1925 vs. 2029

Häufig ähneln sich gesellschaftliche Entwicklungen unterschiedlicher Epochen ähneln. Autoritäre Gesellschaftsstrukturen mit  starren Klassenstrukturen, die sich nach Faktoren wie Herkunft, Status, Eigentum richten, galten oft genug als Standard. Im Gegensatz dazu stehen die liberalen Gesellschaftsordnungen, die die Bildung von Klassen vermeidet und dementsprechend nach allen Richtungen durchlässig sind. Die letztere Gesellschaftsordnung scheint aus unserer heutigen Sicht das Ideal zu sein. Trotzdem erleben wir gerade im Moment, wie die autoritären Strukturen für viele Menschen anscheinend einen gewissen Reiz ausüben. Man spricht von Elitenbildung, von starken Persönlichkeiten, die wissen, wie der Hase läuft und das man denen doch Politik und Wirtschaft überlassen sollte, weil sie das ganze Chaos der Globalisierung beseitigen werden. Die Forderung nach einer starken Elite ist nicht nur in Europa en Vogue und das obwohl nach dem zweiten Weltkrieg alles dafür getan wurde, um separatistische antidemokratische Gesellschaftsstrukturen zu vermeiden.

Der große Unterschied zwischen 1925 und 2029 ist, dass die Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung genau entgegengesetzt verläuft. Man erlebt zwischen den Kriegen ein allgemeines Aufatmen, eine Abkehr von autoritären Herrschaftsformen und beginnt sogar fünfzehn Jahre später den absoluten Endkampf gegen die ausgearteten faschistischen Regime mit ihrem Führerprinzip, die nichts anderes darstellen als eine moderne Übertreibung von absoluter Herrschaft und Klassengesellschaft. In 2029 ist man im Verlauf der letzten dreißig Jahren weltweit genau in diese Kerbe hineingerutscht. Die herrschenden Subjekte einer globalen Gesellschaft setzen alles auf eine utilitaristische Ökonomisierung des Zusammenlebens und ernten dafür eine Elitengesellschaft mit autoritäre Zügen, die dafür sorgt, dass ein Großteil der Menschen in eine wirtschaftliche Abhängigkeit geraten, die kaum Fluchtmöglichkeiten bietet. Natürlich für die Undurchlässigkeit der einzelnen Klassen zu  einem degenerativen Stillstand sozialer Entwicklung. Gerade dieser große Unterschied, die Zeit des Aufbruchs vs. die Zeit des Stillstandes gibt mir als Autor die Chance den Rückgriff auf die Vergangenheit zu wagen, um zu zeigen, was der Zukunft fehlt. Shaw als Bote der Vergangenheit mit seinem ausgeprägten politischen Bewusstsein, der erkennt, dass Gesellschaft sich evolutionär zum Besseren entwickeln kann, in dem jeder am politischen Leben teilnimmt, kann den Unterschied zur politisch unbewussten Alethea deutlich werden lassen, die sich in die autoritären Strukturen einordnet und deren Generation die Teilhabe an Politik gar nicht mehr kennt. Insbesondere ist das für mich als Autor möglich, da beide eine Parallele in ihrer Herkunft aufweisen. Durch das wirtschaftliche Scheitern ihrer Väter haben sie den sozialen Abstieg erlebt. Bei Shaw wie Alethea ist ihr Leben darauf ausgerichtet, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf wieder heraus zu ziehen. Shaw allerdings indem er gegen den Mainstream arbeitet und Alethea indem sie sich anpasst. Alleine daraus ergibt sich die Reibung, die ich brauche, um meine Intention für den Leser sichtbar zu machen.

 

Großbritannien im Jahr 1925

Der Zeitraum zwischen den Weltkriegen war voller Widersprüche und wechselhafter Entwicklungen. Die europäischen Großnationen hatten mit den Vereinigten Staaten einen neuen Konkurrenten bekommen. Die Wirtschaftskraft der USA nahm in diesen Jahren sprunghaft zu. Auf vielen Gebieten überflügelte die USA die erfolgsgewohnten europäischen Siegermächte und teilweise wurden sie abhängig von den USA. Zudem beobachtete man misstrauisch die russische Revolution und das Heranwachsen eines neuen Staatsmodelles. Zusätzlich hatte man die ehemalige Großmacht Deutschland als Kriegsverlierer ausgemacht. Deutschland sollte die Schuld für den Krieg übernehmen. Allerdings brauchte man das Deutsche Reich als Puffer zwischen Ost und West und als Handelspartner.  Die Euphorie der Sieger Frankreich und Großbritannien verpuffte, als man erkannte, dass der Sieg über das Deutsche Reich sich nicht auszahlte. Bis Kriegsende verfügte in beiden Staaten das Militär über sehr viel Macht und hatten dementsprechend Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen. Nachdem Krieg gab es in beiden Staaten starke pazifistische Strömungen, die darauf ausgerichtet waren, erneute Kriege zu verhindern, anstatt sie als Mittel der Staatsführung zu sehen. Ein weiterer Faktor war, dass Franzosen wie Briten erkennen mussten, dass ihre Kolonien ihnen nicht ewig als Ressourcenbeschaffer zu Verfügung stehen würden. In der Mitte der zwanziger Jahre war die wirtschaftliche Situation in Großbritannien noch gut. Man hatte in den Jahren davor einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, von dem viele Menschen profitieren konnten.

