartre und Hermann benennen. Der Grundsound der Melancholie, die kurzen Sätze, die alles beinhalten was gesagt werden muss und nicht mehr. Wahrscheinlich haben beide eine Vorliebe für Hemingway, der nun mal als Urvater der modernen coolen Literatur es sich herausgenommen hat, sich an der grammatikalischen Grundformel Subjekt, Prädikat und Objekt fest zu beißen. Trotzdem hat er Texte mit großer Strahlkraft geschrieben. Aber dann endet die Gemeinsamkeit und bei genauerer Überlegung merkt man, dass Sartre aus einer Zeit stammt, als es um mehr ging, als das Abrutschen des Wohlstandskindes von einem Wohlstand in den anderen. Und das ist das Problem an Judith Hermann. Ihre guten Absichten werden zerstört, weil sie für ihre Generation schreibt, die Generation der jetzt dreißig- bis vierzigjährigen, die irgendwie immer unglücklich sind, weil sie ja viel mehr aus ihrem Leben hätten machen können, aber nie gehandelt haben, um ihrem Glück Beine zu machen. Ich gebe es unumwunden zu: Ich gehöre zu denen, die aggressiv beim Lesen werden. Eine Journalistin im Spiegel Kultur hat es letztens in ihrer überschwänglichen Kritik zu „Aller Liebe Anfang“ auf die Geschlechterebene gezogen. Frauen mögen Frau Hermann, Männer hassen sie. Ein klarer Verstoß gegen das AGG und mal davon abgesehen meines Erachtens nicht stimmig. Frau Hermann schreibt keine Frauenliteratur, die Männer auf die Palme bringt, weil Männer dabei schlecht wegkommen. Jeder hat einen individuellen Grund, warum man Literatur mag oder nicht und solange die Autorin der Rezension im Sinne der Falsifikation nicht erst einmal alle Männer dieser Welt das Buch hat lesen lassen und alle Männer allergisch auf Frau Hermann reagieren, bleibt ihre Annahme reine Polemik und genau auf diesen Terrain möchte ich mich nicht bewegen.

Jean Paul Sartre – Der Ekel und die Metaebene Teil 3

Also kann man behaupten: Wäre der Ekel nur der Roman über die Depression eines Einzelnen und nicht die Beschreibung eines gesellschaftlichen Zustandes in der ein Einzelner hineingeworfen wurde, könnte man es zu recht ein langweiliges und schlechtes Buch nennen. Und letztendlich macht Sartre an Roquentin alles fest, was seine Philosophie ausmacht Nehmen wir folgende Textstelle:“Also, ich war gerade im Park. Die Wurzel des Kastanienbaums bohrte sich in die Erde, genau unter meiner Bank. Ich erinnerte mich nicht mehr, dass das eine Wurzel war. Die Wörter waren verschwunden und mit ihnen die Bedeutung der Dinge, ihre Verwendungsweisen, die schwachen Markierungen, die die Menschen auf ihren Oberflächen eingezeichnet haben. Ich saß da, etwas krumm, den Kopf gesenkt, allein dieser schwarzen und knotigen, ganz und gar rohen Masse gegenüber, die mir angst machte. Und dann habe ich diese Erleuchtung gehabt.

