Gitarrenheld

1987 – Ich war 16 Jahre alt und wollte unbedingt ein Gitarrenheld werden. Zu der Zeit spielte ich eine alte Squier Strat mit verbogenen Halsstab, riesigen Bünden und viel zu rauen Griffbrett, auf dem kein Mensch schnelle Licks spielen konnte. Ich besaß einen Verstärker, einen Transistor-Amp, der keine wirklich überzeugende Sägeverzerrung zustande brachte. Dazu besaß ich ein Ibanez Chorus Pedal, dass die künstlich klingende Verzerrung zumindest etwas fetter und breiter klingen ließ.

Seit 1984, also dem Jahr, als Apple den Macintosh auf den Markt brachte, man über George Orwells Zukunftsvisionen und ob sie nun Wahrheit geworden waren, diskutierte und Van Halens gleichnamige Platte mit einem rauchenden Engel auf dem Cover herauskam, geisterte Van Halen in meiner Welt herum.

Ich kann nicht behaupten, dass ich mich bis dahin ernsthaft mit Van Halen auseinandergesetzt  hatte. Ich kannte ihren größten Hit „Jump“, den man damals nicht aus dem Weg gehen konnte. Ein Jahr später erschien „Live is Life“ von Opus. Weil beide Songs einem bei jeder Gelegenheit ins Gehör gedrückt wurden, am besten noch nacheinander, habe ich sie damals ungerechtfertigter Weise miteinander in Verbindung gebracht. Teenager neigen zur totalen Ignoranz. Mir fehlte das musikalische Feingespür, um zu merken, dass Jump durchaus mehr zu bieten hatte, als dieses oberflächliche Lied einer Volksfestband  aus Österreich, die aus fast nur einer Textzeile bestand und diese auch noch in schlechtem Englisch vorgetragen wurde.

 Meine Einstellung und Ignoranz verwandelte sich 1987 in totale Begeisterung als das Folgealbum 5150 herauskam und mein Bruder das Konzert-Video „Live without a Net“ anschleppte. Damals war Video der heiße Scheiß. Der Videorecorder erweiterte das Spektrum an möglichen Medienerfahrungen. Schließlich gab es bis zu diesem Zeitpunkt nur drei Programme im Fernsehen. Die neuen privaten Fernsehsender waren noch nicht in allen Haushalten angekommen. Wenn ich mir heute die Bildqualität von damals anschaue, kann ich gar nicht glauben, dass das damals alles so aufregend war. Aber schon beim ersten Anschauen war ich vollkommen angefixt von dieser Band.

Dazu muss man wissen, dass der erste Sänger David Lee Roth nach dem großen Erfolg die Band verlassen hatte und mit Sammy Hagar als neuer Sänger die Band deutlich an Qualität gewann. Roth war ein Showman, konnte nicht wirklich gut singen, viele Texte waren flach und im schlimmsten Fall sexistisch. Hagar hatte eine prägnante Rockstimme und war selbst ein hervorragender Gitarrist. Die Texte drehten sich hauptsächlich immer noch um die Beziehung zum anderen Geschlecht, schürften aber nicht nur an der Oberfläche, sondern vermittelten nachvollziehbare Sehnsüchte.

Und nun stand die Band auf der Bühne in New Haven (der Running Gag war, dass die Band den Ort für das Konzert in New Halen umbenannte) und wusste ihre Qualitäten auszuspielen. Mit wahnwitziger Spiel- und Bewegungsfreude wurde die ganze Bühne ausgenutzt, alle Register des musikalischen Könnens wurde gezogen (Alle Instrumentalisten bekamen ihr eigenen Solopart) und Eddie Van Halen, Michael Anthony und Samy Hagar inszenierten sich als kongeniale Bühnenfreaks, den es riesigen Spaß bereitete, die Leute zu unterhalten. Natürlich beeindruckte mich das Gitarrenspiel von Eddie nachhaltig und obwohl es heute Gitarristen gibt, die ihm technisch und auch in der Ausdrucksweise überlegen sind, begeistert mich sein Art Gitarre spielen immer wieder aufs Neue.  Ich kann auch heute noch, nach über dreißig Jahren, mit großen Augen vor dem Bildschirm sitzen und mich voll und ganz in seine Riffs und Solis vertiefen. Wenn ich Eddie van Halen zuhöre ist das für mich vergleichbar mit einer Meditation. Es geht durch und durch und ich fühle mich mit etwas verbunden, dass größer ist als ich. Natürlich gibt es noch andere Musik, mit der ich mich verbunden fühle und die ich regelrecht versinken kann. Es war einfach das erste Mal, dass eine einzelne Person mit einem Instrument diese Wirkung bei mir erzeugen konnte.

Was faszinierte mich damals und auch heute noch an Eddie? Die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit mit der er seine Kunst beherrschte. In einem Gitarrenmagazin hat man ihn mal sinngemäß gefragt, wie er denn auf die tolle Gitarrengimmicks gekommen sei. Er antwortete, dass er den ganzen Tag auf der Gitarre „herumnudelte“ und dann ganz automatisch zu seinen Einfällen kam. Eddie van Halen war einfach ein Musikverrückter, dem anscheinend nichts anderes als seine Gitarrenkunst interessierte. Für mich als Sechzehnjähriger war das eine Ansage: wenn du ein Gitarrenheld werden willst, brauchst du dich nur den ganzen Tag mit deiner Gitarre zu beschäftigen und alles passiert ganz automatisch.

 Die folgenden Jahre habe ich jeden Tag bis zu acht Stunden Gitarre geübt. Die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit eines Eddie van Halen hat sich bei mir nie eingestellt. Ich habe es erst gar nicht versucht, Eddie Van Halen zu imitieren. Ich habe mir andere Vorbilder ausgesucht, die ich leichter erreichen konnte. Im gleichen Jahr habe ich die „Master of Puppets“ von Metallica für mich entdeckt. Ich wurde ein leidenschaftlicher Kirk-Hammet-Imitator, dessen Spielweise eine ähnliche Wirkung wie die von Eddie auf mich hatte. Seine melodiösen Linien, die schnellen Licks, später durchsetzt mit Tapping-Passage schienen die etwas moderne Version der Techniken zu sein, die Eddie Van Halen erfunden hatte. Gerade die Riffs und Solis der „Justice for all“-Phase konnte ich teilweise perfekt nachspielen. Trotzdem wurde ich nie der Gitarrenheld, der ich sein wollte. Ich spiele heute noch gerne Gitarre. Die schnellen Solis habe ich nicht mehr in den Fingern und doch klingt meine frühe Leidenschaft für Van Halen immer wieder durch.

Vielleicht ist es auch gut, kein Gitarrenheld zu sein. Denn leider war Eddie auch ein Beispiel für die Schattenseiten der Musikbesessenheit. Drogen, Kettenrauchen, kaputte Ehe, seltsame Projekte, ständige Querelen in der Band, Erfolglosigkeit, körperlicher Verfall, Krankheit, früher Tod: das übliche Drama eines Rockmusikers. Als außenstehender Fan konnte man seine Persönlichkeit konnte nicht erfassen und auch seine Leiden blieben verborgen. Der Mensch Eddie van Halen blieb immer ein Rätsel. Er war der typische Rockstar der Achtziger. Damals machte man Party und beschäftigte sich nicht mit sich selbst. Letztendlich hat es dazu geführt, dass er nun mit 65 viel zu früh die Gitarre für immer zu Seite gelegt hat und ich nun einem meiner frühen Helden nachtrauern muss.

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