 Die letzten dreißig bis vierzig Jahre in Großbritannien waren geprägt von der Industrialisierung, von dem sozialen Aufstieg der Arbeiter und des Bürgertums, also von grundlegenden Änderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Shaw war zum Zeitpunkt der Gespräche mit Cherry-Garrard ungefähr sechzig Jahre alt. Er war in Irland groß geworden, seine Familie war gescheitert, sein Vater hatte als Geschäftsmann versagt und seine Mutter war nach London geflohen. Er hatte noch eine andere Zeit erlebt, als der soziale Aufstieg für Menschen aus armen Verhältnissen kaum möglich war und es einen großen Unterschied zwischen Arm und Reich gab. Cherry-Garrard war zu dem Zeitpunkt der Gespräche mit Shaw in seinen Enddreißigern. Er kommt aus einer anderen Generation und auch aus einem anderen sozialen Umfeld. Sein Vater hatte beim Militär Karriere gemacht, hatte in den Kolonien gekämpft. Die Familie gehörte zur viktorianischen Mittelschicht. Cherry-Garrard war als Kind schüchtern und zurückhaltend und wollte seinem Vater nacheifern, der als junger Mann einen abenteuerlichen Lebensstil gepflegt hatte. Cherry-Garrard hatte im ersten Weltkrieg als Offizier gedient und aus gesundheitlichen Gründen wurde er schnell aussortiert. Cherry-Garrard war 1925 ein gebrochener Mann, der am Ende der Scott-Expedition seinen Verstand verloren hat und mit seinem Schicksal haderte. Shaw hatte sich während des Krieges mit einem pazifistischen Aufsatz unbeliebt gemacht und seine Karriere als Autor aufs Spiel gesetzt. Erst als er den 1925 den Nobelpreis erhielt, bekam er in seiner Heimat die nötige Anerkennung als Autor.

Heureka

Als ich nun die dritte Ebene für meinen Roman über Jo Sommer suchte, fielen mir wieder Cherry-Garrard und George Bernhard Shaw ein. Mein Instinkt als neugieriger Autor sagte mir, dass man diese zwei Geschichte wunderbar miteinander verknüpfen konnte. Warum sollte Jo Sommer nicht ein ähnliches Problem wie ich haben. Sie soll oder will einen Roman über die Südpolexpedition schreiben und verzweifelt an der Umsetzung, weil sie sich nicht befähigt fühlt, mit einem historischen Stoff adäquat umzugehen. Bisher hat sie Fantasyromane geschrieben, wie die Hexen von Iverness und irgendwelche Drachenmumpitz. Es fällt ihr leicht, eine Welt zu erfinden. Die reale Welt zu beschreiben, fällt ihr allerdings schwer.

 Sie lässt ihrer Phantasie freien Lauf und daraus entstehen die Kausalzusammenhänge und sich muss sich nicht mit Kausalzusammenhängen rumschlagen, die einem wirklichen Geschehen entsprechen. Sie sorgt sich, als Autorin an dem historischen Stoff zu scheitern und ihren erreichten Status als Autorin zu verlieren.

 Wie passt nun das Zweigespann Cherry-Garrard und Shaw da rein? Auf dem ersten Blick wohl überhaupt nicht. Und das macht es für mich spannend. Die erste Ebene ist Aletheas Leben in der Zukunft. Sie berichtet über ihr Literaturprojekt, wie sie auf das Thema gekommen ist, ihre Furcht vor dem Versagen, ihre kleine Welt, in der sie als wohlhabende Autorin ihre Marotten und ihre Arroganz pflegt.

 Die zweite Ebene ist das Leben von Jo Sommer, die heutige Gegenwart. Ich werde nach und nach ihr Leben beschreiben. Ihr Vater, der nach dem die Mutter die Familie verlassen hat, in Depressionen verfällt und sich um nichts kümmert. Die Vorgeschichte, die Erbschaft, die dazu führt, dass die Ehe der Eltern auseinanderbricht usw.

 Die dritte Ebene handelt vom den Zwiegesprächen zwischen Cherry-Gerrard und Shaw. Sie treffen sich, um über Cherry-Garrards Buchpläne zu sprechen. Die Gespräche eskalieren immer wieder, weil Shaw mit seinen Zynismus den trägen Cherry-Garrard aus der Reserve locken will und die Unterhaltungen nach seinem Gusto gestalten will. Mal verhört er Cherry-Garrard, mal spielt er den liebevollen alten Knaben, mal den Therapeuten. Erst im Laufe der Debatten gelangen sie zum eigentlichen Kern der Geschichte. Cherry-Garrard, der Edelmann aus reichen Hause, der seine Depression und eines posttraumatische Belastungsstörung wie ein Haustier pflegt, wird von Shaw als Vertreter der reichen Klasse enttarnt, der sich einen Weg sucht, um nie wieder am Leben teilnehmen zu müssen. Während Scott keine Chance hatte, der Realität zu entfliehen, weil er sich sein Leben lang gegen den sozialen Abstieg stemmen musste. Er war Sohn eines Brauereibesitzers, der früh verstarb und der seine Familie kein Vermögen hinterließ, so dass Scott nur die Möglichkeit hatte, durch eine Karriere bei der Marine, für den nötigen Unterhalt der Familie zu sorgen und durch die Teilnahme an solchen Expeditionen seine Chance sah, den nötigen Wohlstand für ein beinahe sorgenfreies Leben zu erwirtschaften. Er war Opfer und Held der Geschichte zugleich, während Cherry-Garrard sich zu Unrecht zum Opfer stilisiert.

 Alle Ebenen stehen zuerst selbstständig nebeneinander. Lange Zeit ist zum Beispiel nicht klar, dass Alethea und Jo ein und dieselbe Person sind. Die Ebenen verknüpfen sich über ihre Aussagen, über die Themen die sie behandeln. In allen drei Ebenen geht es letztendlich um drei verschiedene soziale Systeme, die doch vieles gemeinsam haben: es gibt ein starkes soziales Gefälle zwischen einer kleinen Elite, die sich auf ihrem Wohlstand ausruht und dem großen Rest der Menschheit, die sich knechten muss, um zu überleben. Der soziale Aufstieg ist kaum möglich. Shaw und Alethea Cumberland sind in einer ähnlichen Situation. Beide kommen aus gewöhnlichen Verhältnissen und haben aufgrund ihrer Talente den sozialen Aufstieg unter großen Opfern geschafft. Shaw ist bekennender Sozialist und hat sich politisch engagiert, während Alethea ohne politisches Bewusstsein durch ihr Leben schlängelt. Alethea wird im Laufe des Textes die Verbindung zu Shaw und Cherry-Garrard erkennen und ihr politisches Bewusstsein entdecken. Ihr Buch über die Südpolexpedition entwickelt sich zu einer politischen Kampfschrift. Dazu muss sie auch erkennen, dass sie ihr altes Ich, Jo Sommer, im Laufe ihres Lebens zugunsten ihres Strebens nach Anerkennung verraten hat. Der Text soll davon profitieren, dass sich die anfänglich für sich stehenden Ebenen im weiteren Verlauf verzahnen und zu einer Ebene zusammenwachsen.