Das hat mir den Atem geraubt. Nie, vor diesen letzten Tagen, hatte ich geahnt, was das heißt: „existieren“. Ich war wie die anderen, wie jene, die am Meer entlangspazieren, in ihrer Frühjahrsgaderobe. Ich sagte wie sie:“Das Meer ist grün; dieser weiße Punkt da oben, das ist eine Möwe“, aber ich fühlte nicht, dass das existierte, dass die Möwe eine „existierende Möwe“ war; gewöhnlich verbirgt sich die Existenz. Sie ist da, um uns, in uns, sie ist wir, man kann keine zwei Worte sagen, ohne von ihr zu sprechen, und, letzten Endes, berührt man sie nicht. Wenn ich glaubte zu denken, dachte ich im Grunde gar nichts, mein Kopf war leer, oder ich hatte gerade nur ein Wort im Kopf, das Wort „sein“. Oder aber ich dachte…wie soll ich sagen? Ich dachte die Zugehörigkeit, ich sagte mir, dass das Meer zur Klasse der grünen Gegenstände gehörte oder Grün eine der Eigenschaften des Meeres war. Sogar wenn ich die Dinge ansah, war ich meilenweit davon entfern, daran zu denken, dass sie existierten: Sie waren für mich nur Dekor. Ich nahm sie in meine Hände, sie dienten mir als Werkzeuge, ich sah ihre Widerstände voraus. Aber das alles spielte sich an der Oberfläche ab. Wenn man mich gefragt hätte, was die Existenz sei, hätte ich im guten Glauben geantwortet, dass das nichts sei, nichts weiter als eine leere Form, die von außen zu den Dingen hinzuträte, ohne etwas an ihrer Natur zu ändern. Und dann plötzlich: auf einmal war es da, es war klar wie das Licht: Die Existenz hatte sich plötzlich enthüllt. Sie hatte ihre Harmlosigkeit einer abstrakten Kategorie verloren: sie war der eigentliche Teig der Dinge, diese Wurzel war in Existenz eingeknetet. Oder vielmehr, die Wurzel, das Gitter des Parks, die Bank, das spärliche Gras des Rasens, das alles war entschwunden; die Vielfalt der Dinge, ihre Individualität waren nur Schein, Firnis. Dieser Firnis war geschmolzen, zurück blieben monströse und wabbelige Massen, ungeordnet – nackt, von einer erschreckenden und obszönen Nacktheit.“

Hier hat Sartre einen wichtigen Aspekt seiner Philsophie anhand eines Parkbesuches des Herrn Roquentin näher beleuchtet und den Helden seiner Romanes einer Erleuchtung zugeführt, die fast in so etwas wie eine von halluzinierenden Drogen verursachten Höllentrip endet, weil sich die Existenz, das allgegenwärtige Monster, als wabbelige Masse oder Teig, die alles umgibt, nackt und eklig, sich ihm enthüllt. Das Bewusstsein kann niemals identisch mit den Dingen sein. Aus der Sicht eines Menschens, der in den Himmel blickt und denkt, kann das Sein kann sich nur in der Erscheinung andeuten, so bleiben das grüne Meer und die Möwe nur Umschreibungen. Weil er als Für-Sich existiert, aber in Distanz zum Sein lebt, bleibt seine Horizont begrenzt. Diese Spannung zwischen Bewusstsein und Sein bestimmt die grundsätzliche Welterfahrung des Menschen. Am Ende steht die Erkenntnis, dass alles von Zufall getragen ist und der Mensch sich auf nichts anderes verlassen kann, als seine Freiheit, zu der er verurteilt ist, weil es keinen großen Plan gibt, mit dem er seine Handlungen rechtfertigen kann. Er muss in seiner kleinen von willkürlichen Regeln begrenzten Welt Entscheidungen treffen, deren Konsequenz er gar nicht abschätzen kann. Er sollte nicht versuchen, in Untätigkeit zu verharren. Roquentin Anstrengungen sich in der Einöde zu verbergen gehen gründlich schief. Er scheitert an seiner Existenz, weil er nicht handelt. Er ist der Bürger, der Ordnung und Halt sucht und spüren muss, dass es keine Ordnung gibt. Und am Schluss trifft er eine Entscheidung. Für mich das Fazit des Romans und der Sartreschen Philosophie und damit eine Metaebene, die sich wie ein roter Faden durch die melancholische Ansicht einer französischen Hafenstadt

