Documenta 14 – Teil 2

 Wir haben Hunger und gehen zurück in die Stadt. Oben an der Grimmwelt betrachten wir noch das Marmorzelt. Meine Frau hat heute ihren Tag der Tabubrüche und setzt sich frecherweise in dieses Zelt. Wenn sich jeder da reinsetzt….. Eine schöne und originelle Arbeit denken wir, haben aber bei so viel rückwärtsgewandter Kunstbetrachtung unser Empfinden für Gegenwartskunst verloren. Wir ziehen weiter in Richtung Weinberg. Der Biergarten unterhalb der Grimmwelt ist ein netter und freundlicher Platz. Hier kann man verweilen und über das Leid der Welt nachdenken oder einfach vergessen und die Aussicht genießen. Nach einem Radeberger (Henrike nennt es Brechreizbier, weil es industrielle Massenware ist und dementsprechend eintönig schmeckt) und Kartoffelsalat aus dem Eimer (Ein Essen für zwei zum Preis von insgesamt neunzehn Euro! Ein Schnäppchen angesichts horrender Preise am Kunstmarkt und beim Caterer in der Documentahalle) schleichen wir im Halbdunkel den Weinberg herunter und wagen einen Spaziergang durch die Karlsaue. Schließlich dämmert es nur und die Dunkelheit scheint noch weit in der Ferne zu liegen. Anderthalb Stunden und fünf Kilometer weiter sind wir schlauer und um halb elf kommen wir vollkommen geschafft in unserem Hotelzimmer an.

Ein frühes Erwachen am Samstagmorgen eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten auf dem Spielfeld der Kunst. Jetzt geht alles schnell. Anziehen, Packen, auschecken. Punkt halb neun stehen wir an der Straßenbahnhaltestelle. Der Tag beginnt mit Sonnenschein. Im Laufe des Vormittags soll es regnen. Der Friedrichsplatz ist menschenleer. Vor dem Pantheons of Books steht ganz verloren das Wachpersonal. Die Sonne erhebt sich allmählich am Horizont. Sonnenlicht kriecht langsam über die Karlsaue und der Strahlenkranz der Morgensonne ergießt sein kräftiges Licht über den Platz. Idylle, die uns gefällt. Wir sitzen beim Bäcker um die Ecke und haben das Frühstücksangebot für vier Euro fünfzig vor uns stehen. Ein Pott Kaffee, zwei Brötchen, ein Croissant, Käse, Wurst, Marmelade. Die Kunst in der Provinz hat ganz klar ihre Vorzüge. Henrike hat sehr gut geschlafen, ist ausgeruht und hat einen Plan für den Tag erarbeitet. Henrike erkennt sofort die Möglichkeiten, die sich bieten. Ich bin dagegen oft orientierungs- und ahnungslos. Ich hole mir einen Kaffee im Starbucks am Königsplatz und schon begegnen wir dem ersten und für mich einer der beeindrucktesten Kunstwerkes dieser Documenta. Der Obelisk aus Beton ragt schlicht aus dem Platz hervor. Der Künstler hat für dieses Werk den Arnold-Bode-Preis erhalten. Also auch die Kunstwelt hat die Qualität des Werkes erkannt. In vier Sprachen ist dort das Bibelzitat „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ verewigt. Auf jeder Seite eine Sprache: Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch. Ein einfaches und tiefsinniges Statement zum Flüchtlingsthema. Die Sprache wirkt trennend und nicht vereinend. Henrike gibt eine Bewertung als Bauingenieuren ab: geschliffener Beton Nr. B irgendwas. Schön, Schön. Wir ziehen weiter. Da haben wir wenigstens etwas mit Zeitbezug erlebt und nicht nur Zeugnisse eines goldenen Zeitalters der Kunst, als man noch alles einfach billig zusammenkleistern konnte. Zurück zum Friedrichsplatz und dem Pantheon of Books. Eigentlich eine gute Idee: Bücher, die irgendwann einmal verboten waren, zu sammeln und in einem tempelartigen Monument zu würdigen. Aber leider auch alt. Denn die Künstlerin hatte das gleiche Kunstwerk in Argentinien zur Zeit der Militärdiktatur errichtet und dieses Kunstereignis nur wiederholt. Ganz ehrlich: es ist mutiger und von größerer Relevanz in einer Diktatur so etwas zu versuchen. Dreißig