 

Mir ist kalt

Vor zwei oder drei Jahren habe ich mich aus reinem privatem Interesse mit der Südpolexpedition von Scott auseinander gesetzt. Ich hatte keine Lust mehr Romane zu lesen und nach der Lektüre mehrere recht schwieriger Philosophiebücher (Adorno, Heidegger) hatte ich auch daran kein Interesse mehr. Ich weiß nicht genau, was der Auslöser war. Auf jeden Fall habe ich mir ein Buch über Scotts letzte Expedition besorgt. Als Kind habe ich einen Spielfilm über diese Expedition gesehen und irgendwie hat sich diese tragische Geschichte, an dessen Ende der Held stirbt, in mein Gehirn gebrannt. Das Buch hieß „Scott“ von Ranulph Fiennes und ich habe es verschlungen. Mr. Fiennes war selbst mehrfach am Südpol unterwegs und kennt die Schwierigkeiten, die eine Reise an den Südpol mit sich bringt. In 1910 hatte man wenig Ausrüstung, die auf solche Reisen zugeschnitten war. Man hatte schwere Schlitten, wenig Technik, die die Kälte überstand, Kleidung und Zelte waren aus fast primitiven Stoffen hergestellt, die Kälte und Sturm kaum abhielten. Also nichts gegen unsere heutige Outdoorkultur, wo jeder Schüler schon eine Winterjacke trägt, mit der er mal einen kurzen Ausflug in die Arktis wagen könnte. Es gab keine Kommunikationsmittel, um sich mit der Außenwelt adäquat zu unterhalten. Wer unterwegs war, konnte im Notfall nicht auf Hilfe hoffen. Es gab keine Funkgeräte und auch keine Satellitenhandys. Sobald das Forschungsschiff den letzten Hafen verließ, war man auf sich alleine gestellt. Eine Situation, in der es immer um die Unversehrtheit des eigenen Lebens ging.

 Genau diese Ungewissheit, sich für Jahre an einem unwirtlichen Ort zu befinden, völlig abgeschnitten von der Außenwelt, hat mich fasziniert. Dazu kam natürlich die Tragik der Geschichte. Scott war Offizier der englischen Marine und hat einerseits durch die Teilnahme an solchen Expeditionen seinen Status und sein Einkommen verbessern wollen. Aber er war kein Abenteurer und Hasardeur. Es ging ihm nicht alleine darum, der Erste zu sein, sondern eine wissenschaftliche Expedition durchzuführen, die der Menschheit Erkenntnisse über die damals wenig erforschte Antarktis bringen sollte. Amundsen war der Erste am Südpol und Scott erreichte den Südpol ein paar Tage später, um auf dem Rückweg mit vier seiner Gefährten den Tod zu finden. In der Nachbetrachtung durch seine Zeitgenossen kam Scott schlecht weg. Man warf ihm Fehlverhalten und Führungsschwäche vor, während Amundsen schlechthin der Sieger war, der alles richtig gemacht hat. Erst später erkannte man, welche Leistung Scott auch in wissenschaftlicher Hinsicht vollbracht hat. Herr Fiennes berichtet viel über die Kontroverse, die unter den Zeitgenossen Scotts entstanden war. Dabei sticht ein Buch über die Expedition heraus, das ca. dreizehn Jahre nach Ende der Expedition veröffentlicht wurde. Der Autor des Buches, Aspley Cherry-Gerard, war selbst Teilnehmer der Expedition. Er hatte die unglückliche Aufgabe übernommen, auf die fünf Expeditionsteilnehmer, die auf dem letzten Wegabschnitt zum Südpol alleine unterwegs waren, an einem vereinbarten Punkt zu warten. Allerdings kamen sie nie dort an. Das Warten hatte kostbare Zeit gekostet und eine Rettung der Südpolmannschaft war nicht mehr möglich. Cherry-Gerard wurde depressiv und hat nie mehr wirklich ins Leben zurückgefunden. Er verzweifelte über diese Expedition und um sich selbst zu therapieren hat er das Buch „Die schlimmste Reise der Welt“ geschrieben. Auch dieses Buch habe ich gelesen. Das Buch ist einerseits ein Tatsachenbericht. Auf der anderen Seite wurde deutlich, wie ein jahrelanger Aufenthalt in der Kälte Menschen verändern kann. Man hört die Melancholie, das Leiden unter den schwierigen Witterungsbedingungen, das Dasein zwischen Leben und Tod, die körperlichen Strapazen, die aus dem jungen abenteuerlustigen Mann Cherry-Garrard einen lebensuntüchtigen kranken Mann gemacht haben. Während der Entstehung des Buches hat Cherry-Garrard sich bei einem berühmten Nachbarn, nämlich George Bernhard Shaw, der große engliche Dramatiker des zwanzigsten Jahrhunderts, Rat geholt. Wir wissen nicht, wie groß der Einfluss von George Bernhard Shaw war. Man weiß nur, dass er Scott nicht leiden konnte. Die Tatsache, dass dieser Zyniker Shaw seine Finger im Spiel hatte, fand ich inspirierend. Ich witterte eine Geschichte, merkte aber schnell, dass sie eine Nummer zu groß für mich war. George Bernhard Shaw ist keiner der Autoren, mit denen ich mich bisher beschäftigt habe. Auch das Leben am Anfang des zwanzigsten Jahrhundert in Großbritannien gehört nicht gerade zu meinen historischen Interessen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich daraus eine Geschichte formen soll. Ich hatte Angst davor, es  nicht zu schaffen, weil ich beim Stochern in historischen Stoffen auf viele Minen treffen konnte, die mich und mein literarisches Schaffen auf einen Schlag in die Luft sprengen konnte. Ich habe genug Bücher gelesen, in denen die Autoren sich wunderbar in der Vergangenheit bewegt haben, aber mir traute ich das nicht zu. Also legte ich den Stoff zur Seite und hoffte, dass ich mir irgendwann das Rüstzeug erarbeiten konnte, um einen solchen Stoff adäquat umzusetzen.

