Neuanfang

Ich habe von nochmals ca. 35 Seiten geschrieben. Das erste Kapitel ist damit grundsätzlich in einer ersten verwertbaren Form abgeschlossen. Die in den vorherigen Beiträgen dargestellten Kritikpunkte konnte ich zum großen Teil in das neue erste Kapitel einarbeiten. Ich denke, dass ich einen besseren Ton gefunden habe, um Alethea über sich sprechen zu lassen. Sie als Ich-Erzählerin berichten zu lassen, fühlt sich für mich sehr gut an, obwohl ich anfangs immer wieder in eine  andere  Perspektive zurück gefallen bin. Mittlerweile verstehe ich sie, kann ihr zuhören, nehme die Fäden auf, wie sie sie vorgibt. Alleine durch ihre Beschreibungen finde ich Anknüpfungspunkte, um die Story voran zu treiben. Auch die anderen Figuren, Dr. Malinowski und Sofia haben jetzt mehr Substanz. Damit sind die ersten Schritte zu einem kompletten Roman gemacht und trotzdem bleibt das erste Kapitel nur eine Arbeitsvorlage. Ich habe wie ein Bildhauer die ersten überschüssigen Stellen aus dem Felsen herausgehauen und habe trotzdem nicht mehr als eine Form heraus gearbeitet, die mir die Möglichkeit gibt, mich zu orientieren.

 

 

Falsch angefangen

Ich habe 32 Normseiten geschrieben. Zum ersten Mal schreibe ich von Anfang an im Normseitenformat. Somit kann ich den Umfang des Romans abschätzen. Ich will keinen Wälzer schreiben. Mein erster Roman gestaltete sich zu ausufernd und weil ich damals kein Ende fand, lege ich mir seither eine Selbstbeschränkung von maximal dreihundert bis vierhundert Normseiten auf. Fünfhundert oder mehr Seiten kann ich nicht im Zaum halten. Zudem hat das Auswirkung auf die Vermarktung. Selten werden Debüts mit tausend Seiten verlegt. Diese Selbstbeschränkung hilft mir auch in sprachlicher Hinsicht. Ich muss mir eine Sprachweise überlegen, die sinnvoll verknappt.

 Ich hatte ja bei meiner Untersuchung der Sprachstile herausgefunden, dass ein Icherzähler auf subjektive Art und Weise die Geschichte schildert. Für die Ebene der Zukunft passt das hervorragend. Für die anderen Ebenen nutze ich einen allwissenden Erzähler, der eine Objektivität vortäuscht, die nicht wirklich gegeben ist. Somit wird auch die Trennung der Ebene am Anfang deutlich. Der Leser soll glauben, dass es um drei verschiedene Geschichten geht, die keine Berührungspunkte haben.

 Nach 32 Normseiten habe ich festgestellt, dass ich weder aus der Ich- noch aus einer subjektiven Perspektive heraus geschrieben habe. Ich kann noch einmal von vorne anfangen. Ich mag den Text auch nicht lesen, weil er mir schmerzlich klar macht, dass ich die richtige Sprache noch nicht gefunden habe.

Hier ein Beispiel:

Wenn ihr nichts einfällt und sie unter Druck steht, glaubt sie zu verstehen, wie sich ihr Vater sein ganzes Leben lang gefühlt haben muss. Für sie sind es kurze Phasen. In zwei Minuten spätestens werden mindestens drei kluge Ideen aus ihrem Hirn sprühen. Deswegen wollte sie Autorin werden. Sie war angewiesen auf die Veränderung, auf die Aufgaben, die man ihr stellt. Sie konnte ihre Klugheit anwenden und wie einen Brunnen neu anzapfen. Sie wusste, dass der Brunnen versiegt, wenn sie ihn nicht ständig anzapft. Sie wusste aber auch, dass der Grundwasserspiegel sich spätestens nach einem Dürrejahr senkte und den Brunnen für immer trocken legte. 

 Wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich ausgedörrt. Es gab keinen Regen mehr, keine Niederschläge auf Papier. Nur Ideen voller Esprit, keine Geschichten mehr. Sie tröstete sich damit, dass wenn der eine Brunnen versiegte, sie einfach einen neuen bohrten könnte.

 

Das klingt weder geschmeidig, noch schlüssig. Die Bilder sind unpassend. Die Sätze sind zu voluminös und beschreiben fast nichts. Dabei muss durch Sprache und Textgestaltung zum Ausdruck gebracht werden, dass der Druck, der auf Alethea lastet, sie fast zerreißt. Sie sitzt einsam und hilflos in der Einöde und weiß nicht, wie sie ihr Vorhaben umsetzen soll, obwohl   ihre gesamte Existenz mit dem Vorhaben verknüpft ist.