Jean-Paul Sartre – Der Ekel und die Metaebene Teil 2

Und so geht es die nächsten hundertundachtzig Seiten weiter. Roquentin, ein unsteter Historiker, der sich nach vielen Reisen in die miefige Hafenstadt Bouville geflüchtet hat, um ein Buch über Monsieur Rollebon zu schreiben, der zu Zeiten eines Ludwigs im achtzehnten Jahrhundert als Hofschranze sein Unwesen trieb, beschreibt aus seinem Innersten heraus seine Welt und sein Verhältnis zu ihr und verzweifelt an seinen eigenen Widersprüchen. Es herrscht depressive Melancholie. Allen beschriebenen Personen haftet ein Missvergnügen an. Er beschreibt Personen wie Lucie, die Putzfrau, die die Ehe mit ihrem Mann, einem Alkoholiker, nur erträgt, wie den Autodidakten, über dessen unumstößlichen Humanismus er sich lustig macht und der einen verhängnisvollen Hang zu kleinen Jungs hat, oder Anny, seine vermeintlich große Liebe, deren Leidenschaft für ihn sich in Gefühlskälte verwandelt hat und die ihn beim Wiedersehenstreffen abblitzen lässt. Er geht durch die Ahnenhalle des Ortes und betrachtet die Portraits der lokalen Persönlichkeiten und stellt fest, dass sie nur ihre Pflicht erfüllt haben und daraus ein Recht auf Herrschaft abgeleitet haben. Es gibt keine Mitmenschlichkeit, keine Empathie, nur Gestalten, die seelisch verkrüppelt durch ihre Existenz humpeln. Verkürzte man das Buch darauf, ginge es um einen Misanthropen, der tausend Beweise für die Schlechtigkeit der Menschheit findet und sich in seiner Depression daran ergötzt. Jetzt kommt die Metaebene ins Spiel. Der Titel des Buches war ursprünglich „Melancholia“ und der ganze Hintergrund erinnerte an Dostojewski. Menschen, die sich an ihrem sinnlosen Leben abarbeiten und zum Scheitern verurteilt sind. Der Verleger schlug den Titel „der Ekel“ vor und hatte damit den richtigen Riecher. Der ursprüngliche Titel deutet darauf hin, dass Sartre sich von seiner eigenen Lebenserfahrung bei der Titelsuche hat überrumpeln lassen. Er war Lehrer in einer Hafenstadt und dort völlig fehl am Platz. Er schlug sich deswegen mit heftigen Depressionen herum. Nichts lag ihm ferner, als seine eigene missliche Lage in den Mittelpunkt eines autobiographischen Romanes zu stellen. Er konnte allerdings sehr genau an die eigene Situation anknüpfen, um seine philosophische Grundidee zu verdeutlichen. Sartre war in erster Linie Philosoph und alle seine literarischen Werke dienten seiner Philosophie. Und er war mehr Philosoph als die meisten seiner Zeitgenossen und Weggefährten und Vertreter der sogenannten Existenzphilsophie, die meines Erachtens zu recht immer als Etikett für eine Denkschule war, derer man ansonsten ihrer Vielfältigkeit nicht habhaft wurde. Zwei Beispiele fallen mir dafür ein: Camus war mehr Literat, seine philosophischen Werke sind voller Prosa und weniger bestrebt einer akademischen Philosophie gerecht zu werden. Bergson schien mehr Philosoph zu sein, allerdings haben seine Texte oft eine beinahe esoterische Note. Seine Lebensphilosophie berührte nicht immer die Inhalte der damaligen akademischen Philosophie. Sogar sein Adept Merlau-Ponty, der genauso wie Sartre sich auf Husserl bezog und der seinen Erfolge fast nur im akademischen Bereich der Philosophie hatte, schrieb politische Texte. Zuletzt sei Simone de Beauvoir genannt, die Romanes schrieb, die philosophische Themen aufgriffen (z.B. das Blut der Anderen), sich dennoch in autobiographischen Texten oder politische und feministische Manifeste (das zweite Geschlecht) verlor. Ein ernsthaft theoretisches Philosophiewerk ließ sie vermissen. Es war damals en Vogue mehr engagierter Literat als Philosoph sein zu wollen. Man wollte sein Wissen nicht nutzen, um vollkommen vergeistigt an der gesellschaftlichen Realität vorbei zu denken, sondern gesellschaftliche Missstände benennen und zu deren Behebung beitragen. Man mischte sich ein und letztendlich gelang die Veränderung. Mit Mitteln der Philosophie veränderte man das politische Denken einer ganzen Epoche. (s. z.B. Mai-Unruhen 1968 in Frankreich, die das Ende der De-Gaulle-Ära besiegelte).