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Es geht weiter im Text

Nach den ersten Schreibversuchen habe ich den Plot, Erzählebenen und Erzählformen deutlich erweitert. Nach den ersten Schreibversuchen habe ich konkrete Überlegungen angestellt, die dazu dienten, den Plot komplexer zu gestalten. Aus den ersten Schreibversuchen ergab sich die Gefahr, einen trivialen Text zu schreiben, der nichts mit meinen Intensionen und meiner Metaebene zu tun hat.

 Mir ging es darum, die Möglichkeiten meiner Geschichte zu erweitern. Bei den ersten Schreibversuchen habe ich für mich gespürt, dass die Geschichte zu eindimensional wirkt, wenn ich Alethea aus der Zukunft berichtet, um uns die Gegenwart ihres kindlichen Ichs als Johanna zu erzählen. Ich wollte keinen Roman über jemanden lesen, der in einer urbanen Zukunftsumgebung lebt, die klinisch kalt wirkt. Wenn wir ehrlich sind, ist das sehr abgenudelt. Ich kann mich dann seitenlang darüber auslassen, welche technischen Neuerungen uns das Jahr 2029 bietet und wie schlimm das Leben in der Stadt der Zukunft ist. Das soll kein Science-Fiction Roman werden. Also brauche ich eine dritte Ebene, die zur Reflektion von Zukunft und Gegenwart dient und die Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede der verschiedenen Ebenen deutlich macht. Okay, wir haben Zukunft und Gegenwart, was uns also fehlt ist die Vergangenheit. Darüber musste ich mir klar werden, bevor ich die erste Version eines ersten Kapitels vorantreiben konnte.

Selbstversuch

Nachdem ich mir Gedanken über meine Möglichkeiten der Sprachformung gemacht habe, habe ich mich auf eine Konstante festgelegt. Johanna Sommer berichtet aus ihrer Zukunft  als Ich-Erzählerin über ihre Gegenwart und ihre Vergangenheit. Sie hat in der Zukunft die Identität der Schriftstellerin Alethea Cumberland angenommen. Aus einer möglichst subjektiven Sicht gilt es ihre Sinneswahrnehmungen, ihre Gedankengänge darzustellen. Das Leben in der Zukunft, ihre Gegenwart, wird immer auch auf die Vergangenheit verweisen. Meine ersten Schreibversuche sind nur kleine Fingerübungen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Alethea klingen könnte, wie ihr Sprachduktus sich formen muss, um nachvollziehbar und authentisch zu wirken. Dementsprechend unausgegoren und auch oberflächlich wirken sie noch auf den Leser. Der Leser möge es mir verzeihen.

Splitter 1

Fast jeden Abend begutachte ich den Sonnenuntergang durch das Panoramafenster meiner Wohnung im dreißigsten Stockwerk. Im Hintergrund surrt die Klimaanlage. Nach Angaben des Herstellers soll sie bei konstanten zweiundzwanzig Grad Raumtemperatur mein Wohlbefinden garantieren. Schraffierte Rotschattierungen bestimmen den bedeckten Himmel. Ein heller Strahlenkranz der Sonne kriecht unter den Wolken hervor und bricht sich an den Quadern der Hochhäuser, die wie schwarze Schatten im Zwielicht liegen. Ich lebe über der Stadt, hermetisch abgeriegelt und fern des Getümmels der Maden, die schon lange die Straßen beherrschen. Eine angenehme Perspektive. Als stünde ich über den Dingen. Ein elitäres Anrecht einer erfolgreichen Frau, die von den Maden geliebt wird. Ich will nicht geliebt werden, genauso wenig, wie sich mein Wohlbefinden bei zweiundzwanzig Grad einstellt. Unser Denken hat sich in den letzten Dekaden sehr vereinfacht. Wir haben freiwillig auf wichtige Denkkategorien verzichtet. Wir haben geglaubt, unser Schmerz über unsere leidvolle Existenz verschwindet, wenn wir uns nicht mehr an ihn erinnern können. Nun reichen zu einem glücklichen Leben eine angenehme Raumtemperatur und die Selbstsuggestion einer nicht vorhandenen Zuneigung.

Splitter 2

Glas und Beton, Glas und Beton, es hämmert in meinem Kopf, niemand will es sehen, niemand will ihn hören, der Schmerz ist nur ein Schatten im Zwielicht. Unter dem Radar eines Strahlenkranzes, der den bedeckten Himmel am Ende des Tages durchbricht, liegt meine Pein, die Pein einer ganzen Generation, ein Zeitalter, das vergessen will. Ich throne und unterdrücke, eine angesehene Frau, ein Mitglied der allwissenden Elite, die aus Menschen Maden macht. Das bin ich, oben im Himmel im dreißigsten Stockwerk, starrend auf das Draußen und nach innen horchend und das Echo der Leere wahrnehmend. Alles habe ich gegeben, mein Selbst verschenkt, um nicht mehr leiden zu müssen und doch leide ich mehr als je zuvor.

 Mein Antlitz spiegelt sich in der Fensterscheibe. Ich drehe mein Profil und meine Gesichtszüge werden von denen meines Vaters überlagert. Ich nehme ein Flüstern wahr. Vielleicht meine Stimme, vielleicht die meines Vaters, wer kann das genau sagen? Ich soll berichten, wie ich zu Alethea Cumberland, die ruhmreichste, schönste und wohlhabendste Schriftstellerin aller Zeiten wurde. Das kann ich nicht berichten. Dafür beschäftige ich einen Biographen, der mein Leben besser kennt als ich. Das Flüstern nennt einen Namen: Jo Sommer. Ich kenne niemanden, der Jo Sommer heißt. Das Flüstern schärft sich mit bissigen Beiklang und jedes Wort wird zum Messer, dass mir die Seele zersticht. Lügner, Lügner, du bist Johanna Sommer. Ich trete weg vom Fenster. In der Küche hole ich mir einen Tee. Das Flüstern verschwindet.  

Splitter 3

In den Städten lasten Beton und Stahl auf den winzigen und erbärmlichen Maden mit kleinen Gehirnen. Sie verstehen einfache Befehle. Steh auf, setz dich, hol dir was zu essen, schweig, schlaf, kacke. Konditionierung eines Tieres, das einst den Namen Mensch trug.