Der Inhalt des ersten Kapitels

Soll ich mich jetzt darüber auslassen, wie wichtig das erste Kapitel für den Erfolg eines Romans ist? Diesen Allgemeinplatz kann ich ohne weiteres unter den Tisch fallen lassen. Wer liest ein Buch weiter, wenn der Anfang öde und langweilig ist? Niemand! Und trotzdem setzen viele Autoren im ersten Kapitel zum schriftstellerischen Selbstmord an. Meines Erachtens muss das erste Kapitel einen griffigen Einstieg in die Geschichte bieten. Man darf sich nicht lange mit verbalen Ausschweifungen aufhalten. Der Leser soll erst einmal verstehen, worum es überhaupt geht. Er möchte die Hauptpersonen kennenlernen und ihr Probleme, dass man in dem Buch behandeln will. Der Leser wird sich tödlich langweilen, wenn ich am Anfang das ganze Pulver verschieße und er am Ende des Kapitels schon das Ende des Buches erahnt. Man kann den Roman mit einer Explosion oder heftigen Paukenschlägen beginnen oder man schleicht sich allmählich an das Thema heran, wie eine Wildkatze an seine Beute. Trotzdem müssen am Ende die Hühner gesattelt sein, mit denen man in den Sonnenuntergang reiten möchte.

Wie sieht mein erstes Kapitel aus? Alethea Cumberland hat es in das Luxushotel in der Antarktis verschlagen. Wir erfahren, dass sie eine bekannte Schriftstellerin ist, die mit Fantasyromanen populär geworden ist. Sie soll im staatlichen Auftrag ein Buch über Scotts Südpolexpedition schreiben und ahnt, dass sie daran scheitern wird. Ich mache den Lesern mit der Gesellschaftsordnung der Zukunft bekannt und beschreibe Aletheas gesellschaftliche Stellung als Emporkömmling. Alethea erfährt erst am Morgen nach der Ankunft, dass sie der einzige Gast im Hotel ist. Beim Frühstück stellt sich ihr Dr. Malinowski vor. Er ist der Hoteldirektor und lebt seit fünfundzwanzig Jahren in der Forschungsstation. Er versucht Alethea zu unterhalten und sie bei Laune zu halten. Sie besuchen gemeinsam Scotts Hütte und Alethea berichtet ihm, welchen Auftrag sie hat. Malinowski ist begeistert, weil er die Geschehnisse um Scott sehr genau studiert hat und bietet ihr seine Hilfe an. Im Rückblick gewähre ich dem Leser Einblick in die Vorgeschichte zu Aletheas Aufenthalt am Südpol. Vorher ist sie zweimal einem Anführer der Madenopposition begegnet, der sie aufgefordert hat, sich am politischen Umsturz zu beteiligen. Zudem hat ihre älteste und einzige Freundin

Sofia dazu aufgefordert, auf die Avancen der Opposition einzugehen. Denn sie hat als berühmte Schriftstellerin eine politische Verantwortung. Um sie zu bestärken, schenkt sie ihr eine Autobiographie von George Bernhard Shaw.

Können wir jetzt endlich anfangen?

Nein, leider noch lange nicht. Meine ersten Schreibversuche bereiteten mir auch Unbehagen, weil ich nur Klischeeumgebungen für den Beginn meiner Geschichte ersonnen hatte. Mein erster Gedanke war es, Alethea aus ihrer Wohnung im 30. Stockwerk eines Wolkenkratzers berichten zu lassen. Sie steht über allem und aus dieser Perspektive erzählt sie. Eine schreckliche Idee: die Megastädte der Zukunft sind doch schon die Gegenwart. Außerdem ist die Perspektive nicht passend. Alethea sitzt zwischen den Stühlen und steht nicht über allem. Sie gehört an einen fernen und unwirklichen Ort. Ein Ort, an dem sie sich per se unwohl fühlen muss, der ihre Einsamkeit und ihren Zwiespalt nochmals betont. Das Bild vom Großstadtmenschen, der in Wohntürmen in der Anonymität ihres Reichtums lebt, ist doch sehr abgegriffen.

 Als ich auf das Scott-Thema stieß, drängte sich mir ein Ort regelrecht auf: McMurdo-Sund, der Ausgangsort für Scotts-Südpolexpedition. Beim McMurdo-Sund handelt es sich um einen Küstenabschnitt, der im Süden der Antarktis liegt und sich als Ausgangspunkt für Expeditionen besonders eignet, weil die Bucht zu bestimmten Zeiten im Jahr eisfrei ist. Seit den fünfziger Jahren gibt es dort eine Forschungsstation, die im Laufe der Jahrzehnte zu einem Dorf angewachsen ist. Sie ist auch heute noch ein wichtiger Ausgangspunkt für Reisen an den Südpol. Am Südpol selbst gibt es eine größere Forschungsstation, die mit dem McMurdo-Sund durch eine Straße verbunden ist. Also nach nur knapp hundert Jahren hat die Menschheit es geschafft, diesen letzten unwirtlichen Ort ständig zu besiedeln. Am McMurdo-Sund leben im Sommer bis zu 1100 Menschen und dementsprechend hat man die Infrastruktur aus Gebäuden zum Wohnen und Arbeiten, mit den dazugehörigen Versorgungseinrichtungen, geschaffen. Es gibt sogar eine eigene Feuerwehr und eine Zeitung. Neben dem Ort steht auf einer Anhöhe die Hütte der Scottexpedition, die gut erhalten ist.