Jahre später in Deutschland, einem Land, in denen Bücher und die Freiheit des Wortes einen größtmöglichen Stellenwert zukommt, verkommt das Werk zu einem Freizeithappening für Buchliebhaber, die die doppelten Exemplare ihrer Brechtsammlung an die Ausstellungsmacher gegeben haben, damit diese sie in Folie packen und an die Stahlgestelle pappen. Wir ziehen weiter zu den Betonröhren vor der Documentahalle, die ein Künstler zusammen mit Designstudenten der Kasseler Uni gestaltet hat. Auch ein Statement zur einen Welt, in der alle ihren Platz finden sollen. Einer der besseren Objekte der Documenta. Henrike hat von der Firma, die die Betonröhren hergestellt hat, eine Postkarte bekommen. Diese Firma nutzt die Herstellung der besonderen Röhren als Werbung und berichtet auf der Postkarte von einem Betriebsausflug zur Documenta, um die Erschaffung eines Kunstwerkes durch eine profane Firma für Baumaterial zu feiern. Sympathisch oder eher typisch kapitalistische  Propaganda, um die künstlerische Auseinandersetzung mit den Folgen eines entfesselten Kaptalismus zu entwürdigen? Ich weiß es nicht. Ist mir eigentlich auch egal.

Pünktlich um zehn öffnen die Ausstellungsorte der Documenta. Wir eilen per Straßenbahn zur Neue Neue Galerie. Die neue Hauptpost wurde leer geräumt und mit größtenteils echter Gegenwartskunst gefüllt. Wenn man in den ersten großen Raum im Erdgeschoß kommt, wird man mit einem Wandgemälde konfrontiert, dass sich erst beim näherer Betrachtung erschließt. Man sieht wütende Kängurus, die kleine Atomraketen in der Hand halten und alle Sonnenbrillen tragen, in Reih und Glied stehen. Das sieht originell und farbenfroh aus und versprüht einen gewissen Humor. Daneben erzählt der Künstler die Eroberung Australiens durch die Menschheit. Viel Text, naive Bilder, die nicht mehr ganz so kunstvoll aussehen, wie die Känguru-Armee. Daneben ein Vorhang aus Rentierschädeln (ich sagte ja, die heimlichen Maskottchen der Documenta 14 sind die Rentiere). Das Kunstwerk spricht mich überhaupt nicht an und auf der Rückseite des Australiengemäldes hat jemand eine Videoinstallation angebracht, die mich auch nicht anspricht. Eine alte Plakatwand, die einst an der Baustelle des Humboldt-Forums in Berlin hing und eine Ausstellung mit großformatigen Portraits beworben hat, hat der Künstler mit Videos von anderen Gesichtern überlagert und dabei ertönen Klänge und gesprochene Satzkonglomerate. Ich betrachte es eine Weile und kann nichts daran finden. Dahinter liegen mehrere Laderampen für LKW`s. Man hat die Tore heruntergelassen und in den Räumen Kunst untergebracht. Dort finde ich zwei Werke, die mich besonders beeindrucken und zwei Dinge, die leider typisch für diese Documenta sind. Ein humorvolles und ironisches Werk finde ich besonders gelungen und von dieser Sorte hätte ich mir ein paar mehr auf der Documenta gewünscht. Ein Künstler hat einer Nachahmung des Schwursteines an dem das Urteil für Sokrates vollzogen wurde quer durch Europa auf Reisen geschickt und verschiedene Stationen des Steines im Bild festgehalten und kommentiert. Der Stein ist als Nachahmung federleicht und kann von einer Person herumgeschleppt werden. Dieser Stein soll am Ende der Documenta auf dem Thing-Platz in Kassel begraben werden. Hierbei wird erklärt, was es mit Thing-Plätzen auf sich hat. Die Nazis haben Thingplätze errichtet, um ihrer Mystifizierung der germanischen Kultur zu frönen. Alle diese Plätze wurden altgriechischen Theaterplätzen nach empfunden (die Berliner Waldbühne diente ursprünglich als Thing-Platz). Dort wurden Mysterienspiele von normalen Bürgern aufgeführt. Thing ist etymologisch natürlich mit dem englischen Wort für Ding verwandt und hier stellt der Künstler auch einen