Splitter 4

Der Tag war lang, ich bin erschöpft. Das Hetzen von einem Ort zu anderen. Meine Beine sind schwer, ich spüre sie kaum noch. Niemals können sie mich in Ruhe lassen. Dieses Spießrutenlaufen. Pressekonferenz, Autogramme geben, jeder fragt dich die immer gleichen Fragen und erwartet von dir die immer gleichen Antworten, Lesungen, Podiumsdiskussionen, belanglose Kommentare zu Scheinthemen. Wann kommt ihr nächstes Buch? Warum sind sie nicht verheiratet? Warum haben sie keine Kinder? Warum haben sie einen englischen Namen, wenn sie doch aus Deutschland kommen? Haben sie schon einmal überlegt, viel mehr Zeit in Charityprojekte zu investieren? Nein, nein, nein und nochmals nein. Die Antwort lautet immer nein, ob sie nun passt oder nicht. Dabei lächle ich und sage betont freundlich und gelassen, dass mein Buch im Winter erscheinen wird, das ich noch nicht den richtigen Mann gefunden habe, ja, schade, auch ich liebe Kinder, ich habe mir einen Künstlernamen angeeignet, weil ich die Phantasie meiner Leser anregen wollte, ich möchte mehr Zeit in meine Stiftung ‚Winterherz‘ investieren, ich habe damit sehr viele Projekte angestoßen, um Kindern aus benachteiligten Familien zu helfen. Dabei bin ich das einzige Kind, dem man helfen sollte.

 Ich bin das Kind, das sich so sehr nach Gesellschaft sehnt und dann nur die Einsamkeit bekommt. Diese verzweifelte Einsamkeit, wenn viele Menschen anwesend sind und man sie um Hilfe anbettelt, aber sie es nicht hören können und wenn man dann alleine ist, schreit man hinter dicken Wänden und draußen hört niemand das Jammern des Kindes. Nie hat das Kind erlebt, wie es ist, die Gesellschaft eines Menschen zu genießen, der dem Kind zuhört, es wahrnimmt, es schätzt und liebt und das dann alleine sein kann, ohne von seiner Angst und seinem Schmerz überflutet zu werden.

 

Nach vier Textsplittern breche ich meine ersten Schreibversuche ab. Ich bin nicht zufrieden mit den Ergebnissen. Folgende Selbstkritik drängt sich mir beim Lesen gerade der ersten Zwei Splitter auf: viel zu viel Pathos. Die Texte verlieren sich in hochtrabende Beschreibungen. Wenn ich die subjektive Sicht des Ich-Erzählers nutzen will, muss ich die Gedankengänge des Ich-Erzählers schildern. Außerdem spüre ich beim Schreiben ganz deutlich, dass es mir nicht leicht fällt, aus der Sicht einer Frau zu schreiben. Gerade der erste Textsplitter ist von einer männlichen Sachlichkeit getragen. Diesem Problem muss ich größere Aufmerksamkeit widmen. Im vierten Splitter komme ich der Sache näher. Ich bekomme ein Gefühl für Aletheas Gedankengänge. Auch merke ich, dass ich nicht linear schreiben darf. Wer aus der Erinnerung heraus seine Geschichte als Gedankengang schildert, wird nie linear beschreiben, sondern sobald seiner Erinnerung von irgendeinem äußeren Einfluss angeregt wird, taucht die passende Erinnerung auf. Das heißt nicht, dass ich die ersten Textsplitter einfach wegwerfen sollte. In Ihnen stecken wichtige Informationen über die Ich-Erzählerin. Die Menschen als Maden zu bezeichnen finde ich z.B. eine gelungene Idee.

Thomas 2

Ich habe nicht viel von Thomas Bernhard gelesen. Wenn ich ehrlich bin, war es nur der Untergeher. Aber ich denke, das der ‚Untergeher‘ repräsentativ für Bernhards Schreibstil stehet. Was ich an Thomas Bernhard sehr schätze ist, dass er sich die dichterische Freiheit heraus nimmt, um Fakten zu frisieren und zu verdrehen. Beim Untergeher geht es um einen Pianisten, der angeblich in Wien zusammen mit seinem Freund Wertheimer und Glenn Gould bei dem bekannten Pianisten Horrowitz studiert hat. Das Seminar hat sein Leben und das seines Freundes total verändert. Sie werden mit dem außergewöhnlichen Talent von Glen Gould konfrontiert und erkennen, dass sie nie seine Klasse erreichen werden. In Wirklichkeit hat Glenn Gould nie in Wien bei Horrowitz studiert.

Jeder hat so sein Bild von Glenn Gould im Kopf. Er war bekannt als extravaganter Sonderling, dessen Talent unbestreitbar war. Der Erzähler und sein Freund sind vielleicht die schlechteren Pianisten, aber die noch größeren Sonderlinge. Mit diesem allseits bekannten Bild von Gould arbeitet Bernhard, um den Leser zu verwirren. Man erfährt über Gould vermeintliche Wahrheiten und man glaubt dem Erzähler, obwohl man ganz andere Dinge über Glenn Gould gelesen hat. Das ganze Buch scheint dazu zu dienen, den Leser zu verwirren, seine Leseweise- und Denkweise auf die Probe zu stellen. Alles kann wahr sein, aber es könnte auch erlogen sein.

Das führt mich zu der Rolle des Erzählers, der absolut subjektiv berichtet. Zwischendurch beschleicht den Leser das Gefühl, dass der Erzähler nur existiert, um die Geschichte des Untergehers zu berichten. Der Erzähler ist das Abbild des Untergehers. Er ist der Mann ohne Eigenschaften, der der Spur seines Freundes und dessen Selbstmord nachspürt, um zu verstehen, warum sein Freund Wertheimer sich das Leben genommen hat. Der Stil besteht aus vielen Wiederholungen, viel ungefährem Geplapper, die Sätze enden mit „denkt er, dachte ich,“ usw.