 In 2029 wird es dort immer noch einer Forschungsstation geben. Es ist anzunehmen, dass der Ort wächst und auch die Infrastruktur Richtung Südpol besser wird. Also ist es auch wahrscheinlich, dass Nichtforscher ein Interesse an einem solchen Ort entwickeln, um dort z.B. Urlaub zu machen.

 Alethea wird von ihrem Management dazu verdonnert, dort zwei Wochen zu verbringen, um sich von der authentischen Umgebung inspirieren zu lassen. Kurz vorher hat ein Investor dort ein Luxushotel mit allen Annehmlichkeiten für wohlhabende Mitglieder der Elite erbaut. Allerdings stößt das Luxushotel auf wenig Interesse. Alethea, die ein paar Wochen nach der Eröffnung anreist, ist der erste und einzige Gast dort. Sie braucht einen Tag, um das zu verstehen. Sie verbringt ihre Tage dort alleine mit sich und dem Personal und alle warten auf weitere Gäste. Der Roman beginnt nicht mit Aletheas Ankunft, sondern ihrem ersten Abend, den sie alleine auf ihrem Zimmer verbringt. Sie macht keine Anstalten, sich ernsthaft mit dem Stoff auseinander zu setzen. Sie fühlt sich von ihrem Management und auch ihrer besten Freundin Sofia bedrängt. Sie soll einerseits den historischen Stoff zu einem lesbaren Roman verarbeiten und andererseits die Vorlage für einen politischen Umbruch liefern. Sie zweifelt, hadert und langweilt sich. Erst am nächsten Tag, als sie alleine im Frühstücksraum sitzt, wird ihr klar, dass sie der einzige Gast im Hotel ist.

 

 

 

1925 vs. 2029

Häufig ähneln sich gesellschaftliche Entwicklungen unterschiedlicher Epochen ähneln. Autoritäre Gesellschaftsstrukturen mit  starren Klassenstrukturen, die sich nach Faktoren wie Herkunft, Status, Eigentum richten, galten oft genug als Standard. Im Gegensatz dazu stehen die liberalen Gesellschaftsordnungen, die die Bildung von Klassen vermeidet und dementsprechend nach allen Richtungen durchlässig sind. Die letztere Gesellschaftsordnung scheint aus unserer heutigen Sicht das Ideal zu sein. Trotzdem erleben wir gerade im Moment, wie die autoritären Strukturen für viele Menschen anscheinend einen gewissen Reiz ausüben. Man spricht von Elitenbildung, von starken Persönlichkeiten, die wissen, wie der Hase läuft und das man denen doch Politik und Wirtschaft überlassen sollte, weil sie das ganze Chaos der Globalisierung beseitigen werden. Die Forderung nach einer starken Elite ist nicht nur in Europa en Vogue und das obwohl nach dem zweiten Weltkrieg alles dafür getan wurde, um separatistische antidemokratische Gesellschaftsstrukturen zu vermeiden.

Der große Unterschied zwischen 1925 und 2029 ist, dass die Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung genau entgegengesetzt verläuft. Man erlebt zwischen den Kriegen ein allgemeines Aufatmen, eine Abkehr von autoritären Herrschaftsformen und beginnt sogar fünfzehn Jahre später den absoluten Endkampf gegen die ausgearteten faschistischen Regime mit ihrem Führerprinzip, die nichts anderes darstellen als eine moderne Übertreibung von absoluter Herrschaft und Klassengesellschaft. In 2029 ist man im Verlauf der letzten dreißig Jahren weltweit genau in diese Kerbe hineingerutscht. Die herrschenden Subjekte einer globalen Gesellschaft setzen alles auf eine utilitaristische Ökonomisierung des Zusammenlebens und ernten dafür eine Elitengesellschaft mit autoritäre Zügen, die dafür sorgt, dass ein Großteil der Menschen in eine wirtschaftliche Abhängigkeit geraten, die kaum Fluchtmöglichkeiten bietet. Natürlich für die Undurchlässigkeit der einzelnen Klassen zu  einem degenerativen Stillstand sozialer Entwicklung. Gerade dieser große Unterschied, die Zeit des Aufbruchs vs. die Zeit des Stillstandes gibt mir als Autor die Chance den Rückgriff auf die Vergangenheit zu wagen, um zu zeigen, was der Zukunft fehlt. Shaw als Bote der Vergangenheit mit seinem ausgeprägten politischen Bewusstsein, der erkennt, dass Gesellschaft sich evolutionär zum Besseren entwickeln kann, in dem jeder am politischen Leben teilnimmt, kann den Unterschied zur politisch unbewussten Alethea deutlich werden lassen, die sich in die autoritären Strukturen einordnet und deren Generation die Teilhabe an Politik gar nicht mehr kennt. Insbesondere ist das für mich als Autor möglich, da beide eine Parallele in ihrer Herkunft aufweisen. Durch das wirtschaftliche Scheitern ihrer Väter haben sie den sozialen Abstieg erlebt. Bei Shaw wie Alethea ist ihr Leben darauf ausgerichtet, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf wieder heraus zu ziehen. Shaw allerdings indem er gegen den Mainstream arbeitet und Alethea indem sie sich anpasst. Alleine daraus ergibt sich die Reibung, die ich brauche, um meine Intention für den Leser sichtbar zu machen.