Bezug her. Der Schwurstein liegt für die Dauer der Documenta vor dem Museum für Sepulkralkunst und kann dort begutachtet werden. Wir entschließen uns, am Ende des Tages dem Stein noch einen Besuch abzustatten. Außerdem gibt es einen Raum, der den Mord an Halit Yozgat durch die NSU behandelt. Der junge Mann wurde 2006 in seinem Internetcafé kaltblütig erschossen. Während des Mordes saß ein Angestellter des hessischen Verfassungsschutzes im Internetcafé an einem Computer, um dort auf einer Datingseite sein Profil abzufragen. Um die Rolle dieses Mannes geht es in einer Dokumentation. Eine Gruppe für Forensische Architektur hat versucht, anhand einer Nachstellung des Raumes und der Situation, heraus zu finden, was der Mann vom Verfassungsschutz vom Mordgeschehen gesehen haben könnte und kommt zu dem Schluss, dass der Mann bei der Darstellung seiner Anwesenheit nicht die Wahrheit gesagt haben kann. Mir hat dieser Teil der Doumenta die Tränen in die Augen getrieben und dieses eine Mal war ich wirklich betroffen. Ein ahnungsloser Bürger dieses Landes wird einfach umgebracht. Eine Familie wird auseinandergerissen, erfährt Misstrauen anstatt Mitgefühl und der Staat scheint irgendwie in der Sache die Wahrheit zu kennen und hält sie zurück. Es läuft mir kalt den Rücken runter. Ich halte viel vom deutschen Staatswesen und ich glaube, dass der Rechtsstaat bei uns nicht nur eine hohle Phrase ist und trotzdem gibt es dort Stellen, die Teil des Staatswesen sind und durch ihr Handeln den Staat und die Bürger, die vom Staat beschützt werden sollen, unterwandern.  Zwei Werke, die mir nicht gefallen haben: irgendwelche schwarzen selbstgebrannten Metallknödel, die in weißen Plastiksäcken vor sich her schimmeln und eine Künstlerin, die schwarze Seifer herstellt und deren Produkte man kaufen darf, wenn man sich mit ihr über die Produktionsbedingungen im Allgemeinen austauscht. Hätte vielleicht sogar gerne gemacht. Aber die Frau war nicht da. Nur ihre schwarze Seife stand schön gestapelt im Raum herum. Im ersten Stock hat die fiktive Firma Yugoexport einen Verkaufsraum. Man konnte Turnschuh kaufen, die man anziehen sollte, wenn man nicht auf der Arbeit ist, um den Träger daran zu erinnern, dass er nicht auf der Arbeit ist. Nett gemeinte Aussage und die Turnschuhe lagen nichtssagend in Pappkartons und Angestellte dieses vermeintlichen Unternehmens konnte man danach fragen. Die Angestellten sahen so aus, wie sich Landpomeranzen wie ich eine bin, sich Künstler vorstellen. Dünne, wohlgeformte Menschen mit glatten Gesichtern, die wie Elfen durch den Raum wandeln. Tut mir leid, ich bin auch nur ein Mensch mit Vorurteilen. Dort haben wir uns nicht lange aufgehalten. Im nächsten Raum lag ein Pinker Teppich, der mit Geräuschen beschallt wurde. Ich mochte den Teppich. Trotz der aggressiven Farbe hat er eine beruhigende Wirkung gehabt. Dahinter Kunst aus der ehemaligen DDR. Eine Angestellte der Kunstadministration der DDR hatte wohl aus lauter Langeweile mit ihrer Büroschreibmaschine Kunst geschaffen. Eine wirklich interessante Idee. Diese Kunst hatte sie nach der Wende weiter geführt und die Bilder sahen so aus, wie die Postkarten, die man heutzutage in schicken Hipsterläden kaufen kann. Daneben an einer Wand Fotos eines Künstlers, der die dörfliche Einöde rund um Magdeburg zum Thema gemacht hat. Schlichte, gut komponierte Fotos, langweiliger Straßenzüge. Henrike war begeistert. Hatte sie doch den Eindruck die abgebildeten Straßen zu kennen. Ihre Eltern hatten in dieser Gegend mit ihr und ihren Brüdern des öfteren den Sommerurlaub verbracht. „Stell dir vor, wir haben Ferien in der DDR gemacht. Das erklärt doch einiges, oder?“

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