Hier ein Beispiel:

„Aber der Anfang von Wertheimers Katastrophe war ja schon in den Augenblick eingetreten, in welchem Glenn Gould zu Wertheimer gesagt hat, er sei der Untergeher, das was Wertheimer schon immer gewußt hatte, war von Glenn urplötzlich und ohne Voreingenommenheit, wie ich sagen muß, auf seine kanadisch-amerikanische Art ausgesprochen worden, Glenn hat Wertheimer mit seinem Untergeher tödlich getroffen, dachte ich, nicht weil Wertheimer diesen Begriff dabei um ersten Mal gehört hat, sondern weil Wertheimer, ohne dieses Wort Untergeher zu kennen, mit dem Begriff Untergeher längst vertraut war, Glenn Gould aber in einem entscheidenden Augenblick das Wort Untergeher ausgesprochen hat, dachte ich.“

 Der Text besteht aus nur einem Absatz. Der größte Teil des Textes entspricht dem Gedankengang des Erzählers beim Betreten eines Gasthauses. Er betritt das Gasthaus, dreht sich um, sucht sich einen Platz usw. Sein Gedankenfluss wird nur kurz unterbrochen von Beschreibungen seiner Handlungen in der Gegenwart. Dadurch entsteht der Eindruck der Subjektivität. Aus dem Bewusstseinstrom eines wachen Erzählers entsteht die Geschichte. Dazu gehört auch, dass die Geschichte nicht wirklich einen Anfang oder Ende hat.

Was kann ich davon für meinen Text mitnehmen? Die Erzählerin wird ihre subjektive Sicht erzählen. Es ist die einzige Wahrheit, die der Leser hören wird. Im besten Falle reizt es den Leser zur Spekulation. Dann wäre viel erreicht. Ob ich in Bernhardscher Manier ihren Gedankenstrom darstellen werde, bezweifle ich. Ich finde es sympathisch, sie sprechen zu lassen, ohne etwas hinzu zu fügen. Sie wird selbst die Verknüpfungen zwischen Historie und ihrem Leben heraus finden, ohne dass ich als Autor die Richtung vorgebe. Somit kann ich von Bernhard lernen. Die Wahrheit kann nur der Erzähler herbei lügen. Ich kann ihm nur eine Stimme geben.

 

Thomas 1

Thomas Mann ist der heiligste der Drei. Nobelpreisträger und als Persönlichkeit sehr ambivalent. Vom treusorgenden Familienvater bis absoluter Egomane sind alle Nuancen einer Persönlichkeit in ihm vereint. Seine Texte sind schwarze makellose Monolithen der deutschen Literatur. Fast unergründliche Monumentalwerke, die mich schon als jungen Leser in den Bann gezogen haben. Kein Werk unter tausend Seiten, ausufernd und doch effektiv. Dokumente eines halben Jahrhunderts, das durchzogen war von zwei Weltkriegen, einem Kaiserreich, einer Demokratie und einer Diktatur. Thomas Mann ist Zeitzeuge, aber nie historischer Dokumentar seiner Zeit. Er schreibt über die Auswirkungen seines Zeitalters, aber er beschreibt nie die historischen Ereignisse seines Zeitalters. Nehmen wir den Zauberberg: eine sterbende europäische bürgerliche Gesellschaft, die in einen Krieg stolpert, wird anhand eines Sanatoriums beschrieben. Er beschreibt nicht die politischen Ereignisse, sondern nur Zeitgenossen, die Geschichte und deren Auswirkungen erleben. Insofern ist er mir sehr sympathisch und die Distanz zu meinem Anliegen scheint sehr gering zu sein. Geschichte ist für den Einzelnen nicht im Gesamten zu erleben, sondern höchstens für ihn im Nachhinein nach der Lektüre von Geschichtsbüchern zu begreifen. Der Mensch lebt in der Geschichte und erfährt nur ihre partiellen Konsequenzen, ohne das Gesamtbild vor sich zu haben. Wie das geht, habe ich schon an anderer Stelle beschrieben.

An seiner Sprache erkennt man seine Eitelkeit. Zu seinem Talent gehörte gleichzeitig die Empfindsamkeit, Kritik als Verletzung zu empfinden. Thomas Mann ist es gelungen, seine eigenen Abgründe hinter der ironischen Distanz zu seinen Geschichte und seinen Charakteren zu verstecken. Seine Sätze sind voluminös, nie fragil und in formvollendeter Sicherheit geschrieben. Trotzdem verrät er seine Charaktere nie. Er lässt sie sich in ihrem Sujet frei entfalten. Er beschreibt oft Typen, aber niemals blasse Abbilder. Er lotet die Tiefe der Seele mit allen Mitteln der Psychologie aus, ohne seine Figuren zu therapieren. Tomas Mann hat zu Recht alle Ehren erhalten, die man ihm hat zukommen lassen. Er war der deutsche Schriftsteller seiner Zeit. In gewisser Weise hat die Nachkriegsliteratur ihn ad Absurdum geführt. Er war zu barock, noch verharrend in einer Sprache, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hatte. Seine Sprache wirkt perfekt geformt und lässt keine sprachlichen Experimente zu. Wenn man ihn mit den Autoren der Gruppe 47 vergleicht, haben sie aus deutschen Sprache Pop gemacht, während Thomas Mann noch gute Wiener Klassik komponierte.

Beginnen wir mit dem Vorsatz aus dem Zauberberg:

Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, – nicht um seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn auch ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen), sondern um der Geschichte, die uns in hohem Grade erzählenswert scheint (wobei zu Hans Castorps Gunsten denn doch erinnert werden soll, daß es seine Geschichte ist, und daß nicht jedem jede Geschichte passiert): diese Geschichte ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Vergangenheit vorzutragen.

 Das wäre kein Nachteil für eine Geschichte, sondern eher ein Vorteil; denn Geschichten müssen vergangen sein, und je vergangener, könnte man sagen, desto besser für sie in ihrer Eigenschaft als Geschichten und für den Erzähler, den raunenden Beschwörer des Imperfekts. Es steht jedoch so mit ihr, wie es heute auch mit den Menschen und unter diesen nicht zum wenigsten mit den Geschichtenerzählern steht: sie ist viel älter als ihre Jahre, ihre Betagtheit ist nicht nach Tagen, das Alter, das auf ihr liegt, nicht nach Sonnenumläufen zu berechnen; mit einem Worte: sie verdankt den Grad ihres Vergangenseins nicht eigentlich der Zeit, – eine Aussage, womit auf die Fragwürdigkeit und eigentümliche Zwienatur diese geheimnisvollen Elements im Vorbeigehen angespielt und hingewiesen wird.