 

Großbritannien im Jahr 1925

Der Zeitraum zwischen den Weltkriegen war voller Widersprüche und wechselhafter Entwicklungen. Die europäischen Großnationen hatten mit den Vereinigten Staaten einen neuen Konkurrenten bekommen. Die Wirtschaftskraft der USA nahm in diesen Jahren sprunghaft zu. Auf vielen Gebieten überflügelte die USA die erfolgsgewohnten europäischen Siegermächte und teilweise wurden sie abhängig von den USA. Zudem beobachtete man misstrauisch die russische Revolution und das Heranwachsen eines neuen Staatsmodelles. Zusätzlich hatte man die ehemalige Großmacht Deutschland als Kriegsverlierer ausgemacht. Deutschland sollte die Schuld für den Krieg übernehmen. Allerdings brauchte man das Deutsche Reich als Puffer zwischen Ost und West und als Handelspartner.  Die Euphorie der Sieger Frankreich und Großbritannien verpuffte, als man erkannte, dass der Sieg über das Deutsche Reich sich nicht auszahlte. Bis Kriegsende verfügte in beiden Staaten das Militär über sehr viel Macht und hatten dementsprechend Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen. Nachdem Krieg gab es in beiden Staaten starke pazifistische Strömungen, die darauf ausgerichtet waren, erneute Kriege zu verhindern, anstatt sie als Mittel der Staatsführung zu sehen. Ein weiterer Faktor war, dass Franzosen wie Briten erkennen mussten, dass ihre Kolonien ihnen nicht ewig als Ressourcenbeschaffer zu Verfügung stehen würden. In der Mitte der zwanziger Jahre war die wirtschaftliche Situation in Großbritannien noch gut. Man hatte in den Jahren davor einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, von dem viele Menschen profitieren konnten.

 Die letzten dreißig bis vierzig Jahre in Großbritannien waren geprägt von der Industrialisierung, von dem sozialen Aufstieg der Arbeiter und des Bürgertums, also von grundlegenden Änderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Shaw war zum Zeitpunkt der Gespräche mit Cherry-Garrard ungefähr sechzig Jahre alt. Er war in Irland groß geworden, seine Familie war gescheitert, sein Vater hatte als Geschäftsmann versagt und seine Mutter war nach London geflohen. Er hatte noch eine andere Zeit erlebt, als der soziale Aufstieg für Menschen aus armen Verhältnissen kaum möglich war und es einen großen Unterschied zwischen Arm und Reich gab. Cherry-Garrard war zu dem Zeitpunkt der Gespräche mit Shaw in seinen Enddreißigern. Er kommt aus einer anderen Generation und auch aus einem anderen sozialen Umfeld. Sein Vater hatte beim Militär Karriere gemacht, hatte in den Kolonien gekämpft. Die Familie gehörte zur viktorianischen Mittelschicht. Cherry-Garrard war als Kind schüchtern und zurückhaltend und wollte seinem Vater nacheifern, der als junger Mann einen abenteuerlichen Lebensstil gepflegt hatte. Cherry-Garrard hatte im ersten Weltkrieg als Offizier gedient und aus gesundheitlichen Gründen wurde er schnell aussortiert. Cherry-Garrard war 1925 ein gebrochener Mann, der am Ende der Scott-Expedition seinen Verstand verloren hat und mit seinem Schicksal haderte. Shaw hatte sich während des Krieges mit einem pazifistischen Aufsatz unbeliebt gemacht und seine Karriere als Autor aufs Spiel gesetzt. Erst als er den 1925 den Nobelpreis erhielt, bekam er in seiner Heimat die nötige Anerkennung als Autor.

Heureka

Als ich nun die dritte Ebene für meinen Roman über Jo Sommer suchte, fielen mir wieder Cherry-Garrard und George Bernhard Shaw ein. Mein Instinkt als neugieriger Autor sagte mir, dass man diese zwei Geschichte wunderbar miteinander verknüpfen konnte. Warum sollte Jo Sommer nicht ein ähnliches Problem wie ich haben. Sie soll oder will einen Roman über die Südpolexpedition schreiben und verzweifelt an der Umsetzung, weil sie sich nicht befähigt fühlt, mit einem historischen Stoff adäquat umzugehen. Bisher hat sie Fantasyromane geschrieben, wie die Hexen von Iverness und irgendwelche Drachenmumpitz. Es fällt ihr leicht, eine Welt zu erfinden. Die reale Welt zu beschreiben, fällt ihr allerdings schwer.

 Sie lässt ihrer Phantasie freien Lauf und daraus entstehen die Kausalzusammenhänge und sich muss sich nicht mit Kausalzusammenhängen rumschlagen, die einem wirklichen Geschehen entsprechen. Sie sorgt sich, als Autorin an dem historischen Stoff zu scheitern und ihren erreichten Status als Autorin zu verlieren.