 Um aber einen klaren Sachverhalt nicht künstlich zu verdunkeln: die hochgradige Verflossenheit unserer Geschichte rührt daher, daß sie vor einer gewissen, Leben und Bewußtsein tief zerklüftenden Wende und Grenze spielt…Sie spielt, oder, um jedes Präsens geflissentlich zu vermeiden, sie spielte und hat gespielt vormals, ehedem, in den alten Tagen, der Welt vor dem großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles begann, was zu beginnen wohl kaum schon aufgehört hat. Vorher also spielt sie, wenn auch nicht lange vorher. Aber ist der Vergangenheitscharakter einer Geschichte nicht desto tiefer, vollkommener und märchenhafter, je dichter ‚vorher‘ sie spielt? Zudem könnte es sein, daß die unsrige mit dem Märchen auch sonst, ihrer inneren Natur nach, das eine und andre zu schaffen hat.

 

Die große Kunst des Semikolons beherrscht heute kaum jemand. Er vermeidet regelrecht kurze Sätze. Thomas Mann sammelt seine Aussagen in vielen Sätzen zusammen und schichtet sie zu monströsen Satzgebirgen auf. Heutzutage wäre ein Autor versucht, den Beginn des Romans in zwei Sätzen zusammen zu fassen. Zudem gibt es den allmächtigen Erzähler nicht mehr, der die erste Person Plural, das Personalpronomen der Könige und Herrscher, nutzt. Hier schreibt einer, der auch der König der Schriftsteller sein möchte. Thomas Mann ist der Legende nach ein solcher Ästhet, weil er der Welt zeigen wollte, dass jemand ohne Abitur und Studium die deutsche Sprache besser beherrscht, als all die Gelehrten. Ich sehe förmlich, wie er über seinem Manuskript brütet und sich dabei erwischt, dass ein von ihm geschriebener Satz vollkommen kahl geblieben ist und nur aus Subjekt,  Prädikat und Objekt besteht und er kopfschüttelnd diesen einfach durchstreicht. Die immer noch aktuelle Mode Sätze zu schreiben, die keine sind, hätten bei ihm zu einer ausgeprägten Magenreizung mit anschließendem Erbrechen geführt. Übrigens geht es mir ähnlich. Ich weiß, diese Mode finden viele sehr ausdrucksvoll, weil man durch das Kürzen von Sätzen Betonungen und Aufmerksamkeit schafft. Ich finde, es ist ein Ausdruck von Faulheit und Sprachvergessenheit. Insbesondere mein erster Roman, ist von dem Versuch geprägt, die Mannsche Sprachästhetik nachzuempfinden. Hinsichtlich dieses Bestrebens ist mein erster Roman ist das komplette Zeugnis meines Scheiterns.  Heute will ich nicht mehr danach streben, Herrn Mann nachzuäffen. Da bin ich schon etwas weiter. Mittlerweile sehe ich es als Belastung, ihn in jungen Jahren als Vorbild auserwählt zu haben. Wenn meine Gattin meine Texte liest, bemängelt sie, dass ich nicht griffig genug schreibe und ich ausschweifende Sätze verwende, die nichts aussagen, weil sie in ihrer Selbstgefälligkeit an Sinn verlieren. Ich kann von Herrn Mann lernen, was ich nicht machen sollte: Mittlerweile vermeide ich Satzkaskaden und probiere es erst gar nicht lange, verschachtelte Sätze zu schreiben.

Exkurs Schreibstil

Bevor ich die Handlung weiter entwickle, mache ich noch einen wichtigen Exkurs zum dem letzten Element meiner Überlegungen: Der Schreibstil. Bevor ich die ersten Zeilen meines Textes schreibe, muss mir klar sein, wie ich Sprache anwende, um meine Geschichte adäquat transportieren zu können. Dazu gehören einige Grundüberlegungen. Ich will sondieren, welche Möglichkeiten ich habe, einen geeigneten Sprachduktus zu finden. Ich werde mich in den nächsten Einträgen mit Vorbildern beschäftigen und im Laufe der Auseinandersetzung mit literarischen Spielarten ausloten, welche Arten der Sprachanwendung zu mir passen. Dieser Findungsprozess ist für mich sehr wichtig und resultiert aus meinen Erfahrungen mit meinen vorherigen Texten. Ich glaube, dass viele meiner Frühwerke daran scheiterten, dass ich sehr unbewusst Sprache angewendet habe. Oft verlief das Verfassen meiner Texte in einer Art Sprachausfluss, der unkontrolliert über die Deiche schwappte und im Hinterland meiner Geschichten schlimme Schäden anrichtete. Spätestens bei der ersten Korrektur war ich nur mit Aufräumarbeiten beschäftigt und ich nahm mir meine Chancen, den Plot und meine Absichten in aller Ruhe zu betrachten. Den persönlichen Sprachduktus für eine Geschichte vor dem Schreiben zu erforschen, gehört zur Schreibökonomie. Der geneigte Leser sollte mich jetzt nicht als Sprachkapitalisten verteufeln, der seinen Gewinn durch Effizienz ins Unendliche steigern will. Es geht nur darum, dass ich mich nicht verzetteln will und ich und Sie als Leser Freude an meinen Texten haben. Das sollte ein ehrenwertes Ziel sein. Natürlich gibt es diese Sprachtalente unter den Schriftstellern, die von Anfang an ihren perfekten Ton haben. Viele dieser Sprachtalente sind aber auch im Laufe ihres literarischen Schaffens langweilig geworden, weil sie sich auf ihren natürlichen Fähigkeiten ausgeruht haben. Es gibt so vieles in der Anwendung der Sprache zu entdecken und wie wir alle wissen, ist die freiwillige Selbstlimitierung der Tod der Kreativität.

Die Charakterisierung der Hauptpersonen und ihre Vorgeschichte letzter Teil

Der Sprachverlust wird zum Symbol und zum roten Faden der Geschichte. Nacheinander verliert, verlernt oder vergisst jeder in der Familie die Fähigkeit zur Kommunikation. Erst die Mutter durch ihre Depression, dann der Vater durch die soziale Isolation, dann Luisa durch Krankheit oder psychischem Verfall. Letztendlich ist Johanna die Einzige, die ihre Kommunikationsfähigkeit behält. Sie ist das Sprachrohr der Familie und hält somit den Kontakt zur Außenwelt.