 Wie passt nun das Zweigespann Cherry-Garrard und Shaw da rein? Auf dem ersten Blick wohl überhaupt nicht. Und das macht es für mich spannend. Die erste Ebene ist Aletheas Leben in der Zukunft. Sie berichtet über ihr Literaturprojekt, wie sie auf das Thema gekommen ist, ihre Furcht vor dem Versagen, ihre kleine Welt, in der sie als wohlhabende Autorin ihre Marotten und ihre Arroganz pflegt.

 Die zweite Ebene ist das Leben von Jo Sommer, die heutige Gegenwart. Ich werde nach und nach ihr Leben beschreiben. Ihr Vater, der nach dem die Mutter die Familie verlassen hat, in Depressionen verfällt und sich um nichts kümmert. Die Vorgeschichte, die Erbschaft, die dazu führt, dass die Ehe der Eltern auseinanderbricht usw.

 Die dritte Ebene handelt vom den Zwiegesprächen zwischen Cherry-Gerrard und Shaw. Sie treffen sich, um über Cherry-Garrards Buchpläne zu sprechen. Die Gespräche eskalieren immer wieder, weil Shaw mit seinen Zynismus den trägen Cherry-Garrard aus der Reserve locken will und die Unterhaltungen nach seinem Gusto gestalten will. Mal verhört er Cherry-Garrard, mal spielt er den liebevollen alten Knaben, mal den Therapeuten. Erst im Laufe der Debatten gelangen sie zum eigentlichen Kern der Geschichte. Cherry-Garrard, der Edelmann aus reichen Hause, der seine Depression und eines posttraumatische Belastungsstörung wie ein Haustier pflegt, wird von Shaw als Vertreter der reichen Klasse enttarnt, der sich einen Weg sucht, um nie wieder am Leben teilnehmen zu müssen. Während Scott keine Chance hatte, der Realität zu entfliehen, weil er sich sein Leben lang gegen den sozialen Abstieg stemmen musste. Er war Sohn eines Brauereibesitzers, der früh verstarb und der seine Familie kein Vermögen hinterließ, so dass Scott nur die Möglichkeit hatte, durch eine Karriere bei der Marine, für den nötigen Unterhalt der Familie zu sorgen und durch die Teilnahme an solchen Expeditionen seine Chance sah, den nötigen Wohlstand für ein beinahe sorgenfreies Leben zu erwirtschaften. Er war Opfer und Held der Geschichte zugleich, während Cherry-Garrard sich zu Unrecht zum Opfer stilisiert.

 Alle Ebenen stehen zuerst selbstständig nebeneinander. Lange Zeit ist zum Beispiel nicht klar, dass Alethea und Jo ein und dieselbe Person sind. Die Ebenen verknüpfen sich über ihre Aussagen, über die Themen die sie behandeln. In allen drei Ebenen geht es letztendlich um drei verschiedene soziale Systeme, die doch vieles gemeinsam haben: es gibt ein starkes soziales Gefälle zwischen einer kleinen Elite, die sich auf ihrem Wohlstand ausruht und dem großen Rest der Menschheit, die sich knechten muss, um zu überleben. Der soziale Aufstieg ist kaum möglich. Shaw und Alethea Cumberland sind in einer ähnlichen Situation. Beide kommen aus gewöhnlichen Verhältnissen und haben aufgrund ihrer Talente den sozialen Aufstieg unter großen Opfern geschafft. Shaw ist bekennender Sozialist und hat sich politisch engagiert, während Alethea ohne politisches Bewusstsein durch ihr Leben schlängelt. Alethea wird im Laufe des Textes die Verbindung zu Shaw und Cherry-Garrard erkennen und ihr politisches Bewusstsein entdecken. Ihr Buch über die Südpolexpedition entwickelt sich zu einer politischen Kampfschrift. Dazu muss sie auch erkennen, dass sie ihr altes Ich, Jo Sommer, im Laufe ihres Lebens zugunsten ihres Strebens nach Anerkennung verraten hat. Der Text soll davon profitieren, dass sich die anfänglich für sich stehenden Ebenen im weiteren Verlauf verzahnen und zu einer Ebene zusammenwachsen.

 

Mir ist kalt

Vor zwei oder drei Jahren habe ich mich aus reinem privatem Interesse mit der Südpolexpedition von Scott auseinander gesetzt. Ich hatte keine Lust mehr Romane zu lesen und nach der Lektüre mehrere recht schwieriger Philosophiebücher (Adorno, Heidegger) hatte ich auch daran kein Interesse mehr. Ich weiß nicht genau, was der Auslöser war. Auf jeden Fall habe ich mir ein Buch über Scotts letzte Expedition besorgt. Als Kind habe ich einen Spielfilm über diese Expedition gesehen und irgendwie hat sich diese tragische Geschichte, an dessen Ende der Held stirbt, in mein Gehirn gebrannt. Das Buch hieß „Scott“ von Ranulph Fiennes und ich habe es verschlungen. Mr. Fiennes war selbst mehrfach am Südpol unterwegs und kennt die Schwierigkeiten, die eine Reise an den Südpol mit sich bringt. In 1910 hatte man wenig Ausrüstung, die auf solche Reisen zugeschnitten war. Man hatte schwere Schlitten, wenig Technik, die die Kälte überstand, Kleidung und Zelte waren aus fast primitiven Stoffen hergestellt, die Kälte und Sturm kaum abhielten. Also nichts gegen unsere heutige Outdoorkultur, wo jeder Schüler schon eine Winterjacke trägt, mit der er mal einen kurzen Ausflug in die Arktis wagen könnte. Es gab keine Kommunikationsmittel, um sich mit der Außenwelt adäquat zu unterhalten. Wer unterwegs war, konnte im Notfall nicht auf Hilfe hoffen. Es gab keine Funkgeräte und auch keine Satellitenhandys. Sobald das Forschungsschiff den letzten Hafen verließ, war man auf sich alleine gestellt. Eine Situation, in der es immer um die Unversehrtheit des eigenen Lebens ging.

 Genau diese Ungewissheit, sich für Jahre an einem unwirtlichen Ort zu befinden, völlig abgeschnitten von der Außenwelt, hat mich fasziniert. Dazu kam natürlich die Tragik der Geschichte. Scott war Offizier der englischen Marine und hat einerseits durch die Teilnahme an solchen Expeditionen seinen Status und sein Einkommen verbessern wollen. Aber er war kein Abenteurer und Hasardeur. Es ging ihm nicht alleine darum, der Erste zu sein, sondern eine wissenschaftliche Expedition durchzuführen, die der Menschheit Erkenntnisse über die damals wenig erforschte Antarktis bringen sollte. Amundsen war der Erste am Südpol und Scott erreichte den Südpol ein paar Tage später, um auf dem Rückweg mit vier seiner Gefährten den Tod zu finden. In der Nachbetrachtung durch seine Zeitgenossen kam Scott schlecht weg. Man warf ihm Fehlverhalten und Führungsschwäche vor, während Amundsen schlechthin der Sieger war, der alles richtig gemacht hat. Erst später erkannte man, welche Leistung Scott auch in wissenschaftlicher Hinsicht vollbracht hat. Herr Fiennes berichtet viel über die Kontroverse, die unter den Zeitgenossen Scotts entstanden war. Dabei sticht ein Buch über die Expedition heraus, das ca. dreizehn Jahre nach Ende der Expedition veröffentlicht wurde. Der Autor des Buches, Aspley Cherry-Gerard, war selbst Teilnehmer der Expedition. Er hatte die unglückliche Aufgabe übernommen, auf die fünf Expeditionsteilnehmer, die auf dem letzten Wegabschnitt zum Südpol alleine unterwegs waren, an einem vereinbarten Punkt zu warten. Allerdings kamen sie nie dort an. Das Warten hatte kostbare Zeit gekostet und eine Rettung der Südpolmannschaft war nicht mehr möglich. Cherry-Gerard wurde depressiv und hat nie mehr wirklich ins Leben zurückgefunden. Er verzweifelte über diese Expedition und um sich selbst zu therapieren hat er das Buch „Die schlimmste Reise der Welt“ geschrieben. Auch dieses Buch habe ich gelesen. Das Buch ist einerseits ein Tatsachenbericht. Auf der anderen Seite wurde deutlich, wie ein jahrelanger Aufenthalt in der Kälte Menschen verändern kann. Man hört die Melancholie, das Leiden unter den schwierigen Witterungsbedingungen, das Dasein zwischen Leben und Tod, die körperlichen Strapazen, die aus dem jungen abenteuerlustigen Mann Cherry-Garrard einen lebensuntüchtigen kranken Mann gemacht haben. Während der Entstehung des Buches hat Cherry-Garrard sich bei einem berühmten Nachbarn, nämlich George Bernhard Shaw, der große engliche Dramatiker des zwanzigsten Jahrhunderts, Rat geholt. Wir wissen nicht, wie groß der Einfluss von George Bernhard Shaw war. Man weiß nur, dass er Scott nicht leiden konnte. Die Tatsache, dass dieser Zyniker Shaw seine Finger im Spiel hatte, fand ich inspirierend. Ich witterte eine Geschichte, merkte aber schnell, dass sie eine Nummer zu groß für mich war. George Bernhard Shaw ist keiner der Autoren, mit denen ich mich bisher beschäftigt habe. Auch das Leben am Anfang des zwanzigsten Jahrhundert in Großbritannien gehört nicht gerade zu meinen historischen Interessen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich daraus eine Geschichte formen soll. Ich hatte Angst davor, es  nicht zu schaffen, weil ich beim Stochern in historischen Stoffen auf viele Minen treffen konnte, die mich und mein literarisches Schaffen auf einen Schlag in die Luft sprengen konnte. Ich habe genug Bücher gelesen, in denen die Autoren sich wunderbar in der Vergangenheit bewegt haben, aber mir traute ich das nicht zu. Also legte ich den Stoff zur Seite und hoffte, dass ich mir irgendwann das Rüstzeug erarbeiten konnte, um einen solchen Stoff adäquat umzusetzen.