Die Vorgeschichte der Eltern wird im Text nach und nach beschrieben. Kerstins Großeltern und Olafs Eltern tauchen sporadisch auf. Ihre Charaktere und Geschichte auszuformen erachte als nicht wichtig, da sie nur Randfiguren sind. Der Großteil der Geschichte spielt in den Jahren beginnend ab dem Einzug in das Haus des Onkels. Deswegen finde ich es wichtiger die Figuren aus dem direkten Umfeld zu modellieren, wie zum Beispiel die Nachbarn usw.

Das Haus des Onkels befindet sich am Rande eines Industriegebietes, das wiederum am Stadtrand liegt. Das Areal wird auf der einen Seite durch die Hauptverkehrsader der Stadt begrenzt, auf der anderen Seite durch das Firmengelände einer Spedition. Ein gewisser Geräuschpegel begleitet den Alltag der Familie Tag und Nacht. Tagsüber kommt von der Straße der Lärm des stetigen Verkehrs und von der anderen Seite, in den Abend- und Morgenstunden der Lieferverkehr der großen LKW`s. Das graue Standrandmilieu zieht gesellschaftliche Randfiguren an. Die Verlierer, Außenseiter, Verrückten, Kranken und Armen der Stadtbevölkerung. Für mich ist es von großer Bedeutung diese Menschen möglichst authentisch zu zeigen. Der Text wird unglaubwürdig, wenn ich in sozialkitschigen Moritaten die Außenseiter als Heilige skizziere. Ich kann nicht sagen, dass ich viele Obdachlose, Alkoholiker, Prostituierte zu meinen Freunden zähle. Natürlich sind in meinem Leben mir problembeladene Zeitgenossen begegnet, die eher am Abgrund als in mitten der Gesellschaft leben. Trotzdem kann ich nicht behaupten, sie in ihrer Lebenssituation über längere Zeit beobachtet zu haben. Mir kann man also leicht vorwerfen, ich wüsste nicht, worüber ich schreibe und letztendlich benutze ich das Schicksal anderer Menschen, um mich als Autor zu profilieren. Es ist in diesem Falle eine verdammte Gratwanderung zwischen Fiktion und Realität und für mich stellt es eine Hürde dar. In anderen Texten habe ich nicht immer aus einer optimalen Perspektive heraus Dinge beschrieben, die ich nicht erfahren habe. Natürlich weiß ich, dass ich nicht wie ein Journalist schreiben muss, der reale Begegnungen und Begebenheiten wahrheitsgetreu darstellen will und die eigene Interpretation hinzufügt, aber auch kenntlich macht. Ich schreibe nicht dokumentarisch und kann mir das Recht herausnehmen, zum Stilmittel der Überhöhung oder Verkürzung zu greifen. Kein Schriftsteller dieser Welt ist gezwungen, das Bewusstsein einer Person in seinen unendlichen Facetten auszuleuchten. Dann gäbe es keine Geschichten mehr, sondern nur noch Psychogramme, die auch ein Psychologe hätte schreiben können. Es gibt diesen Grenzbereich zwischen Fiktion und Wirklichkeit, aus der sich die Verpflichtung des Autors ableitet, die Würde der Figuren und ihre Herkunft zu wahren. Jede Romanfigur hat seinen Urgrund in der Wirklichkeit, in einer oder mehrerer real existierende Personen. Wenn Autoren erzählen, sie haben eine Figur erfunden, lügen sie.

Ich skizziere die Figuren nur kurz, werde aber bei Ausgestaltung meines Textes meine Bedenken in Ehren halten.

Kira: Prostituierte aus Polen, die in einem abgewrackten Nebengebäude ihre Kunden empfängt. Jo und Lu begegnen ihr oft und wundern sich über ihr Erscheinungsbild. Kira steht oft rauchend und in aufreizender Bekleidung vor ihrer Wohnung. Es entsteht eine Art Freundschaft zwischen ihr und den Kindern, die Jahrelang anhält, bis Kira eines Tages einfach verschwindet.

Erhard der Penner, der in abgerissenen Klamotten in der Nachbarschaft abhängt und zumeist eine halbleere Bierflasche vor sich her trägt.

Friedrich, der Schrotthändler, der auf seinem Schrottplatz lebt.

Frau Kowalski, die alte Nachbarin, Rentnerin über achtzig, die schon leicht dement ist und in ihrer Messiewohnung lebt.

Der Hausmeister der Spedition, der die Kinder immer verscheucht und anbrüllt….

Die Frau vom Jugendamt, die nach dem Verschwinden der Mutter die Familie betreuen will und daran scheitert, weil sich Johannas Vater nicht helfen lassen will. Schließlich gibt sie auf.

Die Direktorin der Grundschule: Jo hat trotz aller Widrigkeiten gute Noten. Die Rektorin sorgt trotzdem dafür, dass Jo nur in die Hauptschule/ Realschule kommt, weil sie aufgrund des sozialen Umfelds Jo in eine Schublade steckt und ihr nicht zutraut, aus dem Übel heraus zu kommen.

Ihre einzige Schulfreundin, die sie seit der ersten Klasse begleitet und die sich immer wieder begegnen. Ihre Familie ist das Gegenbild zu Jos Umfeld. Die Eltern sind Akademiker, Aufsteiger, die mit großen Auto und Haus in der Innenstadt protzen und denen das aber nicht reicht. Ihre Tochter soll es einmal noch besser haben und die besten Chancen erhalten und dementsprechend treiben sie ihre Tochter vor sich her. Ihre Tochter wird sich gegen sie stellen.

Somit habe ich schon ein großes Portfolio an Personen. Aus dem Reservoir an Charakteren kann ich mich bei der Entwicklung der kompletten Handlung bedienen. Ich werde aus den Verhaltensweisen der beschriebenen Personen den Plot stricken. Sie sind der Wollfaden, mein Grips und die Tastatur sind die Stricknadeln und ab und zu wird mir eine Masche herunterfallen und ich muss mir etwas Neues einfallen lassen. Das heißt aber auch, dass die eine oder andere Nebenfigur wegfallen wird, andere Personen hinzukommen oder sich anders darstellen, wie oben beschrieben.