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Es geht weiter im Text

Nach den ersten Schreibversuchen habe ich den Plot, Erzählebenen und Erzählformen deutlich erweitert. Nach den ersten Schreibversuchen habe ich konkrete Überlegungen angestellt, die dazu dienten, den Plot komplexer zu gestalten. Aus den ersten Schreibversuchen ergab sich die Gefahr, einen trivialen Text zu schreiben, der nichts mit meinen Intensionen und meiner Metaebene zu tun hat.

 Mir ging es darum, die Möglichkeiten meiner Geschichte zu erweitern. Bei den ersten Schreibversuchen habe ich für mich gespürt, dass die Geschichte zu eindimensional wirkt, wenn ich Alethea aus der Zukunft berichtet, um uns die Gegenwart ihres kindlichen Ichs als Johanna zu erzählen. Ich wollte keinen Roman über jemanden lesen, der in einer urbanen Zukunftsumgebung lebt, die klinisch kalt wirkt. Wenn wir ehrlich sind, ist das sehr abgenudelt. Ich kann mich dann seitenlang darüber auslassen, welche technischen Neuerungen uns das Jahr 2029 bietet und wie schlimm das Leben in der Stadt der Zukunft ist. Das soll kein Science-Fiction Roman werden. Also brauche ich eine dritte Ebene, die zur Reflektion von Zukunft und Gegenwart dient und die Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede der verschiedenen Ebenen deutlich macht. Okay, wir haben Zukunft und Gegenwart, was uns also fehlt ist die Vergangenheit. Darüber musste ich mir klar werden, bevor ich die erste Version eines ersten Kapitels vorantreiben konnte.

Selbstversuch

Nachdem ich mir Gedanken über meine Möglichkeiten der Sprachformung gemacht habe, habe ich mich auf eine Konstante festgelegt. Johanna Sommer berichtet aus ihrer Zukunft  als Ich-Erzählerin über ihre Gegenwart und ihre Vergangenheit. Sie hat in der Zukunft die Identität der Schriftstellerin Alethea Cumberland angenommen. Aus einer möglichst subjektiven Sicht gilt es ihre Sinneswahrnehmungen, ihre Gedankengänge darzustellen. Das Leben in der Zukunft, ihre Gegenwart, wird immer auch auf die Vergangenheit verweisen. Meine ersten Schreibversuche sind nur kleine Fingerübungen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Alethea klingen könnte, wie ihr Sprachduktus sich formen muss, um nachvollziehbar und authentisch zu wirken. Dementsprechend unausgegoren und auch oberflächlich wirken sie noch auf den Leser. Der Leser möge es mir verzeihen.

Splitter 1

Fast jeden Abend begutachte ich den Sonnenuntergang durch das Panoramafenster meiner Wohnung im dreißigsten Stockwerk. Im Hintergrund surrt die Klimaanlage. Nach Angaben des Herstellers soll sie bei konstanten zweiundzwanzig Grad Raumtemperatur mein Wohlbefinden garantieren. Schraffierte Rotschattierungen bestimmen den bedeckten Himmel. Ein heller Strahlenkranz der Sonne kriecht unter den Wolken hervor und bricht sich an den Quadern der Hochhäuser, die wie schwarze Schatten im Zwielicht liegen. Ich lebe über der Stadt, hermetisch abgeriegelt und fern des Getümmels der Maden, die schon lange die Straßen beherrschen. Eine angenehme Perspektive. Als stünde ich über den Dingen. Ein elitäres Anrecht einer erfolgreichen Frau, die von den Maden geliebt wird. Ich will nicht geliebt werden, genauso wenig, wie sich mein Wohlbefinden bei zweiundzwanzig Grad einstellt. Unser Denken hat sich in den letzten Dekaden sehr vereinfacht. Wir haben freiwillig auf wichtige Denkkategorien verzichtet. Wir haben geglaubt, unser Schmerz über unsere leidvolle Existenz verschwindet, wenn wir uns nicht mehr an ihn erinnern können. Nun reichen zu einem glücklichen Leben eine angenehme Raumtemperatur und die Selbstsuggestion einer nicht vorhandenen Zuneigung.

Splitter 2

Glas und Beton, Glas und Beton, es hämmert in meinem Kopf, niemand will es sehen, niemand will ihn hören, der Schmerz ist nur ein Schatten im Zwielicht. Unter dem Radar eines Strahlenkranzes, der den bedeckten Himmel am Ende des Tages durchbricht, liegt meine Pein, die Pein einer ganzen Generation, ein Zeitalter, das vergessen will. Ich throne und unterdrücke, eine angesehene Frau, ein Mitglied der allwissenden Elite, die aus Menschen Maden macht. Das bin ich, oben im Himmel im dreißigsten Stockwerk, starrend auf das Draußen und nach innen horchend und das Echo der Leere wahrnehmend. Alles habe ich gegeben, mein Selbst verschenkt, um nicht mehr leiden zu müssen und doch leide ich mehr als je zuvor.

 Mein Antlitz spiegelt sich in der Fensterscheibe. Ich drehe mein Profil und meine Gesichtszüge werden von denen meines Vaters überlagert. Ich nehme ein Flüstern wahr. Vielleicht meine Stimme, vielleicht die meines Vaters, wer kann das genau sagen? Ich soll berichten, wie ich zu Alethea Cumberland, die ruhmreichste, schönste und wohlhabendste Schriftstellerin aller Zeiten wurde. Das kann ich nicht berichten. Dafür beschäftige ich einen Biographen, der mein Leben besser kennt als ich. Das Flüstern nennt einen Namen: Jo Sommer. Ich kenne niemanden, der Jo Sommer heißt. Das Flüstern schärft sich mit bissigen Beiklang und jedes Wort wird zum Messer, dass mir die Seele zersticht. Lügner, Lügner, du bist Johanna Sommer. Ich trete weg vom Fenster. In der Küche hole ich mir einen Tee. Das Flüstern verschwindet.  

Splitter 3

In den Städten lasten Beton und Stahl auf den winzigen und erbärmlichen Maden mit kleinen Gehirnen. Sie verstehen einfache Befehle. Steh auf, setz dich, hol dir was zu essen, schweig, schlaf, kacke. Konditionierung eines Tieres, das einst den Namen Mensch trug.

Splitter 4

Der Tag war lang, ich bin erschöpft. Das Hetzen von einem Ort zu anderen. Meine Beine sind schwer, ich spüre sie kaum noch. Niemals können sie mich in Ruhe lassen. Dieses Spießrutenlaufen. Pressekonferenz, Autogramme geben, jeder fragt dich die immer gleichen Fragen und erwartet von dir die immer gleichen Antworten, Lesungen, Podiumsdiskussionen, belanglose Kommentare zu Scheinthemen. Wann kommt ihr nächstes Buch? Warum sind sie nicht verheiratet? Warum haben sie keine Kinder? Warum haben sie einen englischen Namen, wenn sie doch aus Deutschland kommen? Haben sie schon einmal überlegt, viel mehr Zeit in Charityprojekte zu investieren? Nein, nein, nein und nochmals nein. Die Antwort lautet immer nein, ob sie nun passt oder nicht. Dabei lächle ich und sage betont freundlich und gelassen, dass mein Buch im Winter erscheinen wird, das ich noch nicht den richtigen Mann gefunden habe, ja, schade, auch ich liebe Kinder, ich habe mir einen Künstlernamen angeeignet, weil ich die Phantasie meiner Leser anregen wollte, ich möchte mehr Zeit in meine Stiftung ‚Winterherz‘ investieren, ich habe damit sehr viele Projekte angestoßen, um Kindern aus benachteiligten Familien zu helfen. Dabei bin ich das einzige Kind, dem man helfen sollte.

 Ich bin das Kind, das sich so sehr nach Gesellschaft sehnt und dann nur die Einsamkeit bekommt. Diese verzweifelte Einsamkeit, wenn viele Menschen anwesend sind und man sie um Hilfe anbettelt, aber sie es nicht hören können und wenn man dann alleine ist, schreit man hinter dicken Wänden und draußen hört niemand das Jammern des Kindes. Nie hat das Kind erlebt, wie es ist, die Gesellschaft eines Menschen zu genießen, der dem Kind zuhört, es wahrnimmt, es schätzt und liebt und das dann alleine sein kann, ohne von seiner Angst und seinem Schmerz überflutet zu werden.

 

Nach vier Textsplittern breche ich meine ersten Schreibversuche ab. Ich bin nicht zufrieden mit den Ergebnissen. Folgende Selbstkritik drängt sich mir beim Lesen gerade der ersten Zwei Splitter auf: viel zu viel Pathos. Die Texte verlieren sich in hochtrabende Beschreibungen. Wenn ich die subjektive Sicht des Ich-Erzählers nutzen will, muss ich die Gedankengänge des Ich-Erzählers schildern. Außerdem spüre ich beim Schreiben ganz deutlich, dass es mir nicht leicht fällt, aus der Sicht einer Frau zu schreiben. Gerade der erste Textsplitter ist von einer männlichen Sachlichkeit getragen. Diesem Problem muss ich größere Aufmerksamkeit widmen. Im vierten Splitter komme ich der Sache näher. Ich bekomme ein Gefühl für Aletheas Gedankengänge. Auch merke ich, dass ich nicht linear schreiben darf. Wer aus der Erinnerung heraus seine Geschichte als Gedankengang schildert, wird nie linear beschreiben, sondern sobald seiner Erinnerung von irgendeinem äußeren Einfluss angeregt wird, taucht die passende Erinnerung auf. Das heißt nicht, dass ich die ersten Textsplitter einfach wegwerfen sollte. In Ihnen stecken wichtige Informationen über die Ich-Erzählerin. Die Menschen als Maden zu bezeichnen finde ich z.B. eine gelungene Idee.